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Schönfelder und das Spirituelle in:

Hans Wrobel

Heinrich Schönfelder, page 63 - 96

Sammler Deutscher Gesetze 1902-1944

1. Edition 2021, ISBN print: 978-3-406-43085-5, ISBN online: 978-3-406-77110-1, https://doi.org/10.17104/9783406771101-63

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Schönfelder und das Spirituelle Schönfelder und seine Mitgliedschaft in der Masdasnan-Tempel-Vereinigung e. V. zu Leipzig Entfaltet sich da vor unseren Augen das Dasein eines jungen Familienvaters und Amtsrichters mit Aussichten auf eine weit hinauf und vorwärts weisende Lebensbahn? Werfen wir da Blicke in das fröhliche Genießen eines erfolgreichen und fleißigen rechtswissenschaftliehen Autors? Tut sich da das Panorama auf einer bürgerlichen Ehe, die von Licht und Schatten gezeichnet ist wie derlei Ehen sind? Ja. Aber: Schönfelders Leben wäre so nicht vollständig beschrieben. Spätestens seit 1932 bietet es eine ganz ungewöhnliche Facette. Er trat nach eigenem Bekunden ' 48 I 9 3 I oder I9J2 der Masdasnan-Tempelvereinigung Leipzig e. V. bei. Damals war er Gerichtsassessor in Chemnitz und um die dreißig Jahre alt. Die Reihe "Prüfe Dein Wissen" war weit fortgeschritten. Die I. Auflage der Sammlung "Deutsche Reichsgesetze" war fertiggestellt. In was für eine Vereinigung war Heinrich Schönfelder wohl eingetreten? Juristische Weltbetrachtung neigt dazu, durch Einblick in die Satzung des eingetragenen Vereins Aufschluß zu erhalten. § I der Satzung der Tempelvereinigung vom I 2. August I924 sagt: "Zweck ist, das Masdasnan-Lehrsystem zu lehren in allen seinen Zweigen nach jeder Hinsicht und mit allen Mitteln und Einrichtungen, die Recht und Gesetz in deutschen Landen erlauben und schützen. Das Masdasnan-Lehrsystem beruht auf: "Gut denken, gut reden, gut handeln." Es bietet eine eigene Weltanschauung dar und verfolgt dementsprechend einen religiösen Zweck mit dem Grundsatz: "Es gibt keine höhere Autorität als Gott und keine höhere Religion als die Wahrheit." Viele Worte. Indes: Der Jurist ist so klug als wie zuvor. Wo kann er finden, was ihm fehlt? Masdasnan? Da schwant doch etwas aus pubertären Zeiten: Wäre die "Mazdaznan- Methode" nicht eine jener Empfehlungen gewesen, wie eine Ejakulation zu vermeiden sei dadurch, daß man post immissionem penis bewegungslos meditierend verharre?'49 Befragt man ältere Zeitgenossen, so mag man Glück haben und hören, Madasnan sei eine in den Jahren der Weimarer Republik weit verbreitete Modesache gewesen; sie habe propagiert, man solle wenig Fleisch essen und von Kräutern leben. Religiöse Vorstellungen hätten die Sache auch geprägt und Spötter hätten gereimt: Masdasnan - Lasdas man. Quid? Was ist das: Masdasnan? Der Blick in die Lexika ergibt: Masdasnan sei eine um I 900 in Amerika gegründete lebensreformerische Bewegung religiös-sektiererischer Art, die sich auf die Lehren Zarathustras berufe; diese Lehre habe der Gründer von Masdasnan, Otoman Zar-Adusht Ha'nish, aus Innerasien mitgebracht. In dessen Schriften werde auf pseudoarischer Grundlage vegetarische Ernährung, Atmungsschulung zwecks Steigerung der leiblichen Gesundheit und der geistig-religiösen Vertiefung sowie vor- und nachgeburtliche Pflege der Kinder gelehrt.' 50 Masdasnan, "autoritär von einem Elektor geleitet", lehre universales Heil durch planmäßig betriebene Evolution. Die arische Rasse, der auch die Semiten angehörten, habe als die höchstentwickelte das Friedensreich auf Erden zu errichten. Der einzelne könne durch planmäßige Selbstentfaltung und Re-Inkarnationen zu hohen und höchsten Stufen aufsteigen. Mittel dazu seien Selbsterkenntnis und Selbstbeherrschung, vorgeburtliche Erziehung, vegetarische Ernährung, allseitige Körperpflege und besonders eine "rhytmische Atemkultur"; durch bewußtes Atmen werde nämlich "Galama" (der Odem Gottes) aufgenommen."' 51 Heinrich Schönfelder, der Jurist, strebt danach, den Odem Gottes zu atmen? Ernstlich? 66 Schönfelders Erklärung für den Eintritt: Interesse an gesundheitlichen Ratschlägen Am besten sagt uns Heinrich Schönfelder selbst, warum er eingetreten ist in jene Tempelvereinigung zu Leipzig. Er sei, so hat er erklärt, auf ärztliches Anraten und nur zwecks Bezugs der gesundheitliche Ratschläge enthaltenden Zeitschrift "Masdasnan" beigetreten. 1 52 Das klingt plausibel, denn derlei Ratschläge gab die Zeitschrift im Überfluß. Und an Gesundheitsdingen interessiert war Schönfelder seit jeher. Erinnern wir uns: Der junge Afraner hatte aus Poehlmanns Kursus die Botschaft aufgenommen, eine gute Gesundheit sei die Basis aller geistigen Arbeit. Schon als Schüler hatte er sich vegetarischen Ideen geöffnet. Seit r 928 ernährte er sich in der Tat fleischlos. Seine sportlichen Aktivitäten sind ganz gewiß Ausdruck des Strebens nach einem leistungsfähigen, gesunden Körper. Solche Vorstellungen waren in jenen Zwanzigern alles andere als das Spintisieren weniger - sie waren weit verbreitet. Sie stehen im Zusammenhang mit der Reformbewegung, die versuchte, die negativen Folgen der Industrialisierung und Technisierung für die Menschen zu bekämpfen durch eine Rückbesinnung auf menschengemäße Formen des gesunden Lebens. Naturheilkunde und Lebensreform sind die bis heute nachwirkenden Hauptstichworte jener Bewegung. Es ging - beispielhaft - um Reformkleidung, Reformkost, Reformhäuser. Es ging um die Abkehr von Alkohol und Tabak. Die Bewegung trat ein für Hygiene der Großstädte mit der Forderung nach Gartenstädten, Grünflächen, Kinderspielplätzen, Lärmbekämpfung. Man suchte nach neuen landwirtschaftlichen Wirtschaftsweisen. Es gibt Zusammenhänge mit der Jugendbewegung, mit moderner Gymnastik, mit neuer Kultur des Tanzes, mit Nacktkultur . .. Sachsen - ein Zentrum der Reformbewegung Sachsen und speziell Dresden war ein Zentrum der Reformbewegung.153 Im Jahre 1911 wurde hier die !.Internationale Hygiene-Ausstellung veranstaltet. Sie war maßgeblich gefördert von dem Industriellen und Mäzen Karl August Lingner (er ist der Schöpfer des bis heute bekannten Odal- Mundwassers). Ihre Wirkung war enorm. Ihr Ruhm wirkt bis heute nach. Die Austeilung stellte zum ersten Mal alle Aspekte der Hygiene und der öffentlichen Gesundheitspflege umfassend dar. Sie konnte aufbauen auf dem Werk bedeutender Naturärzte, die just in Dresdens Umgebung wirkten. Friedrich Eduard Bilz gründete 1892 in Oberlößnitz bei Dresden seine "Naturheilanstalt"; 1889 erschien zum ersten Mal sein "Gesundheitslexikon", das eine gewaltige und langdauernde Breitenwirkung beim gesundheitsbewußten bürgerlichen Publikum erzielte. Heinrich Lahmann, der berühmteste unter den Naturärzten seiner Epoche,IH hatte 1888 auf dem Weißen Hirsch bei Dresden sein bald Weltruhm erlangendes Sanatorium gegründet. Ihm verdankte die Naturheilkunde "eine ganzheitliche Richtung. Er forderte richtige Lebensbedingungen als Voraussetzung des Gesundwerdens und Gesundbleibens. Die naturheilkundlichen Maßnahmen- Bäder, kalte und warme Wickel, Heilgymnastik, Luft- und Sonnenbäder - ordnete er zu einer umfassenden Therapie. Eine besondere Rolle spielte dabei die Ernährung. Salat, Früchte und Nüsse sollten Hauptnahrung sein, dazu Roggenvollkornbrot, jedoch wenig oder gar kein Fleisch. Maximilian Bircher-Benner lernte bei Labmann, bevor er in Zürich seine Tätigkeit als Lehrer einer modernen naturheilkundlichen Diätetik entfaltete." I H In der Brockhaus-Encyklopädie findet man diese Verknüpfung: Lahmann, Bircher-Benner und Masdasnan hätten bei der Verbreitung der Ideen der Naturheilkunde "in die Breite" gewirkt. I 56 68 Nur natürlich wäre es, wenn ein aufgeweckter junger sächsischer Mensch wie Heinrich Schönfelder von den damals zirkulierenden Ideen beeindruckt und geprägt worden wäre. Schönfelders Erklärung, er sei aus Gesundheitsinteressen der Masdasnan-Tempelvereinigung beigetreten, ist also sehr plausibel. Vollständig ist sie nicht. Ging es wirklich nur um gesundheitliche Ratschläge? Das Masdasnan-Lehrgebäude bot nämlich viel mehr als Gesundheitswinke. Masdasnan war eine von einem charismatischen Führer verkündete Heilslehre. Versprochen wurde die Rettung der Menschheit auf der Grundlage zarathustrischer Ideale. Diese Rettung kommt nicht von einem Erlöser-Gott, sondern sie wird bewirkt durch die Menschen selbst: Jeder soll alles daran setzen, sich selbst zu vervollkommnen. Aus der Höherentwicklung vieler Einzelner folgt die Errettung aller. Solche Ideen hatte schon der junge Schönfelder zu St. Afra bei seinem Lehrer Poehlmann gelesen: "Das Ganze kann nur dann harmonisch Fortschritt machen, wenn jeder, auch der kleinste Teil, entsprechend mitwirkt. Von Ihrer Vervollkommnung hängt nicht nur Ihr eigenes Wohlergehen und das Ihrer Familie ab, sondern auch das Ihrer Nation, auch das der Menschheit."' 57 Dieser Gedanke muß den jungen Schönfelder gewaltig ergriffen und nicht mehr losgelassen haben. Er hat ihn bei Masdasnan wiedergefunden. Wer die Lehren des Elektors der Bewegung befolgt, "erlangt unfehlbar neue Kraft, erklärt sich eins mit uns, wandert den schmalen Grat, der aufwärts führt und trägt damit selbst dazu bei, zur endlichen Befreiung und Erlösung der Menschheit aus Rückständigkeit, Aberglauben, Unwissenheit zu ewigem Fortschritt." ' 58 Also sprach der Prophet Masdasnans, Otoman Z. A.Hanish. Welche Lichtgestalt hatte den Juristen Schönfelder da in ihren Bann gezogen? Der Prophet und" Elektor" Masdasnans: Otto Hanisch alias Otoman Z. A. Hanish alias Prinz von Zaradust alias Meist er Wer etwas über die Masdasnan-Bewegung und deren Gründer und "Elektor" erkunden will, wird zunächst in Büchern fündig, die sich mit Sekten, religiösen Sondergemeinschaften und sehr, sehr speziellen Weltanschauungen befassen. 159 Indes wissen auch sächsische Behörden einiges. Danach wurde Masdasnan zu Anfang des 2o.jahrhunderts in den USA von einem Mann gegründet, dessen Biographie ganz widersprüchlich ist. Die einen sprechen von dem Schriftsetzer Otto Hanisch aus Posen (1844-1936), der nach den USA ausgewandert sei. Nach anderen Erkenntnissen ist er an einem I 9· Dezember zwischen I 8 50 und I 86o in Weissenberg geboren; man weiß aber nicht recht, ob es Weissenberg in Westpreußen, Kreis Stuhm ist oder Weissenberg in Sachsen. Vater soll der Kontorist Richard Hanisch und "die geborene Ansielkiewicz" sein. 160 Andere berichten: Hanish, I 844 als Sohn des russischen Botschafters in Teheran geboren, sei 2 5 Jahre lang von einem zarathustrischen Orden in Tibet unterrichtet worden um sodann als Hohepriester und Menschheitslehrer ausgesandt zu werden. Nach langen Reisen habe er im Jahre 1900 seine Lehrtätigkeit in Chicago aufgenommen; 1917 habe er schließlich die über die ganze Welt verbreitete Masdasnan-Bewegung gegründet. 161 Hanisch legte sich viele Namen bei; er nannte sich Otoman Z. A. Ha'nisch oder 0. Z. A. Hanish und hin und wieder auch Prinz von Zaradust; am häufigsten bezeichnete er sich im Umgang mit den Mitgliedern seiner Bewegung als Meister Dr. 0. Z. A. Hanish oder noch kürzer nur als Meister. Dessen Charakterbild schwankt. Kritiker sind mürrisch: Die Bewegung sei "eine Verbindung von Naturheilkunde, religiösem Sektierertum und Halbbildung. Die Verknüpfung von altarischer Weisheit und der Lehre Zarathu- 70 stras entbehrt jeder wissenschaftlichen Grundlage und spielt absurd mit indoiranischen Wortelementen ... Der religiös bewegte und zugleich geschäftstüchtige Meister und Elektor Dr. Otoman Zar-Aclust Ha'nish ist von Eitelkeit und Anmaßung, von Scharlatanismus und Hochstapelei nicht freizusprechen", sagt ein mißvergnügter Religionswissenschaftler unserer Zeit. 162 Das Kgl. Sächsische Landes-Gesundheitsamt hat schon früher vor dem zweifelhaften Charakter von Hanisch gewarnt. 163 In amtlichen Berichten wird er bald als gefährlicher Schwindler, 164 bald als einer der berüchtigsten Päderasten 165 hingestellt. Indes: Den Mitgliedern bot sich ein anderer Eindruck. Wo der Meister sich in Bildern seinen Anhängern zeigt, sieht man einen ernst blickenden Menschen, in feierliche Gewänder gehüllt. Er präsentiert sich als Mann der Feder, der ums rechte Wort ringt. Er ist der unbestrittene Führer, Lehrer und Elektor. Er adelt die Seinen durch Titel. Frieda Ammann, die zu Schönfelders Zeit an der Spitze der deutschen Madasnan-Bewegung steht, fungiert als "Botschafter der Masdasnan-Bewegung in Europa Mutter Superior Frieda Ammann M.D., PH.D., SC.D.". Otto Rauth, ihr enger Mitstreiter, trat auf als Dr. Otto Rauth, M. D., PH.D.; er durfte sich kraft Befugung durch den Meister "Reichskanzler der Masdasnan-Bewegung" nennen. Bewährte Mitglieder schmückt der Meister mit der Würde eines Kalantars. Diese erhalten aus des Meisters Hand unter anderem einen "weißen Schlips". Der Schlips ist ein "Überbleibsel der zwei Gesetzestafeln Hammurapis, die auch Moses seinem Volke übertrug. Daran erinnern immer noch die beiden Enden des Schlipses, darstellend Urim und Tu-Mim, d.h. die Menschheit in ihrer Teilung der 12 Hauptklassen oder Stämme." 166 Der Meister lebte in den USA. Zuweilen reiste er nach Europa; von den Mitgliedern sehnliehst erwartet. Als er 1932 nach Leipzig kommt, strömen 6oo Masdasnan-Anhänger zusammen; im Restaurant des Hauptbahnhofs nehmen sie mit Hanisch ein masdasnanischen Lehren folgendes Festessen ein. Damit der Meister nach seiner Bequemlichkeit reise, trugen die Mitglieder anläßlich der "Meisterreise" 1924 Geld zusammen für ein "Meisterauto". Überhaupt scheint der Meister ein rechter Auto-Narr gewesen zu sein. Mehrfach hebt er in seinen Reiseberichten an die Mitglieder hervor, wie weit und wie gut er mit dem Automobil gereist sei. Auch die Schiffe des Norddeutschen Lloyd riefen sein Entzücken hervor. Über den Dampfer "Stuttgart" sprach er sich "höchst lobenswert aus" - vor allem wegen des Komforts und weil "die Küche geradezu ganz nach Masdasnan eingerichtet sei."' 67 Noch mehr begeisterte ihn der Lloyddampfer "Bremen"; daß dessen Schwesterschiff "Europa" noch besser zu werden versprach, versetzte den Meister in Hochstimmung. In einem Meister- Wort: "Der Meister sagte, wer ungehindert reisen will, sollte den Norddeutschen Lloyd wählen."' 68 Der Meister gab sich unnahbar. Briefe beantwortete er nicht. Privatgespräche wurden nicht gewährt. Ungeachtet solcher Ruppigkeiten lagen die Mitglieder ihm zu Füßen. In der Zeitschrift finden sich immer wieder Gedichte, in denen eine tosende Verehrung des Meisters Ausdruck im Wort findet. Bei seinen Besuchen wurde er mit Geschenken überhäuft. Indes versagte sich der Prinz von Zaradust die Artigkeit, individuell zu danken: Er werde - so ließ er wissen sich seiner Dankespflicht entledigen mit den Mitteln der Telepathie. Das Spirituelle und das Geschäftliche: Organisatorische Strukturen Masdasnans Gemeinhin sind Gestalten von der Art des Meisters von Zaradust geschäftstüchtig. Hinter ihnen steht oft eine kräftige Organisation, die auf die Bilanzen achtet. So war es auch bei Masdasnan. Und Heinrich Schönfelder war Anhänger einer Vereinigung, in der Gesundheitsideale, Glaube an einen Lehrer, Heilserwartungen und Offenbarungsgläubigkeit der Anhänger eine unauflösbare Verbindung eingingen mit der Tüchtigkeit der Spitzenleute in kommerziellen Dingen. In Deutschland wurden die Lehren Masdasnans ab I 907 von Leipzig aus durch David und Frieda Ammann verbreitet. Hier hatte die I9o8 gegründete "Masdasnan-Tempelvereinigung e. V." ihren Sitz. Vorsitzender war David Ammann. Im April I9I4 wiesen die sächsischens Behörden die Familie Ammann aus - Ammann war schweizer und amerikanischer Nationalität. Gegen ihn war I9I3 ein Strafverfahren wegen Sittlichkeitvergehen geführt worden ' 69 und überhaupt galten die Lehren Masdasnans den sächsischen Gesundheitsbehörden als eine unsinnige und vom gesundheitspolitischen Standpunkte bedenkliche Lehre, deren Bekämpfung mit allen sich bietenden gesetzlichen Mitteln empfohlen wurde.' 70 Nachfolger Ammanns im Vorsitz der Vereinigung wurde der Rechtsanwalt Dr. Otto Rauth- der Ammanns Tochter Hedwig heiratete und ihr so zur sächsischen Staatsangehörigkeit verhalf mit der Folge, daß sie in Leipzig bleiben konnte. Zusammen mit ihrem Gatten bildete sie den Vorstand der Vereinigung. Diese war in ganz Europa, speziell aber in Deutschland, Österreich, der Schweiz und in England aktiv. In Deutschland sollen ihr I 200 Mitglieder angehört haben. ' 7 ' Für I 9 34 wird die Kopfzahl der Leipziger Gruppierung mit 50 angegeben.' 72 In Leipzig residierte neben der Masdasnan-Tempelvereinigung e. V. die Masdasnan-Verlag und Versandhaus GmbH. Diese Gesellschaft war I 9 I 3 von Mitgliedern der Familie Ammann gegründet worden und blieb in deren Hand. Der Verlag publizierte die seit I9o8 erscheinende Masdasnan-Monatszeitschrift. Diese Zeitschrift wollte Heinrich Schönfelder abonnieren; deswegen trat er nach seiner Behauptung ein bei Masdasnan. Nötig gewesen wäre das nicht: Die Zeitschrift wurde an jedermann geliefert - vorausgesetzt, er bezahlte das Jahresabonnement von IO Mark. 73 Neben der Zeitschrift brachte der Verlag zahlreiche Bücher über das Masdasnan-Lehrsystem heraus. Diese waren zumeist von Hanisch verfaßt und erreichten oft hohe Auflagen. Das Versandhaus vertrieb nicht nur diese Bücher, sondern versah die Mitglieder der Tempelvereinigung mit allem, was sie zur Befolgung der Anweisungen des Meisters zum gesunden Leben nötig hatten: Nahrungsmittel, Kochgeräte, Apparate, Kleidung - auch Ritualgewänder. Indes bediente die Gesellschaft nicht nur Mitglieder: Sie handelte mit jedermann und belieferte auch Reformhäuser. Offenbar bezog die Familie Rauth-Arnmann ihren Lebensunterhalt wesentlich aus diesem Unternehmen.' 73 Verlag und Versandhaus haben allem Anschein nach nicht schlecht verdient. Vom Geschäftsjahr 1930 heißt es, der Gewinn sei "au- ßerordentlich groß" gewesen.' 74 Auch Meister Hanisch lebte so gut für seine Bewegung wie von ihr. Die Zentrale in Leipzig bot des öfteren Bildnisse des Meisters zum Verkauf; der Erlös wurde dem Meister übergeben. Wenn Hanisch nach Europa zu reisen geruhte, hielt er stets nicht-öffentliche Kurse über seine Lehre für Mitglieder und einzuführende Interessenten ab. Das kostet: "Die Kurse sollen entsprechend ihrem Wert bezahlt werden, wahrscheinlich mit etwa 200 Mark oder 300 Schweizer Franken für einen längeren Kurs; eingeführte Interessenten hätten ein größeres Opfer anzubieten. Wer nicht gleich bezahlen kann, kann auch Schmuck usw. als Anzahlung geben und diesen allmählich binnen gewisser Fristen einlösen, nötigenfalls soll auch ein Schuldschein mit befristetem Zahlungsversprechen angenommen werden, wenn ein Bürge sich mitverpflichtet. Wem es ernst ist, der wird sicher einen Weg finden."' 75 74 Schönfelder wird Mitglied- allen Einwänden zum Trotz Mitglied zu werden war - glaubt man der immer wieder in der Zeitschrift veröffentlichten Satzung - nicht sonderlich schwierig. "Mitglied kann jede unbescholtene handlungsfähige Person werden." Kein Problem für Heinrich Schönfelder! "Die Mitgliedschaft beginnt mit der Eintrittserklärung und endigt mit der Austrittserklärung. Der Mitgliedsbeitrag beruht auf Vereinbarung." Ein Austritt aus angestammten Kirchen wurde den Eintretenden nicht abverlangt. 176 Die Mitglieder nannten sich Brüder und Schwestern und organisierten sich in Logen, Gruppen oder Zirkeln. Unterschieden wurden Mitglieder r., 2. und 3· Grades. Mitglieder des 3. Grades hatten einen Jahresbeitrag von 12 Mark zu entrichten, Mitglieder 2. Grades zahlten 24 Mark und Mitglieder I. Grades 36 Mark. Welchen Grad Heinrich Schönfelder innehatte, ist unbekannt. Als Schönfelder sich der Vereinigung anschloß, bekam er Kritik aus seiner Familie zu spüren. Das freilich scherte ihn nicht. Ihn kümmerte nicht, daß sich die "offizielle" medizinische und oekotrophologische Wissenschaft nicht gerade ernsthaft mit den Gesundheitslehren Masdasnans auseinandersetzte, weil sie naiv und mit wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht vereinbar seien. Masdasnan galt als exotische Erscheinung und rangierte unter der Kategorie der "Geheimmittel und Spezialitäten" - so ein Masdasnan abhandelnder gleichnamiger Aufsatz in der Deutschen Medizinischen Wochenschrift des Jahres 1925. 177 Nur: Solche Rationalität war bei manchem Zeitgenossen nicht gefragt und bei Schönfelder auch nicht. Kritiker mochten die Masdasnan-Zeitschrift als "Witzblatt" bezeichnen - das prallte an den Jüngern ab. 178 Sie beeindruckte nicht die Kritik, die immerhin! -das Deutsche Hygienemuseum in Dresden in einer seiner ersten Ausstellungen an den Lehren Masdas- 75 nans übte.' 79 Die Adepten hielten auch Gerüchte nicht auf, nach denen Mitglieder der Vereinigung sich in religiösem Wahn entleibt hätten. Andere hätten, so hieß es, Haus und Hof verlassen, um der Bewegung ganz zu dienen- ihre Familien ruiniert zurücklassend. Auch das war für Schönfelder kein Einwand. Ihn schreckten nicht die Behauptungen, der plötzliche Tod zweier Mitglieder aus Leipzig sei die Folge innerer Verletzungen gewesen, die sie sich beim Hantieren mit Geräten zugezogen hätten, die Masdasnan zur Reinigung der Gedärme empfahl. Auch rechtliche Einwände des Reichsgerichts fruchten nicht Und selbst der Jurist in Heinrich Schönfelder übersah, was das Reichsgericht zu den Hervorbringungen des Meisters Hanisch zu sagen gehabt hatte: "Durch Urteil des Landgerichts Leipzig vom 28. Mai I 9 I 5 und Revisionsurteil des Reichsgerichts vom 9· November I9I 5 wurde auf Unbrauchbarmachung der Druckschrift "Mazdaznan-Wiedergeburt" von Dr. 0. Hanisch erkannt, weil diese Schrift im ganzen als eine unzüchtige Schrift zu bezeichnen sei. (Darin) befanden sich Anweisungen für Reinigung, Massage und sonstige Behandlung der Geschlechtsteile, ferner des Geschlechtsverkehrs ohne Samenerguß und vorbereitende Handlungen für den Zeugungsakt, wonach der Geschlechtsakt zwischen Mann und Weib bloß dann zu einem Samenerguß führen dürfe, wenn die Zeugung eines Kindes gewünscht werde, im übrigen müsse der Geschlechtsverkehr ohne Samenerguß und Befruchtung stattfinden, wobei er sich bei Anwendung der nötigen Willenskraft auf Stunden ausdehnen lasse." ' 80 Mit Heinrich Schönfelder war nicht zu reden, wenn es um Masdasnan ging. Und so scheinen seine Eltern und Brüder bald den Dialog mit ihm nicht mehr gesucht zu haben: Er wird in diesen Dingen als verbohrt geschildert. Wahrscheinlich hat der Verfasser des Aufsatzes in der Deutschen Medizinischen Wochenschrift recht mit seiner Schlußfolgerung, "daß wir es bei all diesen Bestrebungen mit einer Art Hysterie zu tun haben. Bedenklich ist jedoch die Ausbreitung und Ansteckungsfähigkeit dieser Erscheinung, die an dem Mystizimus der Nachkriegswehen einen günstigen Nährboden gefunden hat und durch den pseudowissenschaftlichen Anstrich gefördert wird ... " 1 81 Brutaler haben es die sächsischen Behörden formuliert: In einem 1934 verfaßten Bericht über die Masdasnan-Bewegung heißt es, die Anhänger der Bewegung befänden sich gegenüber den Forderungen der Masdasnan-Lehre in einem Zustande, der dem religiösen Wahnsinn gleichkomme. 182 Das soll auf sich beruhen. Eines jedenfalls ist nicht von der Hand zu weisen: Die Lehren Madasnans müssen für Heinrich Schönfelder ein Quell der Kraft gewesen sein. Schönfelder und die masdasnanischen Gesundheits/ehren: Ernährung und Körperpflege Das Staunen über Heinrich Schönfelders Beitritt zur Masdasnan-Bewegung wird nicht geringer, wenn man näher betrachtet, von welcher Art und Güte die gesundheitlichen Ratschläge waren, die ihn angeblich zum Eintritt in die Tempelvereinigung veranlaßt hatten. Die richtige Ernährung steht im Mittelpunkt jeder Monatszeitschrift. Das Kochgerät, in dem die Speisen zubereitet werden, sei der Aryana-Topf. Dieser bereitet vier Gerichte gleichzeitig. Er spart 3/4 an Zeit, Feuerung, Geschirr, Aufwasch. Erhält die Heilkraft der Speisen. Kocht leicht verdaulich. Heilt vom verschwenderischen Vielessen. Eine wichtige Maxime lautet: Beherrsche deinen Appetit. Kein Frühstück am Morgen! Nur etwas Früchte und einen Eßlöffel Agar-Agar oder Isländisch Moos. Oder Haferflok- 77 ken. Mittags ein leichtes Frühstück. Die Hauptmahlzeit am Spätnachmittag. Pro Mahlzeit nicht mehr als drei Gerichte. In Schönfeldcrs Speiseplan soll Außergewöhnliches vorgesehen sein und es soll Abwechslung herrschen. Man kann z. B. Tee von Isländischem Moos anstelle anderen Tees trinken. Puffmais kann alle anderen Getreidegerichte ersetzen. Auf Darm und Niere wirkt gut geriebener Apfel, in Butter gedünstet und mit Vanille-Schote und Zitronen-Schale gewürzt. Vor den Mahlzeiten genommen, wirkt getrocknetes Obst abführend, sofern man es in ungegorenem Apfelmost einweicht, über schwachem Feuer dämpft und ein wenig Vanille-Schote hineingibt. Undsofort. Weil der Körper Schönfeldcrs zur Gesundheit frische Luft, Sonnenlicht, Bewegung, Wärme, Reinlichkeit und Ruhe braucht, empfiehlt der Meister dies: Wollenes Unterzeug schaffe man ab, denn es verursacht Magen-, Halsund Nasenkatharr. Seide, Leinen, dünne Wollstoffe verdienen den Vorzug. Die Unterkleidung wechsle man täglich, ebenso die Bettwäsche. Dafür kann man die Nachtkleider beiseite lassen. Die guten Wirkungen wird man bald spüren. Nach dem Aufstehen tut Schönfelder gut daran, kalt zu duschen oder sich zu übergießen oder im Wasser unterzutauchen oder ein kaltes Schwammbad zu nehmen - dabei soll das Zimmer behaglich warm sein. Heiße Bädern nehme er am besten vor dem Schlafengehen. Nach einem heißen Bad reibe er sich mit Petrolatum-Öl ein. Die Reihenfolge ist wichtig: Brust, Hals, Oberarme, Füße, Schultern, Rücken, Oberschenkel; dann der Unterleib. Man reibt von rechts unter dem Nabel nach links und man schließt in der Magengrube über dem Sonnengeflecht. Einreibungen der Kopfhaut mit Petrotaturn des Abends erzeugen - nach gründlicher Wäsche am Morgen - guten Haarwuchs; außerdem erhält man die natürliche Haarfarbe und hält allerlei Krankheitskeime ab. Gifte scheidet man aus dem Körper aus, indem man an den Zehen zieht bis sie schmerzen und die Ohren kneift; dies verbessert auch den Gesichts- und Gehörsinn. Diese kleinen Verrichtungen erzielen bei wissenschaftlicher Durchführung besseren Blutumlauf und bessere Nerventätigkeit. Wer Magenstörungen hat, streiche Milch, Sahne, Käse und Eier vom Speisezettel. Überhaupt muß man bei Milch bedächtig sein: "Die Milch einer wohlgeborenen und wohlerzogenen Kuh ist ein Nahrungsmittel, das alles innehält. Man muß dann aber die Milch schluckweise förmlich kauen, ist also mit einem Glase Milch eine ganze Stunde beschäftigt."'83 Leute, die unter der Last der Arbeit seufzen, sollen von Zeit zu Zeit aromatischen Salmiakgeist einnehmen. Danach lebe man eine Woche lang hauptsächlich von Milch, der etwas quellendes isländisches Moos beigegeben wird. Gegen Gicht, Zuckerkrankheit, Herzleiden und Verdauungstörungen hilft eine Diät mit Apfelsinen, Feldsalat, Blättersalat, einen Gedankenstrich Kopfsalat, reichlich Bleichsellerie, Endiviensalat und Chicoree, wenig Weißkraut, wiederum reichlich Wasserkresse, schwarzem Rettich und Radieschen, Mai- und Steckrüben (wenig!), Zwiebeln (die man im Aryana-Topf dämpft), Sauerkraut, römischem Salat, knusprigen Kartoffelpuffern (r mal in der Woche), dito Glutenpfannekuchen, Topfkäse, grünen Bohnen und Erbsen, Spargel (grün oder blau und nur r Mal in der Woche, roh oder im Aryana-Topf gedämpft); dazu Jerusalem-Artischoken. Vorsicht vor Diätfehlern! Fällt der Patient - Alter Herr Schönfelder aufgepaßt! - zum Beispiel ins Biertrinken zurück, dann entsteht Gärung und Zucker und es kommt ein schwerer Rückfall. Man hat es also in der Hand! Die richtige Ernährung allein führt die Diätkur nicht zum Erfolg. Der Körper muß alle 6 Stunden massiert, abgewaschen und mit Weingeist eingerieben werden. Nach jedem Mahl ist eine Ausspülung des Mundes mit 3-5 Tropfen australischen Eukalypthus-Öls geboten. Usf. Weinsteinkuren helfen gegen unbekannte Beschwerden, Erschöpfungszustände, Magenbeschwerden, Darmentzün- 79 dung und Alterserscheinungen. Der Genuß von Holzasche scheidet Säuren aus. Buffalo-Klee verbessert die Magensäfte und entfernt Schleim aus dem Körper. Er hilft gegen Magerkeit, Wassersucht, Bleichsucht, Kopfweh, Katharre, Verstopfung, Geschwülste, Geschwüre. Krebs wird bekämpft durch Veilchentee, von dem man gewissenhaft alle 2 Stunden 2 Tassen trinkt. Wenn der Krebs sich an der Oberfläche zeigt, legt man Veilchenblätter darauf, nachdem man sie in Wasser eingeweicht hat, bis das Wasser grünlich wurde. Mit Austernschalenpulver kann man alle Magenleiden bekämpfen. Kumquats sind Zwergorangen und förderlich für den Stuhlgang. Man vergesse nicht die Gewürze von Anis bis Zimt! Gut auf Drüsen wirken Curry, Muskatblüte, Petersilien-Samen, Safran, Sassafras, Sellerie-Samen, Veilchenwurzel. Frauen lieben Zimt besonders. Anis vertreibt Schmarotzer. Cayenne erwärmt. Curry ist gut bei Blutkrankheiten und paßt zu Reis. Ingwer ist mit Spinat gut bei Krebs, fibroiden Geschwüren, Skrofeln. Kümmel wird verwendet bei Backwaren aller Art. Muskatblüte eignet sich gut zu Gemüse, nicht zu Eiern, wohl aber in Milch. Männer haben sie gern. Usw. Lieferant für alles: Das Masdasnan- Versandhaus Das Madasnan-Versandhaus liefert alles, was der Meister empfiehlt und was der Gesundheitsbewußte benötigt. Zum Beispiel den Aryana Topf. I9J2 kosteter-in wieder verbesserter Form - 8 Mark für den Topf mit I 8 cm Durchmesser; der Topf mit 26 cm Durchmesser kostet I 2 Mark. Weiter in Auswahl: Gewürze, zu haben in der preiswerten Vorratsdose und der etwas weniger preiswerten Streudose. Austernschalen-Pulver. Eierschalen-Pulver. Sand gegen Verstopfung. Agar-Agar und Isländisch Moos. Puff-Mais, Okraschoten, Löwenzahnkaffee. Drüsennahrung. Veneziol-, Vit- So rol- und Teerschwefelseife. Auch Arnika-, Kräuter-, Mandel- und Olivenölkernseife. Aqua-Seife, hygienisch, stark reinigend und desinfizierend. Rosen-, Flieder- und Veilchen-Creme, auch Hedy-Creme und Cura-Creme zur Desinfektion bei Hautausschlägen. Nix-Wasser zur Augenpflege. Petrolatum-Öl. Echtes australisches Masdasnan-Eukalypthus-Öl. Cynoleo-Zimtöl zur Frauen-Pflege und Geoleo-Zimt-Öl für Männer. Mandel-Öl und Knoblauch-Öl. Weihrauch. Ein dazu passendes Räuchergefäß. Kaffeemühlen mit Steinmahlscheiben. Fußschlüpfer, Unterjacken, Hemdhosen, Beinkleider aus Seide. Emaillierte Spülbecken zur Pflege der "edlen Organe" der Frauen.' 84 Der Darm- Bade-Apparat zur Darmpflege kostet komplett 16 Mark. Über alles beim Darmbad zu Beachtende lese man nach in dem Buch des Meisters "Masdasnan-Wiedergeburtslehre" von 1929 auf Seite 6off.- zu haben beim Verlag. Andere Gesundheitsratschläge: Drüsen. Atemübungen. Gesang. Die Lehren Masdasnans greifen über Ernährungsfragen- im umfassendsten Sinne - und eine gesunde Gestaltung der Umgebung hinaus. Es geht um die Weckung der Selbstheilkraft im Körper, um Schärfung der Sinne, Steigerung der Gedanken- und Willenskraft, um die gleichmäßige Tätigkeit des Nervensystems und der inneren Organe, besonders der Lunge und des Herzens, um Erlangung von Nervenruhe, harmonischer Körperformen, Gelassenheit in Gang und Haltung, vollkommener Gesundheit, Sicherheit, Selbstvertrauen und Erfolg. Zentrale Bedeutung hat die Pflege der Drüsen und das richtige Atmen. Keine Zeitschrift läßt diese Themen aus. Stets wiederholt der Meister einen Aufsatz, der den Titel trägt "Schür's Gedrüs." Darin geht es Drüsen- übungen, welche die Drüsen aufrütteln und ihren Vibrationszustand erhöhen sollen. Dies veranlaßt die Drüsen, ihre 81 Elemente oder Hormone in den Blutstrom und andererseits ihre Ätherstoffe in die graue Materie zu ergießen, wodurch sie dem Gehirn dienstbar gemacht werden. Richtiges Atmen bringt das Blutlaufsystem in Ordnung, stellt das Nervensystem wieder her und belebt das Drüsensystem. Schönfelder war eingeladen, mehrmals am Tag Atemübungen zu machen. Die Anweisungen des Meisters hierzu lauteten so: Atme durch die Nüstern bei geschlossenem Munde und bei entspannten Muskeln. Dehne die Lunge in freier Luft. Richte dich auf, wirf die Brust nach vorn und die Schultern zurück, laß die Schulterblätter fallen. Ziehe die Luft ein solange wie möglich, aber ungezwungen und entspannt. Wenn die Lunge ganz gefüllt ist, erhebt man die Arme über die Schultern und bewegt die Kiefer wie beim Kauen. Verschlucke den angesammelten Speichel, laß die Arme rückwärts heruntersinken - wobei die Brust sich hebt - dann leere die Lunge so vollständig, wie es ohne Zwang geht. Wiederhole das 7 mal oder öfter und mehrfach am Tag. Dann bist du gefeit gegen Auszehrung, Erkältung, Husten ähnliches. ' 8 l Das richtige Atmen wird durch Singen gefördert. Singen dient überhaupt der Gesundheit. Man singe, so empfiehlt der Meister - alle 2 Stunden 3 bis 5 Minuten. Sollte der Gerichtsassessor Schönfelder seine Sitzungen deswegen unterbrechen? Nein. Denn hilfsweise kann man summen, mindestens aber die Melodie in Gedanken wiederholen. Schon nach einigen dieser Singversuche merkt man, "daß wir dadurch unser Denkenswesen und Gesinn schüren." Von Zeit zu Zeit sollte man durch die Nase singen oder beim Singen die Nase rümpfen. "Wir lernen dadurch die Atemzüge gleichmäßiger führen und zugleich erweitert sich unsere kommerzielle oder geschäftliche Anlage, weil dabei der Nasenrücken etwas in die Höhe gezogen wird. Wir achten dann auf alles besser, was geschäftlich notwendig ist." .'86 Dem Singen förderlich ist der Besitz des Masdasnan-Liederbuchs- zu haben beim Versandhaus. Gedächtnisübungen Von dieser Art waren die gesundheitlichen Ratschläge, die Monat um Monat in der Zeitschrift ausgebreitet wurden und Schönfelders Interesse fanden. Indes: Diese Ratschläge waren nur ein Teil des Programms. Jede Ausgabe der Zeitschrift war bemüht, alle Aspekte des Masdasnan-Systems zu behandeln. Man findet - zumeist verfaßt vom Meister - Darlegungen zarathustrischer Lebensphilosophien und deren Nutzanwendungen. Eine davon sind die Masdasnan- Gedächtnisübungen. Die Zarathustrier hätten ihre unübertroffenen Gedächtnisleistungen und ihre Beobachtungsgabe ihren des morgens und des abends gehandhabten Gedächtnisübungen zu verdanken gehabt - sagt der Meister. Nota bene: Gedächtnisübungen hatte schon Poehlmann dem jungen Gymnasiasten Schönfelder anempfohlen. Nach des Meisters Rat unterzieht man sich diesen Übungen vor dem Einschlafen, weil die Natur jetzt beginnt, sich zu erneuern und auch den Körper in Ordnung wieder herzustellen; auch die Lebenskräfte werden erneuert. Ein Übungstext für einen Sonntag lautet: "Ja, wirke stets in Heiterkeit; Dein Lächeln dir Erfolg verleiht." Oder Freitag: "Ich bin wohlauf, so sprech ich heut. Und bet zu Gott in Freudigkeit." Vorgeburtliche Erziehung Immer wieder geht es in der Zeitschrift um das Geschlechtsleben und das, was der Meister "vorgeburtliche Erziehung" nennt. Denn: Die Höherentwicklung der Menschheit muß schon beim Geschäft der Fortpflanzung beginnen. Der Geist, in dem die Zeugung stattfindet, überträgt sich auf das Kind. Am besten zeuge man dann, wenn die Naturkräfte aufsteigen - also bei Sonnenaufgang, im Frühjahr um Ostern, bei zunehmendem Mond, besonders gegen Vollmond. Am vollkommensten sind Kinder, die zur Weihnachtszeit geboren sind, weil sie beim Aufstieg der Sonne im Frühjahr gezeugt sind. Der Inbegriff des unter Beachtung der Umstände und Einflüße und im richtigen Bewußtsein erzeugten Kindes ist das Christuskind. Die Zeugung geschehe mit vollem Bewußtsein, mit Konzentration, frei von Leidenschaften und von unreinen Gedanken der Schuld und der Befleckung; der Blick muß fest auf das Ziel der Vollkommenheit des reinen Körpers gerichtet sein. Wenn die Empfängnis eine unbefleckte ist, so wird das Kind alle Eigenschaften der Vollkommenheit und Reinheit in sich tragen und sie in seinem ganzen Leben bekunden. Es ist erlöst von den Banden und Folgen der Schuld, der Erbsünde, der Krankheit. Dadurch wird es zum Erlöser der Eltern und seines ganzen Wirkungskreises. Die Schwangere darf sich nur in guter, bildender Atmosphäre bewegen. Schädlichen und unschönen Einflüßen darf sie nie ausgesetzt sein. Der Mensch ist eine Wiederholung der Umstände und Einflüße, in denen die Mutter in der Schwangerschaft gelebt hat. In einer ständigen Rubrik werden Kleinkinder und Säuglinge gezeigt, die nach den Prinzipien der vorgeburtlichen Erziehung erzeugt sind. Überschrift: Die Ahnengalerie der kommenden Rasse. Rassenlehre Apropos Rasse: In den Darbietungen der Zeitschrift hat die Errettung der Menschheit wesentliches zu tun mit einer Wiederversöhnung der im Lauf der Geschichte getrennten Rassen. Drei arische Gruppen werden unterschieden: Die indischen und die iranischen Arier und - definiert als Abspaltung von den iranischen Ariern- die Semiten. Jesus gilt für einen arischen Rassenführer.' 87 Die Scheidung dieser drei Gruppen wird als bedauerliche Entwicklung angesehen; "die Sendung der Juden ist es, die getrennten indischen und iranischen Arier zusammenzubringen - eine Aufgabe, die jetzt ihrer Erfüllung entgegengeht." 188 Den wieder vereinten Ariern ist die Weltführung zugedacht. Sie ist aber nicht die Folge gewonnener Kriege. Die Weltführung soll erreicht werden durch die geistig-kulturelle Leistung der Arier. Und: "Sie soll auch nicht der Unterdrückung der andern, sondern der Errichtung des Friedensreiches für alle dienen."189 Fortschrittsglaube Ist also die Zukunft glänzend? Aber gewiß. Es obwaltet Fortschrittsoptimismus denn es geht, der Lehre gemäß, aufwärts mit der Menschenheit. Fortschritte meldete der Meister in fast jedem Monatsheft. Amerika, heißt es einmal, entwickele sich mit größter Schnelligkeit "gemüsewärts". 190 In London wird endlich vielen Leuten bewußt, daß man besser schläft, wenn man mit dem Kopf nach Norden liegt- was eine uralte Masdasnan-Weisheit ist. Wir stehen im Zeitalter der Cafeterias oder des Selbstbedienens. Das Anwendungsgebiet des Flugzeugs erweitert sich. Ein Pilot säte bei Sacramento 50000 Acker Reisper Luftschiff. 191 In verhältnismä- ßig kurzer Zeit werden wir uns alle gegenseitig in kleinen Luftdruckschiffchen besuchen können. Ein ganz einfacher und absolut explosionssicherer Mechanismus wird diese Schiffchen antreiben. Der Mechanismus kann auch nicht irgendwie in Unordnung geraten. "Denn wir verwenden dazu die Atomkraft, die uns nach Belieben dient, nachdem wir sie einmal in Fesseln gelegt haben. Den ganzen Apparat können wir mit unserem kleinen Finger bedienen, der wiederum kontrolliert wird von unserem Willen und unserer Verstandeskraft. Wir werden alle so herumfliegen, daß wir den Vögeln nichts nachgeben ... Der Erfindergeist ist der Retter der Menschheit, weil er alle Grenzen aufhebt, alle Menschen in Verbindung bringt und damit der Entfremdung ein Ende macht. Dann wird die Menschheit ... Gott als den allein ausschlaggebenden Faktor anerkennen. Dadurch werden wir uns mehr und mehr unserer göttlichen Verwandschaftsbeziehungen bewußt und schreiten von Erfolg zu Erfolg in unseren Unternehmungen, weil wir unsere Gaben, Talente und Fähigkeiten immer besser verwerten und so den Tag der endgültigen Errettung des Menschen heranziehen helfen." ' 92 Gemeinschaftserlebnis Für Schönfelder mag die Faszination des Gemeinschaftserlebnisses hinzugekommen sein. Er war in Gemeinschaften groß geworden- für das streng reglementierte Leben im Internat von St. Afra galt dies so gut wie für das Leben in der studentischen Verbindung auf dem Schottenhaus zu Tübingen. Masdasnan bot eine vertraute Gemeinschaft Gleichgesinnter. Zentral für das Leben der Vereinigung ist ein Ereignis, das sich geheimnisvoll Gahanbar nennt; man darf sich darunter ein Treffen der Mitglieder vorstellen, das auf jeden Fall zwischen Weihnachten und Neujahr und zumeist auch in der Sommerzeit stattfand. Regelmäßiger Tagungsort war Leipzig; man traf sich meistens im Buchhändlerhaus in der Hospitalstraße I I. Mutter Frieda Ammann berichtet über die Weihnachtsgahanbar I925lr926, 400 Mitglieder hätten sich versammelt. "Der Tisch stand bereit für alle mit Gaben in Fülle. Elf Tage der Gemeinschaft im hohen Saale der Meistertagungen, die liebgewordenen Symbole auf dem Altar, die Brüder und Schwestern in hellen Festgewänden, die reine Liebe und Begeisterung in den Augen und die Verklärung auf dem Antlitz."' 93 Das Programm für die Weihnachtsgahanbar I 9 3 2 kündigt für den 24. Dezember, 2 I Uhr die Christmette mit einer Weihnachtsaufführung an. Am 2 5. Dezember finden um 7, 9 und I I Uhr Weihachtsfeiern 86 statt. Mutter Frieda spricht über Masdasnan-Philosophie und Masdasnan-Praxis. Eine Ärztin vertieft das Thema Harmonielehre und Praxis. Theatergruppen führen religiöse Erbauungstücke auf. Sodann erteilen die Ärzte gesundheitliche Belehrungen. Höhepunkt ist die Sylvesterfeier: Jeder kann gegen Bezahlung ein Lichtorakel auf das neue Jahr bekommen. Hochgestimmt sind die Mitglieder. Politische Ambitionen Masdasnans: Das "Reichsprogramm" Übrigens hatte Masdasnan politische Ambitionen. 1932 spielt ein angeblich vom Meister verfaßes "Reichsprogramm" eine Rolle. Die Zeitschrift ist voll davon, Sonderdrucke werden verbreitet und während der Weihnachts-Gahaubar 1932 wird es zu Leipzig an allen Tagen behandelt. Es will "auf eine bessere Ordnung des Gemeinschaftswesens in Europa" hinarbeiten.' 94 Deutschland wird zum ersten Mitglied der Vereinigten Staates Europas (U.S.E.) erklärt. Dem Reich steht ein Reichskanzler vor "im Sinne Bismarcks". Der Kanzler wählt seine Minister aus. Diese helfen ihm, sein Programm zum allgemeinen Wohl durchzuführen. Auch die Abgeordneten helfen dem Kanzler, sein Programm auszuführen. Gewählt und entlohnt werden sie von den Gemeinden. Parteien kommen in seltsamer Form vor: Alle politischen Richtungen von mindestens r oo ooo Bekennern dürfen ein Programm aufstellen, das sie bei einer staatlichen Behörde einzureichen haben. Das Militär bleibt für immer verbannt. Eine Staatswache genügt. Der Wahlspruch zum Schutz des Reiches vor äußeren Feinden lautet: "Eine feste Burg, d. h. der Erfindergeist, ist unser Gott, eine gute Wehr und Waffen." Das Reichsprogramm kennt Grundrechte: Rechtliche Gleichheit von Mann und Frau. Glaubens- und Gewissensfreiheit, Freiheit der Presse, des Kinos und der Rede. Aber: Die Auslassungen müssen aufbauender Natur sein und frei von abfälliger Kritik, denn das Denkenswesen soll nur in geordnete und aufbauende Richtung geleitet werden. Bücher, die Diebereien, Mord- und Detektivgeschichten vorführen, werden aus öffentlichen Büchereien entfernt. Es herrscht Demonstrationsfreiheit. Aber: Demonstrationen dürfen den Verkehr nicht stören. Apropos Verkehr: Von Ost nach West und von Nord nach Süd werden Haupt- Landstraßen angelegt, die so breit sein müssen, daß sechs Kraftwagen nebeneinander fahren können. Um den Durchgangsverkehr zu beschleunigen, sind in den Städten besondere Straßen zu bauen. Das Geld dafür wird durch den Verkauf von Aktien beschafft. Der Benzinpreis beträgt 8 Pfennige für den Liter, dazu kommen 2 Pfennig Hauptlandstra- ßensteuer. Das Steuersystem beruht auf einer Kopfsteuer, die vom Familienstand und vom Alter abhängig ist; die Steuer kann durch Arbeit für den Staat erbracht werden. Die Banken werden in einem staatlichen Bankenverband organisiert und müssen diesem gehorchen. Konkurrenz ist das Leben des Handels. Alle Süd- und Tropenfrüchte sind zollfrei. Einheimische Rohstoffe und Erzeugnisse werden durch Zölle geschützt. Hier fehlende Rohstoffe sind zollfrei. Sümpfe werden trocken gelegt und mit Gartengemüse bepflanzt. Der Landwirtschaftsminister sorgt für beste Ausnutzung mit Zuckerrüben-, Spargel- und Viehfutterpflanzungen. Die Naturschätze werden vom Staat zum allgemeinen Besten ausgebeutet. Es besteht Arbeitspflicht. Wer nicht produktiv arbeitet, kommt in ein Armenhaus oder in eine Reformkolonie, wo er ein Geschäft erlernen kann. Zur Bekämpfung des Müßiggangs und der Arbeitslosigkeit wird der allgemeine Sechs-Stunden-Arbeitstag eingeführt. Alle haben Beiträge in eine Pensionskasse zu zahlen; einen Anspruch erwerben sie nach 25 Jahren. Ausländer dürfen eine Existenz im Reich suchen. 88 Der leitende Gedanke der Erziehung ist: Die Natur und ihre Kräfte ausbeuten zu lernen und durch Erfindungen das Los der Menschen verbessern- also die Arbeitszeit immer mehr herabzusetzen und die Annehmlichkeiten des Lebens zu erhöhen. Hochschulen sollen lehren, wie Nahrungsmittel ökonomisch und wissenschaftlich verwertet werden. Beste Ärzte sollen ein Mal pro Woche vor Frauen und dann auch vor Männern Belehrungen geben über Körper, Rasse und Geschlechtspflege. Es sind Schiedsgerichte einzurichten. Gesetze müssen eindeutig und in einer dem Laien verständlichen Sprache abgefaßt sein. Gefängnisse werden durch Staatssch~len für Gefallene ersetzt. Nicht Verbrechensgesetze sollen ausgedehnt werden, vielmehr soll das Volk ausgebildet und erzogen werden durch vorbildliche Lehrer und Führer im Schul- und Wirtschaftswesen. Soweit das Reichsprogramm in den groben, aber hinreichend signifikanten Zügen. Es erscheint wie ein tolles Gemisch mit kräftigen masdasnanischen Einsprengseln - und doch: Völlig weltfremder und den Zeitgeist verpassender Unfug ist das Programm nicht. Eine Liberalisierung des Strafvollzuges zum Beispiel war damals Gegenstand der Diskussion. In der strafrechtlichen Grundsatzdebatte spielte die Hinwendung zu spezialpräventiven Strafzwecken eine Rolle. Die Verbannung von Büchern über Diebereien, Mordund Detektivgeschichten spiegelt das wider, was zu Zeiten der Weimarer Republik unter dem Begriff des Kampfes gegen Schmutz und Schund die Gemüter bewegte. Den Betrachter vom Ende des Jahrtausends läßt der Internationalismus des Programms und der Ruf nach den Vereinigten Staaten von Europa nicht unbeeindruckt- vor allem nicht wegen ihrer Beziehung zu den damals aktuellen Bestrebungen der Paneuropäischen Bewegung des Grafen Coudenhove-Calergi. Die pazifistische Ausrichtung des Reichsprogramms nimmt man mit Sympathien zur Kenntnis - auch hier verfolgt das Programm eine Linie, die damals von nicht wenigen Menschen geteilt wurde und die sich wohltuend abhebt von den revanchistischen und chauvinistischen Teilen des politischen Spektrums. Und die Sehnsucht nach autoritären Führern "im Stile Bismarcks" war so weit verbreitet wie die Lust, der Zersplitterung des Parteienwesens ein Ende zu machen. Und nicht vergessen sei: Die Idee des Baus von Autobahnen hatte sich damals längst gewisser Köpfe bemeistert. Die Autobahnen sind keine Idee Adolf Hitlers. Die Frage, wie Heinrich Schönfelder sich zu diesem Programm verhalten hat, kann nur spekulative Antworten erhoffen: Zeugnisse fehlen. Sagen läßt sich nur, daß einige der Forderungen des Programms zusammengehen mit dem, was der Doktorand Schönfelder am Modell des italienischen Faschismus in der Ausprägung des Jahres 1924 so bewunderswert fand: An der Spitze steht ein starker Reichskanzler. Er gibt die Ziele der Politik vor und sucht sich seine Helfer aus. Das Volk wird keineswegs ausgeschlossen. Aber die Volksvertreter haben einen klaren Auftrag. Sie haben dem Kanzler zu helfen. Parteienvertreter sind sie nicht. Gemahnt das ganze nicht an eine "veredelte Diktatur", in der ein starker Kanzler für Ordnung und in dieser Ordnung für das Wohl des Volkes sorgt? Gesundheitsapostel Schönfelder? Ganz und gar nicht! Heinrich Schönfelder mag lange sagen, er sei der Tempelvereinigung Leipzig nur beigetreten aus Interesse an den gesundheitlichen Ratschlägen der Masdasnan-Zeitschrift: Richtig glauben mag man das nicht. Solch bizarren Universallehren wendet man sich nicht zu, wenn man nur einen Teil-Aspekt interessant findet. Es geht ums ganze Lehrgebäude. Unsere Auffassung ist diese: Heinrich Schönfelder war ernsthaft und engagiert Mitglied in der Masdasnan- Tempelvereinigung Leipzig und ihn interessierte die Lehre in ihrer Gesamtheit. Er bekannte sich zur Welterlösungslehre einer autoritären Führergestalt namens 0. Z. A. Hanis'h, Elektor, Meister, Prinz von Zaradust. Einen Beweis dafür liefert die Ausgabe der Masdasnan-Monatszeitschrift vom Oktober 1933. In der Rubrik "Kleine Anzeigen" auf Seite 294 wird mitgeteilt: "Vermählt: Am 26.August I933 Dr. Heinrich Schönfelder und Ellen Sieben in Dresden." Solche persönlichen Mitteilungen finden sich in der Zeitschrift regelmäßig. Wer hier Mitteilungen macht, gehört dazu. Heinrich Schönfelder gehörte dazu. Masdasnan war ihm Weltanschauung. Schönfelders Versuch, seinen Beitritt zu begründen mit ärztlichem Rat und eigenen gesundheitlichen Interessen, hat einen anderen, einleuchtenden und simplen Grund: Die Nationalsozialisten haben Masdasnan I 9 3 5 verboten. Und der Amtsgerichtsrat Dr. Schönfelder mußte sich vor seinem Dienstherrn rechtfertigen wegen seiner Mitgliedschaft in einer "freimaurerähnlichen Organisation". Die Nationalsozialisten verbieten die Masdasnan- Tempelvereinigung e. V. Heinrich Schönfelders Mitgliedschaft bei Masdasnan endete 1935 und unfreiwillig. Der Verlag und das Versandhaus wurden ebenso wie die Tempelvereinigung I935 verboten und zum 30. September I 936 aufgelöst.195 Seit der Machtergreifung hatten sächsische Behörden die Vereinigung verschärft beobachtet. Allerdings beeilten sie sich nicht mit einer Auflösung. Und die Vereinigung dachte nicht an eine Selbstauflösung. Sie blieb aktiv, gab Monat um Monat die Zeitschrift heraus, warb für das Lehrsystem und verkaufte ihre Produkte. Die Zeitschrift begann sogar, sich mit den Auffassungen der Nationalsozialisten auseinanderzusetzen. Soll man es eine komische oder eine tragische Verkennung des Charakters der NS-Bewegung nennen, wenn man liest, daß in der Zeitschrift Ausführungen über die bessere Rassenlehre publiziert werden - selbstverständlich mit der These, die Masdasnan-Rassenlehre sei die zutreffende? Ist es Dummheit oder Tollkühnheit oder Ausdruck des ernsten Ringens um die richtige Lehre, wenn ein Autor in der Zeitschrift Jesus Christus bezeichnet als arischen Rassenführer? Wie darf man angesichts des sich anbahnenden Baus der Straßen des Führers den Hinweis in der Zeitschrift deuten, auch der Meister fordere seit langem umfassenden Straßenbau? Und was darf man halten von dem Versuch, der neuen Reichsregierung das "Reichsprogramm" anzuempfehlen als einen ernstzunehmenden Beitrag zur Gestaltung eines neues Deutschland? Soviel steht fest: Die Nationalsozialisten haben Masdasnan nicht als ernsthafte politische Gefahr betrachtet. Als das Sächsische Ministerium des lnnern Anfang 1934 "polizeiliche Maßnahmen" in Erwägung zieht, liegt diesen Überlegungen ein Schreiben des Reichsausschußes für Volksgesundheit e. V. zugrunde, in dem es heißt, die Schriften des Masdasnan-Verlages seien "keineswegs zu empfehlen, vielmehr bedenklich." I 96 In einem Vermerk des lnnenministeriums kann man lesen, die Vereinigung habe sich "mit politischen Dingen bisher nicht befaßt. Trotz scharfer Beobachtung ist in dieser Beziehung nichts Wesentliches festgestellt worden. Das Einzige ist, daß die Masdasnan-Anhänger, angeblich aus religiöser Anschauung heraus, den Gruß "Heil Hitler" ablehnen. In ihren Versammlungen haben sie aber widerholt auf den Herrn Reichspräsidenten und den Herrn Reichskanzler Heilrufe ausgebracht in der bei ihnen üblichen Form: "Heil, Heil, viel tausendmal Heil!".I97 Nach Meinung des Ministeriums war die Masdasnan-Lehre "keine erfreuliche Erscheinung und die von ihr gegebenen Ratschläge sind geeignet, Verwirrung anzurichten." I 98 An anderer Stelle befaßte sich das Sächsische Ministerium des lnnern mit der Person von Otto Rauth; möglicherweise handele es sich bei ihm um einen Juden und im Februar 1934 sei seine Schrift "Das Weltprogramm der neuen Zivilisation" in Sachsen verboten und eingezogen worden. I99 Die weitere Aktenüberlieferung ist dürftig. Klar ist lediglich das Ergebnis der behördlichen Maßnahmen: Eine Verordnung vom 5. November I 9 35 verbot Masdasnan wegen ihres volksfremden, internationalistischen und pazifistischen Charakters sowie wegen ihrer dem nationalsozialistischen Rassegedanken widersprechenden Anschauungen. 200 Masdasnan wurde aufgelöst. Die Masdasnan-Zeitschrift hatte schon im August I93 5 ihr Erscheinen eingestellt. Frieda Ammann emigrierte in die USA.'01 Otto Rauth wurde einige Monate in ein Konzentrationslager verschleppt. 202 Schönfelder muß sich rechtfertigen vor seinem Dienstherrn So endete Heinrich Schönfelders Mitgliedschaft bei der Masdasnan-Tempelvereinigung Leipzig durch höhere Gewalt. Es begann ein hochnotpeinliches Nachspiel. Der junge Amtsrichter hatte seinem Dienstherrn Fragen zu beantworten. Der Reichsjustizminister hatte unter dem I 2. September I936 eine Allgemeinverfügung mit der Überschrift "Zugehörigkeit von Beamten zu Freimaurerlogen, anderen Logen oder logenähnlichen Organisationen" erlassen.'03 In Ziffer 5 der AV liest man: "Personen, die erst nach dem 30. 1. I933 aus einer Freimaurerloge usw. ausgeschieden sind, sind grundsätzlich von der Anstellung oder Beförderung ausgeschlossen. Ausnahmen sind nur im Einvernehmen mit dem Stellvertreter des Führers zulässig." Die Masdasnan-Bewegung galt nach einer weiteren Allgemeinverfügung des Reichsjustizministers vom I6. Dezember I936204 als "Freimaurerlogenähnliche Organisation". Und deswegen wurde Schönfelders Mitgliedschaft bei Madasnan plötzlich Gegenstand des Interesses an höherem Orte. Für Heinrich Schönfelder muß das eine bittere Entwicklung gewesen sein. Wenigstens und zum Glück war er noch am 1. April I 934 zum Beamten auf Lebenszeit ernannt wor- 93 den. Von weiterer Beförderung war er aber grundsätzlich ausgeschlossen. Jedenfalls wußte er jetzt, daß er ohne Mitwirkung des Stellvertreters des Führers nicht befördert werden konnte. Die Tiefe und Breite seiner weltanschaulichen Zuverlässigkeit wäre dann zuvörderst vom Gauleiter der NSDAP zu prüfen gewesen; dabei hätten nicht nur Zugehörigkeiten zur Partei und anderen Verbänden eine Rolle gespielt, sondern auch frühere Mitgliedschaften zum Beispiel in Logen. Da heißt es, klug sich einzulassen und geschickt die Fragen des Dienstherrn zu beantworten. Schönfelder gab diese Antwort, nachlesbar in seiner Personalakte aus dem Reichsjustizministerium. Dort heißt es in der Rubrik "Frühere Zugehörigkeit zu Freimaurerlogen": "Auf ärztliches Anraten nur zwecks Bezugs der gesundheitlichen Ratschläge enthaltenden Zeitschrift "Masdasnan" 1931 oder 1932 der "Masdasnan-Vereinigung" Leipzig beigetreten, genaue Daten unbekannt, keinerlei Betätigung."'05 Schönfelders Schutzbehauptung: Eintritt aus gesundheitlichen Interessen Das klingt wie eine Schutzbehauptung und es ist auch eine. Kollusion der Vorgesetzten mag mit dabei gewesen sein, als der Vermerk für die Personalakten formuliert wurde. Herunterspielen hieß die Devise. Distanzierung von allen weltanschaulichen Momenten in den masdasnanischen Lehren war das Gebot des Augenblicks. Schönfeldcrs Einlassung entspricht dem voll und ganz. Er brauchte nur zu hoffen, daß niemand die Hochzeitsanzeige des Ehepaars Schönfelder in der Masdasnan-Zeitschrift vom Oktober 1933 präsentieren würde: Die Mär von der masdasnanischen Karteileiche Schönfelder wäre dann bei böswilliger Betrachtung schnell verflogen. Dies mag auf sich beruhen. Das Reichsjustizministerium tat nicht das Äußerste, um gewesene und nicht ausgetretene 94 Freimaurer und Mitglieder "freimaurerähnlicher" Zusammenschlüsse aus den Reihen der Justiz zu verjagen. 206 Ohnehin hatte Heinrich Schönfelder klug vorgesorgt. Als Masdasnan verboten wurde und Schönfelder seinem Dienstherrn peinliche Fragen zu beantworten hatte, war er längst auf der Gegenseite zu finden: Er war seit über zwei Jahren Mitglied der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei NSDAP und anderer nationalsozialistischer Organisationen. 95

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References

Zusammenfassung

Das Werk:

Der Name „Schönfelder“ ist zum Synonym für ein Werk geworden, das jedem Juristen in Deutschland bekannt und vertraut ist. So geläufig dieses juristische Arbeitsmittel schon den jungen Studierenden ist, so wenig wissen dessen Nutzer, welche Person eigentlich hinter diesem bekannten Namen steht.

Hans Wrobel hat ein detailliertes Portrait des Heraus- und Namensgebers der bedeutendsten Sammlung deutscher Gesetzestexte vorgelegt und Schönfelders 1902 im sächsischen Nossen beginnenden Lebensweg nachgezeichnet. Wir lernen den Zögling der Fürstenschule St. Afra kennen, verfolgen seinen Werdegang als Student und Burschenschaftler, Referendar, Amts- und später Kriegsgerichtsrat, erfahren aber auch, dass Schönfelder sich im Laufe seines Lebens mit der nationalsozialistischen Gedankenwelt identifiziert und in der NSDAP organisiert hat. Seine dienstlichen Beurteilungen als Soldat und Offizier bescheinigen ihm eine „einwandfreie politische Haltung“ sowie „Einsatzbereitschaft und aktive Mitarbeit in der nationalsozialistischen Bewegung“.

Parallel dazu verfolgt Wrobel seine literarischen Nebentätigkeiten, die uns neben dem „Schönfelder“ auch die Reihe „Prüfe Dein Wissen“ beschert haben. Im Jahr 1944 wird der 42-jährige Kriegsgerichtsrat Schönfelder im besetzten Italien bei einem Partisanenüberfall getötet. Sicher kein typisches, wohl aber ein sehr deutsches Juristenleben dieser Zeit.

Diese Biografie lässt gleichzeitig die Person und das Werk „Schönfelder“ plastisch und lebendig werden und stellt ihn, aber auch das scheinbar so neutrale Arbeitsmittel in einen rechts- und zeitgeschichtlichen Zusammenhang.

Der Autor:

Dr. Hans Wrobel war Senatsrat beim Senator für Justiz und Verfassung in Bremen.