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4. Die Liquiditätstheorie des Zinses in:

Otmar Issing

Einführung in die Geldtheorie, page 107 - 110

15. Edition 2011, ISBN print: 978-3-8006-3810-9, ISBN online: 978-3-8006-4315-8, https://doi.org/10.15358/9783800643158_107

Series: Vahlens Kurzlehrbücher

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Dieser Preissteigerungsprozess muss solange anhalten, solange der Darlehenszins unter dem natürlichen Zins liegt. Die Ausdehnung des Angebots an Kreditmitteln auf Grund der Geldschöpfung kann mit anderen Worten einen kumulativen Prozess bewirken, der solange anhält, wie die Geldschöpfung den Darlehenszins unter dem Zins hält, bei dem sich Angebot und Nachfrage nach Ersparnissen ausgleichen würden. Umgekehrt ergibt sich dann ein kumulativer Schrumpfungsprozess des Kreislaufs, wenn sich durch Geldvernichtung das Angebot auf dem Kreditmarkt verknappt, der natürliche Zins also unter dem Darlehenszins liegt; bei Flexibilität der Preise äußert sich dieser kumulative Schrumpfungsprozess in einem allgemeinen Sinken der Preise der Produktionsfaktoren und der produzierten Güter. Der sog. Wicksellsche Prozess kann sich also „nach oben‘‘ und „nach unten‘‘ entwickeln und wird immer ausgelöst, sobald Darlehenszins und natürlicher Zins voneinander abweichen. Viel diskutiert ist dabei die Frage, ob und auf Grund welcher Vorgänge dieser kumulative Prozess in ein neues Gleichgewicht einmündet. Verringert sich beispielsweise die Liquidität der Banken, sodass sie zur zusätzlichen Geldschöpfung schließlich nicht mehr in der Lage sind, muss der Darlehenszins wieder auf die Höhe steigen, die er vor dem Beginn des Wicksellschen Prozesses „nach oben‘‘ hatte. An den realen Bedingungen hat sich in diesem Falle nichts geändert, d.h. die Produktion und die relativen Güterpreise sind im neuen Gleichgewicht unverändert, gestiegen ist lediglich das Preisniveau. Dies ist eine zentrale Aussage der klassischen Theorie: Die Geldmenge bestimmt lediglich das Preisniveau, hat aber keinen Einfluss auf die realen Größen. Ein Einfluss auf die realen Größen könnte sich jedoch auch unter „klassischen Voraussetzungen‘‘ ergeben, nämlich dann, wenn sich im Verlauf des Preissteigerungsprozesses (bzw. der Preissenkungen) die Einkommensverteilung so verändert, dass dadurch der Anteil der Ersparnis bzw. des Konsums am Gesamteinkommen beeinflusst wird. Das wäre z.B. der Fall, wenn die Preissteigerungen zu einem relativen Ansteigen der Gewinne der Unternehmer führen, d.h. die Anteile der Lohn- und Rentenbezieher am Gesamteinkommen zurückgehen. Bewirkt dieser relative Anstieg der Gewinne eine entsprechende Ausdehnung der Investitionen, bedeutet dies eo ipso einen entsprechenden Rückgang des Anteils der Konsumausgaben an den gesamten Ausgaben. Die Preissteigerungen hätten in diesem Fall einen relativen Anstieg der Ersparnisse erzwungen; man spricht deshalb auch vom sog. Zwangssparen. Geht der Anteil der freiwilligen Ersparnis nicht entsprechend zurück, steigt die Ersparnis insgesamt an; die Ausstattung der Volkswirtschaft mit Realkapital hätte sich verbessert, der natürliche Zins wäre entsprechend gesunken. Unter diesen Annahmen hätte dann auch die Geldschöpfung einen Einfluss auf die realen Größen ausgeübt. 4. Die Liquiditätstheorie des Zinses Nach den Annahmen der klassischen Zinstheorie werden liquide Mittel ausschließlich für Investitionszwecke nachgefragt; die Kassenhaltung der Wirtschaftssubjekte ist durch das Transaktionsvolumen bestimmt, zum Teil spielt auch das Vorsichtsmotiv eine gewisse Rolle. Keynes hat nun in seinem Buch „Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes‘‘ seine Anschauung über den Zins im bewussten Gegensatz hierzu formuliert. „Der Zinssatz ist nicht der ‚Preis‘, der die 100 IV. Zinstheorie Nachfrage nach Investitionsmitteln ins Gleichgewicht bringt mit der Bereitschaft, auf gegenwärtigen Konsum zu verzichten. Er ist der ‚Preis‘, der den Wunsch, Vermögen in Form von Kasse zu halten, mit der verfügbaren Menge an Kasse ins Gleichgewicht bringt.‘‘ Nach dieser sog. Liquiditätstheorie des Zinses ist der Zins dann im Gleichgewicht, wenn die gesamte Geldnachfrage gleich dem gesamten Geldangebot ist. Zins 0 Geldangebot/Geldnachfrage i1 MD MS MDT Abb. IV.7 In Abb. IV.7 ist das Geldangebot MS als absolut zinsunelastisch angenommen. Die Determinanten der Geldnachfrage sind aus dem II. Kapitel bekannt: (9) MD Ë MDT (Y) Ê MDL (i) Ë MD (Y, i). MDT stellt die zinsunabhängige Geldnachfrage für Transaktionszwecke bei gegebener Höhe des nominellen Volkseinkommens dar. MDL gibt die eigentliche Liquiditätspräferenz, die allein vom Zins abhängige spekulative Geldnachfrage wieder, sie bestimmt die Neigung der Kurve der gesamten Geldnachfrage. Nach der Liquiditätstheorie des Zinses ist die Zinshöhe durch das Gleichgewicht zwischen Geldnachfrage und Geldangebot bestimmt. Für dieses Gleichgewicht gilt: (10) MS Ë MD (Y, i). Bei gegebener Geldnachfragekurve wird der Zins also umso niedriger, je größer das Geldangebot ist. Ist der Zins jedoch bis auf die Höhe gesunken, bei der die Geldnachfrage nach Auffassung von Keynes absolut zinselastisch wird, führt auch eine noch so große Ausdehnung des Geldangebots nicht zu einem weiteren Absinken des Zinses. Steigt nun das Volkseinkommen von Y1 auf Y2, so erhöht sich die Nachfrage nach Transaktionskasse entsprechend (MDT1 ? MDT2). Bleibt die eigentliche Liquiditätspräferenz unverändert, verschiebt sich die Kurve der gesamten Geldnachfrage wie in Abb. IV.8 dargestellt. Bei konstantem Geldangebot muss der Zins von i1 auf i2 steigen. Gleichzeitig ergibt sich jetzt eine andere Verteilung der gesamten Geldmenge auf Transaktions- und Spekulationskasse. Beim Zinssatz i1 und dem Volkseinkommen Y1 hielten die Wirtschaftssubjekte die Menge OMDT1 in der Transaktionskasse, während der restliche Teil der Geldmenge MS der spekulativen Geldhaltung diente. Der zusätzliche Geldbedarf für Transaktionszwecke auf Grund des höheren Volksein- 4. Die Liquiditätstheorie des Zinses 101 kommens kann bei gegebener Geldmenge nur auf Kosten der spekulativen Kassenhaltung befriedigt werden. Da diese spekulative Kassenhaltung zinsabhängig ist, „lockt‘‘ der steigende Zins Geld aus der Spekulationskasse und macht es für Transaktionszwecke verfügbar. Zins 0 Geldangebot/Geldnachfrage i1 i2 M D 2 M D 1 M S M D T 2 M D T 1 Abb. IV.8 Dieser Prozess der Zinssteigerung kommt dann zum Stillstand, wenn beim Zins i2 wieder die gesamte Geldnachfrage gleich dem gesamten Geldangebot ist. Von der unverändert gegebenen Geldmenge befindet sich dann der Teil OMDT2 in der Transaktionskasse, während der jetzt erheblich kleinere Restbetrag spekulativen Zwecken dient. Ist das Geldangebot gegeben, so bestimmt das Verhältnis der Größen Y und i, wie sich diese Geldmenge auf die Kassenhaltung für Transaktionszwecke und die spekulative Geldhaltung verteilt (siehe auch Abb. IV.9). M D 1 M D 2 M D 3 M S M D T 1 M D T 2 M D T 3 Zins 0 i3 i1 i2 Geldangebot / Geldnachfrage Abb. IV.9 102 IV. Zinstheorie 5. Das IS-LM-Konzept Das IS-LM-Konzept ist die Darstellung des keynesianischen Modells zur Bestimmung des simultanen Gleichgewichts auf dem Geld- und dem Gütermarkt. Nach den Grundlagen in der „Allgemeinen Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes‘‘ von J. M. Keynes war es vor allem J. R. Hicks, der diesen Ansatz zum IS- LM-Konzept weiterentwickelt hat. Mit den Symbolen I für Investitionen und S für Ersparnis steht der IS-Part für das Gütermarktgleichgewicht (realer Sektor) und der LM-Part (Liquiditätspräferenz, Geldmenge) für das Geldmarktgleichgewicht (monetärer Sektor der Volkswirtschaft). a) Geldmarkt- und Gütermarktgleichgewicht Nach der Liquiditätstheorie des Zinses ist das Geldmarktgleichgewicht durch Übereinstimmung von Geldangebot und Geldnachfrage bestimmt (Abb. IV.7). Wie sich leicht zeigen lässt, ist damit aber nur eine unbefriedigende, weil unvollständige Antwort zur Erklärung des Gleichgewichtszinses gegeben. In Abb. IV.9 erhält man die Zinssätze i1, i2, i3 bei gegebener Geldmenge und unveränderter eigentlicher Liquiditätspräferenz für alternative Werte des Volkseinkommens. Dabei gilt: Y1 5 Y2 5 Y3. Führt man diese Überlegung für weitere Werte von Y durch, erhält man für jeden Wert von Y jeweils einen Zins, bei dem Geldangebot und Geldnachfrage übereinstimmen. Überträgt man diese Werte in ein neues Koordinatensystem, so zeigt die Kurve LM alle Kombinationen von Zins und Volkseinkommen, bei denen die Gleichgewichtsbedingung (10) erfüllt ist (siehe Abb. IV.10). Zins 0 Volkseinkommen LM Abb. IV.10 Bei gegebener Geldmenge ist also Gleichgewicht von Geldangebot und Geldnachfrage bei unendlich vielen Kombinationen von Volkseinkommen und Zins möglich, und zwar ist der Zins umso höher (niedriger), je höher (niedriger) das Volkseinkommen ist. Die LM-Kurve spiegelt in ihrem Verlauf die völlig zinselastische Geldnachfrage bei einem entsprechend niedrigen Zins und die völlig zinsunelastische Geldnachfrage bei hohen Zinssätzen wider. Wird das Geldangebot vergrößert, er- 5. Das IS-LM-Konzept 103

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Zusammenfassung

Der Klassiker zur Geldtheorie.

Das Lehrbuch zur Geldtheorie

ist eines der erfolgreichsten Bücher dieser Art. Dem Autor Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Otmar Issing, ehemals Direktoriumsmitglied der Europäischen Zentralbank und »Vater des Euro«, gelingt es hervorragend, den aktuellen Stand der modernen Geldtheorie einfach und konzentriert darzustellen. Der Band gibt den Studenten eine hilfreiche Orientierung in der Diskussion zwischen Keynesianern, Monetaristen und Liquiditätstheoretikern.

Geldtheorie aktuell

Die Neuauflage enthält unter anderem Ausführungen zu

* den wichtigsten Entwicklungen der Kreditmarkttheorie

* dem Einfluss der Finanzmarktkrise auf den Geldmarkt und

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Im Überblick

* Das Geld

* Die Nachfrage nach Geld

* Das Geldangebot

* Zinstheorie

* Geldmenge, monetäre Nachfrage, Preisniveau und Beschäftigung

* Die Liquidität

* Inflationstheorie