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Der Kriegsgerichtsrat Heinrich Schönfelder in:

Hans Wrobel

Heinrich Schönfelder, page 117 - 160

Sammler Deutscher Gesetze 1902-1944

1. Edition 2021, ISBN print: 978-3-406-43085-5, ISBN online: 978-3-406-77110-1, https://doi.org/10.17104/9783406771101-117

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Der Kriegsgerichtsrat Heinrich Schönfelder Schönfelder wird Soldat Als der Krieg begonnen wurde, war Schönfelder 3 7 Jahre alt. Im Januar I940 rückte er zur Luftwaffe ein. Dienstgrad: Flieger. Neuling unter den Soldaten war er nicht. I923 hatte er sich einige Wochen als Zeitfreiwilliger bei der "Schwarzen" Reichswehr betätigt. Im Frühjahr I937 war er freiwillig zur Luftwaffe gegangen; dort hatte man ihn in einem Kurs von 3 Monaten Dauer in einer Aufklärer-Einheit zum Hilfsbeobachter ausgebildet. Im Februar I938 hatte er eine Übung abgeleistet, an deren Ende er zum Beobachter avanciert war. Mit solchen militärischen Ambitionen blieb Schönfelder deutlich zurück hinter dem, was einige seiner Klassenkameraden aus St. Afra zuwegebrachten. Sie hatten I 9 3 9 durch Übungen fast schon die Offiziersränge erreicht: Ernst Friedrich Kühn - er war Dr. juris und Landgerichtsrat geworden - war ebenfalls Zeitfreiwilliger bei der Reichswehr gewesen; danach war er neben seiner Berufstätigkeit militärisch aktiv geblieben und hatte es bis Kriegsausbruch zum Unteroffizier und Offiziersanwärter gebracht. Denn: "Als Adolf Hitler I935 dem Reich die Wehrfreiheit wieder geschenkt hatte, meldete er sich bald wieder zu freiwilligen Übungen".224 Fritz-Joachim Tanzler, ein anderer Klassenkamerad, gleichfalls promovierter Jurist, hatte sich als Rechtsanwalt in Berlin niedergelassen; "das Soldatische seines Wesens trieb ihn" nach dem Zeugnis seines Vaters "dazu, freiwillig militärische Übungen bei dem Infanterie-Regiment 9 in Potsdam abzuleisten, die ihm die Qualifikation zum Offiziers-Aspiranten einbrachten."225 Kühn kam als Soldat I 940 um, Tanzler 1941. II9 Schönfelder wird Offizier Kriegsrichter war Schönfelder am Anfang seiner Laufbahn in der Wehrmacht noch nicht; solche Funktionen konnten damals nur Juristen wahrnehmen, die Offiziere waren. Schönfelder stieg im Rang. Bis Dezember 1940 war aus ihm ein Feldwebel geworden, der im Stab der Aufklärer - Fliegerschule 1 in Grossenhain in Sachsen Sachbearbeiter für Rechts- und Disziplinarsachen war. Über die ersten Monate seiner Zeit als Luftwaffenscldat sind wir näher durch einen Brief an die Bundesbrüder unterrichtet. In den "Pfingst-Mitteilungen für die alten Schotten" vom Mai 1941 heißt es, Schönfelder sei seit einem halben Jahr wohlbestallter Feldwebel und Offiziersanwärter. Man zitiert aus seinem Brief: "Nachdem ich zunächst an der belgiseben Grenze eingesetzt war, bin ich seit Frühjahr 1940 bei einer Fliegerschule. Zuweilen komme ich auch zum Fliegen. Ich bin ja 1937/38 zum Beobachter ausgebildet worden. Im Februar und März war ich einige Wochen in Italien. Es war sehr interessant, einmal unser Deutschland im Krieg von au- ßen zu sehen und dann zu beobachten, wie ein anderes kriegsführendes Land dieselben Probleme auffaßt, die wir schon gelöst haben. Die Ernährungslage ist in dem weniger industrialisierten und nicht so stark bevölkerten Italien noch sehr günstig. - Meine literarischen Arbeiten beschränken sich zur Zeit darauf, Neuauflagen und Ergänzungslieferungen zu meinen "Deutschen Reichsgesetzen" herauszugeben. - Was nun dieser Krieg alles noch bringt, dem Volk, dem einzelnen? Am Ende steht jedenfalls der deutsche S. 1''226 teg. Im September 194 I wurde Schönfelder zum Leutnant befördert. Den "Weihnachts-Mitteilungen für die alten Schotten" vom Dezember '94' ist zu entnehmen, daß er danach zunächst bei einer Fliegerschule Fernaufklärer ausgebildet habe. 227 Im Dezember I 94 I sehen wir ihn bei einem nicht I20 näher spezifizierten Lehrgang in Berlin228 - bei welcher Gelegenheit er im Hause eines Bundesbruders "einen gemütlichen Abend" verbringt." 229 Im Januar 1942 finden wir ihn plötzlich "bei einem Stab der Luftwaffe, wo ihm die Wehrbetreuung aller im Süden stehenden Flieger obliegt, eine arbeitsreiche und aufschlußreiche Tätigkeit.'C23o Das klingt seltsam und rätselhaft und ist auch nicht sehr richtig. Indes: Schönfelder lebte zu Zeiten einer strengen Zensur. Hätte er seinen Bundesbrüdern schreiben dürfen, was tatsächlich zu berichten war, so hätte er sagen müssen: Nachdem ich nun Offizier geworden bin, werde ich in der Kriegsgerichtsbarkeit tätig werden. Meine Ausbildung werde ich im Status eines Richters kraft Auftrags bei einer Einheit der Luftwaffe in Italien erhalten. Wenn alles gut geht, werde ich schliesslich zum Kriegsgerichsrat der Luftwaffe ernannt werden. Nota bene: Kriegsrichter wurde nur, wer sich dazu ausdrücklich bereit erklärte. In diese Funktion wurden auch wehrpflichtige Juristen nicht hineingezwungen. Schönfelder in Italien. Dolmetscher bei " ltaluft" Heinrich Schönfelder erklärte sich bereit. Am 2.Januar 1942 wurde er als Leutnant und Richter der Luftwaffe kraft Auftrags beim Feldgericht des Höheren Fliegerausbildungskommandeurs 4 in Dresden aktiv. Das währte nicht lange. Schon am 16.Januar 1942 wurde er nach Italien versetztzum Stab des Generals der deutschen Luftwaffe beim Oberkommando der Königlich Italienischen Luftwaffe in Rom - Wehrmachtskürzel: Italuft. Italuft war im Juni 1940 aufgestellt worden. Solche Stäbe etablierte die Luftwaffe in verbündeten Ländern, "in denen eine umfangreiche Bodenorganisation der deutschen Luftwaffe bestand oder die als Durchgangsräume für Frontverbände von Bedeutung waren." 23 ' Selbstverständlich vertrat 121 Italuft die Belange der Luftwaffe beim italienischen Oberkommando. Seine Aufgaben "als territoriale Dienst- und Kommandostellen entsprachen in etwa denen der Luftgaukommandos im Reich und der Feldluftgaukommandos in den übrigen besetzten Gebieten.'<232 Italuft'33 hatte sich also um die Bodenorganisation zu kümmern, um Flugbetrieb, Flugsicherung, Flugmeldedienst, um den Einsatz der Luftnachrichtentruppe und der Flakartillerie, um Luftschutz, Nachschub und, nicht zu vergessen: die Luftwaffen-Gerichtsbarkeit. Letzteres war völkerrechtlich betrachtet delikat. Die Wehrmacht stand in Italien als die Armee eines verbündeten Staates. Auf dessen Territorium konnte sie Gerichtsbarkeit über eigene Militärpersonen nurkraftbesonderer Vereinbarung ausüben. Eine diesbezügliche vorläufige Vereinbarung zwischen Deutschland und Italien war Anfang 1940 zustandegekommen. Damit begnügten sich beide Seiten freilich nicht; ein neues Abkommen sollte das Problem umfassend und in völkerrechtlich korrekter Form lösen. Als Schönfelder nach Italien kommandiert wurde, waren die Verhandlungen im Gange. Offensichtlich waren seine Sprachkenntnisse gefragt. In der Tat war er anfangs nicht als Richter eingesetzt. Vielmehr wirkte er als Dolmetscher-Offizier beim Stab von Italuft. Am 17.April 1942 wurde das "Abkommen über die Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Strafgerichtsbarkeit bei einem Einsatz von Teilen der Wehrmacht des einen Staates auf dem Hoheitsgebiet des anderen Staates" in Rom unterzeichnet. Nach der Ratifizierung trat es am 29. Dezember 1942 in Kraft; man kann es im Reichsgesetzblatt nachlesen. 234 Wir behaupten, Schönfelders Dolmetscherdienste seien bei jenen Verhandlungen willkommen gewesen. Immerhin fällt auf, daß seine Tätigkeit als Richter kraft Auftrages erst kurz nach der Unterzeichnung des Abkommens begonnen hat. 122 Richter kraft Auftrags am Feldgericht des Generals der Deutschen Luftwaffe beim Oberkommando der Königlich Italienischen Luftwaffe Am 26.April 1942 wurde Schönfelder als Leutnant und Richter der Luftwaffe kraft Auftrags zum Feldgericht von ltaluft kommandiert; der korrekte Titel jenes Gerichts war Feldgericht des Generals der Deutschen Luftwaffe beim Oberkommando der Kgl. Italienischen Luftwaffe. Sein Sitz war Rom. Zuständig war es damals nicht nur für die Einheiten, die Italuft unmittelbar unterstellt waren, sondern auch für die Einheiten, die dem deutschen Oberbefehlshaber Süd in Italien unterstanden. Sein Bezirk umfasste das italienische Festland - mit Ausnahme von Reggio di Calabria und Sardinien. Das Gericht unterhielt eine Aussenstelle Sizilien in Taormina, die für Sizilien und Reggio di Calabria zuständig war. Zu Zeiten gab es sogar eine Zweigstelle in Bengasi in Afrika. 2 H Die Ausbildung Schönfelders zum Kriegsrichter begann an einem Tag voll Symbolik für die Unrechtsgeschichte des Dritten Reiches. An jenem 26.April 1942 hielt des deutschen Volkes Oberster Gerichtsherr Adolf Hitler vor dem Reichstag seine unter den Juristen wie ein Blitz einschlagende Rede: Der Führer warf den doch so willigen Richtern und Staatsanwälten des Reiches vor, ihre Urteile seien zu lasch und er werde jeden Richter oder Staatsanwalt, der die Zeichen der Zeit nicht erkenne, ohne Rücksicht auf Gesetz und erworbene Rechte aus dem Amt jagen.236 Auch die Kriegsgerichtsbarkeit sah sich von Hitlers Kritik getroffen. Am 26. September r 942 kam es zu einer "Art Revirement" im Reichskriegsgericht: "Aufgrund eines Führer-Erlasses wurden als weich und zurückhaltend geltende Richter in den Ruhestand versetzt .. . "237 Am gleichen 26.September 1942 schrieb der Chef des Oberkommandos der Wehrmacht, Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel, einen 123 Brief an den Chef des Heeresjustizwesens. Darin liest man: "Der Führer hat bei der Berufung des Reichsministers der Justiz238 darauf hingewiesen, daß zur Erfüllung der Aufgaben des Großdeutschen Reiches eine starke Rechtspflege erforderlich ist. Diese Parole gilt auch für die Justiz der Wehrmacht. Mit der Arbeit der Heeresjustiz im gegenwärtigen Schicksalskampf unseres Volkes bin ich im allgemeinen zufrieden. Sie hat ihre Aufgabe erkannt und ihren Teil dazu beigetragen, Zersetzungserscheinungen im Keime zu erstikken ... Nicht zuletzt setze ich als selbstverständlich voraus, daß der Richter jeden Ranges fest in der nationalsozialistischen Weltanschauung wurzelt und seine Arbeit danach ausrichtet. Dieses Gedankengut weiter zu vertiefen, ist eine Aufgabe, die ich dem Chef der Heeresjustiz besonders ans Herz lege. Die richtige Auswahl der Persönlichkeiten, die zu Heeresrichtern . . . berufen werden, ständige Erziehung und entschlossene Steuerung der Rechtspflege schaffen die Grundlage für ein Richterkorps, das durch Haltung und Leistung hervorragt." 239 Diese an die Heeresrichter gerichteten Worten galten auch für die Gerichte der Luftwaffe. Sie waren Leitlinie für die Ausbildung Heinrich Schönfeldcrs zum Kriegsgerichtsrat. Einzelheiten der Ausbildung sind unbekannt Über Einzelheiten dieser Ausbildung ist nichts überliefert. Aus privaten Mitteilungen weiß man, daß Schönfelder im Mai r 942 nach Griechenland geschickt wurde. Was er dort auf dem militärischen Felde tat, ist bisher nicht bekannt. In einem eher die humanistische Ader ansprechenden Brief an seine Bundesbrüder hat er über einen Besuch in Athen berichtet. In den "Sommer-Mitteilungen für die alten Schotten" vom August 1942 liest man, Schönfelder habe Anfang Mai die schon 1938 besuchten Weihestätten des alten Hellas bewundern können. Man zitiert wörtlich: "So eine Voll- 124 mondnacht auf der Akropolis wiegt mit ihrem einzigartigen Zauberall die kleinen Nachteile auf, die eine vom Krieg betroffene Großstadt gegenüber dem Aufenthalt in der schönen Stadt am Tiber hat. ,"40 Mögliche Aspekte der Praxis des Kriegsrichters Schönfelder Solange Schönfelder bei einem Feldgericht eingesetzt war, judizierte er - in der Terminologie der Kriegsstrafverfahrensordnung24' - an einem "erkennenden Gericht". Er konnte unterschiedliche Funktionen haben. Er konnte als Verhandlungsleiter agieren; neben ihm fungierten dann zwei Beisitzer, deren einer Offizier sein mußte. Der andere war möglichst aus der Rangklasse und Laufbahn des Angeklagten zu bestimmen. Schönfelder konnte aber auch als Untersuchungsführer tätig sein. In diesem Fall hatte er den Sachverhalt zu erforschen, die Anklage zu vertreten und die Vorbereitungen zur Hauptverhandlung zu treffen. Und auch das gehörte zu den Aufgaben: Urteile zu vollstrecken, Strafzeiten zu berechnen. Kriegsrichter hatten den Gerichten in der Heimat Rechtshilfe zu leisten und Soldaten auf den Gebieten der Freiwilligen Gerichtsbarkeit zu betreuen. Besonders benannte deutsch-italienische Verbindungsrichter hatten die Beziehungen zur italienischen Kriegsgerichtsbarkeit zu pflegen. Schon im Blick auf seine Sprachkenntnisse hat Schönfelder hier ein Betätigungsfeld gefunden. 242 Etwas konkretere Hinweise auf Schönfeldcrs Praxis als Kriegsrichter ergeben sich aus den wenigen Aktensplittern, die ltaluft hinterlassen hat. Seine Arbeit muß von Anfang an geprägt gewesen sein von dem Ringen der deutschen Führung um das Ansehen der Wehrmacht in Italien; daneben auch von der Bekämpfung von Wachvergehen und von Alkoholexzessen. 125 Der Kampf ums Ansehen der Wehrmacht Die Akten zeigen, daß Italuft allergrößten Wert darauf legte, die deutschen Soldaten zu korrektem Betragen und zur Einhaltung der italienischen Gesetze anzuhalten - wer sich nicht danach verhielt, der hatte mit dem Kriegsgericht zu rechnen. In einem Merkblatt zum Thema "Allgemeines Verhalten der deutschen Soldaten in Italien" kündigte General von Pohl, der Chef von ltaluft mit aller Deutlichkeit an: "Straftaten deutscher '~ehrmachtsangehöriger werden nach deutschen Strafgesetzen von deutschen Kriegsgerichten abgeurteilt. Eine Verletzung italienischer Hoheitsrechte und italienischer Privatinteressen, sowie jede Schädigung des Ansehens der deutschen Wehrmacht wird jedoch bei der Bemessung der Strafe entscheidend berücksichtigt, wenn auch persönlich genügend Entschuldigungsgründe vorhanden sein mögen." Und: "Die Vorgesetzten sind für das Verhalten ihrer Einheit und für die Beachtung der obigen Grundsätze verantwortlich. Bei groben Verstößen werden sie wegen Verletzung der Aufsichtspflicht kriegsgerichtlich zur Verantwortung gezogen werden.2 <43 Bekämpfung von Wachvergehen Und Wachvergehen? Die Abteilung Feldgericht des Stabes ltaluft wertete die Rechtsprechung der nachgeordneten Gerichte systematisch aus. Wenn sich bestimmte Delikte häuften, erging an die Einheiten von Italuft der Befehl, sich vornehmlich der vorbeugenden Bekämpfung solcher Delikte zu widmen. Unter dem 29.April 1942- drei Tage, daß Schönfelder im Justizamt ist- erließ General von Pohl eine vom Chefrichter seines Feldgerichts entworfene Verfügung betreffend Wachvergehen:244 Wachvergehen hätten, wie die Urteile der Feldkriegsgerichte in letzter Zeit zeigten, in un- 126 gewöhnlichem Maße zugenommen; sie stellten bereits einen beachtlichen Prozentsatz aller Verurteilungen dar. Fast stets handele es sich um den gleichen Fall: der Wachtposten werde schlafend angetroffen. Offenbar fehle das Bewußtsein der möglichen Folgen solchen Fehlverhaltens für die Truppe - es mangele aber auch an dem Wissen "um die erheblichen strafrechtlichen Folgen, die sich für den einzelnen ergeben". Vorbeugen ist besser als strafen: Von Pohls Verfügung verlangt Verstärkung des Wachunterrichts. "Dabei sind auch die in den Veröffentlichungen von Feldurteilen enthaltenen Bestrafungen wegen Wachvergehens zu besprechen." Vino rosso Und dann der italienische Wein! Der alkoholreiche Trunk beflügelte die Rechtstatsachenforschung im Stabe von ltaluft. Unter dem I 1. Mai I 942 erließ General von Pohl eine wiederum von seinem Chefrichter entworfene Verfügung betreffend "Bekämpfung von Alkoholexzessen deutscher Soldaten."245 Von Pohl sah durch die Folgen von Alkoholmißbrauch nicht nur das Ansehen der Wehrmacht bei der italienischen Bevölkerung bedroht, sondern auch das innere Gefüge der Truppe. Wie schon bei den Wachvergehen bieten Analysen der Feldgerichts-Urteile die Basis harter Maßnahmen: Eine Übersicht über die kriegsgerichtliehen Verurteilungen zeige, daß der überwiegende Teil aller Verurteilungen in irgendeiner Weise durch vorhergehenden Alkoholgenuß bedingt sei; schwere tätliche Angriffe auf Vorgesetzte, Widersetzlichkeiten und Gehorsamsverweigerungen seien neben anderen Straftaten die Folgen von Alkoholgenuß gewesen. "Nicht nur waren es asoziale Elemente, ... häufig sind es die besten Unteroffiziere und Mannschaften, die im alkoholisierten Zustande völlig persönlichkeitsfremde Taten begehen und zu Verbrechern werden. Die notwendige harte Bestrafung vernichtet dann oft die Existenz eines I27 bisher pflichtgetreuen Mannes und entzieht der Wehrmacht wenvolle Menschen ... ". Von Pohl kündigt eine ausgeklügelte Gegenstrategie an: Er verbietet allen Soldaten, sich betrunken oder angetrunkert in der italienischen Öffentlichkeit zu zeigen. Kleinere Ver·stöße gegen die Anordnung werden disziplinarisch bestr~ft. Disziplinarvorgesetzten, die nicht gehörig einschreiten, droht der General ein kriegsgerichtliches Verfahren wegen mangelnder Dienstaufsicht an. Bei Straftaten unter Alkoholeinfluß ist das Kriegsgericht einzuschalten; grober Unfug oder mhestörender Lärm gilt bereits als Straftat und erst recht ist das Kriegsgericht zuständig, wenn zwar keine Str:aftat vorliegt, aber der angetrunkene Soldat wegen seines Zustandes bei Italienern erheblichen Anstoß erregt hat zmn Beispiel weil italienische Kinder spotten oder im BeiseiJn von Erwachsenen mit Steinen werfen auf die deutschen Kämpfer. Und: "Die Feldkriegsgerichte werden ihrer bisherig•en Pr.1xis entsprechend hohe Strafen verhängen" - nämlich Gefingnisstrafen und Rangverlust. 'Weil aber auch hier Vorbeugen besser ist als strafen, müssen! die Soldaten über Alkoholmißbrauch und seine Folgen beltehrt werden. Die Leute müssen wissen, "daß der italienischte Wein besonders stark und schnell wirkt und daß die Hiltze d:e Wirkung steigert." Nachdruck steigert den Lernerrfolg: Beim Unterricht "sind die zur Belehrung der Truppe über~ndten kriegsgerichtliehen Urteile zu verwerten." iAn deser Stelle ist anzumerken: Die regelmäßige Bekarnntga:,e von Urteilen der Kriegsgerichte "zur Belehrung derr Truppe" 246 war mit ein Teil der Tatigkeit des Feldgeridhts vm Italuft. Neben der Belehrung stand die Beratung: Da1s Feldgericht von ltaluft erbot sich ausdrücklich in einer Ve~rfügmg des Generals von Pohl vom 25.}uni 1942, die Tnuppe .n Rechtsfragen, besonders bei Straf-, Disziplinarun4d Bes:hwerdefällen zu beraten. 247 128 Schönfelder am Ausbildungsziel: Eine Beurteilung Schönfelders Ausbildung zum Kriegsgerichtsrat verlief erfolgreich. Unter dem 14. Dezember 1942 gab "Der DienstaufsichtrichteT im Bereich des Generals der deutschen Luftwaffe beim Oberkommando der Kgl. Italienischen Luftwaffe" eine Beurteilung über Schönfelder ab. Das Wortstakkato militärisch knapper Sprache sagt unter anderem: "Als Untersuchungsführer, Anklagevertreter und Verhandlungsleiter tätig. Selbständige Bearbeitung eines Dezernats, daneben als Dolmetscheroffizier mit verschiedenen Aufgaben betuut. Ehrgeizig, arbeitsam. Charakterlich keine Bedenken. Auftreten und Umgangsformen: militärisch und ohne Tadel. Vorgesetzten gegenüber zuvorkommend. Ausserdienstliches Verhalten einwandfrei. Positive Einstellung zum nationalsozialistischen Staat. Körperlich voll leistungsfähig. Geistig befriedigend veranlagt. Allgemeinbildung, gute Rechtskenntnisse, zeigt merkbaren Diensteifer. Dienstliche Leistungen in der Regel brauchbar. Arbeitsweise sorgfältig, wenn auch etwas umständlich. Verhandlungsleitung sehr gründlich, jedoch noch etwas langsam. Mündlicher Vortrag reicht aus. Vernünftiges Urteil, Verständnis für die notwendige Härte des Strafmaßes, bemüht, den Richtlinien und Wünschen vorgesetzter Stellen zu entsprechen. Begabung liegt mehr auf dem Gebiete der Verwaltung, der Organisation, der Besprechungen mit deutschen und italienischen Dienststellen. Recht gute Sprachkenntnisse. Dadurch äu- ßerst nützlich bei der Verbindung mit italienischen Dienststellen. Keine Führereigenschaften. Füllt seine Stelle aus. An richtigem Platze eingesetzt, verspricht er, ein befriedigender Militärrichter zu werden. Zur Übernahme als Kriegsgerichtsrat des Beurlaubtenstandes ohne Bedenken • " 248 gee1gnet . Der Chefrichter und Rechtsberater beim Oberbefehlshaber Süd schloß sich dieser Beurteilung Ende Dezember 129 I942 an und fügte Lobendes hinzu: "Er ist im Bereich Italien und Sizilien deswegen besonders wertvoll, weil er als einziger deutscher Richter die italienische Sprache gut beherrscht und gute Beziehungen zur italienischen Militärgerichtsbarkeit hat". 249 Im Ernennungsvorschlag, den der Chefrichter der Luftflotte dem Reichsminister der Luftfahrt und Oberbefehlshaber der Luftwaffe in Berlin unterbreitet, schreibt er, Schönfelder sei "fachlich gut geeignet." Wie immer der erfahrene Leser solcher Beurteilungen die Darlegungen einschätzen mag: Die Leistungen reichten aus - wenn auch eine große kriegsrichterliche Karriere nicht zu erwarten stand. Jetzt mahlten die Mühlen der Luftwaffen- Bürokratie. Das dauerte. Erst am 1. September I 94 3 wurde Schönfelder zum Kriegsgerichtsrat ernannt. Damals hatte die Heeresgruppe Afrika-am I3.Mai I943 -längst kapituliert. Die Alliierten waren - im Juli I943 - auf Sizilien gelandet. Britische Truppen schickten sich unter Montgomerys Befehl an, über die Strasse von Messina auf das italienische Festland überzusetzen. Mussolini war - am 25.Juli I 94 3 - abgesetzt und verhaftet worden. Am 8. September I 94 3 sollte der Austritt Italiens aus dem Krieg offiziell verkündet werden. Am I2.September I943 würde Mussolini von deutschen Truppen befreit werden und in Norditaiien eine faschistische Republik namens Soziale Republik Italien errichten. 250 Schönfelder wird Kriegsgerichtsrat der Luftwaffe Bis zu seiner tatsächlichen Ernennung zum Kriegsgerichtsrat amtierte Schönfelder weiter als Militärrichter kraft Auftrags. Rekonstruieren läßt sich dies: Bis März 1943 blieb er beim Feldgericht des Deutschen Generals beim Oberkommando der Kgl. Italienischen Luftwaffe. Ab April I943 war er zur Dienststelle Chefrichter und Rechtsberater beim Chef der Luftflotte 2 kommandiert. Ab November I943 I30 war er dorthin formell versetzt. Die Luftflotte 2 kämpfte unter dem Befehl des Feldmarschalls Wolfram von Richthofen25' in Italien. Von Richthofens früher Ruhm stammte aus den Zeiten des Spanischen Bürgerkrieges. Er war der letzte Stabschef der als "Legion Condor" bekannt gewordenen Luftwaffeneinheit gewesen, die Hitler zur Unterstützung Francos nach Spanien geschickt hatte und deren Name auf immer mit der Schande der Bombardierung von Guernica verbunden bleiben wird. Unter einer Luftflotte darf man sich "eine kleine Luftwaffe für sich'"52 vorstellen, in der alle Verbandsarten der Fliegertruppe - unter Einschluss der Bodenorganisation und des Nachschubs - zusammengefasst waren; Flakartillerie und Luftnachrichtentruppe gehörten dazu. Ebenfalls gehörten zur Luftflotte diejenigen Einheiten der Luftwaffe, die im taktischen Verband von Heereseinheiten kämpften - hier sind Fallschirmtruppen und Luftwaffen-Felddivisonen zu nennen. Schönfelder füllte die Dienststellung eines Kriegsgerichtsrats der Luftwaffe aus und war als Verhandlungsleiter, Dezernent und deutsch-italienischer Verbindungsrichter eingesetzt. Einzelheiten seiner Verwendungen sind nicht überliefert. Sagen läßt sich lediglich, daß er nicht nur beim Stab der Luftflotte, sondern meist bei einem Feldgericht tätig war - und daß er nicht unter Überlastung gelitten hat. Schlüße in diese Richtung sind möglich, weil Schönfelder seine Gewohnheit beibehielt, seinen Bundesbrüdern auf dem Schottenhaus zu Tübingen vom Gang seiner militärischen Laufbahn zu berichten. In den Sondermitteilungen für die alten Schotten vom Juni 1943 heißt es: "Schönfelder grüßt von einer großen Insel im Mittelmeer, "wo man naturverbunden und weltentrückt lebt." Er freute sich im März 1943 nach 16 Monaten auf den ersten Deutschland-Urlaub, den er inzwischen hoffentlich antreten konnte." 253 Es läßt sich nur spekulieren, um welche große Insel im Mittelmeer es sich da gehandelt haben könnte. Sizilien wird es kaum gewesen sein- im März 1943 bereitete sich drüben in Tunesi- 131 enderUntergang des Afrika-Korps vor und Sizilien war ein wichtiger, agiler und mitnichten weltentrückter Stützpunkt der Deutschen. War es Sardinien? Es gehörte zum Zuständigkeitsbereich von ltaluft und wäre jedenfalls im März I 94 3 noch halbwegs "weltentrückt" gewesen - ab Mai I 94 3 wäre es damit freilich vorbei gewesen, denn die Alliierten begannen, die Basen der Luftwaffe auch auf dieser Insel anzugreifen. Schönfelder beim Stab der Luftflotte 2 Glaubt man Schönfelders Mitteilungen an seine Bundesbrüder weiter, so müßte er seine Aufgaben bei jenem Feldgericht auf der weltentrückten Insel spätestens im Juli I943 mit einer Funktion im Stab der Luftflotte 2 vertauscht haben: "Schönfelder, bisher Oberleutnant, wurde zum Kriegsgerichtsrat der Luftwaffe ernannt und arbeitet nach wie vor in Italien, wo er die Juli- und Septemberereignisse im Stab einer Luftflotte aus nächster Nähe erlebte."'S4 Man weiß nicht, welche Aufgaben Schönfelder in jenen Monaten beim Stab hatte. Richterliche Tatigkeiten wären von den Funktionen geprägt gewesen, die der Chef der Luftflotte als deren Gerichtsherr auszuüben hatte. Im wesentlichen wäre es dann um die Bestätigung der Urteile von Feldkriegsgerichten der Luftwaffe gegangen. Ware es so, hätte der Schwerpunkt von Schönfelders Tatigkeit auf der Erstellung von Gutachten gelegen, die dem Chef der Luftflotte die Grundlage für seine Entscheidung lieferten, ob er ein Urteil bestätigte oder ob er eine Neuverhandlung anordnete. Eine andere Aufgabe des Chefrichters der Luftflotte und seiner Mitarbeiter bestand darin, die Urteile der Kriegsgerichte auszuwerten und daraus Schlüsse für die Praxis der Truppe zu ziehen. Überliefert ist ein "Merkblatt" der Luftflotte "für die Bekämpfung der Fahnenflucht". Es empfiehlt, Fahnenflucht schon im Ansatz und dadurch zu IJ2 bekämpfen, daß Formulare für Marschbefehle, Wehrmachts-Fahrscheine, Urlaubsscheine immer sicher unter Verschluß gehalten werden: Es habe sich nämlich gezeigt, daß verurteilte Fahnenflüchtige allzuleicht an solche Dokumente herangekommen waren.' 55 - Weil die Analyse ergibt, daß Soldaten sich aus Furcht vor schwerer Bestrafung kleinerer Fehler von der Truppe entfernen, belehrt der Chefrichter die Vorgesetzten: Sie sollten die Angst der Soldaten nicht durch übertriebene Strafandrohungen bis zur Hoffnungslosigkeit steigern und von Voraussagen über die zu erwartende Strafhöhe absehen!56 Selbstverständlich sorgt der Chefrichter dafür, daß Urteile der Kriegsgerichte überall in der Luftflotte bekannt werden- zur allgemeinen Abschrekkung und zur Belehrung der Truppe. Die Verwendung Schönfeldcrs im Stab der Luftflotte könnte freilich andere Gründe gehabt haben. In den Schotten-Mitteilungen waren die "Juli- und Septemberereignisse" des Jahres 194 3 erwähnt. Das klingt obskur und läßt doch gewisse Schlüsse zu. Mit den Ereignissen vom Juli ist die Verhaftung und Absetzung Mussolinis am zs.Juli 1943 gemeint. Seit dieser Verhaftung rechnete die deutsche Führung mit einem Austritt Italiens aus dem Krieg. Für diesen Fall traf die Wehrmachtführung umfangreiche Vorbereitungen mit dem Ziel, Italien militärisch zu besetzen und die italienische Kriegsmacht auszuschalten - in den Stäben in Italien muß es eine Zeit höchster Aktivität gewesen sein2 57 und Schönfeldcrs Sprachkenntnisse könnten besonders geholfen haben bei der Bewältigung der Aufgaben. Mit den "September-Ereignissen" sind die Vorgänge umschrieben, die sich nach dem 3.September 1943 seit dem Abschluß des Waffenstillstandes zwischen der neuen und legitimen italienischen Regierung unter Marschall Badoglio und den West-Alliierten abspielten: Die Wehrmacht besetzte Italien; die italienische Armee wurde entwaffnet und gefangengesetzt. Die Erschiessung von mehreren tausend italienischen Militärs durch deutsche Truppen markiert den Beginn deutscher 133 Kriegsverbrechen in Italien.258 Viele tausend italienische Soldaten wurden als Arbeitskräfte nach Deutschland deportiert; nicht wenige entkamen und bildeten den Grundstock der italienischen Partisanen. Am u.September 1943 befreiten deutsche Einheiten den auf dem Gran Sasso gefangen gehaltenen Mussolini. Unter seiner Führung bildete sich im nicht von den Alliierten besetzten Teil Italiens eine Soziale Republik Italien, die mit dem Deutschen Reich im Bunde blieb. Bald nach diesen dramatischen Vorfällen muß Schönfelder wieder zu einem Feldgericht versetzt worden sein. In ei-· nem amtlichen Schreiben vom 21. Oktober 194 3 liest man: Schönfelder sei zur Zeit eingesetzt beim Feldgericht des Kommandierenden Generals und Befehlshabers im Feldluftgaukommando XXVIII. Dieses Kommando hatte seinen Sitz in Mailand und war der Luftflotte 2 unterstellt.259 Schönfelders Praxis als Feldrichter im Feldluftgaukommando XXV I I!: Keine "offiziellen" Zeugnisse Man weiss auch von dieser richterlichen Tätigkeit Schönfeldcrs nichts Offizielles. Damit muß man sich abfinden. Von Kriegsgerichten der Luftwaffe sind nur wenige Akten erhalten geblieben. Nach den Forschungen von Fritz Wüllner lagern im Bundesarchiv lediglich rd. 4 8oo derartiger - oft unvollständiger - Akten. 26° Für unseren Zusammenhang sind sie nicht einschlägig. Sinnlos, zu hoffen, es hätten sich Spuren seines Wirkens bei der Gerichtsaktensammelstelle der Luftwaffe in Berlin erhalten: Wie Fritz Wüllner unter Berufung auf Rudolf Absolon mitteilt, ist diese wohl im Gebäude des Reichsluftfahrtministeriums in Berlin untergebrachte Sammelstelle durch Bombeneinwirkung "verloren gegangen"; zudem hat es beim "Luftarchiv der dt. Luftwaffe" gezielte Vernichtsaktionen gegeben.26 ' Amtliche Zeug- 134 nisse über Schönfelder Arbeit als Verbindungsrichter zu italienischen Dienststellen fehlen ebenfalls. Auch damit wird sich der Forscher abfinden müssen: Die Überlieferung von Akten der in Italien eingesetzten Luftflotte 2 ist nur bruchstückhaft. Praxis der Luftwaffengerichte in Italien Einen ganz beschränkten Einblick in die Urteilspraxis der Feldgerichte der Luftwaffe in Italien lassen lediglich die wenigen - auf uns gekommenen Luftflottenbefehle der Luftflotte 2 zu.262 Sie setzen ein im August I943 und sind etwa ein Jahr weit zu überblicken. Zivilem Verständnis erscheinen diese Dokumente ungeachtet ihres Titels eher als eine Art Mitteilungsblatt für die Dienststellen und Einheiten im Bereich der Luftflotte. Unter anderem wurden fast in jedem dieser Befehle einige Urteile von Kriegsgerichten mitgeteilt - zur Warnung und zur Belehrung aller, die es angeht. Zwar läßt sich keine dieser Entscheidungen dem Kriegsrichter Schönfelder zuordnen - aber sie sagen doch etwas aus über die Moral der Luftwaffengerichte und damit auch über seine Tätigkeit. 5 Jahre Gefängnis und Rangverlust treffen einen Offizier, der in Sizilien vier Vierlings-Flak-Geschütze, die nicht weggebracht werden konnten, zu früh sprengen ließ: "Das verhältnismäßig milde Strafmaß war auf die gute Qualifikation des Offiziers und auf den Umstand, daß er am Vortage I I Flugzeuge und 2 Lastensegler des Feindes abgeschossen hatte, zurückzuführen." 263 8 Jahre Zuchthaus, Verlust der Wehrwürdigkeit treffen den Unteroffizier eines Verpflegungslagers, der von italienischen Schwarzhändlern bewirtschaftete Strümpfe und Stoffe ankauft und mit erheblichem Gewinn an deutsche Urlauber weiterverkauft.264 6 Monate Gefängnis, Rangverlust für den Geschützführer eines Flak- Geschützes wegen fahrlässigen Ungehorsams im Felde- er I35 war zu früh zurückgegangen. 1 Jahr Gefängnis und Rangverlust für einen Unteroffizier und Geschützführer wegen Ungehorsams und Preisgabe eines Wehrrnittels, der dem Drängen seiner Leute nachgibt und die angeblich unhaltbare Stellung räumt und das Geschütz unbrauchbar macht: Er habe als Vorgesetzter völlig versagt.265 Es folgen Todesurteile wegen Fahnenflucht von Luftwaffengerichten und -wohl zur allgerneinen Warnung- ein Hinweis auf ein Urteil des Feldgerichts des Deutschen Kornmandanten Rom, das die Todesstrafe verhängte gegen zwei Soldaten, die aus dem von ihnen verwalteten Depot 400 Liter Benzin an Italiener verkauft haben. Ebenfalls zum Tode verurteilt ist ein Obergefreiter, der einem Verbot des Oberbefehlshabers Südwest zuwider ein italienisches Zivilfahrzeug beschlagnahmt hat dies ist nämlich "Plündern" .266 Der Einheitsführer, der dies duldete, ist zu schwerer Strafe und Rangverlust verurteilt. Soldaten stehlen Zucker, verkaufen ihn an italienische Zivilisten: 4 Jahre Zuchthaus, 2 mal 2 Jahre Zuchthaus, Ausstossung aus der Wehrmacht. Zwei Obergefreite, die auf einem Fliegerhorst in Süditalien nach und nach 38 Faß Flugbenzin an Italiener verkaufen: 2 mal Todestrafe. 267 Ein Oberfeldwebel, Flugleiter, der den Flugplatz bei drohender Luftgefahr verläßt mit der Bemerkung, man müsse sich in Sicherheit bringen: 5 Jahre Zuchthaus wegen Feigheit.268 Genug der Beispiele. Leben und Arbeit Schönfelders nach seinen Briefen Es muß unterstrichen werden: Keines dieser Urteile läßt sich Heinrich Schönfelder zuordnen. Aber sie lassen erkennen, wie Luftwaffengerichte judiziert haben und wie die Führung deren Urteile zur allgerneinen Warnung der Truppe einsetzte. Schönfeldcrs feldrichterliche Praxis kann sich nicht unterschieden haben von der allgerneinen Linie. Die deutschen Kriegsgerichte waren Instrumente der Führung IJ6 zur Durchsetzung dessen, was der Jargon der Wehrstrafrechder die "Manneszucht" nannte - simpler gesagt: Sie hatten die Disziplin und äußerste Kampfbereitschaft der Truppe mit ihren kriegsrichterlichen Mitteln zu sichern. Richter, die den Vorgaben der Führung nicht nachkamen, wären entfernt worden. Schönfelder entsprach den Anforderungen an einen Kriegsrichter: In der Beurteilung vom Dezember 1942 waren sein vernünftiges Urteil und sein Verständnis für die notwendige Härte des Strafmaßes hervorgehoben worden; der Dienstaufsichtrichter hatte ihm jedenfalls das Bemühen attestiert, den Richtlinien und Wünschen vorgesetzter Stellen zu entsprechen. Etwas genauere Einblicke in die Praxis des Kriegsgerichtsrats Schönfelder- aber auch in sein Leben auf dem italienischen Kriegsschauplatz -lassen sich gewinnen aus einigen Briefen von seiner Hand. Sie setzen etwa zu der Zeit ein, als er vom Chefrichter der Luftflotte 2 zum Feldgericht beim Feldluftgaukommando XXVIII versetzt worden war. Sie erlauben es, seine Spur zu verfolgen. Im Dezember 194 3 war er - wohl in richterlicher Funktion - in Siena. Die Stadt, "das einzigartige, mittelalterliche Siena" hat ihn stark beeindruckt; eine selbst hergestellte Fotografie des Ortes zierte seither seine Arbeitszimmer. Ende Januar 1944 hat die Absicht bestanden, ihn zum Feldgericht der in Italien stehenden 25. Flak-Division zu versetzen; dazu kam es zunächst nicht. Am 5.Februar 1944 schreibt er, er sei in Ferrara gewesen und siedle nunmehr zu einem anderen Feldgericht um: "Hoffentlich finde ich einigermassen nette Verhältnisse." Bei dem anderen Feldgericht - es ist eben erst errichtet worden - findet Schönfelder "natürlich noch etwas primitive Verhältnisse" vor; freilich herrsche, so schreibt er, "im großen und ganzen ein netter kameradschaftlicher Ton, so daß schon auszukommen sein wird." Deutlich trauert der Feldrichter Schönfelder seiner "alten Dienststelle" beim Chefrichter der Luftflotte 2 nach: "Dort gefiel es mir besser. Aber man gewöhnt sich überall 137 hin." Schönfelder pflegt auch jetzt sein fotografisches Stekkenpferd. Den Farbfilm schickt er zum Entwickeln nach Berlin: Wenn er nicht durch Bomben vernichtet werde, könne er ihn in etwa drei Monaten zurückerwarten. Schönfelder wird vom Generalfeldmarschall von Richthofen gelobt Kaum hat sich Schönfelders in der neuen Dienststelle eingewöhnt, da erreicht ihn am I 2. Februar I 944 der Befehl, sich bei der Luftflotte einzufinden, um den Chefrichter zu vertreten - dieser reiste auf I4 Tage heim ins Reich und weil auch der reguläre Vertreter, Schönfelders "alter Kamerad, Kriegsgerichtsrat Professor Siegerts", in die Heimat fährt, muß Schönfelder den Vertreter machen. Und er blüht auf. "Das ist sehr schön", schreibt er am I4. Februar, "denn hier bin ich beliebt, geschätzt und geachtet. Gestern abend, nach dem Abendessen, zum Mokka, setzte sich der Generalfeldmarschall von Richthofen neben mich und unterhielt sich nur mit mir über alles Mögliche wie auch schon bei früheren Gelegenheiten. Auf der anderen Seite saß der deutsche Generalkonsul von Venedig Dr. Köster und erzähite sehr interessant von seinen Posten in der ganzen Welt. Ein italienischer Graf mit seinem 24 jährigen Sohn (Student der Rechte in Padua) war auch da und alles staunte über meine guten italienischen Sprachkenntnisse. Der deutsche Diplomat fragte, warum ich mit meinen Sprachkenntnissen nicht in den Auswärtigen Dienst gehe, verstand es aber vollkommen, als ich ihm von meiner wissenschaftlich-literarischen Tätigkeit erzählte. Meine schriftstellerischen Erfolge erregten natürlich wieder bei der ganzen in behaglichen Clubsessein zusammensitzenden deutsch-italienischen Runde hohe Bewunderung. Auch der Feldmarschall bemerkte mit Befriedigung, was für einen bekannten Juristen er in seinem Stabe hat." Ganz offensichtlich sind das gesellschafliehe Leben im Umkreis des Chefs der Luftflotte und die ihm zuteil werdende Anerkennung und Bewunderung wesentliche Gründe dafür, daß Schönfelder sich beim Stab besonders wohl gefühlt hat. Kurz nach der eben geschilderten Szene schreibt er dies nach Hause: "Gestern zum Abendessen waren der deutsche Botschafter Rahn und seine junge Frau unsere Gäste, auch der deutsche Konsul von Florenz, ein Dresdner. Der Feldmarschall scheint mit mir sehr einverstanden zu sein." Wahrlich, ein bedeutsamer Rahmen! Botschafter Rahn war kein geringerer als der Bevollmächtige des Deutschen Reiches in Italien. 269 Der Brief schließt resignativ. "In 8 Tagen werde ich wohl wieder an meine kleine ländliche Dienststelle zurückkehren." Schönfelder mußte seine "alte, liebe Chefrichter-Dienststelle" wieder verlassen. "Es ist sehr traurig", schreibt er am 27. Februar 1944. "Jetzt, in meiner traurigen Grundstimmung tut mir jeder Abstand doppelt gut." Schönfelder und die Ehekrise Schönfelders Resignation und traurige Grundstimmung sind sehr verständlich. Er durchlebte die schmerzlichste Phase seines Lebens. Seine Ehe war in die Brüche gegangen. Der Urlaub an Weihnachten 1943 hatte den Zusammenbruch offenbart. Seine Gattin gestand gleichsam unter dem geschmückten Weihnachtsbaum und im Anblick der aus Italien mitgebrachten Geschenke ihre Beziehung zu einem anderen Mann ein. Sie bat, wie das zu jenen Zeiten wohl so Sitte war, sie freizugeben. Schönfelder, ins tiefste getroffen, leitete die Scheidung ein. Von Italien aus korrespondierte er mit seinem Anwalt - häufig im Stile jener Mandanten, die als Männer vom Fach die Freude eines jeden Rechtsanwalts sind. Er macht unliebsame Erfahrungen mit einem zögerlich judizierenden Richter: "Zum Unglück hat ein Rieb- 1 39 ter den Prozeß in die Hände bekommen, der den Prozeß nur sehr langsam erledigt." Die Gattin nimmt ihrerseits einen Anwalt. Dramatische Telefongespräche der Eheleute gehen zwischen Italien und Dresden hin und her. Briefe werden geschrieben, in denen sich die verzweifelte Wut Schönfelders über das Gebaren seiner Gattin und Mutter seiner Kinder Luft macht. In vielen Briefen vertraut er sich seinen Eltern an. Ein Brief vom 15. Februar I 944 - Schönfelder ist eben wieder bei der Luftflotte eingetroffen - endet mit den Worten: "Dem Trunke ergebe ich mich nicht, dazu ist mir Alkohol im Überfluß viel zu widerlich. Ich tröste mich mit meiner Arbeit und der Hochschätzung, die ich überall in meiner Umgebung antreffe." Schönfelder und die Plünderungen deutscher Soldaten in Italien Schönfelders Zeit als Vertreter des Chefrichters der Luftflotte 2 endete Ende Februar 1944· Bevor er zu seinem Feldgericht zurückkehrt, vertraute man ihm eine heikle Mission an: Er sollte die Witwe des umgekommenen italienischen Luftmarschalls Balbo2 7 0 zu bestimmtem Zweck aufsuchen. Wir lassen Schönfelder berichten: "Ich fahre morgen" - so schreibt er unter dem Datum des 27.Februar 1944- "bei trübem Wetter im Führerhaus eines Lastwagens nach Stresa (Lago Maggiore) und muß der Witwe des gefallenen Luftmarschalls Balbo eine Menge Sachen zurückgeben, die deutsche Soldaten aus dem Jagdschloß von Görings Freund wegnahmen." Das ist eine wahrhaft feine Anspielung - nicht nur auf die freundschaftlichen Beziehungen zwischen Italo Balbo und Hermann Göring, die beide als führende Faschisten und als Organisatoren der Luftrüstung in ihren Ländern hervorgetreten waren, sondern auch auf den mehr als laschen Umgang deutscher Soldaten mit italienischem Eigentum. Welehe deutschen Soldaten Balbos Jagdschloß ausgenommen haben, ist nicht klar. Da ein Luftwaffenrichter mit der peinlichen Mission betraut wurde, liegt es nahe, einen Zusammenhang mit Luftwaffeneinheiten anzunehmen. Immerhin haben sich nicht zuletzt Fallschirmjägereinheiten beim Raub von Kunstgegenständen und Bibliotheken oder als ganz ordinäre Plünderer in Italien einen schändlichen Namen gemacht. 271 Ihr Treiben veranlasste den General Lemelsen - er befehligte als Chef der 14. Armee auch Fallschirmjäger-Einheiten - im Juli 1944 zur Beschwerde bei Feldmarschall Kesselring, dem Oberbefehlshaber in Italien. Lernelsen beklagte, als Heeresgeneral habe er keine Möglichkeit, gegen die Plünderer gerichtlich einzuschreiten; "ob die allein zuständigen Luftwaffengerichte aber etwas täten, entziehe sich seiner Kenntnis, Kesselring möge deshalb die Luftwaffengerichte zu "schonungslosem Durchgreifen" veranlassen." 272 Schönfelder besucht die Witwe des Luftmarschalls Balbo Ob der Kriegsgerichtsrat der Luftwaffe Dr. Schönfelder mit derlei Straftaten befasst war, wissen wir nicht. Sicher ist allein, daß er die delikate Aufgabe hatte, an der Bewältigung der Folgen solcher Aktionen mitzuwirken und die Witwe Balbo aufzusuchen. Da Gerichtakten nicht überliefert sind, sind Spekulationen erlaubt: Es könnte sein, daß Schönfelder die Beweisstücke eines Kriegsgerichtsverfahrens auszuliefern hatte, das gegen Luftwaffensoldaten geführt worden war nachdem eine ordentliche Verfügung über die Beweisstücke vorlag. Daß man einen leibhaftigen Kriegsgerichtsrat mit der Erledigung beauftragte, mag mit am Rang des Bestohlenen und der Stellung seiner Witwe gelegen haben. Daß Schönfelder entsandt wurde, ist eigentlich selbstverständlich: Er wußte sich auf italienisch gehörig zu entschuldigen. Große Begeisterung hat Heinrich Schönfelder bei diesem Besuch nicht verspürt. Unter dem 27.Februar I944 schreibt er, in Erwartung seiner Reise nach Stresa: "Das wird eine langweilige, langsame, anstrengende Fahrt werden. Unterwegs werden der Fahrer und ich von italienischen Banden beschossen werden (wie vor 7 Wochen). Man kann ja nicht jedesmal damit rechnen, heil davon zu kommen." Schönfelder fürchtete ein Zusammentreffen mit italienischen Partisanen. Er muß aufgrund von Erfahrungen gewußt haben, wovon er sprach. In der Tat war das "noch in deutscher Hand befindliche" nördliche Italien kein Platz mehr, in der sich deutsche Militärpersonen sicher wähnen durften: Seit September 1943 hatte die Wehrmacht "scharfe Maßnahmen" zur "Niederschlagung des ersten Einsetzens von Freischärlerturn in Oberitalien" 273 ergriffen. Eine der Aktionen des nach deutscher Lesart "Freischärlertums" spielte sich am 17. September I 94 3 in der Nähe des Luftwaffenstützpunktes Villafranca bei Verona ab. Nach dem Bericht Gerhard Schreibers wurden "zehn italienische Soldaten, ... die angeblich in Zivil ... eine Kolonne der Wehrmacht beschossen, ... umgehend standrechtlich abgeurteilt und hingerichtet." •74 Für diesmal wurde Schönfelder von Partisanen nicht beschossen. Der Transport zur Witwe Balbo "ging eilig fort". Bald wurde alles in ein Flugzeug verladen und Schönfelder kam in den Genuß eines Fluges in einem kleinen, iangsamen Flugzeug. Wir fabulieren, es sei ein Fieseier Storch gewesen. Nach I 3/4 Stunden war man am Ziel. Schönfelder berichtet: "Das Wetter war leidlich, zunächst Sonne, dann trüber. Immer so 100-200 Meter über der Erde. Unter mir das ganze flache, eintönige Land. Rechts vom Kurs meist herrliche Aussicht auf die schneebedeckten Alpen." Am I. März 1944 langte er in Stresa an "wo ich der Witwe des Marschall Balbo Sachen aus dem Nachlaß ihres Mannes übergebe." Von seinem Flug hat er auch die Bundesbrüder unterrichtet. "Schönfelder hat im Februar I944 auf drei Flügen am Südrand der winterlich verschneiten Alpen auch die oberitalienischen Seen überflogen. "275 Einzelheiten über den Besuch bei Balbos Witwe hat er nicht mitgeteilt. In bester Stimmung wird er nach Erledigung des Auftrages nicht gewesen sein. Denn nunmehr hatte er sich wieder bei seinem ungeliebten Feldgericht einzufinden. Seinen Eltern schrieb er: "Ich gehe auf ein ärmliches Dorf, wohin inzwischen mein kleines Feldgericht verzogen ist. Dort lebt man in kleinen Sommerhäusern, kalt, ungemütlich, viel Mäuse. Aber auch damit muß man sich abfinden ... ". Schönfelder suchte das Beste an seiner Lage. Bevor er Stresa verließ, aß er "im schönsten Hotel Milano zu Mittag (sündhaft teuer!)" . Danach fuhr er "durch die herrliche Landschaft am blauen See und den weiß überzuckerten Alpengipfeln vorbei zum Flugplatz." Seine Reise endet so: "Ich gab dem italienischen Fahrer, der mir gestanden hatte, daß er nur die Deutschen liebe und sich schäme, Italiener zu sein, noch eine Zigarette und erhob mich in die Lüfte." Beim neuen Feldgericht: Villafranca Schönfelders neues Feldgericht lag nahe Verona. Er spricht von einem mittelgroßen, fast kleinstädtischen Dorf, r 5 Kilometer von Verona. Es könnte sich um den Platz Villafranca handeln, der ungefähr I 5 Kilometer südwestlich von Verona liegt und Standort eines Einsatzflughafens der Luftwaffe war. Am 15. März I 944 schreibt er seinen Eltern: "Von der Anhöhe aus, auf der unser Dorf liegt, haben wir bei klarem Wetter, wie heute, einen weiten Blick über die oberitalienische Tiefebene und nach Norden über die 6o-7o Kilometer entfernten, noch schneebedeckten Alpen um den Garda- See herum." Am 23.März 1944 liest man: "Gestern sah ich zum ersten Mal den Abschuß feindlicher Flugzeuge. Auch Bombeneinschläge konnte man von unserem hoch gelegenen Dorf bei den klaren Wetter sehr gut beobachten." 143 Und auch das gehört zu den Realitäten jenes Kriegsfrühlings I 944 in Italien: "Mandeln und Rosinen gibt es hier kaum noch, da ihre Erzeugungsgebiete in englischer Hand sind." Wie immer, hält er die Bundesbrüder unterrichtet; diese melden in ihrem Mitteilungsblatt: "Schönfelder sitzt mit seinem Feldgericht in einem Dorf mit herrlichem Panorama. Er erwartet eine baldige Abberufung an eine Dienststelle im heimatlichen Dresden." 276 Ähnliches über eine Rückkehr nach Dresden schreibt er seinen Eltern: "Wenn alles gut geht, bin ich Mitte April auf immer zu Hause." Die Hintergründe dieser Botschaften, die eine Rückkehr nach Dresden versprechen, sind unklar. Realisiert hat sich diese Hoffnung nicht. "Mit meiner Versetzung ins Reich wird es nicht so schnell gehen", läßt er seine Eltern unter dem 3. April I 944 wissen. Schönfelder und der Scheidungsprozeß Fürs erste und überhaupt quält die Scheidung. In fast allen Briefen ist davon die Rede. Als Ende April I944 das Luftgaupostamt in München nach einem Bombenangriff niederbrennt, ist er verzweifelt: Briefe von ihm und an ihn und vor allem eine Nachricht seines Anwalts über eine Entscheidung des Landgerichts Dresden könnten verbrannt sein. Er sinniert über die vergangenen Zeiten und denkt an die Zeit nach der Auflösung der Ehe. Die Wohnung in der Kurparkstrasse will er nicht aufgeben. Sie ist für ihn und die Kinder vielleicht zu groß - seine, Schönfelders Eltern mögen einziehen! Den Stiefsohn will Schönfelder nicht behalten; er erwägt, ihn zu seinem Vater zu schicken. Dieser Vater ist, was die Sprache des Dritten Reiches einen Halbjuden nennt. Schönfelder: Dieser Knabe sei ein ihm fremdes und jüdisch-gemischtes Kind; weshalb solle er seine Kräfte darauf verschwenden, in seiner Familie das Kind eines fremden Halbjuden zu erziehen? - Die Haushälterin soll bleiben. Seiner Frau schreibt er Anfang März 1944 einen langen Brief; den werde sie sich nicht hinter den Spiegel stecken. Der Brief enthält seine Sicht der Dinge und die Abrechnung mit seiner Gattin: Ehe er sie gekannt habe, sei er "stets ein restlos glücklicher Mensch" gewesen, "dann nicht mehr oder nur noch selten." Er sei nur zu 90% glücklich gewesen. Zuviel herzlose und snobistische Züge habe die Gattin gezeigt, als daß ein wirkliches Eheglück in ihm hätte aufkommen können. Die Unterschiede der Gatten scheinen in der Tat tiefgreifend gewesen zu sein: Schönfelder bekennt sich als religiöser Mensch- seine Frau war nicht religiös gestimmt. Er sagt, er sei "aus tiefstem Grunde und aus innerer Überzeugung nationalsozialistisch eingestellt" - seiner Gattin hält er vor, sie stehe gefühlsmäßig in absoluter Opposition zur Partei. Er habe stets unter dem Konflikt gelitten, der aus seinen Aufgaben als politischer Leiter der NSDAP einerseits und aus seinen Pflichten als Ehemann andererseits entstanden sei. Die Abneigung seiner Frau gegen seine, Schönfelders Familie, habe ihn gekränkt und ihm gesundheitliche Beschwerden bis hin zu Herzschmerzen bereitet. Gegen die Kinder sei sie lieblos. Usf.- Schwierig entwickelt sich alles. Register werden gezogen. Von Strafanzeigen der Gemahlin gegen den Gemahl ist die Rede. Die Gattin droht mit Selbstmord. Selbstredend unterläßt sie ihn. Aber die Nachricht von der Absicht, sie dringt hinunter nach Italien zu einem aufgewühlten Heinrich Schönfelder. Schönfelder erstrebt in dieser Lage zunächst den Schutz der Eltern. "Schreibt mir auch recht oft, Ihr seid doch meine nächsten und liebsten Menschen." Er sucht Trost in der Religion. Am Montag nach Palmarum schreibt er den Eltern: "Möge Euch die frohe Osterbotschaft zuversichtlich und stark machen. Ich selbst sehe allen schweren Entscheidungen, vor die Gott mich stellt, getrost entgegen." 145 Trotz alledem: Arbeit an der Sammlung "Deutsche Reichsgesetze" Auch jetzt, beim Feldgericht und in der Ehekrise, arbeitet Heinrich Schönfelder nach dem Maß seiner Möglichkeiten an der Sammlung "Deutsche Reichsgesetze". "Meine Arbeit für die neue Ergänzungslieferung habe ich gestern abgeschlossen", meldet er am 8. Februar I944· "Hoffentlich läßt mich Beck jetzt nicht im Stich sondern druckt sie bald." Am I4.F;!bruar wiederholt er: "Hoffentlich dmcken sie bald die Ergänzungslieferung." Am 29. Februar I 944 geht "die neue Ergänzungslieferung an Beck ab, man forderte sie schon vor drei Wochen an. Der Brief kam aber erst heute an." Am 5. März I 944 klagt er, er könne an der Sammlung zur Zeit nicht arbeiten, da er erst Sendungen aus Dresden und vom Verlag Beck abwarten müsse. Er beschäftigt sich auch mit den Früchten seines schriftstellerischen Fleißes. Am I 5. März I 944 teilt er seinen Eltern mit, er habe jetzt die Steuererklärung abgesandt. Übersehen wir für jetzt den Aspekt, daß unser großdeutsches Steuerwesen selbst im Weltkrieg glänzend funktioniert. Betrachten wir lieber, was Schönfelder zur Vermögenslage sagt: "Wegen des Papier- und Arbeitermangels habe ich I943 nur eine einzige Zahlung von Beck erhalten, dieses Jahr wird es auch nicht besser werden. Alles in allem ist mein Einkommen gegenüber dem Frieden fast auf die Hälfte zurückgegangen. Aber ich mache mir keine Sorgen. Gott, mein gutes Gewissen, Ihr, meine lieben Eltern und die guten Kinder sind meine Stützen."- Am 23.März I944 schreibt er den Eltern, die Ergänzungslieferung sei im Druck. Indes fehle es an Papier, so daß die Lieferung nur halb so stark werde, wie sie werden müßte. "Natürlich bedaure ich meinen 50 %igen Ausfall an Einnahmen, aber besser als nichts. Ich freue mich jedenfalls, daß es vorwärts geht." Er selbst tut, was er kann. "Ich fördere neben der dienstlichen Arbeit die Drucklegung der neuen Ergänzungslieferung für Beck. Gleichzeitig mit diesem Brief" - schreibt er den Eltern am J.April I944 - "gehen wieder zwei Bogen Korrekturen nach München." Am 2 5. April I 944 liest man: "Für Beck mache ich demnächst die letzten Arbeiten. Wenn nicht Gesetzesänderungen im nächsten Monat erscheinen, wird das Werk bald erscheinen. Der Druck soll schon begonnen haben." Sicherlich hat die Arbeit an seinem opus magnum gerade jetzt das Selbstwertgefühl Heinrich Schönfelders gehoben. Es tut ihm sichtlich gut, daß ein Bewunderer ihm sein Büchlein "Fibel der Deutschen" zusendet. Der Verfasser der Fibel, so schreibt Schönfelder nach Hause, sei ein begeisterter Benutzer seiner Bücher und habe ihm in überschwenglicher Worten für die grosse Arbeit gedankt, die er auch für ihn geleistet hätte. Beim Feldgericht des Kommandeurs der Luftflottentruppen 2 in Casaleccio bei Bologna: Schönfelder und die "ltalienersachen" Über seine Aufgaben als Kriegsgerichtsrat meldet Schönfelder nicht viel. Am I 6. März I 944 schreibt er, nach der Gerichtssitzung in Verona habe er einen Stadtbummel gemacht; er gehe frühzeitig schlafen, denn der Tag sei anstrengend gewesen. Am 2 5. April I 944 erfahren die Eltern dies: "Bei mir ist die Arbeit erträglich. Wenn nicht soviel italienische Soldaten aus Angst Fahnenflucht begehen würden, gäbe es noch weniger zu tun." Diese Briefstelle ist das einzige Zeugnis von seiner richterlichen Tätigkeit bei jenem Feldgericht des Kommandierenden Generals und Befehlshabers im Feldluftgaukommando XXVIII in der Nähe von Verona. Sein Leben scheint nicht sehr aufregend gewesen zu sein. "Ich nehme, sooft die Zeit und das Wetter es gestatten, von I bis 2 Uhr mittags an dem Südhang unseres Parkes ein Sonnenbad (in Badehose) und bin schon recht braun. I47 Sonst haben wir hier in unserem auf einer Anhöhe gelegenen Dorf ein sehr ruhiges Leben. Jeden Freitag abend ist in dem schauerlichen Dorfkino die Vorführung irgendeines älteren deutschen Films. Meist bringe ich davon einen Floh mit heim." Die Idylle trügt: Man beobachtete auch auf dem Berge bei Verona die allgemeine Kriegslage sehr genau. "Hier wartet man mit Neugier auf die Invasion. Im Laufe des Monats wird sie ja wohl in Frankreich kommen." Schönfelder hat diese Worte am 2. Mai 1944 niedergeschrieben. Indes sollte der Kriegsgerichtsrat Schönfelder die Invasion nicht bei Verona erleben. Er wurde noch im Mai 1944 zum Feldgericht des Kommandeurs der Luftflottentruppen 2 versetzt. Seinen Briefen entnehmen wir, daß jenes Gericht seinen Sitz in Casaleccio bei Bologna hatte. Er schreibt: "Der Stab (Flakdivision) wird von einem Generalmajor geführt." 277 Dieser Generalmajor - Schönfelder nennt ihn einen recht sympathischen Norddeutschen - ist der Schlesier Walter von Hippe!. 278 Er ist Kommandeur der in Italien stationierten 2 5. Flakdivision und Höherer Flakführer Süd. Und er verfügt über ein Feldgericht. Wieder hat Schönfelder Schwierigkeiten mit seiner neuen Umgebung: "Manches war bei der bisherigen Dienststelle besser. Wir waren ein netter kleiner Stab und verstanden uns alle gut. Der Oberst war sehr sympathisch. Sonst war es etwas dörflich, ländlich. Auch hier sind wir eigentlich richtig auf dem Lande, gut 100 Kilometer weiter südlich. Inmitten einer üppigen Natur liegt das alte, zum Teil etwas primitive Haus, das das Feldgericht beherbergt. Hier habe ich das Bett gleich mit in dem nicht allzu großen Zimmer." Erneut bewährt sich jedoch Schönfelders Fähigkeit, sich anzupassen: "Aber man richtet sich überall ein. Es hat überall seine Vor- und Nachteile." Der Kriegsgerichtsrat wird in seinen Briefen ungewohnt ausführlich. "Wir sind vier Richter. Schmitt, badischer Amtsgerichtsrat, war schon in Rom 1!2 Jahr mit mir zusammen; vom Rath, der Bruder des I938 von einem Juden in Paris ermordeten Legationsrats279 ist erst 30 Jahre alt; Linke, bis vor kurzem Unteroffizier beim Gericht, ist Rechtsanwalt in Meißen ... An dem neuen Gericht gibt es "viel mehr Arbeit" als noch in Verona. Schönfelder meldet den Eltern: "Ich werde Hunderte von fahnenflüchtigen Italienern abzuurteilen haben." Kurz darauf- am I5.Mai I944- schreibt er ihnen: "Ich behandle hier . . . nur ltalienersachen, zumeist Fahnenflucht." Was mag sich hinter solchen "ltalienersachen" verborgen haben? Die "I talienersachen" Seit dem Austritt Italiens aus dem Krieg und der Flucht des italienischen Königs zu den Alliierten galt die mit dem Großdeutschen Reich verbündete Soziale Republik Italien als "besetzter Verbündeter".280 Die Regierung der Sozialen Republik unter Benito Mussolini versuchte mit geringem Erfolg, eine Armee aufzustellen - die Deutschen taten nicht das Äußerste, um den Erfolg der Bemühungen ihres Verbündeten zu sichern. Sie verfolgten andere Ziele: Italiener sollten helfen, den unersättlichen Hunger des Großdeutschen Reiches nach Arbeitskräften zu stillen. In diesem Sinne wirkte nicht nur Fritz Sauckel, der Beauftragte für den Arbeitseinsatz. Begehrlich war auch die Organisation Todt, die beauftragt war, am südlichen Apennin eine Verteidigungslinie auszubauen, auf die sich die deutschen Truppen zurückziehen konnten. Ein Dritter war im Bunde: Nach italienischen Arbeitskräften rief besonders laut die Wehrmacht. Es galt das Wort: Der deutsche Soldat kämpft; der Italiener arbeitet für ihn. zB I Allein die Luftwaffe verlangte "die Zuteilung" von 343 ooo kriegsgefangenen Italienern. zsz Für Zwecke der Luftwaffe in Italien verlangte Feldmarschall von Richthofen im Dezember I 94 3 40 ooo Mann: "rund I 8 ooo für die Flak, I49 I 3 ooo für die Nachrichtentruppe und 9 ooo für die Fliegertruppe, die jedoch zunächst aus Freiwilligen zusammengetrommelt werden sollten." Im Januar I944 waren immerhin 6 ooo Mann "für Richthofen abgestellt". 283 Richthofen schraubte seine Anforderungen höher: Im Januar I944 ist von 4oooo Mann für die Flak die Rede.284 Das war noch nicht genug: Im Februar forderte Richthofen 5 I ooo Mann aus den frisch eingezogenen Rekrutenjahrgängen 1924- I925 - "von denen Mitte Februar erst 23 500 "angeliefert" worden waren".281 Im April 1944 ist die Rede davon, daß "I 50000 Mann dem Oberbefehlshaber der Luftflotte 2 ... zur Verfügung gestellt und in die deutsche Luftwaffe eingegliedert werden"286 sollten. Indes erwies sich die Neigung der "abgelieferten" Italiener, für den kämpfenden deutschen Soldaten zu arbeiten, als höchst gering. Für die der Luftwaffe zugewiesenen Arbeits- und Transportsoldaten dürfte gelten, was Lutz Klinkhammer für den Bereich des Heeres mitteilt: "Die frisch Rekrutierten, fast ausschließlich junge Männer, warteten nur auf eine Gelegenheit zur Flucht, woran auch die erhöhte Überwachung durch Streifen der Ortskommandanturen und Feldgendarmen nichts ändern konnte." 287 Viele der Dienstflüchtigen fanden den Weg zu den Partisanen im Apennin und den Alpen. Und die deutschen Feldgerichte hatten ein neues Betätigungsfeld: Eben die "ltalienersachen", von denen Schönfelder schreibt. Die italienischen Arbeits-Soldaten unterlagen nämlich der deutschen Kriegsgerichtsbarkeit. Einem Befehl von Richthofens gemäß hatten sie eine Erklärung zu unterschreiben: Sie wüßten, daß sie allen deutschen Kriegsgesetzen unterstünden und bei Verstößen von deutschen Kriegsgerichten abgeurteilt würden; ihnen sei bekannt, daß "insbesondere Fahnenflucht mit dem Tode bestraft wird."'88 Schönfelder hatte keine gute Meinung von diesen Angeklagten: "Die meisten sind ja faul, hängen sehr an der Familie und sind jeder Zucht und Ordnung abgeneigt." Trotzdem: Ausgerechnet er war der richtige Mann für diese Sachen. Er war der einzige, der mit den italienischen Angeklagten in deren Sprache reden konnte. Die "ltalienersachen" führten den Kriegsgerichtsrat Schönfelder weit herum. Am 2.Juni 1944 schreibt er einmal mehr den Eltern; er sei "auf Dienstreise in Oberitalien. Seit fast 14 Tagen schlafe ich jede Nacht in einem anderen Bett. Ich bin mit einem Unteroffizier (Amtsgerichtsrat), einem Fahrer und seiner in Tarnfarben gesprenkelten Fiat-Limousine unterwegs. Man rast immer von einer Flak-Batterie zur anderen und ich verhandele meist in italienischer Sprache, dabei muß stets von mir hin- und herübersetzt werden. Wenn man so den ganzen Tag vor grosser Zuhörerschaft in der fremden Sprache vortragen muß, ist man abends richtig durchgedreht und spricht auf Deutsche oft italienisch ein. Abends fahre ich dann meist noch ein Stück weiter, um am Morgen schon am nächsten Ort zu sein. Jedenfalls ist das Leben sehr abwechslungsreich und ganz angenehm. Man lernt viel kennen und teilt sich den Tag ein, wie man Lust hat. Ich war zunächst in der Mitte Oberitaliens, dann ganz im Osten, dann Pfingsten in Venedig (sehr schön, viele Buntaufnahmen!). Jetzt bin ich wieder in Mittel-Oberitalien und schlief die letzten beiden Nächte in meiner alten Dienststelle" - gemeint ist jenes Dorf bei Verona. Der Brief vom 2.Juni 1944 schliesst: "Jetzt will ich eben einen ausgerissenen italienischen Soldaten zu einigen Monaten Gefängnis verurteilen." Am 17.Juni 1944 teilt er mit, er werde übermorgen "nach Süden fahren, um in Frontnähe Verhandlungen abzuhalten." Unter dem JO.Juni 1944 erfahren die Eltern dies: "Ich habe heute wieder Verhandlungen in B(ologna). Ich schickte gerade meinen Wagen in die Stadt, um 2 italienische Gefangene abholen zu lassen und schreibe Euch in der Verhandlungspause." Über die Urteilspraxis in "ltalienersachen" ist bisher nichts eruiert. Todesurteile - gar in großer Zahl - scheinen nicht gefällt worden zu sein. Eine solche Praxis hätte sicherlieh nicht nur Proteste der Mussolini-Regierung ausgelöst; sie wäre auch völlig kontraproduktiv gewesen. Die Verurteilung "zu einigen Monaten Gefängnis" dürfte das gängige Strafmaß bezeichen. Die Verurteilten werden in aller Regel , zum "Arbeitseinsatz" herangezogen worden sein. Ein Befehl des Chefrichters der Luftflotte, jedenfalls mit kriegsgerichtlich verurteilten italienischen Zivilisten so zu verfahren, ist verbürgt. 289 Fortgang des Scheidungsverfahrens. Ernährungsprobleme. Die allgemeine Kriegslage Selbstverständlich beschäftigt die Scheidung den Kriegsgerichtsrat. Zu einem von seiner Gattin ins Gespräch gebrachten Treffen an der deutsch-italienischen Grenze kommt es schon deswegen nicht, weil wegen der "gesteigerten Kampfhandlungen" des Sommers 1944 Urlaubssperre verfügt wird. Am 29.}uni 1944 erhält er Post von seinem Anwalt: Am 22.juni habe das Landgericht Dresden die Ehe geschieden und die Frau für allein schuldig erklärt. Schönfelder empfindet Erleichterung. Andere, kleinere Probleme bleiben. Den vegetarisch orientierten und so gesundheitsbewußten Schönfelder quält die Wehrmachtskost. Zwar sei die Verpflegung "sehr gut und reichlich." Aber: "Leider wenig Salat und viel Fleisch, wie würde ich mich freuen, wenn ich mal wieder gesundheitsgemäß leben kann und nicht gezwungen bin, mich alt und krank zu machen." Am 3o.juni 1944 teilt er den Eltern mit, er habe ihnen tags zuvor "drei Büchsen gedünstetes Rindfleisch" gesandt, "damit Ihr für Eure Ferien etwas zuzusetzen habt ... Ich erhielt sie als Verpflegung, esse aber doch so etwas nicht gern." Natürlich beschäftigt ihn die allgemeine Kriegslage. Die Eltern erfahren seine Meinung zu den "Wunderwaffen": "Inzwischen ist auch die neue Waffe gegen England eingesetzt worden. Hoffendich erfüllt sie voll die vom ganzen Volk in sie gesetzten Erwartungen. Wir leben jedenfalls in einer interessanten Zeit." Die Auswirkungen dieser interessanten Zeit treffen zunehmend auch den Soldaten Schönfelder. Am 16.juni 1944 wird der Ort, in dem sein Feldgericht untergebracht ist, von den Alliierten aus der Luft angegriffen. Schönfelder meldet Schäden an seinem Haus. Er fürchtet, sein Feldgericht werde im Zusammenhang mit dem deutschen Rückzug nach Norden verlegt werden: "Hoffentlich" - so erfahren die Eltern unter dem 12.]uni 1944 - "hoffentlich verlegen wir nicht so bald nach Norditalien, wie es nach dem Fortschreiten des feindlichen Vorrückens in Mittelitalien zu befürchten ist. Vielleicht kommen nämlich bald andere, bisher südlicher liegende Stäbe in unsere Häuser. Ich würde aber lieber hier bleiben." Schönfelder und der Partisanenkrieg im Apennin Dieser Wunsch ging nicht in Erfüllung. Schönfelder mußte Casaleccio verlassen. Nicht nach Norden- nach Süden, hinein in den Apennin. Am 28.juni 1944 schreibt er: "Morgen fahre ich im Wagen gen Süden und bin dann 10 Tage nicht erreichbar ... Es ist wieder mal richtiger Krieg im Gebirge, wo man sich hinlegt und mit dem Maschinengewehr schießt." Die Abreise verzögert sich. Schönfelders Brief an die Eltern vom JO.Juni 1944 wird deutlich: "Morgen fahre ich ins Gebirge zur Bandenbekämpfung." Die "Bandenbekämpfung" war eines der Hauptprobleme der Wehrmacht seit dem Austritt des Königreichs Italien aus dem Krieg. In vielen Teilen des von der Wehrmacht noch besetzten Gebietes hatten sich Partisanengruppen gebildet. Am 18.Mai 1944 hatten die Alliierten den Monte Cassino eingenommen. Der Weg nach Mittelitalien war damit frei. Der 4.]uni sah die Befreiung Roms. Sie gab der italienischen Partisanenbewegung gewaltigen Auftrieb. Der 1 53 deutsche Oberbefehlshaber in Italien, Generalfeldmarschall Kesselring, sah in der Aufgabe Roms die Geburtsstunde eines hemmungslosen Bandenkrieges. Die Chefs der ihm unterstellten 10. und 14. Armee und der Chef der Luftflotte 2 teilten diese Meinung: Nach dem Verlust Roms habe sich die "Bandenlage vor allem im frontnahen Raum ganz erheblich verschärft." 290 Die Wehrmacht bekämpft nicht nur bewaffnete Partisanen mit größter Brutalität, sondern sie geht auch brutal und verbrecherisch vor gegen die Zivilbevölkerung.29 ' Schon am 7· April 1944 hatte Generalfeldmarschall Kesselring befohlen: Auf Partisanen ist sofort zu schiessen, Tatorte von Überfällen sind abzusperren, "sämtliche in der Nähe befindlichen Zivilisten sind ohne Unterschied des Standes und der Person festzunehmen. Bei besonders schweren Überfällen kann auch ein sofortiges Niederbrennen der Häuser, aus denen geschossen wurde, in Frage kommen." 292 Deutschen Soldaten, die solche Richtlinien und Befehle zu befolgen haben, wird in aller Deutlichkeit gesagt, entschlossenes und schnelles Handeln sei erstes Gebot; "zu scharfes Durchgreifen wird bei der derzeitigen Lage niemals Grund zu einer Strafe sein." 293 In der Tat haben die Kriegsgerichte der Wehrmacht die Massaker deutscher Soldaten an der italienischen Zivilbevölkerung nicht verfolgt. 294 In den Geheimen Tagesberichten der Deutschen Wehrmachtsführung schlägt sich der Partisanenkrieg in Meldungen wie diesen nieder: Feldmarschall Kesselring berichtet zur "Bandenlage" am 2o.juni 1944, J2 Kilometer ONO Piombino sei eine gut ausgerüstete Bandengruppe vernichtet worden.295 Unter dem 21.juni 1944liest man: "Bei Bandenunternehmen im gesamten italienischen Raum verlor der Feind vom 11. - 20.6. 1944 683 Tote, 116 Gefangene, 20 Überläufer. 61 1 verdächtige Zivilisten wurden festgenommen." Oder am 2z.juni 1944:" Bandenlage: Im frontnahen Raum zahlreiche Überfälle auf Kfz. und 2 Brückensprengungen. Größere Kampfhandlungen fanden nicht 154 statt." Unter dem 24.]uni 1944 wird von Angriffen starker Banden im Rücken einer kämpfenden Division berichtet, die dadurch in Unordnung geraten sei. Und: "Im Raum Camerino wurden bei Bekämpfung einer Feindbande 18 deutsche Soldaten befreit, 70 Banditen erschossen. SW Macerata beschossen Banden die eigene Truppe mit Granatwerfern und überschweren Maschinengewehren." "Am 28. 6. 44 verloren die Banden 24 Tote." Am 28.juni wird berichtet: "Durch vom Feind planmäßig gesteuerte Banden werden eigene Bewegungen insbesondere hinter der Front der 14. Armee erschwert. Die Verschiebung einer Batterie des XIV. Panzerkorps in Ostwest-Richtung war so durch Strassensperren (gefällte Bäume in 300 Meter Tiefe) nicht durchführbar." 296 Die Luftflotte 2 im Partisanenkrieg Einheiten der Luftwaffe wirken mit im Partisanenkrieg. Das sind nicht nur die besonders berüchtigt gewordenen Soldaten der Fallschirmjäger-Panzer-Division Hermann Göring, die taktisch dem Heer unterstellt sind. Es werden auch Einheiten der Luftflotte 2 aktiv - Flugzeuge, 297 hauptsächlich aber Einheiten der Flak.298 Die Erfolge der Partisanen machen den Oberbefehlshaber der Luftflotte 2, Generalfeldmarschall von Richthofen, nervös. Am IJ.Juni 1944 verlangt er in einem Fernschreiben299 von seinem Kollegen Kesselring "sofortige besondere Maßnahmen". Er macht auch entsprechende Vorschläge - einer davon geht dahin, "sämtliche Apenninstrassen durch Verlegung weiterer Kräfte . . . so schnell als möglich für sicheren Durchgangsverkehr freizumachen und offenzuhalten." Auch in der Wehrmacht muß der Satz gegolten haben, daß derjenige, der einen guten Vorschlag mache, ihn umsetzen dürfe in die Tat. Auf dem Fernschreiben von Richthofens hat eine zum Führen des Blaustiftes berechtigte Hand eines Generalstäblers eine sehr kluge Frage geschrieben: "Was kann Luftflotte 2 dafür an Kräften stellen?" Weitere Verfügungen in unterschiedlichen bürokratischen Farben ergeben, daß Rücksprachen stattgefunden haben. Deren Ergebnis war: Die Luftflotte 2 bekam im Apennin ein besonderes Sicherungsgebiet zugewiesen und sie hatte Kräfte zur Partisanenbekämpfung in diesem Bereich zu stellen. Ihr "Sicherungsabschnitt" wurde gebildet: Im Norden von der Strasse Piacenza-Bologna, im Süden von der Küste, im Westen durch die Linie Firenzuola d' Arda, Monte Menegora, Monte Maggiorasca, im Osten durch die Linie Anzola, Monte Ombraro, Monte Belvedere, Monte Grande.300 Durch das Sicherungsgebiet der Luftflotte laufen Strassen und Eisenbahnen, die wichtig sind für die Versorgung der Front und für den Rückzug über den Apennin. Das Gebiet ist aus anderen Gründen strategisch bedeutsam. Die Deutschen haben im Apennin eine Verteidigungslinie ausgebaut, die südlich Rimini an der Adria beginnt und bis zur Küste des Ligurischen Meeres verläuft. Unter dem Decknamen "Grüne Linie" ist sie in der Kriegsgeschichte bekannt geworden.301 Bei La Spezia erreicht die "Grüne Linie" die Westküste. Gerade hier, in den Apuanischen Alpen, sind Partisanen aktiv und gerade hier sind sie für die Wehrmacht ganz besonders gefährlich. Sie stören den Ausbau der Grünen Linie. Und sie gefährden die Strassen- und Eisenbahnverbindungen über den Apennin nach Norden. Besonders wichtig ist der Schutz der Strasse 62 von La Spezia nach Parma. Die Strasse 62 führt über den etwas über rooo Meter hoch liegenden Cisa-Paß. Sie berührt ein Gebiet, in dem Partisanen operieren und in dem die Wehrmacht des öfteren gegen "Banden" vorgeht.302 Die Sicherung der Strasse 62 ist -in den Worten eines Befehls Kesselrings vom 17.]uni 1944 - eine Lebensnotwendigkeit für die Heeresgruppe. Nicht weniger wichtig ist die Bahnlinie von La Spezia nach Cremona. Auch sie führt durch das Sicherungsgebiet der Luftflotte und auch sie ist durch Aktionen der Partisanen gefährdet. Im Juni r 944 haben sie eben diese Linie bei rs6 den Ortschaften Borgo Val di Taro und Ostia vorübergehend besetzt; Sprengungen haben sie unterbrochen, Kabelsabotagen und Anschläge auf Elektrizitätsanlagen häufen sich, Bahnhöfe werden besetzt, bei Überfällen kommen deutsche Soldaten zu Tode.3o3 Aktionen der Luftflotte 2 gegen Partisanen Aktionen der Luftflotte gegen Partisanen Iiessen nicht lange auf sich warten. In der Tagesabschlußmeldung der Luftflotte vom I.juli 1944 an den Oberbefehlshaber Südwest, Kesselring, liest man: "Bandentätigkeit in allen Gebieten weiter lebhaft. Anlaufen mehrerer Säuberungsunternehmungen. Durchkämmung eines Teils des Sicherungsgebietes Luftflotte 2 zwischen Staatsstrasse 62 und 63 (Parma - La Spezia und Reggio Emilia- La Spezia) JO.Juni 1944 21 Uhr begonnen."304 Die Aktion hat den Decknamen "Wallenstein". Sie soll bis zum 7.]uli dauern. Den Oberbefehl führt der Kommandeur der 2 5. Flakdivision, Generalmajor von Hippe!. Mit dabei ist sein Kriegsgerichsrat Dr. Schönfelder. Als er seinen Eltern schrieb, er gehe nach Süden ins Gebirge zur Bandenbekämpfung, da meinte er: Ich bin befohlen zur Aktion Wallenstein. Kommandeur des Unternehmens ist mein Chef, Generalmajor von Hippe!, der sympathische Norddeutsche und überhaupt wird es jetzt sehr gefährlich, denn man schiesst mit dem Maschinengewehr. Aktion "Wallenstein" Ein Bericht der Luftflotte über die- im Ergebnis erfolglose- Aktion ist nicht erhalten, wohl aber ein Bericht der Festungsbrigade I 3 5 aus La Spezia, die Erfahrungen im Partisanenkrieg hat305 und die bei dem Unternehmen eingesetzt war. Es heißt da: "Seit Jo.Juni 1944 findet unter Leitung des Generals von Hippe! (Flakführer Süd) unter Einsatz von etwa 5-6ooo Mann ein Unternehmen gegen Banden statt. Bei diesem Unternehmen ist Grenze nach Westen Hauptstrasse Parma-Aulla, Grenze von Südwesten und Nord- Osten Hauptstrasse Aulla-Fivizziano-Cereto-Paß. Beide Straßen sind mit Sicherungskräften besetzt. Von Norden und Nord-Osten werden in Richtung Süden die Haupt- Berg-Massive durchkämmt und die Banden nach Möglichkeit gegen die Sicherungslinie gedrängt, wo sie vernichtet werden sollen. Beendigung des Unternehmens ist für den 7.juli vorgesehen ... Die Truppen setzen 8ich aus den örtlichen Einheiten einschließlich Milizkräften, in der Masse aus Flak- und Luftwaffeneinheiten aus dem mittelitalienischen Raum zusammen. Bisheriges Ergebnis der von Seiten der Brigade beteiligten Einheiten ca. I 8o Gefangene, I Toter." 306 Schönfelders Ende im Partisanenkrieg: Canossa, J.fuli 1944 Am westlichen Rand des Operationsgebietes, zwischen Aulla und Pontremoli, das Tal des Magra-Baches hinauf, liegt am rechten Ufer das Dorf Canossa. Es ist nicht jenes Canossa, zu dem wir nicht gehen und das in der deutschen Geschichte durch den Bußgang des Kaisers Heinrich IV. so bekannt geworden ist. Es ist ein kleines, unscheinbares Canossa in der Landschaft Lunigiana, Provinz Massa Carrara. Es liegt im Gebiet der Partisanen, denen die Aktion Wallenstein gegolten hat. Und diese Partisanen schiessen mit dem Maschinengewehr. In der Nähe des Dorfes Canossa zielen sie auf den Wagen eines Kriegsgerichtsrats, der mit seinen Begleitern dahergefahren kommt. Sie treffen. So endete die Spur Heinrich Schönfeldcrs durch die deutsche Rechtsgeschichte der Neuzeit in den Gewalttätigkeiten des Partisanenkrieges im Apennin nahe dem Orte Canossa im Magra-TaL Er war knapp 42 Jahre alt. q8 Das Nachspiel der Vorschriften Nun spielten die Vorschriften, denn auch der totale Krieg hat seine rechtliche Ordnung. Unter dem 28.juli 1944 hielt der Chef der Luftwaffen- Rechtspflege in Berlin diverse Personalveränderungen fest: Ein Richter war im Einsatz bei einer Fallschirmjägereinheit gefallen. Zwei Richter waren im Einsatz bei Feldgerichten verstorben. Ein Kriegsgerichtsrat des Beurlaubtenstandes der Luftwaffe wurde seit dem J.Juli 1944 vermißt: Dr. Heinrich Schönfelder, Feldgericht des Kommandeurs der Luftflottentruppen 2. In einem Bericht des Präsidenten des Oberlandesgerichts Dresden an den Reichsjustizminister heißt es: "Dr. Schönfelder hat am J.Juli 1944 freiwillig wichtige Befehle an Einheiten im Raum Canossa überbringen wollen. Dabei ist sein Wagen durch Banden von allen Seiten mit Maschinengewehren beschossen worden. Dr. Schönfelder wurde hierbei verwundet und ist vermutlich in die Gefangenschaft der Banditen geraten." 307 Die Quelle seines Wissens teilt der Präsident des Gerichts nicht mit. Vermutlich liegt eine Mitteilung des Vaters Schönfelder an den Präsidenten zugrunde. Die Art der Darstellung läßt vermuten, daß sie die Mitteilung widergibt, die militärische Vorgesetzte den Angehörigen vermißter Soldaten zukommen ließen. Darin war nach den Vorschriften "bei der Schilderung der Umstände, unter denen der Verlust eingetreten war, nur zum Ausdruck zu bringen, daß der Soldat vermißt wurde und wahrscheinlich in Feindeshand gefallen war. Alle Vermutungen über sein weiteres Schicksal und seine Lage in feindlicher Gefangenschaft sollten unterlassen werden." 308 Der Präsident des Oberlandesgerichts Dresden meldete dem Reichsjustizminister nach Berlin noch mehr: "Zur Wahrnehmung der vermögensrechtlichen Interessen ist vom Amtsgericht Dresden für Dr. Schönfelder ein Abwe- 159 senheitspfleger bestellt worden." Und auch das teilt er mit: Am 22.}uni I944 habe das Landgericht Dresden die Ehe aus dem alleinigen Verschulden der Ehefrau geschieden. Diese habe Berufung eingelegt. Alsbald nach Ende des Krieges betrieb man das Verfahren, Heinrich Schönfelder für tot zu erklären. Im Buch für Todeserklärungen beim Standesamt I Berlin ist unter Nr. 93 II 46 beurkundet: "Der Kriegsgerichtsrat der Reserve, Amtsgerichtsrat Dr. Heinrich Ernst Schönfelder, verheiratet mit Ellen Schönfelder, geborene Sieben, deutscher Staatsangehörigkeit, zuletzt wohnhaft in Dresden, Bad Weisser Hirsch, Kurparkstrasse 8, ist gefallen. Festgestellt durch Entscheidung des Amtsgerichts Dresden vom 7· November I 94 s-78 - II - I 54/4 5. Als Zeitpunkt des Todes ist der J.Juli I944 zu unbekannter Stunde festgestellt ... ".i09 Heinrich Schönfelders Grab ist unbekannt.3 ' 0 Eine Gedenktafel Am Haus der Landsmannschaft Schottland zu Tübingen erinnert eine Tafel für die im Ersten und Zweiten Weltkrieg gefallenen Bundesbrüder auch an Heinrich Schönfelder. Die Gedächtnistafel für die Gefallenen des Krieges von I9I4 war im Sommersemester I922 eingeweiht worden. Die ernste Feier endete mit einem gemeinsam gesungenen Lied. Kraßfux Heinrich Schönfelder hat damals mitgesungen. I6o

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Zusammenfassung

Das Werk:

Der Name „Schönfelder“ ist zum Synonym für ein Werk geworden, das jedem Juristen in Deutschland bekannt und vertraut ist. So geläufig dieses juristische Arbeitsmittel schon den jungen Studierenden ist, so wenig wissen dessen Nutzer, welche Person eigentlich hinter diesem bekannten Namen steht.

Hans Wrobel hat ein detailliertes Portrait des Heraus- und Namensgebers der bedeutendsten Sammlung deutscher Gesetzestexte vorgelegt und Schönfelders 1902 im sächsischen Nossen beginnenden Lebensweg nachgezeichnet. Wir lernen den Zögling der Fürstenschule St. Afra kennen, verfolgen seinen Werdegang als Student und Burschenschaftler, Referendar, Amts- und später Kriegsgerichtsrat, erfahren aber auch, dass Schönfelder sich im Laufe seines Lebens mit der nationalsozialistischen Gedankenwelt identifiziert und in der NSDAP organisiert hat. Seine dienstlichen Beurteilungen als Soldat und Offizier bescheinigen ihm eine „einwandfreie politische Haltung“ sowie „Einsatzbereitschaft und aktive Mitarbeit in der nationalsozialistischen Bewegung“.

Parallel dazu verfolgt Wrobel seine literarischen Nebentätigkeiten, die uns neben dem „Schönfelder“ auch die Reihe „Prüfe Dein Wissen“ beschert haben. Im Jahr 1944 wird der 42-jährige Kriegsgerichtsrat Schönfelder im besetzten Italien bei einem Partisanenüberfall getötet. Sicher kein typisches, wohl aber ein sehr deutsches Juristenleben dieser Zeit.

Diese Biografie lässt gleichzeitig die Person und das Werk „Schönfelder“ plastisch und lebendig werden und stellt ihn, aber auch das scheinbar so neutrale Arbeitsmittel in einen rechts- und zeitgeschichtlichen Zusammenhang.

Der Autor:

Dr. Hans Wrobel war Senatsrat beim Senator für Justiz und Verfassung in Bremen.