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Einführung: Ein bekannter Fremder. Der juristische Autor Heinrich Schönfelder in:

Hans Wrobel

Heinrich Schönfelder, page 15 - 18

Sammler Deutscher Gesetze 1902-1944

1. Edition 2021, ISBN print: 978-3-406-43085-5, ISBN online: 978-3-406-77110-1, https://doi.org/10.17104/9783406771101-15

Bibliographic information
Einführung: Ein bekannter Fremder. Der juristische Autor Heinrich Schönfelder Jeder Beruf hat sein Handwerkszeug und seine typische Handbewegung. Die Juristen auch. Ihr Handwerkszeug heißt "der Schönfelder" und die typische Handbewegung ist der Griff nach demselben. Was ist das, "der Schönfelder"? Für Nicht-Juristen, die bis hierher gelesen haben, sei es erklärt. Es handelt sich um eine besondere Art von Buch. Es erscheint im Verlag von C. H. Beck in München. Dick ist es und rot. Das Werk ist von Gewicht: Ein Ziegelstein ist leichter. Darin sind die wichtigsten Gesetze versammelt -alle, die der zivil- und strafrechtlich aktive Jurist in seinem Alltag braucht, Kostengesetze inklusive. Das Werk nennt sich "Sammlung des Zivil-, Straf- und Verfahrensrechts". Ganz vorne steht das Grundgesetz. Man findet das BGB und das HGB, die ZPO, natürlich das StGB und die StPO und wer den ganzen Inhalt wissen will, sieht selber nach. Die Sammlung hat eine Besonderheit: Sie ist nicht fest gebunden. Sie besteht aus losen Blättern, die eine "Heftmechanik" kunstvoll zusammenhält und so zum Buch vereint. Ein großer Vorteil! Wenn der Gesetzgeber ein Gesetz ändert, braucht der Verlag nicht alles neu zu drucken und der Benutzer braucht kein neues Buch zu kaufen. Man tauscht nur jene Seiten aus, die von der Änderung betroffen sind. Auf diese Weise ist das Werk immer auf dem letzten Stand. Juristen nennen solch ein Buch "Loseblatt-Sammlung". Die jeweils neuen Blätter - Fachausdruck: Ergänzungslieferung - einzuordnen in die Sammlung und die alten Blätter "zu entnehmen": das ist ein prägender Teil ihres Tuns. Zumal im Zeitalter der Normenflut. Kurzum: Alle Juristen wissen- und die Juristinnen auch - daß der "Schönfelder" eine Gesetzes-Sammlung ist. Er ist ein fester Bestandteil unseres Rechtslebens; undenkbar, daß es den "Schönfelder" jemals nicht gegeben hätte. Tatsächlich erscheint die Sammlung seit I 93 I. Bis zur 3· Auflage war sie ein normales, fest gebundenes Buch. Seit der 4· Auflage I 9 3 5 erscheint sie als Loseblatt-Sammlung. Sie ist einer der größten verlegerischen Erfolge im gesamten deutschen Buchgeschäft. Begründet hat das Werk Heinrich Schönfelder. Doch hat der Gesetzessammler Schönfelder noch ältere Meriten. Seit I929 brachte er - gleichfalls im Verlag von C. H. Beck - eine glänzend einschlagende Schriftenreihe heraus mit dem Titel "Schönfelder. Prüfe Dein Wissen". Darin präsentierte er den für die juristischen Prüfungen relevanten Wissensstoff in einem geschickt dargebotenen Spiel von Fragen und Antworten. Die Reihe existiert bis heute, allerdings fehlt seit Mitte I973 der Hinweis auf Heinrich Schönfelder. Unter die zahlreichen Autoren, die sich in der Nachfolge Heinrich Schönfelders in der Reihe um das Wissen unseres Nachwuchses mühten, gehört auch unser verehrter Herr Bundespräsident Herzog. Aber wie merkwürdig: Über Heinrich Schönfelder, den Menschen, weiß man fast nichts in der Welt des Rechts. Auf dem heute aktuellen Titelblatt der Gesetzessammlung steht lapidar: Begründet von Dr. Heinrich Schönfelder. Frühere Auflagen aus der Nachkriegszeit, heute längst entnommene Blätter, waren etwas ausführlicher: Heinrich Schönfelder sei Amtsgerichtsrat in Dresden gewesen und aus dem Kriege nicht zurückgekehrt; sein Werk werde jetzt weitergeführt durch das Verlagslektorat. "Er ist", sagt die Verlagsgeschichte, "als Kriegsgerichtsrat I 944 in Italien gefallen".' Und: Heinrich Schönfelder habe 1929 seine Beziehungen zu C. H. Beck aufgenommen. Damals habe der Verlag Probleme gehabt. Absatzsorgen hätten in jenen Krisenjahren den Verleger gedrückt. Mancher weitzielende Plan sei zum Scheitern verurteilt gewesen.2 Doch da! "Ungerufen meldete sich bei dem Verlag ein junger Amtsrichter aus Sachsen, Heinrich Schönfelder. Sein größter Vorzug war eine starke !6 pädagogische Ader. Er bot dem Verlag eine Reihe von Schulungsheften für Studenten an mit Fragen und Antworten."} Weiter meldet die Verlagsgeschichte: Kaum war "Prüfe Dein Wissen" auf den Büchermarkt gebracht, da trug Schönfelder eine neue Idee an Heinrich Beck, den Verleger, heran: Wie wäre es mit der Herausgabe einer Sammlung "Deutsche Reichsgesetze", die das Allernotwendigste für die Zwecke des Studiums zu billigstem Preise zusammenfaßte?4 Der Verlag griff auch diese Idee auf. 1931 erschien die Sammlung, von Heinrich Schönfelder bearbeitet, zum ersten Mal. "Der Schönfelder" existiert bis heute. Heinrich Schönfelder aber ist vergessen. Was also hat es mit dem Menschen Heinrich Schönfelder auf sich? 17

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Zusammenfassung

Das Werk:

Der Name „Schönfelder“ ist zum Synonym für ein Werk geworden, das jedem Juristen in Deutschland bekannt und vertraut ist. So geläufig dieses juristische Arbeitsmittel schon den jungen Studierenden ist, so wenig wissen dessen Nutzer, welche Person eigentlich hinter diesem bekannten Namen steht.

Hans Wrobel hat ein detailliertes Portrait des Heraus- und Namensgebers der bedeutendsten Sammlung deutscher Gesetzestexte vorgelegt und Schönfelders 1902 im sächsischen Nossen beginnenden Lebensweg nachgezeichnet. Wir lernen den Zögling der Fürstenschule St. Afra kennen, verfolgen seinen Werdegang als Student und Burschenschaftler, Referendar, Amts- und später Kriegsgerichtsrat, erfahren aber auch, dass Schönfelder sich im Laufe seines Lebens mit der nationalsozialistischen Gedankenwelt identifiziert und in der NSDAP organisiert hat. Seine dienstlichen Beurteilungen als Soldat und Offizier bescheinigen ihm eine „einwandfreie politische Haltung“ sowie „Einsatzbereitschaft und aktive Mitarbeit in der nationalsozialistischen Bewegung“.

Parallel dazu verfolgt Wrobel seine literarischen Nebentätigkeiten, die uns neben dem „Schönfelder“ auch die Reihe „Prüfe Dein Wissen“ beschert haben. Im Jahr 1944 wird der 42-jährige Kriegsgerichtsrat Schönfelder im besetzten Italien bei einem Partisanenüberfall getötet. Sicher kein typisches, wohl aber ein sehr deutsches Juristenleben dieser Zeit.

Diese Biografie lässt gleichzeitig die Person und das Werk „Schönfelder“ plastisch und lebendig werden und stellt ihn, aber auch das scheinbar so neutrale Arbeitsmittel in einen rechts- und zeitgeschichtlichen Zusammenhang.

Der Autor:

Dr. Hans Wrobel war Senatsrat beim Senator für Justiz und Verfassung in Bremen.