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12.3.6 Indirekte Methoden der Präferenzermittlung am Beispiel des Konzepts der hedonischen Preise in:

Eberhard Feess, Andreas Seeliger

Umweltökonomie und Umweltpolitik, page 331 - 332

4. Edition 2013, ISBN print: 978-3-8006-4668-5, ISBN online: 978-3-8006-4365-3, https://doi.org/10.15358/9783800643653_331

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Vahlen – Allg. Reihe – Feess/Seeliger, Umweltökonomie und Unweltpolitik, 4. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.09.2013 Status: Imprimatur Seite 322 12 Kosten-Nutzen-Analyse322 Die Zusatzinformationen der Punkte 2–5 sollten eine bessere Interpretation der monetären Angaben der Befragten ermöglichen. Aus den gewonnenen Daten wurde die durch schnittliche Zahlungsbereitschaft je Haushalt und Monat für eine „ideale“ Situation in al len Umweltbereichen berechnet. Bei der Darstellung dieser Zahlungsbereitschaften wurde in einem weiteren Schritt eine Korrektur der Zahlen aufgrund der Annahmen vorgenom men, dass • weniger gut informierte Bürger geringere Beträge für Verbesserungen angegeben haben, als dies bei einem höheren Informationsstand der Fall gewesen wäre • und untere Einkommensschichten geringere Beträge für Verbesserungen der Umweltbedingungen angegeben haben, als dies bei größeren Budgets der Fall gewesen wäre. Diese Korrekturen sind selbstverständlich problematisch, weil der Informationsstand und die Einkommen ja reale Restriktionen sind. Unter Berücksichtigung dieser beiden Korrekturen ergab sich, dass die durchschnittliche Zahlungsbereitschaft des Haushalts im Monat 294  DM beträgt. Hochgerechnet auf alle Haushalte der Bundesrepublik Deutsch land folgt daraus eine jährliche Zahlungsbereitschaft von 94,4 Mrd. DM. Es muss al lerdings befürchtet werden, dass dieser Betrag die wirkliche Zahlungsbereitschaft über schätzt, weil immer die Gefahr besteht, dass sozial erwünschte Angaben gemacht werden. So behaupteten 77,2 % der Befragten, dass der Nutzen anderer Menschen ein wesentlicher Einflussfaktor ihres eigenen Nutzens sei. Ob diese Haltung angesichts der großräumigen Umweltprobleme auch zu konkreten Verhaltensänderungen führt, scheint zumindest frag lich. 12.3.6 Indirekte Methoden der Präferenzermittlung am Beispiel des Konzepts der hedonischen Preise44 Neben der direkten Messung spielt auch die indirekte Messung aus der Analyse von Marktdaten eine Rolle bei der Ermittlung von Zahlungsbereitschaften. Eine spezielle Form dieser Methode ist das Konzept der hedonischen Preise, das im Folgenden kurz vorgestellt werden soll. Daneben gibt es zahlreiche andere Ausprägungen der indirekten Präferenzermittlung wie die Marktpreis- und die Aufwandsmethode, die sich in der Grundkonzeption jedoch stark ähneln.45 Um die Geduld geneigter Leser/innen nicht noch weiter zu strapazieren, beschränken wir uns daher auf das Konzept hedonischer Preise. Dieses geht davon aus, dass Zahlungsbereitschaften für Güter in verschiedene Gütereigenschaften zerlegt werden können.46 Betrachten wir als Beispiel die Zahlungsbereitschaft für Häuser und Wohnungen. Die Zahlungsbereitschaft für eine Wohnung setzt sich aus mehreren Merkmalen wie dem Alter des Gebäudes, der Größe der Wohnung und der Qualität des Wohnungsumfeldes zusammen. Die gesamte Zahlungsbereitschaft (d.h. der Nachfragepreis) P(W) für die Wohnung kann demnach als Funktion der Zahlungsbereit schaften für die einzelnen Merkmale Mi dargestellt werden: 1 2 3( ) ( )nP W P M M M M= , , , , (12.8) 44 Vgl. zum Folgenden z.B. BMU (1991b). 45 Einen allgemeinen Überblick gibt bspw. Blankart (2011), Kapitel 21.D. 46 Dies entspricht dem Lancaster-Ansatz in der Mikroökonomie. Vahlen – Allg. Reihe – Feess/Seeliger, Umweltökonomie und Unweltpolitik, 4. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.09.2013 Status: Imprimatur Seite 323 12.4 Umweltbezogene Revision der Sozialproduktberechnung? 323 Diese Darstellung der Zahlungsbereitschaft als Funktion verschiedener Merkmale bezeichnet man als hedonische Preisfunktion. Wenn wir die hedonische Preisfunktion nun nach einem speziellen Merkmal ableiten, so erhalten wir theoretisch die marginale Zah lungsbereitschaft für dieses Merkmal. Praktisch geht es darum, aus verschiedenen Be obachtungsdaten über die Preise für Güter mit unterschiedlichen Merkmalen die Zah lungsbereitschaften für die interessierenden Merkmale zu isolieren, was selbstverständlich erhebliche Probleme bereitet. Auf diese Art kann man z.B. die Zahlungsbereitschaft für Ruhe aus dem Vergleich der Mietpreise für ähnliche Wohnungen mit unterschiedlichen Lärmbelästigungen schätzen. Insgesamt können wir als schlichtes Fazit von Abschnitt 12.3 festhalten, dass einerseits alle Verfahren zur Bewertung der Umweltqualität nicht befriedi gen können, dass andererseits aber auf Kosten-Nutzen- Analysen im Umweltbereich nicht verzichtet werden kann, wenn darüber entschieden wird, an welchen Stellen die knappen Mittel verwendet werden sollen. 12.4 Umweltbezogene Revision der Sozialproduktberechnung?47 Sozialproduktberechnungen verfolgen zwei Zielsetzungen: Die primäre Aufgabe besteht darin, eine Informationsgrundlage zur wirtschaftspolitischen Stabilisierung zu liefern. Steigt beispielsweise die Arbeitsproduktivität um 3 %, das Sozialprodukt aber nur um 2 %, so bedeutet dies, dass der Arbeitskräftebedarf um 1 % (nämlich die Differenz aus Wirt schaftswachstum und Produktivitätsfortschritt) abnimmt. Die Bestimmung von Wachs tumsraten des Sozialprodukts ist also wichtig, um wirtschaftspolitischen Handlungsbedarf zu signalisieren: Die Differenz aus Produktivitäts- und Sozialproduktswachstum zeigt an, dass mit Problemen auf dem Arbeitsmarkt zu rechnen ist. Diese Stabilisierungsfunktion der Sozialproduktberechnung impliziert zwangsläufig ein Schwergewicht auf Markttransaktionen, weil es beispielsweise für die Schätzung des Ar beitskräftebedarfes ganz gleichgültig ist, wie „sinnvoll“ die Tätigkeiten waren, die zur Wachstumsrate des Sozialprodukts geführt haben. Diese stabilisierungstheoretisch be gründete Betonung von Markttransaktionen führt dazu, dass nützliche wirtschaftliche Tätigkeiten wie Eigenleistungen der privaten Haushalte, schattenwirtschaftliche Aktivi täten und soziale Erträge (im umgekehrten Fall: negative externe Effekte), die keinen Marktpreis haben, nicht erfasst werden. Diese primäre, stabilisierungspolitisch begrün dete Zielsetzung der Sozialproduktberechnung kann in Konflikt mit der sekundären Ziel setzung geraten, die darin besteht, die Wohlstandsentwicklung einer Volkswirtschaft aus der Entwicklung der Wachstumsraten des Sozialprodukts abzulesen. Unter dem Wohlstandskriterium gibt es zweifellos wirtschaftliche Aktivitäten, die in der Sozialproduktberechnung unsachgemäß behandelt werden: neben der Inputbewertung staatlicher Leistungen, sowie der Verbuchung aller Leistungen des Staates und aller Ausgaben der privaten Haushalte als Käufe von Endprodukten stellt dabei die Behand lung von Umweltschutzkosten einen immer zentraleren Kritikpunkt dar.48 Am Beispiel der Umweltschutzkosten zeigt sich der Zielkonflikt zwischen den Kriteri- 47 Vgl. zur Berücksichtigung von Umweltaspekten in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung z.B. Cansier (1995), S. 129 ff. 48 Vgl. ausführlich z.B. Brümmerhoff/Grömling (2011), Kapitel 13.

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References

Zusammenfassung

Umweltökonomie – neue Aspekte

Die rasanten Entwicklungen in der Umweltpolitik in den vergangenen Jahren führten zu umfangreichen Anpassungen in diesem beliebten Lehrbuch, die insbesondere die anwendungsorientierten Abschnitte betreffen. Hier wurden vor allem die Kapitel über die Umweltinstrumente (Auflagen, Steuern, Zertifikate), die Kosten-Nutzen-Analyse sowie die internationalen Umweltaspekte (bspw. Klimakonferenzen) grundlegend aktualisiert. Darüber hinaus enthält das Kapitel zur Ressourcenökonomie nun ebenfalls eine anwendungsbezogene Diskussion.

Umweltökonomie – die Schwerpunkte

- Spieltheoretische Grundlagen

- Theorie externer Effekte

- Auflagen

- Steuern und Abgaben

- Zertifikate

- Verhandlungslösungen

- Umwelthaftung

- Umwelttechnischer Fortschritt

- Internationale Aspekte des Umweltproblems

- Umweltpolitik bei asymmetrischer Informationsverteilung

- Kosten-Nutzen-Analyse

- Ressourcenökonomie

Zielgruppe

Studierende der Volks- und Betriebswirtschaftslehre an Universitäten und Hochschulen sowie interessierte Praktiker in Wirtschaft, Politik und Verwaltung

Prof. Dr. Eberhard Feess ist seit 2008 Professor für Managerial Economics an der Frankfurt School of Finance and Management. Zuvor hatte er Lehrstühle an der EBS, der Johann Wolfgang Goethe Universität Frankfurt und der RWTH Aachen.

Prof. Dr. Andreas Seeliger lehrt seit 2011 Volks- und Energiewirtschaftslehre an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Mosbach. Zuvor war er bei Frontier Economics, der Trianel European Energy Trading sowie dem Energiewirtschaftlichen Institut an der Universität zu Köln beschäftigt.