Content

2 Korrekturverfahren in:

Hans Blohm, Klaus Lüder, Christina Schaefer

Investition, page 239 - 242

Schwachstellenanalyse des Investitionsbereichs und Investitionsrechnung

10. Edition 2012, ISBN print: 978-3-8006-3937-3, ISBN online: 978-3-8006-3938-0, https://doi.org/10.15358/9783800639380_239

Series: Vahlens Handbücher der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

Bibliographic information
das betrachtete Investitionsobjekt ständig gehandelt wird, die Möglichkeit, das Investitionsobjekt beliebig teilen zu können, sowie die Annahme, dass die Wertver- änderung des Investitionsobjektes einem stochastischen Prozess gehorcht. Da diese Anwendungsvoraussetzungen in der Praxis grundsätzlich nicht erfüllt sind und der Realoptionenansatz damit keine wissenschaftlich fundierten Handlungsempfehlungen für Investitionsentscheidungen unter Unsicherheit in der Praxis geben kann,7 konzentrieren wir uns im folgenden auf die oben angeführten Modelle. 2 Korrekturverfahren Gemeinsames Merkmal der Korrekturverfahren ist die Änderung einzelner ursprünglicher Schätzwerte der Investitionsrechnung (Einpunktschätzungen, z. B. Erwartungswerte, wahrscheinlichste Werte) mit dem Ziel, dadurch der Unsicherheit der Erwartungen Rechnung zu tragen: man nimmt „Risikoabschläge“ bzw. „Risikozuschläge“ vor. Geändert werden in erster Linie die folgenden Daten8: (1) Kalkulationszinssatz: Die Festlegung des Kalkulationszinssatzes richtet sich nach der mit einem Projekt verbundenen Unsicherheit. Er wird um so höher angesetzt, je höher die Unsicherheit eingeschätzt wird. Das bedeutet, dass in der Regel der Kapitalwert eines Investitionsprojektes unter sonst gleich bleibenden Bedingungen um so niedriger ist, je unsicherer die Erwartungen sind. Dieses in der Praxis nicht selten anzutreffende Verfahren9 wird oft in der Weise gehandhabt, dass mehrere Risikokategorien gebildet werden, denen unterschiedliche Kalkulationszinssätze zugeordnet sind, z. B. Kategorie I: Vorhandener Markt – bekanntes Produktionsverfahren (p = 10%) Kategorie II: Vorhandener Markt – neues Produktionsverfahren (p = 15%) Kategorie III: Neuer Markt – bekanntes Produktionsverfahren (p = 25%) Kategorie IV: Neuer Markt – neues Produktionsverfahren (p = 30%). 7 Vgl. für eine ausführliche Kritik am Realoptionenansatz Ballwieser, W., Unternehmensbewertung und Optionspreistheorie, in: DBW (2002), S, 184–201; Kruschwitz, Investitionsrechnung, a. a. O., S.403ff.; Schaefer, C., a. a. O., S.170ff.; Schaefer, C./Pfnür, A., Real optionen als Instrument des Investitionscontrollings, in: WiSt 30 (2001), S.243–247. 8 Vgl. Rühli, E., Methodische Verfeinerungen der traditionellen Verfahren der Investitionsrechnung und Übergang zu den mathematischen Modellen, Die Unternehmung 3/1970, S.165ff. Lutz, F. u. V., a. a. O., S.192. 9 Vgl. Pflomm, N. E., Managing Capital Expenditures, Business Policy Study No. 107, National Industrial Conference Board, New York 1963, S.41. Terborgh, G., Business Investment Management, a. a. O., S.274. Rühli, E., a. a. O., S.166. Heidtmann, D./Däumler, K.D., a. a.O., S.18. 2 Korrekturverfahren 227 005-Kapitel_4 14.05.12 09:58 Seite 227 Ein Investitionsprojekt wird entsprechend der vermuteten Unsicherheit einer der Risikokategorien zugeordnet und mit dem zugehörigen Kalkulationszinssatz durchgerechnet10. Varianten des Verfahrens der Korrektur des Kalkulationszinssatzes sind die doppelte Diskontierung (Diskontierung 1. zur Berücksichtigung der zeitlichen Unterschiede und 2. zur Berücksichtigung der Unsicherheit) und die Diskontierung mit ansteigenden Zinssätzen (der Kalkulationszinssatz steigt mit zunehmendem Abstand vom Bezugszeitpunkt an). Beispiel: Doppelte Diskontierung Es soll mit Hilfe der Kapitalwertmethode überprüft werden, ob ein Investitionsprojekt mit Investitionsausgaben von 50000,– €, die in voller Höhe zu Beginn des 1. Jahres anfallen, durchgeführt werden soll. Der Kalkulationszinssatz ohne Berücksichtigung der Unsicherheit der Erwartungen beträgt 20%. Darüber hinaus erfolgt eine nochmalige Abzinsung der Rückflüsse mit einem Zinssatz von 10% zur Berücksichtigung der Unsicherheit. Das Ergebnis zeigt, dass die Investition ohne Berücksichtigung der Unsicherheit zulässig wäre, da der Kapitalwert mit + 8385,– € größer als Null ist. Nach Berücksichtigung der Unsicherheit ergibt sich hingegen ein negativer Kapitalwert von – 6 019,– €, d. h. das Projekt erfüllt die gestellten Anforderungen nicht. (2) Rückflüsse: Die Festlegung der Rückflüsse richtet sich nach der mit einem Projekt verbundenen Unsicherheit. Die Rückflüsse werden um so niedriger angesetzt, je höher die Unsicherheit eingeschätzt wird. Das bedeutet, dass der Kapitalwert unter sonst gleich bleibenden Bedingungen um so niedriger sein muss je unsicherer die Erwartungen sind. 228 4. Kapitel: Berücksichtigung unsicherer Erwartungen 10 Zur Bildung von Risikokategorien vgl. auch Dean, J., Capital Budgeting, New York 1951, S.82ff. 005-Kapitel_4 14.05.12 09:58 Seite 228 (3) Lebensdauer: Die Festlegung der Lebensdauer richtet sich nach der mit einem Projekt verbundenen Unsicherheit. Die Lebensdauer wird um so kürzer angesetzt, je höher die Unsicherheit eingeschätzt wird. Setzt man voraus, dass die Rückflüsse der einzelnen Perioden positiv sind, so ist der Kapitalwert unter sonst gleich bleibenden Bedingungen um so niedriger, je unsicherer die Erwartungen sind. Zu den an der Projekt-Lebensdauer ansetzenden Korrekturverfahren zählt auch eine Variante der Kostenvergleichsrechnung zur Lösung des Ersatzproblems, bei der die Unsicherheit in Bezug auf die neue Anlage durch Verkürzung der Plan-Lebensdauer dieser Anlage auf die Vergleichsperiode berücksichtigt wird. Unterstellt man, dass der Liquidationserlös der neuen Anlage am Ende der Vergleichsperiode gleich ihrem Restbuchwert bei linearer Abschreibung (KRv) ist, dann ergibt sich ein gegenüber dem Ersatzkriterium bei Sicherheit [vgl. Formel (45), S.137] leicht modifiziertes Kriterium: Da im Normalfall KRv > LT gilt, führt dieses Ersatzkriterium gegenüber dem Kriterium (46) zu höheren Kosten für die neue Anlage und damit u. U. zu einer Verschiebung des Ersatzzeitpunktes. Entscheidende Mängel der Korrekturverfahren sind: (1) Die Auswirkungen der Unsicherheit werden „summarisch“ bestimmt und verrechnet und nicht „analytisch“ aus der Unsicherheit der Einflussfaktoren ermittelt. (2) Eine Korrektur wird u. U. bei solchen Größen vorgenommen, die selbst nicht unsicher sind. Dies würde bei der beurteilenden Person die Fähigkeit voraussetzen, die Auswirkungen der Unsicherheit bei einem Faktor (z. B. Rückflüsse) in Auswirkungen bei einem anderen Faktor (z. B. Kalkulationszinssatz) zu transformieren. (3) Durch die Korrektur wird ausschließlich versucht, negative Abweichungen vom Ausgangswert zu antizipieren. Entscheidungen auf dieser Grundlage erfolgen demnach – möglicherweise unbewusst – nach dem „Prinzip der Vorsicht“. (4) Nehmen mehrere Personen bei verschiedenen Größen einer Investitionsrechnung Korrekturen vor, so tritt ein Kumulationseffekt ein, dessen Auswirkungen nicht mehr überschaubar sind. So kann man Projekte „tot rechnen“ 11. (5) Das Entscheidungsgremium ist oftmals nicht in der Lage, die Auswirkungen der Unsicherheit zu erkennen und damit bei der Entscheidung entsprechend zu berücksichtigen. Das Gremium muss demnach unter „Unsicherheit über die Unsicherheit“ entscheiden. 11 Rühli, E., a. a. O., S.168. 2 Korrekturverfahren 229 005-Kapitel_4 14.05.12 09:58 Seite 229 Aufgrund der genannten Mängel können die Korrekturverfahren lediglich als praktikable Faustregeln bezeichnet werden, die dem Vorsichtsprinzip insofern Rechnung tragen, als „ein niedrigerer Kapitalwert bei gegebenem Investitionsprojekt mit größerer Wahrscheinlichkeit zu erwarten ist als ein höherer Kapitalwert“. Es werden demzufolge bei Anwendung der Korrekturverfahren einige Projekte nicht realisiert, die ohne Berücksichtigung von Risikoabschlägen durchgeführt worden wären. Dass dies aber zu einer erfolgreicheren oder auch nur zu einer weniger risikoreichen Investitionspolitik führt, ist logisch nicht begründbar. 3 Sensitivitätsanalyse 3.1 Darstellung der Verfahren 3.1.1 Vorbemerkung Sensitivitätsanalysen (Sensibilitätsanalysen) ergänzen die Investitionsrechnung und zählen in der Praxis zu nicht selten anzutreffenden Verfahren.12 Mit ihrer Hilfe sollen Zusammenhänge zwischen dem Input einer Investitionsrechnung (z. B. Preise, Absatzmengen, Investitionssummen, Lebensdauer) und ihrem Output (z.B. Kapitalwert) aufgedeckt werden. Die Fragestellungen der Sensitivitätsanalyse können lauten13: a) Wie weit darf der Wert einer oder mehrerer Inputgrößen vom ursprünglichen Wertansatz abweichen, ohne dass die Outputgröße einen vorgegebenen Wert über- oder unterschreitet? b) Wie ändert sich der Wert der Outputgröße bei vorgegebener Abweichung einer oder mehrerer Inputgrößen vom ursprünglichen Wertansatz? Eine Sensitivitätsanalyse zur Beantwortung der Frage a) wird in der Investitionsliteratur auch als „Verfahren der kritischen Werte“ bezeichnet14. 3.1.2 Verfahren zur Ermittlung der zulässigen Abweichung (Verfahren der kritischen Werte) Ein anhand des Kapitalwertes beurteiltes Investitionsprojekt ist vorteilhaft, wenn der Kapitalwert nicht negativ ist. Das Verfahren der kritischen Werte besteht nun darin zu prüfen, wie weit die Werte als unsicher erachteter Inputgrößen von den 230 4. Kapitel: Berücksichtigung unsicherer Erwartungen 12 Vgl. bspw. die Untersuchungen von Heidtmann/Däumler (1997), in der von den ca. 76% der Unternehmen, die in ihren Rechnungen eine Risikoberücksichtigung vornehmen, ca. 68% die Sensitivitätsanalyse verwenden, und von Graham/Harvey (2001), nach der über 50% der befragten Unternehmen Sensitivitätsanalysen durchführen. 13 Die hier gegebene Beschreibung der Sensitivitätsanalyse bezieht sich speziell auf Investitionsrechnungen zur Beurteilung einzelner Projekte. Zur allgemeinen Formulierung der Sensitivitätsanalyse vgl.: Dinkelbach, W., Sensitivitätsanalysen und parametrische Programmierung, Berlin/Heidelberg/New York 1969, S.25ff. Hax, H., a. a. O., S.122 ff. 14 Vgl. Schneider, E., a. a. O., S.62 ff. Kilger, W., Kritische Werte in der Investitions- und Wirtschaftlichkeitsrechnung, ZfB 35 (1965) S.338ff.; abgedruckt in Lüder, K. (Hrsg.), Investitionsplanung, a. a. O., S.145ff. 005-Kapitel_4 14.05.12 09:58 Seite 230

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Investitionen sicher beurteilen.

Dieses Lehrbuch führt in die Grundlagen der Investitionsrechnung ein. An die Schwachstellenanalyse des Investitionsbereichs im Unternehmen schließt sich die Vorstellung der gängigen Verfahren zur Beurteilung von Investitionen an. Hierbei wird auch der Einfluss von Steuern und der Inflation bei Investitionsentscheidungen berücksichtigt. Zahlreiche Abbildungen und Beispielrechnungen sorgen für ein zusätzliches Verständnis der Darstellungen.

Aus dem Inhalt:

- Schwachstellen im Investitionsbereich

- Beurteilung einzelner Investitionsprojekte bei sicheren und unsicheren Erwartungen

- Bestimmung von Investitionsprogrammen bei sicheren und unsicheren Erwartungen

Über die Autoren:

Begründet von Prof. Dr.-Ing. Hans Blohm (ehemals Technische Universität Berlin) und Prof. Dr. Dr. h.c. Klaus Lüder, Deutsche Universität für Verwaltungswissenschaften Speyer, ab der 9. Auflage fortgeführt mit Prof. Dr. Christina Schaefer, Helmut-Schmidt-Universität Hamburg.