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Wie aus Heinrich Schönfelder ein erfolgreicher juristischer Autor wurde in:

Hans Wrobel

Heinrich Schönfelder, page 19 - 62

Sammler Deutscher Gesetze 1902-1944

1. Edition 2021, ISBN print: 978-3-406-43085-5, ISBN online: 978-3-406-77110-1, https://doi.org/10.17104/9783406771101-19

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Wie aus Heinrich Schönfelder ein erfolgreicher juristischer Autor wurde Schüler Schönfelder: Zögling an der Fürstenschule St. Afra zu Meißen 1916-1922 Heinrich Ernst Schönfelders Spur durch die deutsche Rechtsgeschichte der Neuzeit beginnt am I6.Juli 1902 in Nossen im Königreich Sachsen. Er war der älteste von drei Söhnen des Wäschefabrikanten Heinrich Schönfelder und seiner Ehefrau Lina, geborene Rietschel. 5 Heinrich besuchte die Volksschule in Nossen, danach das Königin-Carola- Gymnasium in Leipzig. Am 9.Mai 1916 wurde er konfirmiert. Anfang Juni 1916 bezog er die seit 1543 bestehende, traditionsreiche Fürstenschule St. Afra in Meißen. St. Afra gehörte neben Grimma und Pforta zu den sächsischen Schulen, die Herzog Moritz nach der Reformation gegründet hatte und die über Jahrhunderte führend waren in der Heranbildung sächsischer Eliten. Männer wie Gotthold Ephraim Lessing und Christian Fürchtegott Geliert waren Afraner gewesen. Der Wahlspruch der Schule hieß: Christo- Patriae-Studiis. 6 Schönfelder kam 1921 in die Oberprima; Otto Hartlich, Rektor von St. Afra, führte die Klasse zum Abitur. Sie soll eine "sehr gut begabte Klasse" 7 gewesen sein. Schönfelders Bruder Herbert und sein Klassenkamerad Horst Gerlach schreiben über den Primaner Heinrich Schönfelder: "In den letzten beiden Schuljahren gehörte er der sprachlich-geschichtlichen Abteilung seiner Klasse an. Er war ein begabter und vielseitig interessierter Schüler mit einem klaren Blick für alles Zweckmäßige und Praktische. Schnell wurde er mit seinen Hausaufgaben fertig und fand so Zeit für die "Selbstbeschäftigung". Im Januar 1922, wenige Wochen vor dem Beginn der schriftlichen Abiturarbeiten, studierte er mit Schülern der nachfolgenden Klassen den "Miles gloriosus" von Plautus ein, der dann zur Lessing-Feier aufgeführt 21 wurde und großen Beifall fand." 8 Diese Leistung brachte Schönfelder eine Erwähnung in der Schulchronik ein: Die Aufführung fand zur "nachträglichen Feier von Lessings Geburtstag am 26.januar I922" statt; "die Spielleitung lag in den Händen von Schönfelder."9 Die Idee zu der Aufführung war in einem "Piautus-Kränzchen" entstanden, dem Schönfelder angehörte: ein Lehrer und sehr wenige Schüler befaßten sich hier in einem Privatissimum mit Plautus und speziell mit jenem "Miles gloriosus". 10 Oberprimaner Schönfelder trug weiteres zum Leben der Schule bei. Am 378. Stiftungstag St. Afras am 1. Juli I 92 1 hielt er anläßlich der an der Schule üblichen "Redefeier" in der Aula in französischer Sprache eine Rede zum Thema "La provence dans l'antiquite" ." Überhaupt war er sprachbegabt. Griechisch, lateinisch, hebräisch lernte er eifrig und mit Erfolg; ebenfalls italienisch - letzteres sprach er mit der Zeit fließend. Seine Lust am Erlernen fremder Sprachen scheint korrespondiert zu haben mit der Neigung, anderen fremde Sprachen zu lehren: Sein Bruder Herbert berichtet, Heinrich habe die Brüder - nicht immer zu deren Vergnügen- mit Fragen der Grammatik befaßt und ihnen zur Belehrung fremdsprachliche Sentenzen vorgetragen. Ein frühes Hervortreten der von C. H.Beck beobachteten "starken pädagogischen Ader"? Berufsziel: Sächsischer Landpfarrer Als Schönfelder I 916 St. Afra bezog, träumte er davon, Pfarrer zu werden. Als I 6 jähriger umschrieb er 19 I 8 sein Lebensziel so: "Nachdem ich Schule und Universität durchlaufen und die unteren geistlichen Ämter größtenteils im Auslande verbracht habe, sitze ich, glücklich verheiratet, als Pfarrer auf einer sächsischen Landpfarre in der Nähe einer größeren Stadt; als Freude und Stolz meiner Eltern und aller Verwandten. Meine Kinder unterrichte ich in den er- 22 sten Jahren selbst. Später lasse ich sie in der benachbarten größeren Stadt eine höhere Schule besuchen, um sie zu tüchtigen Menschen heranzubilden. Auch meinen Privatinteressen kann ich mich dann widmen, zum Beispiel Bienenund Geflügelzucht, Briefmarkensammeln, Schachspiel."' 2 Schönfelders Selbsterziehung Ohne Zweifel wollte auch der Afraner Schönfelder sich selbst zu einem tüchtigen Menschen heranbilden. Von Ende 1917 bis Ende 1918 bezog der 16jährige junge Mann ein Werknamens "Poehlmanns Geistes-Schulung und -Pflege umfassend Poehlmanns Gesundheits- und Beobachtungslehre, Sinnenübung und Denklehre, Phantasiebildung, Gedächtnis- und Konzentrationslehre, Willensstärkung, Redekunst." Verfasser war Christof Ludwig Poehlmann aus München. Er wollte Anweisungen geben, wie seine Adepten "nicht nur in ihrem Beruf tüchtiger werden, sondern auch als Mensch an Gehalt wachsen können."' 3 Das Werk umfaßte 10 Hefte. Die Abonnenten hatten die Hefte durchzuarbeiten; sodann war das theoretisch erworbene Wissen in geistigen wie körperlichen Übungen anzuwenden. Poehlmann kontrollierte den Lernerfolg. War ein Heft durchgearbeitet, hatte der Schüler einen Übungsbogen auszufüllen und dem Lehrer einzusenden. Poehlmann korrigierte die Bögen und sandte sie zurück - in Schönfelders Fall häufig versehen mit aufmunternden Kommentaren. Schönfelder hat den Kursus eisern durchgehalten. In den Übungsblättern hat er seinem Lehrer ehrlich über Erfolge und Mißerfolge berichtet. Er wollte erreichen, was Poehlmann lehrte: Starken Willen, trainiertes Gedächtnis, Fähigkeit zu äußerster Konzentration, scharfe Beobachtung, Klarheit des Denkens, Präzision des Ausdrucks. Er wollte Phantasie entwickeln und seine charakterlichen Fehler bekämpfen will er auch: Eitelkeit sieht er als seinen größten 23 Mangel an. Ganz deutlich erkennbar interessiert ist Schönfelder an den Ratschlägen, die sich auf die Gesundheit beziehen. Poehlmanns Credo: Körperliche Gesundheit ist die Grundlage des Glücks und nur der körperlich Gesunde kann geistig Großes leisten, macht der junge Schönfelder sich ganz und gar zu eigen. Nur in einem widerspricht er seinem Lehrer: In der Frage des Verzehrs von Fleisch. Poehlmann will es zulassen - Schönfelder lehnt es ab. Und in der Tat blieb Heinrich Schönfelder vegetarischen Idealen Zeit seines Lebens treu. Das hohe Ziel: Durch eigene Vervollkommnung dem Fortschritt der Menschheit dienen Im November 1918 war Schönfelders Kurs bei Poehlmann zu Ende. Zwei zentrale Bemerkungen mag der um Bildung seines Charakters bemühte junge Afraner mit genommen haben auf dem Weg ins Leben. Erstens: Die von Poehlmann formulierte "ewige Weisheit", wonach jeder, der seine Pflicht erfüllt, "sich nach bester Möglichkeit zu entwikkeln und auszubilden, in entsprechendem Maße mit irdischen Gütern belohnt wird" und daß "rechtliches Streben nach Geld und Gut in keiner Weise tadelns- sondern lobenswert ist, weil jeder, der in rechtlicher Weise Geld und Gut zu erwerben sucht, notwendigerweise an der Weiterentwicklung mitarbeitet. Jeder, der lernt, die Arbeit im rechten Lichte zu sehen, wird die Arbeit lieben."'4 Zweitens: "Das Ganze kann nur dann harmonisch Fortschritt machen, wenn jeder mitwirkt. Von Ihrer Vervollkommnung hängt nicht nur Ihr eigenes Wohlergehen und das Ihrer Familie ab, sondern auch das der Menschheit! Tun Sie jederzeit Ihre Pflicht sich selbst und der Menschheit gegenüber, und Sie werden den herrlichsten Lohn empfangen im Frieden des Herzens, denn er allein ist wahres Glück."'5 Und so arbeitete der Afraner Schönfelder an der Bildung seines Charakters und der Formung seiner Pflichtauffassung gegenüber sich selbst und der Allgemeinheit. Allerdings: Ein sächsischer Landpfarrer sollte doch nicht aus ihm werden. Der Sekundaner schwenkte um - schweren Herzens und unter dem Eindruck von Ratschlägen der Verwandtschaft. Deren Auffassung: Das geistliche Amt biete heutzutage keine finanzielle Perspektive, soll den Wandel bewirkt haben. Schüler Schönfelder aber wandte sich der Idee zu, die Rechte zu studieren. St. Afra und der Zeitgeist. Kriegserlebnis und Niederlage von 1918 Schönfeldcrs Jahre an St. Afra waren nicht bloß den schöngeistigen Studien und der Selbsterziehung gewidmet. Die Afra-Jahre Schönfeldcrs fielen- wir zitieren Worte des Vaters eines Mitschülers - in eine "bewegte Zeit: die zweite Hälfte des Weltkrieges, sein unrühmliches Ende mit der Revolution und die ersten Nachkriegs- und Inflationsjahre. Die Schüler wurden mit sicherer Hand durch die Wirrnisse der Zeit hindurch geleitet. Der Unterricht litt nicht unter diesen."' 6 Gleichwohl: Diese bewegte Zeit hat das Leben der Schüler ganz nachhaltig geprägt. Das deutsche Gymnasium jener Kriegsjahre war sich seines vaterländischen Auftrages voll bewußt und St. Afra war keine Ausnahme. Als der Zögling Schönfelder und seine Kameraden Anfang Juni I 9 I 6 die Schule bezogen, da "grüßte uns St. Afra im Flaggenschmuck deutschen Sieges. Eine unserer ersten und teuersten Erinnerungen ist der ungeheure Jubel, den die Botschaft vom Skagerrak'7 unter uns auslöste ... Und dann: - was tiefer ging - viermal haben wir unsere älteren Kameraden zum Dienste fürs Vaterland ausziehen sehen. Und mancher von denen, dem wir damals das Komitat sangen, ist nicht mehr."' 8 Sehr wahr: Unter den Afranern, "die nicht mehr sind", war auch ein eben 16 Jahre alter Schüler, der "in Frankreich gleich in seinem ersten Gefecht einem feindlichen Geschoß erlag."' 9 Die Niederlage von 1918 und der Untergang der Monarchie haben das überlieferte Leben und den Unterricht an St. Afra in den Grund erschüttert. Lehrerkollegium und Schülerschaft begriffen die Zusammenhänge auf ihre Weise. Sie erfuhren "das große Leid des Vaterlandes". 20 Rektor Hartlieh formuliert bei der Eröffnung des Schuljahres 1921lr922- es ist der Beginn von Schönfelders Jahr in der Oberprima: "1 813 und 1870 betrachteten die Deutschen Gott selbstverständlich als ihren Alliierten. Heute liegt das Vaterland todwund von den Feinden innen und außen geschlagen, ekle Parasiten nagen an seinem Körper und saugen sein Herzblut." Aber der Schulmann hat Hoffnung: "Und doch merkt der Kundige, wie sich edle Säfte regen, und gerade die Jugend unserer höheren Schulen erglüht für die Aufgabe, dem Vaterlande in Hingebung zu dienen."21 Die Jugend wird gut vorbereitet auf ihren Dienst am Vaterlande: "In den Händen fast aller Schüler ist ein Auszug der wichtigsten Bestimmungen des Vertrags von Versailles, dessen Lüge und Ungerechtigkeit sie eint zu wahrhaft nationalem Empfinden. Das ist der Vorteil aus dieser finstersten Stunde deutscher Geschichte, die sonst unser aller Lebensweg täglich von neuem verdüstert." 22 "Das nationale Empfinden" ist ein Schlüsselwort. Das deutsche Wesen blieb der Mittelpunkt. "Als eine Utopie gilt mir" - so sagt der Rektor von St. Afra und Klassenlehrer Schönfelders 1922- "für unser und noch manches nachfolgende Geschlecht - die Verwirklichung der Idee vom Internationalismus, so hoch uns der Gedanke als großes Menschheitsziel erscheint, darum pflegen wir vor allem das nationale Element, indem wir das echt Deutsche in Kunst, Sprache, Literatur, Sitte und Gewohnheit aufsuchen." 23 Noch in der Schilderung der Prinzipien des Fremdsprachenunterrichts wird dargelegt, daß etwa das Erlernen der französischen Sprache nur sehr begrenzt den Anspruch hat, den Schülern den Zugang zur civilisation fran~aise zu öffnen: "Auslandskunde und Deutschkunde, durch Vergleiche beleuchtet, gehen Hand in Hand. Die Beziehungen zwischen eigenem und fremdem Wesen sind zu klären. Das eigene Volksbewußtsein ist durch die Kenntnis und Wertung des Auslandes zu heben." 24 Das Kollegium bezieht in politischer Hinsicht eindeutig Position: Die Sozialdemokratie ist der Gegner. In der Schulchronik ist unter der Überschrift "St. Afra und die Zeitverhältnisse" mitgeteilt, wie das Kollegium auf dieselben zu reagieren suchte: Auf dessen Anregung "wurde am 23 .November 1918 .. . ein Bürger- und Bauernrat gegründet." Gemeint war das als "Versuch, als Gegnerin der Sozialdemokratie eine einzige Rechtspartei zu schaffen. n 5 Dies scheiterte; die "Fürstenschullehrerschaft" engagierte sich danach bei den Deutschnationalen, der Deutschen Volkspartei und den Deutschen Demokraten, "ohne daß das einmütige Zusammenleben und -Arbeiten dadurch je im mindesten getrübt worden wäre." 26 Die politische Harmonie im Lehrerkollegium mag dahinstehen. Nach außen scheint St. Afra in den Ruf gekommen zu sein, reaktionären Gesinnungen anzuhängen. In der Schulchronik heißt es: "Unsere Schule ist nach dem bequemen Schluß nomen est omenauch mißtrauisch angesehen und als Hort der Reaktion bezeichnet worden. Wie verkehrt und voreilig! Wir stehen hier auf dem Boden der Verfassung, schon weil wir darauf geschworen haben. Denn Eide gelten uns heilig ... " 27 St. Afra und die Reichsverfassung von Weimar Aber stand St. Afra wirklich - heilige Eide hin und heilige Eide her - auf dem Boden der Verfassung von Weimar? Die Zweifel sind übergroß. Gewiß: Man befaßte sich mit der Sache. In der Schulchronik liest sich das unter der Überschrift "Sonstige Aufführungen und Belehrungen außerhalb des Unterrichts" so: "Am 2 3. August I 9 I 9 sprach Oberlehrer Dr. Fraustadt gemäß Ministerialverordnung Nr. I78 über die neue deutsche Reichsverfassung vom I I. August I9I9, ihr Verhältnis zu den früheren Verfassungen des deutschen Reiches und ihre Bedeutung für die Gesamtheit wie für den einzelnen."28 Sehr viel deutlicher läßt sich die Distanz der Schule zu dieser neuen Reichsverfassung nicht ausdrücken. Sicherlich: Die neue Verfassung war nicht tabu. Gerade dem Oberprimaner Schönfelder wurde sie nahegebracht. In seiner Klasse wurde "im Winter I 92 I sogar in etwa 30 Stunden eine gründliche Durcharbeitung der Weimarer Verfassung versucht." 29 Solche Versuche- Versuche! -verblassen aber vor der Realität des Unterrichts im übrigen. Der Blick in die deutsche imperiale Vergangenheit erfreut die Herzen weitaus mehr als der Blick auf die Gegenwart und von der Pflege demokratischer Gedanken ist nicht die Rede. Da wird zum Beispiel am I8.Januar I92I vormittags eine "schlichte Feier zum 50. Gedächtnis der Reichsgründung" von I87I abgehalten. Was gibt es da zu hören? "Knapp belehrender und warmbegeisternder Vortrag des Studienrats Dr. Fraustadt. Am Abend trugen Mitglieder des Ahanischen Leseabends die dramatische Dichtung Reinhard Görings Scapa Flow30 vor, der Rektor im Anschluß daran drei auf den Tag bezügliche Gedichte aus der "Jugend".31 Und: "Am 9· März trug der in Meißen jetzt wohnhafte Will Vesper unter großem Beifall eigene Dichtungen vor." 32 Herr Will Vesper war schon zu jener Zeit dabei, als Autor chauvinistischer Werke über die germanische Vergangenheit hervorzutreten; er sollte unter der Herrschaft der Nationalsozialisten eine der zentralen Figuren des "deutschen" Schrifttums werden. Im Mai I933 wird er zu jenen Festrednern gehören, die mit ihren Schmähreden die Bücherverbrennungen begleiteten. Und so mag denn das, was Vesper damals, I 92 I, unter großem Beifall an St. Afra vortrug, auch nicht falsch verstanden sein, wenn man vermutet, er habe völkische Phrasen vorgetragen und sei für derlei umjubelt worden. Das Idol der jungen Afraner: Paul von Hindenburg. Das Ideal: Die Volksgemeinschaft Die Schüler wandten sich - ihren Lehrern gleich - dem Politisieren zu. Über Schönfelders Mitschüler Fritz-Joachim Tanzler - er war einer der Wortführer der Klasse - schreibt dessen Vater: "Die politischen Unruhen der damaligen Zeit veranlaßten die Schüler, unter sich "zeitgeschichtliche Abende" zu veranstalten, an denen politische Themen besprochen wurden." 33 Über die politischen Ideale dieser Runden bestehen keine Zweifel. Demokratie und Parlamentarismus bedeuten ihnen nichts; das Vaterländische und Nationale wird betont. Das politische Denken eines Mitschülers Schönfelders aus dem Abitursjahrgang 1922 ist überliefert und ganz sicher ist es repräsentativ. Der Klassenkamerad Schönfelders, dem die Ehre zufiel, bei der Verabschiedung am 3· März 1922 die V alediktionsrede zu halten, war Ernst Friedrich Kühn. Von ihm heißt es, er sei "von frühester Jugend an ein begeisterter Deutscher und jederzeit bereit (gewesen), für sein Vaterland einzutreten."34 Das Thema hieß "Fürstenschule und staatsbürgerliche Erziehung". Dazu berichtet Kühns Vater: "Seine Ausführungen Iiessen schon manche der Grundgedanken des Nationalsozialismus anklingen". 3 5 Das läßt aufhorchen und verspricht Einsichten über die Wege, die das Denken der Abiturienten des Jahres 1922 gegangen sein mag. Die Rede Kühns ist erhalten.36 Kühn will mit dem Titel seiner Ansprache in keiner Weise anknüpfen an das Gebot in Artikel 148 der Reichsverfassung, Staatsbürgerkunde als Lehrfach an den Schulen vorzusehen. Reichsverfassung und Republik interessieren den Redner überhaupt nicht. Sein politisches Idol ist ein Mann des alten Reiches: Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg, der nachmalige Reichspräsident. Mit Demokratie hat Kühn nichts im Sinn. Er setzt sich ausdrücklich ab von den Idealen der Französischen Revolution und ihrem Individualismus. Er ruft nach Volksgemeinschaft, denn diese ist die einzige Grundlage des Staates. Kühn: "Das Staatsbewußtsein und der Wille zum Staat beim einzelnen muß gestärkt werden." St. Afra leistet einen vorbildlichen Beitrag zur Erlangung dieses Staatsbewußtseins, trägt es doch "das Gepräge eines kleinen in sich geschlossenen Staatswesens." Dessen Charakter ist eindeutig nicht sonderlich demokratisch. Nach Kühn fällt "der soldatische Zug, die strenge Manneszucht ins Auge . . . Dieser unbedingte Gehorsam, die Unterordnung unter die Hausgesetze und unter die, die zu ihren Hütern bestellt sind, gehört zu den Grundlagen afranischer Erziehung." An St.Afra können die Schüler "die Bedeutung der Gemeinschaft ... recht verstehen lernen." Die Afraner erleben die Gemeinschaft täglich: "Eine eigentümliche Anziehungskraft geht von ihr aus. Sie ist nichts Totes, nicht nur etwas Gedachtes, wirkliche Kräfte birgt sie in sich, die den einzelnen stärken, ihm etwas geben können. Und daraus erwächst die Pflicht zur Gegenleistung." Die Gegenleistung des einzelnen besteht in Hingabe, selbstlosem Dienst an der Sache, an der Allgemeinheit. Nichts bereitet auf solche Handhabung der staatsbürgerlichen Pflichten besser vor als die Erziehung an St. Afra, denn sie vermittelt "Gehorsam aus Überzeugung, der mit dem freudigen Bewußtsein geschieht, der Gesamtheit zu dienen ... Wenn die Gemeinschaft es erfordert, muß der Einzelne auch ohne äußeren Zwang die Pflicht fühlen, sich dem Gebote zu fügen. Diesen Geist zu erziehen, ist die Fürstenschule in hervorragendem Maße geeignet." Denn: "Die strenge Tageseinteilung, das Gebot der Pünktlichkeit und überhaupt der Zwang, sich stets zusammenzureißen, stärkt die Schaffenskraft, bewahrt vor Lässigkeit und Träumerei. JO Und warum soll das, was hier im kleinen gilt, nicht auch draußen, im Leben des Staates richtig sein? Deutschland hat einen großen Krieg verloren. Was uns allein wieder hoch bringen kann, ist Arbeit, eiserne Arbeit. Hierauf muß sich der neue Staat, den wir brauchen, einstellen. Und diese Erfüllung der täglichen Pflicht als Vaterlandsdienst am gro- ßen Ganzen ist ein Zug, der von dem alten militärischen Geist, wie ihn auch die Fürstenschule pflegt, auf den neuen Staatsbürger übergehen muß." Kühn schließt: "Unsere Aufgabe ist klar vorgezeichnet: Einen neuen Staat mit einer neuen Staatsgesinnung zu schaffen. St. Afra kann dazu helfen ... Mehr denn je gilt es in dieser Notzeit: Alle Kraft dem Vaterlande, unserem Deutschland!" Abiturient Schönfelder Solches Reden begleitete den Abiturienten Schönfelder im März 1922 hinaus in das Leben. Seine Noten waren sehr passabel: Die wissenschaftliche Zensur war II a, die Sittenzensur I b; unter den 17 Schülern seiner Abteilung nahm er damit den 5. Rang ein. Weltanschaulich war er gerüstet. Er dachte deutsch und war erglüht fürs Vaterland und die Volksgemeinschaft. Indes: Er zeigte Anlagen, nicht kleben zu bleiben am Deutschtum. Er war neugierig auf das Ausland: Als er noch davon träumte, Pfarrer zu werden, war ein Dienst "größtenteils im Auslande" Ziel der Wünsche. Aus eigenem Antrieb hatte er italienisch gelernt und mindestens französisch muß ihm hinreichend geläufig gewesen sein. Das "Deutschtum" im afranischen Sinne war wohl nicht sein Horizont; er blickte weiter. Er hatte sich wahrlich bemüht um die Bildung seines Charakters und seiner Persönlichkeit. Er hatte Ideale. Er hatte nicht nur seine Interessen im Sinn, sondern er wollte dem Ganzen dienen. Aber er wußte auch: Leistung darf sich lohnen für den Flei- ßigen. JI Wie sieben Kameraden aus der sprachlich-geschichtlichen Abteilung seiner Klasse strebte er ein Studium der Rechtswissenschaften an.37 Vom Sommersemester I922 an studierte er in Tübingen, vom Sommersemester I 924 an in Leipzig. Übrigens: An Tübingens ehrwürdiger Eberhard-Karls-Universität ("Attempto") lehrte zu jener Zeit Professor Carl Sartorius, der als Herausgeber der Gesetzessammlung seines Namens hervorgetreten war. Zu Tübingen Student. stud. jur. Schönfelder in der Landsmannschaft Schottland zu Tübingen 1922-1924 Heinrich Schönfelder wurde alsbald nach seiner Ankunft in Tübingen von der Landsmannschaft Schottland gekeilt - genau gesagt: am 2. Mai I 922. Mit ihm traten I 3 weitere Kraßfüxe bei den Schotten ein. Der Name "Schottland" soll nicht täuschen: Er hat nichts zu tun mit jenem Lande jenseit des Tweed. Er leitet sich her von dem Namen der Tübinger Lokalität, in der die studentischen Gründer der Verbindung vor Zeiten zusammentrafen: Schottei. Die Landsmannschaft Schottland zählte zu den farbentragenden und fechtenden Verbindungen deutsch-vaterländischer Gesinnung. Der Sitte gemäß wählte Fux Schönfelder einen Leibburschen und besuchte die Fuxenstunde - im Sommersemester I922 fand sie donnerstags von I I bis I und montags von 3 bis 4 Uhr statt. Schönfelders tübinger Heimat war nun das Haus der Landsmannschaft Schottland. Keine schlechte Wahl! Das Haus dieser I849 gegründeten Verbindung steht in bester Lage auf dem Österberg, Tübingens Olymp. Der Blick schweift über das Neckanal und zur Schwäbischen Alb. Der Garten ist idyllisch, ein Gartenhaus liegt malerisch inmitten und ein uralter Weinlaubengang erinnert daran, daß die Verbindung in einem der alten tübinger Weinberge residiert. Heute wie damals fließt an der gesegneten Stelle das Alpirsbacher Bier - dessen wunderbar weiches Wasser es zu emem der besten Biere des deutschen Südwestens macht; selbst die bierverwöhnten Sachsen können das gute Radeberger darüber für einige Zeit vergessen. Allerdings sind für die ersten Jahre nach dem Krieg Klagen über teures und schlechtes Bier überliefert.38 Heinrich Schönfeldcrs Kneip- oder Biername war Heinz oder auch - launig - Heini; der gereifte Amtsgerichtsrat Schönfelder legte freilich Wert auf seinen wahren Namen: Heinrich. 39 Schönfelder lernte fechten. Seine erste Mensur focht er am 2.Dezember 1922 im "Ochsen" in Lustnau aus - mit geringem Erfolg. Der Konvent erklärte die Mensur des inzwischen zum Branntfuxen avancierten Schönfelder für ungenügend und bestrafte ihn mit "Farbenverruf". Am 8. Februar 1923 reinigte sich Schönfelder von der ungenügenden Mensur dadurch, daß er nun eine für "genügend" erklärte Mensur schlug. Am I 5. Februar focht er seine 2. Partie -wieder genügend. Noch am gleichen Tage wurde Heinrich Schönfelder als Bursche rezipiert. Aktiver Bursche Der a. B. Heinz oder Heini Schönfelder war ein engagiertes Glied seiner Landsmannschaft und nahm am Verbindungsleben rege teil. So wird er seine schwäbische Wahlheimat gut kennengelernt haben: Beim Spuz nach Lustnau, Weilheim, zur Wurmlinger Kapelle; nach Schwärzloch, Hohen- Entringen und zum Karistein nahe Bebenhausen; beim Wandern zum Hohenzollern, Lichtenstein und Neuffen. Vielleicht auch zur Teck. Überliefert sind Gedichte, die er für die Kneipe verfaßte. Erneut bewährte er im geselligen Kreis sein schon an St. Afra an den Tag gelegtes schauspielerisches Talent. Er übernahm das Amt des Archivars der Landsmannschaft. Er trat als Verwalter der Kasse der Aktivitas hervor. Seinem Engagement ist zu danken, daß ungeachtet finanzieller Knappheit das traditionelle Tanzkränz- 33 chen mit Damen stattfinden kann. Über das Kränzchen vom Samstag, den I6. Februar I924 berichtete er, es sei "schön und stimmungsvoll" verlaufen. "Zu allem, was so ein Fest an sich reizvoll erscheinen läßt, trat diesmal noch eine wirklich gute Bowle. Daß viele unserer Damen uns nicht so rasch verließen, war uns ein Beweis für die allseits gute Stimmung."40 Schönfelder wurde auch schon einmal beauftragt, I 2 o Liter Bier - Alpirsbacher - zur Semesterabschlußkneipe zu bestellen. Hin und wieder freilich erzwangen die Zeitumstände - wir sind inmitten der Inflation den Ersatz des Bieres durch den billigeren, aber sehr schwäbischen MostY Zu Pfingsten I 924 vertrat a. B. Schönfelder mit anderen seine Landsmannschaft beim Kongreß des Coburger Convents in Coburg.42 Im Zweikampf schlug sich Schönfelder nach den Regeln und beachtlich: Er galt als durchschnittlicher bis guter Fechter, der zumeist unblutig focht. Wo er Schläge empfing, teilte er auch aus: Nach der Mensur, die er am I4.}uni I923 gegen einen Germanen schlug, wurde seine Wunde mit drei Nadeln genäht, die des Kontrahenten mit deren zwei. Zeitlebens war er stolz auf die erlittene Blessur. Am 7.}uni I 92 3 schlug er genügend und unblutig eine Mensur P. P. (Pro Patria). Die Landsmannschaft oblag dem Sport. Das bis zum Beginn des Krieges I914 gepflegte Reiten litt nach dem Kriege unter der Teuerung; wahrscheinlich deswegen wurde als neuer Sport nun das Schwimmen eingeführt. Seit I 92 I gab es für die Füxe einen "Kurs für turnerische Ausbildung".43 Sportlich war auch Heinrich Schönfelder. Er wandte sich speziell dem Ski-Lauf zu. Im Januar I924 macht er in den Alpen einen Skikurs. stud. jur. Heinrich Schönfelder reiste. Der Drang in die Ferne war ihm eigentümlich - schon als Schüler hatte er mit Vater und Brüdern Fußreisen in Thüringen, Süddeutschland und Österreich unternommen. Im März 1924 fuhr er mit einem Bundesbruder nach Italien. Im Archiv der Landsmannschaft wird ein Foto-Album aufbewahrt, in 34 dem Bilder jener Reise zu sehen sind. Die Aufnahmen sind entstanden im Apennin, in Florenz, in Bagni della Porretta, in Rom, Florenz und Anzio. In den Mitteilungen der Landsmannschaft heißt es dazu, eine frohe Ferienfahrt habe Schönfelder und R. nach Italien geführt. "In einer Osteria des sonnenglänzenden ewigen Roms haben beide der Bundesbrüder in der Heimat gedacht." 44 Die frohe Ferienfahrt hatte ein für Schönfelder bedeutsames Resultat: Er begeisterte sich für Benito Mussolini und den italienischen Faschismus. Wie sprach Mussolini? "Mehr als je haben heute die Völker ein Verlangen nach Autorität, Lenkung und Ordnung."45 Die Landsmannschaft Schottland und die Politik. Jäger Schönfelder und die Schwarze Reichswehr Der Rechtsstudent Schönfelder bewegte sich in Tübingen in Kreisen, denen Verfassung und Republik das Gegenteil einer Herzenssache waren. Autorität, Lenkung und Ordnung waren die Ideale. Zwar kann man die Landsmannschaften im Gegensatz zu den Korps und Burschenschaften jener Jahre "nicht zu den politisch aktiven oder profilierten studentischen Verbindungen" zählen;46 dennoch "schlossen (sie) sich ... mehr oder weniger einer von den anderen Verbänden in zielstrebiger Weise vorangetriebenen politischen Richtung an" Y Gerade Schottland verkündete das Prinzip politischer Neutralität.48 Politisch indifferent aber war die Landsmannschaft nicht. Und auch Heinrich Schönfelder war kein politisch indifferenter Schotte. Ganz im Gegenteil. Er traf im Schottenhaus zu Tübingen keinen anderen politischen Geist an als den, der in St. Afra geweht hatte. Er kam mit jungen Männern zusammen, die wie er im deutseh-nationalen Geist erzogen waren und in denen der alte Reichsgedanke von I87I mächtig nachwirkte. Die Niederlage von I 9 I 8 empfanden sie gemeinsam als tiefe nationale Schmach. 35 Reichsverfassung, Republik und Demokratie waren ihnen nicht die Antworten auf die großen Fragen der Zeit. In diesem Zusammenhang muß Schönfeldcrs kurze Militärzeit von 14.November 1923 bis 31.januar 1924 erwähnt werden. Er diente damals als Jäger im 1 3· (württembergischen) Infanterie-Regiment in Ulm; dort war das I. Bataillon dieses Regiments stationiert. Die Republik war damals in einer schweren Krise. Die Inflation hatte ihren Höhepunkt erreicht. Der passive Widerstand an der Ruhr hatte nicht zum Erfolg geführt; die seit dem 13.August 1923 amtierende Reichsregierung unter Reichskanzler Gustav Stresemann hatte ihn im September abgebrochen. Daraufhin hatte die bayerische Regierung am 26. September den Ausnahmezustand verkündet. Als Gegenmaßnahme hatte der Reichspräsident den Ausnahmezustand über das Reichsgebiet verhängt und die vollziehende Gewalt dem Reichswehrminister Geßler übertragen.49 Im Oktober und November spitzte sich die Lage noch mehr zu. In Sachsen und Thüringen kam es zu Unruhen, die erst nach dem Einmarsch der Reichswehr und dem Rücktritt der Regierungen endeten. Am 19.0ktober brach ein neuer Konflikt zwischen Bayern und dem Reich aus, als Bayern sich weigerte, den "Völkischen Beobachter", das Kampfblatt der NSDAP, zu verbieten. Als das Reich selbst das Verbot aussprach, lehnte der Kommandeur des bayerischen Wehrkreises der Reichswehr den Vollzug des Verbots ab. Berlin enthob ihn seines Postens - Bayern setzte ihn wieder ein und nahm die Reichswehr in Bayern in die Pflicht. In Aachen riefen Separatisten die Rheinische Republik aus. In Harnburg lieferten sich Kommunisten und die Polizei Straßenkämpfe. Am 9· November unternahm Adolf Hitler einen Putschversuch in München. In dieser Lage wurde die vollziehende Gewalt im Reich dem Chef der Heeresleitung, General Hans von Seeckt, übertragen. Diese "Seeckt-Diktatur" sollte bis zum 1. März 1924 dauern. Damals warb die Reichswehr sogenannte Zeitfreiwillige an- nicht zum ersten Mal und unter Verstoß gegen den Versailler Vertrag, der die Stärke der Reichswehr auf 1ooooo Mann begrenzt hatte. Diese Art des Militärdienstes vollzog sich unter dem Decknamen des Dienstes in der "Schwarzen Reichswehr". so Die Werbung stieß "gerade bei den ideologischen Gegnern der Weimarer Republik auf volle Bereitschaft."51 Besonders Studenten waren bereit, sich militärisch ausbilden zu lassen. Die Landsmannschaft Schottland meldet, acht Bundesbrüder seien "zum Kommiß nach Ulm eingerückt, um dort ausgebildet zu werden." 52 Am 14.}anuar 1924 seien alle Ausgerückten wieder nach Tübingen zurückgekehrt "Bis auf Schönfelder und M., die noch ein Übriges tun, haben die 8 Ulmer Freiwilligen ihren grauen Rock wieder ausgezogen." 53 In Schönfelders Justiz-Personalakte ist sein Militärdienst in Ulm ausdrücklich als Dienst in einem "Freikorps oder ähnlichen Verbänden" nachgewiesen und als Dienst in der "Schwarzen Reichswehr" bezeichnet. - Übrigens: Auch sein Klassenkamerad Ernst Friedrich Kühn - jener begeisterte Deutsche und Valediktionsredner -leistete 1924 eine solche Übung bei der Reichswehr "und bedauerte sehr, daß weitere solche Übungen nicht mehr abgehalten werden durften." 54 Schönfelder und das Grenzlanddeutschtum Eine andere Art politischer Aktivitäten Schönfelders in den Semesterferien offenbart ein seltsamer Hinweis in den Mitteilungen der Landsmannschaft: Um sich neben der nur auf Verdienst eingestellten Arbeit zugleich nationalen Bestrebungen hingeben zu können, hätten Schönfelder und andere sich ihren Wirkungskreis in der Tschechoslowakei anweisen lassen. 55 Diese Arbeit spielte sich auf einem Landgut in der Nähe von Aussig ab und sie zeigt uns einen jungen Schönfelder, der sich auf politische Aktionen eingelassen hat. Der Aussiger Angelegenheit haftet der Geruch des Verbotenen an: dem Bundesbruder Schönfelder wird nachgerühmt, 37 er habe seine "Arbeitsstelle" mittels illegalen Grenzübertritts nach Böhmen erreicht.)6 Die Arbeit galt der Unterstützung dessen, was man zu jener Zeit das "Grenz- und Auslandsdeutschtum" nannte. Geholfen werden sollte jenen Deutschen, die nach dem Ende des Weltkrieges als nationale Minderheiten in den neu gegründeten Staaten lebten. Besonders Studenten hatten es sich zur Aufgabe gemacht, deutsche Minderheiten in jenen Staaten zu unterstützen. Bald nach Ende des Krieges hatte sich zu diesem Zweck in Berlin ein "Hochschulring Deutscher Art H. D. A." gegründet; nach seinem Vorbildenstanden ähnliche Ringe an anderen Universitäten. Am 22.juli 1920 hatten sich die örtlichen Hochschulringe zum "Deutschen Hochschulring" zusammengeschlossen. Der Ring hatte ein großes Ziel: Die deutsche Volksgemeinschaft zu schaffen. Der Begriff muß Schönfelder schon aus seiner Schulzeit nur zu gut bekannt gewesen sein. Er kann keine Probleme gehabt haben, sich mit diesem Ziel zu identifizieren. Im Tübinger Ring waren Schotten an führender Stelle aktiv. Ganz besonders gilt dies für das Sommersemester 1922 - in dem Schönfelder der Verbindung beigetreten war. Der damalige Erstchargierte war Leiter eines sogenannten "Grenzlandamtes" des H. D. A. )l In dieser Eigenschaft unternahm er eine Propagandareise durch die Tschechoslowakei.)8 Über die Absichten der Propaganda kann kein besonderer Zweifel bestehen. Und so wird auch Schönfelders Arbeitseinsatz auf jenem Gut bei Aussig der Unterstützung des Grenzlanddeutschtums und der Bewahrung der deutschen Volksgemeinschaft über neue Grenzen hinweg gegolten haben. Referendar Schönfelder Schönfelder verlebte vier Semester an Tübingens Universität. Am 24.Februar 1924 wurde er vom Konvent der Landsmannschaft nach Leipzig beurlaubt - was so viel heißt: Er wechselte von Tübingen an die Universität Leipzig. In Lips nahm er Wohnung zunächst in der Hardenbergstraße 37, im Sommersemester war seine Anschrift Nikolaistraße I7. Es ging aufs Examen zu. a. B. Schönfelder hielt Kontakt mit seinen Bundesbrüdern am Orte und mit diesen pflegte er die Beziehungen nach Tübingen. Aus den Berichten der "Kolonie Leipzig" ergibt sich, daß "die Juristen zum Repetitor laufen."~9 Und: "Schönfelder hat es sich über die Ferien beim Repetitor sauer werden lassen."60 Indes erntete er die Früchte des Fleißes. Am Io.Juni I925 bestand er das Referendarexamen. Note: Befriedigend. Er unterrichtete seine Bundesbrüder von dem Ereignis. Er amte "als neugebackener Referendar in Eibenstock im Erzgebirge", meldet er ihnen.6 ' Unverdrossen hält er ihnen die Treue. Als die in Sachsen ansässigen Schotten sich am 2 5. und 26. September I 92 5 zum Sachsen-Schottentag treffen, ersteigen sie den Bärenstein - Schönfelder ist dabei. Dem Brauche gemäß unterrichtet man die Aktivitas in Tübingen durch Postkarte: Nach der Ersteigung des Bärensteins "hub ein gewaltig Zechgelage an." Tags darauf begab man sich über die Grenze nach Böhmen "um dort bei Gänsebraten und Bier weiter zu feiern".62 Den juristischen Vorbereitungsdienst absolvierte Heinrich Schönfelder von I925 bis I928 in seiner engeren sächsischen Heimat. Stationen waren die Amtsgerichte Eibenstock, Dresden, Lommatsch und Nossen-seineVaterstadt - der Bürgermeister von Radeberg und, würdig, das Oberlandesgericht Dresden. Das alles ist nicht aufregend. Indes: Heinrich Schönfelders Bildungsgang weist eine ganz außergewöhnliche italienische Volte auf. Eine Station des Vorbereitungsdienstes verbrachte er bei dem Rechtsanwalt der Kgl. Italienischen Botschaft in Berlin. I 926 unterbrach er den Vorbereitungsdienst, um in Rom an einer Dissertation über die italienische Wahlrechtsreform des Jahres I923 zu arbeiten. Auch davon setzte er seine Bundesbrüder in Kenntnis: In deren Mitteilungen wird berichtet, Schönfelder "arbeitet tatsächlich den ganzen Tag in der Nationalbiblio- 39 thek. Die gesamte Presse hetze gegen Deutschland, dagegen sei unter den Leuten nichts von Deutschfeindlichkeit zu spüren."63 Am 3.August 1926 reichte Doktorand Schönfelder sein Werk bei der Juristenfakultät zu Leipzig ein. Am 17.Januar 1927 wurde er damit "cum laude" zum Dr. juris promoviert. Titel des Werkes: "Die Veredelung der Diktatur. Die italienische Wahlreform vom Jahre 192 3". 64 Diese Doktorschrift öffnet tiefe Blicke in die politischen Ideale des Jungjuristen Heinrich Schönfelder. Die Dissertation: ,, Die Veredelung der Diktatur". Schönfelder begeistert sich für Benito Mussolini Daß Heinrich Schönfelder der Weimarer Republik und ihrer Parteiendemokratie höchst kritisch gegenüberstand, bestätigt sich, wenn man die Dissertation aufschlägt: Sie ist eine Hommage an Mussolini und den italienischen Faschismus. Sie befaßt sich mit dem sehr speziellen Wahlrecht, das Benito Mussolini im Juli 1923 durchgesetzt hat. Dieses Wahlrecht will von Begriffen wie allgemeiner, gleicher Wahl nichts wissen. Vielmehr sorgt es dafür, daß die Partei, die bei der Wahl die meisten Stimmen erhält, einen Mehrheitsbonus bekommt. Konkret: Sie erhält 3 56 der 53 5 Parlamentssitze und damit die weit überwiegende Mehrheit. Der Rest der Mandate wird auf die übrigen Parteien verteilt. In Schönfelders Diktion: " Die Wahlreform gründet sich auf das System der privilegierten Mehrheit mit Verhältniswahlrecht für die Minderheitslisten. "65 An dieser Stelle müssen kurz die politischen Zusammenhänge jener Wahlrechtsreform skizziert werden. Mussolini, nach dem Marsch auf Rom am 28.0ktober 1922 vom italienischen König zum Ministerpräsidenten berufen, hatte anfänglich durchaus nicht die Absicht, mit den Vertretern des "alten Staates" völlig zu brechen und ein rein faschistisches System zu etablieren. Im Gegenteil nahm er in sein erstes Kabinett Nationalisten, Rechtsliberale und Katholiken auf. Er löste auch die Kammer nicht auf- in der Mussolinis Partei in der Minderheit war. Vielmehr setzte er auf eine "Normalisierung"; dabei spielte in seinen Überlegungen eine Wahlrechtsreform in seinem Sinne eine wichtige Rolle. Das neue Wahlrecht war zwar nur eineinhalb Jahre in Kraft - aber es findet Schönfelders Aufmerksamkeit: Ihn fasziniert der italienische Faschismus als Alternative zu dem Parlamentarimus, wie er sich seit 1918 nicht nur in Deutschland herausgebildet hat. Ganz deutsches Bürgerkind seiner Zeit deutet Schönfelder den Ausgang des Weltkrieges als den "doppelten Sieg des westlichen Formaldemokratismus: die parlamentarisch regierten Völker hatten über die konstitutionell regierten gesiegt und die parlamentarisch-demokratischen Verfassungen über die konstitutionellen, indem sie in den unterlegenen Staaten an deren Stelle getreten waren." 66 Aber schon sieht Schönfelder eine mächtige Gegenbewegung am Werk: das "lange vergötterte Ideal der Freiheit"67 muß anderen Idealen weichen: "Ordnung, Unterordnung, Staatsautorität, nationale Geltung erschienen als die neuen Ideale. In vielen europäischen Staaten erscholl immer lauter der Ruf nach einer Diktatur".68 Die Rede ist davon, daß nicht nur in Deutschland "die Hauptschuld an den mißlichen innenpolitischen Zuständen der Nachkriegszeit bei dem derzeitigen parlamentarischen Regime" gesucht werde."69 Vielmehr wurde, so Schönfelder, "allenthalben . . . die Parteikliquenregierung, der "Parteienstaat", ... für den mangelhaften und unbefriedigenden Fortgang der Gesetzgebungstätigkeit verantwortlich gemacht."70 Mussolini: Stimmungszauberer und Ordnungsdiktator Unter den Versuchen, dem Parlamentarismus durch eine Änderung der verfassungsrechtlichen Stellung der Volksvertretung beizukommen, ragt nach Schönfelder die von Mussolini betriebene Reform des italienischen Wahlrechts heraus. Warum? Schönfelder: Die Reform "sollte der zahlenmäßig stärksten Partei die Alleinherrschaft im Parlament, die Diktatur im Lande sichern. Auf diesem Wege sollte sich einerseits eine Veredelung der Diktatur vollziehen man wollte dadurch, daß die Diktatur einer "Organisation" gesetzlich festgelegt wurde, erreichen, daß dieser Machtfaktor seine Gewalt auch nur in gesetzlicher, verfassungsmäßiger Weise gebrauchte- andererseits wollte man die Diktatur durch Einkleidung in verfassungsmäßige Formen dem Menschen des 2o.jahrhunderts erträglich erscheinen lassen: Ihr eigentliches Wesen sollte verschleiert werden." 7 ' Mussolini, so schwärmt Schönfelder, sei eine "bedeutende, faszinierende Persönlichkeit" .72 Er zitiert zustimmend Autoren, die sagen, mit der faschistischen Herrschaft habe wieder Ordnung im Lande geherrscht73 und die Mussolini einen "Ordnungsdiktator des modernen Typs" nennen, dessen Herrschaft durch "Ordnungsströmungen im Volke vorbereitet gewesen" 74 sei. Er konzediert seinem Ordnungsdiktator, daß er "treu zum Geist und Buchstaben der Verfassung" stehe75 und erhebt ihn gar in den Rang eines "großen Stimmungszauberers, der auch Gegner seiner Politik durch die Macht seiner Persönlichkeit, durch ein unfaßbares Etwas in seinen Bann zwingt und sie nach seinem Willen handeln läßt".76 Diesem Stimmungszauberer und verfassungstreuen Ordnungsdiktator sieht Schönfelder nicht nur die Manipulation des Wahlrechts, sondern auch einen inakzeptablen Umgang mit politisch Andersdenkenden nach. Zum Beispiel die Tatsache, daß die Faschisten bei den Wahlen vom April 1924die sich auf der Grundlage des neuen Wahlrechts vollziehen - einen "Wahlfeldzug" entfesselten, wie ihn in solcher Großzügigkeit Italien noch nicht erlebt hatte" .77 Oder das Faktum, daß die "ebenso taktisch geschickte wie skrupellose Wahlpropaganda"78 darauf setzte, "im Volke die schlafenden politischen Instinkte zu wecken". Auch Schönfelder registriert, "daß die anderen Parteien trotz aller gegenteiligen Beteuerungen" Mussolinis "mundtot gemacht wurden, daß "durch Duldung faschistischer Übergriffe eine Wahlpropaganda der anderen Parteien so gut wie unmöglich" war während "den Faschisten alle staatlichen Einrichtungen zu Gebote standen"; "auf jedem Poststempel" habe man lesen können "Votate Ia lista nazionale."79 Schönfelder setzt sich damit so wenig auseinander wie mit seiner Beobachtung, daß der Wahlerfolg Mussolinis mit einer "scharfen Pressezensur"80 zu tun habe, mit Manipulationen "des örtlichen Fascio",8' oder gar mit Wahlterror und Fälschungen.82 Für ihn ist und bleibt dieses italienische Wahlrecht "in der Tat ein Versuch zur Veredelung der Diktatur" . 83 Es ist müßig, darüber zu sinnieren, daß Mussolini die Veredelungstheorien seines Bewunderers aus Deutschland nur zu bald selbst widerlegt hat. Das von Schönfelder geschilderte Wahlrecht wurde abgeschafft. Nach dem Wahlgesetz von 1928 wurden die 400 Abgeordneten der Kammer aufgrund einer Einheitsliste gewählt, die der Faschistische Großrat festgestellt hatte; die Wahler konnten sie nur insgesamt akzeptieren oder ablehnen. Es kann auf sich beruhen, ob Schönfelder dieses Wahlrecht noch als Veredelung einer Diktatur interpretiert hätte. Für unseren Zusammenhang ist wesentlich: Schönfelder sah im Faschismus italienischer Provenienz jedenfalls in dessen früher Phase eine politische Alternative zur Parteiendemokratie westlicher Prägung. Seine Sympathie gehörte einem Staatsmodell, das sich antiliberal und antisozialistisch gab, das Pluralismus und Parlamentarismus verachtete, das Grundrechte und Menschenrechte ablehnte - und in dem ein starker Führer Ordnung schafft. Jedoch das Volk kann wählen- ein passend geschneidertes Wahlrecht garantiert das richtige Resultat. 43 Wieder Referendar in Sachsen Auch von Rom aus hielt Schönfelder die Bundesbrüder auf dem laufenden. Nach Abschluß seiner Rom-Studien meldet er sich zurück: er sei als Referendar beim Amtsgericht Dresden eingetreten. 84 Schönfelder habe promoviert, heißt es bald darauf in den Mitteilungen der Landsmannschaft. Er habe einen Erholungsurlaub auf der Ostler-Hütte in den Bayrischen Alpen - 2 Stunden von Fischen - "in prächtigem Schigelände" verbracht und werde am 1.April 1927 "seine Rechtsanwaltszeit, am liebsten in Berlin" beginnen.85 Überhaupt hielt Schönfelder Kontakt mit seiner Landsmannschaft. Er nimmt teil am Schottentag der Sachsen am 8. und 9· Oktober 1927 in Rochlitz. Die Aktivitas zu Tübingen erhält die obligate Postkarte: "Nachdem man sich ordentlich genährt hatte ... ging es an die Vertilgung des so schädlichen Alkohols."86 Schönfelder fehlt nicht am Schotten- Sachsentag im September I 928 in Meißen. Der gereifte Mann Schönfelder sollte 1944 im Blick auf jene Jahre sagen, er sei damals "stets ein restlos glücklicher Mensch" gewesen. In der Tat: Er machte sich. 1926 erwarb er den Führerschein - das hatte damals nicht ein Jeder. Mit der Autofahrerei war er schon im Haus seiner Eltern in Berührung gekommen. Schönfelder blieb zugetan dem edlen Sport. Seit 1927 war er Mitglied im Schwimmverein "Poseidon" in Dresden. Er pflegte weiterhin den Skilauf. Auch darüber setzt er die Bundesbrüder ins Bild. Seine Spur zieht sich 1928 über die Hügel von Pfunds im Oberinntal.87 Wenig später heißt es, Schönfelder habe den Rest seines Urlaubs in St. Mo ritz verbracht und sei Ende März braungebrannt und gekräftigt zu seiner Arbeit zurückgekehrt. 88 44 Beginn der Karriere als juristischer Schriftsteller Diese Arbeit galt nicht mehr allein dem Erlernen der juristischen Künste im Vorbereitungsdienst. Schönfelder widmete sich nebenher der rechtswissenschaftliehen Schriftstellerei. Er verfaßte jene Schulungshefte über Bürgerliches Recht und Zivilprozeßrecht, die er "ungerufen" 1929 dem Verlag C. H. Beck anbot und aus denen die Reihe "Prüfe Dein Wissen" werden sollte. Wir dürfen also die Verlagsgeschichte von C. H.Beck an dieser Stelle korrigieren: Als Heinrich Schönfelder sich bei C. H.Beck meldete, war er noch lange kein Amtsrichter oder gar Amtsgerichtsrat, 89 sondern bloß promovierter Referendar - die Große Staatsprüfung sollte er erst im Januar 1930 ablegen. Wahrlich, ein seltsamer Fall: Ein noch Auszubildender tritt als Autor reifer Ausbildungsliteratur hervor. Der junge Autor muß ein großes Vertrauen in seine juristischen Kenntnisse gehabt haben. Und ihn muß eine gewaltige Energie beseelt haben - vielleicht gespeist von dem Wunsch und der als Verpflichtung empfundenen Aufgabe, seine Fähigkeiten in den Dienst der juristischen Allgemeinheit zu stellen. Bis Mai 1933 war die Reihe komplett: Sie umfaßte 12 Hefte, die das gesamte BGB, die ZPO, die Reichsverfassung, das HGB, die Konkursordnung, das Strafgesetzbuch und die Strafprozessordnung in Frage und Antwort abhandelten. Diese schriftstellerische Leistung ist um so bemerkenswerter, als Schönfelder bis zu diesem Zeitpunkt- 1933 - schon sechs Hefte der Reihe in 2., umgearbeiteter oder neubearbeiteter Auflage vorgelegt hatte - ganz zu schweigen davon, daß er die Arbeiten an der Sammlung "Deutsche Reichsgesetze" zu einer Zeit in Angriff nahm, als die Reihe noch längst nicht komplett war. 45 Die Reihe "Prüfe Dein Wissen" Die Reihe "Prüfe Dein Wissen" war sofort ein Erfolg. Die kartonierten Hefte waren erschwinglich: Ihr Preis bewegte sich zwischen 2 und 4,50 RM. Unter vergleichbaren Publikationen ihrer Zeit ragt die Reihe schon deswegen heraus, weil sie alle im Studium relevanten Rechtsgebiete abhandelte und sich konsequent an der Judikatur des Reichsgerichts ausrichtete. Ein Rezensent von einiger Reputation schrieb damals: "Das Werk scheint mir ein ausgezeichnetes Hilfsmittel für den jungen Juristen zu sein, da es ihn nicht nur in den Stand setzt, den Umfang seiner Kenntnisse zu erproben, sondern auch zum rechtlichen Durchdenken praktischer Fälle anregt, wobei er sich mit der Rechtsprechung des Reichsgerichts vertraut machen kann."90 Schönfelder stellte seine Reihe unter ein Wort von Seneca "Longum iter est per praecepta, breve et efficax per exempla".9' Es obwalteten hohe pädagogische Ansprüche: "Die Benutzung der Hefte", so schreibt er in den Vorreden, "ist so gedacht: Zunächst macht sich der Rechtsbeflissene genau mit den gesetzlichen Vorschriften an Hand des Gesetzestextes in Verbindung mit dem Hören der Vorlesung oder mit dem Studium eines Grundrisses vertraut. Darauf arbeitet er den betreffenden Abschnitt in einem guten, auch die Rechtsprechung berücksichtigenden Lehrbuch durch, und erst hierauf greift er zu den vorliegenden Heften, um zu prüfen, was er von dem Durchgearbeiteten sich wirklich erarbeitet hat. Dabei liest er und denkt er - dies ist zur Erreichung des angestrebten Zieles unumgänglich notwendig - die am Schluße der Fragen angeführten Reichsgerichtsentscheidungen alle aufmerksam durch." Schönfelder wußte, daß die Gegenüberstellung von Frage und Antwort auf derselben Seite die Leser wohl verführen konnte, weniger vertiefend nachzudenken als schnell die Lösung nachzulesen. Daher: Ich "muß natürlich von denjenigen, für die diese Hefte bestimmt sind, erwarten, daß sie genug Selbstzucht aufbringen, um die Antwortseite stets zunächst beim Durchdenken der Frage zudecken und sich von eigenem Nachdenken nicht abhalten zu lassen. Die Antworten sollen also erst dann gelesen werden, wenn sich der Benutzer eine wohlbegründete eigene Meinung über die richtige Antwort gebildet hat." Man spürt in solchen Sätzen die Moral, mit der Jung-Schönfeldereinst an St. Afra die Hefte seines Lehrers Poehlmann durch gearbeitet hat und wie er sich, Übungsbogen ausfüllend, der Kontrolle seines Lernerfolges unterwarf. Schönfelders früher Drang, andere zu bessern und zu belehren: Jetzt trat er entwickelt hervor. In allen Heften regiert der übliche grobkörnige Juristenhumor, der gar kurzweilige Namen erfindet: Da taucht etwa in den Heften zum Strafgesetzbuch ein Händler auf mit dem Namen Gerissen. Bankiers heißen Gold oder Silber. Hammer und Meise! sind, wen wundert es, Arbeiter. Ein Reichswehrangehöriger nennt sich witzigerweise Reichlich, ein Kraftwagenführer Blitz liefert Waren aus und verursacht Unfälle. Ein Spediteur heißt Zubringer. Das Hausmädchen Frieda Fleißig - wer sonst - führt den Rechtsbeflissenen durch die Höhen und Tiefen des Abtreibungsparagraphen. Ein Isidor Silber tritt auf- ein Jude. Natürlich treibt Schönfelder die Rechtsjünger über alle Hürden des juristischen Parcours. Die ewig jungen Probleme des Zivilrechts werden im Licht der neuesten Rechtsprechung des Reichsgerichts umfassend erklärt. Nicht anders im Strafrecht: Der einseitig fehlgeschlagene Doppelselbstmord fehlt sowenig wie der error in obiecto oder der in persona oder die aberratio ictus (richtig betonen! u-Deklination!). Ganz zu schweigen von dem im Glauben an die unfehlbare Wirksamkeit eingenommenen, in Wahrheit völlig ungeeigneten AbtreibungsmitteL 47 Die Aktualität der Reihe Aktualität ist eine besondere Stärke der Hefte, die sich mit Strafrecht befassen. Wie ist zu entscheiden, wenn der erwähnte Isidor Silber von seinem Kommilitonen Aermlich mit Gewalt davon abgehalten wird, die Synagoge zu betreten? Aermlich macht sich strafbar, denn er hat jemanden gehindert, den Gottesdient einer im Staate bestehenden Religionsgemeinschaft auszuüben.92 In einem Fall ergibt sich diese aufmerksam machende Konstellation: Ein Josef Schweighofer - der an anderer Stelle als österreichischer Staatsangehöriger eingeführt wird - schreibt in einem Zeitungsartikel, das Wesen, das die Juden als ihren Gott verehrten, sei der Dämon der Zerstörung, die Summe aller Laster, aller menschlichen Verirrungen und aller Gemeinheit. Deswegen kann er wegen Gotteslästerung zur Verantwortung gezogen werden. Denn: "Hier hat Schweighofer durch Lästerung des Judengottes mindestens bei den gläubigen Juden öffentlich ein Ärgernis gegeben. Auch die jüdischen Gemeinden stellen eine mit Korporationsrechten innerhalb des Reichsgebietes bestehende Religionsgemeinschaft dar. Diese Religionsgesellschaft ist von Schweighofer ebenfalls beschimpft worden. Durch scharfe und herabsetzende Ausführungen über das Wesen, das eine Religionsgesellschaft als ihren Gott verehrt, kann sie selbst eben darum, weil sie diesem Wesen ihre Verehrung erweist, in gröblicher Weise und in einem Maße angegriffen werden, daß der Tatbestand der Beschimpfung erfüllt ist."93 Das damals hohe Wellen schlagende Verfahren gegen George Grosz wegen dessen Darstellung des am Kreuz hangenden Christus mit Gasmaske wird wiedergegeben.94 Die politischen Auseinandersetzungen zwischen Rechts und Links bilden sich ab. Die Arbeiter Hammer und Meise! verabreden sich schon einmal dazu, beim gewaltsamen Anschluß des Deutschen Reichs "an die russische Föderation der Sozialistischen Sowjetrepubliken mitzuwirken".95 Oder Meise!, die Gestalt eines Gelegenheitsarbeiters annehmend, schreibt der russischen Regierung einen Brief, in dem er sie bittet, sie möge doch zur Rettung des bedrohten deutschen Proletariats die Rote Armee in Deutschland einmarschieren lassen. Andere Beispiele: Wer am Verfassungstag der Republik die Reichsflagge von einem öffentlichen Gebäude herunterholt, macht sich wegen Verletzung inländischer Hoheitszeichen strafbar;96 wer die Flagge herunterreißt und sie im Dorfteich versenkt, begeht eine Sachbeschädigung.97 Zwölf junge Leute, die einem politischen Kampfbund angehören, durch die Straßen marschieren und die Schaufensterscheiben mißliebiger Kaufleute einwerfen, machen sich bei Schönfelder des Landfriedensbruchs schuldig.98 Der "Schriftleiter einer extremgerichteten Parteizeitung" der den Aufruf veröffentlicht, "Schlagt die Faschisten, wo ihr sie trefft!", kann bestraft werden, weil er Beihilfe leistet zur Verbreitung von Schriften, durch die zur Begehung strafbarer Handlungen aufgefordert wurde.99 Der Führer einer radikalen Partei, der das Reichstagsgebäude während einer Vollsitzung von uniformierten Anhängern besetzen läßt, damit der Reichstag in einer bestimmten Weise abstimme, kann wegen hochverräterischen Unternehmens bestraft werden. 100 Mehrere Fälle haben die Unruhen unter den von hohen Schulden und Steuerforderungen geplagten Bauern zum Gegenstand. 101 Unmittelbaren zeitgeschichtlichen Bezug hat auch die Abhandlung des Falles, in dem zwei Männer wegen Mordes zu bestrafen sind, die einen Mann erschossen haben, von dem sie annahmen, er betreibe Spionage zugunsten einer ausländischen Macht - sie zeigen ihn bewußt nicht an, weil die Reaktion der Behörden unsicher sei und zu spät komme. Schönfelder dazu: "Das deutsche Recht erkennt ein Handeln aus Vaterlandsliebe zum Schutz der bedrohten Staatsinteressen in dieser Allgemeinheit nicht als einen Grund an, der den Täter von der gesetzlichen Strafe befreit."102 Merkwürdig ist die Rolle des besagten Österrei- 49 chers namens Schweighofer, der sich zum Beispiel eines Verstoßes gegen das Gesetz zum Schutz der Republik schuldig macht.' 03 Das Heft über die Reichsverfassung Dies fällt vor allem auf: Wie Schönfelder gerade heikle und umstrittene Fälle aus dem Bereich der damals aktuellen politischen Kämpfe abhandelt und wie loyal er sie darstellt. Er nimmt nicht Partei und gleich gar nicht für die, die gegen die Republik sind. Offenbar weiß der im Geist des alten Kaiserreichs erzogene republikferne Verbindungsstudent und Bewunderer Benito Mussolinis scharf zu trennen zwischen eigenen weltanschaulichen Idealen und der realen Republik, die versucht, sich durch Rechtsnormen zu schützen vor ihren Feinden von links und von rechts. Oder hätte Schönfelder sich gewandelt? Hätte sich der Referendar und der Gerichtsassessor und vollends der angehenden Beamte Dr. Schönfelder auf den Boden der Verfassung gestellt? Man mag immer mehr zu dieser Meinung neigen, wenn man das "Prüfe Dein Wissen" Heft aufschlägt über die Weimarer Reichsverfassung. 104 Es handelt sich um eine höchst loyale Darstellung der Materie. Nichts ist zu spüren von Häme oder Abneigung, ja Ablehung, die weite Kreise der Juristenschaft damals der Reichsverfassung entgegenbrachten. Im Vorwort des Heftes- es stammt vom Juli 1930- betont Schönfelder, öffentliches Recht und insbesondere Staatsrecht würden im Unterricht und in den Prüfungen "berechtigterweise jetzt viel stärker berücksichtigt." Ausdrücklich beruft der Autor sich auf Artikel 148 der Reichsverfassung, der die Staatsbürgerkunde zum Lehrfach an den Schulen erklärte - und auch darauf zielt die Schrift: "Vielleicht kann das Heft den Lehrern an höheren Schulen helfen, diesen Unterricht lebendiger und anschaulicher zu gestalten." Überhaupt bewährt sich in der Darstellung der Reichsverfassung einmal mehr die "starke pädagogische Ader" Schönfelders. Seine Fälle sind aus dem Leben der Zeit gegriffen; um "Lebendigkeit der Darstellung zu erreichen, "wurde in großem Umfange die aus den Geschäftsordnungen der obersten Reichsbehörden und aus Verwaltungsanordnungen ersichtliche sowie die allgemein bekannte Staatspraxis herangezogen. Eingehend berücksichtigt wurden die Rechtsprechung des Staatsgerichtshofes für das Deutsche Reich und die des Reichsgerichts, die ja in den letzten Jahren, insbesondere für die Auslegung der Grundrechte, sehr umfangreich und bedeutungsvoll geworden ist." Das Heft kann wirklich empfohlen werden - auch dem Leser von heute erschließen sich aus dem Spiel der Fragen und Antworten System und Geist dieser Verfassung. Vor allem dies fasziniert: Wie Fragen und Antworten ein Abbild der Kämpfe zwischen den politischen Kräften der Weimarer Zeit sind - und daß die Antworten in klarer und unverdorbener Darstellung der Verfassungslage gegeben werden. Das Reich darf sich- selbstverständlich- gegen extremistische Bestrebungen wehren. Bei der Exemplifizierung dieses Satzes tritt sogar die Bewunderung Schönfelders für Mussolini zurück. Wenn zum Beispiel ein Italiener in München eine aus deutschen Staatsangehörigen bestehende Vereinigung gründet, die die Schaffung einer faschistischen Diktatur in Deutschland anstrebt, kann die Reichsregierung von der bayerischen Regierung verlangen, daß sie diesen Italiener ausweise und fehl ginge der Einwand der Bayern, hier mische sich das Reich in bayerische Angelegenheiten ein. Grund: Das Reich hat nach Artikel 1 5 RV das Recht der Aufsicht in Angelegenheiten, in denen die Gesetzgebungskompetenz dem Reich zusteht.' 05 Gefragt wird nach den Vorschriften, durch die der Reichstag vor dem "Terror der Straße" geschützt werden soll.'06 Wenn in Bayern eine diktatorische Regierung die verfassungsmäßig gebildete Regierung absetzen sollte, steht dem Reich die Reichsexekution 5I selbst dann zu Gebote, wenn in Bayern alle mit der diktatorischen Regierung einverstanden sind. 107 Wenn in Harnburg bewaffnete Haufen durch die Straßen ziehen, ohne daß die hamburgische Polizei eingreift, dann kann das Reich notfalls seine bewaffnete Macht schicken. 108 Auch die Fälle zum Grundrechtsteil der Verfassung spiegeln Zeitverhältnisse wider und ihre Lösung ist loyal: In einem Fall wird dargelegt, daß das Haben republikfeindlicher Meinungen von den Grundrechten geschützt sei, freilich sei die Betätigung solcher republikfeindlicher Gesinnung bei einem Beamten mit dessen Treuepflicht gegenüber dem Staat nicht vereinbar. 109 Die Religionsfreiheit schützt auch den Rittergutsbesitzer Reichlich- er ist aus den zivilrechtliehen Heften der Reihe bestens bekannt - wenn dieser eine neue germanische Religion stiftet. 110 Es ist ein Verstoß gegen das in Artikel I 28 RV verankerte Verbot, Ausnahmebestimmungen gegen weibliche Beamte zu erlassen, wenn bestimmt wird, daß Beamtinnen im Fall der Eheschliessung zu entlassen sind; solche Vorschriften sind "rechtsunwirksam".rtr Die Kühle und Korrektheit der Diktion leidet nur an einer Stelle: Bei der Frage danach, welche deutschen Flüße durch den Vertrag von Versailles für international erklärt worden seien, gebraucht Schönfelder den Ausdruck "Versailler Diktat" 112 - an anderer Stelle bevorzugt er den durchaus korrekteren Ausdruck "Friedensvertrag"." 3 An einer Stelle waltet sogar ein Anflug von Selbstironie. Bei der Exemplifizierung der Vorschrift, daß bei der Besetzung von Ämtern landsmannschaftliehe Eigenarten zu beachten seien, bildet Schönfelder das Beispiel, daß im 13· (Württembergischen) Infanterie-Regiment zuvörderst Landeskinder dienen sollten - das I 3. Infanterie-Regiment ist just jene Einheit, in welcher der Sachse Schönfelder als Tübinger Schotte I 92 3 gedient hatte. Die Sammlung "Deutsche Reichsgesetze" Dr. jur. Schönfelder legte die Große juristische Staatsprüfung am 3o.Januar 1930 ab- Note: gut. Schon im Februar 19 3 o trat er als Gerichtsassessor beim Amtsgericht Chemnitz in die sächsische Justiz ein. Obwohl die Reihe "Prüfe Dein Wissen" noch längst nicht abgeschlossen war, nahm Schönfelder das andere große Projekt in Angriff - die Herausgabe der Sammlung "Deutsche Reichsgesetze". Vom Dezember I930 bis Mai I93I war er als Richter beurlaubt. Das Vorwort zur 1. Auflage hat Schönfelder im April I93 I in Chemnitz unterzeichnet. Das Werk, " 4 I 300 Seiten stark, "war sofort ein durchschlagender Erfolg" .' ' 5 Es sprach gezielt Studierende an, vergaß aber auch die Praktiker nicht. Schönfelder ließ sich von dem Gedanken leiten, dem Studenten all die Reichsgesetze an die Hand zu geben, über die er Pflichtvorlesungen zu hören hatte. Den Praktikern des Rechtsleben diente die Idee, zum Beispiel das Gerichtskostengesetz und die Gebührenordnung für Rechtsanwälte in die Sammlung einzufügen. Seine pädagogische Ader muß ihn zu folgender Idee geführt haben: "Um dem noch wenig gesetzeskundigen Rechtsstudierenden das Zurechtfinden im Gesetz zu erleichtern, glaubte ich, diese Ausgabe mit Paragraphenüberschriften, einer besonders übersichtlichen Druckanordnung und einem sehr ausführlichen Sachverzeichnis versehen zu sollen." " 6 Daraus läßt sich manches erschließen: Der sogenannte Findex, in den nicht nur der junge Jurist gerne hineinblickt, wenn er nicht gleich weiter weiß, ist ein auf uns gekommenes Erbstück Heinrich Schönfelders. Mehr noch: Wir wagen die These, Heinrich Schönfelder sei auch der Erfinder der heute völlig üblich gewordenen Sitte, Paragraphen mit Überschriften zu versehen. In früheren Auflagen waren diese Überschriften in eckige Klammern gesetzt. Sie waren inoffiziell und gehen auf Schönfelder zurück; bis 53 heute sind einige Gesetze in der Sammlung mit jenen in ekkige Klammern gesetzten Paragraphenüberschriften versehen. Die Anerkennung war allgemein. "Diese Gesetzesausgabe ist" - so rühmte Professor Koschaker aus Leipzig - "was Auswahl, Druckausstattung, Handlichkeit und Preis anlangt, vorbildlich und für unsere Studenten in hervorragendem Maße brauchbar und geeignet." " 7 Kein geringerer unter den Praktikern als der Staatssekretär des Reichsjustizministeriums, Franz Schlegelberger, lobte die Sammlung mit warmen Worten: "Das Werk ist tatsächlich ganz ausgezeichnet und hat mir schon in der kurzen Zeit, in der ich es besitze, die allerbesten Dienste geleistet." '' 8 Autor und Verleger waren um größte Aktualität bemüht. Um auf der Höhe der Rechtsentwicklung zu bleiben, lieferten sie "Nachträge und Deckblätter". Mittels eines 24 Seiten umfassenden Nachtrags wurde schon die LAuflage I93I auf den Stand vom 1. November I93 I gebracht; I9J2 erschienen weitere zwei solcher Nachträge. Die 2. Ausgabe des Buches erschien I 9 3 3 als durchgesehene und vermehrte Auflage. Die Eigenwerbung des Verlages liest sich so: "Die 8o wichtigsten Reichsgesetze, sorgfältig ausgewählt, aufs übersichtlichste angeordnet, mit Randschlagwörtern und erschöpfend ausführlichem Sachverzeichnis (ca. 3 500 Stichworte über rund 3oooo Paragraphen) in einem handlichen Leinenband von I 473 Seiten Dünndruckpapier zu dem au- ßergewöhnlich niedrigen Preis von nur RM I3, 50.""9 I934 war schon die 3.Auflage erreicht, sie war ein Nachdruck der 2. Auflage. Bis dahin war das Werk als fest gebundenes Buch erschienen. Die 4.Auflage I935 war die erste Loseblattausgabe. Zu Lebzeiten des Bearbeiters sollte das Werk I 7 Auflagen erreichen. 54 Der Lohn des Fleißes Der Autor Schönfelder profitierte wirtschaftlich vom Erfolg der Sammlung. Der ganz große Eingang der Hononare begann, nachdem die Sammlung mit der 4· Auflage auf die Loseblatt-Technik umgestellt worden war. Ab I935 bis Kriegsbeginn sind vom Verlag für die jeweilige Auflage fünfstellige Beträge gezahlt worden. Die Auflagen der Kriegsjahre brachten geringere Honorare, sie bewegen sich im vierstelligen Bereich. Für I943 gibt Schönfelder sein Einkommen aus literarischer Arbeit mit 7.ooo RM an. Sein damals aktuelles Jahresgehalt als richterlicher Beamter lag nur leicht darüber. Wir brauchen uns an dieser Stelle nicht auf Zahlen kaprizieren: Schönfelder müssen Summen zugeflossen sein, die jedenfalls von I935 bis I939 sein Jahresgehalt als Amtsgerichtsrat weit übertroffen haben: Schönfelder bezog ab Juli I936 als Amtsgerichtsrat ein Jahresgehalt von 5.400 RM. Im übrigen hat er sich in der juristischen Schriftstellerei allem Anschein nach nicht sonderlich betätigt. Eine Ausnahme ist wohl nur die für Ausbildungszwecke gedachte Bearbeitung eines Falles aus dem Prozeßrecht in einer juristischen Zeitschrift aus dem Jahr I9J5. 120 Der Amtsgerichtsrat Schönfelder Am 1.Juni I93 I versetzte man den Gerichtsassessor Dr. Schönfelder an das Amtsgericht Dresden. Am 1. April I 9 34 wurde er dort zum Amtsgerichtsrat ernannt. Damit war er richterlicher Beamter auf Lebenszeit. Er bezog zu Anfang nach sächsischem Landesbesoldungsrecht ein Grundgehalt von jährlich 4.900.- RM. Einer Mitteilung an seine Bundesbrüder entnehmen wir, daß er in der Abteilung I a judizierte, die sich mit streitigen Zivilsachen befaßte. 121 Auch das meldete er: Daß ein Bundesbruder Anfang I934 in eben jener 55 Abteilung als Referendar ausgebildet wurde. 121 Amtsgerichtsrat Dr. Schönfelder fungierte zudem als stellvertretender Vorsitzender des Arbeitsgerichts Dresden. Entscheidungen des für Zivilsachen zuständigen Amtsrichters Schönfelder sind nicht überliefert. Sie werden dem entsprochen haben, was Juristen die "herrschende Meinung" nennen. Ihre Grundlage ist sicherlich das gewesen, was sich nicht nur durch Gesetzgebung, sondern mehr noch durch Rechtsprechung nach dem JO.Januar 1933 als "deutsches" Recht entwickelte; am Ende dieser schnell vollzogenen Umwälzung war der Geist des Nationalsozialismus bis in den letzten Winkel des Zivilrechts hineingetragen und die Diskriminierung der Juden war Maxime auch hier." 3 Der Reform des Zivilprozeßrechts und dem Gerichtsverfassungsrecht galt Schönfelders besonderes Interesse. Seine Vorgesetzten attestierten ihm, gut befähigt und energisch zu sein und gute Rechtskenntnisse zu haben. Er arbeitete nach ihrem Urteil sorgfältig und gewissenhaft und zeigte gute Leistungen. Zweifellos werde er später einmal die volle Eignung zum Kammervorsitzenden erlangen.114 Seine Tätigkeit für den Beck'schen Verlag habe seine Leistungen als Richter nicht nachteilig beeinflußt."5 Mit anderen Worten: Schönfelder muß ein unglaubliches Arbeitspensum als Richter und Schriftsteller erledigt haben. Die Bewunderung für solchen Fleiß wird nicht geringer, wenn man bedenkt, daß ihm bei den Arbeiten an der Gesetzessammlung Mitarbeiter zur Seite standen. 126 Zudem beteiligte Schönfelder sich nach I 9 3 3 aktiv an der Ausbildung des juristischen Nachwuchses. Der Präsident des Amtsgerichts hatte ihm die Ausbildung der Rechtsstudenten nach § 6 JA0"7 übertragen. Schönfelder habe, so bescheinigt ihm sein Präsident, diese schwierige Aufgabe in jeder Hinsicht vorbildlich gelöst; mit den ihm eigenen Führereigenschaften habe er es verstanden, den Studenten innerlich näher zu treten. 118 Daß er eine Führernatur sei und sich für die Einführung der jungen Rechtsstudenten in die praktisehe Arbeit ganz besonders eigne, ist ihm auch in einer späteren Beurteilung bestätigt worden. ' 29 Im übrigen scheint der junge Amtsgerichtsrat sich selbstbewußt betragen zu haben: Er sei, so haben seine Oberen aufgeschrieben, von seinem Können überzeugt und trete gelegentlich sehr selbstsicher auf. ' 30 Wen würde das indes ernsthaft wundern bei einem Mann, der als noch kaum Dreißigjähriger zwei ganz außerordentliche schriftstellerische Erfolge gelandet hatte und jetzt begann, die materiellen Früchte seines Könnens und seines Fleißes zu ernten? Der Privatmann Schönfelder Heinrich Schönfelder hatte nicht nur Grund, mit seiner beruflichen Entwicklung zufrieden zu sein. Auch privat fügten sich die Dinge. Er schickte sich an, nach dem Satze seines Lehrmeisters Poehlmann zu verfahren, daß derjenige zu recht mit irdischen Gütern belohnt werde, der seine geistigen und körperlichen Kräfte harmonisch entwickele und ausbilde und seinen Platz einnehme in der Welt der Arbeit. Er konnte sich leisten, zu reisen. Im Herbst I930 war der Verfasser jener gut einschlagenden Prüfungshefte besonders ausgiebig unterwegs. In den Mitteilungen der Landsmannschaft Schottland vom November I930 ist nachzulesen, Schönfelder sei kürzlich "von einer schönen Reise durch Belgien, England, Nordafrika, Spanien, Südfrankreich, Italien, Schweiz und Oberbayern zurückgekehrt. Er befaßt sich zur Zeit mit der Abfassung des 8. Heftes seines Werkes "Prüfe Dein Wissen". ' 3 ' Sodann gründete er eine Familie - ganz in Übereinstimmung mit seinen I 9 I 8 niedergelegten Plänen. Im August I933 heiratete er in der Frauenkirche zu Dresden Ellen Siebert, die I9o8 geborene und seit einem Jahr geschiedene Tochter eines Architekten und Baumeisters aus Chemnitz.'32 Heinrich Schönfelder war nicht der Scheidungs- 57 grund. Die Bundesbrüder setzte er durch eine Hochzeitsanzeige in den Mitteilungen der Landsmannschaft Schottland in Kenntnis: "Ihre Vermählung zeigen ergebenst an ... " .' 33 Die Brüder entboten Glückwünsche zur Vermählung.' 34 Unter dem Datum des 19.September 1934 konnten die Schotten diese Anzeige in ihren Mitteilungen lesen: "Die glückliche Geburt eines kräftigen Sohnes Heinrich zeigen wir hocherfreut an. Dr. Heinrich Schönfelder, Amtsgerichsrat, Frau Ellen Schönfelder geborene Siebert, bis 29·9· Staatliche Frauenklinik, Privatabteilung".' 35 Der zweite Sohn Christian wurde arn 3r.August 1939 geboren, einen Tag vor Beginn des Krieges. Mit dem aus der ersten Ehe der Gemahlin Schönfelder stammenden Stiefsohn Peter gehörten drei Söhne zur Familie. Schönfelders Wohnung in Dresden-Bad Weißer Hirsch Man bewohnte bis Herbst 1936 eine Wohnung im Hause Holbeinstraße 78' 36 am Rande der Altstadt von Dresden. Dann zog Schönfelder um: Das Vorwort zur 8. Auflage hat er im August 1937 mit der Anschrift Dresden-Bad Weißer Hirsch, Kurparkstraße 8 unterzeichnet. Anders gesagt: Er wohnte jetzt in einer der besonders bevorzugten Wohngegenden Dresdens. Übrigens: Auch der Referendar Schönfelder hatte schon einmal in Bad Weißer Hirsch Wohnung genommen. Die Anschrift war Bautzener Landstraße 29 und einen Telefonanschluß hatte der junge Mann auch gehabt: 37555-' 37 Das Haus Kurparkstraße 8 hat den Krieg überstanden. Es zeigte zu Beginn der 9oer Jahre zwar Spuren des Verfalls dennoch ließ es die Würde der Villen aus den Zeiten zu Anfang des Jahrhunderts erkennen, als Sachsen Hort architektonischer Spitzenleistungen und Bad Weißer Hirsch ein Zentrum der Naturheilkunde und Sitz berühmter Sanatorien war. Wenn man vor diesem Haus steht, möchte man es bewohnen. Als Schönfelder einzog, gehörte das Grundstück dem Kommerzienrat Dr. Ohm aus Meißen. Im Kellergeschoß wohnte der Hausverwalter Emil Krause. Den ersten Stock bewohnte der Fabrikdirektor Alfred Düsing. Die Wohnung im zweiten Stock hatte der Oberlandesgerichtsrat Herben Widtfeldt gemietet, der auch Mitglied der Prüfungsstelle Dresden des Reichsjustizprüfungsamtes war. Das Erdgeschoß aber bewohnte Heinrich Schönfelder mit seiner Familie. 138 Der Vormieter: Richard Tauber Mit Schönfelders Wohnung hatte es eine besondere Bewandnis: Vor Schönfelders Einzug hatte darin Richard Tauber gewohnt,' 39 der Vater des weltberühmten Sängers Richard Tauber. Die Taubers waren, was die Sprache der Nazizeit als "Volljuden" bezeichnete. Tauber Sohn hatte Deutschland schon I 9 3 3 verlassen. Vater Tauber, I 861 geboren, war nach einem langen Künstlerleben zuletzt Generalintendant des Städtischen Theaters in Chemnitz gewesen. 1930 war er in den Ruhestand getreten; seinen Lebensabend gedachte er in Dresden zu verbringen. Bad Weißer Hirsch, ohnehin ein unter Künstlern beliebter Platz, war ihm als der richtige Ort dafür erschienen. 1930 war er in das Haus Kurparkstraße 8 eingezogen, wo er die Wohnung im Erdgeschoß bewohnte. Er blieb bis I936, dann emigierte er. Aus einem Dokument der Zeit ergibt sich, daß "Tauber mit seiner Ehefrau am 17.September I936 nach Meran (Italien) zur Abmeldung gekommen ist. Bei der Polizeistelle Dresden wurde ... Tauber deswegen schon seit 1. Juli 19 3 7 als Emigrant geführt."' 40 Unter welchen Umständen Schönfelder Mieter der von dem "Volljuden" Richard Tauber freigegebenen Wohnung geworden ist, läßt sich nicht nachvollziehen. Faktum ist: Die Familie bezog 1936 eine durch die Zeitumstände freigewordene komfortable Wohnung in bester dresdner Lage. 59 Der Lebensstil der Schönfelders Der Lebensstil des Amtsgerichtsrats Dr. Schönfelder und seiner Gemahlin läßt sich als gehoben bezeichnen. Den Haushalt besorgte eine Haushälterin; um die Söhne kümmerte sich eine Kinderfrau. Für die Mobilität sorgten zwei Automobile. Schönfelders schätzten sehr gepflegte Kleidung und modische Ausstaffierung von Kopf bis Fuß. Frau Ellens Erscheinung ließ keinen Zweifel: Ihr Mann konnte ihr einiges bieten im Leben. Heinrich Schönfelders spezielles Steckenpferd war die Fotografie. Er besaß eine Leica mit dazugehörender Ausrüstung und er arbeitete - damals ein rare Sache - mit Farbfilmen. Sport spielte eine große Rolle: Schönfelder wandte sich dem damals exklusiven Tennis-Sport zu und versuchte sich in der zu jener Zeit wirklich außerordentlichen Sportart des Golfens. Zur Winterszeit pflegte er den Eislauf. Schönfelder war sehr gesundheitsbewußt - schon seit den Zeiten, als er sich an St. Afra mit den Lehren von Christof Ludwig Poehlmann befaßt hatte. Er führte ein seinen Gesundheitsidealen verpflichtetes Leben, nährte sich vegetarisch und mäßig und fühlte sich biologisch-dynamischen Wirtschaftsweisen bei der Erzeugung von Nahrungsmitteln verbunden. Er vertraute den Kräften des kalten Wassers und kurte. Im September 1937 erholte er sich zum Beispiel in Berggießbühel im schönen Tal der Gottleuba nahe Pirna in den eisenhaltigen Mineralwassern des Johanngeorgen-Bades. 141 Im September 1941 ist ein Aufenthalt in Bad Wörishofen belegt. Überhaupt waren Schönfelders reiselustig. 1938 fuhr man nach Griechenland. 142 Im gleichen Jahr ging es im Automobil nach Nürnberg, um beim Reichsparteitag nicht zu fehlen. In einem Wort: Schönfelders Lebenstil unterschied sich deutlich von den Möglichkeiten vergleichbarer Amtsrichter. Überliefert ist eine Fotografie, die Schönfelder im Prunk- 6o zimmer seiner Wohnung in der Kurparkstraße am Schreibtisch sitzend zeigt. Der Tisch hat an den Seitenwangen mächtig dicke Schnitzereien; muskulöse männliche Gestalten tragen die schwere Tischplatte. Der Hausherr, freundlich lächelnd, thront auf einem noch reichlicher mit Schnitzwerk verziertem Stuhle mit hoher Rückenlehne; zwei Vögel schauen auf ihn herab. Der Arm ruht auf einer sanft geschwungenen Armlehne, die vorne einen Löwenkopf zeigt. Sehr vornehm! Der Präsident des Oberlandesgerichts hatte solche Ausstattung in seinem Amtszimmer nicht zu beanspruchen. Indes nur kein Neid. Der junge Amtsrichter erntete die Früchte eines Baumes, den er höchstselbst gepflanzt und gepflegt hatte. Und auch jetzt, als etablierter Mann, hielt Alter Herr Schönfelder in Treue fest an seiner Verbindung. Um Nachwuchs zu gewinnen, richtete die Landsmannschaft im ganzen Reich Keilkreise ein; im Keilkreis 8 Obere Eibe, Ortsgruppe Dresden, wirken fünf Schotten zusammen und Schönfelder ist dabei. Mehrmals sehen wir ihn als Vertreter der Landsmannschaft Schottland bei befreundeten Verbindungen in Sachsen bei deren Festlichkeiten- so etwa 1937 beim Kreistag der Afrania Leipzig in Dresden. ' 43 Hat ein Bundesbruder das Examen bestanden, feiert Schönfelder mit.' 44 Er ist dabei, als sich 1935 der Dresdner Schottentag konstituiert.' 45 Seine Gemahlin nimmt Anteil an diesen Aktivitäten. Sie begleitet ihn zum Treffen der "neu erweckten Dresdner Kolonie" 19 3 5 ebenso wie zu der Schottenfahrt nach Bautzen'46 und- im September 1937- zum Sachsen- Schottentreffen. Dazu die Mitteilungen: "Schönfelder hatte sogar Berggießhübel verlassen, wo er sich bei morgendlichem Wassertreten und bei reichlicher Pflanzenkost gut erholt hatte, um auch unter uns zu weilen. Ergötzlich war seine "Käsestaffette", die er an der abendlichen Tafel inszenierte, um seine Frau Gemahlin, die am anderen Ende des Tisches saß, mit Nahrung zu versorgen." ' 47 6J Schönfelders Gattin Wir sollten bei Frau Ellen Schönfelder an dieser Stelle verharren. Wie hatte der Afraner Schönfelder 1918 geschrieben? Er sehe sich als Pfarrer glücklich verheiratet mit seinen Kindern? Nun: Schönfelders Kinderwunsch war erfüllt. Ob freilich Ellen Schönfelder den Kindern eine wirklich gute Mutter und ihrem Gatten eine treusorgende Ehefrau war, steht sehr dahin. Sie genoß das materiell behagliche Leben, das ihr Mann ihr bot. Indes war sie nicht die Frau, die jenen Rahmen gepflegter Häuslichkeit zu schaffen wußte, die der Familienmensch Heinrich Schönfelder suchte und erwartete. Sie bewunderte nicht den immerwährenden Fleiß und die tiefschürfende Gründlichkeit, mit denen ihr Mann seiner literarischen Arbeit lebte. Das herbe Pflichten-Ethos des elitären Afraners Schönfelder war ihr fremd. Sie teilte nicht den Ehrgeiz ihres Gatten, ständig an sich zu arbeiten und durch eigenes Wirken zum Wohle des Ganzen beizutragen. Die Aufgaben der Mutter überließ Frau Ellen zum guten Teil der Kinderfrau. Die Haushälterin versah das Haus. Die Hausherrin lebte derweil nach außen und außerhalb. Sie neigte überdies dazu, ihre Abneigungen gegen häusliche Pflichten zu verbergen hinter Kränklichkeiten und Unpäßlichkeiten. Sie hatte, als sie Heinrich Schönfelder begegnete, eine schwere Scheidung hinter sich. Was Schönfelder zu dieser Ehe bewogen haben mag - man weiß es nicht und selbst vertraute Freunde und Verwandte hatten ihre Zweifel. Gewiß hat auch diese Ehe ihre guten Tage gekannt - indes waren auch die schlechten nicht gering an Zahl und Schönfelders Traum von einer glücklichen Verheiratung und einer friedvollen Familie litt viele Unterbrechungen. Sein Heim war nicht immer der Ruheplatz, nach dem er sich wohl sehnte.

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Zusammenfassung

Das Werk:

Der Name „Schönfelder“ ist zum Synonym für ein Werk geworden, das jedem Juristen in Deutschland bekannt und vertraut ist. So geläufig dieses juristische Arbeitsmittel schon den jungen Studierenden ist, so wenig wissen dessen Nutzer, welche Person eigentlich hinter diesem bekannten Namen steht.

Hans Wrobel hat ein detailliertes Portrait des Heraus- und Namensgebers der bedeutendsten Sammlung deutscher Gesetzestexte vorgelegt und Schönfelders 1902 im sächsischen Nossen beginnenden Lebensweg nachgezeichnet. Wir lernen den Zögling der Fürstenschule St. Afra kennen, verfolgen seinen Werdegang als Student und Burschenschaftler, Referendar, Amts- und später Kriegsgerichtsrat, erfahren aber auch, dass Schönfelder sich im Laufe seines Lebens mit der nationalsozialistischen Gedankenwelt identifiziert und in der NSDAP organisiert hat. Seine dienstlichen Beurteilungen als Soldat und Offizier bescheinigen ihm eine „einwandfreie politische Haltung“ sowie „Einsatzbereitschaft und aktive Mitarbeit in der nationalsozialistischen Bewegung“.

Parallel dazu verfolgt Wrobel seine literarischen Nebentätigkeiten, die uns neben dem „Schönfelder“ auch die Reihe „Prüfe Dein Wissen“ beschert haben. Im Jahr 1944 wird der 42-jährige Kriegsgerichtsrat Schönfelder im besetzten Italien bei einem Partisanenüberfall getötet. Sicher kein typisches, wohl aber ein sehr deutsches Juristenleben dieser Zeit.

Diese Biografie lässt gleichzeitig die Person und das Werk „Schönfelder“ plastisch und lebendig werden und stellt ihn, aber auch das scheinbar so neutrale Arbeitsmittel in einen rechts- und zeitgeschichtlichen Zusammenhang.

Der Autor:

Dr. Hans Wrobel war Senatsrat beim Senator für Justiz und Verfassung in Bremen.