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3. Die Entstehung der Geldsubstitute in:

Otmar Issing

Einführung in die Geldtheorie, page 185 - 192

15. Edition 2011, ISBN print: 978-3-8006-3810-9, ISBN online: 978-3-8006-4315-8, https://doi.org/10.15358/9783800643158_185

Series: Vahlens Kurzlehrbücher

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Y und L haben sich unter diesen Annahmen im gleichen Maße erhöht, sofern A den Austausch von Kasse gegen eine Forderung an B nicht als Verminderung seiner Liquiditätsposition betrachtet und B den Kreditbetrag in voller Höhe für Zahlungen verwendet, die ohne Kreditaufnahme nicht möglich gewesen wären; der Quotient Y/ L bleibt in diesem Falle konstant, während der Quotient Y/M steigt und M/Su folglich sinkt. Nach der Liquiditätstheorie des Geldes ist dieser Vorgang wie folgt zu interpretieren: Die Wirtschaftssubjekte halten Geld als Zahlungsmittel (aktives Geld) und als Wertaufbewahrungsmittel (inaktives Geld). A reduziert durch die Kreditgewährung seinen Bestand an inaktivem Geld; es wird durch die Forderung an B substituiert. Sofern B den Kreditbetrag für zusätzliche Käufe verwendet, steigt die aktive Geldmenge. Bei gegebener Gesamtgeldmenge wird durch diese Kreditvergabe also die aktive Geldmenge erhöht, die inaktive Geldmenge entsprechend reduziert; ermöglicht wird dieser Vorgang durch die Schaffung des Geldsubstitutes „Forderung an B‘‘. Bei gleicher Geldmenge kann somit ein größeres Volumen an wirtschaftlichen Transaktionen, d.h. Käufen bzw. Verkäufen, bewältigt werden. Analog sinkt der Ausnutzungsgrad einer gegebenen Geldmenge, wenn der Quotient M/Su steigt, der Anteil der Geldsubstitute an der gesamtwirtschaftlichen Liquidität also zurückgeht; der Anteil der aktiven Geldmenge wird niedriger, mit einer gegebenen Geldmenge kann nur noch ein geringeres Transaktionsvolumen finanziert werden. In einer konsolidierten Rechnung würde die Forderung des A gegen die Verbindlichkeit des B aufgerechnet werden und in der Bilanz des privaten Nichtbankensektors nicht erscheinen; ganz allgemein wiese eine solche Bilanz nur den Saldo an Forderungen und Verbindlichkeiten gegenüber anderen Sektoren auf. Hinter einem Saldo Null der Forderungen und Verbindlichkeiten innerhalb des privaten Nichtbankensektors kann sich jedoch ein ganz unterschiedliches Ausmaß an Kreditvorgängen verbergen. Nach Auffassung der Liquiditätstheorie des Geldes hat jede Ausdehnung der gesamtwirtschaftlichen Liquidität, ob durch Zunahme der Geldmenge und/oder der Geldsubstitute, einen expansiven, jede Einschränkung einen kontraktiven gesamtwirtschaftlichen Effekt. Aus diesem Grunde muss die Kreditgewährung nach dem Brutto-Prinzip erfasst werden, da im konsolidierten Netto-Ausweis ein wesentlicher Bestandteil der gesamtwirtschaftlichen Liquidität verlorengeht. 3. Die Entstehung der Geldsubstitute Während die Höhe der Geldmenge vor allem durch die Notenbank und den Geschäftsbankensektor bestimmt ist, resultiert die zweite Komponente der gesamtwirtschaftlichen Liquidität (Geldsubstitute) aus dem Zusammenwirken einer Vielzahl von Akteuren, die in der Terminologie des Radcliffe-Reports als die finanziellen Institutionen bezeichnet werden. Hierunter versteht man neben den Geschäftsbanken die sog. nicht-monetären Finanzinstitute – die ältere Terminologie spricht von Kreditvermittlern; dazu rechnen insbesondere Versicherungsgesellschaften, Bausparkassen und Kapitalanlagegesellschaften (die Wertpapier- oder Immobilienfonds anbieten). Auf europäischer Ebene wird in weitgehend analoger Weise zwischen Monetary Financial Institutions (MFIs; zu ihnen zählen auch Geldmarktfonds) und Non-Monetary Financial Institutions unterschieden. 178 VI. Die Liquidität Die Geschäftstätigkeit dieser finanziellen Institutionen und damit die Möglichkeit der Schaffung von Geldsubstituten hängt entscheidend ab vom allgemeinen Entwicklungsstand der Volkswirtschaft, dem Grad ihrer Erfahrung, ihrer Zuverlässigkeit, dem durch Gesetze und Verordnungen bestimmten rechtlichen Rahmen usw. Im Einzelnen kann man folgende Aktivitäten bei der Entstehung von Geldsubstituten unterscheiden: (1) Die Tätigkeit der Geschäftsbanken Eine besondere Rolle spielt hier der An- und Verkauf von Wertpapieren. Verkaufen die Banken längerfristige Wertpapiere aus ihrem Portefeuille an den Nichtbankensektor und zahlen die Käufer bargeldlos, so führt dies zunächst zu einer Vernichtung von Geschäftsbankengeld und damit zu einer Verringerung der gesamtwirtschaftlichen Geldmenge. Andererseits werden durch den Rückgang der Sichtverbindlichkeiten Mindestreserven frei, die eine zusätzliche aktive Geldschaffung ermöglichen. Da die Banken i.d.R. gerade dann solche Wertpapierverkäufe an den Nichtbankensektor vornehmen, wenn sie ihre Kreditgewährung ausdehnen wollen und die Notenbank das dazu erforderliche Zentralbankgeld nicht bzw. nur zu ungünstigen Konditionen zur Verfügung stellt, kann man davon ausgehen, dass die Geschäftsbanken die durch den Wertpapierverkauf eröffnete Möglichkeit der aktiven Geldschöpfung auch ausnützen wollen und können. Sofern jedoch die Erwerber der Wertpapiere zu deren Kauf inaktives Geld verwenden, wird eine Ausdehnung der gesamten Nachfrage möglich. Benutzen die Kreditnehmer, die über das von den Banken zusätzlich geschaffene Buchgeld verfügen können, diese Kredite zu Zahlungen, tritt die Erhöhung der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage tatsächlich ein. Bisher inaktives, d.h. nicht für Zahlungszwekke in den Kassen gehaltenes Geld wird durch diesen Vorgang aktiviert, die Geschäftstätigkeit kann ausgedehnt werden, ohne dass sich die Geldmenge auf Grund dieser Vorgänge verändert haben muss. Werden andererseits Kredite vom Nichtbankensektor zurückbezahlt und verwenden die Banken das freigewordene Zentralbankgeld zu Wertpapierkäufen, reduziert sich der Ausnutzungsgrad der gegebenen Zahlungsmittelmenge, wenn infolge dieses Vorganges aktives Geld in inaktives „verwandelt‘‘ wird. Weiterhin ist zu berücksichtigen, dass mit dem Wertpapiergeschäft der Banken auch eine Zunahme bzw. Abnahme der Termin- oder Sparguthaben einhergehen kann. Erwerben beispielsweise Nichtbanken Wertpapiere von den Geschäftsbanken im Tausch gegen Termin- oder Sparguthaben, werden dadurch entsprechende Beträge an Zentralbankgeld frei, die bisher als Mindestreserven gebunden waren. Dadurch wird eine aktive Schaffung von Geschäftsbankengeld ermöglicht, ohne dass die Notenbank zusätzliches Zentralbankgeld zur Verfügung gestellt hätte. Ob und in welchem Umfang dadurch die Geldmenge erhöht wird, ist eine Frage der Geldmengendefinition und der einzelnen Mindestreservesätze; analog ist der umgekehrte Fall des Wertpapierkaufs der Kreditinstitute von Nichtbanken gegen Einräumung von Termin- oder Sparguthaben zu beurteilen. Im Kapitel zur Geldangebotstheorie sind diese Zusammenhänge in ihrem Einfluss auf die Höhe der Geldmenge näher erläutert; an dieser Stelle muss das Problem offen bleiben, inwieweit sich diese Vorgänge in einer Änderung der gesamten Geldmenge oder des Ausnutzungsgrades einer gegebenen Geldmenge niederschlagen. Nun sind allerdings auch Einflüsse denkbar, die der bisher dargestellten expansiven Wirkung der Tätigkeit der Geschäftsbanken entgegenstehen können. Die Banken 3. Die Entstehung der Geldsubstitute 179 werden vor allem dann eine Ausweitung ihres Kreditgeschäftes über einen Wertpapierverkauf an das Publikum finanzieren wollen, wenn die Notenbank eine restriktive Geldpolitik betreibt, d.h. die Refinanzierung der Banken quantitativ begrenzt oder verteuert. In einer solchen Phase hoher Zinsen sind die Wertpapierkurse „gedrückt‘‘; beim Verkauf dieser Wertpapiere werden die Kursabschläge beim Wertpapierbestand realisiert, gleichzeitig führt das zusätzliche Wertpapierangebot zu weiteren Kursverlusten. Übersteigen diese Verluste des Aktivtausches die zusätzlichen Zinsgewinne, die bei einer Ausdehnung der Kreditgewährung zu erzielen sind, werden die Banken möglicherweise auf den Verkauf der Wertpapiere verzichten (Roosaoder Locking-in-Effect). (2) Die Tätigkeit der nicht-monetären Finanzinstitute Die Institute, die unter diesem Begriff zusammengefasst sind, zählen nicht zum Bankensektor, weil sie kein Buchgeld schaffen können. Ansonsten üben sie aber bankähnliche Funktionen aus; sie ziehen bisher inaktives Geld an sich und leihen es an die kreditsuchende Wirtschaft weiter. Eine Ausdehnung der gesamten Kreditgewährung in einer Volkswirtschaft tritt durch ihre Tätigkeit freilich nur dann ein, wenn die Kreditgewährung durch Kreditvermittler nicht lediglich an die Stelle der Kreditgewährung der Banken tritt. Die Ausdehnung des Geschäftes der Kreditvermittler stellt jedoch überwiegend eine zusätzliche Kreditgewährung dar. Dies liegt vor allem daran, dass die Kreditvermittler im Regelfall nicht der Mindestreservepflicht unterliegen. Das hat zur Folge, dass bei einer zusätzlichen Kreditgewährung durch diese Institutionen nicht Zentralbankgeld bei der Notenbank „gebunden‘‘ wird; die Kreditgewährung der Kreditvermittler beansprucht gesamtwirtschaftlich gesehen also kein Zentralbankgeld. Außerdem belastet die Mindestreservepflicht, sofern unverzinslich oder geringer verzinslich als am Geldmarkt, die Rentabilität der Banken, während dies für die Kreditvermittler nicht zutrifft; im Wettbewerb mit den Banken können die Kreditvermittler daher unter Umständen höhere Zinsen im Passivgeschäft bieten und dadurch leichter bisher inaktives Geld „aufspüren‘‘. eigentlicher Gläubiger (G) Kreditvermittler (KV) eigentlicher Schuldner (S) Zahlungsmittel Zahlungsmittel Forderung gegen KV = Geldsubstitut Forderung gegen S Abb. VI.1 180 VI. Die Liquidität Die Tätigkeit der nicht-monetären Finanzinstitute beruht auf der Existenz von Wirtschaftseinheiten mit Kassenbeständen, die ohne Rückgang der Ausgaben reduziert werden können, und solchen Wirtschaftseinheiten, die zur Finanzierung höherer Ausgaben zusätzliche Zahlungsmittel benötigen. Die Kreditvermittler schalten sich gewissermaßen zwischen die eigentlichen Gläubiger und Schuldner. Sie bieten den Besitzern bisher inaktiver Gelder – meist Sichtguthaben – verbriefte oder unverbriefte Forderungen gegen sich selbst an und übertragen die Zahlungsmittel an die kreditsuchende Wirtschaft; aus einer (möglichen) direkten Kreditgewährung wird eine indirekte (Abb. VI.1). Die Tätigkeit der nicht-monetären Finanzinstitute kann jedoch nicht nur als reiner Akt der „Vermittlung‘‘ zwischen Endgläubiger und -schuldner interpretiert werden, vielmehr vollzieht sich in diesem Vorgang auch eine qualitative Veränderung. Durch die Verteilung der eingesetzten Mittel auf eine Mehrzahl von Geschäften, den Zwang zur Beachtung besonderer rechtlicher Vorschriften, infolge der meist üblichen Überwachung durch staatliche Aufsichtsorgane etc. können die Kreditvermittler den eigentlichen Gläubigern im Regelfall weniger risikoreiche und liquidere Forderungen anbieten als es direkte Kredite wären (Risiko- und Fristentransformation); außerdem erstreckt sich ihre Funktion häufig auch auf eine „Sammlung‘‘ kleinerer Beträge (Losgrößentransformation). eigentlicher Gläubiger (G) Kreditvermittler (KV) Kasse 1000 Forderung Ê 1000 an KV Kasse Ê 1000 Verbindlichkeit Ê 1000 ggü. G eigentlicher Schuldner (S) Kreditvermittler (KV) Kasse Ê 1000 Verbindlichkeit Ê 1000 ggü. KV Kasse 1000 Forderung an S Ê 1000 Die Aktivitäten der nicht-monetären Finanzinstitute gleichen also – mit der entscheidenden Ausnahme der Geldschöpfung – weitgehend denen der Geschäftsbanken. Die Darstellung anhand eines Kontenschemas macht dies besonders deutlich (siehe oben). Der Unterschied zum Geschäftsbankengeld liegt darin, dass die Forderung gegen- über dem Kreditvermittler vom eigentlichen Gläubiger nicht jederzeit in Basisgeld (durch Barabhebung) umgetauscht werden kann. Infolgedessen tauscht der eigentliche Gläubiger das Aktivum Geld gegen eine Forderung an den Kreditvermittler, die nicht Geld ist; während sich also der Kassenbestand einer Nichtbank im Falle einer Bareinzahlung auf ein Scheckkonto bei einer Geschäftsbank nicht ändert, wird er im Falle der Übertragung eines Geldbetrages auf einen Kreditvermittler verringert. Die „Weiterleitung‘‘ der vom Kreditvermittler aufgenommenen Gelder an den eigentlichen Schuldner wirkt daher nicht geldmengenvermehrend, die gesamte Geldmenge bleibt vielmehr davon unberührt. Folgt man der Liquiditätstheorie des Geldes, ist diese Differenzierung jedoch eher künstlich, da sie nach Ansicht der Vertreter dieser Theorie den entscheidenden Sachverhalt verdeckt: Die Expansion der monetären 3. Die Entstehung der Geldsubstitute 181 Nachfrage kann nicht nur durch eine Erhöhung der Geldmenge, sondern auch durch eine Zunahme der Menge an Geldsubstituten ermöglicht werden. (1) B NB1 1 Mio SV (NB1) 1 Mio D (B) (2) RF B NB1 1 Mio D (B) 1 Mio FA (NB1) 1 Mio SV (RF) 1 Mio FA (RF) (3) RF B ST 1 Mio S (ST) 1 Mio SV (ST) 1 Mio D (B) 1 Mio S (RF) (4) B NB2 1 Mio SV (NB2) 1 Mio D (B) Kreditvermittler in diesem Sinne sind beispielsweise Rentenfonds, d.h. Fonds, die das bei ihnen eingelegte Geld in Schuldverschreibungen anlegen. Zur Verdeutlichung des Sachverhalts diene ein einfaches Beispiel (siehe auch die Kontendarstellung auf S. 182 oben). Eine inländische Nichtbank (NB1) verfüge bei einem inländischen Kreditinstitut (B) über eine Sichteinlage (D) in Höhe von 1 Mio Euro (1). Da sie dieses Geld vorläufig nicht benötigt, entscheidet sie sich für den Kauf von Zertifikaten eines Rentenfonds (RF). Gegen Ausgabe der Fondsanteile (FA) an die Nichtbank erhält der Rentenfonds die Verfügung über die Sichtforderung gegenüber der Bank B (2). Bei der inländischen Bank tritt also zunächst lediglich ein Gläubigerwechsel bei der Sichtverbindlichkeit (SV) ein. Im nächsten Schritt (3) wird der Rentenfonds die ihm zugeflossenen Sichtguthaben zinsbringend anlegen. Dies kann beispielsweise geschehen, indem der Fonds Schuldverschreibungen (S) des Staates erwirbt. In diesem Fall überträgt der Rentenfonds die Sichtforderung bei B auf den Staat (ST). Die bisher beschriebenen Vorgänge spielen sich binnen Minuten ab. Der Staat verwendet den Kredit, um eine Rechnung über Waren bei einer inländischen Nichtbank (NB2) zu begleichen. Verfügt NB2 über ein Konto bei B, erhält jetzt NB 2 unmittelbar die entsprechende Gutschrift (4), ansonsten wäre noch eine Überweisung zu einer anderen inländischen Bank nötig. Damit ist der Kreislauf geschlossen, indem wieder eine inländische Nichtbank über den Geldbetrag von 1 Mio Euro verfügt. Die Geldmenge hat sich durch diesen Vorgang nicht geändert, es hat lediglich eine Kreditvermittlung stattgefunden, aber mit dem Ergebnis, dass zusätzliche Umsätze finanziert werden konnten. Zweifelsohne verbessert die Existenz der Kreditvermittler den Verteilungsprozess der liquiden Mittel zwischen Wirtschaftseinheiten mit Überschüssen bzw. Defiziten; ihre Tätigkeit bewirkt damit der Tendenz nach ein Sinken des Zinses und eine Abnahme der Geldnachfrage. (3) Die Aktivitäten im Unternehmenssektor Hat ein Unternehmen beispielsweise Schwierigkeiten, von seiner Bank zusätzliche Kredite zu bekommen, verfügt es aber über Wertpapierbestände, so kann es durch 182 VI. Die Liquidität den Verkauf dieser Papiere an andere private Nichtbanken in den Besitz zusätzlicher Zahlungsmittel kommen; ersetzen die Käufer dieser Wertpapiere damit lediglich Geld, das sie bisher als Wertaufbewahrungsmittel gehalten haben, wird damit eine Ausdehnung der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage bei gegebener Geldmenge ermöglicht. Andererseits können vom Unternehmenssektor auch Einflüsse auf die Höhe der Geldmenge selbst ausgelöst werden. Verfügen Unternehmen oder andere Nichtbanken über Termin- bzw. Sparguthaben, so können sie durch die Umwandlung dieser Beträge in Sichtguthaben, was im Allgemeinen auf keine größeren Schwierigkeiten stößt, sich direkt Geld verschaffen; in diesem Falle steigt die gesamte volkswirtschaftliche Geldmenge. Der erhöhte Zahlungsmittelbedarf der Wirtschaft führt zu einer mehr oder minder automatischen Zunahme des Geldvolumens. Ist es für die Unternehmen schwierig geworden, Bankkredite zu erhalten, oder erweist es sich als günstiger, alternative Finanzierungsinstrumente zu wählen, so können sie schließlich versuchen, über die Emission von Aktien oder Schuldverschreibungen in den Besitz der für die Geschäftsausweitung nötigen finanziellen Mittel zu kommen. Auch hierdurch kann bisher inaktives Geld aus der Kassenhaltung hervorgelockt und für wirtschaftliche Transaktionen verfügbar gemacht werden. Ferner werden durch autonome Zahlungskreisläufe innerhalb von Konzernen Umsätze ermöglicht, ohne dass es hierzu der Übertragung von Geld als allgemeinem Zahlungsmittel bedürfte. Sofern in der Wirtschaft derartige Kredite aus Lieferungen eines Unternehmens an ein anderes übertragbar sind, also zu „Zahlungen‘‘ bei anderen Unternehmen verwendet werden können, kann man von echten Geldsubstituten sprechen. Es ist nicht ausgeschlossen, dass ein extremer Geldmangel die Wirtschaft zur Ausdehnung derartiger autonomer Zahlungskreisläufe veranlassen könnte, doch dürfte dieser Vorgang nur in besonderen Situationen größere Bedeutung erlangen. Andererseits sind viele Käufe bzw. Verkäufe mit einer Kreditgewährung verbunden. Der sog. Lieferantenkredit, auch Handels-, Firmen- oder Geschäftskredit genannt, stellt einen (formell) kurzfristigen Kredit eines Unternehmens an ein anderes dar, der meist aus der Einräumung eines Zahlungszieles bei Lieferung einer Ware oder Dienstleistung resultiert. Auch durch diese Art Kreditgewährung können zusätzliche Ausgaben finanziert werden, ohne dass dazu eine Vermehrung der Geldmenge erforderlich wäre. Allerdings werden nach Ablauf der Zahlungsfrist die entsprechenden Geldbeträge schließlich doch benötigt, sodass es scheint, als könnte sich die Ausdehnung der Geschäftstätigkeit nur vorübergehend von der Geldversorgung loslösen. Die Ausdehnung der Lieferantenkredite ist aber auch eine Möglichkeit, um bisher inaktives Geld dem Geschäftskreislauf zuzuführen. Das ist dann der Fall, wenn die Zunahme der Kreditgewährung von den Unternehmen getragen und damit „finanziert‘‘ wird, die bisher noch über inaktives Geld verfügten bzw. sich noch Geld über andere Finanzierungskanäle beschaffen konnten. Die Zunahme der Handelskredite ist dann ein weiterer Weg, um inaktives Geld „aufzuspüren‘‘. Mit Hilfe des Lieferantenkredits wird jedoch nicht nur vorhandene Liquidität übertragen, sondern die Gesamtliquidität erhöht, da i.d.R. die Liquidität des kreditgebenden Unternehmens weniger sinkt als die Liquidität des kreditnehmenden steigt. Auch zur Beurteilung der gesamtwirtschaftlichen Wirkungen des Lieferantenkredits bedarf es des Brutto-Prinzips; dies zeigt sich allein schon an der Möglichkeit, dass sich zwei Unternehmen gegenseitig Zahlungsziele einräumen können. In einer konsolidierten Vermögens- bzw. Finanzierungsrechnung für den Unternehmenssektor wer- 3. Die Entstehung der Geldsubstitute 183 den die intrasektoralen Kreditbeziehungen durch die Saldierung eliminiert; durch das Netto-Prinzip gehen daher für die Beurteilung gesamtwirtschaftlicher Zusammenhänge wichtige Informationen verloren. Die Steigerung des Ausnutzungsgrades einer gegebenen Geldmenge ist in den dargestellten Fällen jeweils darauf zurückzuführen, dass inaktives Geld aufgespürt und für die Finanzierung von zusätzlichen Transaktionen verfügbar gemacht wird. Die monetäre Gesamtnachfrage ist infolgedessen abhängig von der Gesamtliquidität und hat sich dementsprechend von einer starren Bindung an die Geldmenge entfernt. Die Geldmenge stellt eben keine homogene Größe dar; vielmehr wird in jedem Zeitpunkt Geld als Zahlungs- wie als Wertaufbewahrungsmittel in der Kasse gehalten. Aktiv im Sinne eines unmittelbaren Einflusses auf die monetäre Nachfrage ist aber nur der Teil, der für Transaktionszwecke benötigt wird. Je mehr inaktives Geld gehalten wird, desto größer ist die potentielle Nachfrage, die ohne Ausdehnung der Geldmenge bewältigt werden kann. Es hängt entscheidend von dem Entwicklungsstand der finanziellen Institutionen ab, inwieweit im „Bedarfsfall‘‘ diese ruhenden Gelder über die verschiedenen Kanäle aktiviert werden können. Die inaktiven Gelder werden vorwiegend über einen Zinsanreiz durch Geldsubstitute ersetzt und für Transaktionszwecke verfügbar gemacht; je stärker die Konkurrenz um den inaktiven Teil der gesamten Geldmenge, desto höher wird der Zins steigen. Da aber auch die Kassenhaltung für Transaktionszwecke zinsabhängig ist, werden durch steigende Zinsen, d.h. steigende Kosten für die Kassenhaltung, Anreize ausgeübt, die Kassenhaltung für Transaktionszwecke zu rationalisieren; somit wird hierdurch ebenfalls eine stärkere Ausnutzung einer gegebenen Geldmenge angeregt. Nach der Liquiditätstheorie des Geldes ist also der Ausnutzungsgrad der Geldmenge Schwankungen unterworfen, die Kreislaufgeschwindigkeit des Geldes folglich keine Konstante. Zur Verdeutlichung wurde dieser Sachverhalt im voranstehenden Abschnitt immer auf eine gegebene Geldmenge bezogen. In der Realität lassen sich allerdings Veränderungen der Kreislaufgeschwindigkeit und gleichzeitig auftretende Geldmengeneffekte oft nur schwer voneinander trennen. Treten jedoch die ebenfalls erwähnten Geldmengenveränderungen auf, ist hierin ein weiterer Einwand gegen die Auffassung der Monetaristen zu sehen; die Geldmenge ist dann nämlich keine exogene, allein durch die geldpolitischen Zielsetzungen der Notenbank bestimmte Grö- ße, deren Veränderungen die Wirtschaftstätigkeit determinieren. Die Geldmenge passt sich vielmehr insoweit dem Auf und Ab der Wirtschaftstätigkeit an. Die Diskussion um die Relevanz der Quantitätstheorie knüpft damit unmittelbar an die Auseinandersetzungen zwischen der Banking- und der Currency-Theorie an. Der Streit zwischen den Anhängern dieser beiden Richtungen hat im 19. Jahrhundert lange die geldtheoretische Diskussion bestimmt. Die Anhänger der Currency-Theorie haben dabei die These vertreten, die Notenbank müsse die Geldmenge begrenzen, um eine inflationistische Aufblähung des Geldumlaufs zu verhindern. Dieser geldpolitischen Forderung der Currency-Theoretiker lag ein enger Geldmengenbegriff zugrunde, der nur Münzen und Noten der Bank von England umfasste; Noten anderer Banken und Sichtguthaben, also Buchgeld, wurden nicht unter die Geldmenge gerechnet. Dieser Argumentation hielten die Anhänger der Banking-Theorie entgegen, dass der größte Teil der ökonomischen Transaktionen mit Hilfe anderer „Zahlungsmittel‘‘ abgewickelt würde, so vor allem auch über Handelswechsel und Handelskredite. Diese Instrumente des Zahlungsverkehrs würden aber von der Wirtschaft selbst 184 VI. Die Liquidität geschaffen, und zwar je nach Bedarf, d.h. nach den Veränderungen der Wirtschaftstätigkeit; eine Begrenzung des Umlaufs an Münzen und Noten der Bank von England sei aus diesem Grunde keine geeignete Maßnahme zur Regulierung der Wirtschaftstätigkeit. 4. Bestimmungsfaktoren des Liquiditätsgrades der Geldsubstitute Neben Geld sind unter bestimmten Voraussetzungen auch andere Aktiva geeignet, das Liquiditätsbedürfnis der Wirtschaftssubjekte zu befriedigen; deshalb werden sie Geldsubstitute („near money‘‘) genannt. Unter dem Liquiditätsgrad der Geldsubstitute versteht man das Ausmaß dieser Eignung. Der Liquiditätsgrad ist nicht nur zwischen den einzelnen Geldsubstituten verschieden, sondern auch bei jedem einzelnen Aktivum Schwankungen unterworfen. Wie verschiedentlich schon hervorgehoben, bestimmt sich der Liquidtätsgrad der Geldsubstitute nach deren Geldnähe. Je leichter sich ein Aktivum in Geld verwandeln lässt, desto größer ist sein Liquiditätsgrad. Den höchsten Liquiditätsgrad weisen nach dem Geld damit Aktiva auf, die jederzeit von der Notenbank angekauft, monetisiert werden. Ist die Notenbank beispielsweise prinzipiell bereit, jede beliebige Menge an Wechseln anzukaufen, sind derartige Wechsel „so gut wie Geld“. Ein ähnlicher Fall ist gegeben, wenn die Notenbank zum unbegrenzten Ankauf von Schatzwechseln des Staates verpflichtet ist. Finanziert der Staat ein Haushaltsdefizit durch die Ausgabe solcher Schatzwechsel, erhält er dadurch zusätzliche Gelder; andererseits wird die Liquidität der Käufer dieser Papiere nicht beeinträchtigt, da man sie jederzeit an die Notenbank verkaufen kann. Die Gesamtliquidität einer Volkswirtschaft steigt also bei einer Zunahme und sinkt bei einer Abnahme des Umlaufs solcher Papiere. Bei Wertpapieren, die keine derartige „Monetisierungsgarantie“ der Notenbank tragen, hängt der Liquiditätsgrad von der Bereitschaft privater Akteure ab, derartige Papiere zu erwerben; maßgeblich hierfür ist die sogenannte „Marktliquidität“. Der Markt wird eine hohe Liquidität aufweisen, wenn eine Vielzahl an Käufern und Verkäufern, die ähnliche Informationen besitzen, bereit sind in dem Wertpapier zu handeln. Marktliquidität wird, in der Regel, an drei Dimensionen festgemacht: a) An der Marktenge, d.h. wie weit einzelne Handelspreise vom Marktdurchschnittspreis abweichen, b) an der Markttiefe, d.h. ab welchem Handelsvolumen Preisbewegungen am Markt ausgelöst werden c) und an der Marktelastizität, d.h. wie schnell handelsbedingte Preisschwankungen abgebaut werden. Die Marktliquidität hängt insbesondere von der bertragbarkeit (Marktfähigkeit) der gehandelten Vermögenswerten ab. Als homogene Vermögenswerte zeichnen sich Wertpapiere durch eine hohe Marktfähigkeit aus und besitzen damit einen höheren liquiditätsgrad als unverbriefte Forderungen. Diese verfügen daher nur über eine geringe Marktfähigkeit oder sind überhaupt nicht übertragbar. Darüber hinaus wird der Liquiditätsgrad auch durch die Transaktionskosten beeinflusst, die der Vekauf eines Vermögensgutes verursacht. Bei immateriellen Gütern – wie beispielsweise Wertpapieren – fallen normalerweise weniger Transaktionskosten an als bei Gütern, die bei Veräußerung physisch bewegt werden, wie etwa 4. Bestimmungsfaktoren des Liquiditätsgrades der Geldsubstitute 185

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Zusammenfassung

Der Klassiker zur Geldtheorie.

Das Lehrbuch zur Geldtheorie

ist eines der erfolgreichsten Bücher dieser Art. Dem Autor Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Otmar Issing, ehemals Direktoriumsmitglied der Europäischen Zentralbank und »Vater des Euro«, gelingt es hervorragend, den aktuellen Stand der modernen Geldtheorie einfach und konzentriert darzustellen. Der Band gibt den Studenten eine hilfreiche Orientierung in der Diskussion zwischen Keynesianern, Monetaristen und Liquiditätstheoretikern.

Geldtheorie aktuell

Die Neuauflage enthält unter anderem Ausführungen zu

* den wichtigsten Entwicklungen der Kreditmarkttheorie

* dem Einfluss der Finanzmarktkrise auf den Geldmarkt und

* dem Zusammenhang von Finanzmarktkrise und Liquidität.

Im Überblick

* Das Geld

* Die Nachfrage nach Geld

* Das Geldangebot

* Zinstheorie

* Geldmenge, monetäre Nachfrage, Preisniveau und Beschäftigung

* Die Liquidität

* Inflationstheorie