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Christian Mann, Joseph A. Almeida: Justice as an Aspect of the Polis Idea in Solon’s Political Poems in:

Gnomon, page 231 - 234

GNO, Volume 78 (2006), Issue 3, ISSN: 0017-1417, ISSN online: 0017-1417, https://doi.org/10.17104/0017-1417_2006_3_231

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C.H.BECK, München
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S. Harrison: Apuleyo de Madauros, Las Metamorphosis. Ed. Martos 231 viding in his full reports of readings and conjectures a valuable aid to future editors of the text. But (in the reviewer’s view), we still need a new edition of Apuleius’ novel which is sufficiently sceptical about the transmitted text of F. All Apuleian scholars hope that this will be supplied in the new Oxford Classical Text currently being prepared by Maaike Zimmerman, whose own review of Martos’ edition should be consulted by anyone interested in the editing of Apuleius (now published in Ancient Narrative 4, 2004 and available free online at www.ancientnarrative.com).1 Oxford S. J. Harrison * Joseph A. Almeida: Justice as an Aspect of the Polis Idea in Solon’s Political Poems. A Reading of the Fragments in Light of the Researches of New Classical Archaeology. Leiden/Boston: Brill 2003. XVII, 284 S. (Mnemosyne. Supplementum. 243.) 80 €. Es ist vor allem der Untertitel des Buches, der Aufmerksamkeit erregt. Das Vorhaben, die Dichtung Solons unter Berücksichtigung archäologischer Forschungen neu zu interpretieren, klingt sehr ambitioniert und weckt gleichermaßen Skepsis wie Neugier. Wie A. in der Einleitung darlegt, möchte er die traditionellen Fachgrenzen zwischen Geschichte, Archäologie und Philologie durchbrechen und aufzeigen, daß ein interdisziplinärer Ansatz zu einem tieferen Verständnis der Polisentwicklung führen kann. Zunächst müsse in spezifische Forschungsdiskussionen der einzelnen Disziplinen eingeführt werden, wozu die nächsten drei Kapitel – und damit der größte Teil des Buches – dienen. Im ersten Kapitel ’Solon: historical sources and scholarship: what we do and do not know‘ (1–69) läßt A. die Forschungsgeschichte zu Solons Biographie und Nomothesie Revue passieren. Dabei diskutiert er zunächst den Charakter der beiden Hauptquellen, die aristotelische Athenaion Politeia und Plutarchs Vita Solonis, und geht danach auf einzelne Fragenkomplexe ein. Besonders ausführlich werden Probleme der Chronologie behandelt, daneben die Frage der Hektemoroi, der Schatzungsklassen und der politischen Institutionen zur Zeit Solons. Die Einzelheiten der Forschungsdiskussion sollen hier nicht zur Debatte stehen, zumal A. auf die Ausführungen dieses Kapitels später kaum zurückgreift, wichtig für das Verständnis von A.s Gedanken ist vor allem das generelle Verdikt, das er über die historische Forschung zu Solon verhängt: Sowohl antike Historiker (hiermit sind Aristoteles und Plutarch gemeint) als auch ihre Nachfolger in der Moderne hätten Solons Dichtung nur am Rande behandelt; diese sei lediglich dazu benutzt worden, um mit einzelnen, aus dem Zusammenhang gerissenen Versen Hypothesen zu stützen, die primär auf spätere Quellen oder bloße Spekulation gegründet seien (68f). In Kapitel 2 ’Literary criticism of Solon’s political poems after Jaeger‘ (70–118) stellt A. exemplarisch einige philologische Forschungsansätze zu Solons Elegien ____________________________________________________________________________ 1 I have gained much through reading that review. Michael Winterbottom also kindly read a draft of this piece and made some very helpful comments, saving me from several errors. Ch. Mann: Almeida, Justice as an Aspect of the Polis Idea232 vor. Dabei mißt er Werner Jaegers Schrift über die Eunomie1 besondere Bedeutung zu, denn Jaeger habe der Einsicht zum Durchbruch verholfen, daß die Fragmente Solons als Dichtung zu begreifen seien, nicht als historische Dokumente; Jaegers Ansatz sei folglich ein «non-historical approach» (84). In bezug auf Vorstellungen von Recht und Gerechtigkeit bestünde sein Verdienst vor allem darin, die Zäsur zwischen Hesiod und Solon herausgearbeitet zu haben: Solons dÝkh sei losgelöst von der konkreten menschlichen Rechtsentscheidung. Außer Jaeger werden von A. noch drei neuere Aufsätze vorgestellt,2 um die Variationsbreite im Verständnis der dÝkh Solons innerhalb der philologischen Forschung aufzuzeigen. Doch ein Defizit sei allen diesen Arbeiten gemeinsam: Ebensowenig wie die Historiker bei ihren Theoriebildungen den Gedichten Solons substantiellen Wert zugemessen hätten, seien von den ’literary critics‘ bei der Interpretation der Elegien oder einzelner Verse die historischen Rahmenumstände berücksichtigt worden. Einen Ausweg aus den bisher begangenen Sackgassen vermag nach A. die Archäologie zu weisen, konkret die ’new classical archaeology‘ von Anthony Snodgrass und seinen Nachfolgern. Dieser Ansatz wird in Kapitel 3 ’The polis idea in the work of the new classical archaeologists‘ (119–174) ausführlich gewürdigt. Nach A. habe sich die Klassische Archäologie traditionell vor allem mit Kunstwerken beschäftigt, und erst Snodgrass habe das Interesse auch auf Kleinfunde, Waffen, Votivdepots sowie einfache Grabkontexte gelenkt. Mit dieser Ausweitung im Hinsicht auf das untersuchte Material sei auch eine methodische Horizonterweiterung einhergegangen, vor allem durch eine Übernahme von Arbeitstechniken der Ethnologie (120f). Der entscheidende Gewinn, den dieser Strang archäologischer Forschung für das Verständnis der griechischen Archaik erbracht habe, besteht laut A. in der Theorie der ’polis idea‘. Eine klare Definition, was man darunter zu verstehen habe, liefert A. nicht, aber er nimmt eine Charakterbestimmung vor: Sie werfe ein Licht auf die griechische Polis «not as a philosophical abstraction, but as a history of real social factors, concretely supported by contemporary, albeit archaeological evidence.» (124). Zwar ist sich A. bewußt, daß auch die Archäologie den Prozeß der Polisentwicklung nicht ohne Vorannahmen beschreiben könne, doch definiert er als ihren Vorteil, daß sie ein ’sociological model‘ liefere, welches ’philosophic constructs‘ wie dem auf Max Weber aufbauenden Verständnis von Victor Ehrenberg unbedingt überlegen sei (127f). Was A. mit den genannten Begriffen genau meint, bleibt im dunkeln, und auf welcher Grundlage man den Theorien Max Webers den Charakter eines ’sociological model‘ absprechen könne, wird ebenfalls nicht erklärt. Diese begriffliche Unschärfe ist jedoch nicht das einzige Defizit des Kapitels: Noch schwerer wiegt, daß man als Leser nicht den Eindruck gewinnt, A. verfüge über archäologische Sachkenntnis. An keiner Stelle werden Befunde oder Einzelstücke vorgestellt und interpretiert, und das weite ____________________________________________________________________________ 1 Solons Eunomie, SBBerl 1926. 11, 69–85 (= Scripta Minora I, Rom 1960, 315–337); A. benutzt außerdem die englische Übersetzung von A. M. Fiske, Five Essays, Montreal 1966. 2 B. Manuwald, Zu Solons Gedankenwelt (frr. 2 u. 1 G.-P. = 4 u. 13 W.), RhM 132, 1989, 1–25; F. Blaise, Solon. Fragment 36 W. Pratique et fondation des normes politiques, REG 108, 1995, 24–37; L.-M. L’Homme-Wéry, La notion d’harmonie dans la pensée politique de Solon, Kernos 9, 1996, 145–154. Ch. Mann: Almeida, Justice as an Aspect of the Polis Idea 233 Spektrum archäologischer Forschung wird nur selektiv wahrgenommen: Weder finden sich Hinweise darauf, daß in den letzten Jahrzehnten in Attika Grabungen und Feldforschungen stattgefunden haben, noch werden andere methodische Ansätze als Snodgrass’ und Morris’ diskutiert.1 Es schmälert die Verdienste dieser Gelehrten nicht, wenn man bezweifelt, daß ihre Schriften allein nicht als archäologischer Unterbau für Überlegungen zur Polisentwicklung im allgemeinen oder Solon im speziellen ausreichen. Auch der Gedankenschritt von der ’new classical archaeology‘ zu Solons Vorstellung von dÝkh überzeugt nicht: «Within the context of this development (d.h. der Polisentwicklung) arose the problems of the participation in and the distribution of the goods of civilized life: leadership, citizenship, land ownership, wealth, and the like. In short, within this context arose the problem of justice.» (124f). Hierin ist A. zuzustimmen, doch diese Erkenntnisse beruhen nicht auf Grabungsergebnissen. Vielmehr sind – auch und gerade von den Vertretern der ’new classical archaeology‘ – Fragestellungen, die aus der Lektüre schriftlicher Zeugnisse erwachsen sind, als Untersuchungsmatrix bei der Interpretation archäologischer Befunde angewandt worden. Dies wird bereits in den von A. zitierten Bemerkungen aus Ian Morris’ ’Burial and Society‘2 deutlich (155). Schlägt man dieses Buch selbst auf, stellt man fest, daß Morris seine Überlegungen zur Polisbildung, auch zur verzögerten Entwicklung in Athen in enger Auseinandersetzung mit den schriftlichen Quellen entwickelt hat; dabei griff er auch auf die Texte von und über Solon zurück.3 Die Theorie der ’polis idea‘ ist also keineswegs allein aus den zeitgenössischen materiellen Hinterlassenschaften und unabhängig von der literarischen Überlieferung entwickelt worden, wie A. vorgibt. Dieses Kapitel, und damit auch das ganze Buch, basiert auf einem Zirkelschluß. In Kapitel 4 ’The lexicography and internal poetics of dike‘ (175–206) wird eine Begriffsbestimmung von dÝkh innerhalb der Lyrik der archaischen Zeit vorgenommen und im Anschluß der Gebrauch durch Solon in Verflechtung mit anderen Termini analysiert. Kapitel 5 ’Solon’s understanding of dike in light of the polis idea‘ (207–236) liefert schließlich eine Interpretation der die dÝkh betreffenden Fragmente Solons, v.a. F 4 und F 36 West. In Relation zu dem langen forschungsgeschichtlichen und methodischen Vorspann wirken die Ergebnisse jedoch wenig innovativ, z.B.: «Reflecting the polis idea, dike refers to the right relationship between the agathoi and the kakoi with respect to the requirements both of community and individuality.» (221). Eine kurze Zusammenfassung, mehrere Appendices zu einzelnen Sachfragen, das Literaturverzeichnis sowie ein Register runden das Buch ab. Spätestens bei der Betrachtung des Literaturverzeichnisses werden gewisse Berührungsängste A.s im Umgang mit nicht-englischer Forschungsliteratur deutlich. Deutsche, erst recht französische und italienische Titel werden nur in geringer Anzahl aufgeführt, und dabei treten orthographische Fehler in einer Häufung auf, die nicht nur für A., sondern auch für den Brill-Verlag peinlich ist. Darüber hinaus gibt es zahlreiche Merkwürdigkeiten: Von den Referenzwerken zur Nomothesie Solons hält A. Ruschenbuschs Buch4 für einen Zeitschriftenaufsatz, ____________________________________________________________________________ 1 Z.B. T. Hölscher, Öffentliche Räume in frühen griechischen Städten, Heidelberg 1998. 2 I. Morris, Burial and Society. The Rise of the Greek City-State, Cambridge 1987. 3 Ebd., 205ff, und passim. 4 E. Ruschenbusch, SOLVNOS NOMOI. Die Fragmente des Solonischen Gesetzeswerkes mit einer Text- und Überlieferungsgeschichte, Wiesbaden 1966. Ch. Mann: Almeida, Justice as an Aspect of the Polis Idea234 Martina1 wird überhaupt nicht genannt. Van Effenterres Werk über die frühe Polis fehlt, aufgeführt wird lediglich Snodgrass’ Rezension.2 Von Hölkeskamps Arbeiten über die Gesetzgebung im archaischen Griechenland wird ein auf englisch erschienener Aufsatz, nicht aber die aktuellere und ausführlichere deutsche Monographie aufgeführt.3 Die Liste ließe sich fortsetzen, und manch harsches Urteil A.s über die bisherige Forschung ist vor allem auf Unkenntnis zurückzuführen. Für einen Einblick in bestimmte Forschungsdiskussionen ist das Buch von einigem Wert, einen Erkenntnisfortschritt bringt es aufgrund der eingeschränkten Wahrnehmung von Sekundärliteratur und aufgrund der schwerwiegenden gedanklichen Unstimmigkeiten nicht. Freiburg i. Br. Christian Mann * Joseph G. Manning: Land and Power in Ptolemaic Egypt. The Structure of Land Tenure. Cambridge: Cambridge UP 2003. XXI, 335 S. 11 Abb. 2 Ktn. 50 £. J. G. Manning, der an der Stanford University ’Classics and Ancient History‘ lehrt, hat sich mit dieser Arbeit das Ziel gesetzt, zwei weitverbreitete Vorstellungen zu korrigieren, die im Blick auf die ptolemaiische Geschichte auch heute noch virulent sind: die Vorstellung, der ptolemaiische Staat sei ein zentralistisch verfaßtes Gebilde gewesen, und die Vorstellung, die hellenistischen Verwaltungsstrukturen hätten die enchorischen Verwaltungsstrukturen an den Rand gedrängt. Dieses Ziel hat M. weitgehend erreicht. Im ersten Kapitel gibt M. über sein methodisches Vorgehen Rechenschaft (S. 3–26). Er verweist auf die Bedeutung der landwirtschaftlichen Produktion als der Quelle des Reichtums und der Macht, begründet die Beschränkung der Arbeit auf das Material, das die Thebaïs und das Fajjum bereitstellen, und warnt vor generalisierenden Schlußfolgerungen. Im zweiten Kapitel setzt der Verf. die Strukturen, die im ptolemaiischen Ägypten hinsichtlich des Landbesitzes existiert haben, in Beziehung zu den Strukturen, die in der vorptolemaiischen Zeit in Geltung gewesen sind (27–61). Im dritten Kapitel stellt der Autor die Besitz- und Produktionsrechte in der Thebaïs dar (65–98). Nach Thebai stellt Edfu das umfangreichste Material für die Zwecke des Verf. bereit. So erfahren wir aus dem sog. Schenkungstext, der erstaunlicherweise – jedenfalls auf den ersten Blick erstaunlicherweise! – auf einer Wand des Tempels von Edfu angebracht ist, daß Horus von Edfu in den vier südlichsten Gauen des Landes 13 209 1/16 ™royrai (etwa 3 632,50 ha)4 bestellbares Land besessen hat. So erfahren wir aus den demotischen Hauswaldt-Papyri,5 ____________________________________________________________________________ 1 A. Martina, Solon, Rom 1968. 2 H. van Effenterre, La cité grecque: des origines à la défaite de Marathon, Paris 1985; Rez. von A. Snodgrass, ClRev 36, 1986, 261–265. 3 K.-J. Hölkeskamp, Written Law in Archaic Greece, PCPhS n.s. 38, 1992, 87–117; ders., Schiedsrichter, Gesetzgeber und Gesetzgebung im archaischen Griechenland, Stuttgart 1999. 4 Vgl. D. Meeks, Le grand texte des donations au temple d’Edfou, Le Caire 1972, 126f. 5 Vgl. J. G. Manning, The Hauswaldt Papyri. A third century BC family dossier from Edfu, Sommerhausen 1997.

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Joseph A. Almeida: Justice as an Aspect of the Polis Idea in Solon’s Political Poems. A Reading of the Fragments in Light of the Researches of New Classical Archaeology. Leiden/Boston: Brill 2003. XVII, 284 S. (Mnemosyne. Supplementum. 243.) 80 €.

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As a critical journal for all classical studies, the GNOMON fosters the links between the distinct classical disciplines. It has thus an exceptional position among the classical review journals and allows familiarization with research and publications in neighbouring disciplines. The reviews address an international readership from all fields in classical studies. The GNOMON publishes reviews in German, English, French, Italian and Latin.

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