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10.4.6 Zusammenfassende Schlussfolgerungen: Protektionisti sche Maßnahmen gegen Öko-Dumping? in:

Eberhard Feess, Andreas Seeliger

Umweltökonomie und Umweltpolitik, page 264 - 269

4. Edition 2013, ISBN print: 978-3-8006-4668-5, ISBN online: 978-3-8006-4365-3, https://doi.org/10.15358/9783800643653_264

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Vahlen – Allg. Reihe – Feess/Seeliger, Umweltökonomie und Unweltpolitik, 4. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.09.2013 Status: Imprimatur Seite 254 10 Internationale Aspekte des Umweltproblems254 dass die gewinnmaximale Emissionsintensität sinkt. Dies macht das Unternehmen aggressiver, was gewünscht ist; • zweitens steigen aber auch die Kosten bei gegebener Emissionsintensität, was das Unternehmen weniger aggressiv macht und daher unerwünscht ist. Zwar kann Ulph unter leicht restriktiven Annahmen Resultate ableiten, doch machen die Überlegungen deutlich, dass allgemeine Schlussfolgerungen noch schwieriger werden, wenn wir strategische Anreize auf der Ebene der Technologiewahl mitberücksichtigen. Wenn Sie sich an Kapitel 9 erinnern, so können Sie sich leicht klarmachen, dass sich dabei vor allem noch die Varianten mit und ohne Patentschutz unterscheiden lassen. Im gerade beschriebenen Modell sind die Innovationen grundsätzlich unabhängig voneinander (non -tournament-Wettbewerb), so dass weder Patentschutz noch spillover-Effekte einbezogen werden. Die strategischen Effekte kommen also durch die Auswirkungen der Innovation auf den Gütermarktwettbewerb zustande. Ulph betrachtet ferner eine Modellvariante mit Patentschutz, in der sich analog zur allgemeinen Literatur über Innovationen strategische Überinvestitionsanreize ergeben, die nur im Rahmen einer kooperativen Umweltpolitik überwunden werden können. 10.4.6 Zusammenfassende Schlussfolgerungen: Protektionisti sche Maßnahmen gegen Öko-Dumping? Ausgangspunkt unserer Überlegungen in Abschnitt 10.4 waren die vor allem in den USA erhobenen Forderungen, protektionistische Maßnahmen gegen Öko-Dumping zuzulassen. Diese Forderung setzt an der Kritik des Ursprungslandprinzips des GATT an, das al len beteiligten Ländern ermöglicht, ihre Produktionsstandards (und somit den Grad der Internalisierung externer Effekte) selbst zu wählen. Der große Vorteil des Ursprungs landprinzips ist es, dass es konsequent den Sachverhalt berücksichtigt, dass die pareto effizienten nationalen Umweltstandards unterschiedlich sind und damit den naiven For derungen nach einer internationalen Vereinheitlichung der Umweltpolitik eine Absage er teilt. Niedrigere Umweltstandards in Entwicklungsländern können keineswegs umstandslos als Öko-Dumping bezeichnet werden. Auf der anderen Seite zeigten unsere Überlegungen zu international unvollständiger Konkurrenz aber, dass es neben dem schon länger bekannten Problem grenzüberschreitender Schadstoffe auch noch einen zweiten Grund gibt, externe Effekte unzureichend zu internalisieren und in diesem Sinne Öko-Dumping durchzuführen. Eine zusammenfassende Beurteilung ist daher schwierig, so dass wir an dieser Stelle lediglich noch mal auf zwei, drei unter empirischen und praktischen Gesichtspunkten wichtige Aspekte hinweisen können.77 Unter empirischen Gesichtspunkten stellt sich zunächst die Frage, welche Bedeutung unterschiedliche Umweltstandards für die internationale Wettbewerbsfähigkeit eigentlich spielen. Dabei verwundert es nicht, dass es angesichts unterschiedlicher Sozialstandards auf der einen, aber auch unterschiedlicher Infrastrukturleistungen und Produktivitäten auf der anderen Seite schwer fällt, den Faktor „Umweltschutz“ statistisch zu isolieren. 77 De Santis/Stähler (2004) kommen in ihrem Modell zu dem Ergebnis, dass ausländische Direktinve stitionen keine Anreize für Öko-Dumping liefern. Vahlen – Allg. Reihe – Feess/Seeliger, Umweltökonomie und Unweltpolitik, 4. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.09.2013 Status: Imprimatur Seite 255 10.4 Öko-Dumping und strategische Handelspolitik 255 So kann beispielsweise schwer festgestellt werden, in welchem Ausmaß die verminderte Wett bewerbsfähigkeit in Branchen wie der Elektrizitätswirtschaft, der Chemischen Industrie, der Mineralölindustrie und der Textilindustrie in der Bundesrepublik Deutschland auf unterschiedliche Umweltstandards oder auf andere Faktoren (vor allem unterschiedliche Löhne) zurückzuführen ist. Interessant sind allerdings Studien, in denen gezeigt wird, dass Länder mit besonders niedrigem Einkommensniveau (also Entwicklungsländer) in emissionsintensiven Produktionsprozessen deutlich überdurchschnittliche Wachstumsra ten zu verzeichnen haben.78 Ein wichtiger Aspekt besteht nun aber darin, dass die Auswirkungen unterschiedlicher Umweltstandards auf einzelne Branchen in unserem Zusammenhang eher uninteressant sind. Da der „Produktionsfaktor Umwelt“ aus den mehrfach erläuterten Gründen bei spielsweise in der Bundesrepublik Deutschland besonders knapp ist, bedeutet der Rück gang der Beschäftigung in umweltsensiblen Branchen für sich genommen lediglich einen Strukturwandel, der zwar kurzfristig Kosten durch die Stilllegung von Kapazitäten verur sacht, langfristig aber nur die unterschiedliche Knappheit von Produktionsfaktoren zum Ausdruck bringt. Wichtiger sind daher die gesamtwirtschaftlichen Auswirkungen der Um weltpolitik. Diese werden in der Mehrzahl der Studien bis Anfang der neunziger Jahre eher gering eingeschätzt.79 So kommt beispielsweise das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) in einer allerdings schon einige Jahre zurückliegenden Studie zu dem Ergebnis, dass umweltpolitische Einflüsse auf die gesamtwirtschaftliche Produktivität und das Wachstum statistisch kaum nachweisbar sind.80 Auch die zahlreichen, im Rahmen der Diskussion um den europäischen Binnenmarkt durchgeführten, allgemeiner orientierten Studien über den „Industriestandort Deutschland“ ergeben, dass die strengeren Umweltschutzbestimmungen lediglich ein Faktor unter vielen sind, der nur für bestimmte Industriezweige problematisch ist. Trotz zahlreicher Detailunterschiede werden die Vorteile (Infrastruktur, politische Stabilität, Qualifikati on) übereinstimmend höher gewichtet als die Nachteile (Löhne, Steuern, Umweltschutz bestimmungen).81 Anfang der 1990er Jahre expandierten deutsche Unternehmen sehr stark ins Ausland, während im Gegenzug die ausländischen Direktinvestitionen in der Bundesrepublik stagnierten bzw. phasenweise sogar rückläufig waren. Die Ursachen hierfür waren vor allem die Öffnung der osteuropäischen Länder bzw. etwas später Chinas sowie weiterer Schwellenländer. Welche Rolle neben hohen Steuern Löhnen und Sozialversicherungen Umweltschutzanforderungen dabei spielten, ist strittig. In der Zwischenzeit haben zahlreiche Reformen im Steuer- und Arbeitsmarktbereich den deutschen Markt für ausländische Investoren offenbar so attraktiv gemacht, dass der weiter zunehmende Umweltschutz „toleriert“ werden kann. Wichtig ist in diesem Zusammenhang allerdings auch die hohe Stabilität Deutschlands während der Finanzkrise. So sind in den letzten Jahren die Direktinvestitionen stark gestiegen, was auch für andere Kenngrößen wie 78 Vgl. z.B. Hettige/Lucas/Wheeler (1992). 79 Vgl. für einen Überblick Meißner/Gräber-Seißinger (1992). 80 Für einen vergleichenden Überblick über unterschiedliche Studien zu den Auswirkungen der Um weltpolitik auf die internationale Konkurrenzfähigkeit vgl. Rauscher (1997). 81 Vgl. z.B. Biedenkopf/Miegel (1989); Dierkes/Zimmermann (1990); Giersch (1991). Vahlen – Allg. Reihe – Feess/Seeliger, Umweltökonomie und Unweltpolitik, 4. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.09.2013 Status: Imprimatur Seite 256 10 Internationale Aspekte des Umweltproblems256 die Zahl ausländischer Unternehmen in Deutschland bzw. durch diese Unternehmen geschaffene Arbeitsplätze gilt.82 Lassen Sie uns die Unterscheidung zwischen sektoralen und gesamtwirtschaftlichen Auswirkungen nun etwas theoretischer analysieren. Vernachlässigen wir zunächst die Faktormobilität und gehen wir davon aus, dass Wechselkursmechanismen in einem über schaubaren Zeitraum für Kaufkraftparität sorgen. Dies kann man sich am einfachsten mit flexiblen Wechselkursen vorstellen: Nehmen wir an, dass die Kosten in Land I aufgrund schärferer Umweltschutzbestimmungen steigen und die Unternehmen die höheren Kosten auf die Preise überwälzen. Bei gegebenen Preisen in Land A führt dies dazu, dass die Nach frage nach den Produkten aus Land I ab- und die nach Produkten aus Land A zunimmt. Dies impliziert auch eine zunehmende Nachfrage nach der Währung aus Land A, so dass die Währung A auf- und die Währung I abgewertet wird. Dieser Prozess kommt zum Stillstand, wenn die Handelsbilanz von Land I und A ausgeglichen ist. Der Wechselkurs mechanismus sorgt also dafür, dass die internationale Konkurrenzfähigkeit unabhängig von den absoluten Produktionskosten der einzelnen Länder ist.83 Dies ist die Kernaussage des sog. „Theorems der komparativen Kosten“ aus der realen Außenhandelstheorie: Die Faszination von Wechselkursmechanismen liegt darin, dass höhere Kosten nicht gleichzei tig die internationale Wettbewerbsfähigkeit aller inländischen Unternehmen schwächen können: Steigen beispielsweise die Umweltschutzkosten in Land I, so erhöht sich bei Gül tigkeit des Theorems komparativer Kosten die internationale Konkurrenzfähigkeit der Unternehmen in Land I, die – gemessen am Durchschnitt des Landes I – relativ niedri ge Umweltschutz kosten haben. Unterschiedliche Umweltstandards können bei Gültigkeit des Theorems der komparativen Kosten daher nur zum Strukturwandel, aber wegen des Schutzes durch unterschiedliche Währungen langfristig nie zur Schwächung der gesamten Wettbewerbsfähigkeit führen. Die Problematik dieser Argumentation ist aber, dass das Theorem komparativer Kosten Faktorwanderungen (d.h. den Export von Arbeit und Kapital) nicht einbezieht. Las sen Sie uns nun also überlegen, wie sich die Resultate verändern können, wenn die hohe internationale Mobilität des „Faktors Kapital“ berücksichtigt wird.84 Stellen Sie sich vor, dass im Land I bei gegebener Produktivität mit einem bestimmten Einsatz von Arbeit und Kapital ein bestimmtes Sozialprodukt erzeugt wird. Jede Einheit des Sozialprodukts kann offenbar zu drei Zwecken genutzt werden: Sie kann in Form von Lohneinkommen ausbezahlt werden, sie kann in Form von Zinseinkommen an die Kapitaleigner gehen oder sie kann für Umweltschutz ausgegeben werden. Dies bedeutet, dass die Kapitalver zinsung bei gegebener Produktivität und gegebenen Löhnen umso höher 82 Diese Daten finden sich regelmäßig aktualisiert in den Monatsberichten der Deutschen Bundesbank sowie den Jahresstatistiken der OECD. Eine umfangreiche Studie mit aktuellen Einschätzungen zum „Standort Deutschland“ ist Ernst & Young (2012). 83 Bei fixen Wechselkursen unterliegt die schwache Währung einem ständigen Abwertungsdruck, der irgendwann durch die regulierenden Notenbanken nicht mehr aufgefangen werden kann. Offizielle Abwer tungen sind dann unvermeidbar, wie die Spannungen im EWS von 1992/93 eindrucksvoll belegten. Denn im September 1992 schieden zwei Währungen, das englische Pfund und die italienische Lira, ganz aus dem EWS aus und wurden an den Devisenmärkten anschlie- ßend kräftig abgewertet. Im Mai 1993 wurden mit der spanischen Peseta und dem portugiesischen Escudo zwei weitere Währungen aus Ländern mit hohen Inflationsraten stark abgewertet. 84 Für einen Überblick über theoretische Analysen des Zusammenhangs von Umweltpolitik und Kapi talwanderung vgl. Rauscher (1997). Vahlen – Allg. Reihe – Feess/Seeliger, Umweltökonomie und Unweltpolitik, 4. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.09.2013 Status: Imprimatur Seite 257 10.4 Öko-Dumping und strategische Handelspolitik 257 ist, je geringer die Umweltstandards sind. Ceteris paribus lassen sich also in Ländern mit niedrigeren Umweltstandards höhere Kapitalverzinsungen erzielen. Da der „Faktor Kapital“ ange sichts der Liberalisierung der Kapitalmärkte wesentlich mobiler als der „Faktor Arbeit“ ist, kann von niedrigen Umweltstandards im Land A erheblicher Druck auf das Land I ausgehen: Bleiben die Löhne und Umweltstandards in Land I auf dem hohen Niveau, so ist die Kapitalverzinsung niedriger als in Land A und es kann zum Kapitalexport kommen. Selbstverständlich gelten diese Überlegungen nur ceteris paribus, d.h. unter sonst gleichen Umständen: Besonders die positiven Rückwirkungen hoher Löhne auf die Pro duktivität und hoher Abgaben auf die öffentliche Infrastruktur haben – wie oben erwähnt – dazu geführt, dass die Qualität des Industriestandortes Deutschland bisher immer noch hoch eingeschätzt wird. Dennoch zeigen auch diese theoretischen Überlegungen, dass die Befürchtungen von Umweltschützern, der internationale Freihandel und die Möglichkeit des Kapitalexports könne die Sozial- und Umweltstandards gefährden, keineswegs absurd sind. Ein Hauptvertreter der Forderung, Öko-Dumping als Begründung für protektionistische Maßnahmen zuzulassen, ist der ehemalige Weltbank-Ökonom Hermann E. Daly.85 Seine Forderungen gründen sich sowohl auf der sinkenden Wettbewerbsfähigkeit einzelner Branchen durch Öko-Dumping als auch auf den Gefahren des Kapitalexports. Hinsichtlich des ersten Pro blems hebt Daly hervor, dass ein vom Ausland A durch Öko-Dumping „erzwungener“ Strukturwandel im Inland I auch die Vielfältigkeit der Arbeitsplatzwahl untergräbt. Er betrachtet daher Importzölle als adäquaten Weg, um die mangelhafte Internalisierung externer Effekte auszugleichen.86 Dies hält Daly auch deshalb für angemessen, weil durch das einen Importzoll erhebende Inland I dem Ausland A damit keine Umweltstandards aufgezwungen werden, sondern lediglich ein Preis für den Zugang auf fremde Märkte gezahlt werden muss. Hinsichtlich des zweiten Problems (Kapitalexport) leitet Daly aus unterschiedlichen Umweltstandards sogar die Forderung nach einer Deliberalisierung der Kapitalmärkte ab.87 Fassen wir zusammen: Während solche Forderungen auf Grundlage der traditionellen Außenhandelstheorie wie erwähnt eindeutig zurückzuweisen sind, können sie heute durchaus theoretische Plausibilität beanspruchen: Die Übertragung der oligopolistischen Preistheorie auf Außenhandelsprobleme zeigt, dass die nationale Wohlfahrtsmaximierung auch dann durchaus gute Gründe für Öko-Dumping liefert, wenn grenzüberschreiten de Umweltprobleme außer Acht gelassen werden. Ferner impliziert die Berücksichtigung möglicher Kapitalexporte, dass niedrige Umweltstandards im Land A im Land I nicht nur den Strukturwandel forcieren, sondern auch zu gesamtwirtschaftlichen Problemen führen können. Der schlichte Verweis auf das Freihandelsprinzip vermag daher nicht mehr zu überzeugen. 85 Vgl. z.B. Daly (1993). 86 Wie in Abschnitt 10.4.1 ausgeführt, kann diese Forderung nicht damit begründet werden, dass Im portzölle als Gegenmaßnahme gegen Exportsubventionen im GATT zugelassen sind. Der Unterschied ist, dass niedrige Umweltstandards im Land B ja auch die in Land B selbst verkauften Waren betreffen, Exportsubventionen dagegen nicht. 87 In krassem Gegensatz kommen Antweiler/Copeland/Taylor (2001) in einer einflussreichen Arbeit zu dem Ergebnis, dass Freihandel die internationale Umweltqualität tendenziell erhöht. Vahlen – Allg. Reihe – Feess/Seeliger, Umweltökonomie und Unweltpolitik, 4. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.09.2013 Status: Imprimatur Seite 258 10 Internationale Aspekte des Umweltproblems258 Dennoch sprechen unseres Erachtens gute Gründe dafür, die Forderungen nach einer Aufweichung des Ursprungslandprinzips im GATT abzulehnen.88 Diese Gründe sind we niger theoretischer als vielmehr praktischer Natur: Wie soll im politischen Prozess darüber entschieden werden, wann die Differenzierung der Umweltstandards auf unterschiedliche Ausgangsbedingungen und wann auf Öko-Dumping zurückzuführen ist? Theoretisch las sen sich die optimalen Umweltstandards leicht ermitteln, aber wie sollen die unterschied lichen Assimilationskapazitäten der Umwelt, die unterschiedlichen Produktivitäten und vor allem die unterschiedlichen Zahlungsbereitschaften als Funktion von Präferenzen und Einkommen operationalisiert werden? Sollen Umweltstandards beispielsweise als Funkti on der jeweiligen Pro-Kopf-Einkommen, kombiniert mit einer Einkommenselastizität der Nachfrage nach Umweltqualität ermittelt werden, die über Eins liegen müsste?89 Aus der Theorie wissen wir, dass es keineswegs als Öko-Dumping bezeichnet werden kann, wenn ein Land pro Anlage oder pro Produkteinheit die vierfache Schadstoffmenge emittiert, aber nur 1/10 der Produkte pro Kopf erzeugt. Die mit einer Aufweichung des Ursprungslandprinzips im GATT verbundenen Konflikte würden unweigerlich dazu führen, dass die Errungenschaften der Uruguay-Runde gefährdet werden. Besser als bilaterale Rückschläge oder gar eine Entliberalisierung der Kapitalmärkte scheinen daher nach oben offene Mindeststandards für Kernbereiche ge eignet, um das Problem im Sinne einer praktikablen second best-Lösung in den Griff zu bekommen. Selbstverständlich stellt sich dabei neben dem Problem der Festlegung das der Überwachung, so dass die Errichtung einer internationalen Umweltbehörde mit starker Entscheidungskompetenz eine wichtige Zukunftsaufgabe ist. Das Fazit bleibt dürftig: Mit der Erkenntnis der geringen Reichweite der traditionellen Außenhandelstheorie und der Integration von Umwelteffekten in die Theorie unvollständiger Konkurrenz sind die Fragen nun offener denn je – das Ursprungslandprinzip ist eine praktikable Krücke, kein theoretisch hehres Prinzip. Erwähnt sei schließlich noch ein populärer Forschungszweig, der im Anschluss an eine von Michael Porter 1990 veröffentlicht Arbeit entstanden ist.90 In dieser Arbeit entwickelt der Autor das als Porter-Hypothese bezeichnete Argument, dass eine Vorreiterrolle in der Umweltpolitik die internationale Konkurrenzfähigkeit sogar stärken könne. Die Idee ist, dass eine strenge Umweltpolitik dazu führt, dass emissionsmindernde Technologien früh zeitig entwickelt werden, und dass die betreffenden Unternehmen im Wettbewerb einen Vorsprung haben, wenn andere Länder nachziehen. So wird beispielsweise auch die nach wie vor gute Weltmarktstellung der deutschen Umweltschutzindustrie auf die strenge Um weltpolitik zurückgeführt. Die Porter-Hypothese ist allerdings sowohl empirisch als auch theoretisch ausgesprochen umstritten.91 Empirisch stellt sich vor allem das Abgrenzungs problem, welcher umwelttechnische Fortschritt tatsächlich auf umweltpolitische Maßnah men zurückzuführen ist. Theoretisch ist zu fragen, warum Unternehmen Innovationen, die ihre langfristige Wettbewerbsfähigkeit erhöhen, nicht auch freiwillig, also ohne Druck der Umweltpolitik, tätigen. Während Porter selbst dies mit eingeschränkter Rationalität begründet, finden sich in der Literatur auch Anreizkon- 88 Gleicher Meinung sind z.B. Petersmann (1992) und Langhammer (1994). 89 Vgl. zu diesen Schwierigkeiten auch Wiemann (1994), S. 5 f. 90 Siehe Porter (1990). 91 Für einen empirischen Überblick siehe vor allem die einflussreiche Arbeit von Jaffe/Palmer (1997). Vahlen – Allg. Reihe – Feess/Seeliger, Umweltökonomie und Unweltpolitik, 4. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.09.2013 Status: Imprimatur Seite 259 10.5 Eine formalere Darstellung grenzüber schreitender Umweltprobleme 259 flikte zwischen einem (auf kurz fristige Gewinnmaximierung bedachten) Management und den Firmeneignern92 sowie Dilemmasituationen, die beispielsweise auf technologischen spill-overs und Lernkurvenef fekten beruhen.93 Insgesamt scheint uns aber der Versuch, eine strenge Umweltpolitik statt mit Umweltentlastungen auch mit Vorteilen für die Wettbewerbsfähigkeit begründen zu wollen, nicht sonderlich tragfähig zu sein. 10.5 Exkurs: Eine formalere Darstellung grenzüber schreitender Umweltprobleme94 10.5.1 Einführung In Abschnitt 10.2 haben wir die pareto-effizienten Umweltbelastungen unter unterschiedli chen Nebenbedingungen (nationale, grenzüberschreitende und globale Umweltprobleme) in einem sehr einfachen Modell dargestellt, in dem wir unter anderem direkt von den Nutzen der Emissionen ausgegangen sind. Die dort formulierten Ergebnisse wollen wir nun in einem etwas allgemeineren Modell herleiten, indem wir die Rolle der Emissionen im Produktionsprozess unter expliziter Berücksichtigung anderer Produktionsfaktoren (Arbeit und Kapital) untersuchen. Formal weniger interessierte Leser/innen können den Abschnitt auslassen, da die hinter den Resultaten stehende Intuition bereits in Abschnitt 10.2 erläutert wurde. Das Modell wird daher nur für solche Leser/innen aufgenommen, die der teilweise etwas flapsigen Modellierung in Abschnitt 10.2 skeptisch gegenüberstehen. Wir verwenden ein Modell mit grenzüberschreitenden Schadstoffen, da sich die Ergebnisse für nationale und globale Schadstoffe als Spezialfälle davon darstellen lassen. Das in Abschnitt 10.2 skizzierte Grundproblem grenzüberschreitender Schadstoffe ist, dass nationale Festlegungen der Emissionen lediglich zu suboptimalen Lösungen führen, so dass eine internationale Koordination der Umweltpolitik nötig ist. Bei vollständiger Information lassen sich pareto-effiziente Emissionen grundsätzlich durch jedes beliebige umweltpolitische Instrument implementieren, sofern den unterschiedlichen nationalen Ge gebenheiten entsprechend Rechnung getragen wird. Wir betrachten als umweltpolitisches Instrument Emissionssteuern, möchten aber hervorheben, dass dies grundsätzlich beliebig ist. Wir interpretieren die Ergebnisse jeweils über die Steuersätze, da sich gemäß des Ausgleiches von Steuersatz und Grenzkosten der Schadstoffvermeidung jedem Steuersatz eindeutige Emissionshöhen zuordnen lassen. Wir gehen folgendermaßen vor: Nach Einführung der Modellannahmen in Abschnitt 10.5.2 bestimmen wir in Abschnitt 10.5.3 die Emissionssteuersätze, die sich bei der Maxi mierung der nationalen Wohlfahrtsfunktionen ergeben (Nash-Gleichgewicht). Diese sind gemäß den Überlegungen aus Abschnitt 10.2 zu niedrig, weil jedes Land ausschließlich die Emissionen berücksichtigt, die im Inland verbleiben. Anschließend ermitteln wir in 10.5.4 die Steuersätze, die sich aus der Maximierung der internationalen 92 Siehe beispielsweise Schmutzler (2001) und Ambec/Barla (2002). 93 Siehe hierzu beispielsweise Feess/Taistra (2000), Feess/Mühlheußer (2002) und Hamilton/ Requate (2001). 94 Vgl. für ähnliche Überlegungen schon Siebert (1996). 10.5 Eine formalere Darstellung grenzüber schreitender Umweltprobleme

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References

Zusammenfassung

Umweltökonomie – neue Aspekte

Die rasanten Entwicklungen in der Umweltpolitik in den vergangenen Jahren führten zu umfangreichen Anpassungen in diesem beliebten Lehrbuch, die insbesondere die anwendungsorientierten Abschnitte betreffen. Hier wurden vor allem die Kapitel über die Umweltinstrumente (Auflagen, Steuern, Zertifikate), die Kosten-Nutzen-Analyse sowie die internationalen Umweltaspekte (bspw. Klimakonferenzen) grundlegend aktualisiert. Darüber hinaus enthält das Kapitel zur Ressourcenökonomie nun ebenfalls eine anwendungsbezogene Diskussion.

Umweltökonomie – die Schwerpunkte

- Spieltheoretische Grundlagen

- Theorie externer Effekte

- Auflagen

- Steuern und Abgaben

- Zertifikate

- Verhandlungslösungen

- Umwelthaftung

- Umwelttechnischer Fortschritt

- Internationale Aspekte des Umweltproblems

- Umweltpolitik bei asymmetrischer Informationsverteilung

- Kosten-Nutzen-Analyse

- Ressourcenökonomie

Zielgruppe

Studierende der Volks- und Betriebswirtschaftslehre an Universitäten und Hochschulen sowie interessierte Praktiker in Wirtschaft, Politik und Verwaltung

Prof. Dr. Eberhard Feess ist seit 2008 Professor für Managerial Economics an der Frankfurt School of Finance and Management. Zuvor hatte er Lehrstühle an der EBS, der Johann Wolfgang Goethe Universität Frankfurt und der RWTH Aachen.

Prof. Dr. Andreas Seeliger lehrt seit 2011 Volks- und Energiewirtschaftslehre an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Mosbach. Zuvor war er bei Frontier Economics, der Trianel European Energy Trading sowie dem Energiewirtschaftlichen Institut an der Universität zu Köln beschäftigt.