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Betrachtungen in:

Michael Madeja, Joachim Müller-Jung (Ed.)

Hirnforschung - was kann sie wirklich?, page 197 - 221

Erfolge, Möglichkeiten und Grenzen

1. Edition 2016, ISBN print: 978-3-406-68880-5, ISBN online: 978-3-406-68881-2, https://doi.org/10.17104/9783406688812-197

C.H.BECK, München
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Betrachtungen 199 … eines Philosophen Ein Wesen, das auch außerhalb des Labors lebt Gert Scobel Was ist Philosophie? Was macht sie – und was sind ihre Methoden? Hat sie überhaupt eigene Methoden? Und was leisten diese? Im Referenzlexikon, dem Historischen Wörterbuch der Philosophie, ist der Eintrag zum Thema «Philosophie» der längste von allen. Es ist gerade diese Selbstreferenz, die Naturwissenschaftlern entschieden aufstößt. Tatsächlich aber hat die Selbstbezüglichkeit ihren Ursprung in einer kontinuierlichen methodischen Selbstreflexion, die aus der Aufgabe erwächst, all das, was man tut, um die Welt zu verstehen, einer kritischen Prüfung und permanenten Revision zu unterziehen. Insofern verändert sich auch die Philosophie permanent, auch wenn sie sich mit denselben Fragen beschäftigen mag wie vor 2500 Jahren. Heute ist Philosophie ein in hohem Maße professionalisiertes Unternehmen, das etwa mit Blick auf logische Analysen den Naturwissenschaften in nichts nachsteht. Hinzu kommt, dass sich Fragen wie «Was ist Wahrheit?» oder Fragen nach den Grenzen von Experimenten mit Tieren und Menschen in den Neurowissenschaften nicht mit den Bordmitteln der Naturwissen schaften beantworten lassen. Fragen nach den Grenzen oder der Bedeutung ihrer Forschung für das Menschenbild, für Politik oder das Rechtssystem können die Neurowissenschaften selbst nicht schlüssig beantworten. Wer philosophiert, hat über Detailfragen hinaus stets auch das Ganze im Blick und bezieht den Kontext mit ein, in den jede noch so losgelöst scheinende Forschung eingebettet ist. Es ist die maßgebliche Aufgabe der Philosophie, wichtige, oft verdrängte oder liegen gebliebene Fragen auszumachen, zu präzisieren und zu versuchen, überzeugende neue Antworten auch dann zu finden, wenn die Neurowissenschaften bereits an ihre Grenzen gekommen sind. 200 Betrachtungen – … eines Philosophen Die vielleicht knappste und präziseste Definition der philosophischen Arbeit verdanke ich dem analytischen Philosophen Peter Bieri, der mich in einem Gespräch darauf hinwies, dass Philosophie lediglich der Beschäftigung mit zwei einfachen Fragen entspringe. Erstens: «Was genau meinst Du, wenn Du etwas sagst? Wenn Du etwa von ‹Bewusstsein› sprichst oder davon, dass ein Nervensystem, ein Gehirn denkt.» Zweitens: «Warum genau kommst Du zu den Überzeugungen und Urteilen, zu denen Du gekommen bist? Kannst Du sie begründen?» Kennzeichnend für die Philosophie ist somit ein Verfahren permanenter, kritischer Prüfung von Sprache und Begründungen. Die Prüfung ist nicht abschließbar. Philosophisches Wissen bleibt daher fragmentarisch und hat einen Zeitindex. Und doch hält Philosophie Fragen wach wie die nach Wahrheit – eine Frage, die im Laborbetrieb scheinbar bedeutungslos geworden ist. Doch die Wahrheit über den Menschen samt Gehirn wäre nur dann ein für alle Mal abschließend gefunden, wenn man sicher sein könnte, hier und jetzt und für alle weitere Zukunft alles unfehlbar richtig gemacht und gesagt zu haben, ohne dabei etwas zu übersehen. Ein Blick aus dem Fenster des Elfenbeinturms zeigt, dass dies nicht der Fall ist. Alles Wissen ist prinzipiell fehlbar. Es gibt daher mehr als nur einen einzigen Weg zum Ziel der Erkenntnis – auch mit Blick auf die Frage, was Bewusstsein ist. Zu Recht mahnt der Soziologe und Systemtheoretiker Dirk Baecker, dass sich auch die klügsten Gehirnforscher als Teil eines Prozesses «einer nicht abbrechenden Selbstbefragung des Menschen» verstehen müssen, zu dem nicht nur vielfältige Aspekte, sondern auch die Abgründe des Menschseins gehören. In diesem Sinn waren und sind Neurowissen schaftlerinnen und Neurowissenschaftler, auch wenn sie dies bis heute ungerne hören, lediglich eine Teildisziplin in einer umfassenden, sich weiterentwickelnden allgemeinen Anthropologie. Es hat rund zwanzig Jahre gedauert, bis Neurowissenschaft ler/innen und Philosophen/innen gelernt haben, einander zu verstehen, ihre Verachtung und ihre überschwängliche Bewunderung im Zaum zu halten. Immer noch sprechen Neurowissenschaftler davon, dass 201 Ein Wesen, das auch außerhalb des Labors lebt Gehirne denken. Doch es sind Menschen, die «Subjekte» dieser Gehirne, die denken und auf vielerlei Weise – und nicht nur über ihre Gehirne – einander verbunden sind. Gedanken, die vor Tausenden von Jahren in Stein geritzt wurden, existieren außerhalb der Gehirne ihrer Schöpfer (oder Leser) – so wie auch die Sprache nicht in, sondern zwischen den Menschen existiert. Sie ist da, längst bevor ein Individuum samt Gehirn geboren wird. Gehirne agieren nicht isoliert ohne Körper mit ihrer Umwelt, zu der auch kulturelle Konstrukte wie Medien gehören. Diese Umwelt besteht nicht aus Gehirnzellen, Ionenkanälen oder Zellclustern – ist aber konstitutiv für das Gehirn. Erst durch die Mensch-Umwelt-Mensch-Interaktion und das Zusammenleben von Menschen entsteht jenes emergente Gesamt system, das wir menschliches Bewusstsein nennen. Trotz dieser alten Einsichten können die Früchte der Erkenntnis aus der einst von Philosophen und verschiedenen neurowissenschaftlichen Teildisziplinen erbittert geführten Schlacht um Wissen, vor allem aber auch um akademische Hoheit und Forschungs gelder (diese Schlacht haben die Neurowissenschaften haushoch gewonnen) erst seit ein paar Jahren geerntet werden. Es hat lange gedauert, bis allen Seiten klar war, wie borniert und häufig auch falsch die Diskussion um das Libet-Experiment und die sich anschließende Debatte um die Willensfreiheit war  – die im Übrigen eine weitgehend innerdeutsche Feuilletondiskussion blieb. Wer sich von der neuen gedanklichen Präzision und der hohen Qualität des wechselseitigen Voneinander- Wissens überzeugen will, sollte einen intensiven Blick auf das vor kurzem erst ins Netz gestellte Open-MIND-Projekt des Neurophilosophen Thomas Metzinger und seines Teams werfen (www.openmind.net). Vor Jahren noch wäre ein derart hochkarätiges und z udem kostenloses Angebot nicht möglich gewesen. Es belegt die Wirkung einer umfassenden, multiperspektivischen Ausbildung einer neuen Generation von Wissenschaftlern. Open MIND wendet sich als interdisziplinäres Projekt im Spannungsfeld von Philosophie, neurowissenschaftlichen Disziplinen und Gesellschaftswissenschaften an eine internationale Gemeinschaft. Auf diese Weise profitieren auch Wissenschaftler in entwicklungsschwächeren Ländern. 202 Betrachtungen – … eines Philosophen Ebenso bemerkenswert ist auch der Umstand, dass die Herausgeber keinem neuen Professionalisierungswahn verfallen, sondern am Ende ihrer Einleitung gleich zweimal auf die ihrer Ansicht nach weitgehend verloren gegangene «Weisheitsdimension» und damit auf die eigentliche Herkunft (und Zukunft) der Philosophie verweisen. Sie fordern explizit: «Wir müssen die Philosophie in die Philosophie zurückholen.» Dies wird die Philosophie ebenso verändern wie das Weisheitsorientierte Großprojekt von Tanja Singer am Max- Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig, in dem Altruismus und Mitgefühl erforscht werden (genauer metta, ein Sanskritbegriff für «liebende Güte»). Auch das wäre noch vor einem Jahrzehnt ebenso undenkbar gewesen und als «esoterisch», «unwissenschaftlich» und unseriös abgelehnt worden wie die inzwischen boomende Meditationsforschung. Die Erwartungen, die die Neurowissenschaften an sich selbst formuliert haben, haben hohe Erwartungen in der Gesellschaft, in der Politik und in der Industrie erzeugt, die ihrerseits ihre Erwartungen in Form der Vergabe von Forschungsgeldern und Finanzierungen wissenschaftlicher Projekte formulieren. Entstanden ist auf diese Weise ein komplexes, im Detail für Nichtfachleute kaum noch durchschaubares System von Abhängigkeiten und gegenseitigen Erwartungsspiegelungen. Spezialisten für die Untersuchung dieser Wissenschaftskultur, darunter Wissenschaftssoziologen, kritisieren unmissverständlich, dass zu viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler im Feld der physikalischen und der Biowissenschaften (life sciences) immer noch der irrigen Meinung sind, Historiker, Philosophen, Wissenschaftstheoretiker, Psychologen, Politologen oder Soziologen hätten eine dienende Rolle und sollten lediglich beobachten, statt die Forschung aktiv und kritisch zu begleiten. Dem Verhältnis liegt, trotz aller Annäherung, immer noch eine tief sitzende Asymmetrie zugrunde. Nicht nur aus philosophischer Sicht bleibt es mehr als problematisch, wenn immer wieder präsentierte, durch geschickte Statistik aufgepeppte Bilder «Beweise» liefern, die Politiker davon überzeugen, dass beispielsweise Pädagogik ohne neurowissenschaftliche Forschung ein Ding der Unmöglichkeit sei. 203 Ein Wesen, das auch außerhalb des Labors lebt Dass man besser lernen kann, wenn man keine Angst hat, war durchaus vor Gehirnscans bekannt. Schließen möchte ich mit einigen kurzen, thesenartigen Bemerkungen zur Philosophie und den Neurowissenschaften. 1. Weitgehend ungeklärt ist nach wie vor eine, wenn nicht die zentrale Frage neurowissenschaftlicher Forschung: wie die komplexe, dynamische und nichtlineare Struktur des «Systems Gehirn» im Ganzen beschrieben und verstanden werden kann. Die Strukturen, die Dynamik und die genauen neurophysiolo gischen Grundlagen der Interaktion der Gehirnaktivitäten konnten bislang in keine einheitliche Theorie integriert werden. Nahezu alle Theorien über den menschlichen Geist sind daher, wenn nicht im Grunde veraltet, so doch unzureichend. Zwar gibt es hunderttausende verdienstvoller Detailunter suchungen und Einzelergebnisse, aber bis heute ist keine allgemein akzeptierte Rahmentheorie in Sicht, die ein lückenloses Verstehen der Prozesse der Bewusstseinsbildung von der intrazellulären Mikroebene über die Bildung von Neuronen zu Clustern und schließlich zu großen Neuronenverbänden und Aktivierungszuständen über das gesamte Gehirn ermöglicht. Dass dies so ist, hängt mit dem großen, bislang ungelösten Rätsel der Gehirnforschung zusammen: dem Verstehen der Komplexität dynamischer, vernetzter und nichtlinearer Systeme. Dass auch die philosophischen Theorien zu komplexen Systemen heute weitgehend unzureichend sind, spricht dafür, dass es auf allen Seiten einer generellen Neuorientierung und Forschung im Bereich «komplexer Systeme» bedarf. 2. Eng verflochten mit diesem Problem in der Theoriebildung der Neurowissenschaften ist das bislang ebenfalls ungelöste Problem der sogenannten Qualia, des subjektiven Erlebnisses neuronaler Zustände. Bislang kann die Innenperspektive der Beschreibung eines Bewusstseins zustands nicht zur Deckung gebracht werden mit der Beschreibung desselben Zustandes aus der Außenperspektive. Wie ist diese Grundverschiedenheit zu erklären, wenn doch angeblich die eine, empirische Perspektive allein alles beschreibt, was es mit Blick auf das Phänomen Bewusstsein zu sagen gibt? 204 Betrachtungen – … eines Philosophen Auch wenn man wüsste, welche Zellen wie und wann feuern und wie sie interagieren: Dann bliebe all das immer noch eine Außenoder Dritte-Person-Perspektive, die das Gehirn einer Person zu einer «Sache» macht, deren Funktionsweise paradoxerweise ausgerechnet der Person selbst (dem «Besitzer») verborgen bleibt. Die Beschreibung subjektiver Gefühle und Gedanken ist davon grundverschieden. Was ich fühle, wenn ich an einer Rose rieche, kann nicht vollständig von außen beschrieben werden. Der Philosoph Peter Bieri formulierte es so: «Das Rätsel, wenn es dann eines ist, ist, wie ein komplexes, in objektiver Sprache beschreibbares System, wie ein Körper oder ein Gehirn, etwas Subjektives wie die Innenperspektive hervorbringen kann. Wenn es ein Rätsel gibt, dann ist es dieses Rätsel. Selbst wenn wir die Komplexität des Gehirns immer noch besser verstanden haben, wird immer noch die Frage bleiben, wie kann diese Ansammlung von Nervenzellen, wie komplex ihre Verschaltung auch sein mag, etwas so ganz anderes hervorbringen? Nämlich die Erlebnisperspektive.» 3. Wissenserwerb ist niemals ein isoliertes Geschehen. Gerade weil alle Erfahrungen und vor allem alle Experimente theoriengetränkt sind (Paul Feyerabend), gibt es keine uninterpretierten, reinen Tatsachen. Selbst eine einzelne Nervenzelle ist in der Formulierung des Philosophen Peter Janich «kein Wort für einen Naturgegenstand (wie ‹Kieselstein›), sondern für ein technisch präpariertes und isoliertes, künstliches Objekt. Seine Bezeichnung hängt ab von Theorien und Methoden, von anderen Definitionen und Prinzipien, ja sogar von anderen Fachwissenschaften … Schon in seiner anatomischen Beschreibung sind also weder das Hirn noch seine Teile Naturgegenstände, sondern hochkomplexe Kon strukte technischer und begrifflicher Bemühungen zu bestimmten wissenschaftlichen Zwecken.» Janichs Einsicht wird gerade bei der Untersuchung hochkomplexerer, methodisch schwer zu bestimmender «Gegenstände» der Forschung wie Bewusstsein häufig vergessen. Erschwerend kommt hinzu, dass jede Methodendiskussion – auch die in den Neurowissenschaften – keineswegs allein aufgrund empirischer Daten entschieden werden kann. Wertun- 205 Ein Wesen, das auch außerhalb des Labors lebt gen und weitere, nie ausschließlich rein auf Empirie beruhende Argumente und Entscheidungen spielen eine wichtige Rolle. Neurowissenschaftlerinnen und Neurowissenschaftler haben diesen Umstand bis heute nur sporadisch zur Kenntnis genommen. Dies gilt übrigens auch, jenseits aller philosophischen Debatten, für die seit längerem schärfer werdenden Einwände von Mathema tikern und Statistikern gegen die zuweilen als spektakulär gefeierten Auswertungen neurowissenschaftlicher Daten und Experimente. Nicht nur, dass das notorische Problem der Neurowissenschaften nach wie vor ihre oft erstaunlich geringe Anzahl von Probanden ist, so dass sich mit Blick auf die Wiederholbarkeit von Experimenten ernsthafte Fragen stellen lassen. Auch die zuweilen aus wenigen Datensätzen extrapolierte Qualität bunt gefärbter Hirnscans lässt Zweifel aufkommen an der Validität von Aussagen, die manche Forscher zuweilen für Artefakte und «Voodoo-Korrelationen» halten. Leider erinnern auch die markigen Ansprüche wie «Da sitzt das Denken!» oder «Da sitzt die Angst!», die auf Bildern lokaler Gehirnprozesse beruhen, auf fatale Weise an die angeblich längst überwundenen phrenologischen Untersuchungen der frühen Hirnforschung, die nicht selten von rassistisch inspirierten Ideologien über die Lokalisation von mentalen Fähigkeiten in Dienst genommen wurden. 4. Sowohl aus philosophischer wie aus wissenschafts theoretischer Sicht ist das Verständnis des Kausalitätsbegriffs in den Neurowissenschaften unklar und problematisch. Mehrere Untersuchungen weisen unabhängig voneinander auf die Widersprüchlichkeit der These von einem strengen Determinismus allgemein und speziell in den Neurowissenschaften hin. Gerade das Verhältnis von Ursache-und-Wirkungs-Zusammenhängen in komplexen Netzwerken lässt sich nicht mit einfachen Formeln wie «deterministisch» beschreiben. Gerade weil Ursache und Wirkung nicht in einem herkömmlichen, linearen Muster zusammenhängen, müssen neue Gehirnmodelle und eine neue Sprache für die Vorgänge gefunden werden. Der bekannte Mathematiker und Physiker George Ellis, der unter anderem mit Stephen Hawking zusammenarbeitete, 206 Betrachtungen – … eines Philosophen zeigte sehr klar, dass es nicht einmal eine in sich geschlossene physikalische Theorie eines so einfachen Objektes wie einer Teetasse gibt. In Deutschland wiesen unter anderem Peter Bieri oder die Physikerin und Wissenschafts theo retikerin Brigitte Falkenburg auf die innere Widersprüchlichkeit theoretischer Kausalitätsannahmen in den Neuro wissen schaften hin. Grundsätzlich gilt auch hier die Doppel-Perspektivität der Betrachtungsweisen. In der Formulierung von Brigitte Falkenburg: «Die Neurowissenschaft trägt dazu bei, die natürliche Bedingtheit des Menschen umfassender zu erkennen denn je; und die Phänomenologie zielt darauf, dem Menschen seine Freiheit bewusst zu machen und seine Handlungs spielräume besser zu verstehen. Probleme gibt es erst, wenn eine dieser beiden Disziplinen sich für absolut erklärt und der anderen ihren Erkenntniswert abspricht.» 5. Es war vor mehr als zwei Jahrzehnten das erklärte Ziel der Neurowissenschaften, Krankheiten wie Alzheimer, Parkinson, Schizophrenie und andere mit Bewusstsein, Psyche und Person-Sein in Verbindung stehende Phänomene längst nicht nur erklärt, sondern geheilt zu haben. Mit enthusiasti schen Versprechen konnten die Neurowissen schaften weitaus mehr Geld einwerben, als die gesamte bemannte Raumfahrt plus einiger anderer Forschungsunternehmen kostete. Sieht man sich jedoch die Verschreibung allein von Medikamenten für eine Volkskrankheit wie Depression an – die bis heute nicht vollständig verstanden ist –, dann zeigt sich, dass seitdem kaum ein der Klasse nach neues Medikament auf den Markt gebracht worden ist. Nach wie vor werden Medikamente wie Paroxalon verschrieben, die nachgewiesenermaßen den Suizid wunsch bis um das Achtfache erhöhen können – und das schon nach wenigen Einnahmen. Die typische Behandlung der Depression ist zunehmend die Gabe von Psychopharmaka. Allein in den letzten zehn Jahren hat sich die Menge der verschriebenen Anti depressiva in Deutschland mehr als verdoppelt. Die Medikamente, die ohne Zweifel in bestimmten Kontexten ihre Pflicht tun, werden zuweilen schon nach einem kurzen Gespräch mit dem Hausarzt verschrieben – ohne weitere und regelmäßige Kontrollen 207 Ein Wesen, das auch außerhalb des Labors lebt (follow up). Dabei häufen sich die Anzeichen, dass diese Form der medikamentösen Therapie insbesondere bei Jugendlichen zu verstärkten Selbstmorden und aggressiven Massentötungen (Amokläufen) führt. Es wäre nicht nur aus philosophischer Sicht ratsam, mit Blick auf die Ansprüche der Neurowissenschaften bescheidener aufzutreten – auch wenn dabei der ein oder andere Drittmittelantrag auf der Strecke bleibt. 6. Viele der neueren Methoden der Neurowissenschaften sind höchst beeindruckend, etwa die Analysen der molekularen Topologie, der stark vernetzten Gehirnarchitektur oder die optogenetischen Untersuchungen des Gehirns. Eine kritische philosophische Würdigung, das heißt eine Methodendiskussion, müsste detailliert aus der Kenntnis dieser Methoden und ihrer Möglichkeiten erfolgen. Allgemein gesprochen ist eine der wesentlichen Fragen, die sich aus philosophischer Sicht stellt, die, ob unser Leben in wesentlichen Aspekten anders wäre, wenn all das, was die Neurowissenschaften über mentale Phänomene sagen (etwa über unser Bewusstsein), tatsächlich wahr ist. Beispielsweise ist bei der weitverbreiteten, aber widersprüchlichen Annahme einer absoluten Geschlossenheit aller kausalen Zusammenhänge in der physikalischen Welt ein anderes Prinzip oder Regime, eine andere Art der Beschreibung von Zusammenhängen mentaler Verursachungen (das sogenannte Gespenst in der Maschine) ausgeschlossen. Doch welche Folgen hat diese Sicht, zumal sie in sich widersprüchlich zu sein scheint? Viele Naturwissenschaftler vertreten als regulatives Prinzip ihrer Forschung nach wie vor einen methodologischen Physikalismus, demzufolge alle mentalen Phänomene ausschließlich physische Ursachen haben. Entsprechend diesem methodischen Grundgedanken ist ein Phänomen erst dann wirklich erklärt, wenn eine vollständige physikalische (physische) Ursachenkette dafür gefunden ist. Mit dieser Annahme ist jedoch keineswegs bereits bewiesen, dass es auch für unser Bewusstsein und das durch das Bewusstsein gesteuerte Verhalten eine solche vollständig physikalisch-physische Erklärung geben muss. Entsprechend dem methodologischen Physikalismus wären mentale Zu- 208 Betrachtungen – … eines Philosophen stände samt der sie begleitenden «Innenansicht» jedoch a priori einer vollständigen physikalischen Erklärung zugänglich. Mehr noch: Unsere «mentalistische» Beschreibung dieser Vorgänge müsste durch die «richtige» Erklärung im Sinne einer Beschreibung aller Kausalketten ersetzt werden. Diese Ersetzung der mentalen Sprache («ich denke», «ich empfinde Schmerzen») durch die «eigentliche» Sprache der «wahren» Vorgänge, die allein die Neurowissenschaften zu beschreiben in der Lage wäre («Zellenverband A feuert»), dürfte die Beziehung der Menschen zu sich selbst, aber auch zu anderen Menschen und erst recht zu Tieren stark ver- ändern. Dies mag angemessen sein, falls derartige Aussagen sich als wahr erweisen sollten. Bislang ist dies allerdings nicht der Fall und es bleibt zu prüfen, inwieweit hinter jeder Theorie und Methode, gleich welcher Art und Herkunft, sachfremde Prämissen, Motive und Absichten oder gar Widersprüche stehen, die eben nicht allein nach Maßgabe der entsprechenden Methode aus der jeweiligen Disziplin heraus begründet oder aufgelöst werden können. Die kritische Prüfung muss sich dabei selbstverständlich auch auf philosophische Ansätze erstrecken. Gerade deswegen darf Ideologiekritik nicht automatisch außer Kraft gesetzt werden, nur weil es sich um eine angeblich evidente philosophische oder naturwissenschaftliche Begrifflichkeit, Methode oder Theorie handelt. Die entscheidende Frage, die von Fall zu Fall zu beantworten ist, lautet: Kann uns eine philosophische oder im Gegenteil naturwissenschaftliche Theorie zwingen, unsere Auffassung über das Mentale an maßgeblicher Stelle zu korrigieren oder aufzugeben? Die Möglichkeit bestünde durchaus. Und doch beziehen sich die wahren Aussagen, gleich welcher Disziplin sie entspringen, stets nur auf den jeweiligen Wissensstand ihrer speziellen Zeit. Nach wie vor gilt deshalb, was Peter Bieri bereits 1981 in Analytische Philosophie des Geistes so formulierte: «Es ist eine Aufgabe der Philosophie, sachfremde Motive aufzudecken und dadurch eine unverstellte Analyse des Mentalen zu ermöglichen … Die Philosophie des Geistes ist eine Art Metatheorie der empirischen Wissenschaften vom Mentalen, ein fortlaufender kritischer 209 Ein Wesen, das auch außerhalb des Labors lebt Kommentar zu den begrifflichen Problemen empirischer Theorien.» Auch die Philosophie sollte verstärkt ihre eigenen, sachfremden Motive aufdecken. Aber sie wird unentbehrlich bleiben, wenn es darum geht, die den Umständen geschuldeten begrifflichen Verwirrungen zu lösen, die im Kontext einer scheinbar absoluten Laborerfahrung entstehen. Die methodische Analyse des Menschen und seines Bewusstseins bleibt auf einen nichtreduzierbaren konzeptionellen Pluralismus angewiesen. Denn der Mensch ist ein Wesen, das auch außerhalb des Labors lebt und dort verstanden und begriffen werden sollte. Und genau das stellt uns vor Fragen, die auch die Neurowissenschaften zumindest derzeit weder abschließend noch ohne die Hilfe philosophischer Forschung überhaupt beantworten können. 210 … einer Psychoanalytikerin Zweierlei muss sein: hartes Wissen und sanfte Annäherung Marianne Leuzinger-Bohleber Allen Autoren in diesem Band ist es exzellent gelungen, komplexe und anspruchsvolle Methoden, Beobachtungen und Theorien der modernen Hirnforschung in einer für Laien verständlichen Sprache zu vermitteln und so den Stand ihrer Disziplinen aus den wissenschaftlichen Elfenbeintürmen in die breitere Öffentlichkeit hinauszutragen. Dies ist ein großes Verdienst, denn wie die Bielefelder Wissenschaftssoziologen um Peter Weingart in eindrucksvollen Arbeiten gezeigt haben, hat sich die Welt der Wissenschaften innerhalb der «Wissensgesellschaft» in den letzten Jahrzehnten in dramatischer Weise verändert. Wissenschaft hat sich immer weiter ausdifferenziert: Wissenschaftler – auch Hirnforscher, Psychologen oder Psychoanalytiker – sind heutzutage kaum noch universalistische Forscher, sondern meist hoch spezialisierte Experten mit einem beschränkten Wissen über angrenzende Gebiete. Sie sind bei der kompetenten Untersuchung komplexer Problemstellungen davon abhängig, sich international, intergenerationell und interdisziplinär zu vernetzen. Zudem stehen sie im dauernden, beschleunigten, globalen Wettbewerb, wobei der plurale Zustand der Wissenschaften auch zu pluralen Forschungsmethoden und Qualitätskriterien in den einzelnen Disziplinen geführt hat. Als eine Folge davon ist es inzwischen zum Allgemeingut geworden, dass auch wissenschaftliche Experten nicht über «objektive» Wahrheiten verfügen, sondern dass das sogenannte wissenschaftliche Wissen immer kritisch zu betrachten und daher 211 Zweierlei muss sein: hartes Wissen und sanfte Annäherung auch öffentlich zu diskutieren ist. Welchem wissenschaftlichen Experten am ehesten Vertrauen geschenkt wird und wer finanzielle Unterstützung erhält – das sind die neuen relevanten Faktoren, um die nun ebenfalls in Politik, Öffentlichkeit und in den Medien konkurriert wird. Aus diesem Grund spielen die Medien eine immer wichtigere Rolle. Wissenschaftliches Wissen wird allgemein nur dann zur Kenntnis genommen, wenn es – entsprechend vereinfacht und zugespitzt, aber glaubwürdig und verständlich – den Weg in die Medien findet und sich auch der öffentlichen Diskussion stellt. Genau dies ist der vorliegenden Veröffentlichung gelungen. Die Verantwortlichen der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung und der Frankfurter Allgemeinen Zeitung haben führende Experten aus verschiedenen Teildisziplinen der heutigen Neurowissenschaften gewonnen, um einen kurzen Überblick über den Erkenntnisstand ihrer Forschungsgebiete zu präsentieren und diesen mit relevanten gesellschaftlichen Fragestellungen zu verbinden. Dadurch ermöglichen sie einem breiteren Publikum nicht nur einen Einblick in ihre aktuellen Forschungen, sondern öffnen sich der kritischen Diskussion. Selbstverständlich sind auch wir an psychoanalytischen Forschungsinstituten, in meinem Fall das Sigmund-Freud-Institut in Frankfurt, von den eben skizzierten Entwicklungen in der Wissensgesellschaft betroffen. Daher kann ich meinen folgenden Kommentar nur aus der engen Perspektive der klinischen und forschenden Psychoanalytikerin verfassen und versuchen, einige Brücken zwischen unseren aktuellen Diskursen und jenen zu bauen, die in diesem Buch zusammengefasst werden. Schon im Freud-Jahr 2006 konnte der Eindruck entstehen, der Dialog zwischen der Psychoanalyse und den Neurowissenschaften bilde das wichtigste Fenster für die heutige Psychoanalyse, das sich für sie zur Welt der aktuellen wissenschaftlichen Diskurse eröffnet. Doch fragen sich viele praktizierende Psychoanalytiker, ob sie in diesem Dialog wirklich zusätzliche Erkenntnisse zu den Ursachen seelischen Leidens gewinnen, das heißt zu der Wirkung von unbewussten Phantasien und Konflikten, deren Sinn psychoanalytische Therapeuten zusammen mit ihren Patienten zu entschlüsseln ver- 212 Betrachtungen – … einer Psychoanalytikerin suchen. Werden sie dank der Hirnforschung ihre Patientinnen und Patienten besser verstehen und besser behandeln können? Und wird die psychoanalytische Forschung durch die Hirnforschung wirklich bereichert? Sein Leben lang hoffte Freud, neuere Entwicklungen in den Neurowissenschaften könnten dazu beitragen, psychoanalytische Prozesse auch naturwissenschaftlich zu erforschen. Der englische Neuropsychologe und Psychoanalytiker Mark Solms belegt in seinen historischen und theoretischen Beiträgen, dass sich Freud angesichts der methodischen Grenzen der Neurowissenschaften zu seiner Zeit von dieser Vision abwandte. In der Traumdeutung (1900) definierte Freud die Psychoanalyse als eine ausschließlich psychologische Wissenschaft des Unbewussten (vgl. dazu auch den Beitrag von Gerhard Roth). Wie der Nobelpreisträger Eric Kandel gezeigt hat, eröffnen die Untersuchungsmethoden der Neurowissenschaften (wie PET, fMRI, EKP) neue Möglichkeiten für die Psychoanalyse, ihre Konzepte und Modelle durch Methoden der «harten Wissenschaften» zu überprüfen. Eric Kandel ist ein leidenschaftlicher Vertreter dieser Vision und sagte beispielsweise vor einigen Jahren im Neuroforum der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung, dass die Zukunft der Psychoanalyse weitgehend davon abhänge, ob sie diese Herausforderung annehme. Viele internationale Forschergruppen haben sich dieser Forderung gestellt: Bereits 1999 erschien zum ersten Mal die internationale Zeitschrift Neuro-Psychoanalysis, in der namhafte Neurowissenschaftler und Psychoanalytiker Themen wie Emotion und Affekt, Gedächtnis, Schlaf und Traum, Konflikt und Trauma sowie bewusste und unbewusste Problemlösungsprozesse detailliert und kontrovers diskutieren. 2000 wurde die internationale Gesellschaft Neuro-Psychoanalysis gegründet, die in Form regelmäßiger Kongresse ebenfalls den Austausch zwischen diesen beiden Wissenschaften pflegt. Zudem haben sich in verschiedenen Ländern psychoanalytische Forschungsgruppen gebildet, die Patienten nach lokalisierbaren Hirnverletzungen psychoanalytisch behandeln, um beispielsweise Patienten, die nach einem Schlaganfall das Bild des Hemineglects zeigen (vgl. dazu den Beitrag von Peter Thier), bei der Verarbeitung ihrer Behinderun- 213 Zweierlei muss sein: hartes Wissen und sanfte Annäherung gen therapeutisch zu unterstützen. Gleichzeitig können in den Therapien mit diesen Schlaganfallpatienten – mit Hilfe der sogenannten neuroanatomischen Forschungsmethode  – klinisch sorgfältig die Auswirkungen der hirnorganischen Schädigungen auf das see lische Funktionieren und Befinden untersucht werden. Eric Kandel plädiert zudem dafür, dass die Psychoanalyse zukünftig die Ergebnisse ihrer Behandlungen auch mit neurowissenschaftlichen Methoden belegen muss. Verschiedene psychoanalytische Forschergruppen versuchen bereits entsprechende Studien durchzuführen: Anna Buchheim und Horst Kächele in der sogenannten Hanse Neuro-Psychoanalysis Studie; Georg Northoff und Heinz Böker in ihren Untersuchungen an der Psychiatrischen Universitätsklinik in Zürich; Tamara Fischmann, Michael Russ und ich am Sigmund-Freud-Institut in Kooperation mit dem Max Planck Institute for Brain Research sowie Manfred Beutel und sein Team an der Psychosomatischen Abteilung der Universitätsklinik in Mainz; Linda Mayes und ihre Forschergruppe an der Yale University und Bradley Petersen und Andrew Gerber an der Columbia University in New York, um nur einige wenige zu nennen. Diese Studien sind mit anspruchsvollen wissenschaftstheoretischen und methodischen Problemen verbunden, die u. a. von Michael Madeja in seinem Beitrag «Die Schule erzieht junge Menschen, keine Gehirne» bezogen auf die Bildungs- und Erziehungswissenschaften diskutiert werden. Auch in der Psychotherapie behandeln wir Menschen und nicht Gehirne. Daher können Nachweise von neurobiologischen Veränderungen im Gehirn durch Psychoanalysen zwar eine wichtige Perspektive bei der Betrachtung von therapeutischen Wirkungen sein, aber keinesfalls die einzige. Wie die Patienten selbst, ihre Bezugspersonen und unabhängige Beobachter Veränderungen durch Therapien beurteilen, sind weitere Perspektiven, die ebenfalls berücksichtigt werden müssen. Dies zeigen wir im Sigmund-Freud-Institut etwa in einer großen Therapiewirksamkeitsstudie bei chronisch depressiven Patienten, der sogenannten LAC-Studie, auf (vgl. www.sigmundfreud-institut.de). Zunehmend viele Forschergruppen weltweit scheinen zu realisie- 214 Betrachtungen – … einer Psychoanalytikerin ren, dass sich Neurowissenschaften und Psychoanalyse in interessanter Weise ergänzen könnten. Wie die ausgewiesenen Forscher in diesem Buch diskutieren, verfügen Neurowissenschaften inzwischen über die objektivierenden und exakten Methoden zur Prüfung anspruchsvoller Hypothesen über menschliches Verhalten. Die Psychoanalyse hingegen hat in den mehr als hundert Jahren ihrer Geschichte reiche klinische Erfahrungen gesammelt und komplexe Theorien zur Entstehung und Behandlung seelischen Leidens entwickelt. Daher könnte sich das Zusammendenken der beiden unterschiedlichen Perspektiven fruchtbar für alle Beteiligten erweisen. Dazu zwei Beispiele aus diesem Buch: Die Untersuchungen zur Bedeutung des Schlafs für Lernen und Gedächtnis, die von Jan Born diskutiert werden, sind auch für praktizierende Psychoanalytiker und Therapeuten relevant. In der zurzeit laufenden großen Studie zu den Ergebnissen von psychoanalytischen und verhaltenstherapeutischen Behandlungen von chronisch depressiven Patienten zeigte sich einmal mehr, dass diese Patienten unter gravierenden Schlafstörungen leiden. Wenn es gelingt, durch Psychotherapien dieses Symptom zu lindern, hat dies eine enorme Wirkung sowohl auf die Lebensqualität dieser Menschen als auch auf die kognitiven Problemlösungsfähigkeiten und damit auf ihre produktive Arbeitsfähigkeit. In den Publikationen der LAC-Studie werden die zahlreichen biographischen Erfahrungen der Patienten beschrieben, die oft jahrelang unter schweren Depressionen leiden, welche in oftmals unerträglichen Schlafstörungen münden. Fast 80  Prozent der über 400  Patienten in der Studie hatten in ihrer Kindheit schwere Traumatisierungen erlebt, die in unerkannter (unbewusster) Weise ihr späteres Denken, Handeln und Fühlen bestimmten – und oft auch an ihre Kinder und Kindeskinder weitergegeben wurden. Daher sind wir als Therapeuten dankbar für Möglichkeiten, wie sie von Jan Born beschrieben werden, unseren Patienten durch Medikamente oder andere neurowissenschaftlich basierte Strategien zu einem besseren Schlaf zu verhelfen. Allerdings reichen diese Hilfestellungen meist nicht aus. Es zeigt sich, dass der unbewusste Sinn der depressiven Symptome und der Schlafstörungen 215 Zweierlei muss sein: hartes Wissen und sanfte Annäherung verstanden werden muss, damit diese Menschen ihre Lebensqualität und ihre Beziehungsfähigkeit wiedergewinnen können. In der Praxis geht es oft nicht um ein Entweder-oder (Medikamente oder Psychotherapie), sondern um ein Sowohl-als-auch. Aufgrund dieser klinischen Erfahrungen und Forschungserkenntnisse kann ich der These nur zustimmen, dass individuelle und gesellschaftliche Prävention große Chancen bietet. Gerhard Roth fasst neurobiologische Studien zu den Auswirkungen früher Traumatisierungen auf die Entwicklung des Gehirns zusammen. Diese Erkenntnisse entsprechen en détail den eben erwähnten klinischen und empirischen Befunden der psychoanalytischen Forschung sowie vielen Studien aus der empirischen Bindungsforschung. Wissenschaftstheoretisch können die neurowissenschaftlichen Forschungsergebnisse im Sinne der «externalen Kohärenz» die klinisch-psychoanalytischen Erkenntnisse stützen, aber nicht – einem naiven empirischen Reduktionismus folgend  – ersetzen. Auch Gerhard Roth warnt vor einem «Neuro-Mystizismus» und den Heilserwartungen, die oft in die neue Hirnforschung gesetzt werden. Ein Optimismus, wie er aus einigen der Beiträge herausgelesen werden mag, ist deshalb nicht am Platz. Neurowissenschaftliche Erkenntnisse lassen sich nur in den seltensten Fällen direkt in medizinische oder psychotherapeutische Interventionen umsetzen. Wie schon auf vielen alten Gemälden dargestellt ist: Die Psyche braucht eine sanfte, empathische Annäherung, sonst verliert sie ihre Flügel! 216 … eines Soziologen Das Ich, eingekeilt zwischen Gehirn und Gesellschaft Armin Nassehi Wissenschaftliche Innovationen der letzten 100 Jahre weisen eine merkwürdig gegenläufige Entwicklung auf. Die aufgeklärte Vernunftphilosophie hatte noch über die Bedingungen der Möglichkeit vernünftiger und rationaler Äußerungen räsoniert. Das bewusste Bewusstsein wurde zum Zentrum der Welt erklärt – als cogitans sum bei Decartes, der die Selbsterfahrung des denkenden Ichs als einzige Realitätsgarantie akzeptiert; und das Ich denke, das alle meine Vorstellungen muss begleiten können bei Kant, der ganz ähnlich die Selbsterfahrung des Ich als Grundbedingung, als Zentrum der Welt und als Quelle von Bedeutung, Handeln und Kritik ansieht. Descartes’ Zweifel versichert sich wenigstens des Zweiflers, und Kants vorsichtiges Denken behauptet jenen Zweifler nicht empirisch, zeigt aber die Bedingung seiner Möglichkeit auf. Beide argumentieren vorsichtiger, als es üblicherweise rezipiert wird, und finden in diesen vorsichtigen Denkbewegungen jenen Halt, den das philosophische Denken mit dem Verlust einer Realitätsgarantie der nicht bewussten oder nicht im Bewusstsein repräsentierten Welt verloren hatte. Es waren jedenfalls Versuche, das Ich zu stärken – gegen die Weltzweifel und vor allem gegen Autoritäten, deren Unvernunft kaum die Quelle der subjektiven Vernunft sein konnte. Solcher Art Ich-Stärke hat jenes vernünftige Subjekt hervorgebracht, dessen eigene Vernunft so allgemein oder verallgemeinerungsfähig sein sollte, dass Allgemeines und Besonderes in eins fallen konnten. Von der Vorsicht der Denkbewegung blieb dann nichts mehr übrig. Das Ich wurde zum Zentrum der Welt, schon deshalb selbstbewusst, weil es nur als Selbst bewusst sein konnte. Die gegenläufige Entwicklung freilich wartet mit Dezentrierungen dieser Ich-Stärke auf. Michel Foucault hat sie Gegenwissenschaften 217 Das Ich, eingekeilt zwischen Gehirn und Gesellschaft genannt. Es war die Ethnologie, die nicht nur für die Erkenntnis gesorgt hat, dass es auch andere kulturelle Möglichkeiten als die europäische oder westliche Lebensform gibt. Vielmehr hat die Ethnologie zugleich mit der Einsicht gedroht, dass Kultur oder ethnische Zugehörigkeit jenem Ich denke, das alle meine Vorstellungen begleiten können muss, vorgeordnet ist. Das Ich ist dann eine Funktion des Du, also des Anderen, für den ich selbst jene Funktion bin, was ein Drittes emergieren lässt, Kultur eben. Es ist nicht nur ein Drittes, es ist auch noch ein variables Drittes, das hier entdeckt wird. Kultur kommt empirisch als Kulturen vor, im Plural, als Vergleichsgesichtspunkt unterschiedlicher und damit kontingenter Möglichkeiten. Eine weitere Gegenwissenschaft war die Psychologie, vor allem die Psychoanalyse mit ihrer Entdeckung des Unbewussten, das dem bewussten Ich nur einen begrenzten Teil der Psychoaktivitäten zuweist – es sei nicht «Herr im eigenen Haus», heißt es bei Sigmund Freud – und Ich-Stärke, zuvor das Markenzeichen des Subjekts, ist nun ein unwahrscheinliches Ziel, das auch nur unter Kosten zu erwerben ist. Schließlich nennt Foucault die Linguistik als Gegenwissenschaft, die das Sprechen und die Sprache dem Denken vorordnet. Die Sprache macht das Subjekt, nicht das Subjekt die Sprache – so könnte man den Gedanken zusammenfassen. All diese Dezentrierungen empirisieren das Ich als eine Funktion von Kräften, die explizit keine Ich-Instanzen sind – in der Ethnologie und in der Linguistik überindividuelle Eigensinnigkeiten kultureller und sprachlicher Natur, in der Psychoanalyse triebhafte Kräfte einerseits und Über-Ich-Repräsentationen der Kultur andererseits. Eigentlich sollte ich hier die Beitragsserie über die Hirnforschung aus soziologischer Perspektive kommentieren, warum also dieser merkwürdige Anfang? Was haben die Gegenwissenschaften damit zu tun? Folgendes: Genau besehen ist auch die Soziologie eine solche Gegenwissenschaft  – und die Hirnforschung auch. Deshalb lautet meine These auch, dass die Hirnforschung mit ihren Dezentrierungen einen Soziologen letztlich nicht schrecken kann, weil der Soziologe etwas Ähnliches tut. 218 Betrachtungen – … eines Soziologen Zunächst aber vorsichtiger: Auch die Soziologie weist gegenläufige Tendenzen auf. Sie ist einerseits eine Emanzipationswissenschaft. Man kann die Geschichte der Soziologie als eine Geschichte der Emanzipation von Sprechern rekonstruieren. War es bei Hegel noch der Bürger, der die Gesellschaft bevölkerte, erweiterte Karl Marx um den Proletarier, Max Weber um den kulturell Anderen, und Talcott Parsons feierte die Generalinklusion aller in die Gesellschaft. Die phänomenologische Soziologie legitimiert dann auch den naiv-natürlichen Alltagssprecher, Jürgen Habermas will zwar die Argumente auf die besseren verknappen, dafür aber die Zahl der Sprecher erhöhen, die Rational-Choice-Theorie modelliert auch Unvernünftige als vernünftige Nutzenmaximierer, die cultural studies emanzipieren Subkulturen zu Vollmitgliedern, der neue Kosmopolitismus entdeckt überall legitime Sprecher, fast unabhängig davon, was sie sagen. Die Frauenforschung emanzipiert die Frauen zu Sprecherinnen, die gender studies übertragen das auf alle Geschlechter, und die queer studies emanzipieren dann alle Menschen vollständig vom Geschlecht. Auch die Erhebung der Tiere auf Augenhöhe in der Tierethik gehört dazu wie die Emanzipation der Dinge und Gegenstände zu Akteuren, wie sie derzeit vor allem von dem französischen Soziologen Bruno Latour betrieben wird. Hier werden letztlich alle zu Subjekten – aber alle, das sind eben diejenigen partikularen Gruppen, denen ihre soziale Lagerung vorgeordnet ist. Die Geschäftsgrundlage der Soziologie besteht darin, das Handeln der Menschen aus ihren Herkünften, ihren sozialen Bezügen, aus der Dynamik von Situationen und der Möglichkeit von Bedeutungen zu erschließen. Selbst wenn die Soziologie sich zur Emanzipatorin partikularer Gruppen erhebt, erkennt sie die Genese der Existenz als einer sozialen, also einer vermittelten, also einer nur teilautonomen Existenz an. Deutlicher: Indem die Soziologie letztlich alle partikularen Gruppen antizipiert, erkennt sie zugleich deren Partikularität an, selbst wenn sie das mit dem Gestus der universalistischen Teilhabe macht. Jeglicher menschlicher Äußerung ist damit eine dem Menschen selbst nicht verfügbare Bedingung vorgeordnet. Die erlebte Autonomie des Handelnden entstammt faktisch 219 Das Ich, eingekeilt zwischen Gehirn und Gesellschaft der Heteronomie ihrer sozialen Voraussetzungen. Deshalb kann das, was die Hirnforschung uns lehrt, einen Soziologen nicht nur nicht schrecken, sondern er wird darin eine der Soziologie verwandte Denkungsart entdecken. Liest man die Beiträge, so wird zweierlei deutlich. Zum einen machen sie auf eine Unentrinnbarkeit und Untrennbarkeit aufmerksam: Das seelische Geschehen, so die Formulierung von Gerhard Roth, sei untrennbar an Hirnprozesse gebunden, an Prozesse des limbischen Systems als Produzent des psychischen Geschehens. Dies mag sich autonom erleben, ist aber Resultat von etwas, das es selbst zugleich ist und nicht ist. Zum anderen wird das Gehirn, Stichwort Epigenetik, als ein Operator beschrieben, der Umwelteinflüsse verarbeitet, von vorgeburtlicher Stressverarbeitung im Gehirn der Mutter bis hin zu Umwelteinflüssen wie soziale Herkunft, ökonomische Ausstattung usw. Nicht dass die ökonomische Ausstattung sich in Hirnzuständen niederschlägt, aber wie Niels Birbaumer in seinem Beitrag anmerkt, hängt Psychopathie mindestens so sehr von Hirnprozessen ab wie von den üblichen verdächtigen soziodemografischen Einflussfaktoren und Erfahrungslagen. Was mich an den Beiträgen und an der Hirnforschung überhaupt fasziniert, ist eine Uneindeutigkeit, die ich auch aus meinem eigenen Fach kenne. Fast alle Beiträge der Vortragsreihe betonen einerseits die allgemeine Struktur des Gehirns und seiner Wirkungsweise, zugleich aber die empirische Individualität und individuelle Plastizität des Gehirns. Die Hirnforschung behauptet also nicht eine Determination des bewussten Ichs durch ein Gehirn, sondern eher einen komplexen Wechselwirkungsprozess, in dem es Erregungszustände des Gehirns oder neuronale Zustände sind, die bestimmtes Verhalten induzieren, ohne die kontingente Individualität des Geschehens zu leugnen. So weist Michael Madeja darauf hin, dass eben nicht Gehirne, sondern konkrete Menschen beschult bzw. erzogen werden, was als Hinweis darauf zu lesen ist, dass der Rekurs aufs Gehirn eben nicht die Gleichschaltung auf ein notwendiges Reiz-Reaktions- Geschehen meint, sondern auf plastische, kontingente und darin eben individuelle Prozesse verweist. 220 Betrachtungen – … eines Soziologen Wer seine Vorurteile über die Natur als eines «Reichs der Notwendigkeit» loswerden will, muss dieses Buch lesen. Denn es macht deutlich, wie sehr die «natürlichen» Prozesse neuronaler Systeme im Menschen zwar natürlichen Gesetzmäßigkeiten folgen, aber eben nicht einer maschinenhaften Notwendigkeit. Die Gesetzmäßigkeiten dieser Natur ermöglichen Abweichungen ebenso wie Individualität, Zufall ebenso wie kontingente Muster, Freiheit ebenso wie die Auseinandersetzung mit Grenzen. Das Faszinierende sind die Hinweise auf die lose Kopplung von Elementen, also darauf, zu welcher Varietät das natürliche Substrat hinter dem seelischen Erleben fähig ist, wie sehr das seelische Erleben aber doch an dieses Substrat und geradezu evolutiv an seine eigenen Prozesse gebunden ist. Die Unentrinnbarkeit besteht darin, dass wir nicht nur wie bereits von Descartes gedacht an unsere Bewusstheit gebunden sind und kein bewusstes Geschehen jenseits des eigenen Bewusstseins möglich ist. Wenn der einzige Zugang zur Welt das eigene Bewusstsein ist, dann wird die Welt unweigerlich zu einer bewussten Welt. Dies wird hier noch einmal radikalisiert: Die dünne Schicht des bewussten Erlebens ist unentrinnbar an die eigenen Hirnprozesse gebunden, aber es scheint keine Eins-zu-eins-Korrelation zwischen psychischen Zuständen und dem Gehirn zu geben – wie Herta Flor zeigt, sind sogar umgekehrte Prozesse denkbar: Hirnveränderungen durch Erleben und Verhalten. Ich rekonstruiere dies laienhaft und womöglich nicht ganz korrekt – aber die Parallele zur soziologischen Denkungsart sollte doch deutlich werden. Wie man an der Hirnforschung seine Vorurteile über ein angeblich auf Notwendigkeiten basierendes Reich der Natur loswerden kann, kann die Soziologie dabei helfen, die Vorurteile über Kultur und Gesellschaft als eines Reiches der Freiheit zu relativieren. Was wir denken, wie wir handeln, was wir plausibel finden, wen oder was wir attraktiv finden, welche moralischen oder ästhetischen Urteile wir abgeben, welche Berufe wir wählen, welche Sprache wir sprechen, was wir für normal und was für abweichend halten, sogar welche Art von körperlichem Habitus wir pflegen, ist zwar menschheitsgeschichtlich und kulturrelativ hochgradig variabel. 221 Das Ich, eingekeilt zwischen Gehirn und Gesellschaft Aber für unsere ja konkrete Existenz ist die Varietät gering. Wir leben hier und jetzt, in einer bestimmten Kultur mit bestimmten Ressourcen und Möglichkeiten usw., und dies bestimmt unser Verhalten stärker, als wir es in unseren Selbstbeschreibungen zugeben würden. Wie das Gehirn manches vorgibt, was wir als autonomes Erleben und Verhalten an uns selbst wahrnehmen, gibt uns Gesellschaftliches und Kulturelles manches ziemlich genau vor, was wir aber beschreibend uns selbst zurechnen würden. Das Reich der Freiheit ist eben relativ – wie auch das Reich der Notwendigkeit nur relativ ist. Soziologen und Hirnforscher dürften sich einig sein: Das Ich, jenes Zentrum unserer Welt, dem wir üblicherweise zurechnen, was geschieht, ist eingekeilt zwischen Gehirn und Gesellschaft. Ob wir uns als Soziologen oder als Hirnforscher Fragen nach pathologischem Verhalten oder nach Kriminalität, nach richtigen Entscheidungen oder Erziehungsund Lernprozessen, nach Möglichkeiten der Selbstreflexion und Selbststeuerung und nach therapeutischen Möglichkeiten stellen: Beide Perspektiven finden eine Ebene bewusster Selbstbeschreibungen vor – etwa Sprecher in bestimmten Positionen oder sprechende Patienten –, die aber konterkariert werden durch Prozesse, die diese Bewusstheit erst ermöglichen, für sie aber nicht erreichbar sind: komplexe neuronale Prozesse des Gehirns ebenso wie komplexe Voraussetzung von Kultur und Gesellschaft. Es zerren also neuronale und gesellschaftliche Erregungszustände an jenem Ich, das das westliche Denken einmal als das autonome Zentrum der Welt angesehen hatte. Wie wir aber aus der Himmelsbeobachtung wissen, muss eine Dezentrierung ptolemäischer Sicherheit die Welt nicht schlechter machen. Sie kann sogar dazu dienen, die Relativität von Beobachterpositionen zu betonen – wenn das nicht Aufklärung im besten Sinne ist!

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References

Zusammenfassung

«Denn der Mensch ist ein Wesen, das auch außerhalb des Labors lebt …»

Gert Scobel

Neurowissenschaften sind «in». Selten hat eine Wissenschaftsdisziplin eine solche Aufmerksamkeit und Begeisterung erfahren. Doch ist dies gerechtfertigt? In diesem Buch legen 18 führende Neurowissenschaftler Rechenschaft darüber ab, was die Hirnforschung erreicht hat, was sie noch erreichen kann, aber auch, wo sie die Erwartungen noch nicht einlösen konnte oder aus grundsätzlichen Ursachen in Zukunft nicht erreichen wird.

Die Auswahl der Themen und Forscher zeigt die vier Bereiche, in denen der Einzelne sich Antworten von der Hirnforschung erhofft: Wie das Gehirn des Menschen funktioniert, was die Hirnforschung zum Verständnis des eigenen Ich beitragen kann, welche Auswirkungen Störungen der Hirnfunktionen haben und wie die Hirnforschung bei gesellschaftlichen Problemen helfen kann. Sie spiegelt aber auch wider, wo Begeisterung und Ablehnung der Menschen am schärfsten aufeinanderprallen und so die zukünftige gesellschaftliche Unterstützung der Hirnforschung entschieden werden dürfte.