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6. Gesamtwirtschaftliche Nachfrage und gesamtwirtschaftliches Angebot in:

Otmar Issing

Einführung in die Geldtheorie, page 169 - 176

15. Edition 2011, ISBN print: 978-3-8006-3810-9, ISBN online: 978-3-8006-4315-8, https://doi.org/10.15358/9783800643158_169

Series: Vahlens Kurzlehrbücher

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Bilanzkanals auf das Reinvermögen der Kreditnehmer werden durch diesen zusätzlichen Effekt, der auf der veränderten Risikobereitschaft von Banken beruht, nochmals verstärkt. Es gibt somit aus theoretischer Sicht mehrere Mechanismen, über die die Geldpolitik die Bereitschaft und Fähigkeit der Banken zur Kreditvergabe an Unternehmen und Privathaushalte beeinflussen kann. Dabei ist anzumerken, dass die verschiedenen Transmissionskanäle sich nicht gegenseitig ausschliessen. Im Gegenteil ist zu erwarten, dass sie sich in der Realität eher wechselseitig verstärken. 6. Gesamtwirtschaftliche Nachfrage und gesamtwirtschaftliches Angebot Bei der Darstellung des IS-LM-Konzeptes wurde darauf hingewiesen, dass diesem Ansatz trotz gravierender Defizite ein gewisser Erkenntniswert nicht abzustreiten ist. Stand im vorangehenden Kapitel die Erklärung der Höhe des Zinses im Vordergrund, sollen nunmehr die Probleme der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage und des gesamtwirtschaftlichen Angebots sowie der Beschäftigung anhand einer Ergänzung des IS-LM-Konzeptes diskutiert werden. a) Die gesamtwirtschaftliche Nachfrage In Analogie zur mikroökonomischen Theorie kann man in gesamtwirtschaftlicher Sicht eine Beziehung zwischen Preisniveau und Nachfrage formulieren. Wie im vorangehenden Kapitel gezeigt wurde, geht das IS-LM-Konzept grundsätzlich von einem gegebenen Preisniveau und einem gegebenen nominellen Geldangebot aus. Damit ist auch das reale Geldangebot als Quotient aus nominellem Geldangebot und Preisniveau exogen bestimmt; Preisniveau und nominelles Geldangebot sind – wie die Liquiditätspräferenz – Lageparameter der LM-Kurve. In der Darstellung für die Beziehung zwischen Zins und realem Volkseinkommen stellt die LM-Kurve das Gleichgewicht für den Geldmarkt bezogen auf das reale Geldangebot und die reale Geldnachfrage dar. Bei gegebenem nominellen Geldangebot ist das reale Geldangebot umso höher, je niedriger das Preisniveau ist; die LM- Kurve (Abb. V.6), verlagert sich mit einer Verringerung des Preisniveaus nach rechts (P1 4 P2 4 P3). Die entsprechenden Schnittpunkte mit der IS-Kurve geben die jeweiligen Gleichgewichtswerte für Zins und reales Volkseinkommen an; reales Volkseinkommen (YR), gesamtwirtschaftliches Angebot (YS) und gesamtwirtschaftliche Nachfrage (YD) stimmen überein: (15) YR Ë YS Ë YD. Die unterschiedlichen Werte für das reale Volkseinkommen in Abb. V.6 als Schnittpunkte der IS-Kurve mit alternativen LM-Kurven stellen die Abhängigkeit des Gleichgewichtswertes von der jeweiligen Höhe des Preisniveaus dar. Versteht man das Volkseinkommen im Sinne der obigen Gleichung als gesamtwirtschaftliche Nachfrage, lässt sich eine gesamtwirtschaftliche Nachfragefunktion mit dem Preisniveau als unabhängiger Variable ableiten (Abb. V.6). Nach (15) besteht im IS-LM- Konzept im Gleichgewicht Übereinstimmung zwischen gesamtwirtschaftlicher Nachfrage und gesamtwirtschaftlichem Angebot. Die Nachfrageseite kann man nun aber von der Angebotsseite insofern trennen, als diese Übereinstimmung im Sinne des 162 V. Geldmenge, monetäre Nachfrage, Preisniveau und Beschäftigung güterwirtschaftlichen Gleichgewichts jeweils über den Preismechanismus hergestellt wird. Übersteigt z.B. zunächst die Nachfrage das Angebot (Nachfrageüberhang), so passt sich die Nachfrageseite über einen Anstieg des Preisniveaus an. Der Preisniveauanstieg reduziert das reale Geldangebot (Linksverschiebung der LM-Kurve); dies bewirkt wiederum einen Anstieg des Zinses, eine Verringerung der Investitionen und schließlich einen Rückgang des Volkseinkommens, verstanden als gesamtwirtschaftliche Nachfrage. Zins 0 Preisniveau YR2YR1 YR0 YR gesamtwirtschaftliche Nachfragefunktion P1 P2 P3 0 LMP1 LMP2 LMP3 IS YR Abb. V.6 6. Gesamtwirtschaftliche Nachfrage und gesamtwirtschaftliches Angebot 163 b) Das gesamtwirtschaftliche Angebot Die Produktionsmöglichkeiten einer Volkswirtschaft werden durch die Faktorausstattung und das technische Wissen bestimmt. Bei gegebenem Stand der Technik kann man unter bestimmten Voraussetzungen den Zusammenhang zwischen Faktoreinsatz und Produktion durch eine gesamtwirtschaftliche Produktionsfunktion darstellen. Im Folgenden werden zwei Faktoren, Arbeit und Kapital betrachtet, wobei der Kapitalstock (K) im Analysezeitraum als konstant unterstellt ist. Der Einsatz des Faktors Arbeit, d.h. die Beschäftigung (N), entscheidet sich am Arbeitsmarkt. Es wird angenommen, dass die Unternehmen unter der Bedingung der vollständigen Konkurrenz auf den Güter- und Faktormärkten stehen und über den Faktoreinsatz entsprechend ihrer Zielsetzung Gewinnmaximierung entscheiden. Für die gesamtwirtschaftliche Produktionsfunktion gilt: (16) Y Ë Y (N, K). In Abb. V.7 ist unterstellt, dass das Grenzprodukt der Arbeit mit steigendem Einsatz dieses Faktors fällt. Unter der Zielsetzung Gewinnmaximierung setzt jeder Unternehmer solange weitere Arbeitseinheiten ein, bis das Grenzprodukt der Arbeit (›Y/›N) dem Reallohn (W/P) entspricht. Übertragen auf die Gesamtwirtschaft ergibt sich daraus eine Nachfrage nach Arbeit (ND) und damit die Beschäftigung in Abhängigkeit von der Höhe des Reallohnes: (17) ND Ë ND W P : Das Arbeitsangebot (NS) sei ebenfalls, und zwar positiv, von der Höhe des Reallohnes abhängig. (An den dargestellten Zusammenhängen würde sich nichts Wesentliches ändern, wenn ein starres, vom Reallohn unabhängiges Arbeitsangebot unterstellt würde.) (18) NS Ë NS W P : Da sich die Akteure am Arbeitsmarkt am Reallohn orientieren, sind sie insoweit frei von Geldillusion. Gleichgewicht am Arbeitsmarkt und damit Vollbeschäftigung (NV) liegt vor, wenn Arbeitsangebot und Arbeitsnachfrage übereinstimmen (Abb. V.7). (19) NS W P Ë ND W P Ë NV : Am Arbeitsmarkt werden die Höhe der Beschäftigung und des Reallohnes bestimmt; über die gesamtwirtschaftliche Produktionsfunktion determiniert wiederum die Beschäftigung die Höhe der Produktion. Den Zusammenhang zwischen gesamtwirtschaftlicher Produktion und Preisniveau kann man folgendermaßen ableiten. Die gesamtwirtschaftliche Produktionsfunktion lässt sich in eine entsprechende Angebotsfunktion (YS) umformen, indem die Variable Beschäftigung (N) durch die Beschäftigungsfunktion N Ë N (W/P) bzw. deren Variablen W und P ersetzt wird: (20) YS Ë YS W P ; K : 164 V. Geldmenge, monetäre Nachfrage, Preisniveau und Beschäftigung Y YV 0 N N0 NV NV (a) (b) Y(N,K) NS ND ( )WP ( )WP ( ) V W P W P Abb. V.7 Der Preismechanismus am Arbeitsmarkt bewirkt jeweils Übereinstimmung von Angebot und Nachfrage, also Vollbeschäftigung. Ändert sich das Preisniveau, passt sich der Nominallohn (W) jeweils so an, dass der Reallohn erreicht wird, bei dem Vollbeschäftigung herrscht. Das gesamtwirtschaftliche Angebot ist also in Bezug auf das Preisniveau vollkommen unelastisch, es entspricht immer der Produktion bei Vollbeschäftigung Yv (Abb. V.8). 6. Gesamtwirtschaftliche Nachfrage und gesamtwirtschaftliches Angebot 165 P 0 YV YS gesamtwirtschaftliches Angebot Abb. V.8 c) Das gesamtwirtschaftliche Gleichgewicht Die Überlegungen zur gesamtwirtschaftlichen Nachfrage und zum gesamtwirtschaftlichen Angebot lassen sich nun in der folgenden Abb. V.9 zusammenfassen. Auf der Angebotsseite werden – unabhängig von der Höhe des Preisniveaus – die Gleichgewichtswerte für die Variablen Beschäftigung, Reallohn und Produktion bestimmt. Das Preisniveau hängt dagegen bei der von der Angebotsseite determinierten Produktion von der Höhe der Nachfrage ab. Außer der Beschäftigung, dem Reallohn und der Produktion ist auch die Höhe des Zinses (i) unabhängig von der nominellen Geldmenge. Eine Erhöhung der nominellen Geldmenge z.B. hätte zunächst eine Verschiebung der LM-Kurve nach rechts zur Folge. Die daraus resultierende Verschiebung der Kurve der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage nach rechts bewirkt ausschließlich einen Anstieg des Preisniveaus; dieser wiederum bewirkt einen Rückgang des realen Geldangebots, die LM-Kurve kehrt wieder in ihre Ausgangslage zurück. Unter den Annahmen, die dieser Ableitung zugrundeliegen, ist das Geld also neutral: Die realen Größen Beschäftigung, Produktion und Zins sind (im Gleichgewicht) unabhängig von der Höhe der (nominellen) Geldmenge. 166 V. Geldmenge, monetäre Nachfrage, Preisniveau und Beschäftigung W P W P V( ) IV NS ND N NV YV Y III Y = Y(N,K) YD YS YV Y V P P̂ II I LM IS iV i W P V( ) Abb. V.9 d) Gleichgewicht bei Unterbeschäftigung In Übereinstimmung mit der Auffassung der klassischen Nationalökonomen wurde bisher vollständige Flexibilität der Preise und Löhne unterstellt. Unter dieser Voraussetzung – und bei Freiheit von Geldillusion – herrscht Neutralität des Geldes. Preisstarrheiten führen dagegen dazu, dass das Geld nicht neutral ist. Zu dieser Ansicht gelangte nicht zuletzt J. M. Keynes, der davon ausging, dass die Tarifparteien einen Nominallohn vereinbaren, der „nach unten starr‘‘ ist, d.h. auch dann nicht sinkt, wenn in der betreffenden Volkswirtschaft Arbeitslosigkeit herrscht. 6. Gesamtwirtschaftliche Nachfrage und gesamtwirtschaftliches Angebot 167 Dieser Zusammenhang wird in Abb. V.10 verdeutlicht. Die Nominallohnstarrheit (nach unten) wird durch den Verlauf der Kurve W Ë (W/P) · P im Quadrant V wiedergegeben; diese Kurve besitzt die Form einer gleichseitigen Hyperbel, der Nominallohn, das Produkt (W/P) · P bzw. die Fläche unter der Kurve ist also konstant, solange der Reallohn über dem Vollbeschäftigungsreallohn (W/P)v liegt, d.h. also, solange das Arbeitsangebot die Arbeitsnachfrage übersteigt. Liegt dagegen eine Überschussnachfrage nach Arbeit vor, steigt der Nominallohn entsprechend der Erhöhung des Preisniveaus, der (Vollbeschäftigung-)Reallohn bleibt unverändert; dieser Zusammenhang kommt im senkrechten Ast der W-Kurve im Quadrant V zum Ausdruck. Diese Annahmen über den Arbeitsmarkt haben nun Konsequenzen für den Verlauf der gesamtwirtschaftlichen Angebotsfunktion. Beim Reallohn (W/P)O ergibt sich am Arbeitsmarkt eine Beschäftigung von NO; bei einem Angebotsüberschuss am Arbeitsmarkt dominiert die „kürzere Marktseite‘‘ wegen der mangelnden Flexibilität des Preises (Lohnes) die Nachfrageseite. Es herrscht Unterbeschäftigung, bei dem entsprechenden niedrigeren Einsatz des Produktionsfaktors Arbeit ergibt sich nach der Produktionsfunktion ein Output bzw. gesamtwirtschaftliches Angebot YSO; das zugehörige Preisniveau PO leitet sich aus der Höhe des Nominallohnes ab. Weitere Punkte der Kurve des gesamtwirtschaftlichen Angebots lassen sich analog ableiten. Die so ermittelte gesamtwirtschaftliche Angebotsfunktion ist für Situationen der Unterbeschäftigung elastisch in Bezug auf das Preisniveau und geht bei Vollbeschäftigung in den unelastischen Ast über (klassische Situation). In Abb. V.10 ergibt sich ein Gleichgewicht bei Unterbeschäftigung im Schnittpunkt von Angebotsund Nachfragekurve mit dem realen Volkseinkommen YK; die Gleichgewichtswerte für den realen Zinssatz (iK), Preisniveau (PK), Reallohn (W/P)K und Beschäftigung (NK) bzw. Arbeitslosigkeit (A) sind simultan bestimmt. Vollbeschäftigung lässt sich in diesem Modell auf verschiedenen Wegen verwirklichen. Der eine besteht in der Aufhebung der Starrheit des Nominallohnes. Ein flexibler Nominallohnsatz würde auf das Überschussangebot am Arbeitsmarkt mit einem Rückgang von (W/P)K · PK auf (W/P)v · Pv reagieren. Das Ergebnis wäre die „klassische Situation‘‘ des Gleichgewichts bei Vollbeschäftigung mit einem höheren realen Volkseinkommen und niedrigeren Werten für Reallohn, Preisniveau und Realzins. Ein anderer Weg – bei Starrheit des Nominallohnes – liegt in der Ausdehnung des Geldangebots. Eine expansive Geldpolitik hätte mit anderen Worten dafür zu sorgen, dass die gesamtwirtschaftliche Nachfragekurve so weit nach rechts oben verschoben wird, dass der Schnittpunkt mit der Angebotskurve beim Wert Yv für das reale Volkseinkommen liegt. Die Geldmenge müsste also soweit erhöht werden, dass das Preisniveau (mindestens) auf den Wert P0v und damit der (überhöhte) Reallohn auf das mit Vollbeschäftigung vereinbare Niveau sinkt. Wie eingangs schon erwähnt stellt also neben der Geldillusion Preisrigidität einen weiteren Grund für die Nichtneutralität des Geldes dar. Dieser Fall wurde anhand der Starrheit des Nominallohnes nach unten behandelt. Die Höhe des realen Volkseinkommens, der Beschäftigung und des Zinses hängen unter diesen Umständen auch von der Geldmenge ab, das Geld ist folglich nicht mehr nur ein „Schleier‘‘, sondern beeinflusst auch reale Größen; es ist nicht neutral. 168 V. Geldmenge, monetäre Nachfrage, Preisniveau und Beschäftigung W P IV NS NV Y = Y(N,K) iV A ND N NK N0 Y0S YK YV III YSYD YK YV Y P’V PK PV P0 V W = WP • P i iK IS LMV LMK II I { W P 0( ) P Y W P K( ) W P V( ) Abb. V.10 7. Literatur zum V. Kapitel Zum 1. und 2. Abschnitt: Als klassische Darstellung der älteren Quantitätstheorie kann gelten: Fisher, Irving, The Purchasing Power of Money (1911), New York 1963; speziell Kapitel II; Neuauflage in der Reihe „The works of Irving Fisher‘‘, Vol. 4, London 1997. Zur „Geschichte‘‘ der Quantitätstheorie und ihrer Kritik: Friedman, Milton, Money: Quantity Theory, in: International Encyclopedia of the Social Sciences, Vol. 9 and 10, New York 1968, Neuauflage 2001, S. 432ff.; deutsche Übersetzung in: Badura, Jürgen und Issing, Otmar (Hrsg.), Geldtheorie, Stuttgart u.a. 1979, S. 12–35. 7. Literatur zum V. Kapitel 169

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Zusammenfassung

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Die Neuauflage enthält unter anderem Ausführungen zu

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Im Überblick

* Das Geld

* Die Nachfrage nach Geld

* Das Geldangebot

* Zinstheorie

* Geldmenge, monetäre Nachfrage, Preisniveau und Beschäftigung

* Die Liquidität

* Inflationstheorie