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1. Der Zins als intertemporales Phänomen in:

Otmar Issing

Einführung in die Geldtheorie, page 100 - 101

15. Edition 2011, ISBN print: 978-3-8006-3810-9, ISBN online: 978-3-8006-4315-8, https://doi.org/10.15358/9783800643158_100

Series: Vahlens Kurzlehrbücher

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IV. Zinstheorie Unter dem Zins versteht man den Preis, den der Schuldner für die zeitweise Überlassung eines Darlehens an den Gläubiger zu zahlen hat; wird das Darlehen in Geld gegeben, wie dies in der Geldwirtschaft der Normalfall ist, ist der Zins also nichts anderes als der Preis für die Inanspruchnahme von Kredit. Die Zinstheorie hat zunächst die Existenz des Zinses zu erläutern; damit beschäftigt sich der 1. Abschnitt dieses Kapitels. Außerdem ist es Aufgabe der Zinstheorie, die Höhe des Zinses zu erklären bzw. die Höhe der verschiedenen Zinssätze, wenn man die Annahme eines einzigen Zinses aufgibt. Im Rahmen dieser Einführung können nur solche Aspekte der Zinstheorie behandelt werden, die für die Geldtheorie relevant sind. Unter diesem Gesichtspunkt sind im Folgenden die wichtigsten Beiträge aus der umfangreichen Literatur ausgewählt. 1. Der Zins als intertemporales Phänomen Mit dem Phänomen des Zinses beschäftigt sich die Nationalökonomie seit ihren Anfängen als eigenständige Wissenschaft. Einen Meilenstein in der Entwicklung der Zinstheorie stellt zweifellos das Werk Eugen von Böhm-Bawerks dar. Mit der Frage nach der „Berechtigung“ des Zinses haben sich die Gelehrten schon sehr viel früher befasst. Bekannt – und für viele Jahrhunderte prägend – war nicht zuletzt das Urteil, das Aristoteles in seiner „Politik“ fällte, nach dem das „Geld keinen Jungen hecken kann“. Es ist hier nicht der Ort für eine Zinstheorie im umfassenden Sinne. Für das Verständnis des Problems ist es jedoch wichtig, auf den zentralen Aspekt der Existenz des Zinses hinzuweisen, nämlich auf seinen intertemporalen Charakter. Als intertemporale Größe verknüpft der Zins gegenwärtige und zukünftige Vorgänge des Wirtschaftens. Er tritt in dieser Funktion dann in Erscheinung, wenn zwischen Leistung und Gegenleistung eine (relevante) zeitliche Diskrepanz liegt. Diese Funktion besteht sowohl in einer Geld- als auch in einer Naturalwirtschaft; der Zins ist also grundsätzlich ein reales Phänomen. An dieser Einsicht ändert auch die Tatsache nichts, dass sich die Bedeutung des Zinses erst in einer Geldwirtschaft mit hoch entwickelten Finanzmärkten voll entfalten kann. Aus dem intertemporalen Charakter ergibt sich die Definition: Der Zins ist der Preis für die frühere Verfügbarkeit von Gütern, oder anders gewendet: Der Zins ist der Preis für die spätere Bezahlung von Gütern. Diese begriffliche Umschreibung soll im Folgenden näher erläutert werden. Gut verfügbar in Preis zahlbar in t0 t1 t0 t1 P PP+=P(1+i) P–= P1+i Abb. IV.1 Der Preis für ein beliebiges Gut sei mit P bezeichnet, wenn Bezahlung des Gutes und Verfügbarkeit durch den Käufer in einem Zeitpunkt zusammenfallen. P- bezeichne dagegen den Preis, falls das Gut erst morgen (bzw. in der nächsten Periode, also in t1) zur Verfügung gestellt wird, der Preis aber schon heute (also in t0) zu entrichten ist. P+ schließlich stelle den Preis eines Gutes dar, das bereits heute zur Verfügung steht, dessen Preis aber erst morgen zu entrichten ist. Abb. IV.1 stellt die möglichen Konstellationen dar. Der Zins (i) als Preis für die frühere Verfügbarkeit eines Gutes ist folglich die Differenz zwischen dem heute zu zahlenden Preis für ein heute verfügbares Gut (P) und dem heute zu zahlenden Preis für ein morgen verfügbares Gut (P-) bezogen auf P-: (1) i Ë P P P Durch Umstellung erhält man den heute zu zahlenden Preis für das morgen verfügbare Gut: (2) P Ë P lÊ i Nach der oben erwähnten alternativen Definition spiegelt der Zins den Preis für die spätere Bezahlung eines Gutes wider, und zwar als Differenz zwischen dem morgen zu zahlenden Preis für ein heute verfügbares Gut und dem heute zu zahlenden Preis für ein heute verfügbares Gut bezogen auf den letztgenannten Preis: (3) i Ë P Ê P P ; oder (4) P+ Ë (1 + i) P Der Zins ist zwar selbst ohne Dimension, bezieht sich aber immer auf eine ganz bestimmte Zeitspanne (Periodenlänge), diese ist im konkreten Fall genau zu bestimmen. 2. Die Auffassung der Klassiker Der Zins als Erscheinungsform des Wirtschaftslebens ist nicht an das Vorhandensein von Geld gebunden; er existiert auch in der Naturalwirtschaft. Für die klassischen Nationalökonomen war der Zins eine Größe, deren Höhe durch den Kapitalreichtum eines Landes bestimmt wird. Je größer unter sonst gleichen Bedingungen die volkswirtschaftliche Kapitalbildung, d.h. je umfangreicher das Sparen, desto niedriger der Zins und vice versa. Das Geld, genauer gesagt die Geldmenge, kann die Zinshöhe nach dieser Auffassung allenfalls vorübergehend beeinflussen; auf längere Sicht wird der Zins als eine reale, in seiner Höhe durch güterwirtschaftliche Vorgänge bestimmte Größe verstanden. Diese Ansicht lässt sich am besten aus der gesamtwirtschaftlichen Theorie der Klassiker erklären. Geht man zunächst von einer Wirtschaft aus, in der nur Konsumgüter produziert werden und in der die Haushalte ihr ganzes Einkommen für den Kauf von Konsumgütern ausgeben, so präsentiert sich der volkswirtschaftliche Geldkreislauf in sehr einfacher Form. Das gesamte Einkommen wird für Konsumzwecke verwendet, der Einkommenstrom ist wertmäßig immer gleich dem Ausgabenstrom. 94 IV. Zinstheorie

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Zusammenfassung

Der Klassiker zur Geldtheorie.

Das Lehrbuch zur Geldtheorie

ist eines der erfolgreichsten Bücher dieser Art. Dem Autor Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Otmar Issing, ehemals Direktoriumsmitglied der Europäischen Zentralbank und »Vater des Euro«, gelingt es hervorragend, den aktuellen Stand der modernen Geldtheorie einfach und konzentriert darzustellen. Der Band gibt den Studenten eine hilfreiche Orientierung in der Diskussion zwischen Keynesianern, Monetaristen und Liquiditätstheoretikern.

Geldtheorie aktuell

Die Neuauflage enthält unter anderem Ausführungen zu

* den wichtigsten Entwicklungen der Kreditmarkttheorie

* dem Einfluss der Finanzmarktkrise auf den Geldmarkt und

* dem Zusammenhang von Finanzmarktkrise und Liquidität.

Im Überblick

* Das Geld

* Die Nachfrage nach Geld

* Das Geldangebot

* Zinstheorie

* Geldmenge, monetäre Nachfrage, Preisniveau und Beschäftigung

* Die Liquidität

* Inflationstheorie