Content

6.4 Ökologische Treffsicherheit in:

Eberhard Feess, Andreas Seeliger

Umweltökonomie und Umweltpolitik, page 133 - 134

4. Edition 2013, ISBN print: 978-3-8006-4668-5, ISBN online: 978-3-8006-4365-3, https://doi.org/10.15358/9783800643653_133

Bibliographic information
Vahlen – Allg. Reihe – Feess/Seeliger, Umweltökonomie und Unweltpolitik, 4. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.09.2013 Status: Imprimatur Seite 122 6 Zertifikate122 die Abgabenlösung dafür, dass die Schadstoffe dort vermieden werden, wo dies mit den geringsten Kosten möglich ist. Denn da alle Unternehmen gemäß des Ausgleiches von Grenzkosten und Zertifikatepreis Schadstoffe vermeiden und der Zertifikatepreis für alle Unternehmen gleich ist, sind im Endeffekt die Grenzvermeidungskosten aller Unternehmen gleich – und dies war gerade die Bedingung für eine kostenminimale Schadstoffvermeidung. Zertifikate genügen also ebenso wie Abgaben dem Kriterium der Kosteneffizienz. Zur Vermeidung von Missverständnissen sei hervorgehoben, dass dieses Ergebnis auch dann gilt, wenn die Unternehmen schon im Besitz von Zertifikaten sind und deshalb nicht für alle emittierten Einheiten Zertifikate zukaufen müssen. Denn für das Gewinnmaximierungskalkül der Unternehmen ist es gleichgültig, ob ein Zertifikat gekauft werden muss oder ob darauf verzichtet wird, ein Zertifikat zu verkaufen: Im zweiten Fall entstehen Opportunitätskosten durch den entgangenen Erlös, die genauso berücksichtigt werden müssen wie der Kaufpreis. 6.4 Ökologische Treffsicherheit Hinsichtlich der ökologischen Treffsicherheit liegt die Zertifikatelösung verständlicherweise zwischen der Auflagen- und der Abgabenlösung. Sofern es nicht auf die räumliche Verteilung der Schadstoffe ankommt, erfüllt die Zertifikatelösung das Kriterium ebenso wie die Auflagenlösung perfekt. Dies ist klar, weil die Unternehmen insgesamt nur so viele Schadstoffe emittieren dürfen wie die Umweltbehörde vorgibt. Die Summe der Emissio nen steht bei entsprechenden Kontrollmechanismen also ebenso fest wie bei Auflagen – der Unterschied ist allerdings, dass die Verteilung der Emissionen auf die einzelnen Un ternehmen diesen selbst überlassen bleibt und demnach auch die regionalen Immissionen nicht feststehen. Dies führt zu Komplikationen, wenn es auch auf die regionale Verteilung der Schadstoffe ankommt. In diesem Fall muss die Umweltbehörde also wieder die indi viduellen Grenzkostenfunktionen der Schadstoffvermeidung kennen, um die Immissionen genau prognostizieren zu können. Diese Überlegung legt nahe, dass Zertifikate vor allem dann eine geeignete Alternative zu Preislösungen sind, wenn es auf die räumliche Vertei lung der Schadstoffe nicht ankommt. Es überrascht daher nicht, dass die Mehrzahl der Umweltökonomen Zertifikate zur Verminderung der CO2-Emissionen favorisiert, wobei aus Gründen der Kosteneffizienz eine weltweite Regelung der Idealfall wäre. Wir können festhalten, dass Zertifikate besonders dann geeignet sind, wenn sowohl die Kosteneffizienz als auch die ökologische Treffsicherheit eine wichtige Rolle spielen. Die Kosteneffizienz schließt Auflagen als geeignete Instrumente aus, während die geringe ökologische Treffsicherheit Abgaben problematisch erscheinen lässt.3 3 Zur Vermeidung von Missverständnissen hinsichtlich der ökologischen Treffsicherheit sei hinzugefügt, dass die Zertifikatelösung einer kontinuierlichen Verbesserung der Umweltqualität nicht zuwiderläuft, da die Zertifikate im Zeitablauf abgewertet werden können. Dies bedeutet, dass im gesamten Unternehmens sektor immer weniger emittiert werden darf. Vahlen – Allg. Reihe – Feess/Seeliger, Umweltökonomie und Unweltpolitik, 4. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.09.2013 Status: Imprimatur Seite 123 6.6 Zertifikate in der Praxis 123 6.5 Pareto Effizienz Hinsichtlich der Pareto-Effizienz gelten für Zertifikate die gleichen Voraussetzungen wie für Preislösungen – ein Pareto-Optimum wird über Mengenlösungen genau dann erreicht, wenn die Umweltbehörde gerade soviele Zertifikate ausgibt, dass der Zertifikatepreis dem Grenznutzen entspricht, der durch die Verbesserung der Umweltqualität erzielt wird (denn dann gilt Grenznutzen = Grenzkosten = Zertifikatepreis). Die Umweltbehörde muss also neben der (erwarteten) Schadensfunktion auch hier „lediglich“ die aggregierte Grenzkostenfunktion der Schadstoffvermeidung kennen, um ein Pareto- Optimum zu implemen tieren. Dies setzt allerdings wie bei der Abgabenlösung voraus, dass – wie etwa bei CO2 – nur die Summe der Schadstoffe entscheidet, weil andernfalls Fehleinschätzungen indi vidueller Grenzkostenfunktionen der Schadstoffvermeidung auch zu anderen räumlichen Verteilungen der Schadstoffe führen, als dies von der Umweltbehörde erwartet wurde. Da Abgaben und Zertifikate den gleichen Informationsbedarf zur Erreichung eines Pareto-Optimums aufweisen, liegt der Schluss nahe, dass die Verwendung des Pareto - Kriteriums keine Hinweise darauf geben kann, wann man eher Abgaben oder Zertifikate einsetzen sollte. Diese Einschätzung relativiert sich aber, wenn man die jeweiligen Wohlfahrtsverluste analysiert, die sich durch die Instrumente bei Fehleinschätzungen der relevanten Funktionen ergeben. Darauf kommen wir im Rahmen unserer Analyse um weltpolitischer Instrumente bei Unsicherheit und asymmetrischer Informationsverteilung in Kapitel 11 noch ausführlich zurück. 6.6 Zertifikate in der Praxis I: Das Beispiel des US amerikani schen Clean Air Acts (CAA) 6.6.1 Anwendungsbereiche Die Idee des Zertifikatehandels wurde mittlerweile in verschiedenen Bereichen umgesetzt.4 Allein in den USA gibt es zahlreiche Zertifikatelösungen; so für die Substitution von ver bleiten Kraftstoffen,5 die Kontrolle der Wasserqualität,6 den CFC Handel7 und 4 Eine Studie der OECD erwähnt 9 Zertifikatelösungen bei der Kontrolle von Luftverschmutzungen, 75 im Bereich der Fischerei, 3 zum Management von Frischwasserressourcen und 5 im Umgang mit Landnutzungsrechten (vgl. OECD (1999), Anhang 1, S. 18 f.). Tietenberg (2007) ergänzt diese Auflistung um 3 weitere Zertifikatelösungen im Luftbereich, u.a. auch das hier in Abschnitt 6.7 vorgestellte EU CO2-Handelssystem. 5 Vgl. Hahn/Hester (1989) und Newell/Rogers (2004). 6 Vgl. Hahn (1989), Stephenson/Norris/Shabman (1998). 7 Vgl. Hahn/McGartland (1989) und Hammitt (2004). Nachdem die Ausdünnung der Ozonschicht („Ozonloch“) 1985 erst mals nachgewiesen wurde, bekannten sich die Regierungen zu strengeren Maßnahmen mit dem Ziel der Reduktion von Produktion und Konsum einer Reihe von chlorierten Fluorkohlenstoffen (CFC’s) und be stimmter Halogenkohlenwasserstoffe (Halone). Das „Montreal Protocol on Substances that Deplete the Ozone Layer“ wurde am 16. September 1987 verabschiedet und trat am 1. Januar 1989 in Kraft. Seitdem wurde das Protokoll durch zahlreiche

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Umweltökonomie – neue Aspekte

Die rasanten Entwicklungen in der Umweltpolitik in den vergangenen Jahren führten zu umfangreichen Anpassungen in diesem beliebten Lehrbuch, die insbesondere die anwendungsorientierten Abschnitte betreffen. Hier wurden vor allem die Kapitel über die Umweltinstrumente (Auflagen, Steuern, Zertifikate), die Kosten-Nutzen-Analyse sowie die internationalen Umweltaspekte (bspw. Klimakonferenzen) grundlegend aktualisiert. Darüber hinaus enthält das Kapitel zur Ressourcenökonomie nun ebenfalls eine anwendungsbezogene Diskussion.

Umweltökonomie – die Schwerpunkte

- Spieltheoretische Grundlagen

- Theorie externer Effekte

- Auflagen

- Steuern und Abgaben

- Zertifikate

- Verhandlungslösungen

- Umwelthaftung

- Umwelttechnischer Fortschritt

- Internationale Aspekte des Umweltproblems

- Umweltpolitik bei asymmetrischer Informationsverteilung

- Kosten-Nutzen-Analyse

- Ressourcenökonomie

Zielgruppe

Studierende der Volks- und Betriebswirtschaftslehre an Universitäten und Hochschulen sowie interessierte Praktiker in Wirtschaft, Politik und Verwaltung

Prof. Dr. Eberhard Feess ist seit 2008 Professor für Managerial Economics an der Frankfurt School of Finance and Management. Zuvor hatte er Lehrstühle an der EBS, der Johann Wolfgang Goethe Universität Frankfurt und der RWTH Aachen.

Prof. Dr. Andreas Seeliger lehrt seit 2011 Volks- und Energiewirtschaftslehre an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Mosbach. Zuvor war er bei Frontier Economics, der Trianel European Energy Trading sowie dem Energiewirtschaftlichen Institut an der Universität zu Köln beschäftigt.