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Arnd Florian Hennemeyer, Gottfried Gruben (†), Klaus Müller: Das Dipylon. in:

Gnomon, page 47 - 52

GNO, Volume 93 (2021), Issue 1, ISSN: 0017-1417, ISSN online: 0017-1417, https://doi.org/10.17104/0017-1417-2021-1-47

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C.H.BECK, München
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W. Koenigs: Frielinghaus/Schattner (Hrsgg.), ad summum templum architecturae 47 nicht unter den Titeln, sondern sind am Textende verborgen, im Abbildungsteil fehlen sie gänzlich. Die Wiedergabe der Abbildungen ist von sehr unterschiedlicher Qualität, teils ist sie zu flau (Taf. 34–36. 38. 55), teils zu stark verkleinert (Taf. 4. 92). Oft fehlen selbst bei Bauplänen die Maßstäbe (Taf. 26 f. 36 f. 39) – Aufsätze über heterogene Themen in Sammelwerken geraten leider in Gefahr, dort ‘begraben’ zu werden, auch wenn man dem durch digitale Bibliographien teilweise abzuhelfen versucht hat. Immerhin nähren solche Vorberichte mit der Phrase «hierzu demnächst Verf.» die Hoffnung auf lange erwartete Abschlusspublikationen von Grabungen und Baudenkmälern. München Wolf Koenigs * Gottfried Gruben (†), Klaus Müller: Das Dipylon. Wiesbaden: Reichert 2018. XV, 249 S. 104 Abb. 16 Taf. 15 Beil. 4° (Kerameikos. 22.) 110 €. Der Band zum Dipylon, dem größten antiken Torbau Athens und darüber hinaus ganz Griechenlands, schließt eine seit Jahrzehnten bestehende Publikationslücke. Nach dem Pompeion (1975) und dem Heiligen Tor (2017) sind in der Kerameikos-Reihe nun alle drei Hauptbauwerke dieser berühmten und traditionsreichen Grabungsstätte des Deutschen Archäologischen Instituts in Athen vorgelegt. Bei der Publikation zum Dipylon handelt es sich im Wesentlichen um die postum vollendete Untersuchung, die Gottfried Gruben, bis zu seinem Tod 2003 international als Altmeister der Archäologischen Bauforschung geachtet, vor einem halben Jahrhundert während einer Anstellung an der Athener Abteilung des Deutschen Archäologischen Instituts erarbeitet hatte. Aus seinem umfangreichen wissenschaftlichen Nachlass konnte somit nach dem samischen Heraion ein zweites Publikationsvorhaben abgeschlossen werden. Für eine angemessene Würdigung ist das Wissen um diese Entstehungsgeschichte und die Grabungsgeschichte des Areals unverzichtbar, wie sie in den Vorworten von Jutta Stroszeck, der örtlichen Leiterin der Grabung und Herausgeberin, und des Bearbeiters und Koautors Klaus Müller dargelegt sind. Nach Auffindung des Dipylontores im Jahr 1872 und der schrittweise bis in die 1930er Jahre durchgeführten großflächigen Ausgrabung des Geländes war die Datierung der Baureste und die Trennung der Bauphasen unklar und umstritten geblieben. Eine begonnene Bearbeitung kam über die Anfänge nicht hinaus und Grabungsunterlagen sind seit der Zeit des Zweiten Weltkriegs verschollen. Erschwerte Bedingungen brachte zudem eine längs durch den Torhof verlaufende moderne Hauptentwässerung des Athener Abwassersystems (‘Kloake’), die die Stratigrafie des Grabungsareals zerschneidet und darüber hinaus bis zu ihrer Sanierung im Jahr 1965 regelmäßig das Gelände überflutete. Den Durchbruch in der Erforschung des Dipylon brachte erst die Untersuchung durch Gruben ab 1961. Sämtliche bauliche Reste im Bereich des Dipylon wurden zeichnerisch aufgenommen und systematische Nachgrabungen erschlossen die Stratigrafie, soweit es angesichts der wenigen unberührten Bereiche noch möglich war. Nach seinem Ruf an die damalige TH München führte Gruben die Arbeiten in geringerem Umfang fort, bis sie ab 1972 ruhten. Wenige Jahre vor seinem Tod betraute er einen seiner Schüler, Klaus Müller, als Coautor mit der GNOMON 1/93/2021 A. F. Hennemeyer: Gruben/Müller, Das Dipylon 48 Vervollständigung der Unterlagen und Ausarbeitung zur Publikation. Für dessen Bescheidenheit spricht die Darlegung, er habe sachlich nur wenig hinzuzufügen gehabt. Tatsächlich vermehrte er den Text um etwa die Hälfte, anhand von Grubens Stichworten und auf Basis eigener Untersuchung am Grabungsort. Manch Sonderheit des Bandes, die man als Mangel werten könnte, ist wohl der Pietät gegenüber dem Verstorbenen und dem ursprünglichen Publikationskonzept geschuldet. Daneben setzte der finanzielle Rahmen einer solchen Aufarbeitung klare Grenzen. Zentrale Forschungsergebnisse hatte Gruben bis 1970 in Vorberichten in knapper Form dargelegt. Hierüber geht die nun erschienene Publikation grundlegend hinaus: Während sich der Forschungsstand von Vorbericht zu Vorbericht weiterentwickelt hatte, neue Befunde hinzukamen, Datierungen sich änderten und weitere Bauphasen geschieden wurden, ist nun ein zusammenhängendes Gesamtbild zum Dipylon und seinem Bereich entwickelt, das die Beobachtungen und Interpretationen widerspruchsfrei zusammenführt. Vor allem aber behandelt der Band sämtliche bauliche Reste des Grabungsbereichs umfassend: das Dipylon selbst sowie das unmittelbar daran anschließende Brunnenhaus, «kleinere Einbauten im Dipylonbereich», sämtliche Frischwasserleitungen und Entwässerungskanäle einschließlich der Einstiege, darüber hinaus die Stratigrafie der Straßen sowie Zeichnungen der sich über insgesamt 550 m erstreckenden Grabungsprofile. So wird nicht nur ein exaktes Bild des Befundes vermittelt, sondern werden Rekonstruktion, Bauphasentrennung und Datierungen detailliert belegt und nachvollziehbar. Nicht zuletzt werden zahlreiche Beobachtungen als Grundlage künftiger Forschung im Kerameikos dienen. Der Band ist in zehn Kapitel sehr unterschiedlicher Länge und Gewichtung gegliedert. Nach einer tabellarischen Übersicht zur Grabungsgeschichte (Kap. 1) werden (Kap. 2) die Lage des Areals, seine Geschichte vor Errichtung des Tores und dessen Benennungen im Wandel der Zeit angesprochen. Die minutiöse und scharfsinnige ‘Beschreibung und Rekonstruktion der Toranlage’ bildet auf 72 S. das zentrale Kapitel (3). Zuerst werden die einzelnen Mauerabschnitte und Türme der Reihe nach in ihrem komplizierten Bestand beschrieben, analysiert, in Bauphasen geschieden und rekonstruiert. Die dabei erkannten Bauphasen werden anschließend allgemeiner verständlich zusammenfassend vorgestellt, erstens die von Themistokles veranlasste Anlage, deren Wiedergewinnung als das bedeutendste Ergebnis der Arbeit betrachtet wird, zweitens die in die Zeit Konons datierte Verstärkung des feldseitigen Ostturms und drittens die frühhellenistische, ihrerseits in drei Bauabschnitten durchgeführte Erneuerung aller anderen Teile der Anlage. Diese Erneuerung folgte im Wesentlichen der ursprünglichen Toranlage, wobei sie Mauern und Türme neuen fortifikatorischen Anforderungen entsprechend verstärkte. Die Analyse von Baumaß und Entwurfsplan deckte wiederholte Korrekturen und Plananpassungen im Laufe des Baufortschritts auf. Zudem besitzt die Toranlage eine äußere Torwand. Dass diese erst anschließend behandelt wird, liegt sicher allein an der Entstehungsgeschichte des Bandes. Zwar hatte schon Gruben erkannt, dass diese den ursprünglich nach außen hin offenen Torhof nachträglich schloss, doch verfasst hat den Beitrag erst K. Müller nach ergänzenden eigenen Forschungen. GNOMON 1/93/2021 A. F. Hennemeyer: Gruben/Müller, Das Dipylon 49 An dieser Stelle sei auf Kapitel (8) zu ‘Proteichisma’ (Vormauer) und davor verlaufendem Wehrgraben vorgegriffen (17 S.), das man hier erwarten könnte. Es ist gewissermaßen als Anhang behandelt, da es sich angesichts des begrenzten Ausmaßes der Grabungsschnitte nicht um abschließende Ergebnisse handelt. Grubens Text wurde hier weitgehend unverändert belassen, aber in Anmerkungen und tabellarischen Gegenüberstellungen mit abweichenden jüngeren Grabungsergebnissen von U. Knigge konfrontiert, was absolute Datierung und Umfang der verschiedenen Phasen des Vorwerks betrifft. Zurück in der Gliederungsreihenfolge des Buchs folgt (Kap. 4) ‘Das Brunnenhaus am Dipylon’, das stadtseitig unmittelbar an die Torwand des Dipylons und den Treppenaufgang zu dessen Wehrgang anschloss. Gruben dechiffrierte die komplizierte Baugeschichte zwischen Toranlage und Brunnenhaus, die man beide lange Zeit für gemeinsam geplant und errichtet gehalten hatte. Dabei gelang ihm, eine frühere Brunnenanlage am selben Ort nachzuweisen und darüber hinaus in all ihren Grundzügen zu rekonstruieren. Der Plan des themistokleischen Dipylon sah demnach bereits den Platz für das Brunnenhaus vor, das dann einige Jahre später, wahrscheinlich gleichzeitig mit einer nochmaligen Überarbeitung des Torbaus errichtet wurde. Das Brunnenhaus setzte dabei seine Wände unmittelbar gegen Treppenaufgang und Torwand des Dipylon. Es handelte sich um einen Laufbrunnen, für die Rückwand wird eine Reihe von Wasserauslässen angenommen, die Vorderseite nahm eine Hallenfront mit drei Säulen in antis ein. In spätklassischer Zeit (3. V. 4. Jh. v. Chr.) erneuerte man es von Grund auf – auf etwa doppelter Grundfläche, mit großem Wasserreservoir und unter Wiederverwendung der Bauglieder der Säulenfront. Als dann das Dipylon wenige Jahre später tiefgreifend erneuert und verstärkt wurde, setzten sich dessen Strukturen wiederum gegen das ‘jüngere Brunnenhaus’. Dessen Entwurf in vier Planungsschritten erschließt sich überzeugend im gebräuchlichen dorischen, auch ‘pheidonisch’ genannten Fußmaß (S. 104: statt «Abb. 42 a» lese man ‘42 rechts’, statt «Abb. 43» jeweils ‘42 unten’). Spätere Leitungen und tief ausgewaschene Abflussspuren zeugen von jahrhundertelanger Nutzung. Kapitel (5) ‘Kleinere Einbauten im Dipylonbereich’ behandelt Altäre und Basen jeweils in ihren baulichen Resten und im stratigrafischen Zusammenhang. Den ‘Kanälen im Bereich des Dipylon’ (Kap. 6) widmete sich Gruben aus zwei Beweggründen. Einerseits aus «technisch-antiquarischem» Interesse an der antiken Entwicklung der Wasserver- und -entsorgung, die gleichsam einen «Gradmesser der Zivilisation bildete». Als Materialvorlage zeitlos, nimmt diese Untersuchung, anders als es vor 50 Jahren der Fall gewesen wäre, allerdings keine Pionierrolle mehr ein. Nichtsdestotrotz erstaunt die Bandbreite verschiedener Wasserleitungen, der Abwässerkanäle und Einstiege in diese. Der zweite Beweggrund – und hierin liegt die eigentliche Bedeutung – war die Absicht, mithilfe der Leitungsstränge über weitere Entfernungen hinweg isolierte stratigrafische Beobachtungen zu verbinden, nicht zuletzt auch für künftige Grabungstätigkeiten in anschließenden Bereichen. Von besonderem Wert für die weitere Erforschung des Grabungsplatzes dürfte (Kap. 7) die ‘Stratigrafie’ der Grabungsschnitte der 1960er Jahre sein, die unter minutiöser Beobachtung der Schichten, Baugruben und Pfostenlöcher durchgeführt und in Zeichnungen festgehalten wurden. Die stratigrafische GNOMON 1/93/2021 A. F. Hennemeyer: Gruben/Müller, Das Dipylon 50 Untersuchung stand dabei vor dem eingangs genannten Dilemma, dass die Fundamente des Dipylon bereits beinahe völlig freigelegt waren. Das hatte einer bis dahin geltenden Maxime entsprochen, doch konnte man nach dem Verlust der Grabungsunterlagen nur auf marginale Restbereiche zurückgreifen. Das Dipylon könne daher «als warnendes Beispiel dienen gegen die Trennung von Ausgrabung und wissenschaftlicher Bearbeitung und gegen die Verschleppung der Publikation» (147). So ist nicht ohne Ironie, dass Grubens Nachuntersuchungen nun ihrerseits erst nach einem halben Jahrhundert publiziert wurden. Im Einzelnen werden zuerst die Schichten der Straßen im Dipylonbereich behandelt, dann in knapper Form die einzelnen Grabungsschnitte vorgestellt, wobei der Text nicht eigenständig ist, sondern die Profilzeichnungen kommentiert (Beil. 10–15). Die Grabungsschnitte im Bereich von Vormauer und Wehrgraben werden in Kap. (8) behandelt. Ein ‘Katalog der Spolien und Architekturglieder im Dipylon’ mit über 200 Stücken bildet Kapitel (9). Er umfasst neben «diversen Einzelteilen» (Streufunde oder im Dipylon verbaute Spolien von Skulpturen, Basen, Stelen, Altären etc.) insbesondere dem Dipylon zugewiesene Bauteile, die der erarbeiteten Rekonstruktion zugrunde liegen. Verweise vom Katalog auf die jeweilige Textpassage wären hier nützlich gewesen. Die «abschließende Zusammenfassung» mit einem ‘Abriss der Bauentwicklung im Dipylonbereich’ (Kap. 10) vermittelt nicht nur dem eiligen Leser in äu- ßerst kompakter Form die Kernergebnisse und einen Einblick in das methodische Vorgehen, sondern bietet auch Orientierung bei einer umfassenden Lektüre. Die Präzision der Befundbeobachtung und die scharfsinnige kombinatorische Auswertung baulicher Indizien auf Bauphasen und die einstige Gestalt fordern höchste Bewunderung ab. Auch auf den ersten Blick nebensächlich erscheinende Befunde werden zum Sprechen gebracht und auf Bauphasenscheidung und Rekonstruktion hin ausgewertet. Auf nicht belegte Einzelheiten der Rekonstruktion wird andererseits klar hingewiesen. Die Lektüre des Bandes verlangt dem Leser höchste Konzentration ab. Vor allem Beschreibung und Interpretation komplizierterer Baubefunde sind oft schwer zu durchdringen. Um den Inhalt umfassend zu verstehen und die Argumentation nachzuvollziehen, sind mehrere Stellen des Buches parallel zu verfolgen – wie für Bauforschungsarbeiten üblich Baubeschreibung, Steinplan, Schnitte und Ansichten auf Beilagen (und gegebenenfalls Teilbereiche in größerem Maßstab), Fotografien im Tafelteil sowie der Bauteilkatalog; hinzu kommen als datierende Befunde die «Kanäle im Bereich des Dipylon» und die «Stratigrafie» – wiederum in Text, Zeichnungen und Fotografien. Querverweise sind rar und vereinzelt fehlerhaft. Als Einstieg sei dem Leser daher eine Art Bedienungsanleitung an die Hand gegeben. Man beginne die Lektüre von beiden Enden des Buches her, einerseits mit der abschließenden Zusammenfassung (239–242), andererseits mit den Erläuterungen (S. XV) und der Vorbemerkung zur Befundbeschreibung (S. 9). Dann verschaffe man sich einen Überblick über Pläne und Fotografien des Tafelteils und der Beilagenmappe sowie über die Kapiteleinteilung des Buches. So vorbereitet wird die parallele Lektüre mehrerer Kapitel um vieles leichter fallen. GNOMON 1/93/2021 A. F. Hennemeyer: Gruben/Müller, Das Dipylon 51 Die Beobachtungen zum verwendeten Fußmaß (Kap. 3.12.2 ‘Baumaß’) sind durchaus von Bedeutung, um den kontroversen Überlegungen über antike Fußmaße allmählich eine solidere Materialbasis entgegenzustellen. An Tempeln und anderen Bauten mit ausgefeilter Säulenarchitektur ist die Identifizierung des verwendeten Fußmaßes nämlich ausgesprochen schwierig. Denn ihre Entwurfsplanung unterlag dem Zwang, zwischen einer Vielzahl sich teils widersprechender Maße und Proportionen einen Ausgleich herzustellen. Nutzbauten sind hingegen für eine Bestimmung des Fußmaßes weitaus geeigneter. Den Mauern des Dipylon liegt, wie vielen anderen Athener Bauten, ein einheitliches Quaderformat von 4 × 2 × 1½ Fuß zugrunde, und zwar allein aus konstruktiven und bauorganisatorischen Gründen. Aus den durchschnittlichen Quaderabmessungen und den Gesamtmaßen des Baus ermittelt sich ein Fußmaß von ~32,6 cm Länge, wiederum der dorische, auch ‘pheidonisch’ genannte Fuß. Die Publikation umfasst eine Vielzahl aussagekräftiger, detaillierter, aufwendiger und gut lesbarer Zeichnungen: Steinpläne, Schnitte, Ansichten und Grabungsprofile auf den Beilagen sowie die Mehrzahl der über 100 Textabbildungen. Zahlreiche axonometrische Darstellungen veranschaulichen die komplizierten Mauerwerksbefunde und Rekonstruktionsüberlegungen. Fünf Zeichnungen sind freilich besonders hervorzuheben, eine davon bereits in Vorberichten publiziert. Sie visualisieren in komprimierter Form die Hauptergebnisse, vergegenwärtigen die einstige Toranlage und werden sicherlich über Führer, Handbücher und Vorlesungspräsentationen in den allgemeinen Bilderschatz zu antiker Architektur eingehen: Drei eindrückliche und anschauliche Isometrien (Abb. 26. 27. 30) stellen den Zustand der Gesamtanlage um 430 v. Chr., im mittleren 4. sowie im 2. Jh. v. Chr. einander gegenüber. Zwei Rekonstruktionsperspektiven führen das Dipylon nach seiner hellenistischen Erneuerung bei Betreten oder Verlassen der Stadt vor Augen (Taf. 4). Dass die Zeichnungen nicht mehr nach den letzten Forschungsergebnissen geändert wurden, etwa was Einzelheiten des Fugenbilds am feldseitigen Westturm betrifft, wahrt die Werktreue. Papier- und Druckqualität sind ausgezeichnet. Das große, in den Publikationen des Deutschen Archäologischen Instituts Architekturthemen eigene Format und eine Beilagenmappe dienen dem umfangreichen Bild- und Planmaterial. Trotz dieser ausgezeichneten Ausstattung fokussierte die gründliche redaktionelle Arbeit offenbar auf den Text. Welch hohes Gewicht das Medium Zeichnung hier, wie für Bauforschungsarbeiten im Allgemeinen, besitzt, scheint hingegen nicht vollends berücksichtigt: In der Regel dienen die Zeichnungen nicht lediglich zur Illustration des Geschriebenen. Vielmehr bilden sie den primären Weg der Wissensweitergabe, vom Text lediglich kommentiert, und enthalten Informationen, die über diesen hinausgehen. Der Rezensent hätte sich daher einen großzügigeren, bisweilen auch noch sorgfältigeren Umgang gewünscht. So hätte manch einer Zeichnung ein größerer Abdruck gutgetan (etwa Abb. 8. 40; Taf. 40), auch wenn die ausgezeichnete Druckqualität Informationsverlust verhinderte. Etliche Zeichnungen erhielten die Angabe «ohne Maßstab», obwohl es sich in Wirklichkeit um maßstäbliche Zeichnungen handelt, bisweilen sogar Grundrisspläne (Abb. 42. 43), meist Militärprojektionen (z.B. Abb. 12. 20. 24. 26. 27. 29) – eine Darstellungsweise, die anschaulich, maßstäblich und zugleich verhältnismäßig einfach aufzutragen ist. Wünschenswert wäre für solche Zeichnungen zudem der Abdruck in gebräuchlichen GNOMON 1/93/2021 A. F. Hennemeyer: Gruben/Müller, Das Dipylon 52 Maßstäben, um auf einfache Weise Maße entnehmen zu können. Des Weiteren hätten Zeichnungen, die einander vergleichend betrachtet werden, denselben Maßstab erhalten sollen (Abb. 26. 27. 30). Zeichnungsverfasser oder Fotografen ließen sich infolge des gro- ßen Zeitabstands verständlicherweise nicht immer identifizieren, Abb. 24 indes fertigte der Signatur «H.F.» nach offenbar Heike Fastje (vgl. AA 1969, 131, Anm. 1). Und was die beeindruckenden Faltbeilagen anbelangt, hätte eine gezielte Abstimmung von Faltung und Nummerierung/Überschrift die Identifizierung in der Mappe erlaubt und so manch künftigem Riss in Bibliotheksexemplaren vorgebeugt. Die enorme Beobachtungs-, Mess- und Zeichenleistung, die hinter den Steinplänen, die einen Bereich von über 3500 m² flächendeckend dokumentieren, den Schnittzeichnungen und anderen Aufnahmezeichnungen steht, kann kaum hoch genug gewürdigt werden. Methodische Informationen wären daher von Interesse, umso mehr da Gruben selbst die Bauaufnahme in Theorie und Praxis maßgeblich weiterentwickelte. Welche Messausrüstung und welches Aufmaßverfahren wurden damals verwendet? Welche Genauigkeit wurde angestrebt und, aus der Distanz eines halben Jahrhunderts betrachtet, erreicht? Die Publikation des Dipylon ist als umfassende und exakte Materialvorlage eines herausragenden Objekts mit bis ins Detail belegten und nachprüfbaren Rekonstruktionen von zeitlosem Wert, gerade auch angesichts des unvermeidbaren Informationsverlustes durch fortschreitende Abwitterung der Ruinen. Eine weitergehende baugeschichtliche Einordnung wird indes nicht vorgenommen, auch wenn Gruben solche als integralen Bestandteil jeder Bauforschungsarbeit betrachtete.1 Auch konnte in den letzten Jahrzehnten erschienene Literatur, so sie nicht unmittelbar die Anlage oder das Gelände betrifft, nur vereinzelt eingearbeitet werden. Vielmehr bezweckt der Band, das Dipylon und die anderen baulichen Reste des Areals in Bestand und Rekonstruktion sowie die Stratigrafie der Grabungsschnitte weiterer Forschung verfügbar zu machen. In methodischer Hinsicht öffnet uns die Publikation einen Blick um 50 Jahre zurück auf eine Zeit, als die uns heute vertrauten ‘klassischen Methoden der historischen Bauforschung’ entscheidend weiterentwickelt wurden. Es ist bemerkenswert, dass die zeichnerische Dokumentation, die Befundbeobachtung und -analyse, die Argumentation und die wissenschaftlich begründete, durch Befunde und Bauglieder belegte Rekonstruktion bis heute mustergültig sind. Wismar Arnd Florian Hennemeyer –––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––– 1 G. G., ‘Klassische Bauforschung’, in: A. H. Borbein, T. Hölscher, P. Zanker (Hrsgg.), ‘Klassische Archäologie. Eine Einführung’, Berlin 2000, 251–279, hier 256. GNOMON 1/93/2021

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Abstract

As a critical journal for all classical studies, the GNOMON fosters the links between the distinct classical disciplines. It has thus an exceptional position among the classical review journals and allows familiarization with research and publications in neighbouring disciplines. The reviews address an international readership from all fields in classical studies. The GNOMON publishes reviews in German, English, French, Italian and Latin.

The GNOMON is published in eight issues a year.

Zusammenfassung

Der GNOMON pflegt als kritische Zeitschrift für die gesamte Altertumswissenschaft die Verbindung zwischen den verschiedenen Disziplinen der Altertumswissenschaft. Er nimmt dadurch eine Sonderstellung unter den Rezensionsorganen ein und bietet die Möglichkeit, sich über wichtige Forschungen und Publikationen auch in den Nachbarbereichen des eigenen Faches zu orientieren. Die Rezensionen im GNOMON wenden sich an ein internationales Publikum, das aus allen Teilgebieten der Altertumswissenschaft kommt. Die Publikationssprachen im GNOMON sind: Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch und Lateinisch.

Der GNOMON erscheint acht Mal im Jahr.