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Meret Strothmann, Esther Eidinow: Envy, Poison, and Death. Women on Trial in Classical Athens. in:

Gnomon, page 8 - 13

GNO, Volume 93 (2021), Issue 1, ISSN: 0017-1417, ISSN online: 0017-1417, https://doi.org/10.17104/0017-1417-2021-1-8

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C.H.BECK, München
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M. Strothmann: Eidinow, Envy, Poison and Death 8 Esther Eidinow: Envy, Poison, and Death. Women on Trial in Classical Athens. Oxford: Oxford UP 2016. XII, 421 S. 2 Abb. 70 £. Theoris, Ninon und Phryne, drei Frauen im Athen des 4. Jh. v. Chr., teilten dasselbe Schicksal. Sie wurden als Angeklagte vor Gericht gezogen. Zwei von ihnen wurden zum Tod verurteilt und hingerichtet, Phryne dagegen wurde freigesprochen. Die Gründe für die Anklage lauteten offiziell auf den Einsatz übernatürlicher Kräfte, die Verf. aber hat es sich im vorliegenden Band zur Aufgabe gemacht, mittels der Parameter Neid, Gift und Tod nach den eigentlichen Beurteilungsgrundlagen der Anklage und Verurteilung zu suchen. Anhand dieser drei Begriffe gliedert sie ihre Arbeit, die insgesamt von soziologischen Diskussionen zum Thema geprägt ist und sich einen neuen Ansatz zur Gesellschaftsgeschichte zu eigen macht. Die Studie versteht sich als Beitrag zur Genderforschung und hat zum Ziel, starre Kategorien, die sich an männlich ausgerichteten Kommunikations- und Rezeptionsmustern orientieren, aufzubrechen. Mit Konzepten und Werten wie Geschlecht, Magie, Religion und Legalität besteht die Gefahr, Frauen in diese Kategorien einzustufen und stets ‘in Beziehung zu’ und weniger eigenständig zu betrachten; zudem fallen Schilderungen über Prozesse, an denen Frauen beteiligt waren, oftmals als Nebenprodukt oder als Effekt eines männlichen Verbrechens ab. Sie nimmt hier bewusst die Kommunikationsstruktur der Gesellschaft in den Blick und verortet Emotionen als soziales Phänomen, womit ihr ein gewandelter Zugriff auf das Verhältnis von Verstand und Emotion gelingt. Häufig nämlich werden weibliche Eigenschaften als emotional geprägt konnotiert, männliche mit rationalen Erwägungen verknüpft. Die Verf. weist indes Emotionen eine neue Rolle zu, indem sie sie als kulturelle Modelle oder Schemen einordnet und in ihrer kreativen Rolle dahingehend versteht, dass sie uns helfen, Erfahrungen zu organisieren und individuell wie kollektiv einzuordnen, und löst sie damit aus dem geschlechtsspezifischen Kontext heraus. Im Folgenden nutzt sie diese Definition, um den Begriff des Neids (phthonos) zu klären. In den meisten Gesellschaften ist Neid negativ belegt, im griechischen Umfeld hören wir vom Neid der Götter, den Helden unwillkürlich heraufbeschwören. So ist Neid der Ausdruck tieferer häufig dunkler Emotionen, die sich im ‘Klatsch’ (gossip) Bahn brechen. Klatsch wird hier als ausgesprochen einflussreiche kommunikative Aktion verstanden, die in der sozialen Interaktion wirkt und auch in Gerichtsprozesse Eingang gefunden hat. So erfährt Klatsch seine funktionelle Zuweisung im öffentlichen und im privaten Bereich. Die Verf. trennt davon noch einmal die Rolle des Klatschs als Geheimnis. Sehr originell erscheint die Zuordnung von Neid und Klatsch unter den Begriff ‘Gift’. Auch dieses Gift kann tödliche Folgen nach sich ziehen. Mit diesen Folgen befasst sich die Verf. im letzten großen Abschnitt zum Tod. Sie erläutert die politische und ökonomische Situation im Athen des 4. Jh. v. Chr., in der Kräfte wie Neid und Geschwätz zum Tod führen können, auch gerade in ihrem Gebrauch vor Gericht. Mit diesem Gerüst geht die Verf. daran, Gerichtsprozesse in der athenischen Gesellschaft des 4. Jh. v. Chr. neu zu verstehen. Besonders im Gerichtsprozess verdichten sich die Sphären von Rede – Aktion, Reaktion und Tat in Form der agierenden Personengruppen, die in einem speziellen interaktiven kommunikativen Prozess stehen. Das macht den Forschungsansatz der Verf., die eigentlichen GNOMON 1/93/2021 M. Strothmann: Eidinow, Envy, Poison and Death 9 Grundlagen für die Urteilsfindung hinter den Argumentationsketten in tieferen Schichten der Kommunikation und des Austauschs zu suchen, gleichzeitig vielversprechend und komplex. Zunächst stellt die Verf. ihre drei Protagonistinnen, die Angeklagten Theoris, Ninon und Phryne, ausführlich vor. Theoris, wahrscheinlich athenische Bürgerin, wurde angeklagt und hingerichtet.1 Beim Anklagegrund aber sind sich die Quellen nicht einig. Demosthenes schreibt, dass sie die Heilige Krankheit heilen konnte, Plutarch geht in seinem Leben des Demosthenes davon aus, dass sie Priesterin war und ‘Sklaven lehrte zu betrügen’.2 Philochoros spricht bei ihr von einer Seherin (mantis), die wegen Asebie verurteilt worden sei,3 ein unter den athenischen Politikern des 4. Jh. geläufiger Vorwurf. Gegen die Priesterin Ninon wurde dieser Vorwurf bemerkenswerterweise nicht erhoben, sie wurde durch den jungen Sykophanten Menekles angeklagt, Tränke für junge Männer zubereitet zu haben,4 bei Josephus dagegen lautete der Anklagegrund auf Einführung in die Mysterien fremder Götter.5 Auch sie wurde also des Einsatzes übernatürlicher Kräfte bezichtigt und infolgedessen umgebracht. Die schöne Aphrodite- Priesterin Phryne dagegen wurde in einem aufsehenerregenden Fall – hier lautete die Anklage ebenfalls auf ‘Gottlosigkeit’ (asebeia) – auf Grund ihrer körperlichen Schönheit freigesprochen.6 Um den Vorwurf der asebeia gegen Frauen zu prüfen, befragt die Verf. fiktionale Erzählungen wie die Fabeln des Äsop. Frauen, die mit übernatürlichen Kräften umgehen – hier kommt der Begriff der Magie ins Spiel, indem sie versprechen, den Zorn der Götter mittels incantations (epoidai) zu besänftigen, ein schöneres Leben verheißen – werden stets wegen Asebie verklagt. Dabei ist der Begriff umfassender als der Vorwurf der reinen Gottlosigkeit, er beinhaltet auch den Kontakt zu fremden oder nicht anerkannten Göttern, die der Polis nützen, aber auch Schaden zufügen können. Die Verwendung von pharmaka führt nicht zwingend zum Vorwurf der Asebie, wie die Verf. an drei Beispielen aus den Quellen erarbeitet, einmal anhand der Gerichtsrede von Antiphon Gegen die Stiefmutter, dann aus dem philosophischen Bereich,7 schließlich aus einer biographischen Erzählung.8 Alle drei angeklagten Frauen, von denen uns nur Aretaphila durch die Erzählung Plutarchs namentlich bekannt ist, wurden wegen Mordes angeklagt und verteidigten sich damit, dass die Todesfolge nach dem verabreichten Liebestrank unbeabsichtigt gewesen sei. Der Schaden war nicht aus dem Vorsatz entstanden, ein Opfer zu vergiften, womit der Einsatz übernatürlicher bzw. göttlicher Kräfte in Frage gestellt wurde. Damit entfiel der Vorwurf der Asebie. Die Erstellung von pharmaka, selbst wenn sie als definierter Liebestrank zum Tode führten, stand also nicht zwingend unter dem Einfluss übernatürlicher bzw. göttlicher Kräfte und war damit nicht per se unter Strafe gestellt. Die Anklagegründe gegen Frauen lassen sich in der Verwendung übernatürlicher Fähigkeiten (Magie), der Einführung neuer Götter und Giftmischerei zusammenfassen, im sozialen Umfeld betreffen sie illegale Versammlungen und –––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––– 1 Demosthenes, Aristogeiton 25,79–80. 2 Plutarch, Demosthenes 14,4. 3 Philochoros, Harpokration, s.v. Theoris (FGrHist 382 F 60). 4 Schol. zu Demosthenes 19,281 (485A und B Dilts). 5 Jos. Contra Apionem 2,267–268. 6 Plutarch, Leben der zehn Redner 849e, und Athenaios, Deipnosophistes 590d–e, berichten darüber. 7 Aristoteles, Magna Moralia 1188b35–38. 8 Plutarch, De mul. virt. 256b–c. GNOMON 1/93/2021 M. Strothmann: Eidinow, Envy, Poison and Death 10 den Kontakt zu Sklaven. Theoris allerdings wurde nicht vor den Areopag geführt, was eine Anklage wegen Mordes unwahrscheinlich macht. Auch im Fall Ninon muss weiter differenziert werden. Der Vorwurf der Einführung in die Mysterien neuer Götter hat mehrere Facetten. Das erinnert sofort an Sokrates; aber ist bei Ninon auch die Einführung neuer Götter gemeint oder eher die Art Mysterien abzuhalten, wie Dickie urteilt,1 möglicherweise also die Profanierung der Eleusinischen Mysterien? In jedem Fall stellt sich auch hier die Frage nach dem exakten Grund zur Hinrichtung, der die dritte Angeklagte Phryne bekanntlich entgangen ist. Nach den Überlegungen zu den konkreten Fällen diskutiert die Verf. die zugrundeliegenden Konzepte von Neid und Klatsch ausführlich. Neid ist laut der Anthologia Graeca und der Definition der Suda eine Krankheit der Seele, die durch den Blick auf sichtbaren Wohlstand anderer erzeugt wird. Aber auch immaterielle Dinge wie Geburt, Verwandtschaft, gutes Aussehen oder vorbildliche Moral können Neidgefühle auslösen. Neid taugt nicht als soziales Distinktiv, er ist ständeübergreifend bis hin zum Neid der Götter, wie die Verf. anhand zahlreicher Beispiele erläutert. Neid äußert sich intensiv und bisweilen radikal, womit sich die Frage nach der Genese von Emotionen und ihrer Definition insgesamt stellt. Emotionen sind zu trennen in unwillkürliche und erlernte und spielen jedenfalls eine zentrale Rolle in der Kommunikation. Emotionen entwickeln und verändern sich, sie brauchen ein soziales Gegenüber und erweisen sich für den historischen Ansatz als geeignet, da Geflechte erkennbar und Austausch auf breiterer Ebene sichtbar gemacht werden kann. Kulturelle Schemata und individuelle Erfahrungen können so miteinander in Beziehung gesetzt sowie gesellschaftliche Muster und Moral vergleichend gespiegelt werden. Der Einsatz von Emotionen kann z.B. vor Gericht strategisch genutzt werden, wobei dem Neid- Gespräch eine Schlüsselfunktion zukommt. Sozialer Erfolg anderer fungiert als Motor für Neid, er gehört aber als Regung zu einer demokratischen Grundordnung wie der Gabentausch in Athen, durch den die Neiddebatte allerdings sowohl entfacht wie beigelegt werden kann. Neid kann hier eine Durchbrechung der Reziprozität erzeugen und damit schwerwiegende Folgen für die Gesellschaft nach sich ziehen. Für das Phänomen der Neiddebatte greift die Verf. interessanterweise u.a. auf die Kranzrede des Demosthenes zurück. Den Preis für seine Erfolge stellt er zwar als angemessen dar – er unterstützt seinen Verbündeten Ktesiphon, der ihm den Kranz anbieten möchte –, ist aber bei der Präsentation seiner Leistungen sehr zögerlich, um keinen Neid zu evozieren, den sein persönlicher Gegner Aischines nach seiner Aussage gegen ihn hegt. In seiner 20. Rede Gegen Leptines zeigt Demosthenes die Gefahren von Neid im Streitgespräch um die Abschaffung des Privilegs der Steuererleichterung auf.2 Lysias kennzeichnet in seiner 24. Rede Neid als Hauptgrund der Anklage gegen ihn, da er ein besserer Bürger sei.3 Damit wird insgesamt für den Kontext des Gerichts klar, inwieweit die Regung Neid als Argument fungiert. Das nächste größere Kapitel befasst sich mit dem Begriff des Gifts, auch hier wird der Zugang wieder über die Suda gesucht. Pharmaka können für heilende –––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––– 1 M. Dickie, ‘Magic and Magicians in the Graeco-Roman World’, London 2001, 51f. 2 Demosthenes, Gegen Leptines 56–57. 3 Lysias 24,3. GNOMON 1/93/2021 M. Strothmann: Eidinow, Envy, Poison and Death 11 und unheilvolle Wirkung eingesetzt werden. Wie Zauberworte können sie sich unter Anwendung übernatürlicher Kräfte entfalten. Klatsch kann unter diesem Blickwinkel unter Gift gefasst werden. Auch seine Wirkung kann tödlich sein. Die Verf. verfolgt drei Ansätze, um die Rolle des Klatschs als eine Art Gift zu erhellen, zunächst die Sprache und den Ort von Klatsch, anschließend Inschriften als Transmitter von Klatsch. Sie sind bekennend und individuell. Über das Geheimnis versucht sie einen Zusammenhang zwischen Klatsch und Zauberworten herzustellen. Klatsch wirkt identitätsstiftend, kann aber nach Laura McClure als Instrument auch die Funktion des Widerstands übernehmen.1 Laut David Cohen werden durch Klatsch Informationen gefiltert, die in Face-to-face- Gesellschaften sehr dicht fließen. Hier erfüllt Klatsch die Funktion sozialer Kontrolle,2 zudem diente er der Informationsbeschaffung vor Gericht; in komplexer und dynamischer Interaktion mit der forensischen Rede kann er in Form von Verleumdungen sogar zur Aufklärung und Urteilsfindung beitragen. Anhand von Grabinschriften lässt sich die anhaltende und persönliche Wirkung von Klatsch demonstrieren. Die Verstorbenen sprechen häufig durch ihre Epitaphien mit der Nachwelt, Verwandte werden miteinbezogen, negative Emotionen werden festgehalten. So können Epitaphien und auch Fluchtafeln als individueller Ruf nach Gerechtigkeit verstanden werden. Gerade bei den Fluchtafeln wirkt die Kraft des Wortes, dem die Macht der Aktion zugeschrieben wurde. Das wurde z.B. im Gebrauch von Binde- und Lösegewalt sichtbar, so band das Fesseln eines Figürchens seine Aktionskraft, es war kein symbolischer oder persuasiver Akt, wie Derek Collins feststellt.3 Das Bestrafen durch Binden ist auf metaphorischer oder physischer Ebene möglich, wobei sich die physische Ebene als bedrohlicher erweist, da die metaphorische Strafe im Gegensatz zur physischen reversibel ist. Dieses Muster ist auf die Wirkung von Zauberworten übertragbar. In der kommunikativ gesteuerten Interaktion verschmelzen Zauberworte mit der Gerichtsrede und bilden so eine Ebene, die sowohl reale wie transzendente Merkmale aufweist. Der auf diese Weise entstandene Raum bietet Platz für mehrere auch unterschwellige Narrative, die mitschwingen, selbst wenn sie ungesagt bleiben. Genau diese Funktion der Zauberworte erfüllt auch der Klatsch. Er indiziert unausgesprochene Verdachtsmomente, die faktisch zum Argument gerinnen können wie ein Geheimnis, das allein durch seine Existenz die Urteilsbildung beeinflussen kann, völlig unabhängig von seinem Inhalt. Für die drei konkreten Fälle von Theoris, Ninon und Phryne zieht die Verf. folgenden Schluss: Was die Prozessreden gegenüber den Frauen so mächtig macht, ist die Verbindung von Klatsch auf der Straße und in der Familie mit der Verleumdung vor Gericht, die zum Argument der Verurteilung wird. Verleumdung wird hier indes nicht negativ aufgefasst, sondern eher als Filter von Informationen verstanden. Das führt zur letzten großen Frage, was die jeweiligen Angeklagten so geeignet erscheinen lässt, als Zielscheibe vor Gericht gebracht zu werden. Die Frauen –––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––– 1 Laura McClure, ‘Spoken Like a Woman: Speech and Gender in Athenian Drama’, Princeton (NJ) 1999, 56. 2 David Cohen, ‘Law, Sexuality and Society: The Enforcement of Morals in Classical Athens’, Cambridge 1991, 50. 3 Derek Collins, ‘Nature, Cause and Agency in Greek Magic’, in: TAPA 133 (2003), 43. GNOMON 1/93/2021 M. Strothmann: Eidinow, Envy, Poison and Death 12 spielten keine bedeutende öffentliche Rolle, doch was macht sie dann überhaupt der Anklage würdig? Um hier die Ursachen zu ergründen, nimmt die Verf. im letzten großen Kapitel den historischen Kontext in den Blick und geht dabei hauptsächlich auf die Folgen der militärischen Auseinandersetzung vor allem im Peloponnesischen Krieg sowie das Phänomen des gewaltsamen Todes insgesamt ein. Zur Bestandsaufnahme der politischen und gesellschaftlichen Situation zieht sie hier besonders den Areopagitikos des Isokrates heran, in dem die alten bürgerlichen Ideale als Maßstab propagiert wurden, die im Spiegel der scharfen Konflikte zugunsten einer kompetitiven, auf wirtschaftlichen Zugewinn und Sicherheit ausgerichteten Politik zurücktraten. Die Dezimierung der männlichen Bevölkerung im Zuge des Krieges entwickelte eine ganz eigene Dynamik und wirkte sich auf die gesellschaftliche Rolle der Frau massiv aus. Die restriktive Bürgerrechtspolitik sowie die Einwanderungsoffensiven veränderten auch den Status von Nicht- Athenerinnen. Die Situation begünstigte eine hohe Mobilität in Folge von Gewalt und Repression, Teile von Familien oder ganze Familien wanderten aus, um Chancen zu nutzen, sich wirtschaftlich besser zu stellen. Frauen garantierten sicher häufig das Überleben der Familien, zudem waren aber natürlich auch mehr Vollwaisen zu registrieren. Die instabilen Konstellationen bedingten für Frauen neue Handlungsspielräume und wiesen ihnen neue Aufgaben innerhalb des sozialen Gefüges zu. Frauen arbeiteten zunehmend in der Heeresversorgung und gewannen damit Eigenständigkeit. Das schürte Unsicherheit und Ängste gegen- über Frauen, die sich in Klatsch und unterschwelliger Feindseligkeit entluden. Hier gewann die Rede vor Gericht, die von Andeutungen und Verleumdungen getragen wurde, neues Gewicht, mit den Anschuldigungen wurde auf konkret ungenannte Hintergründe verwiesen und es wurden Vor-Urteile transportiert. Als Beispiel führt die Verf. die Prostituierte Akte aus der 6. Rede des Isaios an, die mittels pharmaka das Herz des Euktämon gewann, der seine eigene Familie völlig vernachlässigte. Der Frevel gewann zudem eine religiöse Konnotation, da man ihm zutrug, sie habe bei den Thesmophorien Dinge gesehen, die sie nicht hätte sehen sollen. Unterstellungen wurden verwendet, um bestimmte Reaktionen zu evozieren. Abgerundet wird die Beispielsammlung fast unvermeidlich mit dem Fall der Neaira (S. 317–319), die, obwohl sie mit ihrer Tochter Phano zusammen übernatürliche Kräfte gebrauchte, ein Sakrileg beging und das Gesetz übertrat, trotzdem ihrer Strafe entging. Fälle wie der der Neaira sind sicher überzeichnet, werden aber gerade dadurch relevant. Besonders die Heirat war sicherlich eine Waffe, die Frauen eingesetzt haben, da mit Familieninteressen der Nerv der Gesellschaft empfindlich getroffen werden konnte. ‘Gefährliche Frauen’ konnten mit ihren Taten die gesamte Polis gefährden. Das wurde über das ‘Gift’ indirekt geführter Neiddebatten, die ihren Niederschlag in Klatsch und Verleumdung fanden, kommuniziert und gewann im Spiegel der Gerichtsreden eine eigene Realität. Dafür stehen die Prozesse gegen Theoris, Ninon und Phryne. Die Stärken der Studie liegen in ihrer quellenorientierten Vorgehensweise und dem soziologisch ausgerichteten Blickwinkel, unter dem die Quellenzeugnisse befragt werden. Durch die Gliederung der Studie in große Themenfelder wie Neid und Klatsch, Gift und Tod gelingt es der Verf., ihre Argumentation diachron zu führen und damit Phänomene direkt vergleichend zu betrachten. Die außerordentliche Fülle der genannten Beispiele in den einzelnen Kapiteln GNOMON 1/93/2021 M. Strothmann: Eidinow, Envy, Poison and Death 13 indes trägt nicht immer zur guten Lesbarkeit bei, auch verzichtet die Verf. leider weitgehend auf eine konkrete Anwendung ihrer erarbeiteten Ergebnisse auf die drei Ausgangsfälle, indem sie sich in ihren conclusiones – den Abschlussbetrachtungen zu den großen Kapiteln – jeweils auf etwa zwei Seiten beschränkt. So hat sie insgesamt – entgegen der beim Leser geweckten Erwartung – ihre Ergebnisse nur recht punktuell auf Frauen vor Gericht angewandt. Die Verf. hat indes eine Untersuchung vorgelegt, die zur weiteren Auseinandersetzung mit dem Thema auffordert und neue Perspektiven bietet. Denn durch die intensive Beschäftigung mit dem soziologischen Diskurs zur Rolle von Klatsch, den Beweggründen von Neid und vor allem ihrem wichtigen Beitrag zur Klärung des ‘Gesagten im Nicht-Gesagten’ im Rahmen der Kommunikation in Gerichtsprozessen im Athen des 4. Jh. v. Chr. hat sie ein arbeitsfähiges Instrumentarium vorgelegt, auf dessen Grundlage sie neue Impulse präsentiert, die hoffentlich umfassend Eingang in die weitere Forschung finden. Es ist sicher ein Verdienst der Studie, die Motive und den Erfolg der vor Gericht hochemotional geführten Diskussionen zu erklären und Inhalte des Nicht-Gesagten sichtbar zu machen, um dessen Einfluss auf die Urteilsfindung aufzudecken. Mit welchen Mechanismen rhetorische Mittel und der Einsatz bestimmter Begriffe auf der emotionalen Ebene erfolgreich funktionier(t)en, wird anschaulich aufgezeigt. Methodisch versiert analysiert die Verf. die enge Verschränkung zwischen dem Gesagten inklusive der au- ßerordentlichen Bandbreite unterschwellig mitgeteilter Information und der vom Hörer gefilterten Interpretation, die zu einem Urteil führen kann. Dieses Urteil beruht zwar nicht auf einer Kette von logischen Argumenten, hat aber durch ein komplexes System von Assoziationen und Emotionen oft stärkere Überzeugungskraft. Mit dieser Erkenntnis hat die Verf. zum Verständnis der kommunikativen Strategie athenischer Gerichtsreden aus dem 4. Jh. v. Chr. entscheidend beigetragen. Eine umfassende Bibliographie von knapp 40 Seiten sowie ein ausführlicher Gesamtindex und ein sorgfältiges Quellenregister runden den Band ab. Bochum Meret Strothmann * James Miller (Ed.): Lives of the eminent philosophers. Diogenes Laertius. Translated by Pamela Mensch. New York: Oxford UP 2018. XXI, 676 S. zahlr. z.T farb. Abb. L’iniziativa di J. M(iller) di proporre una nuova traduzione in inglese delle Vite dei filosofi illustri di Diogene Laerzio (terzo sec. d.C.), annotata e accompagnata da un serie di saggi complementari, è quantomai opportuna non solo per gli studiosi dell’Antichità, ma anche per un pubblico colto più vasto curioso di dettagli biografici degli innumerevoli pensatori della Grecia o di aspetti delle loro dottrine. La traduzione, condotta da Pamela Mensch sul testo greco della mia edizione uscita a Cambridge nel 2013, è chiara e accessibile e nello stesso tempo aderente al modello originario. In attesa della ‘edited translation’ di Stephen White di imminente pubblicazione a Cambridge, fondata anch’essa sulla mia edizione, quella della Mensch rimpiazza per i lettori anglofoni la traduzione di R.D. Hicks (Cambridge, Mass.-London 1925. Ristampata a più riprese e dal 1972 con una introduzione e aggiornamenti di H.S. Long) per la ‘Loeb Classical Library’, GNOMON 1/93/2021

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Abstract

As a critical journal for all classical studies, the GNOMON fosters the links between the distinct classical disciplines. It has thus an exceptional position among the classical review journals and allows familiarization with research and publications in neighbouring disciplines. The reviews address an international readership from all fields in classical studies. The GNOMON publishes reviews in German, English, French, Italian and Latin.

The GNOMON is published in eight issues a year.

Zusammenfassung

Der GNOMON pflegt als kritische Zeitschrift für die gesamte Altertumswissenschaft die Verbindung zwischen den verschiedenen Disziplinen der Altertumswissenschaft. Er nimmt dadurch eine Sonderstellung unter den Rezensionsorganen ein und bietet die Möglichkeit, sich über wichtige Forschungen und Publikationen auch in den Nachbarbereichen des eigenen Faches zu orientieren. Die Rezensionen im GNOMON wenden sich an ein internationales Publikum, das aus allen Teilgebieten der Altertumswissenschaft kommt. Die Publikationssprachen im GNOMON sind: Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch und Lateinisch.

Der GNOMON erscheint acht Mal im Jahr.