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Sandra Zajonz, Isokrates, Archidamos. Einleitung, Text, Übersetzung und Kommentar von EmanuelZingg. 2 Bde. in:

Gnomon, page 492 - 497

GNO, Volume 91 (2019), Issue 6, ISSN: 0017-1417, ISSN online: 0017-1417, https://doi.org/10.17104/0017-1417-2019-6-492

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C.H.BECK, München
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M. Hinsch: Nebelin, Philosophie und Aristokratie 492 rer wie Isokrates als Selbstbezeichnung ablehnte (S. 316), suggeriert jedoch gleichwohl, dass eine objektive Unterscheidung in ‘Sophisten’ und ‘Philosophen’ im Sinne Platons möglich gewesen wäre, und folgt letztlich seinen Zuschreibungen. Dass der Unterschied zwischen sophistischem und philosophischem Auftreten und Argumentieren von außen nicht unbedingt erkennbar war und auch die ‘echten’ Philosophen bis ins 3. Jh. hinein von der Allgemeinheit abgelehnt wurden,1 geht hier unter. Es wäre allerdings ungerecht, allein N. diese methodischen Schwächen anzulasten, die Kennzeichen zahlreicher Arbeiten zur griechischen Geistesgeschichte sind, wohl deshalb, weil allein Platon und Diogenes Laertios den Stoff für ein befriedigendes Narrativ liefern. Im Übrigen gilt auch für N.s inhaltliche Ergebnisse, dass sie den maßgeblichen Forschungspositionen zu Adelskultur und Philosophie entsprechen, ohne radikal neue Thesen zu formulieren. Insofern, so lässt sich schließen, hat N. eine Untersuchung vorgelegt, die zukünftige Studien zu beachten haben werden, die diesen allerdings auch noch Raum für Neues lässt. Berlin Moritz Hinsch * Isokrates, Archidamos. Einleitung, Text, Übersetzung und Kommentar von Emanuel Zingg. 2 Bde. Düsseldorf: Wellem 2017. XIII, 477 S.; VII, S. 478–826. (Syssitia. 2, 1/2.). Der Archidamos des Isokrates, eine fiktive Rede des gleichnamigen spartanischen Königssohns, in welcher dieser dazu aufruft, sich dem Friedensschluss mit Theben unter der Bedingung des Verzichts auf Messenien zu verweigern, harrt seit Benselers Kommentar aus dem Jahr 18542 einer gründlichen philologischen Untersuchung. Zudem fehlte bislang, wie bei all denjenigen Schriften des Isokrates, die nicht im ersten Band von Drerups leider unvollendet gebliebenen Ausgabe3 enthalten sind, eine verlässliche Textgrundlage. Dieser Desiderate hat sich nun Emanuel Zingg (im Folgenden Z.) angenommen und mit der überarbeiteten Fassung seiner Züricher Dissertation eine neu kollationierte kritische Edition des Archidamos (im Folgenden A.) samt Einleitung, Übersetzung und Kommentar vorgelegt.4 Der erste Band, der Einleitung, Text und Übersetzung umfasst, wird eröffnet von einer ausführlichen Beschreibung der Handschriften und Editionen des A. sowie einer Übersicht über die Isokrates-Philologie der Neuzeit (Kapitel A.), es folgt eine Gliederung der Rede (B.), eine Einordnung des A. in das Gesamtwerk des ––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––– 1 Vgl. P. Scholz, ‘Der Philosoph und die Politik. Die Ausbildung der philosophischen Lebensform und die Entwicklung des Verhältnisses von Philosophie und Politik im 4. und 3. Jh. v. Chr.’, Stuttgart 1998, 41–71 zur öffentlichen Wahrnehmung und J. Dreßler, ‘Wortverdreher, Sonderlinge, Gottlose. Kritik an Philosophie und Rhetorik im klassischen Athen’, Berlin 2014, bes. 120–131 zur Ähnlichkeit der rhetorischen und eristischen Methoden. 2 ‘Isokrates’ Plataikos, Archidamos und Rede über den Frieden, berichtigt, übersetzt und erklärt v. G.E. Benseler’, Leipzig 21854. 3 E. Drerup, ‘Isocratis opera omnia’, Bd. I, Leipzig 1906. 4 Z.s Edition ist Teil der unter der Leitung von Stefano Martinelli Tempesta entstehenden Gesamtausgabe der isokrateischen Schriften, die in der OCT-Reihe erscheinen wird. GNOMON 6/91/2019 S. Zajonz: Zingg, Isokrates, Archidamos 493 Isokrates (C.), eine Analyse des zur Legitimation der spartanischen Ansprüche auf Messenien verwendeten Narrativs der Rückkehr der Herakliden und der Messenischen Kriege (D.), ein Verweis auf die im Kommentar behandelten weiteren historischen Paradeigmata (E.), eine Diskussion der bisherigen Deutungen der Schrift und eine eigene These zu ihrer Zielsetzung (F.), eine eingehende, sich beinahe zur Monographie verselbstständigende Untersuchung zu Hiat und Prosarhythmus im A. (G.), eine Übersicht zur Rezeption (H.) und eine Sammlung von Zeugnissen der Nebenüberlieferung (J.), an die sich zuletzt der griechische Text des A. mit einer deutschen Übersetzung anschließt (K.). Der zweite Band enthält den Kommentar (L.), die Hypothesis (einen Überblick zu ihrer Überlieferung sowie Text, Übersetzung und Kommentar [M., N., O.]), das Literaturverzeichnis (P.) und diverse Indices (Q.). Angesichts des beträchtlichen Umfangs der Einleitung (413 S.) soll hier nur auf einige ausgewählte Aspekte eingegangen werden, die vor allem aus philologischer Sicht von Interesse sind.1 Zu B.: Obwohl Z. richtig erkennt, dass die von Dionys v. Halikarnass der Schule des Isokrates zugeschriebene Vierteilung einer Rede in Prooimion, Dihegesis, Pistis und Epilogos in kaum einer isokrateischen Schrift nachzuweisen ist (sie findet sich vornehmlich in Gerichtsreden und wird von Dionys bezeichnenderweise auch in diesem Zusammenhang erwähnt), erliegt er der Versuchung, den A. in eben jenes Schema zu pressen (I 38f). Als Dihegesis figuriert dabei die Heraklidensage (§§16–23), die aber, auch wenn sie erzählenden Charakter hat, in ihrer Funktion Teil der Pistis ist: Sie soll beweisen, dass die Lakedaimonier Messenien zu Recht besitzen (vgl. §16 u. §24). Die Legitimität des Besitzanspruchs ist wiederum eines der Argumente für das übergeordnete Überzeugungsziel, nämlich die entschiedene Ablehnung des unvorteilhaften Friedensvertrags. Diese Struktur tritt in Z.s Gliederung insgesamt weniger klar zutage als z.B. bei Benseler. Zu C.: Für das Verständnis des A. sehr förderlich ist der erste Teil des Kapitels, der in den historischen Kontext der fiktiven Rede sowie ihrer Abfassung durch Isokrates einführt, welche Z. in unmittelbarer zeitlicher Nähe zum dramatischen Datum 366/65 ansetzt (I 80). Eine stärkere Konzentration auf das Wesentliche hätte man sich hingegen bei den breiten Ausführungen zu Werten und Visionen (C.II) und der zeitgenössischen Kritik an Isokrates (C.III) gewünscht, zumal diese Themenfelder bereits von Alexiou (partiell) bzw. Eucken (umfassend) behandelt wurden.2 Zu F.: Durchweg gelungen ist die kritische Auseinandersetzung mit jüngeren Deutungen des A., insbesondere mit Blanks These, man habe die Schrift als eine unter dem Deckmantel des scheinbaren Lobs verborgene Sparta-Schelte aufzu- ––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––– 1 Für die historische Perspektive sei ergänzend verwiesen auf die Rezension von J. Engels, in: sehepunkte 18, 2018, Nr. 3 (http://www.sehepunkte.de/2018/03/31015.html, abgerufen 10.8.2018). 2 E. Alexiou, ‘Ruhm und Ehre. Studien zu Begriffen, Werten und Motivierungen bei Isokrates’, Heidelberg 1995; Ch. Eucken, ‘Isokrates. Seine Positionen in der Auseinandersetzung mit den zeitgenössischen Philosophen’, Berlin / New York 1983. GNOMON 6/91/2019 S. Zajonz: Zingg, Isokrates, Archidamos 494 fassen.1 Z. selbst nimmt im Anschluss an Benseler an, dass Isokrates mit dem A. das Ziel verfolgte, angesichts der veränderten politischen Konstellation bei seinen athenischen Mitbürgern um die Unterstützung Spartas gegen Theben zu werben und sich zugleich – mit Blick auf einen etwaigen gemeinsamen Feldzug gegen die Perser – die Gunst des künftigen spartanischen Königs zu sichern. Darüber hinaus habe die Schrift in der Schule des Isokrates als Musterrede Verwendung finden können (I 233). Zu G.: Die von Baiter und Benseler im 19. Jh. ermittelten Regeln der Hiatmeidung finden in der handschriftlichen Überlieferung des A. im Wesentlichen Bestätigung und werden von Z. nur dahingehend modifiziert, dass Hiat auch am Kolonende nicht toleriert werde (I 255). Ein rein metrischer Prosarhythmus, wie er in der antiken Theorie postuliert werde, sei bei Isokrates nicht nachzuweisen und scheide daher als Kriterium für die Textkonstitution aus (I 364). Nukleus und gleichsam Keimzelle der Arbeit ist die Neuedition des griechischen Textes. Die Zuverlässigkeit des Apparats ist ohne Einsicht in die Handschriften nicht zu beurteilen; bei der Textkonstitution zeigen sich aber deutliche Verbesserungen gegenüber der zu Recht kritisierten Ausgabe von Mandilaras.2 Ein interessantes Detail ist die auf den handschriftlichen Befund gegründete ‘Rehabilitierung’ der Kombination von ἄν mit dem Futur in der attischen Prosa.3 Z. nennt diese Konstruktion «Konjektiv» und beschreibt sie als Ausdruck einer «vorsichtige[n] Vermutung in der Zukunft» (II 597). Von Z.s textkritischen Entscheidungen erscheinen mir einige wenige überdenkenswert: §13,4: Im Kontext des πλεονεξία-Vorwurfs spricht mehr für αὐτοί (a) als für das von Z. favorisierte οὗτοι (Γ), das man eher im Haupt- als im Nebensatz erwarten würde. §15,2: Entgegen Z.s Angabe ist περὶ τοῦτο (Γ) bei Is. sehr wohl belegt (vgl. 20,1; 21,13; als v.l. 6,35); Benselers Argumente für diese Lesart sollten zumindest geprüft werden. §29,4: Z. gibt ἐν τοῖς τοιούτοις καιροῖς (Θ) den Vorzug vor ἐν τοιούτοις καιροῖς (Γ b), weil Is. bei dieser Junktur auch sonst immer den Artikel setze. Hier wird aber auf einen erklärenden Relativsatz vorausgewiesen, was die Stelle von allen anderen (auch von 4,169, wo der Relativsatz eher als Apposition zu verstehen ist) unterscheidet. §34,3: Man könnte zu einer anderen Bewertung der Varianten gelangen, wenn man καί (Γ Θ) als Vergleichspartikel auffasst (‘dieselbe Haltung … wie’), was Z. nicht in Erwägung zu ziehen scheint. §66,3: Die Entscheidung für das überlieferte ὡς (statt des von Bekker konjizierten ὥστε) überzeugt nicht ganz, da keine einzige Parallele aus Is. oder einem anderen attischen Redner beigebracht wird. §91,1: Gerade die Überleitung zum konkreten Beispiel spricht m.E. für γάρ (Γ) statt οὖν (a). Der positive Eindruck, den die Arbeit insgesamt hinterlässt, wird getrübt durch die deutsche Übersetzung, auf die Z. offenbar weniger Sorgfalt verwandt hat. Dies äußert sich nicht nur in einem schwerfälligen Stil, sondern, was gravie- ––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––– 1 Th. Blank, ‘Logos und Praxis. Sparta als politisches Exemplum in den Schriften des Isokrates’, Berlin 2014, 287–377. 2 B. Mandilaras, ‘Isocrates. Opera omnia’, 3 Bde., München / Leipzig 2003. Z. spricht, in der Wortwahl über das Ziel hinausschießend, von einer «grotesk missratenen Ausgabe» (I 29 Anm. 114). 3 Zu den bisherigen Zweifeln am Gebrauch dieser Verbindung bei den Attikern vgl. z.B. KG I 209 u. 240. GNOMON 6/91/2019 S. Zajonz: Zingg, Isokrates, Archidamos 495 render ist, leider auch in einer Vielzahl von Ungenauigkeiten und vermeidbaren Fehlern. Ein Querschnitt: §2: ἀνέστην ἀποφανούμενος ἃ γιγνώσκω περὶ τούτων; Z.: «stand ich auf, um kundzutun, worüber ich in diesen Belangen Bescheid weiß» (statt: ‘…, was ich darüber denke’). §3: … ἄλλως τε δὴ καὶ τοῦ γνῶναί τι τῶν δεόντων ἐν κοινῷ καθεστῶτος ἡμῖν; Z.: «zumal für uns der Grundsatz der gemeinsamen Entscheidung über Notwendiges gilt»; eher gehört ἐν κοινῷ zu καθεστῶτος (ähnlich z.B. Dem. 18,320), was sowohl dem in Z.s Übersetzung verlorengegangenen τι zu seinem Recht verhilft als auch besser zu der in §4 folgenden Begründung passt: «zumal für uns gleichermaßen die Möglichkeit besteht, etwas von dem, was notwendig ist, zu erkennen». §5: αὐτοὶ μὲν ἴσως ἂν φαυλότεροι δόξαιμεν εἶναι; Z.: «dürften wir vielleicht ziemlich schlecht zu sein scheinen»; es fehlt die Wiedergabe von αὐτοί. §29: ἀλλ᾿ ὅμως ἐν τοῖς τοιούτοις καιροῖς γιγνομένων τῶν συνθηκῶν, ἐν οἷς οὐχ οἷόν τ᾿ ἦν πλεονεκτεῖν …; Z.: «aber dennoch kam es unter diesen Umständen, da Verträge entstanden, in denen es nicht möglich war, den Besitz zu mehren, …»; der Relativsatz scheint hier irrtümlich auf συνθηκῶν (fem.) bezogen worden zu sein, hängt aber von καιροῖς ab. §38: προεξαμαρτόντας δὲ τοῦτ᾿ εἰς ὑμᾶς αὐτοὺς σχεδὸν καὶ τοῦ συμφέροντος … διαμαρτεῖν; Z.: «dass ihr …, nachdem ihr diesen Fehler begangen habt, mehr oder weniger das Nützliche … verfehlt»; es fehlt die Wiedergabe von εἰς ὑμᾶς αὐτοὺς, und σχεδόν ist im gegebenen Zusammenhang eher im Sinne von ‘möglicherweise’ (vgl. LSJ s.v. II.2) aufzufassen. §39: καὶ γὰρ οὐδὲ τοῦτό πω φανερόν ἐστιν; Z.: «Denn es ist auch nicht einmal dies irgendwie deutlich»; πω heißt hier ‘noch’, nicht ‘irgendwie’. §43: οὐκ ἠξίωσαν βουλεύσασθαι περὶ τῶν προσταττομένων αὑτοῖς, ἀλλ᾿ εὐθὺς εἵλοντο περιιδεῖν ἀνάστατον τὴν πόλιν γεγενημένην μᾶλλον ἢ δουλεύουσαν; Z.: «… hielten sie es nicht für richtig, über das, was ihnen zugetragen wurde, zu beraten, sondern entschieden sogleich, lieber darüber hinwegzusehen, dass ihre Stadt zerstört werde, als dass sie versklavt sei»; προστάττειν bedeutet ‘auftragen’, nicht ‘zutragen’, und die Wiedergabe von περιορᾶν c. a.c.p. mit «darüber hinwegsehen», also ‘unbeachtet lassen’, ist hier – wie auch an anderen Stellen (vgl. §§2. 87. 93. 108) – unglücklich; passender: ‘… lieber zuzulassen, dass …’. §56: τίνας γὰρ ἴσμεν, ὧν καὶ ποιήσασθαι μνείαν ἄξιόν ἐστιν; Z.: «Welche Griechen kennen wir denn, an die ein Andenken zu haben es sich auch lohnt»; μνείαν ποιεῖσθαι heißt ‘erwähnen’ (vgl. Is. 5,109; 8,12; 12,112.120 u.ö.), καί gehört in der Bedeutung ‘auch nur’ (vgl. KG II 254) zum Infinitiv. §71: σκεπτέον δ᾿, ὅπως … τοιούτους ἡμᾶς αὐτοὺς παράσχωμεν, ὥστε δοκεῖν ἐκείνους ἐλάττω τῶν προσηκόντων εἰρηκέναι περὶ ἡμῶν; Z.: «man muss überlegen, wie wir … uns derart gebärden, dass jene weniger, als es ziemlich wäre, über uns gesprochen zu haben scheinen»; ‘sich gebärden’ deutet eher auf ein unpassendes Verhalten hin, ἐλάττω τῶν προσηκόντων ist nicht quantitativ, sondern qualitativ zu verstehen (zum Motiv vgl. Is. 4,88; 10,12): ‘wir müssen darauf aus sein, … uns als solche Männer zu präsentieren, dass das, was jene (sc. die Lobredner) über uns gesagt haben, hinter dem Lob, das uns zukommt, zurückzubleiben scheint’. §77: τίνα γὰρ οἰηθῶμεν αὐτοὺς γνώμην ἕξειν, ὅταν αὐτοὶ μὲν κακῶς πάσχωσιν, ἡμᾶς δὲ μηδὲν δύνωνται ποιεῖν; Z.: «Welche Meinung glauben wir, dass sie haben werden, sooft …»; es handelt sich nicht um einen Iterativ der Gegenwart, sondern um einen Futuralis, οἰηθῶμεν ist deliberativer Konjunktiv. §87: ἢν γὰρ παρακατοικισώμεθα τοὺς Εἵλωτας καὶ τὴν πόλιν ταύτην περιίδωμεν αὐξηθεῖσαν …; Z.: «Wenn wir nämlich die Heloten bei uns ansiedeln und das Gedeihen dieser Stadt vernachlässigen …»; die Wiedergabe von περιορᾶν mit a.c.p. (vgl. oben zu §43) ist hier vollends sinnentstellend. Gemeint ist: ‘Wenn wir nämlich die Heloten in unserer Nachbarschaft ansiedeln und zulassen, dass diese Stadt (sc. Messene) an Stärke gewinnt …’. §90: ἃ χρὴ διαλογισαμένους μὴ φιλοψυχεῖν μηδ᾿ ἐπακολουθεῖν ταῖς τῶν συμμάχων γνώμαις …, ἀλλ᾿ αὐτοὺς σκεψαμένους ἑλέσθαι μὴ τὸ τούτοις ῥᾷστον; Z.: «Dies müssen sie GNOMON 6/91/2019 S. Zajonz: Zingg, Isokrates, Archidamos 496 bedenken und dürfen nicht am Leben hängen und nicht den Ansichten der Verbündeten folgen …, sondern nach Prüfung nicht das wählen, was für sie das Leichteste … sein wird»; αὐτοὺς ist nicht Subjektsakkusativ des a.c.i., sondern Prädikativum zu dem gedanklich zu ergänzenden Subjekt ἡμᾶς: ‘Dies müssen wir bedenken …, sondern, indem wir selbst überlegen (sc. und eben nicht den Ansichten anderer folgen) …’. An einigen Stellen liegt der Übersetzung eine Lesart zugrunde, die nicht in den Text aufgenommen wurde (§2 τις ἄλλος; §39 ὧν ἂν; §53 ὀλίγους περὶ αὑτὸν; §73 πεπόνθασιν ὑφ᾿ ἡμῶν). Der Kommentar dient, wie Z. ausdrücklich vorausschickt (I 2), in erster Linie dazu, die der constitutio textus zugrundeliegenden Überlegungen transparent zu machen. Folglich werden grammatikalische und inhaltliche Fragen so gut wie ausschließlich dort erörtert, wo sie zur Beurteilung eines textkritischen Problems von Relevanz sind. Manch ein Leser, der sich von einem Kommentar lektürebegleitend möglichst lückenlos über Sprach- und Sachprobleme hinweghelfen lassen möchte, wird diese Gewichtung bedauern – und muss letztlich doch wieder auf Benseler zurückgreifen. Die Aufgabe, die sich Z. gestellt hat, erfüllt er aber mustergültig, indem er seine Entscheidungen auf klar formulierte Kriterien stützt, gründlich diskutiert und umsichtig abwägt. Nur vereinzelt treten Missverständnisse zutage: §9,3: Z. erklärt den Dativ in der Wendung τοῖς σώμασι κρατηθῆναι als Instrumentalis, der hier die üblichere Konstruktion mit ὑπό c. gen. zur Angabe des Urhebers vertrete; es handelt sich aber um einen Dativ der Beziehung (KG I 440,12). §16,3 Anm. 133: 12,120 προειλόμην πορρωτέρωθεν ποιήσασθαι τὴν ἀρχήν eignet sich aus offensichtlichen Gründen nicht als Beleg für die Verbindung des Verbs προλαμβάνειν mit πορρωτέρωθεν. §29,3: Die etwas umständlichen Ausführungen zur Entscheidung zwischen ποιεῖσθαι (a) und ποιήσασθαι (Γ) τὴν εἰρήνην führen zu dem Zwischenfazit: «Häufig lässt sich also im Archidamos … die Wahl des Inf. Aor. durch den Aspekt erklären» (II 532). Dies gilt bei nicht-indikativischen Verbformen immer und überall (KG I 182); die Diskussion hätte sich auf die Aspektfrage beschränken lassen (ähnlich zu §70,1). §53,3: Es wird nicht hinreichend deutlich, dass durch τοὺς (Γ) das folgende περὶ αὑτὸν zum Attribut wird; eine Klärung des Sachverhalts wäre umso dringlicher, als die Übersetzung (I 443) nicht den gedruckten Text wiedergibt. §58,6: ἡμῖν ist als Objekt zu διακελευόμεθα nicht nur redundant, sondern grammatikalisch zumindest sehr ungewöhnlich, da das Reflexivum zu erwarten wäre; daher Benselers Verbesserung zu ὑμῖν, die Z. allzu vernichtend als «abwegig» beurteilt. §63,2: Warum die Entscheidung für καθ᾿ ὅσον ἕκαστοι δύνανται Γ (statt καθ᾿ ὅσον ἂν ἕκαστοι δύνωνται a) mit den präsentischen Tempora in den übrigen abhängigen Nebensätzen begründet wird, leuchtet nicht recht ein. Heranzuziehen wäre hier das Kriterium ‘verallgemeinernd’ (ἄν c. coni.) vs. ‘konkret’ (Indikativ); vgl. KG I 250. §70,3: Die Entscheidung für περιορῷεν (statt ὑπερορῷεν) ist m.E. zwar richtig, doch sprechen sowohl die Verwendungsweise des Verbs bei Is. (fast ausschließlich mit a.c.p.) als auch der Sinnzusammenhang dafür, aus dem Vorausgehenden ἡμᾶς ἀδικοῦντας gedanklich zu ergänzen («… wenn die einen uns Unrecht täten und die anderen dies geschehen lie- ßen»). Insofern sind περιορᾶν und ὑπερορᾶν nicht, wie Z. bei der Abwägung der Varianten voraussetzt, bedeutungsgleich. §70,6: Die Konstruktion von ἀφαιρέω mit doppeltem Akk. ist nicht «allgemein gebräuchlicher als die mit Akk. und Gen.»; sie ist gebräuchlicher als die mit dem Akk. der Person und dem Gen. der Sache; hier steht aber die Konstruktion mit dem Gen. der Person und dem Akk. der Sache zur Debatte. GNOMON 6/91/2019 S. Zajonz: Zingg, Isokrates, Archidamos 497 §71,4: τὰ ὑπάρχοντα bezeichnet nicht «die herrschenden Umstände», sondern ‘das Vorhandene’, ‘das, worauf man sich stützen / berufen kann’; vgl. in ganz ähnlichem Zusammenhang 4,88 u. 10,12. §109,2: Z.s Deutung der schwierigen Formulierung ψυχῆς ἣν οὐχ ἕξομεν ὀλίγων ἐτῶν im Sinne von «des Lebensodems, den wir für den Verlauf nur weniger Jahre nicht haben werden» ist logisch nicht plausibel, da man den «Lebensodem» nicht nur für die Zeit, um die das Leben verkürzt wird, sondern für immer verliert. Fazit: Mit seiner kommentierten Ausgabe des Archidamos leistet Z. einen verdienstvollen Beitrag zur Isokrates-Philologie. Im Einleitungsteil finden sich materialreiche Einzeluntersuchungen zu verschiedenen Themenkomplexen, wobei der Schwerpunkt auf historischen und textkritischen Fragestellungen liegt. Der neu edierte griechische Text schließt eine seit langem beklagte Lücke, und der Kommentar erfüllt nicht nur den Zweck, die jeweils getroffenen editorischen Entscheidungen zu begründen, sondern ist darüber hinaus geeignet, künftigen Herausgebern als Orientierung zu dienen. Wer indes einen ‘klassischen’, den Text unter allen verständnisrelevanten Gesichtspunkten erschließenden Zeilenkommentar und eine zuverlässige Übersetzung erwartet, kommt nicht ganz auf seine Kosten. Köln Sandra Zajonz * Kilian Josef Fleischer: Dionysios von Alexandria, De natura (περὶ φύσεως). Übersetzung, Kommentar und Würdigung. Mit einer Einleitung zur Geschichte des Epikureismus in Alexandria. Turnhout: Brepols 2016. 513 S. (Philosophie héllenistique et romaine. 5.). As is well known, Epicurus was regarded by many in antiquity as the enfant terrible of philosophy and several of his positions elicited lively reactions on the part of both pre-Christian philosophers and ecclesiastical writers. Among the latter, the case of Dionysius of Alexandria (AD 190–265), one of the most influential and most interesting representatives of the pre-Constantinian Church, is especially remarkable. This renowned Christian theologian, who had been a pupil of Origen and Bishop of Alexandria since 247/248, composed several works and letters that made him famous, and which are partially known to us through numerous and even extensive excerpts and quotations, mostly from Eusebius of Caesarea and Athanasius of Alexandria. This is also the case with Dionysius’ Περὶ φύσεως or On Nature (hereinafter DN), a polemical work in at least two books against Epicurean physics – as mainly developed in Epicurus’ famous treatise by the same title – that has partially been preserved in Eusebius’ Preparation for the Gospel (14, 23–27) and John of Damascus’ Sacred Parallels. This eminently philosophical work is the only explicitly Christian treatise ever written on, and against, Epicurean physics, and represents a Christian response to ancient atomism and materialism. Surprisingly, it has been neglected by scholars in modern times, and no analytical commentary or comprehensive interpretation of it had been offered until now. The book under discussion here, published within the Brepols series ‘Hellenistic and Roman Philosophy’ edited by Carlos Lévy and Gretchen Reydams- GNOMON 6/91/2019

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As a critical journal for all classical studies, the GNOMON fosters the links between the distinct classical disciplines. It has thus an exceptional position among the classical review journals and allows familiarization with research and publications in neighbouring disciplines. The reviews address an international readership from all fields in classical studies. The GNOMON publishes reviews in German, English, French, Italian and Latin.

The GNOMON is published in eight issues a year.

Zusammenfassung

Der GNOMON pflegt als kritische Zeitschrift für die gesamte Altertumswissenschaft die Verbindung zwischen den verschiedenen Disziplinen der Altertumswissenschaft. Er nimmt dadurch eine Sonderstellung unter den Rezensionsorganen ein und bietet die Möglichkeit, sich über wichtige Forschungen und Publikationen auch in den Nachbarbereichen des eigenen Faches zu orientieren. Die Rezensionen im GNOMON wenden sich an ein internationales Publikum, das aus allen Teilgebieten der Altertumswissenschaft kommt. Die Publikationssprachen im GNOMON sind: Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch und Lateinisch.

Der GNOMON erscheint acht Mal im Jahr.