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4.9 Fallbeispiel eines M&A-Projekts: Rating und Finanzierungsgrenzen in:

Werner Gleißner, Karsten Füser

Praxishandbuch Rating und Finanzierung, page 398 - 404

Strategien für den Mittelstand

3. Edition 2014, ISBN print: 978-3-8006-3876-5, ISBN online: 978-3-8006-3877-2, https://doi.org/10.15358/9783800638772_398

Series: Finance Competence

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4.7 Beurteilung und Bewertung von Ratingstrategien 385 reduzierten Risikoumfang  – geringere Bandbreite des Gewinnes  – durch traditionelle Finanzkennzahlen nicht erfasst werden. Wie schon erwähnt, werden durch die Finanzkennzahlen des Jahresabschlusses primär Risikotragfähigkeit und Ertragskraft bewertet – nicht aber die für die Insolvenzwahrscheinlichkeit natürlich auch wesentlichen Risiken. Durch eine  – hier im Detail nicht dargestellte – zusätzliche Analyse, nämlich gerade die Simulation der Risiken im Kontext der Planung, kann eine Reduzierung der Insolvenzwahrscheinlichkeit auf 0,6% belegt werden.420 Als zweites wird nun von der Gläubigerperspektive (Rating) zur Eigentümerperspektive (fundamentaler Wert) gewechselt. Der erwartete Gewinn beträgt 8,33 Millionen Euro. Setzt man die (erwarteten) Planzahlen in Bewertungsgleichung (15) ein (19) k = 1 + 3 % –1 = 5,9 % 1 – 0,25 · 1,84 · 0,5 8,33 erhält man folgenden fundamentalen Wert: (20) W4(Gewinn e) = Gewinn e · (1– p) = 8,33 · (1 – 1,0 %) = 119,6 k + p 5,9 % + 1,0 % Insgesamt steigt damit der fundamentale Unternehmenswert von 99,8 Mio. auf 119,5 Mio. also um ca. 20 %. Die gewählte Strategie ist damit sowohl aus Perspektive der Gläubiger (Rating) als auch der Eigentümer (fundamentaler Wert – nachhaltiger Ertrag) sinnvoll. Wie man insgesamt am Fallbeispiel sieht, sind die Ratingprognosen und die fundamentalen (risikogerechten) Bewertungsverfahren genau die betriebswirtschaftlichen Methoden, um – basierend auf transparenten Annahmen – den ökonomischen Mehrwert von Handlungsoptionen (z. B. die Maßnahmenbündel einer Ratingstrategie) zu belegen. Sie sind dabei ein wichtiges Instrument der Entscheidungsvorbereitung und können insbesondere (speziell wenn Risikoaggregationsverfahren genutzt werden) auch Konsequenzen der Veränderungen des (aggregierten) Gesamtrisikoumfangs adäquat aufzeigen. 4.9 Fallbeispiel eines M&A-Projekts: Rating und Finanzierungsgrenzen421 Gerade bei der Finanzierung (und auch Beurteilung) von M&A-Transaktionen haben Rating- und Finanzierungsrestriktionen eine erhebliche Bedeutung. So ist die Obergrenze der Fremdfi nanzierung, z. B. bei der Übernahme eines mittelständischen Unternehmens durch eine Kapitalbeteiligungsgesellschaft (Private Equity-Gesellschaft), abhängig von seitens der Fremdkapitalgeber maximal akzeptierten Insolvenzwahrscheinlichkeit, also einer Ratinggrenze. Der Zusammenhang zwischen Finanzierung, Rating und Bewertung von Beteiligungen (ausgedrückt in dem branchenüblichen „Multiple“ auf das Betriebsergebnis) wird nachfolgend betrachtet. Im nachfolgenden Fallbeispiel wird der maximale Kaufpreis, welcher von einer Private Equity Gesellschaft bezahlt werden kann, berechnet. Abhängig von der Ertragskraft und bereits bestehenden Verschuldung des Zielunternehmens wird danach der maximale Anteil des Fremdkapitals am Unternehmenswert berechnet. Dabei wird auf die aktuellen Rahmenbedingungen der Akquisitionsfi nanzierung im Hinblick auf wesentliche Finanzkennzahlen und Bilanzrelationen eingegangen. 420 Anzumerken ist, dass hier nicht nur die vereinfachte Beschreibung der Risiken durch eine „Dreiecksverteilung“ genutzt wird, sondern die Häufi gkeitsverteilung des Betriebsergebnisses sich ergibt aus der Aggregation aller Risiken mittels Simulation. 421 In enger Anlehnung an Eayrs/Gleißner (2010), S. 20–27, und Gleißner (2008f). 4. Ratingstrategie und Optimierung des Ratings386 Beispiel zur Berechnung eines maximalen Kaufpreises Bei der Beispiel GmbH handelt es sich um ein mittelständisches Unternehmen in der Maschinenbaubranche. Der langjährige Geschäftsführer hat ein starkes Interesse an einer Übernahme der Gesellschaft. Um ein Management Buy-Out (MBO) erfolgreich durchführen zu können, benötigt er Zahlungsmittel von externen Finanzierungspartnern. Für die Beispiel GmbH liegen folgende Informationen vor: *Es wird davon ausgegangen, dass die liquiden Mittel (100) zur Rückzahlung des Gesellschafterdarlehens (100) verwendet werden. Beispiel GmbH Anlagevermögen 500 Eigenkapital 200 Umlaufvermögen 400 Gesellschafterdarlehen* 100 Liquide Mittel* 100 Bankverbindlichkeiten 300 kurzfristige Vbk. 400 Summe 1.000 Summe 1.000 Bewertung & Finanzierung Umsatzerlöse 1.000 Kaufpreis (=EK-Wert) 300 – Herstellungskosten 600 = Rohertrag 400 Finanzierung: – betriebl. Aufwendungen 250 Eigenkapital (Käufer) 100 = EBITDA 150 Co-Investor 0 x Multiplikator 4,0 Nachrangdarlehen 0 = Enterprise value 600 Verkäuferdarlehen 0 – Nettoverschuldung* 300 Bankdarlehen 200 = EK-Wert 300 Summe 300 0 Abbildung 98: Unternehmensbewertung In der Unternehmensbewertung wird dargestellt und begründet, welchen fairen Wert das Unternehmen zum Bewertungsstichtag hat. Die Gesellschaft wird üblicherweise als „standalone“ Unternehmung bewertet, das heißt eine Fortführung des Geschäftsbetriebes auf unabhängiger und eigenständiger Basis wird unterstellt. Der Unternehmenswert lässt sich anhand von Multiplikatoren oder einer fundierter Planung und Abzinsung der zukünftigen Erträge bzw. Cashfl ows berechnen. Diese Bewertungsmethoden unterscheiden sich in der Betrachtungsweise zwischen Brutto-Wert, sogenannter „Enterprise Value (EV)“, und Netto-Wert für das Eigenkapital. Dem Eigentümer steht lediglich der Unternehmenswert zu, der nicht von Dritten fi nanziert wurde. Die Nettoverschuldung (zinstragende Verbindlichkeiten abzüglich nichtbetriebsnotwendiger Liquidität) muss daher vom Brutto-Wert abgezogen werden, um den Wert des Eigenkapitals zu erhalten. Der Eigenkapitalwert gibt somit den Wert der Anteile für den Eigentümer und ist zugleich der Kaufpreis, den ein Käufer zu fi nanzieren hat. Aus dem Rechenbeispiel wird deutlich, dass der Brutto-Unternehmenswert vom operativen Betriebsergebnis (EBITDA) und dem Multiplikator abhängig ist. Während das EBITDA eine vom Management des Unternehmens beeinfl ussbare Größe ist, widerspiegelt der Multiplikator die Renditeerwartung (Kehrwert des Multiplikators) des Investors und die Marktsituation. Da das Management der Beispiel GmbH abhängig von externen Finanzierungspartnern ist, richtet sich der Multiplikator an die Renditeerwartung und Risikoeinschätzung der Kapitalgeber. Der Multiplikator von 4,0 zeigt die höheren Renditeerwartungen von Investoren und die schwierigeren Rahmenbedingungen der Akquisitionsfi nanzierung. Mit einem Multiplikator von 4,0 erwarten Investoren eine EBITDA-Rendite von ca. 25 Prozent. Da der Multiplikator 4.7 Beurteilung und Bewertung von Ratingstrategien 387 meistens von Investoren vorgegeben und selten wesentlich geändert wird, stellen die Ertragskraft und der Verschuldungsgrad des Unternehmens die wichtigsten Stellgrößen bei der Ermittlung des Unternehmenswerts dar. Im Multiplikator sollten sich die zukünftigen Risiken und Wachstumserwartungen konsistent widerspiegeln422, in der Praxis orientiert er sich aber primär nur an der Bewertung einer mehr oder weniger geeigneten Peer-Group. Neben der Ertragskraft spielt der Verschuldungsgrad eine wichtige Rolle bei der Wertermittlung. In Fällen, in denen die Verschuldung eines Unternehmens hoch ist, in Relation zum EBITDA, kann der Eigenkapitalwert sogar negativ sein. In solchen Fällen ist das Unternehmen nicht in der Lage, das Gesamtkapital adäquat zu verzinsen. Laut Rechenbeispiel beträgt das sich verzinsende Gesamtkapital 600. Es ergibt sich aus dem Eigenkapital 300 zuzüglich der Nettoverschuldung von 300. Bei einer unterstellten Umsatzrendite (EBITDA/Umsatz) von 15 Prozent und einem Multiplikator von 4,0, errechnet sich ein Eigenkapitalwert (Shareholder Value) nach Abzug der Verschuldung von 300. Damit übersteigt der Eigenkapitalwert den Buchwert des Eigenkapitals um 100; das Kurs-Buchwert-Verhältnis (KBV) beträgt damit 1,5. Nettoverschuldung (in % Bilanzsumme) 90% 80% 70% 60% 50% 40% 30% 20% 10% 0% 27,50% 560 620 680 740 800 860 920 980 1.040 1.100 25,00% 460 520 580 640 700 760 820 880 940 1.000 22,50% 360 420 480 540 600 660 720 780 840 900 20,00% 260 320 380 440 500 560 620 680 740 800 17,50% 160 220 280 340 400 460 520 580 640 700 15,00% 60 120 180 240 300 360 420 480 540 600 12,50% -40 20 80 140 200 260 320 380 440 500 10,00% -140 -80 -20 40 100 160 220 280 340 400 7,50% -240 -180 -120 -60 0 60 120 180 240 300 5,00% -340 -280 -220 -160 -100 -40 20 80 140 200 U m sa tz re nd ite (E B IT D A /U m sa tz ) 2,50% -440 -380 -320 -260 -200 -140 -80 -20 40 100 Abbildung 99: Auswirkung des EBITDA und Nettoverschuldung auf den EK-Wert Bei einer Umsatzrendite (EBITDA-Rendite) von ca. 12,5 Prozent und einem gleichbleibenden Multiplikator von 4,0, entspricht der Eigenkapitalwert genau dem Buchwert (vgl. ). Sollte allerdings die Ertragskraft niedriger als 12,5 Prozent sein, wird nach Abzug der Nettoverschuldung der Wert des Eigenkapitals niedriger sein als der Buchwert. Wenn man beispielsweise eine EBITDA-Marge von 7,5 Prozent und eine Nettoverschuldung von 40 Prozent beim gleichen Multiplikator 4,0 annimmt, reicht der Unternehmenswert (Enterprise Value) gerade mal zur Abdeckung der Verschuldung (entspricht einem Eigenkapitalwert von 0). Bei der Akquisitionsfi nanzierung handelt es sich um die Finanzierung des Unternehmensoder Beteiligungserwerbs. Meistens fi nanziert der Erwerber den Unternehmenskauf aus einer Kombination von Fremd- und Eigenkapital. Während das Eigenkapital vom Erwerber in Form einer direkten Beteiligung gestellt wird, stellen Banken das Fremdkapital in Form von Krediten mit unterschiedlichen Laufzeiten und Zinsen zur Verfügung. Je länger die Laufzeit, desto höher die Zinsen. Der Erwerb der Beispiel GmbH sollte durch eine neugegründete Gesellschaft (NewCo) als Akquisitionsvehikel stattfi nden. Diese wird mit dem Kapital des Erwerbers (Eigenkapital) und der fi nanzierenden Banken (Fremdkapital) ausgestattet. Die NewCo tritt dann als Erwerber auf und zahlt den Kaufpreis an den Verkäufer. Das nachfolgende Schaubild zeigt die Struktur des Unternehmenserwerbs durch NewCo. 422 Vgl. Richter (2005). 4. Ratingstrategie und Optimierung des Ratings388 Verk ä ufer Altgesellschafter NewCo Erwerbergesellschaft Bank Zielunternehmen Kaufpreis 100 % Investoren Management 100 % Organschaft bzw. Verschmelzung Verk Altgesellschafter NewCo Erwerbergesellschaft Darlehen 150 Beispiel GmbH Zielunternehmen 300 Anteile Beteiligungsgesellschaft Zinsen Bareinlage 150 Abbildung 100: Anteilserwerb (Share deal) durch NewCo Möglicherweise beteiligt sich der Verkäufer selbst am Eigenkapital, indem er für einen Teil der Verkaufserlöse der Beispiel GmbH, z. B. 49 %, an der NewCo übernimmt. Es lässt sich zeigen, welches Bewertungsniveau (gemessen am KGV oder EBITDA-Multiple) in Abhängigkeit bestimmter Rahmenbedingungen, Risiken, Wachstumschancen und Finanzierung angemessen ist.423 Dabei wird erkennbar, dass der Unternehmenswert (und das KGV) abhängig sind von der Höhe der Verschuldung. Für die Private Equity-Gesellschaft ist es nunmehr naheliegend denjenigen Fremdkapitalstand zu wählen, der den Wert des Eigenkapitals maximiert. Tatsächlich ist es jedoch nicht grundsätzlich möglich, die aus Sicht des neuen Eigentümers, der Private Equity-Gesellschaft, optimale Höhe des Fremdkapitals zu wählen. Zu beachten sind nämlich ergänzend Finanzierungsrestriktionen, die entstehen, weil die Gläubiger Restriktionen bzgl. der von ihnen maximal akzeptierten Ausfallwahrscheinlichkeit (p) vorgeben. Im Folgenden werden nunmehr diese Verschuldungsgrenzen, die sich durch die Vorgabe von Restriktionen hinsichtlich wesentlicher Finanzkennzahlen ergeben, näher betrachtet. Es wird damit erläutert, welcher Maximal-Anteil (a) eines Kaufpreises fremdfi nanziert werden kann. Die Restriktion hierbei ergibt sich durch die Banken, die eine zu hohe Verschuldung nicht akzeptieren werden, weil diese eine zu starke Verschlechterung des Ratings und damit eine zu deutliche Erhöhung der Ausfallwahrscheinlichkeit implizieren würde. Nachfolgend wird nur die Zinsdeckungsquote (ZDQ) auf Basis EBITDA vereinfachend als einzige Ratingkennzahl betrachtet. Allgemein kann man bei einem marktgerechten Bewertungsmultiplikator (m), dem Betriebsergebnis (EBIT oder EBITDA) und der aktuellen Nettoverschuldung des Unternehmens (FKalt) mit einem Zinssatz von i folgenden maximalen Anteil (a) für eine Fremdfi nanzierung des Enterprise Values (FKneu)424 bestimmen, wenn die Zinsdeckungsquote ZDQ min nicht unterschritten werden darf: (1) ZDQ min = EBITDA (FKalt + FKneu) · i und (2) FKneu = EV · a = (EKM + FKalt) · a = m · EBITDA · a mit a = Maximal-Anteil der Fremdfi nanzierung des Enterprise Values. 423 Richter (2005) und Gleißner (2008f). 424 D. h. Veränderung des Fremdkapitals. 4.7 Beurteilung und Bewertung von Ratingstrategien 389 Durch Einsetzen dieser Gleichung (2) in die Gleichung (1) zur Bestimmung von ZDQ min erhält man (3) ZDQ min = EBITDA (FKalt + m · EBITDA · a) · i Durch Aufl ösen der Gleichung nach dem maximalen Fremdfi nanzierungsanteil des Kaufpreises (a) ergibt sich schließlich (4) a = 1 – FKalt ,i · ZDQ min EBITDA m als maximaler Anteil des Enterprise Values, der fremdfi nanziert werden kann.425 Im Falle der Beispiel GmbH ergibt sich bei einer vorgegebenen maximalen Zinsdeckungsquote von 5,0 einen maximalen Anteil der Fremdfi nanzierung am Enterprise Value (600) von a = 1 – 300 = 3,33 – 2 = 33,3 %6 % · 5,0 150 4,0 4,0 dies entspricht einer maximalen Fremdfi nanzierung in Höhe von 600 · 33,3 % = 200, was eine Finanzierungsquote am Kaufpreis (bzw. Shareholder Value von 300) von 66,7 % entspricht: 200 = 66,7 % (600 – 300) Sollte die fi nanzierenden Banken eine niedrigere Zinsdeckungsquote von z. B. 4,5 akzeptieren, erhöht sich der Anteil der Fremdfi nanzierung am Enterprise Value von 33,3 % auf a = 1 – 300 = 3,70 – 2 = 42,6 %6 % · 4,5 150 4,0 4,0 Der maximale Betrag der Fremdfi nanzierung erhöht sich dabei von 200 auf 600 · 42,6 % = 255,6, was etwa 85,2 % des Shareholder Value von 300 entspricht: 256,6 = 85,2 % (600 – 300) Die nachfolgende Tabelle zeigt die Auswirkung der Zinsdeckungsquote auf weitere Finanzkennzahlen und vergleicht diese mit Soll-Werten, die in Form von Financial Covenants bei Akquisitionsfi nanzierungen vorkommen: Tabelle 43: Auswirkung der Zinsdeckungsquote auf weitere Finanzkennzahlen 425 Zu beachten ist, dass der Zinssatz i steigt, wenn ZDQ min eine überdeutlich höhere Insolvenzwahrscheinlichkeit bzw. schlechtes Rating impliziert als bisher (siehe Gleißner 2011a). 4. Ratingstrategie und Optimierung des Ratings390 Im Rahmen von Kaufpreisverhandlungen spielt die künftige Kapitaldienstfähigkeit des Unternehmens eine erhebliche Rolle bei der Akquisitionsfi nanzierung und beeinfl usst dadurch oft den erzielbaren Kaufpreis für den Verkäufer. Der im Rechenbeispiel ermittelte Eigenkapitalwert (= Kaufpreis) von 300 lässt im Hinblick auf die vom Erwerber zu übernehmenden Bankverbindlichkeiten in Höhe von 300 eine Fremdfi nanzierung des Kaufpreises von maximal 200 zu. Die gesamte Fremdkapitalfi nanzierung beträgt nun 500 (Akquisitionsfi nanzierung 200 plus Bankverbindlichkeiten des Unternehmen selbst 300) und entspricht somit dem 3,3-fachen des EBITDA. Den Restbetrag in Höhe von 100 muss der Käufer selbst oder mit Unterstützung anderer Finanzierungspartner aufbringen. Aufgrund der Begrenzung der Akquisitionsfi nanzierung auf 200 kann der Erwerber nicht wesentlich mehr als einen Multiplikator von 4,0 für das Unternehmen zahlen ohne erhebliche Einschnitte in der Eigenkapitalrendite hinnehmen zu müssen. Ein Merkmal der Akquisitionsfi nanzierung ist die Abstellung der Tilgungsleistung auf die künftige Ertragskraft des Unternehmens und nicht auf klassische Kreditsicherheiten („Projektrating “). Ziel ist es, die gesamte Finanzierungssumme in fünf bis sieben Jahren aus dem künftigen Cashfl ow zurückzuführen. Aus der Darstellung ist erkennbar, dass die Ertragskraft (EBITDA) unmittelbaren Einfl uss auf die Höhe einer Akquisitionsfi nanzierung hat. Zusätzlich ist eine Akquisitionsfi nanzierung durch Höchstgrenzen (ca. 50 Prozent) des Kaufpreises beschränkt. Je höher somit der Kaufpreis und die übernommenen Finanzverbindlichkeiten sind, desto höher fällt der erforderliche Eigenmitteleinsatz oder die Einbindung eigenkapitalähnlicher Mittel aus, um ein von Banken akzeptiertes Rating zu erreichen. Grundsätzlich anzumerken ist jedoch, dass bei den hier vorgestellten in der Praxis üblichen Verfahren zur Ableitung von Finanzierungsgrenzen lediglich „Näherungswerte“ berechnet werden, weil die für diese Berechnung an sich erforderlichen Informationen über die Unternehmensrisiken nicht berücksichtigt werden. Die richtige Finanzierungsstruktur, das Verhältnis von Eigen- und Fremdkapital, ist offenkundig abhängig vom Risikoumfang, da gerade durch das Eigenkapital risikobedingt mögliche Verluste aufgefangen werden sollen (vgl. Abschnitt 3.5). Für eine exakte Berechnung der Fremdfi nanzierungsmöglichkeiten des Kaufpreises sowie des Eigenkapitalbedarfs eines Unternehmens sind daher Risikoanalysen und Simulationsverfahren erforderlich, mit deren Hilfe durch die Berechnung einer großen Anzahl risikobedingt möglicher Zukunftsszenarien aus dem Umfang möglicher Verluste und damit dem Eigenkapitalbedarf geschlossen werden kann (vgl. Abschnitt 3.6.6). Fazit: Die Rechenbeispiele zeigen die Auswirkung der Ertragskraft und Verschuldung auf den Unternehmenswert und auf die Finanzierung des Kaufpreises. Ebenso deutlich wird die Bedeutung von Rating- und Finanzierungsrestriktionen. Das (z. B. seitens des Kreditinstituts) vorgegebene Rating bestimmt die maximal akzeptierte Insolvenzwahrscheinlichkeit (p) und damit die notwendige Eigenkapitalausstattung (Finanzierungsstruktur). Zudem zeigt sich, dass bei einem seitens des Käufers (Private Equity-Gesellschaft) höheren akzeptierten Bewertungsniveaus (Bewertungsmultiple m) bei gegebenen Rating-Anforderungen nur ein niedrigerer Anteil des Kaufpreises durch Fremdkapital fi nanziert werden kann. Sowohl das Bewertungsniveau am Kapitalmarkt als auch die aktuell möglichen Finanzierungsrestriktionen (das akzeptierte Rating) bestimmen damit die Finanzierungsstruktur (und Realisierbarkeit) von Akquisitionen. IT-gestützte Hilfsmittel für Rating und Finanzierung 5 5.1 Aufgabe und Anforderungen an eine Rating-Software426 Bei der Vorbereitung auf interne oder externe Ratings und die Steuerung des Ratings kann Rating-Software eine wesentliche Hilfe bieten. Speziell für die Entwicklung und Bewertung einer Rating-Strategie, die die erforderlichen Maßnahmen für eine nachhaltige Sicherung der Finanzierung zu wettbewerbsfähigen Konditionen zusammenfasst, ist der Einsatz einer geeigneten Rating-Software eine kostengünstige und effi ziente Alternative zur Beauftragung eines spezialisierten Beraters. Im Laufe der Jahre hat sich ein sehr weites Spektrum von Softwareprodukten entwickelt.427 Aus dieser Auswahl sollen in diesem Kapitel zwei Software-Lösungen mit etwas unterschiedlicher Schwerpunktsetzung vorgestellt werden. Die beiden Softwaresysteme – „Quick-Rater“ und „Strategie-Navigator Risiko & Rating-Light “ – sind als kostenlose Lösungen auf der Begleit-CD zu diesem Buch zu fi nden. Erwähnenswert ist, dass nachfolgend in Abschnitt 5.2 aus der Familie des „Strategie-Navigators“ auch auf die Software „Risiko-Kompass Plus Rating“428 eingegangen wird. Während der Strategie-Navigator insbesondere für die Unterstützung eines wertorientierten Managements ausgerichtet ist, dient der Risiko-Kompass insbesondere bei der Ersteinschätzung des Ratings mittelständischer Unternehmen und der organisatorischen Verankerung des Risikomanagements. Wesentliche „Bausteine“, wie Unternehmensplanung und Ratingprognosen sowie die Jahresabschluss-Analyse, sind in beiden Software-Systemen jedoch identisch.429 Bei der Auswahl einer Software sollte man sich zunächst klar werden, welchen grundsätzlichen Aufgaben eine solche Rating-Software gerecht werden sollte. Auch bei den in der Zwischenzeit immer häufi ger veröffentlichten Vergleichsstudien über Rating- Software wird leider in vielen Fällen nicht ausreichend kommuniziert, hinsichtlich welcher Aufgabenstellung die betrachteten alternativen Software-Angebote verglichen und wie gegebenenfalls diese einzelnen Leistungen priorisiert und gewichtet wurden. Infolge der sehr unterschiedlichen Beurteilungsperspektiven in den verschiedenen Studien wundern die teilweise sehr differierenden Einschätzungen der am Markt verfügbaren Software-Lösungen nicht. Es gibt sicherlich keine Software am Markt, die hinsichtlich sämtlicher möglichen und sinnvollen Aufgabenstellungen dominiert. Software-Lösungen, die ein Banken-Rating möglichst gut reproduzieren können, schaffen nicht zwangsläufi g eine möglichst präzise Einschätzung der tatsächlichen Insolvenzgefährdung eines Unternehmens, weil sie bestimmte Arten prinzipiell relevanter Informationen vernachlässigen. 426 In Anlehnung an Gleißner (2005b). 427 Vgl. Gleißner/Everling (2007). 428 Funk RMCE und AXA Risk&Claims Services GmbH. 429 Die Softwarelösung „Strategie-Navigator/mit integriertem Risikokompass“ verknüpft beide Software-Systeme. Sie stellt ein umfassendes System für eine wertorientierte Steuerung und Rating dar.

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References

Zusammenfassung

Rating und Finanzierung unter Basel III

Mit Basel III hat der sogenannte Baseler Ausschuss ein neues Regelwerk mit Eigenkapitalvorschriften für Banken veröffentlicht, das ab 2013 schrittweise in Kraft tritt. Während Basel II vor allem die Risikomessung zum Gegenstand hat, geht es in den neuen Regelungen um die Definition des Eigenkapitals und die erforderlichen Mindestquoten. Das stellt insbesondere mittelständische Firmen, die auf weitere Kreditvergabe durch Banken angewiesen sind, vor neue Herausforderungen.

Das Praxishandbuch Rating und Finanzierung stellt Firmen Bausteine für eine ratingorientierte Unternehmensführung zur Verfügung.

Die Schwerpunkte:

- Rating als Erfolgsfaktor

- Analyse der eigenen Situation: Wie gut ist unser Rating?

- Optimierung des Ratings

- IT-gestützte Hilfsmittel für das Rating

- Die Zukunft von Rating und Finanzierung

Besonders praktisch

sind die Checklisten zur Analyse und Optimierung des eigenen Unternehmens sowie die CD mit der Software Quick-Rater, die eine Eigenbewertung des Unternehmens ermöglicht.

Die Autoren

Dr. Werner Gleißner ist Vorstand der FutureValue Group AG und Dr. Karsten Füser ist Partner bei Ernst&Young.

Zielgruppe

Mitarbeiter in den Finanzabteilungen mittelständischer Unternehmen.