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2. Gesamtwirtschaftliche Liquidität und monetäre Nachfrage in:

Otmar Issing

Einführung in die Geldtheorie, page 182 - 185

15. Edition 2011, ISBN print: 978-3-8006-3810-9, ISBN online: 978-3-8006-4315-8, https://doi.org/10.15358/9783800643158_182

Series: Vahlens Kurzlehrbücher

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Die Liquidität als Eigenschaft von Wirtschaftssubjekten wie die von Vermögensobjekten kann man als einzelwirtschaftliche und als gesamtwirtschaftliche Größe interpretieren. Im einzelwirtschaftlichen Sinne meint die Zahlungsfähigkeit den Liquiditätsstatus einzelner Wirtschaftssubjekte, während die Zahlungsfähigkeit des Nichtbankensektors im gesamtwirtschaftlichen Sinne als eine Art Aggregatgröße dieser individuellen Positionen zu verstehen ist. In gleicher Weise kann man auch den Liquiditätsbegriff nach (2) für einzelne Vermögensobjekte und für gesamtwirtschaftliche Größen definieren. Liquidität in allen bisher genannten Erscheinungsformen bezieht sich auf objektiv feststellbare Größen, man spricht daher auch von objektiver Liquidität. Davon zu unterscheiden ist die subjektive Einschätzung der Zahlungsfähigkeit durch die Wirtschaftseinheiten. So können verschiedene Wirtschaftssubjekte je nach Alter, Risikofreudigkeit, politischer Ansicht etc. die gleiche Vermögensstruktur, wie sie sich in dem Bestand an Geld, anderen finanziellen und sachlichen Aktiva, der Möglichkeit der Kreditaufnahme, den absehbaren Zahlungsverpflichtungen etc. darstellt, ganz unterschiedlich einschätzen. Auch insgesamt, quasi „im Durchschnitt‘‘, kann sich diese, auf subjektiven Überlegungen beruhende Einschätzung ändern; so erzeugt im Allgemeinen die Erwartung steigender Einkommen im Konjunkturaufschwung eine optimistischere, die Aussicht auf Stagnation oder gar Einkommensminderungen im Abschwung dagegen eine pessimistischere Beurteilung der Liquiditätslage. Unter subjektiver Liquidität versteht man also die individuelle oder kollektive Einschätzung der objektiven Liquidität als Ausdruck der finanziellen Bewegungsfreiheit (G. Schmölders). Die subjektive Liquidität interessiert in diesem Zusammenhang vor allem insoweit, als sie wirtschaftliches Handeln beeinflusst, also z.B. das Ausgabenverhalten. Subjektive und objektive Liquidität sind freilich nicht unabhängig voneinander. Die objektive Liquidität – etwa Höhe und Laufzeit eines Aktivums oder eines Kredits – bildet im Allgemeinen die entscheidende Grundlage für die subjektive Einschätzung der Liquidität. 2. Gesamtwirtschaftliche Liquidität und monetäre Nachfrage Die Neo-Quantitätstheorie lässt sich im Kern auf die Hypothese reduzieren, dass das Preisniveau durch die Geldmenge pro Produktionseinheit bestimmt ist. Es wurde ferner gezeigt, dass die modernen Quantitätstheoretiker auch eine Erklärung für den Prozess entwickeln, über den Geldmengenänderungen die gesamtwirtschaftliche Nachfrage beeinflussen; der Stabilität der Geldnachfrage und damit dem Verhalten der Kreislaufgeschwindigkeit kommt dabei in der quantitätstheoretischen Argumentation entscheidende Bedeutung zu. Nach der Liquiditätstheorie des Geldes ist es dagegen wenig sinnvoll, angesichts der Fragwürdigkeit jeder Geldmengenabgrenzung und der beachtlichen Quantität geldnaher Aktiva, der Geldmenge eine gleichsam exklusive Rolle zuzuerkennen. Die Liquiditätstheorie des Geldes setzt daher an die Stelle des ihrer Auffassung nach irreführenden Geldbegriffs den Ausdruck Liquidität; die gesamtwirtschaftliche Nachfrage wird als Funktion der gesamtwirtschaftlichen Liquidität gesehen. Diese Aussage, die eine alternative Hypothese über den Transmissionsmechanismus monetärer Im- 2. Gesamtwirtschaftliche Liquidität und monetäre Nachfrage 175 pulse impliziert, bezieht sich nicht auf langfristige Zusammenhänge, für welche die Relevanz der Quantitätstheorie kaum bestritten wird, sondern auf die kurzfristige Entwicklung der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage, d.h. das Verhalten dieser Größe im Konjunkturverlauf. Die Diskussion um die Liquiditätstheorie des Geldes wurde besonders entfacht durch den im Jahre 1959 veröffentlichten sog. Radcliffe-Report. Das Komitee von Experten, das im Auftrage der Regierung die Wirkungsmechanismen des englischen Geldsystems zu untersuchen hatte, betont die Bedeutung der gesamtwirtschaftlichen Liquidität in der folgenden Passage: „Wenn wir auch das Geldangebot nicht als eine unwichtige Größe ansehen, so betrachten wir es doch nur als einen Teil des weiteren Gefüges der Liquidität in der Wirtschaft. Die gesamte Liquiditätslage ist für die Ausgabenentschlüsse entscheidend, und das Geldangebot interessiert nur insofern, als es im Rahmen der gesamten Liquidität von Bedeutung ist. Ein Ausgabenentschluss hängt nicht einfach davon ab, ob der potentielle Käufer Bargeld oder ‚Geld auf der Bank‘ hat, wenn auch diese höchste Liquidität offensichtlich das günstigere Sprungbrett ist. Es besteht die Alternative, sich Mittel entweder durch den Verkauf eines Vermögensgegenstandes oder durch Kreditaufnahme zu beschaffen. Die Aussicht, durch zukünftige Verkäufe eines Produktes flüssige Mittel zu erhalten, ermutigt zu einer Verpflichtung über die sofort verfügbaren Mittel hinaus und erleichtert die Kreditaufnahme. Die Leichtigkeit der Kreditaufnahme hängt einerseits von der Zusammensetzung der Aktiva des Kreditsuchenden und seiner Stellung als Kreditnehmer ab und auf der anderen Seite von den Methoden, der Bereitschaft sowie den Mitteln der finanziellen Institutionen und anderer Firmen, die sich damit beschäftigen, die Ausgaben anderer Leute (unter bestimmten Bedingungen) zu finanzieren.‘‘ Sieht man von der Möglichkeit des geldlosen Verrechnungsverkehrs, z.B. zwischen den einzelnen Betrieben eines Konzerns ab, so sind Käufe von Gütern letzten Endes immer an Zahlungen, d.h. an die Verfügung über Zahlungsmittel, also Geld, gebunden. Wie kann die Behauptung der Liquiditätstheorie des Geldes, dass die Geldmenge nicht die entscheidende Determinante für die Ausgaben ist, damit in Einklang gebracht werden? Prinzipiell sind zwei sich nicht ausschließende Erklärungen denkbar, die gegen die Argumentation der Quantitätstheorie angeführt werden können. (1) Entstehen im Zuge steigender ökonomischer Aktivitäten Forderungen, die durch die Geschäftsbanken bzw. die Notenbank schließlich angekauft, d.h. monetisiert werden, so steigt zwar auch die Geldmenge, doch geht die Ausdehnung der Geschäftstätigkeit, die Zunahme von Käufen und Verkäufen, dieser Geldmengenvermehrung voraus. Im Gegensatz zur Behauptung der Quantitätstheorie ist nach der Bankingtheorie die Kausalität gerade umgekehrt: Die Zunahme der Wirtschaftstätigkeit bewirkt eine Vermehrung der Geldmenge; das Geld spielt dabei keine aktive, sondern eine passive Rolle. Analog könnte in einem Konjunkturabschwung der Rückgang der Wirtschaftstätigkeit vorangehen und eine Verminderung der Geldmenge induzieren. (2) Eine gegebene Geldmenge wird je nach Konjunkturlage in unterschiedlichem Ma- ße für Zahlungszwecke „ausgenutzt‘‘. In einfacher Form lässt sich die Hypothese der Liquiditätstheorie folgendermaßen schreiben: 176 VI. Die Liquidität (1) Y Ë f (L). (2) L Ë M Ê Su. Nach (1) ist das Volkseinkommen (oder die gesamte monetäre Nachfrage) eine Funktion der gesamtwirtschaftlichen Liquidität (L); Gleichung (2) definiert die gesamtwirtschaftliche Liquidität als Summe aus Geldmenge (M) und Geldsubstituten (Su). Den Quotienten Y/L könnte man als „Kreislaufgeschwindigkeit der gesamtwirtschaftlichen Liquidität‘‘ (Glöggler) bezeichnen; drückt (1) eine proportionale Abhängigkeit des Einkommens von der gesamtwirtschaftlichen Liquidität aus, ist dies identisch mit der Annahme eines konstanten Quotienten Y/L. Die Kreislaufgeschwindigkeit des Geldes (Y/M) könnte unter diesen Annahmen nur dann gleichfalls unverändert bleiben, wenn die Zusammensetzung von L, d.h. der Anteil der beiden Komponenten M und Su, im Konjunkturablauf konstant bliebe. Genau dies wird jedoch durch die Liquiditätstheorie des Geldes bestritten; es wird vielmehr unterstellt, dass der Quotient M/Su im konjunkturellen Aufschwung sinkt und im Abschwung steigt. Diese Aussage ist gleichzeitig ein Erklärungsversuch für den immer wieder beobachteten Anstieg der Kreislaufgeschwindigkeit des Geldes im Konjunkturaufschwung und das Absinken im Abschwung, da sich bei Konstanz des Quotienten Y/L die Relationen M/Su und Y/M genau umgekehrt proportional verhalten müssen. Wie lässt sich nun diese konjunkturelle Veränderung der Kreislaufgeschwindigkeit des Geldes, der variierende Ausnutzungsgrad einer gegebenen Geldmenge für Zahlungszwecke erklären? Vor allem als Wertaufbewahrungsmittel ist das Geld durch andere Aktiva ersetzbar. Diese „Ersatzfunktion‘‘ kann durch die sog. Geldsubstitute übernommen werden. Als Geldsubstitute können prinzipiell alle Vermögenswerte fungieren, die die Wirtschaftsteilnehmer subjektiv als hinreichend liquide ansehen. Praktisch kommen dafür – wie erwähnt – vor allem solche Aktiva in Frage, die auch objektiv liquide sind; dazu rechnen vor allem Termin- und Sparguthaben, aber auch verbriefte und unverbriefte Forderungen sowie bestimmte nichtfinanzielle Aktiva (z.B. Warenläger). Gibt z.B. ein Wirtschaftssubjekt A (Nichtbank) einen Kredit in Höhe von 100 an ein Wirtschaftssubjekt B, so hat sich der Zahlungsmittelbestand in der Volkswirtschaft durch diesen Vorgang nicht verändert. B wird jedoch durch die zusätzliche Verfügungsgewalt über Geld liquider, und zwar umso mehr, je länger die Laufzeit des erhaltenen Kredits ist. War seine Liquidität vorher befriedigend, lässt sich die zusätzliche Kreditaufnahme wegen der damit verbundenen Kosten (Zinsen) i.d.R. nur damit erklären, dass B zusätzliche Ausgaben tätigen will. Wollte A den Betrag von 100 ursprünglich ausgeben und wird jetzt durch den Zinsgewinn veranlasst, B einen Kredit zu gewähren, würde die Höhe der Gesamtnachfrage durch diesen Vorgang nicht beeinflusst. Anders dagegen, wenn A diesen Betrag nicht für unmittelbar bevorstehende Ausgaben vorgesehen, sondern aus Gründen der Vorsicht oder der Spekulation in der Kasse gehalten hatte. Diese Kassenhaltung wird dann bei A ersetzt durch die Forderung an B; gilt B als sicherer Schuldner, hat sich der Liquiditätsstatus von A kaum verändert. Die gesamtwirtschaftliche Liquidität nimmt generell zu, wenn sich die Liquidität beim Kreditnehmer stärker erhöht als sie beim Kreditgeber verringert wird. Wenn A keinen Grund sieht, seine Ausgaben zu verringern, während B zusätzliche Käufe tätigen kann, dann ist die gesamtwirtschaftliche Nachfrage gestiegen, ohne dass sich die Geldmenge verändert hätte! 2. Gesamtwirtschaftliche Liquidität und monetäre Nachfrage 177 Y und L haben sich unter diesen Annahmen im gleichen Maße erhöht, sofern A den Austausch von Kasse gegen eine Forderung an B nicht als Verminderung seiner Liquiditätsposition betrachtet und B den Kreditbetrag in voller Höhe für Zahlungen verwendet, die ohne Kreditaufnahme nicht möglich gewesen wären; der Quotient Y/ L bleibt in diesem Falle konstant, während der Quotient Y/M steigt und M/Su folglich sinkt. Nach der Liquiditätstheorie des Geldes ist dieser Vorgang wie folgt zu interpretieren: Die Wirtschaftssubjekte halten Geld als Zahlungsmittel (aktives Geld) und als Wertaufbewahrungsmittel (inaktives Geld). A reduziert durch die Kreditgewährung seinen Bestand an inaktivem Geld; es wird durch die Forderung an B substituiert. Sofern B den Kreditbetrag für zusätzliche Käufe verwendet, steigt die aktive Geldmenge. Bei gegebener Gesamtgeldmenge wird durch diese Kreditvergabe also die aktive Geldmenge erhöht, die inaktive Geldmenge entsprechend reduziert; ermöglicht wird dieser Vorgang durch die Schaffung des Geldsubstitutes „Forderung an B‘‘. Bei gleicher Geldmenge kann somit ein größeres Volumen an wirtschaftlichen Transaktionen, d.h. Käufen bzw. Verkäufen, bewältigt werden. Analog sinkt der Ausnutzungsgrad einer gegebenen Geldmenge, wenn der Quotient M/Su steigt, der Anteil der Geldsubstitute an der gesamtwirtschaftlichen Liquidität also zurückgeht; der Anteil der aktiven Geldmenge wird niedriger, mit einer gegebenen Geldmenge kann nur noch ein geringeres Transaktionsvolumen finanziert werden. In einer konsolidierten Rechnung würde die Forderung des A gegen die Verbindlichkeit des B aufgerechnet werden und in der Bilanz des privaten Nichtbankensektors nicht erscheinen; ganz allgemein wiese eine solche Bilanz nur den Saldo an Forderungen und Verbindlichkeiten gegenüber anderen Sektoren auf. Hinter einem Saldo Null der Forderungen und Verbindlichkeiten innerhalb des privaten Nichtbankensektors kann sich jedoch ein ganz unterschiedliches Ausmaß an Kreditvorgängen verbergen. Nach Auffassung der Liquiditätstheorie des Geldes hat jede Ausdehnung der gesamtwirtschaftlichen Liquidität, ob durch Zunahme der Geldmenge und/oder der Geldsubstitute, einen expansiven, jede Einschränkung einen kontraktiven gesamtwirtschaftlichen Effekt. Aus diesem Grunde muss die Kreditgewährung nach dem Brutto-Prinzip erfasst werden, da im konsolidierten Netto-Ausweis ein wesentlicher Bestandteil der gesamtwirtschaftlichen Liquidität verlorengeht. 3. Die Entstehung der Geldsubstitute Während die Höhe der Geldmenge vor allem durch die Notenbank und den Geschäftsbankensektor bestimmt ist, resultiert die zweite Komponente der gesamtwirtschaftlichen Liquidität (Geldsubstitute) aus dem Zusammenwirken einer Vielzahl von Akteuren, die in der Terminologie des Radcliffe-Reports als die finanziellen Institutionen bezeichnet werden. Hierunter versteht man neben den Geschäftsbanken die sog. nicht-monetären Finanzinstitute – die ältere Terminologie spricht von Kreditvermittlern; dazu rechnen insbesondere Versicherungsgesellschaften, Bausparkassen und Kapitalanlagegesellschaften (die Wertpapier- oder Immobilienfonds anbieten). Auf europäischer Ebene wird in weitgehend analoger Weise zwischen Monetary Financial Institutions (MFIs; zu ihnen zählen auch Geldmarktfonds) und Non-Monetary Financial Institutions unterschieden. 178 VI. Die Liquidität

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References

Zusammenfassung

Der Klassiker zur Geldtheorie.

Das Lehrbuch zur Geldtheorie

ist eines der erfolgreichsten Bücher dieser Art. Dem Autor Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Otmar Issing, ehemals Direktoriumsmitglied der Europäischen Zentralbank und »Vater des Euro«, gelingt es hervorragend, den aktuellen Stand der modernen Geldtheorie einfach und konzentriert darzustellen. Der Band gibt den Studenten eine hilfreiche Orientierung in der Diskussion zwischen Keynesianern, Monetaristen und Liquiditätstheoretikern.

Geldtheorie aktuell

Die Neuauflage enthält unter anderem Ausführungen zu

* den wichtigsten Entwicklungen der Kreditmarkttheorie

* dem Einfluss der Finanzmarktkrise auf den Geldmarkt und

* dem Zusammenhang von Finanzmarktkrise und Liquidität.

Im Überblick

* Das Geld

* Die Nachfrage nach Geld

* Das Geldangebot

* Zinstheorie

* Geldmenge, monetäre Nachfrage, Preisniveau und Beschäftigung

* Die Liquidität

* Inflationstheorie