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10. Der Disinflationsprozess in:

Otmar Issing

Einführung in die Geldtheorie, page 268 - 275

15. Edition 2011, ISBN print: 978-3-8006-3810-9, ISBN online: 978-3-8006-4315-8, https://doi.org/10.15358/9783800643158_268

Series: Vahlens Kurzlehrbücher

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10. Der Disinflationsprozess Generell ist damit zu rechnen, dass von einer anhaltenden Inflation kaum positive Wirkungen ausgehen, andererseits aber die Gefahr der Beschleunigung der Geldentwertung stets virulent bleibt. Zumindest auf längere Sicht steht die Wirtschaftspolitik daher vor der Aufgabe, einen Kurs der Inflationsbekämpfung einzuschlagen. Die dazu im Einzelnen erforderlichen Maßnahmen können hier nicht dargestellt werden; ohne eine Reduktion des Geldmengenwachstums lässt sich diese Politik jedoch mit Sicherheit nicht erfolgreich durchführen. Offen bleiben muss an dieser Stelle auch, ob eine abrupte Beendigung des Inflationsprozesses nach Art einer Schocktherapie oder eine allmähliche Rückführung der Preissteigerungsrate im Wege des Gradualismus die angemessene Strategie verkörpert. Wie schon kurz erwähnt, haben zahlreiche Länder anfangs der achtziger Jahre einen Disinflationsprozess eingeleitet, in dessen Folge die Inflationsrate erheblich zurückging; gleichzeitig war jedoch eine deutliche Zunahme der Arbeitslosigkeit und ein ebenso ausgeprägter Rückgang des Wirtschaftswachstums zu verzeichnen. Mit diesem empirischen Befund vor Augen ist daher die Frage aufgeworfen, ob mit solchen negativen Begleiterscheinungen der Disinflation zwangsläufig zu rechnen ist und wovon die Höhe der volkswirtschaftlichen Kosten der Inflationsbekämpfung abhängt. Zur Klärung der Zusammenhänge sei zunächst auf die Quantitätsgleichung zurückgegriffen: (17) M · U Ë Y · P. U steht für die Kreislaufgeschwindigkeit und Y für das reale Volkseinkommen. In Wachstumsraten geschrieben lautet die Gleichung: (18) m Ê u Ë y Ê p. Die Summe aus den Wachstumsraten von Geldmenge und Kreislaufgeschwindigkeit entspricht also immer der Summe aus den Raten der Inflation und des realen Wachstums. Vernachlässigt man den Einfluss von Änderungen der Kreislaufgeschwindigkeit, so ergibt sich: (19) m p Ë y. Wird also die Wachstumsrate der Geldmenge reduziert, so wird die Wachstumsrate des realen Volkseinkommens nur dann nicht tangiert, wenn die Inflationsrate genau im gleichen Maße zurückgeht, oder anders ausgedrückt: Negative Auswirkungen auf das Wirtschaftswachstum – und damit im Allgemeinen auch auf die Beschäftigung – sind in dem Maße unvermeidlich, in dem die Inflationsrate langsamer sinkt als die Rate des Geldmengenwachstums zurückgeht. Güterpreise, Löhne und Zinsen werden in einer Volkswirtschaft nicht in jedem Augenblick neu festgesetzt bzw. passen sich immer nur mit Verzögerungen den geänderten Bedingungen an. Schlägt die Wirtschaftspolitik also einen Kurs der Inflationsbekämpfung ein, so gelten bestehende Preis-, Lohn- und Zinsvereinbarungen im Allgemeinen noch eine Zeit lang weiter. In Abhängigkeit von der vorangegangenen 10. Der Disinflationsprozess 261 Inflationsentwicklung haben sich in diesen Vereinbarungen jedoch entsprechende Inflationserwartungen niedergeschlagen. Jeder Inflationsprozess enthält insofern ein Trägheitselement, das von der Zahl und der Dauer der Kontrakte abhängt, in denen nominelle Werte für Güterpreise, Löhne und Zinsen auf Grund der bisherigen Erwartungen für eine bestimmte Zeit fixiert sind. Dieses Trägheitselement verhindert die sofortige Anpassung der nominellen Grö- ßen an die niedrigere Inflationsrate und bewirkt über den unerwünschten Anstieg der realen Werte einen Rückgang des Outputs. Dies soll an einem Beispiel verdeutlicht werden: Prod. p* wn w * r Ë (wn p*) p wr Ë (wn p) 3 10 13 3 10 3 3 10 13 3 5 8 Unter der Annahme eines Produktivitätsanstiegs (Prod.) von 3% und einer erwarteten Inflationsrate (p*) von 10% beschließen die Tarifpartner eine Nominallohnerhöhung von 13%, die einer beabsichtigten Reallohnerhöhung (w*r ) von 3% entspricht; tritt die erwartete Inflationsrate tatsächlich (p) ein, stimmen tatsächliche (wr) und erwünschte Reallohnerhöhung überein. Setzt nun jedoch während der Laufzeit dieses Tarifvertrages ein Disinflationsprozess ein und geht die tatsächliche Inflationsrate auf 5% zurück, fällt der Reallohnanstieg wesentlich höher (8%) aus, als dies die Tarifpartner beabsichtigt haben. Da die Beschäftigung nicht eine Funktion des Nominal-, sondern des Reallohnes ist, muss der im Grunde ungewollte Reallohnanstieg zu einem Beschäftigungsrückgang führen. Ähnliche Wirkungen ergeben sich, wenn Kreditverträge bzw. Wertpapieremissionen einen für die Laufzeit fest vereinbarten Nominalzins vorsehen, der auf Inflationserwartungen der Vergangenheit beruht, die sich inzwischen als überhöht erweisen. Die durch den Rückgang der Inflationsrate in diesem Falle bewirkte Erhöhung der realen Zinsbelastung beeinträchtigt die Rentabilität entsprechend finanzierter Investitionsprojekte und kann im Extrem zum Konkurs des Unternehmens führen. Hier zeigt sich nun die Kehrseite der Antizipation der Inflation: je stärker sich die (überhöhten) Inflationserwartungen in Kontrakten verfestigt haben, desto mehr wird die erforderliche Anpassung an die niedrigeren Inflationsraten erschwert, desto höher werden die Kosten der Disinflation. Dieser Zusammenhang kann anhand der Phillips-Kurve näher erläutert werden. In Abb. VII.27 ist unterstellt, dass sich die kurzfristigen Phillips-Kurven (K1, K2) im vorangegangenen Inflationsprozess nach oben verschoben haben und sich die betreffende Volkswirtschaft nunmehr in der durch A bezeichneten Situation, d.h. im Zustand vollständiger Antizipation, auf der langfristigen, senkrechten Phillips-Kurve K befindet: Ein trade-off zwischen Arbeitslosigkeit und Inflation besteht nicht mehr, selbst über eine Beschleunigung der Inflation ließe sich die Beschäftigung nicht mehr erhöhen. 262 VII. Inflationstheorie 0 A% B K AK2 K1 P Abb. VII.27 In dieser Ausgangslage werde nun ein Prozess der Inflationsbekämpfung eingeleitet. Würden sich die Nominallöhne nun vollständig und ohne Verzögerung den ge- änderten monetären Bedingungen anpassen, so könnte die Inflationsrate entlang der Senkrechten K ohne Einbuße an Beschäftigung reduziert werden. (Dies unterstellt die sog. Neue Klassische Makroökonomie, die zu diesem Ergebnis auf Grund einer Verbindung von vollständiger Preisflexibilität und rationalen Erwartungen gelangt.) Je weniger jedoch die Nominallöhne nachgeben, je stärker der Reallohn als Folge der sinkenden Inflationsrate steigt, desto mehr geht die Beschäftigung zurück; in Abb. VII.27 zeigt der Pfeil A B diese Entwicklung an. Die volkswirtschaftlichen Kosten des Disinflationsprozesses hängen generell entscheidend von der Geschwindigkeit ab, mit der sich Güterpreise, Löhne und Zinsen an die sinkende Inflationsrate anpassen. Eine weitverbreitete Indexierung erweist sich daher in dem Maße als vorteilhaft, in dem sie diese Anpassung quasi automatisch und mit möglichst geringer Zeitverzögerung gewährleistet. Der Erfolg der Disinflationspolitik wird wesentlich davon bestimmt, inwieweit es gelingt, die Inflationserwartungen zu brechen. Die Wirtschaftssubjekte wiederum werden umso eher bereit sein, von niedrigeren zukünftigen Preissteigerungsraten auszugehen, je mehr sie dem Kurswechsel der Wirtschaftspolitik trauen und von ihrem Erfolg überzeugt sind. Disinflationspolitik bedarf deshalb vor allem der Glaubwürdigkeit. Es gibt eine Vielzahl von Ansätzen in der wirtschaftswissenschaftlichen Literatur, die versuchen, die sog. Nicht-Neutralität der Geldpolitik in der kurzen Frist theoretisch zu begründen und zu modellieren. Dabei hat in den letzten Jahren ein Modell, das sog. neukeynesianische Phillips-Kurven-Modell, erheblich an Bedeutung gewonnen, weshalb es kurz skizziert werden soll. Die verschiedenen Ausprägungen dieses Modells betonen die Bedeutung von Lohnrigiditäten, aber auch von Preisrigiditäten. Sie bemühen sich außerdem um eine explizite Mikrofundierung des Phillips-Kurven- Zusammenhangs, umso einem Kritikpunkt an den älteren Phillips-Kurven-Modellen (z. B. von Friedman) zu begegnen. Neukeynesianische Phillips-Kurven stehen in der Tradition der Modelle gestaffelter Lohn- und Preiskontrakte von Taylor und Calvo sowie Rotembergs Modell quadratischer Preisanpassungskosten. Die meisten der neukeynesianischen Modelle unterstellen, dass die Unternehmen zeitabhängigen Re- 10. Der Disinflationsprozess 263 geln bei der Anpassung ihrer Preise folgen, d. h. sie nehmen Preisänderungen nicht laufend, sondern nur nach einem bestimmten Zeitplan vor. Während auf diese Modelle hier nicht im Einzelnen eingegangen werden kann, soll der Prototyp der neukeynesianischen Phillips-Kurve in seiner reduzierten Form dargestellt werden: (20) pt Ë p*t+1 c (Ut U*). Gemäß (20) ist die Inflationsrate zum Zeitpunkt t pt abhängig von der erwarteten Inflationsrate der nächsten Periode p*t+1 und der Abweichung der Arbeitslosigkeit Ut von der „natürlichen‘‘ Arbeitslosigkeit U*. Aufgrund von Messproblemen und Zweifeln an der Konstanz der natürlichen Arbeitslosenquote wird die Arbeitslosenrate häufig durch die Abweichung der Produktion vom Produktionspotential ersetzt. c gibt an, wie stark die Preise auf das Ungleichgewicht am Arbeitsmarkt bzw. am Gütermarkt reagieren, reflektiert aber auch die Frequenz, mit der die Preise geändert werden. Die Gründe, warum sich dieses Modell großer Beliebtheit in der jüngeren Literatur erfreut, sind eindeutig: Es erinnert an die Phillips-Kurven-Modelle von Friedman und Phelps, liefert aber gleichzeitig eine mikroökonomische Fundierung der Tatsache, dass sich das Preisniveau nur langsam an veränderte wirtschaftliche Bedingungen anpasst, und ist dabei noch relativ einfach spezifiziert. Allerdings impliziert (20) in Verbindung mit der weitverbreiteten Annahme rationaler Erwartungen, dass eine – glaubwürdig angekündigte – Disinflation ohne reale Kosten möglich ist (mehr noch, dass eine graduelle Disinflation mit einem wirtschaftlichen Aufschwung einhergehen würde!). Diese Eigenschaft steht im direkten Widerspruch zu der empirischen Erfahrung. Ein Grund für diesen Widerspruch besteht darin, dass das neukeynesianische Modell zwar berücksichtigt, dass sich die Preise langsam anpassen, aber vernachlässigt, dass auch die Inflation – wie bereits erwähnt – eine gewisse Trägheit (Persistenz) aufweist. Die Trägheit im Inflationsprozess kann z. B. mit teils rückwärtsgerichteten Inflationserwartungen (vgl. Abschnitt 7) erklärt werden. Empirisch wird die NKPC deshalb meist in ihrer hybriden Form geschätzt, in der die aktuelle Inflationsrate sowohl von der vergangenen als auch der zukünftigen Inflationsrate und vom Auslastungsgrad in der Wirtschaft abhängt. (21) pt Ë a pt 1 Ê b p*t+1 Ê d (Yt Y*). Die Koeffizienten a und b bestimmen die relative Bedeutung von rückwärts und vorwärtsgerichteten Inflationserwartungen, während der Koeffizient d die Wirkung des Auslastungsgrades auf die Inflationsrate bestimmt. Sollte das tatsächliche Bruttoinlandsprodukt Y kleiner sein als das Produktionspotential Y*, der Auslastungsgrad der Wirtschaft also negativ sein, dann müsste dies zu niedrigeren Inflationsrate als bei normaler Auslastung führen. Die Schätzung dieser Gleichung wirft besondere schätztechnische Probleme auf, die damit zusammenhängen, dass die erwartete Inflationsrate eine nicht beobachtbare Variable ist. Zwar könnten hierfür Daten über Inflationserwartungen, die auf Umfragen basieren oder aus Finanzmarktdaten abgeleitet werden, herangezogen werden, allerdings stehen diese erst über zu kurze Zeiträume zur Verfügung, um statistisch haltbare Zusammenhänge ableiten zu können. Deshalb wird häufig auf bestimmte GMM-Schätzer (generalised method of moments) zurückgegriffen, ein Oberbegriff für eine Fülle von Schätzverfahren einschließlich der Methode der In- 264 VII. Inflationstheorie strumentenvariablen, die bei der Schätzung der NKPC eine große Rolle spielen. Eine Vielzahl von Studien, die auf diesen Verfahren basieren, kommt zum Schluss, dass der Koeffizient d in (21) sehr klein und oft statistisch insignifikant ist. Einige Studien finden zu dem, dass dieser Koeffizient im Zeitablauf immer kleiner geworden ist, die Phillips-Kurve sich also abgeflacht hat und der Grad der Kapazitätsauslastung kaum mehr eine Rolle für die Inflationsdynamik spielt. In der Literatur sind mehrere Erklärungsansätze für diese empirische Evidenz, die in Abb. VII.19 ja auch für Deutschland zu konstatieren ist, zu finden. Ein Argument ist, dass die herangezogenen GMM-Schätzer unter bestimmten Bedingungen nicht robust sind und deshalb verzerrte Resultate liefern; es ist also Vorsicht bei ihrer Interpretation geboten. Neben dieser eher technischen Erklärung werden vornehmlich zwei ökonomische Begründungen für das Abflachen der Phillips-Kurve herangezogen. Erstens, die weltweit stärkere Ausrichtung der Geldpolitik auf Geldwertstabilität, die zu einer stärkeren Verankerung der Inflationserwartungen und zu einer Verminderung der zyklischen Variabilität der Inflationsrate geführt hat. Zweitens gibt es vermehrt Belege, dass der Globalisierungsprozess, der sich seit einigen Jahrzehnten vollzieht, einen Einfluss auf die Preisentwicklung hat. Unter „Globalisierung“ versteht man den Prozess einer fortschreitenden Verflechtung von ehemals nationalen Güter-, Finanz- und Arbeitsmärkten, der mit dem der Eintritt neuer Markteilnehmer wie China, Indien, aber auch einige mittel- und osteuropäische Länder, in die Weltmärkte einherging. Hierdurch könnte sich der Zusammenhang zwischen inländischer Nachfrage und inländischer Produktion gelockert und der Einfluss der Kapazitätsauslastung der heimischen Wirtschaft auf die Inflationsentwicklung abgenommen haben; vielmehr dürften Schwankungen im Auslastungsgrad der Weltwirtschaft eine wichtige Rolle für die Preisentwicklung haben (Borio und Filardo, IWF World Economic Outlook). Der verschärfte internationale Wettbewerb könnte auch Unternehmen gezwungen haben, steigende Kosten durch sinkende Margen aufzufangen anstatt diese an ihre Kunden durch erhöhte Preise weiterzugeben, was die Beziehung zwischen Kosten, Auslastungsgrad und Preisen beeinträchtigt haben dürfte. Die gestiegene Mobilität von Arbeitskräften und die vereinfachtere Möglichkeit von Produktionsverlagerungen in kostengünstigere Regionen könnte zudem den Zusammenhang zwischen Produktionskosten und Kapazitätsauslastung aufgeweicht haben. Alle Faktoren können zu einer Abflachung der Phillips- Kurve beigetragen haben, wenn auch ihr relativer Erklärungsgehalt schwerlich empirisch bestimmt werden kann. Globalisierung hat aber nicht nur den Phillips-Kurven- Zusammenhang gelockert, sondern insgesamt zu einer Dämpfung der Verbraucherpreise geführt, da billigere Importgüter aus Niedriglohnländern in Fernost sowie Mittel- und Osteuropa vermehrt verfügbar geworden sind. So haben sich die Anteile der Importe aus Niedriglohnländern in Deutschland aber auch in anderen industrialisierten Ländern erhöht. Sinkende Importpreise haben einen ganz direkten Effekt auf die inländische Preisentwicklung (Importpreiseffekt), führen aber auch indirekt über einen erhöhten Druck auf die Preise und Löhne im Inland produzierter Produkte, die in Konkurrenz mit den importierten Waren stehen (Wettbewerbskanal). Der preisdämpfende Effekt könnte zwar zum Teil durch gegenläufige, d. h. preistreibende, Wirkungen auf knappe Rohstoffe wie Öl und Metalle, deren Preise im Zuge der verstärkten weltweiten Nachfrage in die Höhe getrieben wurden, kompensiert werden. Studien von der OECD und der Europäischen Zentralbank verweisen aber 10. Der Disinflationsprozess 265 auf einen insgesamt, wenn auch geringen, inflationsreduzierenden Effekt über mehrere Jahre. Konzeptionell und empirisch lassen sich die volkswirtschaftlichen Kosten der Inflationsbekämpfung durch die sog. „sacrifice ratio‘‘ ausdrücken. Dabei wird das mit der Disinflation verbundene „Opfer‘‘ (sacrifice) auf die dauerhafte Reduktion der Inflationsrate bezogen. Das „Opfer‘‘ wird meist durch den kumulierten Outputverlust gemessen. Angenommen, durch eine Politik der Disinflation sinkt die Inflationsrate dauerhaft um 2 Prozentpunkte. Die gesamtwirtschaftliche Produktion möge im ersten Jahr dieser Politik um 3% unter dem Wert liegen, der sonst erreicht worden wäre, im zweiten Jahr noch um 2% darunter; im dritten Jahr befinde sich die Produktion wieder auf ihrem trendmäßigen Wachstumspfad. Der kumulierte relative Outputverlust beläuft sich dann auf 5%, und die „sacrifice ratio‘‘ beträgt 2,5: Das heißt, im Durchschnitt war jeder dauerhafte Prozentpunkt Inflationsabbau mit einer vorübergehenden Produktionseinbuße von 2,5% des Produktionspotentials verbunden. Empirische Schätzungen der „sacrifice ratio‘‘ führen für Deutschland zu Werten zwischen 2 und 4, verglichen mit OECD-Durchschnittswerten von nur 1 bis 1,5. Das kann darauf beruhen, dass die Höhe der Inflationsrate zu Beginn der Disinflationspolitik in Deutschland meist niedriger gewesen ist als im Durchschnitt der OECD-Länder, und die Inflationsbekämpfung umso „teurer‘‘ ist, je geringer die Inflationsrate im Ausgangszustand bereits war. Mit der verstärkten Ausrichtung der Geldpolitik auf das langfristige Ziel der Preisstabilität seit Mitte der achtziger Jahre ist es wahrscheinlich, dass die sacrifice ratio in vielen Ländern auf ein ähnliches Niveau wie in Deutschland angestiegen ist. Wenn die Produktion nach einer gewissen Zeit wieder – wie im obigen Beispiel – auf ihren Potentialpfad zurückkehrt, wenn also die langfristige Phillips-Kurve vertikal verläuft, dann sind die Disinflationskosten temporär. Dies wird jedoch von manchen Ökonomen in Frage gestellt. So ist die Idee, ein „bisschen“ Inflation sei notwendig, um die „Räder der Ökonomie zu schmieren“, nach wie vor relativ populär. Dahinter steht ganz allgemein das Argument, dass in den modernen Industriestaaten (absolute) Kürzungen der Nominallöhne kaum durchzusetzen seien. Ein gesamtwirtschaftlich erforderliches Absenken der Reallöhne sei dagegen – bei gegebenen Nominallöhnen – über Preissteigerungen, also Inflation sehr viel leichter möglich. Ein wichtiger Beitrag auf diesem Gebiet kommt von Akerlof, Dickens und Perry, die für die USA davon ausgehen, dass die Kosten der Disinflation permanent sind, Output und Beschäftigung also dauerhaft unter ihren zuvor erreichten Niveaus verharren. Sie begründen dies mit einer langfristigen Phillips-Kurve, die im Bereich von Inflationsraten über 3% p.a. zwar vertikal, im Bereich moderater Inflationsraten unter 3% aber nahezu horizontal verläuft. Nach ihren Vorstellungen beruht diese L- Form der Phillips-Kurve im Wesentlichen auf nach unten rigiden Nominallöhnen. Danach würden Unternehmen aus Gründen der Arbeitsmoral und Fairness nominale Lohnsenkungen im Allgemeinen vermeiden. Nur bei ernsthaften Schwierigkeiten, die den Bestand einer Firma gefährden, würden Unternehmen nominale Lohnsenkungen in Betracht ziehen. Die theoretischen Grundlagen der nominalen Rigiditäten nach unten sind allerdings noch relativ wenig entwickelt. Dauerhaft anhaltende nominale Rigiditäten nach unten stehen nicht zuletzt im Widerspruch zu der Annahme eines rationalen Verhaltens der Wirtschaftssubjekte und können überwiegend nur durch psycho- 266 VII. Inflationstheorie logische Faktoren begründet werden. Die meisten Untersuchungen zu der Existenz nach unten rigider Nominallöhne stützen sich deshalb auf die empirische Verteilung der Lohnänderungen und verweisen darauf, dass die Löhne häufig konstant bleiben, während Nominallohnsenkungen relativ selten sind. Mehrere Studien haben gezeigt, dass dies auch auf Deutschland und den Euroraum zutrifft. Untersuchungen im Rahmen des Wage Dynamics Networks für den Euroraum verweisen darauf, dass Löhne im Durchschnitt weniger als einmal im Jahr geändert werden, und damit noch persistenter als Preise sind. Die Häufigkeit von Lohnänderungen und der Grad der Abwärtsrigidität hängen stark von nationalen Arbeitsmarktinstitutionen ab. So werden Löhne weniger oft geändert, wenn Tarifverträge einen hohen Bindungsgrad haben, und sie werden öfters geändert, wenn sie an die Preisentwicklung indexiert sind. Den Löhnen neu eingestellter Arbeitnehmer kommt in diesem Prozess eine besondere Rolle zu, da die meisten Unternehmen die Anpassung der insgesamt geleisteten Arbeitsstunden im Konjunkturverlauf meist über die Zahl der Beschäftigten und nicht über die pro Kopf geleisteten Stunden vornehmen. Umfrageergebnissen zufolge werden die Löhne neueingestellter Arbeitnehmer vorrangig von internen Faktoren wie etwa Tarifvereinbarungen oder - aus Fairness- und Motivationsüberlegungen – den Löhnen ähnlich gestellter Mitarbeiter in der gleichen Firma und weniger von der externen Arbeitsmarktlage bestimmt. Doch allein aus der Tatsache, dass die Unternehmen bei Inflationsraten zwischen 2% und 4% nur selten Nominallohnsenkungen vornehmen, kann nicht geschlossen werden, dass dies bei anhaltender Preisstabilität (Nominallohnsenkungen wären dann zugleich Reallohnsenkungen) genauso wäre. Die Verhaltensweisen, die sich in der Vergangenheit herausgebildet haben, lassen sich nicht einfach auf die Zukunft übertragen. Erfahrungen mit einer langen Periode anhaltender Geldwertstabilität gibt es (mindestens) seit 1945 nicht mehr. Vertrauen die Wirtschaftssubjekte, und d. h. in diesem Zusammenhang die für die Lohnverhandlungen Zuständigen, erst einmal auf die Dauerhaftigkeit der Preisstabilität, dann ist nicht einzusehen, warum sie die aus der Zeit der Gewöhnung an die Inflation stammenden Verhaltensweisen unverändert fortsetzen sollten. Dies wird durch die jüngsten Erfahrungen in Japan belegt, wo sich die Nominallohnrigiditäten in einer Phase sehr niedriger Inflationsraten bzw. bei Deflation verringert haben oder sogar gänzlich verschwunden sind. Zudem hat sich gezeigt, dass solche Restriktionen sehr stark von der Ausgestaltung der Arbeitsverträge (bei Arbeitnehmern mit Festanstellungen sind die Nominallöhne rigider als bei Zeit- oder Teilzeitarbeitnehmern) und des Vergütungssystems (nicht-pekuniäre oder leistungsabhängige Vergütungskomponenten weisen eine geringere Rigidität nach unten auf als fixe Lohnbestandteile) abhängig sind. Mit der zunehmenden Bedeutung flexibler Arbeitsbeziehungen und Vergütungssysteme dürften deshalb die Rigiditäten nach unten abnehmen. Bei der Diskussion darum, ob Inflation die Wirtschaft und insbesondere den Arbeitsmarkt „schmiert“, wird häufig auch übersehen, dass Inflation ebenso „Sand ins Getriebe“ werfen kann, indem sie notwendige Lohn- und Preisanpassungen verhindert. Bestehen generell nominale Rigiditäten (weil z.B. Kontrakte eine lange Laufzeit haben), dann kann es sein, dass sich inflationäre Preisänderungen nicht sofort und gleichmäßig über alle Wirtschaftssektoren ausbreiten und so unbeabsichtigte und möglicherweise schädliche Änderungen der relativen Preise an den Märkten bewir- 10. Der Disinflationsprozess 267 ken. Der Nettoeffekt, den die Inflation auf den Arbeitsmarkt hat, geht in diesem Fall gegen Null. 11. Null-Inflation Die Auffassung, dass Preisstabilität das vorrangige Ziel der Geldpolitik sein sollte, hat sich heute weitgehend durchgesetzt. Dahinter steht zum einen die Erfahrung, dass hohe Inflationsraten adverse Allokations-, Verteilungs- und Wachstumseffekte haben. Das gilt insbesondere dann, wenn die Inflationsraten volatil sind (wie Abb. VII.25 zeigt, gehen hohe und volatile Inflationsraten meist Hand in Hand) und von den Wirtschaftssubjekten nicht antizipiert werden können. Zum anderen ist zu fragen, inwieweit es immer gelingen kann, die Preissteigerungsrate auf relativ niedrigem Niveau zu stabilisieren, und wenn ja, warum man dann das Ziel nicht gleich höher setzen und Preisstabilität anstreben sollte. Zur theoretischen Begründung des Stabilitätsziels kann das im Abschnitt 4 erläuterte Modell der natürlichen Arbeitslosenquote (bzw. das NAIRU-Konzept) herangezogen werden. Danach erhöht oder verringert sich die Inflationsrate, je nachdem, ob die Beschäftigung über oder unter der natürlichen Arbeitslosenquote liegt. Nur wenn die Arbeitslosenquote mit der natürlichen Rate (die nicht konstant sein muss) zusammenfällt, besteht keine systematische Tendenz für die Inflationsrate, sich zu ändern. Arbeitslosigkeit in Höhe der natürlichen Arbeitslosenquote ist mit jeder konstanten Inflationsrate – also auch mit Preisstabilität – vereinbar. Da bei Preisstabilität keine Inflationskosten entstehen, ist Null-Inflation das „natürliche‘‘ Ziel der Geldpolitik. Schwieriger liegen die Verhältnisse, wenn Null-Inflation erst über einen Disinflationsprozess erreicht werden muss, der mit Disinflationskosten verbunden ist (vgl. Abschnitt 10). Wie hoch muss der permanente Nutzen der Preisstabilität sein, um die temporären Kosten der Disinflation zu rechtfertigen? Oder anders ausgedrückt, wie weit sollte die Disinflation gehen? Ist nicht doch eine moderate positive Inflationsrate der Null-Inflation vorzuziehen? Dies sind schwierige empirische Fragen, auf die es je nach historischer Erfahrung und von Land zu Land unterschiedliche Antworten geben kann. Nach allgemeinen ökonomischen Prinzipien lässt sich sagen, dass ein Disinflationsprozess solange fortgesetzt werden sollte, wie der Gegenwartswert des Nutzens der Preisstabilität die Kosten der Disinflation überschreitet (Howitt’s Rule). Der Nutzen der Preisstabilität besteht in der Vermeidung von Inflationskosten. Bei den Inflationskosten ist analytisch zwischen Wachstums- und Niveaueinbußen bei der gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung zu unterscheiden. Negative Wachstumseffekte der Inflation lassen sich empirisch allerdings erst bei hohen Inflationsraten von 10% pro Jahr und mehr nachweisen (vgl. Abschnitt 4). Inflation kann aber auch das Niveau der gesamtwirtschaftlichen Produktion bzw. der sozialen Wohlfahrt beeinträchtigen. Es hat sich jedoch als überraschend schwierig erwiesen, die Niveaueffekte einer moderaten, stabilen und antizipierten Inflationsrate empirisch zu messen. Einige dieser Kosten wurden überhaupt erst in jüngster Zeit in ihrem vollen Ausmaß erkannt. In der Literatur hat sich die Untersuchung der Inflationskosten traditionell auf die reale Geldhaltung konzentriert. Dies ist nahe liegend, denn dabei handelt es sich um 268 VII. Inflationstheorie

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References

Zusammenfassung

Der Klassiker zur Geldtheorie.

Das Lehrbuch zur Geldtheorie

ist eines der erfolgreichsten Bücher dieser Art. Dem Autor Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Otmar Issing, ehemals Direktoriumsmitglied der Europäischen Zentralbank und »Vater des Euro«, gelingt es hervorragend, den aktuellen Stand der modernen Geldtheorie einfach und konzentriert darzustellen. Der Band gibt den Studenten eine hilfreiche Orientierung in der Diskussion zwischen Keynesianern, Monetaristen und Liquiditätstheoretikern.

Geldtheorie aktuell

Die Neuauflage enthält unter anderem Ausführungen zu

* den wichtigsten Entwicklungen der Kreditmarkttheorie

* dem Einfluss der Finanzmarktkrise auf den Geldmarkt und

* dem Zusammenhang von Finanzmarktkrise und Liquidität.

Im Überblick

* Das Geld

* Die Nachfrage nach Geld

* Das Geldangebot

* Zinstheorie

* Geldmenge, monetäre Nachfrage, Preisniveau und Beschäftigung

* Die Liquidität

* Inflationstheorie