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8.6.3 Haftungsregeln mit Verhaltensstandards in:

Eberhard Feess, Andreas Seeliger

Umweltökonomie und Umweltpolitik, page 189 - 191

4. Edition 2013, ISBN print: 978-3-8006-4668-5, ISBN online: 978-3-8006-4365-3, https://doi.org/10.15358/9783800643653_189

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Vahlen – Allg. Reihe – Feess/Seeliger, Umweltökonomie und Unweltpolitik, 4. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.09.2013 Status: Imprimatur Seite 179 8.6 Das Problem der Multikausalität 179 aber sehr wichtigen Sachverhalts, möchten wir noch ein Zahlenbeispiel hinzufügen. Nehmen wir an, dass beide Unternehmen 10 Einheiten emittieren, so dass der Schadenserwartungswert 2 2 2 2 1 2 1 22 10 10 2 10 10 400S x x x x= + + = + + ⋅ ⋅ = (8.28) beträgt. Erhöht nun beispielsweise Unternehmen 1 seine Emissionen um eine Einheit auf 11, so steigt der Schadenserwartungswert auf 2 211 10 2 11 10 441S = + + ⋅ ⋅ = . (8.29) Die Ausdehnung der Emissionen lohnt sich volkswirtschaftlich also nur, wenn die Nutzensteigerung mindestens 41 Einheiten beträgt. Da das Unternehmen annahmege mäß aber nur die Hälfte des Schadens trägt, steigt die erwartete Schadenersatzzahlung – im Unterschied zum erwarteten Schaden – nur von 200 auf 220,5. Das Unternehmen wird seine Emissionen also auf 11 erhöhen, sofern sein Nutzenzuwachs über 20,5 liegt – und dies ist offenkundig ineffizient. Eine effiziente Schadensteilung setzt also paradoxerweise voraus, dass beide Unternehmen jeweils den Gesamtschaden bezahlen – was natürlich nicht möglich ist (stellen Sie sich vor, alle Kraftwerksbetreiber müssten für die gesamten Kosten des Treibhauseffekts aufkommen). Wir kommen daher zu dem bedauerlichen Er gebnis, dass eine Haftungsregel, die ohne Kenntnis der Vermeidungskosten ein Optimum implementieren kann, bei Multikausalität nicht existiert. 8.6.3 Haftungsregeln mit Verhaltensstandards Da die Gefährdungshaftung ihre Dezentralisierungsfunktion bei Multikausalität nicht auf rechterhalten kann, muss die Umweltbehörde auf komplexe Mechanismen zurückgreifen, sofern sie die Vermeidungskosten der beteiligten Unternehmen nicht kennt. Ohne dar auf im vorliegenden Rahmen näher eingehen zu können,30 wollen wir nun zeigen, dass Haftungsregeln bei Multikausalität aber dann zum Optimum führen, wenn die Vermei dungskosten der Unternehmen bekannt sind. In diesem Fall können nämlich für alle Un ternehmen effiziente Verhaltensstandards definiert werden, deren Einhaltung analog zur Monokausalität nicht nur volks-, sondern auch betriebswirtschaftlich sinnvoll ist. Zur Vermeidung von Missverständnissen sei dabei hervorgehoben, dass dies keineswegs ei ne Abkehr von der Gefährdungs- und eine Rückkehr zur Verschuldenshaftung bedeuten muss. Die Gefährdungshaftung bedeutet zwar definitionsgemäß, dass die Unternehmen jeden eingetretenen Schaden31 ersetzen müssen. Daraus folgt aber nicht, dass das Ver schulden der Beteiligten im Innenregress, d.h. bei der Aufteilung des Schadens zwischen den Unternehmen, keine Rolle spielt. Vielmehr lässt sich leicht eine Gefährdungshaftung konstruieren, die über die Berücksichtigung des Verschuldens im Innenregress zu den pareto-effizienten Emissionen f ix führt, sofern die Umweltbehörde die Vermeidungskosten kennt. 30 Vgl. z.B. Kornhauser/Revesz (1994). 31 Dies setzt selbstverständlich die Bejahung der Kausalität durch die Rechtsprechung voraus. Vahlen – Allg. Reihe – Feess/Seeliger, Umweltökonomie und Unweltpolitik, 4. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.09.2013 Status: Imprimatur Seite 180 8 Umwelthaftung180 Eine Gefährdungshaftung mit Berücksichtigung des Verschuldens im Innenregress kann beispielsweise folgendermaßen aussehen, wobei die fett gedruckten „x“ ausdrücken, dass die Haftungsanteile vom gegebenen Emissionsvektor x abhängen.32 für ( ) für 0 sonst f f i i i i s n x x l x s s m x x x / ≤ , = / > ∀ (8.30) In Worten drückt die Haftungsregel (8.30) folgendes aus: Die erste Zeile besagt, dass jedes der n beteiligten Unternehmen den n-ten Schadensteil trägt, sofern sich alle Unternehmen effizient verhalten, d.h. wenn kein Unternehmen den vorgegebenen Verhaltensstandard missachtet. Dies garantiert, dass es sich wirklich um eine Gefährdungshaftung handelt, weil den Geschädigten der Schaden auch dann ersetzt wird, wenn kein Unternehmen fahrlässig gehandelt hat. Wenn es 20 Unternehmen gibt, die alle sorgfältig waren und beträgt der Schaden 100, so bezahlt also jedes Unternehmen li = 100/20 = 5. Die zweite Zeile besagt, dass der Schaden zwischen allen Unternehmen aufgeteilt wird, die sich nicht sorgfältig verhalten, die also fix überschreiten. Trifft dies auf 4 der Unternehmen zu, so bezahlt jedes dieser Unternehmen li = 100/4 = 25. Die sechzehn anderen Unternehmen müssen dann nichts bezahlen. Die dritte Zeile („0 sonst“) drückt aus, dass jedes Unternehmen i genau dann nichts bezahlen muss, wenn von seinem Standpunkt aus weder die erste noch die zweite Zeile zutrifft: Denn wenn weder alle Unternehmen sorgfältig waren (Zeile 1) noch unser Unternehmen fahrlässig war (Zeile 2), dann müssen andere Unternehmen fahrlässig gewesen sein, so dass das betreffende Unternehmen zu den sechzehn Unternehmen gehört, die nichts bezahlen müssen. Die Haftungsregel (8.30) führt also wie die Verschuldenshaftung bei Monokausalität zu einem sprunghaften Anstieg der erwarteten Schadenersatzzahlungen jedes einzelnen Unternehmens, sofern dieses fix überschreitet. Wir zeigen nun, dass diese Konstruktion in der Tat dazu führt, dass die Wahl der effizienten Emissionen fix für jedes Unternehmen ein Nash-Gleichgewicht ist. Dazu sei daran erinnert, dass man unter einem Nash-Gleichgewicht versteht, dass kein Beteiligter einen Anreiz hat, von seiner Strategie abzuweichen, sofern die anderen bei ihren Strategien bleiben. Die Verwendung des Nash-Gleichgewichts zur Überprüfung der Effizienz wird notwendig, weil die Schadenersatzzahlungen ja nicht nur vom eigenen Verhalten, sondern auch von den Emissionen der anderen Unternehmen abhängen. In unserem Fall setzt ein Nash-Gleichgewicht vor aus, dass kein Unternehmen einen Anreiz hat, über fix zu emittieren, sofern alle anderen Unternehmen ihre jeweils effizienten Emissionen fix wählen. Wenn wir gemäß den Bedingungen eines Nash-Gleichgewichts unterstellen, dass alle anderen Unternehmen fix wählen, so muss jedes abweichende Unternehmen den ganzen Schaden alleine bezahlen, wenn es über fix emittiert. Bleibt es bei , f ix so muss es dagegen nur den n-ten Schadensteil entrichten. Also wird jedes Unternehmen fix wählen, sofern die Ungleichung (8.31) erfüllt ist: ( ) ( ) ( ) ( ) f f f i i i i i i S x U x U x S x x n − − ≥ − , (8.31) 32 Zur Vermeidung von Missverständnissen sei hinzugefügt, dass auch die Verschuldenshaftung pro blemlos effiziente Aufteilungen im Innenregress ermöglicht. Vahlen – Allg. Reihe – Feess/Seeliger, Umweltökonomie und Unweltpolitik, 4. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.09.2013 Status: Imprimatur Seite 181 8.7 Zusammenfassende Beurteilung von Haftungsregeln 181 Dabei haben wir zusätzlich f ix− als einen Emissionsvektor eingeführt, der für alle Unternehmen außer dem gerade betrachteten Unternehmen i die effizienten Emissionen enthält. Auf der linken Seite steht dann die Differenz des Nutzens aus den effizienten Emissionen fix abzüglich der erwarteten Schadenersatzzahlungen. ( ) fS x n/ ist der n-te Teil des Schadenserwartungswerts, wenn alle Unternehmen fix wählen (und deshalb der effiziente Emissionsvektor fx gilt). Auf der rechten Seite steht der Nutzen einer beliebigen, höheren Emission ,ix abzüglich des gesamten Schadenserwartungswerts, wenn die anderen Unternehmen den Standard einhalten und das betrachtete Unternehmen abweicht. Wir wollen nun zeigen, dass Ungleichung (8.31) für alle denkbaren Emissionen ix erfüllt ist. Eine hinreichende Bedingung für die Gültigkeit von (8.31) ist (8.32) ( ) ( ) ( ) ( )f f fi i i i i iU x S x U x S x x−− ≥ − , . (8.32) Wenn wir auf beiden Seiten den Nutzen aller Unternehmen außer i bei Wahl ihrer Gleichgewichtsstrategie addieren, so erhalten wir ( ) ( ) ( ) ( ) ( )f f f fi i i i j j i i i j i U x S x U x U x S x x− ≠ − ≥ + − , .∑ ∑ (8.33) Da diese Bedingung aus der Definition von fx als sozialem Optimum folgt, ist die Gültigkeit von (8.31) bewiesen. Dies ist zwar ein erfreuliches Ergebnis, doch setzt dies analog zur Verschuldenshaftung bei Monokausalität voraus, dass die Gerichte für jedes Unternehmen mit unterschiedlichen Vermeidungskosten auch einen unterschiedlichen Verhaltensstandard ix + vorgeben, was aus den erläuterten Gründen ausgesprochen unwahrscheinlich ist. Da darüber hinaus der Kausalitätsnachweis bei einer wachsenden Anzahl beteiligter Unternehmen immer schwieriger wird, können wir als zentrales Ergebnis festhalten, dass für multikausale, großräumige Umweltschäden Abgaben und Zertifikate wesentlich besser geeignet sind als Haftungsregeln. 8.7 Zusammenfassende Beurteilung von Haftungsregeln als Instrumente der Umweltpolitik Unsere Überlegungen zeigen, dass das Zivilrecht durchaus gute Möglichkeiten zur Interna lisierung externer Effekte bietet und gleichberechtigt mit Auflagen, Abgaben, Zertifikaten und Verhandlungslösungen diskutiert werden muss. Dabei verdienen folgende Punkte eine Hervorhebung: 1. Die Verschuldenshaftung definiert ganz analog zur Auflagenlösung einen Verhaltensstandard, bei dessen Missachtung es zu einem sprunghaften Anstieg der erwarteten Zahlungen kommt. Rationale Unternehmen werden diese Standards daher einhalten, sofern diese nicht absurd niedrig sind (niemand würde auf einer Autobahn 10 Stundenkilometer fahren, nur weil dies von allen Schadenersatzansprüchen befreit). Die Verschuldenshaftung weist aber auch die gleichen Probleme wie die Auflagenlösung auf.

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Zusammenfassung

Umweltökonomie – neue Aspekte

Die rasanten Entwicklungen in der Umweltpolitik in den vergangenen Jahren führten zu umfangreichen Anpassungen in diesem beliebten Lehrbuch, die insbesondere die anwendungsorientierten Abschnitte betreffen. Hier wurden vor allem die Kapitel über die Umweltinstrumente (Auflagen, Steuern, Zertifikate), die Kosten-Nutzen-Analyse sowie die internationalen Umweltaspekte (bspw. Klimakonferenzen) grundlegend aktualisiert. Darüber hinaus enthält das Kapitel zur Ressourcenökonomie nun ebenfalls eine anwendungsbezogene Diskussion.

Umweltökonomie – die Schwerpunkte

- Spieltheoretische Grundlagen

- Theorie externer Effekte

- Auflagen

- Steuern und Abgaben

- Zertifikate

- Verhandlungslösungen

- Umwelthaftung

- Umwelttechnischer Fortschritt

- Internationale Aspekte des Umweltproblems

- Umweltpolitik bei asymmetrischer Informationsverteilung

- Kosten-Nutzen-Analyse

- Ressourcenökonomie

Zielgruppe

Studierende der Volks- und Betriebswirtschaftslehre an Universitäten und Hochschulen sowie interessierte Praktiker in Wirtschaft, Politik und Verwaltung

Prof. Dr. Eberhard Feess ist seit 2008 Professor für Managerial Economics an der Frankfurt School of Finance and Management. Zuvor hatte er Lehrstühle an der EBS, der Johann Wolfgang Goethe Universität Frankfurt und der RWTH Aachen.

Prof. Dr. Andreas Seeliger lehrt seit 2011 Volks- und Energiewirtschaftslehre an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Mosbach. Zuvor war er bei Frontier Economics, der Trianel European Energy Trading sowie dem Energiewirtschaftlichen Institut an der Universität zu Köln beschäftigt.