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8.6.2 Dezentralisierung bei Multikausalität? in:

Eberhard Feess, Andreas Seeliger

Umweltökonomie und Umweltpolitik, page 187 - 189

4. Edition 2013, ISBN print: 978-3-8006-4668-5, ISBN online: 978-3-8006-4365-3, https://doi.org/10.15358/9783800643653_187

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Vahlen – Allg. Reihe – Feess/Seeliger, Umweltökonomie und Unweltpolitik, 4. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.09.2013 Status: Imprimatur Seite 177 8.6 Das Problem der Multikausalität 177 es sein, dass erst „der letzte Tropfen“ das Fass zum Überlaufen bringt und zum Schaden führt, oder aber auch, dass einige Emissionen den Schaden gar nicht mehr erhöht haben, weil beispielsweise der See schon umgekippt ist. Ferner können die Emissionen einen Scha den additiv, multiplikativ oder in komplizierten, darüber hinaus keineswegs bekannten mathematischen Formen erzeugen. Angesichts der zahlreichen möglichen Fälle verwundert es nicht, dass die Haftungs situation im Umwelthaftungsgesetz bei solchen sog. multikausalen Schadensbildern alles andere als geklärt ist. Sowohl unter Transaktionskosten- als auch unter juristischen Ge sichtspunkten kann man dabei aber festhalten, dass die Durchsetzung von Schadenersatzforderungen um so unwahrscheinlicher wird, je größer die Anzahl der Beteiligten ist (beispielsweise hat der Bundesgerichtshof Schadenersatzzahlungen wegen des Waldsterbens verneint) und je komplizierter und ungeklärter die kausalen Zusammenhänge sind. Eindeutige Aussagen sind zum gegenwärtigen Zeitpunkt aber kaum möglich. Wir wollen uns daher an dieser Stelle nicht weiter mit der Situation im UHG auseinandersetzen, weil dies der Spezialliteratur vorbehalten bleiben muss. Stattdessen wollen wir untersuchen, ob der am Ende von Abschnitt 8.5.3 erneut hervorgehobene Vorteil der Gefährdungshaftung auch bei Multikausalität aufrechterhalten werden kann. Diesen Vorteil der Gefährdungshaftung haben wir als Dezentralisierungsfunktion bezeichnet und darin gesehen, dass die Umweltbehörde keinerlei Informationen über die Vermeidungs kosten der Unternehmen benötigt, da das verursachende Unternehmen den Schaden ja unabhängig vom Verhalten bezahlen muss. Unsere Überlegungen werden zeigen, dass die Gefährdungshaftung bei mehreren Beteiligten ihre Dezentralisierungsfunktion bedauer licherweise nicht wahrnehmen kann (Abschnitt 8.6.2). Anschließend zeigen wir, wie die Verschuldenshaftung und vergleichbare Haftungsregeln bei vollständiger Information auch bei Multikausalität eine pareto-effiziente Internalisierung externer Effekte ermöglichen. 8.6.2 Dezentralisierung bei Multikausalität? Wir wollen nun erläutern, warum eine dezentrale Haftungsregel, die zum Pareto-Optimum führt, bei Multikausalität nicht existiert. Dazu stellen wir uns eine recht einfache Situation mit nur zwei Unternehmen vor, in der der Schadenserwartungswert S durch 2 2 2 1 2 1 2 1 2( ) 2S x x x x x x= + = + + (8.20) gegeben ist. Dabei unterstellen wir die günstigste Situation, dass alle Beteiligten tatsächlich wissen, dass der Schadenserwartungswert durch (8.20) gegeben ist. Es besteht also keinerlei Unkenntnis über die Schadenszusammenhänge, wie wir dies etwa bei alternativer Kausalität angenommen haben. Gleichung (8.20) beschreibt eine denkbar einfache, aber multikausale Schadensfunktion, weil der Schadensteil 2x1x2 von beiden Unternehmen ge meinsam erzeugt wird. Wenn wir ein Optimum auch ohne Kenntnis der Vermeidungskosten implementieren wollen, so müssen wir den entstandenen Schaden auf die Unternehmen aufteilen, ohne dabei ihre Vermeidungskosten zu berücksichtigen. Wie soll diese Aufteilung aussehen, um ein Optimum zu ermöglichen? Wenn wir annehmen, dass beide Unternehmen gleichviel emittieren, dann scheint eine gute Möglichkeit darin zu bestehen, jedem Vahlen – Allg. Reihe – Feess/Seeliger, Umweltökonomie und Unweltpolitik, 4. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.09.2013 Status: Imprimatur Seite 178 8 Umwelthaftung178 Unternehmen auch den halben Schaden aufzubürden. Um zu überprüfen, ob dies zum Optimum führt, betrachten wir die soziale Wohlfahrtsfunktion, die wir als 2 2 1 1 2 2 1 2 1 2( ) ( ) ( 2 )W U x U x x x x x= + − + + , (8.21) d.h. als Differenz aus den Nutzen beider Unternehmen und dem Schadenserwartungswert schreiben können. Wenn wir U1 nach x1 und U2 nach x2 ableiten, gleich Null setzen und auflösen, so folgen als Optimalitätsbedingungen erster Ordnung 1 1 2 1 2 2f f U x x x ∂ = + ∂ (8.22) und 2 2 1 2 2 2f f U x x x ∂ = + . ∂ (8.23) Diese Bedingungen drücken aus, dass im Optimum beide Unternehmen jeweils die marginale Erhöhung des Schadenserwartungswerts berücksichtigen müssen, die von ihren eigenen Emissionen hervorgerufen werden. Wenn beide Unternehmen bei jedem einge tretenen Schaden den halben Schaden bezahlen müssen, so lauten die Zielfunktionen (Gewinnfunktionen) offensichtlich: 2 2 1 1 1 1 1 2 1 2( ) ( ) 0 5( 2 )G x U x x x x x= − , + + (8.24) bzw. 2 2 2 2 2 2 1 2 1 2( ) ( ) 0 5( 2 )G x U x x x x x= − , + + . (8.25) Die Maximierung der Gewinnfunktionen führt zu den Bedingungen erster Ordnung: 1 1 2 1 U x x x ∂ = + ∂ ∗ ∗ (8.26) und 2 2 1 2 U x x x ∂ = + . ∂ ∗ ∗ (8.27) Die berücksichtigten Grenzschäden x1 + x2 liegen also unter den erzeugten Grenzschäden 2(x1 + x2), so dass beide Unternehmen über das Optimum hinaus emittieren. 29 Zur Verdeutlichung dieses durchaus schwierigen, für viele Bereiche der Mikroökonomie 29 Die Gleichungen (8.26) und (8.27) verdeutlichen, dass das gewinnmaximale Verhalten der beiden Unternehmen interdependent ist, weil beispielsweise in der Verhaltensbedingung für Unternehmen 1 (8.26) nicht nur die eigenen Emissionen x1, sondern auch die Emissionen des Unternehmens 2 (x2) auftauchen. Dies liegt daran, dass die durch eine Erhöhung von x1 hervorgerufene Steigerung des Scha denserwartungswerts umso höher ist, je mehr das Unternehmen 2 emittiert. Wir verfügen nun aber über 2 Gleichungen mit den beiden Unbekannten x1 und x2, so dass wir ein eindeutiges Nash-Gleichgewicht bestimmen können. Wie stets setzt die Bestimmung eines Nash-Gleichgewichts allerdings voraus, dass die Unternehmen ihre wechselseitigen Entscheidungssituationen kennen, so dass die Situation noch erheblich komplizierter wird, wenn nicht nur die Umweltbehörde, sondern auch die beteiligten Unternehmen ihre Vermeidungskosten wechselseitig nicht kennen. Vahlen – Allg. Reihe – Feess/Seeliger, Umweltökonomie und Unweltpolitik, 4. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.09.2013 Status: Imprimatur Seite 179 8.6 Das Problem der Multikausalität 179 aber sehr wichtigen Sachverhalts, möchten wir noch ein Zahlenbeispiel hinzufügen. Nehmen wir an, dass beide Unternehmen 10 Einheiten emittieren, so dass der Schadenserwartungswert 2 2 2 2 1 2 1 22 10 10 2 10 10 400S x x x x= + + = + + ⋅ ⋅ = (8.28) beträgt. Erhöht nun beispielsweise Unternehmen 1 seine Emissionen um eine Einheit auf 11, so steigt der Schadenserwartungswert auf 2 211 10 2 11 10 441S = + + ⋅ ⋅ = . (8.29) Die Ausdehnung der Emissionen lohnt sich volkswirtschaftlich also nur, wenn die Nutzensteigerung mindestens 41 Einheiten beträgt. Da das Unternehmen annahmege mäß aber nur die Hälfte des Schadens trägt, steigt die erwartete Schadenersatzzahlung – im Unterschied zum erwarteten Schaden – nur von 200 auf 220,5. Das Unternehmen wird seine Emissionen also auf 11 erhöhen, sofern sein Nutzenzuwachs über 20,5 liegt – und dies ist offenkundig ineffizient. Eine effiziente Schadensteilung setzt also paradoxerweise voraus, dass beide Unternehmen jeweils den Gesamtschaden bezahlen – was natürlich nicht möglich ist (stellen Sie sich vor, alle Kraftwerksbetreiber müssten für die gesamten Kosten des Treibhauseffekts aufkommen). Wir kommen daher zu dem bedauerlichen Er gebnis, dass eine Haftungsregel, die ohne Kenntnis der Vermeidungskosten ein Optimum implementieren kann, bei Multikausalität nicht existiert. 8.6.3 Haftungsregeln mit Verhaltensstandards Da die Gefährdungshaftung ihre Dezentralisierungsfunktion bei Multikausalität nicht auf rechterhalten kann, muss die Umweltbehörde auf komplexe Mechanismen zurückgreifen, sofern sie die Vermeidungskosten der beteiligten Unternehmen nicht kennt. Ohne dar auf im vorliegenden Rahmen näher eingehen zu können,30 wollen wir nun zeigen, dass Haftungsregeln bei Multikausalität aber dann zum Optimum führen, wenn die Vermei dungskosten der Unternehmen bekannt sind. In diesem Fall können nämlich für alle Un ternehmen effiziente Verhaltensstandards definiert werden, deren Einhaltung analog zur Monokausalität nicht nur volks-, sondern auch betriebswirtschaftlich sinnvoll ist. Zur Vermeidung von Missverständnissen sei dabei hervorgehoben, dass dies keineswegs ei ne Abkehr von der Gefährdungs- und eine Rückkehr zur Verschuldenshaftung bedeuten muss. Die Gefährdungshaftung bedeutet zwar definitionsgemäß, dass die Unternehmen jeden eingetretenen Schaden31 ersetzen müssen. Daraus folgt aber nicht, dass das Ver schulden der Beteiligten im Innenregress, d.h. bei der Aufteilung des Schadens zwischen den Unternehmen, keine Rolle spielt. Vielmehr lässt sich leicht eine Gefährdungshaftung konstruieren, die über die Berücksichtigung des Verschuldens im Innenregress zu den pareto-effizienten Emissionen f ix führt, sofern die Umweltbehörde die Vermeidungskosten kennt. 30 Vgl. z.B. Kornhauser/Revesz (1994). 31 Dies setzt selbstverständlich die Bejahung der Kausalität durch die Rechtsprechung voraus.

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Zusammenfassung

Umweltökonomie – neue Aspekte

Die rasanten Entwicklungen in der Umweltpolitik in den vergangenen Jahren führten zu umfangreichen Anpassungen in diesem beliebten Lehrbuch, die insbesondere die anwendungsorientierten Abschnitte betreffen. Hier wurden vor allem die Kapitel über die Umweltinstrumente (Auflagen, Steuern, Zertifikate), die Kosten-Nutzen-Analyse sowie die internationalen Umweltaspekte (bspw. Klimakonferenzen) grundlegend aktualisiert. Darüber hinaus enthält das Kapitel zur Ressourcenökonomie nun ebenfalls eine anwendungsbezogene Diskussion.

Umweltökonomie – die Schwerpunkte

- Spieltheoretische Grundlagen

- Theorie externer Effekte

- Auflagen

- Steuern und Abgaben

- Zertifikate

- Verhandlungslösungen

- Umwelthaftung

- Umwelttechnischer Fortschritt

- Internationale Aspekte des Umweltproblems

- Umweltpolitik bei asymmetrischer Informationsverteilung

- Kosten-Nutzen-Analyse

- Ressourcenökonomie

Zielgruppe

Studierende der Volks- und Betriebswirtschaftslehre an Universitäten und Hochschulen sowie interessierte Praktiker in Wirtschaft, Politik und Verwaltung

Prof. Dr. Eberhard Feess ist seit 2008 Professor für Managerial Economics an der Frankfurt School of Finance and Management. Zuvor hatte er Lehrstühle an der EBS, der Johann Wolfgang Goethe Universität Frankfurt und der RWTH Aachen.

Prof. Dr. Andreas Seeliger lehrt seit 2011 Volks- und Energiewirtschaftslehre an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Mosbach. Zuvor war er bei Frontier Economics, der Trianel European Energy Trading sowie dem Energiewirtschaftlichen Institut an der Universität zu Köln beschäftigt.