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Sebastian Gairhos, Christoph Hinker: Ein Brandhorizont aus der Zeit der Markomannenkriege im südostno-rischen Munizipium Flavia Solva. Mit Beiträgen von Günter Christandl und Ursula Schachinger. in:

Gnomon, page 543 - 548

GNO, Volume 91 (2019), Issue 6, ISSN: 0017-1417, ISSN online: 0017-1417, https://doi.org/10.17104/0017-1417-2019-6-543

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C.H.BECK, München
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J. Griesbach: Murer, Stadtraum und Bürgerin 543 kommt, wäre andererseits eine tiefergehende historische Reflexion dahingehend wünschenswert gewesen, welche Rückschlüsse der Wandel in der Aufstellungspraxis auf die römische Gesellschaft und ihre Wertvorstellungen zulässt. So bleibt zu hoffen, dass die vorliegende Arbeit zu weiteren Studien auf diesem Gebiet ermuntert. Würzburg Jochen Griesbach * Christoph Hinker: Ein Brandhorizont aus der Zeit der Markomannenkriege im südostnorischen Munizipium Flavia Solva. Mit Beiträgen von Günter Christandl und Ursula Schachinger. Wien: Österreichisches Archäologisches Institut 2014. 341 S. 38 Abb. 52 Taf. 4°. (Zentraleuropäische Archäologie. 4.). Anders als etwa der Vor- und Frühgeschichtlichen Archäologie stehen der Provinzialrömischen Archäologie zahlreiche schriftliche Quellen zur Verfügung, die auch für die Grenzprovinzen des Imperium Romanum eine Rekonstruktion der Ereignisgeschichte ermöglichen. Aus der Verknüpfung dieser historischen Quellen mit archäologischen Befunden – unterstützt durch numismatische, epigraphische und naturwissenschaftliche Analysen – hat die Forschung sogenannte ‘fest datierte Plätze’ definiert. Dazu zählen traditionell beispielsweise die augusteischen Fundplätze entlang der Lippe, im Zusammenhang mit der Bataverrevolte, den Thronwirren des Vierkaiserjahres oder beim Boudicca-Aufstand zerstörte Siedlungen, agricolazeitliche Feldlager in Britannien, die vom Vesuvausbruch 79 n. Chr. zerstörten Städte und Villen oder das 256 n. Chr. von den Sassaniden eroberte Dura Europos am Euphrat. Daraus ergibt sich die Möglichkeit, Fundspektren zeitlich zu differenzieren und aufzuschlüsseln, worauf u.a. auch das Chronologiegerüst für sämtliche Kleinfundgattungen, z.B. Keramikgefäße (insbesondere Terra Sigillata), Glas- und Bronzegefäße, Fibeln oder Militaria, basiert. Diese Methodik stellt somit gewissermaßen eine Kernkompetenz des Fachs Provinzialrömische Archäologie dar und sollte daher einer ständigen kritischen Prüfung unterzogen werden. Vorliegende Arbeit hat zum Ziel, die Verknüpfung eines konkreten archäologischen Befundes mit einem historischen Ereignis kritisch zu beleuchten. Im Mittelpunkt steht eine Brandschuttschicht in Insula XLI in Flavia Solva bei Wagna in der heutigen Südsteiermark, die in der Forschung mit einem historisch belegten germanischen Einfall bis Oberitalien im Zuge der Markomannenkriege in Verbindung gebracht wurde. Der Leiter der Ausgrabungen, Stefan Groh, legte bereits 1996 Funde und Befunde der Grabungen in Insula XLI in seiner Dissertation vor, wobei er sich angesichts der Materialmenge auf ausgewählte Fundobjekte beschränkte.1 Zur vollständigen Vorlage der Funde und Befunde aus der Brandschuttschicht initiierte Groh am Österreichischen Archäologischen Institut ein von 2010 bis 2012 laufendes Forschungsprojekt, dessen Resultate in vorliegender Arbeit präsentiert werden. ––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––– 1 St. Groh, ‘Die Insula XLI von Flavia Solva. Ergebnisse der Grabungen 1959 und 1989 bis 1992’. Sonderschr. ÖAI 28 (Wien 1996). GNOMON 6/91/2019 S. Gairhos: Hinker, Ein Brandhorizont aus der Zeit der Markomannenkriege 544 Nach einer kurzen Einführung (S. 9f), in der Verf. seine Zielrichtung und Vorgehensweise darlegt, folgt Kapitel 1 (‘Lage’; S. 12–14) zur Lage und Topographie des flavischen Municipiums Flavia Solva im südöstlichen Noricum wie auch der Insula XLI am westlichen Rand des Stadtgebiets. In Kapitel 2 (‘Historischer Kontext’; S. 16–22) gibt Verf. einen knapp kommentierten Überblick einerseits zu den (wenigen) schriftlichen Quellen, die uns zu den Einfällen an der oberen und mittleren Donau im dritten Viertel des 2. Jh. n. Chr. vorliegen, und andererseits zum Stand der althistorischen Forschung zu diesem Thema. Auch die sogenannte Antoninische Pest und ihre epigraphischen Nachweise für Noricum aus den Jahren 182 und 184 werden in diesem Zusammenhang angesprochen, wobei klar ist, dass der archäologische Nachweis einer Seuche in einer Siedlung kaum gelingen kann. Mit einer halben Seite sehr knapp fällt das Kapitel 3 (‘Forschungsgeschichte’; S. 24) aus, in dem lediglich auf die Vorarbeiten Grohs und den Ablauf des Forschungsprojekts ab 2010 verwiesen wird. Die bisherigen Darstellungen zur Zerstörung Flavia Solvas in den Markomannenkriegen werden in Kapitel 4 (‘Forschungsmeinungen’; S. 28–30) dargelegt, wobei Verf. klar die Tendenz in der Forschung aufzeigt, einmal geäußerte, nicht ausreichend belegte Meinungen über Jahrzehnte zu wiederholen und nur selten zu hinterfragen. In Kapitel 5 (‘Quellenkritik’; S. 32–34) legt Verf. die Grabungstechnik in Insula XLI und die daraus resultierenden Einschränkungen für die Auswertung dar. So wurde zu Beginn der Grabungen mit künstlichen Plana gearbeitet und das Fundmaterial nach Abhüben aufbewahrt. Daher kann insbesondere die Grobkeramik nur noch eingeschränkt der hier besonders interessierenden Brandschuttschicht der Periode II+ zugewiesen werden und wurde von Verf. folgerichtig nicht berücksichtigt. Kapitel 6 (‘Terminologie’; S. 36) beschreibt kurz wichtige Begriffe wie Brandschicht, Brandschuttschicht oder Schadensfeuer. Mit Kapitel 7 (‘Taphonomie’; S. 38–47) beleuchtet Verf. die archäologischen Spuren der Brandzerstörung im Grabungsbefund und die Umstände ihrer Entstehung. Da nicht die gesamte Fläche der Insula XLI untersucht wurde, sind die Aussagemöglichkeiten hier begrenzt. Festzuhalten ist jedoch, dass sich die Brandspuren in den sechs Gebäudeeinheiten der Insula in Bau- und Nutzungsphase II stark voneinander unterscheiden. In Haus II, IV und V war eine bis zu 40cm starke Brandschuttschicht mit in situ verbrannten Fachwerkwänden vorhanden, während in Haus I und VI lediglich geschwärzte und verziegelte Fußböden beobachtet wurden. In Haus III deuten dem Ausgräber zufolge lediglich einige verbrannte Keramikfragmente auf eine Brandzerstörung hin.1 Als Ursache für diese Diskrepanzen zieht Verf. Unterschiede in der Brandentwicklung, der Brandbekämpfung oder abweichende Entsorgungspraktiken nach dem Brand in Betracht. Der große Aufwand, den Verf. mit systematischen Anpassversuchen der Keramikfragmente auf sich genommen hat, wurde belohnt: Da er innerhalb der sechs Gebäudeeinheiten jeweils zahlreiche Gefäße weitgehend oder vollständig zusammenfügen konnte, ist eine nachträgliche Verlagerung des Brandschutts auszuschließen. Das seltene Vorkommen größerer Metallobjekte wie Werkzeuge, Geräte oder Baubeschläge deutet Verf. überzeugend als Hinweis auf eine nachträgliche Bergung von Gegenständen bzw. Wertstoffen. Rez. erscheint es loh- ––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––– 1 Groh 1996 (a. O.) 68. GNOMON 6/91/2019 S. Gairhos: Hinker, Ein Brandhorizont aus der Zeit der Markomannenkriege 545 nenswert, bei zukünftigen Ausgrabungen entsprechender Brandschuttschichten einen Brandermittler der Kriminalpolizei hinzuzuziehen, der helfen könnte, die Brandursache und den Ablauf des Brandereignisses zu rekonstruieren. Interessant liest sich der Exkurs zur Frage der Anwendbarkeit der ‘Pompeji-Prämisse’ auf die Befunde in Flavia Solva. Wie Verf. richtig aufzeigt, trifft die Annahme, die Fundstelle eines Objekts in einem Katastrophenhorizont entspräche dem Ort seiner ursprünglichen Nutzung, in vielen Fällen nicht einmal in der namengebenden Vesuvstadt zu. Kapitel 8 (‘Korrespondierende Befunde im Munizipium Flavia Solva?’; S. 50) lässt aufgrund seiner Überschrift erwarten, dass einer Forderung Grohs von 1996 nachgekommen würde: «Dass diese Zerstörung wirklich mit den Markomannenkriegen in Verbindung steht, ist m.E. wahrscheinlich, sollte aber erst nach dem Vorliegen mehrerer Befunde aus dem Stadtgebiet entschieden werden».1 So liegt offenbar auch aus Insula XXXI Brandschutt mit mittelgallischer Sigillata vor; deren Bearbeitung und Fundvorlage «bleibt jedoch ein Desiderat», wie Verf. S. 50 anmerkt. Dem kann sich Rez. nur anschließen. Gerade im Hinblick auf die Themenstellung der vorliegenden Arbeit und im Sinne ihres methodischen Ansatzes hätte eine vergleichende Analyse sicher weitere wertvolle Resultate erbringen können. ‘Die Architektur der Insula XLI (Haus I–VI)’ wird in Kapitel 9 (S. 52–55) in Form von kurzen Beschreibungen der sechs Gebäudeeinheiten, ihrer Ausstattung und der verwendeten Baumaterialien dargelegt. In Kapitel 10 (S. 58–76) befasst sich Verf. mit der ‘Definition von Aktivitätszonen’. Zur Rekonstruktion der Nutzung einzelner Räume und Raumgruppen zieht er das hier geborgene Fundmaterial heran. Mit der gegebenen Vorsicht zeigen die Fundspektren tatsächlich bemerkenswerte Unterschiede in ihrer Zusammensetzung, aus denen Verf. unterschiedliche Raumfunktionen, z.B. als Werkstätten für Bein- und Buntmetallverarbeitung, Wohnräume oder Koch- und Speiseräume erschließt. Die ausführliche ‘Fundauswertung’ findet man in Kapitel 11 (S. 78–151). Hier werden die gängigen Fundgattungen (Glas, Keramik, Metall, Stein und Bein, zoologische und botanische Reste) aus der Brandschuttschicht hinsichtlich ihrer Datierung, Verbreitung und Herstellungstechnik vorgestellt und diskutiert. Die Gebrauchskeramik zeigt eine auffallend geringe Typenvielfalt, woraus Verf. eine kurze Nutzungsdauer der im Brandschutt enthaltenen Gefäße erschließt. Bei den grobkeramischen Töpfen, möglicherweise auch bei Krügen und bauchigen Schüsseln, könnte man außer der von Verf. vorgeschlagenen Nutzung als Koch-, Speise- und Vorratsgefäß auch die Funktion als Transportgefäß in Betracht ziehen. So gilt es mittlerweile bei den Auerbergtöpfen des 1. Jh. in Nordrätien als nachgewiesen, dass sie als ‘Einwegverpackung’ für konserviertes Fleisch aus dem südlichen Alpenraum dienten.2 Zur Diskussion um die chronologische Zeitstellung des Spektrums glatter (insbesondere Teller Drag. 18/31 und 32) sowie reliefverzierter Terra Sigillata (S. 113–116) gibt Verf. einen Überblick über vergleich- ––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––– 1 Groh 1996 (a. O.) 181. 2 C. Flügel, ‘Fleischkonserven für Raetien. Archäometrische Untersuchungen an schwarzen Auerbergtöpfen mit Marmormagerung’. In: G. Ulbert, ‘Der Auerberg 4. Die Kleinfunde mit Ausnahme der Gefäßkeramik sowie die Grabungen von 2001 und 2008’. Münchner Beitr. Vor- u. Frühgesch. 63 (München 2015) 383–392. GNOMON 6/91/2019 S. Gairhos: Hinker, Ein Brandhorizont aus der Zeit der Markomannenkriege 546 bare Spektren in Noricum, Rätien und Pannonien mit Angabe der absoluten Mengen der Formen bzw. der Erzeugnisse einzelner Töpfer und Töpfergruppen. Zur besseren Vergleichbarkeit vermisst der Leser hier allerdings Angaben zur Gesamtzahl der Vergleichsspektren sowie zu den Anteilen, die auf die Formen, Töpfer oder Töpfergruppen entfallen. Auch der Auswertung der 18 Münzen aus der Brandschuttschicht widmet Verf. breiten Raum (S. 121–127). Der Analyse der Tierknochen und der botanischen Reste widmen sich die Beiträge von Günter Christandl und Ursula Schachinger. In Kapitel 12 (‘Chronologie’; S. 154 f) fasst Verf. die Ergebnisse der Funddatierungen und der vergleichenden Analysen mit anderen Fundspektren des oberen und mittleren Donauraumes zusammen, die den Zeitraum des Brandereignisses in Insula XLI in die Jahre um 170 n. Chr. setzen lassen. Terminus post quem ist ein Dupondius des Jahres 166. Die Reliefsigillata entstammt überwiegend mittelgallischer und frühester Rheinzaberner Produktion (Bernhard-Gruppe Ia). Jüngerer Rheinzaberner Reliefsigillata ist lediglich ein Fragment der Gruppe IIa zuzuweisen, dieses ist möglicherweise infiltriert. Verf. betont ausdrücklich, dass die unklaren Laufzeiten des chronologisch empfindlichsten Materials (Münzen und Terra Sigillata) eine Datierungsgenauigkeit unter fünf bis zehn Jahren nicht zulassen. Somit sei auch eine zweifelsfreie Korrelation mit anderen Zerstörungshorizonten der zweiten Hälfte des 2. Jh. nicht möglich. Den vielfältigen Spuren von Bein- bzw. Horn-, Buntmetall- und Textilverarbeitung in Insula XLI geht Verf. in Kapitel 13 (‘Technologie und Werkstätten’; S. 158–166) auf den Grund. Interessant sind die Überlegungen zu möglichen Produktionsabläufen sowie Verknüpfungen verschiedener Handwerkszweige untereinander. In Kapitel 14 (‘Der Brandhorizont der Insula XLI im urbanen kulturgeschichtlichen Kontext von Flavia Solva’; S. 168–170) findet man anregende Überlegungen des Verf. zu den Bewohnern der Gebäude und ihren Lebensumständen unter Einbeziehung möglichst aller verfügbarer Quellen, die in einem authentischen, klar als hypothetische Interpretation gekennzeichneten Alltagsbild münden. Nach diesem Vorbild durchgeführte Studien an den Fundspektren anderer Insulae in Flavia Solva bzw. aus benachbarten Städten könnten in einer vergleichenden Analyse zukünftig durchaus belastbare Aussagen z.B. zur Intensität von handwerklicher Produktion, zum Wohlstand der Bewohner, zu ihrem sozialen Status oder zu ihren Schreib- und Lesefähigkeiten ergeben. ‘Brandzerstörungen aus der Zeit der Markomannenkriege in Noricum, Pannonien und Rätien’ werden in Kapitel 15 (S. 172–178) vorgestellt und einer kritischen Prüfung unterzogen. Keiner der zahlreichen mit den Markomanneneinfällen verbundenen Zerstörungshorizonte hält dieser Überprüfung stand. Überzeugt zeigt sich Verf. nur von den Befunden im Auxiliarlager und Kastellvicus von Regensburg-Kumpfmühl. Hier vermisst Rez. lediglich die Erwähnung der jüngeren Grabungsergebnisse1 und des 1989 geborgenen Schatzfundes, der eine Zerstörung des Platzes vermutlich in den Jahren 166 oder 167 nahe legt.2 ––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––– 1 S. Sandbichler, ‘Neue Untersuchungen im mittelkaiserzeitlichen Auxiliarkastell Regensburg-Kumpfmühl’. Bayer. Vorgeschbl. 74 (2009) 39–130. 2 A. Boos/L.-M. Dallmeier/B. Overbeck, ‘Der römische Schatz von Regensburg- Kumpfmühl’ (Regensburg 2000). GNOMON 6/91/2019 S. Gairhos: Hinker, Ein Brandhorizont aus der Zeit der Markomannenkriege 547 In Kapitel 16 (‘Diskussion: Ergebnisse und ihr Verhältnis zum historischen Kontext’; S. 180–188) untersucht Verf. die Funde und Befunde aus Periode II der Insula XLI auf ihre mögliche Verbindung zu den Germaneneinfällen in der zweiten Hälfte des 2. Jh. Als Kriterien werden u.a. das Fehlen von Militaria und menschlichen Skelettresten herangezogen, die andernorts als Hinweise auf kriegerische Auseinandersetzungen gewertet wurden. Verf. sieht keinen zwingenden Grund, einen Einfall der Markomannen als Ursache für den um 170 n. Chr. datierten Brand in der Insula XLI festzumachen. Auch in den Siedlungen der näheren Umgebung kann er dafür keine klaren Nachweise entdecken. Gänzlich ausschließen möchte Verf. einen germanischen Überfall anhand des archäologischen Befunds allerdings auch nicht. Für kommende Analysen vergleichbarer Art könnte sich ein von Verf. aufgestellter Kriterienkatalog nützlich erweisen, anhand dessen Befunde und Funde auf ihre Aussagekraft hinsichtlich kriegerischer Ereignisse geprüft werden können (S. 187 f). ‘Ausblick: Zur Frage der Historizität in der Provinzialrömischen Archäologie’ lautet das abschließende Kapitel 17 (S. 190–193). Hier geht Verf. noch einmal grundlegend auf die Problematik ein, derer sich Archäologen und Historiker bei der Parallelisierung archäologischer Quellen mit der schriftlichen Überlieferung bewusst sein müssen. Nach einer kurzen Zusammenfassung auf Deutsch und Englisch (S. 196 f) folgt der nach Material gegliederte Fundkatalog (S. 200–262) mit 822 Objekten. Die hohe Qualität der 53 Tafeln (S. 265–318) dient der Nutzbarkeit des Buchs und dem Verständnis des Lesers, insbesondere die Farbtafeln helfen bei der Visualisierung der Warenarten oder auch der sekundären Brandspuren an Keramik. Das Buch ist von Barbara Beck-Brandt sorgfältig redigiert und mit 19 Tabellen und 38 überwiegend farbigen Grafiken und Textabbildungen ansprechend gestaltet. Etwas störend ist die Gliederung in 18 (teilweise äußerst knappe) Hauptkapitel, was gerade bei den methodischen Diskussionen zu häufigen Wiederholungen führt. Kapitel 11 hingegen wirkt mit 6 Gliederungsebenen (S. 113: ‘11.1.2.5.3.1 Vergleiche mit Terra Sigillata-Spektren kontemporärer Befunde’) zu stark strukturiert. Die verdienstvolle Arbeit zeigt deutlich auf, dass archäologische Befunde einer akribischen und sehr kritischen Überprüfung unterzogen werden müssen, bevor eine Verknüpfung mit einem historischen Ereignis in Betracht gezogen wird. Rez. möchte in diesem Zusammenhang darauf hinweisen, dass keinesfalls die gerade im 2. und 3. Jh. sehr lückenhafte Überlieferung der schriftlichen Zeugnisse und ihr oft subjektiver oder gar tendenziöser Charakter unterschätzt werden sollten. Um beim Thema des besprochenen Werkes zu bleiben: Nicht jedes kriegerische Ereignis muss seinen Niederschlag in der historischen Überlieferung gefunden haben, wohl aber kann ein solcher Vorfall archäologische Befunde hinterlassen. So ist beispielsweise völlig unklar, inwieweit das für die Jahre 185/86 in Gallien und Oberitalien überlieferte bellum desertorum, der Maternus- Aufstand oder die seditio in Britannien1 Auswirkungen auf Noricum hatten. Verf. hofft, «eine tiefer gehende Diskussion über den Stellenwert der und den ––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––– 1 M. Zimmermann, ‘Kaiser und Ereignis. Studien zum Geschichtswerk Herodians’. Vestigia 52 (München 1999) 85–112; Th. Grünewald, ‘Bandits in the Roman Empire. Myth and Reality’ (London 2004) 124f. GNOMON 6/91/2019 S. Gairhos: Hinker, Ein Brandhorizont aus der Zeit der Markomannenkriege 548 Umgang mit der Verknüpfung provinzialrömischer Befunde mit der durch Schriftquellen bezeugten Ereignisgeschichte anzuregen» (S. 193). Die Grundlage für diese – überfällige, da in den Nachbardisziplinen längst geführte – Debatte ist mit diesem Buch nun gelegt. Augsburg Sebastian Gairhos * Lucrezia Cuniglio, Natacha Lubtchansky, Susanna Sarti (Edd.): Dipingere l’Etruria. Le riproduzioni delle pitture etrusche di Augusto Guido Gatti. Venosa: Osanna 2017. 220 S. zahlr. z.T. farb. Abb. 4°. (Archeologia. N.S. 5.). «Raro è di goder tanto, perché le pitture appaiono belle e fresche al primo apparire delle grotte, ma dopo che l’aria c’entra liberamente, in pochi minuti tutto si smarrisce e la malta, sopra cui sono, s’inumidisce e va cadendo»: così scrive, nel 1739, il dotto Scipione Maffei riguardo una sua visita alle tombe di Corneto- Tarquinia, dove rende conto della presenza, nelle camere, di vasi, iscrizioni e pitture, annotando come il contatto con l’aria penetrata attraverso lo scavo nuoccia rapidamente alla conservazione delle immagini «belle e fresche» (‘Osservazioni letterarie che possono servir di continuazione al Giornal de’ letterati d’Italia’, Verona, p. 312). E ancora Anton Francesco Gori scrive a Giovannantonio Pecci il 14 dicembre del 1734 a proposito della scoperta della tomba di Montollo a Chiusi: «Oh, si potesse trovare un Pintorello che andasse là, e le disegnasse anzi le colorisse come son fatte, quanto goderei» (qui, a p. 51): la constatazione dell’estrema fragilità delle pitture e la conseguente necessità di poter subito riprodurre le preziose immagini è una priorità che viene immediatamente evidenziata dagli studiosi e dagli uomini di cultura settecenteschi nell’accostarsi a queste delicate vestigia, che maggiormente hanno a soffrire dal contatto con gli agenti atmosferici e con la conseguente incuria degli uomini. I resoconti delle visite alle tombe tarquinesi di J.J. Winckelmann, Th. Jenksin, i disegni di John Byres e Franciszek Smugliewicz contribuiscono a diffondere, nel corso del XVIII secolo, l’eccezionale patrimonio rappresentato dalle pitture etrusche, che nel secolo successivo conosce ancor maggiore attenzione da parte dei collezionisti come delle principali istituzioni museali europee, interessate alle riproduzioni di questi monumenti figurati che richiamavano un vasto pubblico e i cultori dell’arte e dell’archeologia. Nella fervida e stimolante temperie culturale dell’Otto- e Novecento, con la ‘scoperta’ dell’Etruria da parte dei viaggiatori del Grand Tour e di studiosiviaggiatori-letterati quali Elisabeth Hamilton Gray, George Dennis e quindi D.H. Lawrence, la fama della leggiadra bellezza della pittura etrusca si diffonde in Europa così come negli Stati Uniti. I disegni che completavano i volumi di carattere scientifico e di reportage di viaggio contribuiscono a delineare e a diffondere il carattere romantico della terra d’Etruria, lontana dalla celebrata e algida grandezza greco-romana, ma proprio per questo più affascinante e coinvolgente. Il susseguirsi delle scoperte, in quell’epoca, delle tombe a camera di Tarquinia, Orvieto, Vulci e Chiusi, con le loro scene dai vividi colori che balzavano tremolanti, alla luce delle fiaccole, agli occhi stupiti (e a volte avidi) di scavatori e visitatori, consegna l’arte parietale etrusca alla fama. GNOMON 6/91/2019

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As a critical journal for all classical studies, the GNOMON fosters the links between the distinct classical disciplines. It has thus an exceptional position among the classical review journals and allows familiarization with research and publications in neighbouring disciplines. The reviews address an international readership from all fields in classical studies. The GNOMON publishes reviews in German, English, French, Italian and Latin.

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Zusammenfassung

Der GNOMON pflegt als kritische Zeitschrift für die gesamte Altertumswissenschaft die Verbindung zwischen den verschiedenen Disziplinen der Altertumswissenschaft. Er nimmt dadurch eine Sonderstellung unter den Rezensionsorganen ein und bietet die Möglichkeit, sich über wichtige Forschungen und Publikationen auch in den Nachbarbereichen des eigenen Faches zu orientieren. Die Rezensionen im GNOMON wenden sich an ein internationales Publikum, das aus allen Teilgebieten der Altertumswissenschaft kommt. Die Publikationssprachen im GNOMON sind: Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch und Lateinisch.

Der GNOMON erscheint acht Mal im Jahr.