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5. Kassenhaltung und Preisniveau in:

Otmar Issing

Einführung in die Geldtheorie, page 46 - 48

15. Edition 2011, ISBN print: 978-3-8006-3810-9, ISBN online: 978-3-8006-4315-8, https://doi.org/10.15358/9783800643158_46

Series: Vahlens Kurzlehrbücher

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Während die Kassenhaltungsmotive von Keynes auch heute noch die Grundlage zahlreicher Arbeiten bilden, wurde diese Darstellung der Theorie der Geldnachfrage in wesentlichen Punkten aufgegeben. So wird die Kassenhaltung nach dem Transaktionsmotiv nicht mehr als eine Größe angesehen, die rein „technisch‘‘ bedingt ist. Die mangelnde Synchronisation von Einnahmen und Ausgaben macht zwar eine Kassenhaltung notwendig, doch lassen sich deren Opportunitätskosten je nach Höhe der Zinsen und der Anlagekosten durch vorübergehende verzinsliche Anlage, d.h. eben Verringerung der Transaktionskasse, mehr oder weniger reduzieren. Die Transaktionskassenhaltung wird damit ebenfalls zinsabhängig. Zum anderen hat man die Trennung in verschiedene Kassen entsprechend den unterschiedlichen Motiven der Kassenhaltung aufgegeben; die Höhe der gewünschten Kassenhaltung wird vielmehr als Ausfluss einer einheitlichen Gesamtentscheidung angesehen, bei der allerdings mit dem Zins und dem Transaktionsvolumen bzw. dem Volkseinkommen die gleichen Determinanten wie in der Keynesschen Theorie die entscheidende Rolle spielen. 5. Kassenhaltung und Preisniveau Nach den bisher diskutierten Ansätzen orientieren die Wirtschaftseinheiten ihre Geldnachfrage an monetären Größen. So stellt etwa die Variable Y in Gleichung (24) das nominelle Volkseinkommen dar. Je nach Höhe des Preisniveaus kann aber nun ein gegebenes nominelles Volkseinkommen ein ganz unterschiedliches Realeinkommen bedeuten. Da sich das Preisniveau im Zeitablauf ändert, bleibt zu prüfen, inwieweit die Wirtschaftseinheiten derartige Änderungen des Preisniveaus registrieren und in ihren Entscheidungen berücksichtigen. Dieses Problem spielt in verschiedenen Bereichen der Wirtschaftstheorie eine wichtige Rolle. Gibt beispielsweise ein Haushalt drei Viertel seines Einkommens für Konsumgüter aus und verdoppeln sich jetzt sein nominelles Einkommen und seine nominelle Kassenhaltung, während gleichzeitig die Preise aller von ihm gekauften Konsumgüter ebenfalls auf das Doppelte steigen, so wird der Haushalt, wenn er den Preisanstieg in Rechnung stellt, seine nominellen Konsumausgaben verdoppeln und damit nach wie vor ein Viertel seines Einkommens sparen; real gesehen hätte sich also am Einkommen, den Konsumausgaben und der Ersparnis nichts geändert. Verhält sich ein Haushalt in dieser Weise, bezeichnet man dies als Freiheit von Geldillusion. Würde der Haushalt dagegen seine Konsumausgaben unter den genannten Umständen nicht verdoppeln und infolgedessen den Anteil der Ersparnisbildung gegenüber der Ausgangssituation erhöhen, hätte man dies als Anzeichen dafür zu werten, dass der Haushalt die rein nominelle „Aufblähung‘‘ aller Geldgrößen nicht registriert bzw. in seinen Entscheidungen nicht berücksichtigt und somit der Geldillusion unterliegt. Im Falle der Geldillusion orientieren die Wirtschaftssubjekte ihre Geldnachfrage an Nominalgrößen, wie etwa dem nominellen Volkseinkommen, auch dann, wenn sich das Preisniveau ändert. Wird dagegen das Preisniveau bei der Entscheidung über die Höhe der Kassenhaltung berücksichtigt, so gilt: (25) MD P Ë ’ Y P ; i . MD/P stellt die reale Geldnachfrage dar; sind die Wirtschaftssubjekte frei von Geldillusion, ist der Wunsch nach realer Kassenhaltung nach (25) eine Funktion des 5. Kassenhaltung und Preisniveau 39 realen Volkseinkommens und des Zinses. Verdoppeln sich beispielsweise nominelles Volkseinkommen und Preisniveau, so wünschen die Wirtschaftssubjekte (bei konstantem Zins) auch ihre nominelle Kassenhaltung zu verdoppeln, der Wert des realen Volkseinkommens und der realen Kassenhaltung bleibt dagegen unverändert. In Gleichung (25) gibt die Größe P den jeweiligen Stand des Preisniveaus an, d.h. die Wirtschaftssubjekte berücksichtigen in ihrer Geldnachfrage bereits eingetretene Veränderungen des Preisniveaus. Davon strikt zu unterscheiden ist die Überlegung, inwiefern die Preiserwartungen Einfluss auf die Höhe der Geldnachfrage haben. Können die Wirtschaftssubjekte nicht mit einer Konstanz des Preisniveaus in der Zukunft rechnen und ist auch das Ausmaß der zukünftigen Änderungen des Preisniveaus ungewiss, so besteht Unsicherheit über den zukünftigen Realwert aller Nominalwerte, unter die neben festverzinslichen Wertpapieren etc. auch die Kassenhaltung zu rechnen ist. Zu den im zweiten Abschnitt genannten Erscheinungsformen der unsicheren Erwartungen kommt also bei diesen Nominalwerten noch die Unsicherheit über den zukünftigen Realwert hinzu. Hat man mit Änderungen des Preisniveaus zu rechnen, resultiert aus der Kassenhaltung nur eine Sicherheit über deren Nominalwert, aber nicht über den Realwert. Berücksichtigen die Wirtschaftssubjekte in ihrer (realen) Geldnachfrage etwaige Preiserwartungen, erweitert sich die Funktion (25) um die Variable erwartetes Preisniveau (P*): (26) MD P Ë f Y P ; i; P . In (26) wird unterstellt, dass die Höhe der gewünschten realen Kassenhaltung auch vom erwarteten Preisniveau P* abhängt, und zwar nimmt die reale Geldnachfrage umso mehr ab (zu), je höher (niedriger) das erwartete zukünftige Preisniveau ist. Steigende Preise in der Zukunft erhöhen die Opportunitätskosten der Kassenhaltung; die Wirtschaftssubjekte werden die Kassenhaltung unter der Erwartung steigender Preise reduzieren und Käufe von Gütern (zu den noch niedrigeren Preisen) zeitlich vorziehen sowie verstärkt Geld in Realwerten anlegen. Dagegen führt die Erwartung sinkender Preise dazu, dass Käufe von Gütern zurückgestellt werden und die reale Kassenhaltung steigt; in diese Richtung wirkt auch die vergleichsweise erhöhte Attraktivität des Vermögensobjektes Geld. Tatsächliche Änderungen und erwartete Änderungen des Preisniveaus rufen unterschiedliche Reaktionen der Wirtschaftseinheiten hervor. Während bei Freiheit von Geldillusion gemäß (25) eine realisierte Erhöhung des Preisniveaus zu einer Vergrö- ßerung der nominellen Kassenhaltung und (bei konstantem Realeinkommen) zu einer unveränderten realen Kassenhaltung führt, werden die Wirtschaftssubjekte gemäß (26) bei Erwartung von zukünftigen Preissteigerungen ihre reale Geldnachfrage reduzieren; im Falle eingetretener Preissenkungen wird auf Grund der gleichen Überlegungen die nominelle Kassenhaltung verringert und die reale ebenfalls konstant gehalten, während erwartete Preissenkungen eine Erhöhung der realen Geldnachfrage bewirken. Die gesamten Opportunitätskosten der Kassenhaltung werden durch den Zinssatz und die Preiserwartungen ausgedrückt. Wie im Kapitel zur Inflationstheorie gezeigt wird, ist die Zinshöhe jedoch nicht unabhängig von den Preiserwartungen; unter bestimmten Voraussetzungen kann der Nominalzins um den vollen Wert des erwarteten Preisanstiegs zunehmen. Unter i in (26) hat man daher den Realzins zu verste- 40 II. Die Nachfrage nach Geld hen, definiert als der Zins, der bei erwarteter Preisstabilität bestünde. Andernfalls wäre das Argument „Preiserwartungen‘‘ in obiger Funktion doppelt enthalten, einmal direkt und zum anderen indirekt über den Einfluss auf den Nominalzins. Die folgende Übersicht fasst die relativen Vor- und Nachteile verschiedener Aktiva als Vermögensobjekte zusammen. Anlagekosten Ertrag Nominalwertsicherheit Realwertsicherheit Geld (M1) nein gering ja nein Termin- und Spareinlagen nein ja ja nein kurzfristige festverzinsliche Wertpapiere ja ja weitgehend nein langfristige festverzinsliche Wertpapiere ja ja nein nein Sachaktiva ja ja nein ja 6. Überblick über empirische Untersuchungen zur Geldnachfrage Basierend auf den theoretischen Überlegungen der vorangegangenen Abschnitte soll in dem nun folgenden Teil ein kurzer Überblick über empirische Arbeiten zur Geldnachfrage gegeben werden. Sowohl in der Geldtheorie als auch für die Geldpolitik kommt der Geldnachfrage eine zentrale Rolle zu. Es erscheint deshalb kaum verwunderlich, dass sich die Auseinandersetzung um die „Richtigkeit‘‘ verschiedener Hypothesen und der daraus resultierenden Implikationen seit geraumer Zeit überwiegend auf das Feld der Empirie verlagert hat. Damit einhergehend hat eine Flut von Veröffentlichungen eingesetzt, die inzwischen beinahe unüberschaubare Ausmaße angenommen hat. Da die einzelnen Untersuchungen in vielerlei Hinsicht (z.B. nach Land, Aggregat, Zeitraum, Schätzmethode etc.) differieren und eine umfassende Darstellung den Rahmen dieses Buches sprengen würde, soll hier nur auf die zentralen Fragestellungen eingegangen werden: (a) Welches sind die zu berücksichtigenden unabhängigen Variablen? (b) Wie groß sind die entsprechenden Elastizitäten der Geldnachfrage? (c) Erweisen sich europäische Geldmengenaggregate als stabil? a) Die Determinanten der Geldnachfrage Die unabhängigen Variablen einer Geldnachfragefunktion umfassen in der Regel eine Transaktionsvariable und eine Opportunitätskostenvariable. So berücksichtigt die überwiegende Mehrheit der Studien als Transaktionsvariable das Realeinkommen und als Opportunitätskostenvariable einen Zinssatz, zwei Variablen also, deren Einfluss weiter oben unter stark vereinfachenden Annahmen als Quintessenz der theoretischen Modelle abgeleitet wurde und überwiegend auch empirisch gesichert ist. Neben diesen Größen können aber auch andere Einflussfaktoren die Geldnachfrage beeinflussen. Inwieweit dies für ein spezielles Aggregat in einem bestimmten 6. Überblick über empirische Untersuchungen zur Geldnachfrage 41

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Zusammenfassung

Der Klassiker zur Geldtheorie.

Das Lehrbuch zur Geldtheorie

ist eines der erfolgreichsten Bücher dieser Art. Dem Autor Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Otmar Issing, ehemals Direktoriumsmitglied der Europäischen Zentralbank und »Vater des Euro«, gelingt es hervorragend, den aktuellen Stand der modernen Geldtheorie einfach und konzentriert darzustellen. Der Band gibt den Studenten eine hilfreiche Orientierung in der Diskussion zwischen Keynesianern, Monetaristen und Liquiditätstheoretikern.

Geldtheorie aktuell

Die Neuauflage enthält unter anderem Ausführungen zu

* den wichtigsten Entwicklungen der Kreditmarkttheorie

* dem Einfluss der Finanzmarktkrise auf den Geldmarkt und

* dem Zusammenhang von Finanzmarktkrise und Liquidität.

Im Überblick

* Das Geld

* Die Nachfrage nach Geld

* Das Geldangebot

* Zinstheorie

* Geldmenge, monetäre Nachfrage, Preisniveau und Beschäftigung

* Die Liquidität

* Inflationstheorie