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Christian Mann, Josiah Ober: Democracy and Knowledge. Innovation and Learning in Classical Athens in:

Gnomon, page 334 - 339

GNO, Volume 82 (2010), Issue 4, ISSN: 0017-1417, ISSN online: 0017-1417, https://doi.org/10.17104/0017-1417_2010_4_334

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C.H.BECK, München
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C. Di Giovine: Breitenbach, Kommentar zu den Pseudo-Seneca-Epigrammen 334 Tandoi) di considerare i vv. 1–4 preparatorii dei vv. 5–8 lasciano poco convinti, e l’imperativo vince con cui si apre il v. 5 sembra proprio un incipit epigrammatico. Se l’analoga struttura dell’epigramma 34, con tre distici tutti aperti da sic con valore augurale, si realizza in un componimento integro, non sarebbe poi impossibile ipotizzare che anche i vv. 1–4 del nostro epigramma realizzino un breve testo non incompleto. Per il concetto del vino che libera dalle nubi o dalle tenebre dell’animo (vv. 5–8) si confronti anche Floro oeta, in Anth. Lat. 247 Riese: (Liber) rumpit ... tenebras pectoris (v. 4). p Dopo lavori della mole di questo bel commento di B. (ma anche del commento curato da D. che di poco lo precede) è facile immaginare che trascorrerà molto tempo prima che qualche filologo si impegni nuovamente a commentare gli epigrammi attribuiti a Seneca. Opere di questo tipo, mentre costituiscono l’approdo, l’auspicato ‘porto’ di tutte le ricerche precedenti, per la ricchezza dei riscontri e dei confronti offerti allo specialista consentono – al di là dello specifico interesse per la tematica degli epigrammi ‘di Seneca’ – di lavorare proficuamente nella più ampia prospettiva dell’indagine su temi, lingua e stile dell’epigramma latino. Roma Carlo Di Giovine * Josiah Ober: Democracy and Knowledge. Innovation and Learning in Classical Athens. Princeton/Oxford: Princeton UP 2008. XIX, 342 S. 17,95 £. Das anzuzeigende Buch konzipiert die griechischen Poleis als Wirtschaftsunternehmen: Wie diese um Marktanteile und Umsätze, gegen Insolvenz und feindliche Übernahmen kämpfen, so hätten die Poleis in einem Wettbewerb um materielle Ressourcen, Macht, Ruhm, bisweilen sogar um die bloße Existenz gestanden. Die zentrale These lautet, Athen habe sich durchsetzen können, weil es über ein überlegenes ‘institutional design’ verfügt habe: Aufgrund seiner demokratischen Ordnung sei es besser als die hierarchisch organisierten Konkurrenten in der Lage gewesen, das in der Gesellschaft vorhandene Wissen für politische Entscheidungen und gemeinsame Handlungen nutzbar zu machen. Im Verlauf der klassischen Zeit hätten andere Poleis das athenische Wissensmanagement kopiert und damit den Abstand verringert, das Ende der athenischen Vormacht sei aber erst vom makedonischen Königreich herbeigeführt worden, gegen dessen überlegene Ressourcen Athen trotz seiner strukturellen Vorteile chancenlos gewesen sei. Mit diesem Werk bringt Josiah Ober, Professor für Classics und politische Wissenschaften an der Universität Stanford und einer der prominentesten Experten für die Theorie und Praxis der athenischen Demokratie, nach eigenen Worten eine Trilogie zum Abschluß (xiii. 30–34). In früheren Arbeiten hatte er das Verhältnis zwischen dem athenischen Volk und den politischen Meinungsführern sowie die antidemokratische Polemik antiker Autoren untersucht;1 nun konzentriert er sich auf die Frage, warum Athen in klassischer Zeit eine solch erfolgreiche Polis war. Sein Ergebnis möchte er auch als Beitrag zu der seit dem Ende des Kalten Krieges intensivierten Debatte verstehen, warum Demokratien ––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––– 1 Ober, Josiah: Mass and Elite in Democratic Athens. Rhetoric, Ideology, and the Power of the People. Princeton 1989. Ders.: Political Dissent in Democratic Athens. Intellectual Critics of Popular Rule. Princeton 1998. Ch. Mann: Ober, Democracy and Knowledge 335 bessere Ergebnisse erzielen als autoritäre Regimes, außerdem als Plädoyer für mehr Partizipation und Deliberation in Staaten und Unternehmen. Dies ist gleich zu Beginn der Einleitung (S. 1–38) zu erkennen: Die Entscheidungsfindung im Weißen Haus werde laut O. gegenwärtig von einer kleinen Gruppe von Experten dominiert, die unter weitgehendem Ausschluß der Öffentlichkeit Argumente austausche und Pläne entwickle – Bill Clintons versuchte Gesundheitsreform und George W. Bushs Irakkrieg werden als Beispiele genannt. Dies sei das falsche Verfahren, denn Wissenschaftler wie Friedrich Hayek, und vor ihnen bereits Perikles, hätten erkannt, daß alle Formen von Organisationen dann den größten Erfolg erzielten, wenn möglichst viel Wissen zirkuliere (1f). Auf diesen ersten Seiten werden die zwei prägenden Charakteristika des Buches deutlich: erstens der Glaube daran, daß moderne und antike Gesellschaften prinzipiell nach denselben Regeln funktionieren, zweitens ein betont interdisziplinärer Ansatz – es wird auf Theorien und empirische Befunde aus ganz unterschiedlichen wissenschaftlichen Bereichen zurückgegriffen, vor allem der Wirtschaftswissenschaften und der Spieltheorie, aber auch der Politologie und Soziologie.1 Athens Erfolg in klassischer Zeit sei nach O. auf die Demokratie zurückzuführen: Zwar hätten die vielen Beratungen auf unterschiedlichen Ebenen einen erheblichen Zeitaufwand erfordert – ein Nachteil gegenüber anderen Poleis, in denen einzelne oder kleine Gruppen der Menge die Entscheidungen diktiert hätten. Doch die Vorteile hätten überwogen, denn in keiner anderen Polis sei das Wissen der Bürger so gut vernetzt und koordiniert gewesen wie in Athen; hinsichtlich der Transformation von Daten in politisch verwertbare Informationen sei Athen allen Konkurrenten überlegen gewesen. Athens Erfolg in der griechischen Poliswelt habe also nicht auf kontingenten Faktoren beruht, die nicht reproduziert werden könnten, sondern auf der Überlegenheit seines ‘institutional design’. Zwar habe das athenische Wissensmanagement daran gelitten, daß Met- öken, Frauen und Sklaven aus den politischen Institutionen ausgeschlossen gewesen und daher wertvolle Wissensressourcen ungenutzt geblieben seien; doch dies habe nicht zum Nachteil Athens ausgeschlagen, da andere Poleis denselben Fehler begangen hätten (24). Im 2. Kapitel (Assessing Athenian Performance, 39–79) soll nachgewiesen werden, daß Athen im Zeitraum 508–322 v. Chr. eine erfolgreiche Polis gewesen sei. Dazu wird eine Fülle von Daten zusammengetragen und die ‘performance’ griechischer Poleis in zahlreichen Schaubildern dargestellt. Exemplarisch sei hier auf die Abb. 2.2 (47) verwiesen, die einen Vergleich der ‘Top 20’ klassischer griechischer Poleis entlang der Kriterien Territoriumsgröße, internationale Aktivität, Ruhm und Bautätigkeit liefert. Athen ist dabei mit 75 von 80 möglichen Punkten klarer Sieger, Sparta als Zweiter weist mit 54 Punkten einen großen Rückstand auf. Sowohl die Quantifizierung an sich als auch die Kriterien wirken befremdlich. Den Status einer Polis nach ihren öffentlichen Bauten zu messen, fällt hinter das ––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––– 1 Ober kann dabei auch auf eigene frühere Arbeiten zu Leitungsstrukturen in Wirtschaftsunternehmen zurückgreifen: Manville, Brooke/Ober, Josiah: A Company of Citizens. What the World’s First Democracy Teaches Leaders about Creating Great Organizations. Cambridge, MA 2003. Ch. Mann: Ober, Democracy and Knowledge 336 Reflexionsniveau des Thukydides (1,10) zurück, den Ruhm der Poleis mißt O. nach der Anzahl der Spalten, die ihnen in modernen Lexika gewidmet werden. Wenn man danach geht, bildete etwa für die Insel Melos die Vernichtung durch eine athenische Streitmacht im Jahre 416 den Höhepunkt ihrer Geschichte, denn durch dieses Ereignis und Thukydides’ davon angeregten Melierdialog gelangte sie zu Bekanntheit. Auch die weiteren von O. angelegten Maßstäbe erscheinen unangemessen: Daß Athens Prägungen in der Statistik der Münzhorte am häufigsten vorkommen, mag dessen Führungsrolle angemessen widerspiegeln; Sparta allerdings taucht in dieser Statistik überhaupt nicht auf, was deren Erkenntniswert im Hinblick auf den Status der Poleis in Zweifel zieht. Ob die Anzahl der Erwähnungen in der Literatur des 5. und 4. Jahrhunderts (O. überträgt hier das aus der modernen Evaluationspraxis bekannte Verfahren des ‘citation ranking’ auf die griechische Poliswelt) einen verläßlichen Einblick in Macht und Reichtum von Poleis erlaubt, muß ebenfalls bezweifelt werden. Das nächste Glied in der Argumentationskette ist der Nachweis, daß die herausragende ‘performance’ Athens auf die demokratische Ordnung zurückzuführen sei. Dazu gliedert Ober den Zeitraum von 700–146 v. Chr. in zwölf Abschnitte und untersucht die Entwicklung der politisch-ökonomischen Kapazität und der Bevölkerungszahl im Zusammenhang mit der Verfassungsgeschichte. Als Ergebnis des kursorischen Überblicks wird festgehalten, daß alle drei Elemente eng miteinander verknüpft waren, und auch dieser Zusammenhang wird in einem Schaubild (Abb. 2.5) visualisiert. In der Mitte des 5. Jahrhunderts erreiche Athen seinen Höhepunkt sowohl auf der Kapazitätsskala (mit über 90 von 100 möglichen Punkten) als auch auf der Demokratieskala (mit über 80 von 100), und zur selben Zeit steige die Bürgerzahl Athens mit über 40.000 auf ihren höchsten Wert. 411, 404 und 322 hingegen brächen die Werte Athens in allen drei Kategorien ein. Worauf aber sei dieser Zusammenhang zwischen politischer Ordnung und ‘performance’ zurückzuführen? O. schließt Erklärungen, daß der Erfolg einer Polis demokratische Reformen nach sich zöge, ebenso aus wie exogene Faktoren, die sowohl für eine Demokratisierung als auch für eine Steigerung der ‘performance’ sorgten. Die einzig plausible Erklärung sei vielmehr, daß die demokratische Ordnung Athens den Erfolg der Polis bewirkt habe. Worin genau die Demokratie konkurrierenden Polisordnungen überlegen gewesen sei, ist Gegenstand der weiteren Kapitel. Kapitel 3 (Competition, Scale, and Varieties of Knowledge, 80–117) kommt die Funktion einer zweiten Einleitung zu, indem die in der Folge zu beweisenden Thesen formuliert werden: Die Athener seien erfolgreich gewesen, weil sie effektive Strategien entwickelt hätten, um die drei zentralen Probleme bei der Organisation von Wissen – sowohl technischem als auch sozialem – zu lösen: erstens die Sammlung des in der Gesellschaft vorhandenen latenten Wissens, zweitens die Koordination der Handlungen von Menschen, die ein gemeinsames Ziel verfolgen, drittens die Senkung der ‘Kosten’ für Transaktionen, die der Gemeinschaft zugute kommen. Im vierten Kapitel (Aggregation: Networks, Teams, and Experts, 118–167) wird gezeigt, wie es den Athenern gelang, das individuelle Wissen einzelner Bürger einer größeren Menge zur Verfügung zu stellen. Das ‘institutional design’ Athens habe bewirkt, daß ein beständiger und vielfältiger Austausch innerhalb der Bürgerschaft stattgefunden habe, wie anhand des Volksbeschlusses über den Ch. Mann: Ober, Democracy and Knowledge 337 Aufbau einer Flottenstation in der Adria ausgeführt wird (IG II² 1629, 325/4 v. Chr.). Die Inschrift zeige, wie viele Gremien und Magistrate an der Umsetzung des Beschlusses mitwirkten: die Volksversammlung selbst, die Trierarchen, die Thesmotheten, die Dikasterien, die Schatzmeister der Athena, die Prytanen und viele andere mehr. Was zunächst wie ein ineffizientes, da umständliches Verfahren erscheine, gehorche der höheren Logik, die politischen Institutionen und damit die in ihnen tätigen Bürger miteinander zu vernetzen. Denselben Zweck erfülle auch die politische Gliederung Attikas: Demen und Phylen seien als Netzwerke aufzufassen, die ganz Attika überspannten. Das kleisthenische System, unterschiedlich strukturierte und zum Teil weit auseinander liegende Gebiete Attikas zu Phylen zusammenzufügen, habe den Wissensaustausch innerhalb der Bürgerschaft höchst effektiv intensiviert. Die vielen Beratungen auf unterschiedlichen Ebenen seien zwar zeitaufwendig und damit teuer gewesen, aber dieser Nachteil sei mehr als kompensiert worden, weil die Kompetenzen der einzelnen Bürger im Interesse der Gesamtheit nutzbar gemacht worden seien. Das fünfte Kapitel (Alignment: Common Knowledge, Commitment, and Coordination, 168–210) untersucht die Nutzbarmachung von Wissen, nachdem Entscheidungen gefallen und in konkrete Handlungen umzusetzen waren. Nach ausführlichen theoretischen Darlegungen zu den prinzipiellen Möglichkeiten, das Handeln von Individuen zu koordinieren, werden die Verfahren untersucht, die in Athen zur Anwendung gelangten. O. postuliert, daß viele Beschlüsse der Volksversammlung im Konsens beschlossen worden seien, indem das Volk den Anträgen politischer Meinungsführer gefolgt sei (180). Bei bedeutenden Entscheidungen dagegen hätten sich die Athener mehr Zeit genommen, um entgegengesetzte Meinungen zu hören, insbesondere bei Prozessen. Eine Ausrichtung individueller Handlungen an kollektiven Werten sei vor allem durch Monumente im öffentlichen Raum erreicht worden: Entehrende Denkmäler, z. B. die ‘Attic Stelai’ mit den Listen der versteigerten Güter von Personen, die 415 in den Mysterienfrevel verwickelt waren, oder die in Lykurgs Rede gegen Leokrates (§ 117– 119) erwähnten ‘Verräterstelen’ hätten bestimmte Handlungen für alle Bürger sichtbar als verwerflich dargestellt, Bildprogramme an Tempeln oder die Statuen der Tyrannenmörder hingegen positive Verhaltensnormen visualisiert. Besondere Bedeutung bei der Verschmelzung der Bürgerschaft zu einer Handlungseinheit hätten außerdem die zahlreichen religiösen Feste gehabt. Ausgangspunkt des Kapitels 6 (Codification: Access, Impartiality, and Transaction Costs, 211–263) ist die Überlegung, daß hohe ‘Transaktionskosten’ die Produktivität senkten: Die ‘performance’ einer Gemeinschaft nehme ab, je grö- ßer die Hindernisse und Risiken für das Individuum seien, eine für die Gemeinschaft nützliche Handlung zu vollziehen. Der Polis Athen mußte daher, genau wie einem modernen Staat oder Wirtschaftsunternehmen, daran gelegen sein, diese Kosten zu senken, insbesondere im 4. Jahrhundert; denn während die Blüte des athenischen Seereiches im 5. Jahrhundert beständig Ressourcen nach Athen habe fließen lassen, seien die Athener nach dessen Ende auf einen regen Handelsaustausch angewiesen gewesen, um ihre materiellen Bedürfnisse zu befriedigen. Dafür hätten die Athener eine liberale Wirtschaftspolitik betrieben und ihre Polis auch für Ausländer als Standort attraktiv gemacht. Die Vorzüge der demo- Ch. Mann: Ober, Democracy and Knowledge 338 kratischen Ordnung – Gleichheit, Rechtssicherheit, Transparenz – seien der wirtschaftlichen Entwicklung direkt zugute gekommen. Eine Zusammenfassung der zentralen Thesen (264–280), mehrere Anhänge mit weiteren Schaubildern und Erläuterungen, ein umfangreiches Literaturverzeichnis sowie ein Index schließen das Buch ab. Der Ansatz, das demokratische Athen wie ein Wirtschaftsunternehmen zu analysieren, führt zu ungewohnten, interessanten Perspektiven, die vielerlei Denkanstöße liefern. Durch die Fülle und Vielfalt der präsentierten Ideen und Theorien ist die Lektüre sehr lehrreich. Bemerkenswert, wenn auch nach den früheren Publikationen des Autors nicht überraschend, ist der hohe Lobpreis der athenischen Demokratie, die als wahre Volksherrschaft verstanden wird. Außerdem fällt O.s Optimismus auf, aus der Betrachtung der Geschichte Athens verwertbare Erkenntnisse für Gegenwart und Zukunft der modernen Demokratie gewinnen zu können. Das Buch kann zweifellos von Nutzen sein, wenn private Geldgeber dazu bewegt werden sollen, althistorische Forschungen zu unterstützen. Die wissenschaftliche Qualität hingegen ist gering. Erstens werden bei der Darstellung der athenischen Erfolgsgeschichte historische Kontingenzen zu schwach gewichtet: Hätten beispielsweise die Spartaner 404 entschieden, die Polis Athen auszumerzen, würde sich eine Diskussion über die Überlegenheit der athenischen Demokratie über andere Polisordnungen erübrigen. Zweitens sind viele Schlußfolgerungen fragwürdig oder schlichtweg falsch: So zieht O. aus dem Umstand, daß in den oligarchischen Phasen der athenischen Geschichte auch die Kapazität der Polis einen Einbruch erlitt, den Schluß, daß die Ressourcen schlechter genutzt worden seien als unter der Demokratie. Der Zusammenhang ist jedoch offensichtlich ein anderer: Sowohl 404 als auch 322 verlor Athen große Kriege, verbunden mit Bevölkerungsverlusten und finanziellen Ressourcen, die siegreichen Spartaner bzw. Makedonen sorgten für eine Abschaffung der Demokratie. Drittens ist der Umgang mit den Quellen sehr oberflächlich: In vielen Fällen werden die Thesen gänzlich ohne Diskussion von Quellen entwickelt; wenn antike Zeugnisse herangezogen werden, verläuft die Interpretation eindimensional. Ein Beispiel sind O.s Ausführungen zum Ostrakismos (160f): Seiner Ansicht nach handelte es sich dabei um eine Sammlung von sozialem Wissen, indem von zahlreichen athenischen Bürgern die Frage beantwortet worden sei, welcher politische Führer der demokratischen Ordnung am gefährlichsten werden könne; damit sei der Ostrakismos einer modernen Meinungsumfrage ähnlich. Dabei wird unterschlagen, daß es keinerlei Informationen darüber gibt, ob der Öffentlichkeit die Zweit- und Drittplazierten überhaupt mitgeteilt wurden. Die erhaltenen Ostraka lassen außerdem Zweifel daran aufkommen, ob die athenischen Bürger den Sinn der Institution so verstanden wie postuliert.1 O. hat in früheren Publikationen nachgewiesen, daß er Quelleninterpretation auf hohem Niveau beherrscht, in diesem Buch dagegen ist dies aus dem Blick geraten. ––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––– 1 Eine stattliche Anzahl der abgegeben Ostraka galt nicht den führenden Politikern: Brenne, Stefan: Die Ostraka (487–ca. 416 v. Chr.) als Testimonien (T 1), in: Siewert, Peter (Hrsg.): Ostrakismos-Testimonien I. Stuttgart 2002, 36–166. Ch. Mann: Ober, Democracy and Knowledge 339 Das führt zum eigentlichen Kern der Sache. Das Buch hat sich dezidiert der Interdisziplinarität verschrieben, bekanntlich einem der Zauberwörter des modernen Wissenschaftsbetriebes. Der Verweis auf Interdisziplinarität sollte nun allerdings nicht dazu führen, daß ein methodisches Niemandsland betreten wird, in dem keine wissenschaftlichen Regeln gelten; vielmehr sollten die Grundlagen aller beteiligten Disziplinen beachtet werden. Im konkreten Fall zeigt sich aber, daß der Gegenstand sich nicht durch die angewandten Methoden erschließen läßt, und dies führt zu bizarren Argumentationsketten. O. verwendet beispielsweise viel Mühe auf den Nachweis, daß Athen in klassischer Zeit eine reiche und mächtige Polis gewesen sei; dies ist überflüssig, denn es gehört zum althistorischen Standardwissen, ein Verweis auf die Tributquotenliste oder die athenische Flotte zur Zeit Lykurgs hätte ausgereicht. O. aber will den athenischen Erfolg in Zahlen fassen, genau wie sich Umsätze und Marktanteile moderner Unternehmen quantifizieren lassen. Die klassischen Poleis haben aber nun einmal keine Quartalsberichte vorgelegt, so daß auf selbstkonstruierte Zahlen zurückgegriffen wird: Die Kapazität der Polis Athen im Jahr 470 mit neun Punkten (von 16) anzugeben, 450 mit 14, 425 dagegen nur mit zehn (Abb. E.1), mag die Entwicklung in etwa widerspiegeln, aber welchen Nutzen hat die Quantifizierung außer der Schaffung einer Scheinobjektivität? Man muß O. zugute halten, daß er bisweilen auf die Risiken der eigenen Methode hinweist, jedoch ohne daß dies einen Einfluß auf den Gang der Argumentation hätte. Das Buch wird strukturiert durch Statistiken und Schaubilder; die sich nach der Einleitung aufdrängende Frage, auf welche Weise die Kompetenzen einzelner Bürger der Polis denn nun konkret zugute gekommen seien, bleibt unbeantwortet. Abschließend muß konstatiert werden, daß das Buch die an althistorische Arbeiten gestellten methodischen Anforderungen nicht erfüllt. Ob es den Standards anderer wissenschaftlicher Disziplinen entspricht, vermag der Rezensent nicht zu beurteilen; man möchte es nicht hoffen, denn es würde diesen ein schlechtes Zeugnis ausstellen. Basel/Freiburg i. Br. Christian Mann * Hans Förster: Die Anfänge von Weihnachten und Epiphanias. Eine Anfrage an die Entstehungshypothesen. Tübingen: Mohr Siebeck 2007. XII, 342 S. (Studien und Texte zu Antike und Christentum. 46.). Seit vielen Jahrzehnten hat es sich eingebürgert, zur Entstehung der christlichen Feste Weihnachten und Epiphanias zwei alternative Hypothesen zu diskutieren, nämlich eine «Berechnungshypothese» und eine «religionsgeschichtliche Hypothese» – in jüngerer Zeit fast immer mit dem Resultat, daß die letztere den Vorzug erhält. Das neue Buch von Hans Förster hat sich zum Ziel gesetzt, die Diskussion über dieses eigenartige Paradigma hinauszuführen. Eigenartig schon allein deshalb, weil hier Alternativen suggeriert werden, die so nicht bestehen, und weil die Rede von den «Hypothesen» in unsachgemäßer Weise die Unsicherheit betonen, mit der diese (wie auch jede andere) historische Urteilsbildung behaftet ist. Darüber hinaus haben sich durch diese Denkfigur bestimmte Vorstellungen in der Forschung sklerotisiert, die von den Quellen so nicht gedeckt

Zusammenfassung

Josiah Ober: Democracy and Knowledge. Innovation and Learning in Classical Athens. Princeton/Oxford: Princeton UP 2008. XIX, 342 S. 17,95 £.

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Abstract

As a critical journal for all classical studies, the GNOMON fosters the links between the distinct classical disciplines. It has thus an exceptional position among the classical review journals and allows familiarization with research and publications in neighbouring disciplines. The reviews address an international readership from all fields in classical studies. The GNOMON publishes reviews in German, English, French, Italian and Latin.

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Zusammenfassung

Der GNOMON pflegt als kritische Zeitschrift für die gesamte Altertumswissenschaft die Verbindung zwischen den verschiedenen Disziplinen der Altertumswissenschaft. Er nimmt dadurch eine Sonderstellung unter den Rezensionsorganen ein und bietet die Möglichkeit, sich über wichtige Forschungen und Publikationen auch in den Nachbarbereichen des eigenen Faches zu orientieren. Die Rezensionen im GNOMON wenden sich an ein internationales Publikum, das aus allen Teilgebieten der Altertumswissenschaft kommt. Die Publikationssprachen im GNOMON sind: Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch und Lateinisch.

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