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6.1 Grundgedanke und Überblick in:

Eberhard Feess, Andreas Seeliger

Umweltökonomie und Umweltpolitik, page 130 - 131

4. Edition 2013, ISBN print: 978-3-8006-4668-5, ISBN online: 978-3-8006-4365-3, https://doi.org/10.15358/9783800643653_130

Bibliographic information
Vahlen – Allg. Reihe – Feess/Seeliger, Umweltökonomie und Unweltpolitik, 4. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.09.2013 Status: Imprimatur Seite 119 6 Zertifikate 6.1 Grundgedanke und Überblick Der Grundgedanke von Zertifikaten bzw. Lizenzen besteht darin, die insgesamt zulässige Umweltbelastung für einen bestimmten Bereich – d.h. beispielsweise die insgesamt zulässigen Emissionen eines Luftschadstoffes in einer Region oder die Menge der Einweg flaschen, die in einem bestimmten Zeitraum insgesamt verkauft werden darf – festzulegen und auf handelbare Zertifikate aufzuteilen.1 Ein Zertifikat ist also eine Genehmigung für eine bestimmte Umweltbelastung, beispielsweise dafür, im Jahr 1994 30 Einwegflaschen zu verkaufen. Analog zu Preislösungen (Abgaben und Steuern) nennt man Zertifikate daher auch Mengenlösungen. Preis- und Mengenlösungen verhalten sich spiegelbildlich zueinander: Bei Preislösungen wird ein Schadstoffpreis vorgegeben, und es bleibt den Unternehmen überlassen, wie viel von dem „Produktionsfaktor Schadstoff“ sie zu diesem Preis nachfragen wollen (die Emission eines Schadstoffes kann ohne weiteres als Faktornachfrage interpretiert werden). Bei Zertifikaten wird die insgesamt zulässige Menge fixiert und aufgeteilt, während sich der Preis für den Produktionsfaktor auf dem Markt bildet. Im einen Fall wird der Preis, im anderen Fall die Menge (allerdings nicht – wie bei der Auflage – die Menge für jedes Unternehmen, sondern die Gesamtmenge) fixiert. Jedes beteiligte Unternehmen steht bei der Mengenlösung vor der Entscheidung, ob es Schadstoffe vermeiden oder lieber Zertifikate kaufen soll, deren Preis sich auf dem Markt für Zertifikate bildet. Wenn wir beispielsweise annehmen, dass der Preis für die Emission einer Einheit SO2 zehn Geldeinheiten beträgt und die Grenzkosten der Schadstoffvermeidung zunehmen, dann wird jedes Unternehmen so lange Zertifikate kaufen, wie die Grenzkosten der Vermeidung noch über dem Zertifikatepreis von zehn Geldeinheiten liegen. Bei vollständiger Konkurrenz auf dem Zertifikatemarkt ergibt sich also genau das gleiche Ergebnis wie für Abgaben: Bei Abgaben entsprechen im Gewinnmaximum der Un ternehmen die Grenzkosten der Vermeidung dem von der Umweltbehörde vorgegebenen Abgabensatz, und bei der Zertifikatelösung dem auf dem Markt bestimmten Zertifikatepreis. Diese Spiegelbildlichkeit der Effizienzbedingungen von Preis- und Mengenlösungen ist auch ganz selbstverständlich, weil ja auf einer Nachfragefunktion (ob nach Emissionen oder nach den traditionellen Produktionsfaktoren wie Arbeit und Kapital) jedem Preis eindeutig eine Menge zugeordnet ist und umgekehrt. Wir stellen in Abschnitt 6.2 zunächst die beiden Extremformen der Erstausgabe von Zertifikaten dar, ehe wir in den nachfolgenden Abschnitten erneut unsere Kriterien zur Beurteilung umweltpolitischer Instrumente (Kosteneffizienz in Abschnitt 6.3, ökologi- 1 In der Bundesrepublik Deutschland hat vor allem Holger Bonus die Vorteile von Zertifikaten immer wieder hervorgehoben; vgl. schon Bonus (1982) sowie z.B. Bonus (1990). Zu den praktischen Einsatz möglichkeiten vgl. auch Kemper (1993), S. 208 ff. und Harrington/Morgenstern/ Sterner (2004). Vahlen – Allg. Reihe – Feess/Seeliger, Umweltökonomie und Unweltpolitik, 4. Aufl. Herstellung: Frau Deuringer Stand: 18.09.2013 Status: Imprimatur Seite 120 6 Zertifikate120 sche Treffsicherheit in Abschnitt 6.4 und Pareto-Effizienz in Abschnitt 6.5) durchgehen. Auf ein eigenständiges Grundmodell der ökonomischen Analyse können wir verzichten, weil dieses sehr eng an die Abgabenlösung angelehnt ist und wir es daher direkt bei der Beurteilung der Kosteneffizienz einführen können. In Abschnitt 6.6 gehen wir mit dem US-amerikanischen Clean Air Act recht detailliert auf die erste wichtige Praxisvariante von Zertifikatelösungen ein, ehe wir uns in Abschnitt 6.7 dem aktuell wichtigsten Beispiel, dem CO2-Zertifikatehandel innerhalb der EU widmen. In Abschnitt 6.8 werden wir schließlich einige zusammen fassende Schlussfolgerungen ziehen. 6.2 Erstausgabemechanismen Der Handel mit Zertifikaten an der Börse setzt verständlicherweise voraus, dass die Unter nehmen im Besitz der Zertifikate sind. Es stellt sich also die Frage, wie die Unternehmen das erste Mal an die Zertifikate kommen. Wenn wir annehmen, dass ein Zertifikat mit der Aufschrift „10 Einheiten CO2“ jedes Jahr zur Emission von 10 Einheiten berechtigt, so stellt sich dieses Problem nur einmal, weil die Zertifikate beim anschließenden Handel im Besitz der (anderen) Unternehmen verbleiben. Die beiden theoretisch extremen Varianten der Erstausgabe sind das sog. „grandfathering“ und das Auktionsverfahren: 1. Beim grandfathering werden die Unternehmen mit einer Zertifikatemenge ausgestattet, die zunächst die Beibehaltung des Status Quo ermöglicht, d.h. jedes Unternehmen bekommt Zertifikate in dem Ausmaß, in dem es bisher emittiert hat. Wenn die Grenzvermeidungskosten der Unternehmen unterschiedlich sind, kommt dann ein Handel zustande, der die volkswirtschaftlichen Kosten der Schadstoffreduktion gemäß den hergeleiteten Effizienzbedingungen auf ihr Minimum reduziert. Damit sich die Umweltqualität verbessert, müssen die Zertifikate dann im Zeitablauf allerdings an Wert verlieren, d.h. beispielsweise, dass ein Zertifikat, welches im Jahr 1995 zur Emission von 100 Einheiten berechtigt, im Jahr 1996 nur noch 90 Einheiten „wert ist“. Für die grandfathering-Methode spricht, dass ökonomische Härten vermieden werden und die Unternehmen nicht plötzlich mit einer völlig neuen Situation konfrontiert werden, indem sie für einen bisher kostenlosen Produktionsfaktor bezahlen müssen. Problematisch ist allerdings, dass Unternehmen mit einer besonders umweltfreundlichen Technologie, die möglicherweise hohe Forschungs- und Entwicklungskosten auf sich genommen haben, benachteiligt werden, indem sie weniger Zertifikate erhalten. Wenn die Unternehmen mit der Einführung einer Zertifikatelösung über das grandfathering rechnen, haben sie einen Anreiz, zunächst möglichst viel zu emittieren, um die Zertifikate später verkaufen zu können. Das reine grandfathering ist daher aus Wettbewerbsgesichtspunkten abzulehnen. 2. Das andere Extrem besteht darin, die Zertifikate zu versteigern (Auktionsverfahren). Der Vorteil von Auktionen ist, dass diese bei entsprechend intelligenter Durchführung2 dazu führen, dass die Zertifikate zu den Unternehmen wandern, bei de nen 2 Bahnbrechend zur Entwicklung effizienter Auktionen ist die von Vickrey (1961) entwickelte second-price auction, bei der der Bieter, der das höchste Gebot abgibt, nur den Preis des zweit-

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References

Zusammenfassung

Umweltökonomie – neue Aspekte

Die rasanten Entwicklungen in der Umweltpolitik in den vergangenen Jahren führten zu umfangreichen Anpassungen in diesem beliebten Lehrbuch, die insbesondere die anwendungsorientierten Abschnitte betreffen. Hier wurden vor allem die Kapitel über die Umweltinstrumente (Auflagen, Steuern, Zertifikate), die Kosten-Nutzen-Analyse sowie die internationalen Umweltaspekte (bspw. Klimakonferenzen) grundlegend aktualisiert. Darüber hinaus enthält das Kapitel zur Ressourcenökonomie nun ebenfalls eine anwendungsbezogene Diskussion.

Umweltökonomie – die Schwerpunkte

- Spieltheoretische Grundlagen

- Theorie externer Effekte

- Auflagen

- Steuern und Abgaben

- Zertifikate

- Verhandlungslösungen

- Umwelthaftung

- Umwelttechnischer Fortschritt

- Internationale Aspekte des Umweltproblems

- Umweltpolitik bei asymmetrischer Informationsverteilung

- Kosten-Nutzen-Analyse

- Ressourcenökonomie

Zielgruppe

Studierende der Volks- und Betriebswirtschaftslehre an Universitäten und Hochschulen sowie interessierte Praktiker in Wirtschaft, Politik und Verwaltung

Prof. Dr. Eberhard Feess ist seit 2008 Professor für Managerial Economics an der Frankfurt School of Finance and Management. Zuvor hatte er Lehrstühle an der EBS, der Johann Wolfgang Goethe Universität Frankfurt und der RWTH Aachen.

Prof. Dr. Andreas Seeliger lehrt seit 2011 Volks- und Energiewirtschaftslehre an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Mosbach. Zuvor war er bei Frontier Economics, der Trianel European Energy Trading sowie dem Energiewirtschaftlichen Institut an der Universität zu Köln beschäftigt.