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Schönfelder und die nationalsozialistische Bewegung in:

Hans Wrobel

Heinrich Schönfelder, page 97 - 106

Sammler Deutscher Gesetze 1902-1944

1. Edition 2021, ISBN print: 978-3-406-43085-5, ISBN online: 978-3-406-77110-1, https://doi.org/10.17104/9783406771101-97

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Schönfelder und die nationalsozialistische Bewegung Parteigenosse Schönfelder: 1. April 1933 Die Zeit nach dem JO.Januar 1933 zeigt uns Heinrich Schönfelder als einen Menschen, der sich beharrlich und stetig in Organisationen des NS-Staates engagiert hat. Sein Eintritt in die NSDAP datiert vom 1. April I 933· Seine Mitgliedsnummer ist hoch, sie liegt weit über 2 Millionen. Schönfelder trat demnach in die NSDAP ein im Sog der Eintrittswelle vom Frühjahr I933· Er war, was der bittere Spott der Zeit als "die Märzgefallenen" bezeichnete - der Ausdruck galt Leuten, die versuchten, sich eben noch rechtzeitig der siegreichen Partei einzugliedern. Es gehört zu den krassen Widersprüchlichkeiten im Leben Heinrich Schönfelders, daß er so schlicht und schnell Mitglied der NSDAP geworden ist. Masdasnanisches Denken will wahrlich nicht taugen als Vorschule nationalsozialistischer Weltanschauung. Eine Distanzierung von Masdasnan hatte Schönfelder nicht im Sinn; andernfalls wäre er aus der Tempelvereinigung sofort ausgetreten und hätte im Oktober 1933 nicht Mitteilung gemacht von seiner Eheschließung. Auch seine Zuneigung zum Faschismus italienischer Prägung will als Erklärung nicht recht passen: Immerhin müßte der Freund des Stimmungszauberers Mussolini gewisse Unterschiede zum deutschen Nationalsozialismus hinreichend klar erkannt haben. Hinzukommt dies: Schönfelder hatte sich bis dahin von politischen Parteien ferngehalten. Sogar zu den Vereinigungen seines Berufsstandes hatte er ein distanziertes Verhältnis gehabt. Zwar sehen wir ihn seit 1925 als Mitglied im Landesverband der Sächsischen Referendare und Assessoren. Merkwürdigerweise endet seine Mitgliedschaft schon I 9 3 1, dem Jahr seiner Ernennung zum Gerichtsassessor. Dem Deutschen Richterbund ist er danach nicht beigetreten. 99 Das ist noch merkwürdiger und für seine Zeit außergewöhnlich. Im streng konservativen und national ausgerichteten Richterbund sammelten sich damals fast alle Richter und Staatsanwälte - und solche, die es werden wollten. Schönfelder beim Deutschen Juristentag 1933 in Leipzig Nichts deutet darauf hin, daß Schönfelder bei seiner Hinwendung zum Nationalsozialismus größere Skrupel zu überwinden gehabt hätte. Ganz im Gegenteil: Der neue Parteigenosse faßt sofort Tritt. In den Mitteilungen der Landsmannschaft Schottland melden sich im Ende 1933 einmal mehr die Sachsen-Schotten und teilen den Bundesbrüdern per Postkarte dies mit: Am Sonntag, den 1. Oktober 1933 war ein großes Schottentreffen in Auerbachs Keller zu Leipzig; 14 Schotten seien in fröhlicher Stimmung beisammen gewesen, Schönfelder unter ihnen. 207 Der 1. Oktober 1933 war freilich nicht bloß ein Tag im Leben der Sachsen- Schotten. Es ging nicht nur um eine Zusammenkunft in Auerbachs Keller. Juristen und Parteigenossen hatten gleichsam aus höherem Anlaß Gründe, sich in Leipzig zu versammeln - das Treffen in dem literarischen Keller war allenfalls das Vergnügen nach der staatspolitischen Pflicht. Der I. Oktober 1933 von Leipzig ist nämlich der Tag des großen öffentlichen Bekenntnisses der deutschen Juristen zum nationalsozialistischen Staat und zu Adolf Hitler!08 Dieses öffentliche Bekenntnis bildete den Höhepunkt des ersten Deutschen Juristentages im Dritten Reich. Sein Organisator war Hans Frank, damals als Reichsjustizkommissar beauftragt mit der Gleichschaltung der Organisationen der deutschen Juristen. Die Regie war perfekt. Seit 10 Uhr morgens hatten sich an jenem 1. Oktober Tausende von Juristen aller Berufssparten marschierend zum Platz vor dem Reichsgericht begeben. Als Hans Frank das Gebäude des 100 Reichsgerichts betrat, kam ihm eine Abordnung von Richtern in Amtstracht entgegen; an ihrer Spitze der Vizepräsident des Gerichts, Friedrich Oegg. An Frank gewendet, legte Oegg dar, daß sich das Reichsgericht rückhaltlos bekenne zur nationalen Erhebung und zur nationalen Rechtserhebung. "Möge", so sagte er, "die Rechtsprechung des Reichsgerichts für ihren Teil dazu beitragen, dem deutschen Volk das deutsche Recht zu schaffen und zu erhalten: zum Heile für das deutsche Volk, zum Segen für unser ganzes deutsches Vaterland." Danach hielt Frank vor den angetretenen 20000 Juristen eine Rede zum Thema "Ideengut der nationalsozialistischen Revolution und Deutsche Rechtsgestaltung". Er erklärte, "daß unser Führer unser Gottesstreiter ist." Er wünschte dem Reichsgericht, "daß der Nationalsozialismus in ihm für alle Zeiten die Richtschnur der Entscheidung nach Recht und Gewissen sei." Dann erklomm er den Gipfel. Er sprach: "Deutsche Juristen, ich fordere Sie auf, mit mir einzustimmen: Wir schwören beim ewigen Herrgott, wir schwören bei dem Geiste unserer Toten, wir schwören bei all denen, die das Opfer einer volksfremden Justiz einmal geworden sind, wir schwören bei der Seele des deutschen Volkes, daß wir unserem Führer auf seinem Wege als deutsche Juristen folgen wollen bis an das Ende unserer Tage." Das schworen die vor dem Gericht angetretenen Juristen. Es müßte mit dem Mephistopheles zugegangen sein, wenn der junge Parteigenosse und aufstrebende Gerichtsassessor Dr. Heinrich Schönfelder nicht dabei gewesen wäre bei diesem Großaufmarsch und erhebenden Moment am Vormittag des I. Oktober 1933, einem Sonntag. Alles spricht dafür, daß er mitgeschworen hat. Danach ging es wenige Treppen hinab in Auerbachs Keller. Die Stimmung unter den Bundesbrüdern war fröhlich, eventuell kannibalisch wohl. 101 Schönfelder engagiert sich ernstlich in der "Bewegung" Schon kurz nach dem "Rütli-Schwur vor dem Höchsten Gerichtshof" 209 vertiefte Heinrich Schönfelder sein Engagement in der nationalsozialistischen Bewegung. Am zo. November I933 trat er dem Bund Nationalsozialistischer Deutscher Juristen BNSDJ bei; dieser der NSDAP angeschlossene Verband organisierte nach der Selbstauflösung des Deutschen Richterbundes die Juristen des Reiches. Am 1. November I 934 wurde Schönfelder Mitglied in der gleichfalls der NSDAP angeschlossenen Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt NSV. Am I 1. November I935 trat er dem Reichsluftschutzbund RLB bei. Dieser Bund war keine Gliederung der NSDAP und auch kein der Partei angeschlossener Verband. Vielmehr unterstand der im April I933 gegründete Bund dem Reichsluftfahrtministerium Hermann Görings. Er hatte die Aufgabe, die ehrenamtlichen Luftschutzwarte zu schulen, die in einzelnen Häusern oder Häuserblocks die sogenannten Luftschutzgemeinschaften zu führen hatten.210 Ab r.April I935 gehörte Schönfelder dem Deutschen Reichsbund für Leibesübungen an. Dieser Bund war im Mai 1933 als Dachverband der gleichgeschalteten Turn- und Sportvereine im Reich gegründet worden. 1938, am 27. November, sollte Sportsfreund Schönfelder das SA-Sportabzeichen erwerben. 1936 sehen wir Schönfelder im Bund Deutscher Osten und im Reichskolonialbund. Am r.April 1937 ging er in den Reichsbund Deutscher Beamten; am 1.August des gleichen Jahres wurde er Mitglied der NS-Studentenkampfhilfe. Seit dem I s.Januar I937 gehörte er dem Deutschen Luftsportverband an; nachdem dieser Verband im gleichen Jahr in das Nationalsozialistische Fliegerkorps umgewandelt wurde, war Schönfelder Mitglied in diesem Korps. I938 trat Schönfelder aus seiner Kirche aus und bezeichnete sich nur noch als "gottgläubig". 102 Schönfelders Mitgliedschafren weichen freilich nicht sonderlich ab vom Standard seiner Berufsgenossen. Die Mitgliedschaft in der Partei selbst trifft bei so gut wie allen der NSDAP angehörenden beamteten Juristen mit der Mitgliedschaft im NS-Rechtswahrerbund zusammen; daß die Betreffenden zusätzlich Mitglied im Beamtenbund, der NSV und im Reichsluftschutzbund sind, kommt häufig vor und auch Mitgliedschafren im Reichskononialbund sind nicht untypisch. Im übrigen fällt auf: Schönfelder hat sich von den Gliederungen der Partei - hierzu rechnen etwa SA und SS - ferngehalten. Er trat nicht wie viele seiner Berufskollegen als Rechtsberater der NSD AP in Erscheinung oder wirkte in der Parteigerichtsbarkeit mit. Seine Mitgliedschaft in der NS-Studentenkampfhilfe ist nicht unbedingt ein Ausdruck starker nationalsozialistischer Gesinnung: Die Zusammenhänge verdeutlichen sich durch den Blick auf das Schicksal der studentischen Verbindungen nach 1933. Die alten Corps, Burschenschaften, Landsmannschaften, Sängerschafren wurden aufgelöst. Die aktiven Mitglieder durften zwar in ihren Verbindungshäusern beisammenbleiben, wurden jetzt aber organisiert im NS-Studentenbund der NSDAP. Die Alten Herren wurden in der NS-Studentenkampfhilfe zusammengefaßt. Unter dem Schutz dieses Zusammenschlußes blieb auch die Landsmannschaft Schottland - Aktivitas wie Alte Herren - ungeachtet der Beseitigung ihrer alten Strukturen faktisch beisammen. Andererseits macht Schönfelder nicht bloß pro forma mit in der Bewegung. Er engagierte sich ernstlich. Er übernahm Ämter. In der NSDAP war er seit I. Dezember 1936 Blockleiter in seiner Ortsgruppe Weisser Hirsch, Zelle 01, Block 02. Er war Hauswart der NSV und trat als stellvertretender Leiter der Ortsgruppe Dresden-Striesen im Bund Nationalsozialistischer Deutscher Juristen hervor."' Er selbst hat sich in einem Brief aus den Kriegsjahren als einen überzeugten Nationalsozialisten bezeichnet. Sein Engagement in der Bewegung brachte ihn in Konflikt mit seiner Gattin. Diese schätzte Hitler und seine Be- IOJ wegung gar nicht und hielt ihn vornehmlich in den Jahren des Krieges sicherlich nicht zu Unrecht für den Verursacher vieler Unbequemlichkeiten, die sie trafen. Sie begleitete Schönfelders Parteiaktivitäten mit nicht verhehlter geringer Sympathie - für ihren Gatten tat sich hier eine weitere Disharmonie in seiner Ehe auf, unter der er nach eigenem Bekunden sehr gelitten hat. "In seiner politischen Haltung ist er völlig einwandfrei" Über die Gründe, die Schönfelder zu seinem Engagement in der nationalsozialistischen Bewegung geführt haben, kann man lange sinnieren. Im Frühjahr 1933 ging eine Eintrittswelle durch das Land; gerade in den Amtsstuben der Justiz war die Bereitschaft groß, sich der siegreichen Bewegung anzuschließen. Gruppendruck mag seine Rolle bei den noch nicht ganz Überzeugten gespielt haben. Viele haben den Schritt in die Partei aus nationaler Begeisterung und aus Überzeugung getan und Opportunismus war bei nicht wenigen auch dabei. Schönfelder war sicherlich keiner von denen, die insgeheim längst heimliche Parteigänger der nationalsozialistischen Ideologie gewesen waren. Seine Mitgliedschaft bei Masdasnan legt fast die Vermutung des Gegenteils nahe. Dennoch mag er jetzt, nach dem Sieg der nationalsozialistischen Bewegung, Grund gesehen haben, mitzutun und sich anzupassen. Er war im Januar 1933 erst Beamter auf Probe. Er wollte erst noch etwas werden in der Justiz. Er wollte eine Familie gründen. Und er wollte seinen eben erst begründeten schriftstellerischen Erfolg weiterführen. Das mögen genügend Gründe sein, sich der alles beherrschenden Bewegung anzuschließen. Das Verbot Masdasnans im Sommer 1935 dürfte Schönfelder zusätzlich Anlaß gegeben haben, seine weltanschauliche Unbedenklichkeit erneut und weiter nachzuweisen. Und so reihen sich seine Mitgliedschaften aneinander wte die Perlen emer Kette. Und damit hatte Schönfelder Erfolg. Er wurde im April 1 9 34 zum Amtsgerichtsrat ernannt. Seine Mitgliedschaft bei Masdasnan hat ihn nicht stigmatisiert. Er galt seinen Vorgesetzten als weltanschaulich zuverlässig - wenn sie auch nicht immer so recht glaubten an das Nationalsozialistische in Heinrich Schönfelder: In einer Beurteilung des Amtsgerichtspräsidenten von Anfang 1937 ist die Rede davon, daß er von der inneren Einstellung Schönfelders zur Bewegung nicht voll überzeugt sei, da Schönfelder bei seinem etwas selbstüberzeugten Wesen charakterlich die Fühlung mit der großen Masse nicht ganz liegen werde. Der Präsident des Oberlandesgericht trat dieser Beurteilung seines wohl berühmtesten Amtsgerichtsrats bei. In einer Anfang 1939 erstellten Beurteilung heißt es wieder, fast schon tadelnd, Schönfelder sei von seinem Können überzeugt und trete gelegentlich sehr selbstsicher auf. Zwar sei er eine Führernatur, politisch halte er, der Präsident des Amtsgerichts ihn für zuverlässig. Aber: Schönfelder sei ein etwas verschlossener Charakter, der einem keinen Einblick in sein eigenes Fühlen und Handeln gewähre. Im November 1942- Schönfelder ist zu jener Zeit Soldat- beurteilt ihn der Präsident des Amtsgerichts erneut. Er hält ihn für einen gut befähigten, energischen Zivilrichter mit guten Leistungen. Er bescheinigt ihm Organisationsgeschick und Führereigenschaften. Und dann heißt es wieder, wie schon früher: "In seinem Wesen ist er etwas selbstüberzeugt. Er hat einen etwas verschlossenen Charakter. Man hat bei ihm den Eindruck einer gewissen Kühle. In seiner politischen Haltung ist er völlig einwandfrei. Seine Einsatzbereitschaft hat er durch aktive Mitarbeit in der Bewegung bewiesen."212 Der Präsident des Oberlandesgerichts tritt dem bei, fügt aber hinzu: "Bisweilen bestand der Eindruck, daß sein Interesse an seiner schriftstellerischen Arbeit gegenüber dem an seinem Richteramt überwog. Schönfelder ist stark von seinen 105 Leistungen überzeugt und neigt dazu, sie in den Vordergrund zu stellen." 21 3 Das mag eine treffende Beurteilung sein. Indes: Wenn Heinrich Schönfelder mit seinem Engagement in der Bewegung nicht zuletzt die Absicht verfolgt haben sollte, weiterhin seiner schriftstellerischen Arbeit nachgehen zu können, so hätte er dieses Ziel erreicht. Allerdings war ein granum salis mit dabei. ro6

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Zusammenfassung

Das Werk:

Der Name „Schönfelder“ ist zum Synonym für ein Werk geworden, das jedem Juristen in Deutschland bekannt und vertraut ist. So geläufig dieses juristische Arbeitsmittel schon den jungen Studierenden ist, so wenig wissen dessen Nutzer, welche Person eigentlich hinter diesem bekannten Namen steht.

Hans Wrobel hat ein detailliertes Portrait des Heraus- und Namensgebers der bedeutendsten Sammlung deutscher Gesetzestexte vorgelegt und Schönfelders 1902 im sächsischen Nossen beginnenden Lebensweg nachgezeichnet. Wir lernen den Zögling der Fürstenschule St. Afra kennen, verfolgen seinen Werdegang als Student und Burschenschaftler, Referendar, Amts- und später Kriegsgerichtsrat, erfahren aber auch, dass Schönfelder sich im Laufe seines Lebens mit der nationalsozialistischen Gedankenwelt identifiziert und in der NSDAP organisiert hat. Seine dienstlichen Beurteilungen als Soldat und Offizier bescheinigen ihm eine „einwandfreie politische Haltung“ sowie „Einsatzbereitschaft und aktive Mitarbeit in der nationalsozialistischen Bewegung“.

Parallel dazu verfolgt Wrobel seine literarischen Nebentätigkeiten, die uns neben dem „Schönfelder“ auch die Reihe „Prüfe Dein Wissen“ beschert haben. Im Jahr 1944 wird der 42-jährige Kriegsgerichtsrat Schönfelder im besetzten Italien bei einem Partisanenüberfall getötet. Sicher kein typisches, wohl aber ein sehr deutsches Juristenleben dieser Zeit.

Diese Biografie lässt gleichzeitig die Person und das Werk „Schönfelder“ plastisch und lebendig werden und stellt ihn, aber auch das scheinbar so neutrale Arbeitsmittel in einen rechts- und zeitgeschichtlichen Zusammenhang.

Der Autor:

Dr. Hans Wrobel war Senatsrat beim Senator für Justiz und Verfassung in Bremen.