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7.1 Überblick in:

Eberhard Feess, Andreas Seeliger

Umweltökonomie und Umweltpolitik, page 152 - 153

4. Edition 2013, ISBN print: 978-3-8006-4668-5, ISBN online: 978-3-8006-4365-3, https://doi.org/10.15358/9783800643653_152

Bibliographic information
Vahlen – Allg. Reihe – Feess/Seeliger, Umweltökonomie und Unweltpolitik, 4. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.09.2013 Status: Imprimatur Seite 141 7 Verhandlungslösungen 7.1 Überblick 1960 erschien Ronald H. Coase’s Aufsatz „The Problem of Social Cost“, der den Ursachen externer Effekte intensiver nachging. Die Überlegungen des späteren Nobelpreisträgers Coase haben aus verschiedenen Gründen, die über die umweltpolitische Bedeutung weit hinausgehen, große Aufmerksamkeit erreicht. Die wesentlichen Punkte, die wir an schließend genauer erläutern möchten, seien zunächst vorweggenommen, um Ihnen eine Vorstellung von der Zielsetzung dieses Kapitels zu geben: • im Mittelpunkt des Aufsatzes von Coase steht der Gedanke, dass jede präzise Festlegung von Eigentumsrechten zu einer pareto-effizienten Internalisierung externer Effekte führt, sofern die Beteiligten vollständig informiert sind und die Art der Ver handlungen eindeutig spezifiziert ist. Damit leistet er einen wesentlichen Beitrag zur ökonomischen Theorie des Rechts, die wir im achten Kapitel am Beispiel der Umwelthaftung recht ausführlich behandeln; • das von Coase postulierte Ergebnis einer pareto-effizienten Internalisierung externer Effekte gilt gänzlich unabhängig davon, ob die Eigentumsrechte dem Schädiger oder dem Geschädigten zugesprochen werden – Hauptsache, die Eigentumsrechte sind präzise definiert. Damit kritisiert Coase das traditionelle Verursacherprinzip der Umweltpolitik, bei dem es selbstverständlich scheint, dem Schädiger Vorgaben zu machen (Auflagen) bzw. ihn zur Kasse zu bitten (Preis- und Mengenlösungen). Gemäß den Überlegungen von Coase gibt es dagegen keinen ökonomischen Grund, stets den Emittenten zu belasten. Schon der Verursachungsbegriff selbst erscheint bei Coase fragwürdig und erweist sich weitgehend als bedeutungslose normative Zuschreibung; • Coase betont explizit die Bedeutung der Transaktionskosten für die relative Vorteilhaftigkeit verschiedener umweltpolitischer Instrumente wie Abgaben, Haftungsregeln und Verhandlungslösungen. Unter Transaktionskosten versteht man dabei alle Kosten wie Informations-, Verhandlungs- und Implementierungskosten, die mit den Instrumenten verbunden sind. Damit bringt er eine Kategorie in die umweltpoliti sche Diskussion ein, deren Beachtung heute selbstverständlich ist; • ob Verhandlungen wirklich zu einer pareto-effizienten Internalisierung externer Effekte führen, hängt von den Informationsständen der Beteiligten und der Art der Verhandlungen ab. Obwohl Coase diese nicht selbst untersucht, begründet er damit die moderne Verhandlungstheorie, die heute ein wichtiger Zweig der allgemeinen Mikroökonomie ist. Verschiedentlich wurde in der Literatur ein Gegensatz zwischen den Pigouschen Steuervorschlägen und der Coaseschen Verhandlungslösung konstruiert, so dass man über lange Jahre hinweg auch von der Pigou- und der Coase-Schule reden konnte. Genauere Vahlen – Allg. Reihe – Feess/Seeliger, Umweltökonomie und Unweltpolitik, 4. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.09.2013 Status: Imprimatur Seite 142 7 Verhandlungslösungen142 Überlegungen zeigen indes, dass man die Ansätze durchaus als komplementär betrachten kann, weil die jeweils bessere Internalisierungsstrategie von den Nebenbedingungen abhängt. Diese Sichtweise wollen wir im vorliegenden Kapitel vermitteln. Wir werden das Coase-Theorem in folgenden Schritten darstellen und diskutieren. Nach der Erläuterung des Grundgedankens in Abschnitt 7.2 stellen wir in Abschnitt 7.3 die Coasesche Kritik der Pigouschen Steuerlösung dar. Dabei folgen wir der Coaseschen Argumentation, die zwar intuitiv überzeugend, vom Standpunkt der modernen mikro ökonomischen Theorie aber methodisch unzureichend ist. Denn im Unterschied zur Coa seschen Argumentation lässt sich die wirkliche theoretische Bedeutung seiner Überlegun gen nur untersuchen, wenn diese in die nicht-kooperative Spieltheorie integriert werden. Diesen Weg schlagen wir in Abschnitt 7.4 ein, wobei wir uns allerdings auf den einfach sten Fall, nämlich den mit vollständiger Information aller Beteiligten, beschränken. Dies machen wir nicht deshalb, weil wir vollständige Information für besonders realistisch hal ten, sondern weil wir die mit einer asymmetrischen Informationsverteilung verbundenen Probleme zusammenhängend in Kapitel  11 diskutieren werden. Dabei werden wir auch ausführlich auf das Coase-Theorem zurückkommen (Abschnitt 11.4). Wir beenden das siebte Kapitel mit einer Zusammenfassung der wichtigsten Resultate in Abschnitt 7.5. Die mit dem Coase-Theorem verbundene, oben schon angedeutete Kritik des Verursa cherprinzips vertagen wir auf das Ende des achten Kapitels. Dies liegt daran, dass sich einige der Coaseschen Kritikpunkte auf Grundlage der modernen ökonomischen Theo rie des Rechts (ÖTR) erheblich präzisieren und verschärfen lassen, so dass wir die ÖTR zunächst schildern wollen, bevor wir das Verursacherprinzip besprechen. 7.2 Das Coase Theorem in der ursprünglichen Fassung Coase illustriert seine Grundgedanken mit einem einfachen, recht hübschen Beispiel: In diesem Beispiel gibt es einen Viehzüchter V, dessen Herden die Felder eines Getreidebauern G zertrampeln. Damit begründen sie einen negativen externen Effekt, weil dem Getreidebauern Kosten, beispielsweise durch Rekultivierungsmaßnahmen oder entgange ne Umsätze, entstehen. Coase betont zunächst, dass es keineswegs selbstverständlich ist, die Eigentumsrechte dem Getreidebauern zuzuordnen. Zwar kann man das Vieh als physi schen Verursacher der externen Effekte auffassen, ob aber dem Getreidebauern das Recht zur Untersagung der externen Effekte eingeräumt wird, hängt von der normativen Wür digung der Gesamtumstände durch die Gesellschaft und die Rechtsprechung ab. Denn schließlich werden nicht alle externen Effekte untersagt – dies zeigt das einfache Beispiel eines Gartenbesitzers, dem um 15 Uhr das Recht zum Rasenmähen zu- und um 23 Uhr abgesprochen wird.1 Verfolgen wir nun die ökonomischen Grundgedanken von Coase, indem wir die entsprechenden Zusammenhänge in Abbildung 7.1 darstellen. 1 Die damit eingeleitete Kritik des Verursacherprinzips und juristischer Kausalitätsüberlegungen ins gesamt diskutieren wir wie erwähnt in Abschnitt 8.8.

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References

Zusammenfassung

Umweltökonomie – neue Aspekte

Die rasanten Entwicklungen in der Umweltpolitik in den vergangenen Jahren führten zu umfangreichen Anpassungen in diesem beliebten Lehrbuch, die insbesondere die anwendungsorientierten Abschnitte betreffen. Hier wurden vor allem die Kapitel über die Umweltinstrumente (Auflagen, Steuern, Zertifikate), die Kosten-Nutzen-Analyse sowie die internationalen Umweltaspekte (bspw. Klimakonferenzen) grundlegend aktualisiert. Darüber hinaus enthält das Kapitel zur Ressourcenökonomie nun ebenfalls eine anwendungsbezogene Diskussion.

Umweltökonomie – die Schwerpunkte

- Spieltheoretische Grundlagen

- Theorie externer Effekte

- Auflagen

- Steuern und Abgaben

- Zertifikate

- Verhandlungslösungen

- Umwelthaftung

- Umwelttechnischer Fortschritt

- Internationale Aspekte des Umweltproblems

- Umweltpolitik bei asymmetrischer Informationsverteilung

- Kosten-Nutzen-Analyse

- Ressourcenökonomie

Zielgruppe

Studierende der Volks- und Betriebswirtschaftslehre an Universitäten und Hochschulen sowie interessierte Praktiker in Wirtschaft, Politik und Verwaltung

Prof. Dr. Eberhard Feess ist seit 2008 Professor für Managerial Economics an der Frankfurt School of Finance and Management. Zuvor hatte er Lehrstühle an der EBS, der Johann Wolfgang Goethe Universität Frankfurt und der RWTH Aachen.

Prof. Dr. Andreas Seeliger lehrt seit 2011 Volks- und Energiewirtschaftslehre an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Mosbach. Zuvor war er bei Frontier Economics, der Trianel European Energy Trading sowie dem Energiewirtschaftlichen Institut an der Universität zu Köln beschäftigt.