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4. Die Motive der Kassenhaltung bei Keynes in:

Otmar Issing

Einführung in die Geldtheorie, page 43 - 46

15. Edition 2011, ISBN print: 978-3-8006-3810-9, ISBN online: 978-3-8006-4315-8, https://doi.org/10.15358/9783800643158_43

Series: Vahlens Kurzlehrbücher

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findet aus dieser Schwierigkeit einen Ausweg, indem er auf das sog. permanente Einkommen (permanent income) zurückgreift, das er in früheren Untersuchungen zur Konsumtheorie als Bestimmungsgröße für die Konsumnachfrage zugrunde gelegt hatte. (Zur Bestimmung des permanenten Einkommens wird ein gewogener Durchschnitt vergangener Einkommen gewählt, wobei die Gewichte mit zunehmendem zeitlichen Abstand zur Ausgangsperiode abnehmen. Als Referenzperiode gilt jeweils ein Konjunkturzyklus.) Für die permanente, d.h. auf langfristige Zeiträume bezogene reale Geldnachfrage kommt Friedman zu folgender Funktion: (20) M NPP Ë YP NPP . Dabei sind: N Ë Bevölkerung PP Ë permanentes Preisniveau YP Ë permanentes Gesamteinkommen d Ë Einkommenselastizität der Geldnachfrage In (20) ist also die permanente reale Geldnachfrage pro Kopf der Bevölkerung als Funktion des permanenten realen Pro-Kopf-Einkommens dargestellt; der Zins erscheint in der langfristigen Geldnachfragefunktion nicht als Argument. 4. Die Motive der Kassenhaltung bei Keynes Die moderne Theorie der Geldnachfrage geht in ihren Anfängen vor allem auf J. M. Keynes zurück; die Grundgedanken der Keynesschen Kassenhaltungstheorie sollen daher im Folgenden kurz dargestellt werden. In den Worten seiner im Jahre 1936 erschienenen „Allgemeinen Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes‘‘ ist die Vorliebe für das Halten von Geld, die Liquiditätsvorliebe, abhängig von: „1. dem Umsatzmotiv, das heißt der Notwendigkeit von Kasse für den laufenden persönlichen und geschäftlichen Austausch; 2. dem Vorsichtsmotiv, das heißt dem Verlangen nach Sicherheit über den zukünftigen Barwert eines gewissen Teils des Gesamtvermögens; und 3. dem Spekulationsmotiv, das heißt der Absicht, aus einer besseren Erkenntnis der Zukunft, als sie der Markt hat, einen Gewinn zu erzielen.‘‘ Diese Gründe für die Liquiditätsvorliebe sind nichts anderes als Motive der Kassenhaltung. Das Transaktionsmotiv (Umsatzmotiv) führt bei gegebenem Grad der Synchronisation von Einnahmen und Ausgaben zu einer Kassenhaltung, deren Höhe vom Volumen der Transaktionen abhängt; zumindest für eine kurzfristige Betrachtung kann man das Transaktionsvolumen durch das Volkseinkommen (Y) substituieren. Die aggregierte Geldnachfrage aller Wirtschaftssubjekte für Transaktionszwecke (MDT) ergibt sich demnach als: (21) MDT Ë MDT (Y). Nach der Auffassung von Keynes verändert sich die Transaktionskasse direkt proportional mit dem Volkseinkommen (siehe Abb. II.5a); sie ist im wesentlichen unabhängig von der Zinshöhe (i). Der senkrechte Verlauf der Geldnachfragekurven für 36 II. Die Nachfrage nach Geld Transaktionszwecke in Abb. II.5b ist Ausdruck dieser Unabhängigkeit; für alternative Höhen des Volkseinkommens Y1 5 Y2 5 Y3 erhält man senkrechte Parallelen. M D T( Y 1) M D T( Y 3) M D T( Y 2) MDT MDT i (b)(a) 00 Y Abb. II.5 Das Vorsichtsmotiv von Keynes entspringt der Unsicherheit der Wirtschaftssubjekte über Höhe und zeitliche Folge von Zahlungsausgängen und -eingängen. Unterstellt man, dass der daraus resultierende Wunsch nach Kassenhaltung vom Volumen der Transaktionen abhängt, kann man die Vorsichtskasse als „Zuschlag‘‘ auf die Transaktionskasse verstehen. Explizit zu berücksichtigen bleibt noch die Geldnachfrage auf Grund des Spekulationsmotivs. Diese ist nach Keynes aus zwei Gründen von der Zinshöhe abhängig. Zum einen steigen die (Opportunitäts-)Kosten der Kassenhaltung mit steigender Höhe des Zinses; zum anderen richtet sich die Erwartung umso mehr auf sinkende Zinsen, d.h. aber steigende Wertpapierkurse, je höher das gegenwärtige Zinsniveau ist. Je höher der Zins ist, desto mehr Wirtschaftssubjekte werden folglich die spekulative Kassenhaltung aufgeben und in Erwartung steigender Kurse (sinkender Zinsen) Wertpapiere kaufen. Keynes unterstellt, dass es als einzige Alternative zur Kassenhaltung festverzinsliche Wertpapiere in Form der „ewigen Rente‘‘, d.h. mit „unendlich langer Laufzeit‘‘ gibt. Anders als nach der Portfoliotheorie trifft das einzelne Wirtschaftssubjekt in jedem Falle eine „Alles-oder-Nichts-Entscheidung‘‘, die aus seinen sicheren Erwartungen bezüglich der Zins- respektive Kursentwicklung resultiert; es hält entweder aus spekulativen Gründen nur Geld oder löst die spekulative Kassenhaltung vollständig auf und verwendet den gesamten Betrag zum Kauf von Wertpapieren. Die einzelnen Wirtschaftssubjekte beurteilen die zukünftige Entwicklung von Zins bzw. Kursen jedoch unterschiedlich. Bei höherem Zins geben die einen die spekulative Geldhaltung noch nicht auf, während andere bereits Wertpapiere kaufen; ab einer bestimmten Zinshöhe hält aber schließlich niemand mehr Geld aus spekulativen Gründen. Für die Geldnachfrage für Spekulationszwecke (MDL), auch Kurve der eigentlichen Liquiditätspräferenz genannt, gilt demnach: (22) MDL Ë MDL (i). 4. Die Motive der Kassenhaltung bei Keynes 37 Die Zinselastizität der Geldnachfrage ist wie folgt definiert: (23) MD Ë dMDMD : di i . i 0 i1 MDL Liquiditätsfalle Abb. II.6 Abb. II.6 zeigt die Abhängigkeit der spekulativen Geldnachfrage von der Zinshöhe. Nach Keynes wird nun die Zinselastizität dieser Geldnachfrage unendlich elastisch, wenn der Zins so tief liegt, dass alle Wirtschaftssubjekte diese Zinshöhe als eine Art „absoluter Untergrenze‘‘ ansehen; in der Erwartung, dass der Zins in der Zukunft nur steigen kann und damit die Kurse nur sinken können, kaufen die Wirtschaftssubjekte keine Wertpapiere. Weil in dieser Situation alles von der Notenbank zusätzlich geschaffene Geld in der Spekulationskasse „verschwinden‘‘ würde, spricht man von der Keynesschen Liquiditätsfalle. Für die gesamte Geldnachfrage MD, resultierend aus allen drei Motiven, lässt sich unter Zusammenfassung von (21) und (22) folgende Gleichung aufstellen: (24) MD Ë MDT (Y) Ê MDL (i) Ë MD (Y, i). Die horizontale „Addition‘‘ der Kurven für MDT und MDL führt für eine jeweils gegebene Höhe des Volkseinkommens zu einer Kurve der gesamten Geldnachfrage, die hinsichtlich ihrer Steigung in ihrem oberen, zinsunelastischen Teil allein durch das Transaktionsmotiv, in ihrem übrigen Bereich allein durch das Spekulationsmotiv bestimmt ist (Abb. II.7). 0 i MD M D (Y 1) M D (Y 2) M D (Y 3) Abb. II.7 38 II. Die Nachfrage nach Geld Während die Kassenhaltungsmotive von Keynes auch heute noch die Grundlage zahlreicher Arbeiten bilden, wurde diese Darstellung der Theorie der Geldnachfrage in wesentlichen Punkten aufgegeben. So wird die Kassenhaltung nach dem Transaktionsmotiv nicht mehr als eine Größe angesehen, die rein „technisch‘‘ bedingt ist. Die mangelnde Synchronisation von Einnahmen und Ausgaben macht zwar eine Kassenhaltung notwendig, doch lassen sich deren Opportunitätskosten je nach Höhe der Zinsen und der Anlagekosten durch vorübergehende verzinsliche Anlage, d.h. eben Verringerung der Transaktionskasse, mehr oder weniger reduzieren. Die Transaktionskassenhaltung wird damit ebenfalls zinsabhängig. Zum anderen hat man die Trennung in verschiedene Kassen entsprechend den unterschiedlichen Motiven der Kassenhaltung aufgegeben; die Höhe der gewünschten Kassenhaltung wird vielmehr als Ausfluss einer einheitlichen Gesamtentscheidung angesehen, bei der allerdings mit dem Zins und dem Transaktionsvolumen bzw. dem Volkseinkommen die gleichen Determinanten wie in der Keynesschen Theorie die entscheidende Rolle spielen. 5. Kassenhaltung und Preisniveau Nach den bisher diskutierten Ansätzen orientieren die Wirtschaftseinheiten ihre Geldnachfrage an monetären Größen. So stellt etwa die Variable Y in Gleichung (24) das nominelle Volkseinkommen dar. Je nach Höhe des Preisniveaus kann aber nun ein gegebenes nominelles Volkseinkommen ein ganz unterschiedliches Realeinkommen bedeuten. Da sich das Preisniveau im Zeitablauf ändert, bleibt zu prüfen, inwieweit die Wirtschaftseinheiten derartige Änderungen des Preisniveaus registrieren und in ihren Entscheidungen berücksichtigen. Dieses Problem spielt in verschiedenen Bereichen der Wirtschaftstheorie eine wichtige Rolle. Gibt beispielsweise ein Haushalt drei Viertel seines Einkommens für Konsumgüter aus und verdoppeln sich jetzt sein nominelles Einkommen und seine nominelle Kassenhaltung, während gleichzeitig die Preise aller von ihm gekauften Konsumgüter ebenfalls auf das Doppelte steigen, so wird der Haushalt, wenn er den Preisanstieg in Rechnung stellt, seine nominellen Konsumausgaben verdoppeln und damit nach wie vor ein Viertel seines Einkommens sparen; real gesehen hätte sich also am Einkommen, den Konsumausgaben und der Ersparnis nichts geändert. Verhält sich ein Haushalt in dieser Weise, bezeichnet man dies als Freiheit von Geldillusion. Würde der Haushalt dagegen seine Konsumausgaben unter den genannten Umständen nicht verdoppeln und infolgedessen den Anteil der Ersparnisbildung gegenüber der Ausgangssituation erhöhen, hätte man dies als Anzeichen dafür zu werten, dass der Haushalt die rein nominelle „Aufblähung‘‘ aller Geldgrößen nicht registriert bzw. in seinen Entscheidungen nicht berücksichtigt und somit der Geldillusion unterliegt. Im Falle der Geldillusion orientieren die Wirtschaftssubjekte ihre Geldnachfrage an Nominalgrößen, wie etwa dem nominellen Volkseinkommen, auch dann, wenn sich das Preisniveau ändert. Wird dagegen das Preisniveau bei der Entscheidung über die Höhe der Kassenhaltung berücksichtigt, so gilt: (25) MD P Ë ’ Y P ; i . MD/P stellt die reale Geldnachfrage dar; sind die Wirtschaftssubjekte frei von Geldillusion, ist der Wunsch nach realer Kassenhaltung nach (25) eine Funktion des 5. Kassenhaltung und Preisniveau 39

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Zusammenfassung

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Die Neuauflage enthält unter anderem Ausführungen zu

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* dem Einfluss der Finanzmarktkrise auf den Geldmarkt und

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Im Überblick

* Das Geld

* Die Nachfrage nach Geld

* Das Geldangebot

* Zinstheorie

* Geldmenge, monetäre Nachfrage, Preisniveau und Beschäftigung

* Die Liquidität

* Inflationstheorie