Content

12.4 Umweltbezogene Revision der Sozialproduktberechnung? in:

Eberhard Feess, Andreas Seeliger

Umweltökonomie und Umweltpolitik, page 332 - 337

4. Edition 2013, ISBN print: 978-3-8006-4668-5, ISBN online: 978-3-8006-4365-3, https://doi.org/10.15358/9783800643653_332

Bibliographic information
Vahlen – Allg. Reihe – Feess/Seeliger, Umweltökonomie und Unweltpolitik, 4. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.09.2013 Status: Imprimatur Seite 323 12.4 Umweltbezogene Revision der Sozialproduktberechnung? 323 Diese Darstellung der Zahlungsbereitschaft als Funktion verschiedener Merkmale bezeichnet man als hedonische Preisfunktion. Wenn wir die hedonische Preisfunktion nun nach einem speziellen Merkmal ableiten, so erhalten wir theoretisch die marginale Zah lungsbereitschaft für dieses Merkmal. Praktisch geht es darum, aus verschiedenen Be obachtungsdaten über die Preise für Güter mit unterschiedlichen Merkmalen die Zah lungsbereitschaften für die interessierenden Merkmale zu isolieren, was selbstverständlich erhebliche Probleme bereitet. Auf diese Art kann man z.B. die Zahlungsbereitschaft für Ruhe aus dem Vergleich der Mietpreise für ähnliche Wohnungen mit unterschiedlichen Lärmbelästigungen schätzen. Insgesamt können wir als schlichtes Fazit von Abschnitt 12.3 festhalten, dass einerseits alle Verfahren zur Bewertung der Umweltqualität nicht befriedi gen können, dass andererseits aber auf Kosten-Nutzen- Analysen im Umweltbereich nicht verzichtet werden kann, wenn darüber entschieden wird, an welchen Stellen die knappen Mittel verwendet werden sollen. 12.4 Umweltbezogene Revision der Sozialproduktberechnung?47 Sozialproduktberechnungen verfolgen zwei Zielsetzungen: Die primäre Aufgabe besteht darin, eine Informationsgrundlage zur wirtschaftspolitischen Stabilisierung zu liefern. Steigt beispielsweise die Arbeitsproduktivität um 3 %, das Sozialprodukt aber nur um 2 %, so bedeutet dies, dass der Arbeitskräftebedarf um 1 % (nämlich die Differenz aus Wirt schaftswachstum und Produktivitätsfortschritt) abnimmt. Die Bestimmung von Wachs tumsraten des Sozialprodukts ist also wichtig, um wirtschaftspolitischen Handlungsbedarf zu signalisieren: Die Differenz aus Produktivitäts- und Sozialproduktswachstum zeigt an, dass mit Problemen auf dem Arbeitsmarkt zu rechnen ist. Diese Stabilisierungsfunktion der Sozialproduktberechnung impliziert zwangsläufig ein Schwergewicht auf Markttransaktionen, weil es beispielsweise für die Schätzung des Ar beitskräftebedarfes ganz gleichgültig ist, wie „sinnvoll“ die Tätigkeiten waren, die zur Wachstumsrate des Sozialprodukts geführt haben. Diese stabilisierungstheoretisch be gründete Betonung von Markttransaktionen führt dazu, dass nützliche wirtschaftliche Tätigkeiten wie Eigenleistungen der privaten Haushalte, schattenwirtschaftliche Aktivi täten und soziale Erträge (im umgekehrten Fall: negative externe Effekte), die keinen Marktpreis haben, nicht erfasst werden. Diese primäre, stabilisierungspolitisch begrün dete Zielsetzung der Sozialproduktberechnung kann in Konflikt mit der sekundären Ziel setzung geraten, die darin besteht, die Wohlstandsentwicklung einer Volkswirtschaft aus der Entwicklung der Wachstumsraten des Sozialprodukts abzulesen. Unter dem Wohlstandskriterium gibt es zweifellos wirtschaftliche Aktivitäten, die in der Sozialproduktberechnung unsachgemäß behandelt werden: neben der Inputbewertung staatlicher Leistungen, sowie der Verbuchung aller Leistungen des Staates und aller Ausgaben der privaten Haushalte als Käufe von Endprodukten stellt dabei die Behand lung von Umweltschutzkosten einen immer zentraleren Kritikpunkt dar.48 Am Beispiel der Umweltschutzkosten zeigt sich der Zielkonflikt zwischen den Kriteri- 47 Vgl. zur Berücksichtigung von Umweltaspekten in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung z.B. Cansier (1995), S. 129 ff. 48 Vgl. ausführlich z.B. Brümmerhoff/Grömling (2011), Kapitel 13. Vahlen – Allg. Reihe – Feess/Seeliger, Umweltökonomie und Unweltpolitik, 4. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.09.2013 Status: Imprimatur Seite 324 12 Kosten-Nutzen-Analyse324 en der Stabilisierungspolitik und der Wohlstandsbeschreibung sehr deutlich: Unter stabilisierungspoliti schen Gesichtspunkten ist die Buchung von Umweltschutzkosten als positivem Beitrag zum Sozialprodukt zwingend, da dadurch Arbeitskräfte und andere produktive Ressour cen gebunden werden. Unter Wohlfahrtsgesichtspunkten wird dagegen argumentiert, dass Umweltschutzkosten lediglich defensive Ausgaben zur Beseitigung der Schäden des Pro duktions prozesses darstellten und daher vom Sozialprodukt abgezogen werden müssten.49 Diesen Vorschlag wollen wir im Folgenden kurz diskutieren, wobei wir uns zunächst aus schließlich auf das Kriterium der Wohlstandsmessung beschränken. Halten wir als erstes fest, dass bestimmte Umweltschutzaktivitäten wie die Sanierung der Akropolis in Athen in der Tat lediglich dazu dienen, den ursprünglichen Umweltzustand wieder herzustellen – der Wohlstand mit Sanierung ist auch nicht höher als ohne Umweltverschmutzung, so dass man die Sanierung unter diesem Blickwinkel in der Tat vom Sozialprodukt abziehen müsste. Diesen Vorschlag nennen wir das Abzugsverfahren. Die entscheidende Schwäche des Abzugsverfahrens ist, dass Aufwendungen für den Umweltschutz in aller Regel nützlich sind und daher einen positiven Beitrag zur Wohlfahrt darstellen. Da die Zahlungsbereitschaft für Umweltgüter die Kosten des Umweltschutzes angesichts einer noch höchst unzureichenden Internalisierung externer Effekte deutlich übersteigt, ist die Konsumentenrente für Umweltgüter sogar höher als bei an deren Gütern, so dass der positive Wohlfahrtseffekt von Umweltschutzmaßnahmen sogar überdurchschnittlich hoch ist: Ein Euro im Umweltschutz erhöht die Konsumentenrente stärker als ein Euro in anderen Produktionszweigen. Unter diesem Gesichtspunkt scheint die Herausnahme der Umweltschutzkosten aus der Sozialproduktberechnung gerade un ter Wohlfahrtskriterien inadäquat. Denn dies würde dazu führen, dass die griechische Wohlfahrt mit Zerstörung und ohne Sanierung der Akropolis höher ausgewiesen werden würde als mit Zerstörung und mit Sanierung der Akropolis, was offenbar nicht im Sinne einer umweltbezogenen Sozialproduktberechnung liegen kann. Diese Überlegungen verdeutlichen, dass die Schwierigkeit darin besteht, dass die wohl standsrelevante Größe die Umweltqualität, also eine Bestandsgröße ist. Der Produktions prozess bewirkt eine Abschreibung der Bestandsgröße „Umweltkapital“, die von der natür lichen Regenerationsfähigkeit der Umwelt abgemildert werden kann. In unserem Beispiel entspricht die Abschreibung der Schädigung der Akropolis. Bei Umweltschutzaufwendun gen handelt es sich um Bruttoinvestitionen zur Aufrechterhaltung des Umweltkapitals, so dass die Nettoinvestition – die Veränderung des Umweltkapitals bzw. der Umweltqualität, also des Zustandes der Akropolis – positiv oder negativ sein kann. Theoretisch angemessen wäre demnach die Buchung jenes Teils der Umweltschutzkosten als wohlfahrtssteigernd, der über die Abschreibungen des Umweltkapitals hinausgeht, d.h. die Beschränkung auf die Nettoinvestitionen. Der adäquate Weg wäre also eine Ergänzung der Sozialproduktberechnung um eine Vermögensrechnung natürlicher Bestände. Eine solche Bestandsrechnung und ihre Verbindung mit Umweltschutzkosten erfordert allerdings eine monetäre Bewertung der gesamten Umweltqualität, so dass sie praktisch kaum durchführbar ist. Aus diesem Grund betrachten die Verfechter des Abzugsverfahrens ihren Vorschlag als eine pragmatische 49 Vgl. zu dieser Problematik ausführlich auch Leipert (1989); Leipert (1992). Vahlen – Allg. Reihe – Feess/Seeliger, Umweltökonomie und Unweltpolitik, 4. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.09.2013 Status: Imprimatur Seite 325 12.4 Umweltbezogene Revision der Sozialproduktberechnung? 325 Variante, bei der Umweltschutzausgaben vereinfachend als Bestandserhaltung definiert werden (Reinvestition in Umweltkapital), die man deshalb abziehen könne. Nach den durchgeführten Überlegungen ist aber klar, dass diese Methode nur dann zum richtigen Ergebnis führt, wenn Bruttoinvestitionen und Abschreibungen identisch sind. Der Sachverhalt, dass die Nettoinvestitionen die richtige Größe wären, verdeutlicht, unter welchen Umständen das traditionelle Verfahren oder das Abzugsverfahren zu besseren Ergebnissen führen: Das traditionelle Verfahren verbucht die Bruttoinvestitionen und betrachtet damit implizit diese als Indikator der Nettoinvestitionen. Das Abzugsverfahren zieht die Bruttoinvestitionen stets vom Sozialprodukt ab und geht damit immer von einer Nettoinvestition von Null aus. Ende der achtziger Jahre begann der Versuch, eine Umweltökonomische Gesamtrechnung zu entwickeln, die in Ergänzung zur Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung auch die Wirkungen einer Veränderung der Umweltqualität auf die Wohlfahrt dokumentie ren sollte. Ziel war die Ermittlung eines umweltkorrigierten Inlandsprodukts. Im Februar 1990 setzte der damalige Bundesminister für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (Klaus Töpfer) einen Beirat ,,Umweltökono mische Gesamtrechnungen“ ein, der in Zusam menarbeit mit dem Statistischen Bundesamt die Konzeption für eine Umwelt- ökonomische Gesamtrechnung erarbeiten sollte.50 Dieser Beirat ,,Umweltökonomische Gesamtrechnungen“ hat 2002 eine abschließende Stellungnahme zu den Umsetzungskonzepten des Statistischen Bundesamtes vorgelegt, in der der Beirat sich deutlich gegen eine einzelne monetäre Wohlfahrtskennziffer im Sinne eines Ökoinlandsprodukts ausspricht, da eine monetäre Bewertung der Umweltschäden sowie die Abschreibung des Naturvermögens wegen nicht vorhandener Preise nicht mög lich seien. An Stelle einer solchen Einheitsziffer propagiert der Beirat ein Berichtssystem, wel ches die Veränderungen der natürlichen Umwelt in Form von physischen Stromgrößen für die verschiedenen Bereiche der Umwelt differenziert abbildet. Diese Daten sollen dann die Grundlage für ökonomische und ökologische Analysen darstellen.51 Eine so konzipierte Umweltökonomische Gesamtrechnung wird jährlich vom Statistischen Bundesamt publiziert.52 So weisen die Umweltökonomischen Gesamtrechnungen des Statistischen Bun desamtes Daten für Material- und Energieflüsse (Wassereinsatz, Rohstoff- und Materialeinsatz, Energieverbrauch, Treibhausgase, Kohlendioxid, Luftschadstoffe, Abwasser, Abfall) sowie für die Flächennutzung aus. Kritisiert wird dieser Ansatz beispielsweise von einer Arbeitsgruppe des Wupperta ler Instituts für Klima, Umwelt, Energie53, die ein vollständig integriertes System für die Umweltökonomische Gesamtrechnung vorzieht und auch einen Entwurf dafür liefern. So wird in dieser Studie auf den ursprünglich (1993) vollständig integrierten SEEA54 Ansatz der Vereinten Nationen verwiesen, der erst in der neueren revidierten Fassung ,,weniger beherzt … eine derartige Integration nur als kontroverse Option für die Be- 50 Vgl. Beirat Umweltökonomische Gesamtrechnungen (Hrsg.) (2002), S. 19. 51 Dieses System wird auch als Satellitensystem (zur Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung) zur Er fassung der Interdependenzen zwischen Umwelt und Wirtschaft beschrieben. 52 Vgl. Statistisches Bundesamt (Hrsg.) (2012). 53 Vgl. Bartelmus/Albert/Tschochohei (2003). 54 SEEA: System for Integrated Environmental and Economic Accounting. Vahlen – Allg. Reihe – Feess/Seeliger, Umweltökonomie und Unweltpolitik, 4. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.09.2013 Status: Imprimatur Seite 326 12 Kosten-Nutzen-Analyse326 rechnung von modifizierten Indikatoren“55 beschriebe, auf den sich auch das Statistische Bundesamt berufe. Das vom Beirat ,,Um welt ökonomische Gesamtrechnungen“ und Statistischen Bundesamt vorgeschlagene Konzept der Umweltökonomischen Gesamtrechnung stelle keine Integration mit der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung dar. Der von der Wuppertaler Arbeitsgruppe vorgeschlagene Entwurf einer integrierten Umweltökonomischen Gesamtrechnung verfolgt eine vollständige monetäre Bewertung der Umweltschäden und weist diese für 1990 mit 59,2 Mrd. DM oder 3 % des Nettoinlandsprodukts (NIP) und für 1995 mit 75,9 Mrd. DM oder 2,9 % des NIP aus. Als Ökoinlandsprodukt wird dann die Differenz aus Nettoinlandsprodukt und Umweltkosten ausgewiesen.56 International wird das Projekt unter dem Begriff „Green GDP“57 u.a. auch von den Vereinten Nationen verfolgt. Allgemein wird hierunter überwiegend die Ermittlung einer einheitlichen Größe als Ökoinlandsprodukt verstanden. Auch die aktuelle Enquete-Kommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ des Deutschen Bundestages bemühte sich, Alternativen zur traditionellen Wohlfahrtsmessung über das BIP zu erarbeiten.58 Die Kommission kommt zu der Empfehlung, dass zukünftig ein System verschiedener Indikatoren verwendet werden sollte.59 Diese Indikatoren beziehen sich auf die Bereiche „Materieller Wohlstand“, „Soziale Teilhabe“ und „Ökologie“. Insgesamt werden zehn „Leitindikatoren“ (von denen das BIP/Kopf einer ist), neun sog. „Warnlampen“ sowie eine „Hinweislampe“ vorgeschlagen. Aus dem Bereich der Ökologie sind dies die Leitindikatoren „Deutsche Treibhausgasemissionen“, „Deutsche Rate des Biodiversitätsverlusts“ sowie die „Deutsche Stickstoffbilanz“. Die ökologischen Warnlampen sind die jeweiligen internationalen Werte der drei für Deutschland ermittelten Indikatoren.60 Neben der enormen Komplexität (und damit vermutlich in der Praxis kaum vorhandenen Verwertbarkeit) und der teilweise fragwürdigen Indikatorenwahl61 hat der Vorschlag den grundlegenden Mangel, dass er zur Beantwortung der in diesem Kapitel diskutierten Fragestellungen der quantitativen und monetären Messung von Kosten und Nutzen des Umweltschutzes ungeeignet ist. Obwohl alle Konzepte Schwächen aufweisen und es gute Argumente und Gegenargumente gibt, favorisieren die Verfasser die traditionelle Sozialproduktberechnung. Der Grund lässt sich einfach am Vergleich von zwei Ländern A und B illus trieren, deren Pro duktion die gleichen Umweltschäden verursacht. Beseitigt Land A die Umweltschäden und Land B nicht, so führt das Abzugskonzept – sofern die Ressourcen in Land B an derweitig eingesetzt werden – zu einer höheren Wohlfahrt in Land B, obwohl mit guten Argumenten davon ausgegangen werden kann, dass der Nutzen von Umweltschutzinve stitionen größer ist als der Nutzen gewöhnlicher Investitionen. Die Schwierigkeit ist also, dass das Land, das auf die Sanierung von Umweltschäden ver- 55 Bartelmus/Albert/Tschochohei (2003), S. 11. 56 Vgl. Bartelmus/Albert/Tschochohei (2003), S. 28–30. 57 Green GDP: Green Gross Domestic Product (Grünes Bruttoinlandsprodukt). 58 Siehe Enquete-Kommission (2013). 59 Ein ähnliches System der „Sozialen Indikatoren“ wird bereits von der OECD eingesetzt. Vgl. OECD (2011). 60 Siehe Enquete-Kommission (2013), S. 298 ff. 61 Bereits der oben zitierte (ca. 1000 seitige) Abschlussbericht enthält über 20 Sondervoten, von denen sich zwei direkt auf die Auswahl der Leitindikatoren zur Ökologie beziehen. Vahlen – Allg. Reihe – Feess/Seeliger, Umweltökonomie und Unweltpolitik, 4. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.09.2013 Status: Imprimatur Seite 327 12.4 Umweltbezogene Revision der Sozialproduktberechnung? 327 zichtet, beim Abzugsverfahren ceteris paribus die höhere Wohlfahrt aufweist, was auch unter (umwelt-)politischen Gesichtspunkten nicht erwünscht sein kann. Wenn wir nun zusätzlich die Problematik des Zielkonflikts mit der primären Auf gabe der Sozialproduktberechnung – der Stabilisierungsfunktion – berücksichtigen, so kann eine Modifikation der Sozialproduktberechnung sicher mit guten Gründen abge lehnt werden. Eine umfassende Reform der Sozialproduktberechnung wird heute daher übereinstimmend abgelehnt, weil die aktuellen Berechnungsmethoden den Anforderungen des im Vordergrund stehenden Stabilisierungsaspektes entsprechen62 und es nicht möglich ist, konkurrierenden Zielsetzungen bei der Berechnung des Sozialprodukts simultan nachzukommen. Die Verwendung unterschiedlicher Sozialproduktsabgrenzungen für un terschiedliche Fragestellungen scheint ebenfalls ausgeschlossen, da der gleiche Name für verschiedene Größen verwirrend wäre. Folgerichtig hat sich das Statistische Bundesamt dazu entschlossen, neben der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung eine Umweltökono mische Gesamtrechnung einzurichten, die teilweise lediglich Mengengrößen, andererseits aber auch monetäre Daten enthält, die nach Möglichkeit mit der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung verknüpft werden sollen. 62 Vgl. Stahmer (1987), S. 121. Zur Interpretation von VGR und Umweltökonomischer Gesamtrechnung vgl. Hamer/Stahmer (1992). Vahlen – Allg. Reihe – Feess/Seeliger, Umweltökonomie und Unweltpolitik, 4. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.09.2013 Status: Imprimatur Seite 329 13 Ressourcenökonomie 13.1 Grundgedanken und Überblick Mit der Ressourcenökonomie skizzieren wir ein zweites Standbein der Umweltökonomie, das sich primär nicht mit den negativen externen Effekten der Ressourcennutzung, sondern mit dem (wohlfahrtsoptimalen) Abbau endlicher Ressourcen beschäftigt. Am deutlichsten kann man sich den Unterschied, aber auch den Zusammenhang zwischen der Theorie externer Effekte und der Ressourcenökonomie am Beispiel des Energieverbrauchs klarmachen: Während sich die Ressourcenökonomie mit der Frage beschäftigt, wie lange unsere natürlichen Energieträger wie Erdöl und Erdgas noch ausreichen (bzw. theoretischer: wie ein optimaler Abbaupfad für die Energieträger aussieht), zielt die Theorie externer Effekte auf die mit dem Energieverbrauch verbundenen Schadstoffbelastungen. In beiden Fällen handelt es sich um ein Knappheitsproblem – in der Ressourcenökonomie um die Knappheit der Energieträger selbst, in der Theorie externer Effekte um die Knappheit der Luft als Aufnahmemedium für Emissionen. Letztlich sind die beiden Fragestellungen in vielen praktischen Beispielen untrennbar miteinander verbunden, weil es ja gerade der Abbau bzw. die Nutzung der Energieträger ist, die die negativen externen Effekte erzeugt. Das einfachste Grundmodell der Ressourcenökonomie wurde schon 1931 von Harold Hotelling entwickelt und sieht von ,,Komplikationen“ wie der Entstehung negativer externer Effekte durch die Ressourcennutzung ab. Gefragt wird erstens, wie sich die Optimalitätsbedingungen für den optimalen, intertemporalen Abbau natürlicher Ressourcen von den Optimalitätsbedingungen bei beliebig reproduzierbaren Gütern unterscheiden. Zweitens wird untersucht, ob vollständige Konkurrenzmärkte analog zu ,,gewöhnlichen Gütern“ auch bei endlichen Ressourcen dazu in der Lage sind, die intertemporale Knappheit der Ressourcen in den Marktpreisen abzubilden und dadurch für eine optimale Ressourcenallokation zu sorgen. Die Antworten auf diese beiden Fragen werden wir im Folgenden in möglichst einfacher Weise erläutern.1 Schon einleitend sei vorweggenommen, dass die Ressourcenökonomie in der Tat zu dem Ergebnis kommt, dass vollständige Märkte dazu in der Lage sind, eine optimale in tertemporale Allokation der Ressourcen zu gewährleisten. Daraus sollte allerdings 1 Als einschlägige Lehrbücher zur Ressourcenökonomie können z.B. Dasgupta/Heal (1979), Sie bert (1983), Ströbele (1987), Wacker/Blank (1999) und Endres/Querner (2000) empfohlen werden. Endres/Querner (2000) sind dabei vor allem solchen Leser/innen zu empfehlen, die sich tiefer in die hier erläuterten Fragestel lungen einarbeiten wollen, ohne sich der Mühe der Aneignung formaler Kenntnisse über die dynamische Optimierung zu unterziehen. Einen gelungenen, aktuellen kürzeren Überblick findet man bei Endres/Pachomova/Richter (2004). Lehrbuchcharakter hat auch Hampicke (1992), der über die gängige Litera tur aber dadurch hinausgeht, dass er die zugrundeliegenden Prämissen – vor allem die Diskontierung, die eine Minderschätzung des Konsums künftiger Generationen impliziert – sehr kritisch beurteilt und sich auf die im Rahmen der neoklassischen Ressourcenökonomie entstehenden konzeptionellen Probleme konzentriert.

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Umweltökonomie – neue Aspekte

Die rasanten Entwicklungen in der Umweltpolitik in den vergangenen Jahren führten zu umfangreichen Anpassungen in diesem beliebten Lehrbuch, die insbesondere die anwendungsorientierten Abschnitte betreffen. Hier wurden vor allem die Kapitel über die Umweltinstrumente (Auflagen, Steuern, Zertifikate), die Kosten-Nutzen-Analyse sowie die internationalen Umweltaspekte (bspw. Klimakonferenzen) grundlegend aktualisiert. Darüber hinaus enthält das Kapitel zur Ressourcenökonomie nun ebenfalls eine anwendungsbezogene Diskussion.

Umweltökonomie – die Schwerpunkte

- Spieltheoretische Grundlagen

- Theorie externer Effekte

- Auflagen

- Steuern und Abgaben

- Zertifikate

- Verhandlungslösungen

- Umwelthaftung

- Umwelttechnischer Fortschritt

- Internationale Aspekte des Umweltproblems

- Umweltpolitik bei asymmetrischer Informationsverteilung

- Kosten-Nutzen-Analyse

- Ressourcenökonomie

Zielgruppe

Studierende der Volks- und Betriebswirtschaftslehre an Universitäten und Hochschulen sowie interessierte Praktiker in Wirtschaft, Politik und Verwaltung

Prof. Dr. Eberhard Feess ist seit 2008 Professor für Managerial Economics an der Frankfurt School of Finance and Management. Zuvor hatte er Lehrstühle an der EBS, der Johann Wolfgang Goethe Universität Frankfurt und der RWTH Aachen.

Prof. Dr. Andreas Seeliger lehrt seit 2011 Volks- und Energiewirtschaftslehre an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Mosbach. Zuvor war er bei Frontier Economics, der Trianel European Energy Trading sowie dem Energiewirtschaftlichen Institut an der Universität zu Köln beschäftigt.