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1. Subjektive Planzahlenbestimmung in:

Louis Perridon, Manfred Steiner, Andreas W. Rathgeber

Finanzwirtschaft der Unternehmung, page 682 - 684

16. Edition 2012, ISBN print: 978-3-8006-3991-5, ISBN online: 978-3-8006-4900-6, https://doi.org/10.15358/9783800649006_682

Series: Vahlens Handbücher der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

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II. Prognosemethoden im Rahmen der Finanzplanung 671 Der passive Finanzplan wird sukzessive durch stufenweises Zusammenführen der übrigen betrieblichen Teilpläne erstellt. Für die aktive Finanzplanung werden neben dem sukzessiven Vorgehen in der Literatur auch simultane Planungsmodelle diskutiert. Diese Simultanansätze bedienen sich der mathematischen Planungsrechnungen, insbesondere der linearen Programmierung, und versuchen gleichzeitig, die Variablen mehrerer Teilpläne optimal festzulegen. In den meisten Modellen erfolgt eine simultane Bestimmung des Investitions- und Finanzierungsprogramms; daneben versuchen einige Ansätze jedoch auch die Einbeziehung der Produktions- und Absatzplanung. Von einer integrierten Finanzplanung wird bei einer Zusammenfassung der Finanz-, Erfolgs- und Bilanzplanung zu einem Gesamtsystem gesprochen.10 Es erfolgt eine Ergänzung des traditionellen Rechnungswesens um differenzierte Ein- und Auszahlungskonten. Der Finanzplan stellt somit keine isolierte Nebenrechnung dar. Bei gleitender Finanzplanung bleibt der Planungshorizont konstant, indem eine abgelaufene Planungsteilperiode jeweils durch Neuplanung einer Teilperiode am Ende des Gesamtplanungszeitraums ersetzt wird. Demgegenüber verringert sich bei einmaliger Finanzplanung der Planungshorizont im Zeitablauf bis zur Erstellung der Neuplanung. II. Prognosemethoden im Rahmen der Finanzplanung Für die Finanzplanung sind Prognosewerte über zukünftige Ein- und Auszahlungen, finanzwirksame Veränderungen von Bilanzpositionen, zu erwartende Umsätze und andere den Erfolg beeinflussende Faktoren erforderlich. Die Zukunftswerte werden durch Verarbeitung von Vergangenheits- und Gegenwartsdaten gewonnen. Im Wesentlichen haben sich hierbei drei Gruppen von Prognosetechniken herausgebildet: 1. subjektive (pragmatische, intuitive, qualitative) Verfahren, 2. extrapolierende Verfahren (Zeitreihenanalyse), 3. kausale Verfahren. Bei den subjektiven Verfahren werden Prognosewerte aufgrund von Erfahrung und Intuition ermittelt. Demgegenüber erfolgt bei den extrapolierenden Verfahren eine Analyse der Vergangenheit einer bestimmten Größe mit mathematisch-statistischen Methoden, und die dabei ermittelte Gesetzmäßigkeit wird dann auch für die zukünftige Entwicklung dieser Größe unterstellt. Die Prognose bei kausalen Verfahren beruht auf logischen Ursache-Wirkungszusammenhängen. Von der vergangenen und gegenwärtigen Entwicklung eines oder mehrerer Einflussfaktoren werden zukünftige Ausprägungen der Prognosegröße abgeleitet. Die Auswahl des geeigneten Prognoseverfahrens hängt von der Art der zu prognostizierenden Größen sowie den spezifischen Gegebenheiten der jeweiligen Unternehmung ab. Je mehr Planungsgrößen einen deterministischen Charakter besitzen, umso geringer wird die Unsicherheit, mit der die Finanzplanung behaftet ist. 10 Vgl. Chmielewicz, Finanz- und Erfolgsplanung, 1972; Niebling, Kurzfristige Finanzrechnung, 1973. F. Finanzplanung672 1. Subjektive Planzahlenbestimmung Die subjektive Planzahlenermittlung beruht überwiegend auf menschlicher Erfahrung und Einschätzung der Zukunft. Es finden keine mathematisch-statistischen Verfahren, sondern Planungsheuristiken Verwendung. Planwerte werden aufgrund des Urteils von „Experten“ festgelegt. Das Expertenurteil kann z. B. durch Befragung der Geschäftsleitung, der Verkaufsleitung, von Abteilungsleitern und Sachbearbeitern gewonnen werden. Zur Bestimmung des Umsatzes kommen darüber hinaus auch Umfragen bei derzeitigen und potenziellen Kunden in Frage. Die subjektive Prognose kann auf einem Einzelurteil oder auf einem Gruppenurteil beruhen. Bei letzterem ist zwischen einem abhängigen und unabhängigen Gruppenurteil zu unterscheiden. Beim abhängigen Gruppenurteil werden Planzahlen oder subjektive Wahrscheinlichkeiten für das Auftreten bestimmter Ereignisse in einer Gruppendiskussion, eventuell unterstützt durch ein Brainstorming, gewonnen. Die Qualität der in einer Gruppendiskussion erarbeiteten Wege kann negativ beeinflusst werden durch das Vorhandensein von dominierenden Persönlichkeiten in der Gruppe, einem Gruppenzwang zur Konformität und irrelevanter Information und Kommunikation.11 Zur Ausschaltung dieser Nachteile sind Methoden der strukturierten Gruppenbefragung erarbeitet worden, bei denen der Kontakt unter den Befragten auf allen oder zumindest einigen Stufen des Informationsgewinnungsprozesses ausgeschlossen ist. Da die Einzelurteile somit nicht durch Gruppendruck beeinflusst sind, wird das Gesamtergebnis auch als unabhängiges Gruppenurteil bezeichnet. Das bekannteste Verfahren stellt die Anfang der sechziger Jahre erarbeitete Delphi-Methode dar. Der Ablauf dieser strukturierten Gruppenbefragung kann wie folgt charakterisiert werden: 1. Verwendung eines formalen Fragebogens, 2. anonyme Einzelantworten, 3. Ermittlung einer statistischen Gruppenantwort, 4. Information der Teilnehmer über die Gruppenantwort, 5. Wiederholung der Befragung. Die Ermittlung der Gruppenantwort kann unter Verwendung des arithmetischen Mittels oder des Medians erfolgen. Durch die Information über die Gruppenmeinung erhält der Einzelne die Möglichkeit, seine eigene Prognose zu revidieren. Die Befragung kann solange durchgeführt werden, bis eine starke Verdichtung des Gruppenurteils erreicht ist oder keine nennenswerte Korrektur in den Einzelergebnissen erfolgt. Von dieser Grundform der Delphi-Methode gibt es inzwischen eine Reihe von Varianten (z. B. SEER System for Event, Evaluation and Review), die insbesondere eine Kombination der Vorteile des abhängigen und unabhängigen Gruppenurteils anstreben. Die subjektiven Planungsverfahren besitzen speziell für die langfristige Planung des Absatzes und für die Beurteilung von Innovationen Bedeutung. Hierbei kann es auch sinnvoll sein, externe Experten in die Befragung mit einzubeziehen.12 Auch bei der Festlegung von Planansätzen, die im Rahmen der Standardplanung und Budgetierung unter dem Motivationsgesichtspunkt erfolgen, handelt es sich um subjektive Verfahren. 11 Vgl. Albach, Informationsgewinnung, 1970, S. 18. 12 Vgl. Schöllhammer, Delphi-Methode, 1970. II. Prognosemethoden im Rahmen der Finanzplanung 673 2. Extrapolierende Verfahren Mithilfe der extrapolierenden Verfahren wird untersucht, ob die zeitliche Entwicklung einer Größe (z. B. Umsatz) bestimmte Gesetzmäßigkeiten aufweist. Die zeitlich geordneten Beobachtungswerte bilden eine Zeitreihe, ihre Analyse wird als Zeitreihenanalyse bezeichnet. Die untersuchte Größe wird ausschließlich als zeitabhängig gesehen; die Zeitreihenanalyse hat damit rein beschreibenden Charakter und bietet für die Ursache einer beobachteten Veränderung keine Erklärung. Eine Zeitreihe yt setzt sich aus der Trendkomponente ut, der zyklischen Komponente zt, der Saisonkomponente st und der irregulären Komponente rt zusammen: yt = f (ut, zt, st, rt). Der Trend einer Zeitreihe gibt deren grundsätzliche Entwicklungsrichtung an. Eine Zeitreihe kann mit steigendem oder fallendem, aber auch ohne Trend verlaufen. Der Zyklus ist die langfristige Schwankung um den Trend (z. B. durch Konjunktur bedingte Umsatzschwankungen), die Saison eine kurzfristige Bewegung um Trend und Zyklus (z. B. monatliche Umsatzschwankungen). Die irreguläre Komponente ist als zufällig auftretende Störgröße aufzufassen. Treten in einer Zeitreihe alle aufgezählten Komponenten gleichzeitig auf, so ist eine Analyse einer der Komponenten oft sehr erschwert. Soll etwa der Trend einer Zeitreihe mit starken saisonalen Schwankungen untersucht werden, ist es deshalb häufig empfehlenswert, die Saisoneinflüsse auf rechnerischem Weg aus den Ausgangsdaten zu eliminieren, die Zeitreihe wird bereinigt. Entsprechendes gilt für die Bereinigung von Zeitreihen um zyklische Schwankungen. In der folgenden Darstellung (vgl. Abschnitt a) wird zunächst angenommen, dass nur die jeweils betrachtete Komponente und die Störgröße wirksam sind. Mit extrapolierenden Verfahren sollen zeitlich regelmäßig anfallende Bewegungen einer Zeitreihe aufgezeigt werden, umso ein Fortschreiben in die Zukunft für Prognose- und Planungszwecke zu ermöglichen. Voraussetzung dafür ist eine ausreichend lange Zeitreihe. Ist dies nicht der Fall, so kann zwischen den einzelnen Komponenten, etwa Trend und Zyklus, oft nicht hinreichend genau unterschieden werden. Darüber hinaus ist die Treffsicherheit einer Prognose davon abhängig, dass die in der Vergangenheit wirksamen Einflussfaktoren einer Größe auch in der Zukunft in der gleichen relativen Stärke zueinander wirksam sind. a) Trendanalyse Einfache Mittelwertbildung Bei dem Verfahren der einfachen Mittelwertbildung wird aus allen m Gliedern einer Zeitreihe der Mittelwert gebildet: Für Prognosewerte soll für die folgende Darstellung die Bezeichnung xt (1) als Prognosewert des Zeitpunktes t für die Periode t + 1 festgelegt werden. Entsprechend ist dann x (k) der in t bestimmte Prognosewert für den Zeitpunkt t + k (k = 1, 2, …).

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Zusammenfassung

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Dieses Lehrbuch und Nachschlagewerk ist das Standardwerk für den gesamten Bereich der Investition und Finanzierung nach deutschem Recht. Neben den wichtigen Methoden der klassischen Finanz- und Investitionstheorie werden auch neue Finanzinstrumente und Erkenntnisse im Bereich der Kapitalmärkte erläutert, sodass dem Leser ein fundierter Überblick über den aktuellsten Stand der Forschung ermöglicht wird.

Aus dem Inhalt

- Management der Vermögensstruktur - Investitionsrechnung und Disposition des Umlaufvermögens

- Wertpapiergeschäfte - Analyse von Aktien und Aktienindizes sowie Wertpapierprogrammentscheidungen und Risikomanagement mit Termingeschäften

- Alternativen der Kapitalaufbringung - Finanzierungsformen, Kapitalstruktur und Verschuldungspolitik

- Finanzanalyse - Kennzahlenanalyse und Kapitalflussrechnung

- Finanzplanung - Kapitalbedarf- und Liquiditätsplanung, Plananpassung und Kontrolle

Die Autoren

Dr. Dr. h.c. Louis Perridon und Dr. Manfred Steiner waren bis zu ihrer Emeritierung Professoren für Betriebswirtschaftslehre an der Universität Augsburg. Dr. Andreas Rathgeber ist Professor am Institut Materials Resource Management und am Kernkompetenzzentrum Finanz- und Informationsmanagement an der Universität Augsburg.