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Schönfelders Werke nach dem Kriege in:

Hans Wrobel

Heinrich Schönfelder, page 161 - 166

Sammler Deutscher Gesetze 1902-1944

1. Edition 2021, ISBN print: 978-3-406-43085-5, ISBN online: 978-3-406-77110-1, https://doi.org/10.17104/9783406771101-161

Bibliographic information
Schönfelders Werke nach dem Kriege Prüfe Dein Wissen kehrt wieder und "der" Schönfelder lebt Heinrich Schönfelder war tot. Doch sein Werk lebte weiter. Der Verlag meldet, seine Produkte und zumal seine Loseblattwerke seien nach dem Ende des Krieges "schwer entbehrt" worden, "als sie infolge der Maßnahmen der Besatzungsmächte längere Zeit hindurch nicht mehr erscheinen durften" Y' Als die "Maßnahmen" entfielen, forcierte der Verlag sogleich den Neuaufbau. Die Reihe "Schönfelder, Prüfe Dein Wissen" wurde neu bearbeitet und erweitert. Selbstredend wurde die Gesetzessammlung fortgesetzt. Der Verlag machte sich daran, "an dem für die Juristen unverzichtbarsten Handwerkszeug zu arbeiten, den Textausgaben, und belebte deshalb als erstes den "Schönfelder", den "Sartorius" und die wichtigsten gebundenen Texte ... " 3 u Leicht gewandelt hatte sich der Titel der Loseblattsammlung: "Deutsche Gesetze. Sammlung des Zivil-, Straf- und Verfahrensrechts mit den einschlägigen Vorschriften des Kontrollrats3 ' 3 für den täglichen Gebrauch. Begründet von Heinrich Schönfelder." Freilich gab es Probleme: "Streng zu prüfen war, welche Teile des Reichsrechts noch fortgalten" .3 ' 4 Gewisse Gesetze des Alliierten Kontrollrats zur Aufhebung nationalsozialistischer Gesetze mögen gute Wegweiser durch das Gefilde geltenden und nicht mehr geltenden Rechts gewesen sein. Ersatzlos zu entnehmen war das Programm der NSDAP und alles, was Schönfelder einst als die verfassungsrechtlichen Grundgesetze des nationalsozialistischen Staates bezeichnet hatte. Nach dieser Purgation waren die Nummern 1 bis 19 freigeworden. Die Sammlung begann erst mit Nummer 20, Bürgerliches Gesetzbuch. Der aufmerksame Benutzer des Werkes mag nachsehen: Bis heute klafft zwischen Nummer I "Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland" und Nummer 20 "Bürgerliches Gesetzbuch" eine auffällige, zunächst nicht recht erklärbare Lücke. Heinrich Schönfelder hat uns da ungewollt ein sehr subtiles Memento an die Rechtsentwicklung zu Zeiten des Unrechtsstaats hinterlassen. Der "Schönfelder" war sofort wieder ein Erfolg. Die erste Nachkriegsauflage von 1947/48 wurde dem Verlag "aus den Händen gerissen". JI 5 I 9 p schrieb ein Rezensent, die Sammlung habe "sich ihren unumstrittenen Platz bei jedem Juristen errungen, nämlich in unmittelbarer Griffnähe auf dt!m Schreibtisch und in der Aktenmappe." 3 ' 6 - Wie gesagt: Der Griff nach dem Schönfelder ist die typische Handbewegung der deutschen Juristen und Juristinnen. Und was wäre geschehen ... . . . wenn Heinrich Schönfelder nicht den Tod gefunden hätte im Apennin? Wäre auszudenken, was er getan hätte, wenn er heimgekehrt wäre aus dem Krieg? Es ist auszudenken.3 ' 7 Im heimatlichen Sachsen hätte er keinen Wirkungskreis mehr gefunden in der Justiz. Die Sowjetische Militäradministration entfernte alle diejenigen aus dem Justizamt, die sich - aus welchem Grund auch immer- eingeschrieben hatten in der NSDAP. Keine Chance also für die Wiederkehr des Amtsgerichtsrats und Pg. mult. Schönfelder. So wäre er wie sehr viele ihrer Ämter entsetzte Richter und Staatsanwälte herübergekommen in die Besatzungszonen der westlichen Alliierten. Das hätte umso näher gelegen, als Schönfelders Wohnung alsbald von einem russischen Offizier nebst Familie bewohnt wurde. Vielleicht hätte er bei seinem Auszug nach den Westzonen seinen Mitbewohner aus der Kurparkstrasse 8, Herrn Oberlandesgerichtsrat Widtfeld, wiedergetroffen. Widtfeldt taucht in den Annalen zu Beginn der 5o er Jahre als Hilfsrichter am Kammergericht auf; er stand im Rang eines Landgerichtsrats. Später wechselte er in die Innenverwaltung des Landes Berlin.3'8 Und hätte Schönfelder in einer der Westzonen als gewesener Parteigenosse und Kriegsgerichtsrat wieder Eingang gefunden in ein Amt der Justiz? Aber gewiß. Vielleicht hätte er ein wenig Geduld aufbringen müssen. Die Entnazifizierung hätte er ohne Zweifel schadlos durchlaufen. Er wäre höchstens als Mitläufer eingestuft worden, trotz seines Eifers beim Sammeln von Mitgliedsausweisen der Bewegung. Er war nun einmal kein grossesLicht unter den Nationalsozialisten. Wie er hatten es Juristen aller Sparten gemacht. Mehr als eine erträgliche Geldbuße hätte ihm die Spruchkammer schwerlich auferlegt. Vielleicht hätte sie die Buße etwas höher bemessen und ihm vorgehalten, er habe in seiner Sammlung gar so getreu das Parteiprogramm abgedruckt und überhaupt alle diese NS-Gesetze wiedergegeben und damit gutes Geld verdient. Aber dagegen wäre vorzubringen gewesen, daß "Prüfe Dein Wissen" so etwas wie ein Opfer der "Machtergreifung" geworden war. Wegen seiner Tätigkeit als Kriegsgerichtsrat wäre Schönfelder nicht untragbar gewesen. Es gibt genug Beispiele dafür, daß Kriegsrichter Aufnahme fanden in die Nachkriegsjustiz der westlichen Zonen und in andere Ämter und Funktionen. Auch als Amtsrichter war er nicht erkennbar kompromittiert. Kurz: Es wäre Heinrich Schönfelder kaum anders ergangen als der grossen Zahl seiner Kollegen von damals. Früher oder später wäre er zurückgekehrt in ein Justizamt. Der Rest der Karriere in der Justiz wäre eine Frage der Zeit gewesen. Und auch der Autor Schönfelder hätte wieder die Bühne der juristischen Schriftstellerei betreten. Er hätte den Plan aufgegriffen, der 1939 wegen des Kriegsbeginns zurückgestellt worden war: Er hätte sich endlich an die Überarbeitung der Reihe "Prüfe Dein Wissen" gemacht. Das wäre fein gewesen: Darauf verweisen zu können, daß diese Neubearbeitung nicht veranlaßt sei dadurch, daß der Verfasser nach 1933 dem "völkischen" Rechtsdenken anheimgefallen war. Und die Sammlung der Reichsgesetze? Heinrich Schönfelder hätte seine Sammlung weiter bearbeitet. Das Vorwort hätte er neu gefaßt. Auf sein Geheiß wären die losen Blätter entnommen und eingefügt worden. Zu gegebener Zeit hätte er das Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland in die Sammlung aufgenommen - unter Nummer 1, um der jetzt wieder geänderten Auffassung über die Bedeutung der Verfassung Ausdruck zu geben. Im übrigen wäre konzeptionell nichts zu ändern gewesen. Heinrich Ernst Schönfelder! Nimmer wird sein Ruhm verhallen ehe nicht die letzte Seite segelnd fortfliegt aus der letzten C. H. Beckschen Heftmechanik ... 166

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Zusammenfassung

Das Werk:

Der Name „Schönfelder“ ist zum Synonym für ein Werk geworden, das jedem Juristen in Deutschland bekannt und vertraut ist. So geläufig dieses juristische Arbeitsmittel schon den jungen Studierenden ist, so wenig wissen dessen Nutzer, welche Person eigentlich hinter diesem bekannten Namen steht.

Hans Wrobel hat ein detailliertes Portrait des Heraus- und Namensgebers der bedeutendsten Sammlung deutscher Gesetzestexte vorgelegt und Schönfelders 1902 im sächsischen Nossen beginnenden Lebensweg nachgezeichnet. Wir lernen den Zögling der Fürstenschule St. Afra kennen, verfolgen seinen Werdegang als Student und Burschenschaftler, Referendar, Amts- und später Kriegsgerichtsrat, erfahren aber auch, dass Schönfelder sich im Laufe seines Lebens mit der nationalsozialistischen Gedankenwelt identifiziert und in der NSDAP organisiert hat. Seine dienstlichen Beurteilungen als Soldat und Offizier bescheinigen ihm eine „einwandfreie politische Haltung“ sowie „Einsatzbereitschaft und aktive Mitarbeit in der nationalsozialistischen Bewegung“.

Parallel dazu verfolgt Wrobel seine literarischen Nebentätigkeiten, die uns neben dem „Schönfelder“ auch die Reihe „Prüfe Dein Wissen“ beschert haben. Im Jahr 1944 wird der 42-jährige Kriegsgerichtsrat Schönfelder im besetzten Italien bei einem Partisanenüberfall getötet. Sicher kein typisches, wohl aber ein sehr deutsches Juristenleben dieser Zeit.

Diese Biografie lässt gleichzeitig die Person und das Werk „Schönfelder“ plastisch und lebendig werden und stellt ihn, aber auch das scheinbar so neutrale Arbeitsmittel in einen rechts- und zeitgeschichtlichen Zusammenhang.

Der Autor:

Dr. Hans Wrobel war Senatsrat beim Senator für Justiz und Verfassung in Bremen.