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3. Veränderungsbilanz und Bewegungsbilanz in:

Louis Perridon, Manfred Steiner, Andreas W. Rathgeber

Finanzwirtschaft der Unternehmung, page 654 - 658

16. Edition 2012, ISBN print: 978-3-8006-3991-5, ISBN online: 978-3-8006-4900-6, https://doi.org/10.15358/9783800649006_654

Series: Vahlens Handbücher der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

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E. Finanzanalyse642 3. Veränderungsbilanz und Bewegungsbilanz Werden die negativen Werte durch Übertrag auf die jeweils andere Seite der Bilanzgleichung zum Ausgleich gebracht, so erhält man die Veränderungsbilanz. Für sie gilt damit folgende Form der Bilanzgleichung: Aktivzunahmen (A+) + Passivabnahmen (P–) = Passivzunahmen (P+) + Aktivabnahmen (A–) Die Veränderungsbilanz für das bei der Beständedifferenzenbilanz angegebene Beispiel hat die Form gemäß Abbildung E 22. Abb. E 21: Beispiel einer Beständedifferenzenbilanz III. Kapitalflussrechnung 643 Die Veränderungsbilanz lässt sich noch als statische Darstellung einstufen, die über das Verhalten von Beständen berichtet. Erst durch die Interpretation der Bestandsdifferenzen als Mittelbewegungen, die finanzwirtschaftliche Vorgänge anzeigen, erfolgt der Schritt zur Kapitalflussrechnung.25 Bei der damit vorliegenden Bewegungsbilanz werden die Aktivzunahmen und Passivabnahmen als Mittelverwendung, die Passivzunahmen und Aktivabnahmen als Mittelherkunft angesehen (vgl. Abbildung E 23). Entscheidend für den Aussagegehalt der Bewegungsbilanz ist ihre Gliederung. Bei der von Walter Bauer bereits im Jahre 1926 entworfenen Bewegungsbilanz etwa steht als Aussageziel die Ermittlung und Aufschlüsselung des Gewinns im Vordergrund, weshalb er seine Bilanz auch als „Gewinnverwendungsbilanz“ bezeichnet.26 Ein anderes Mal wird die analytische Darstellung des Betriebsablaufs als Zielsetzung für den Aufbau einer Bewegungsbilanz gesehen.27 25 Vgl. Käfer, Praxis der Kapitalflussrechnung, 1974, S. 20 ff. 26 Vgl. Bauer, Bewegungsbilanz, 1926. 27 Vgl. Thoms, Bewegungs- und Wirkungsbilanzen, 1957. Abb. E 22: Beispiel einer Veränderungsbilanz Abb. E 23: Grundschema der Bewegungsbilanz E. Finanzanalyse644 Dominierende Zielsetzung ist heute jedoch die Darlegung und Analyse finanzwirtschaftlicher Vorgänge einer Unternehmung innerhalb einer bestimmten Periode.28 Die Gliederung der Bewegungsbilanz kann dabei auf Aussagen über das gesamte Finanzgebaren der Unternehmung oder speziell auf die Beurteilung der Liquiditätsentwicklung abgestellt werden. Bei der ersten Zielsetzung wird die Mittelherkunftsseite häufig nach Finanzierungsarten (Außen-, Innen-, Fremd-, Eigenfinanzierung) und die Mittelverwendungsseite nach Kategorien von Verwendungsarten (Investition, Schuldentilgung, Ausschüttung usw.) gegliedert. Soweit in den Geschäftsberichten deutscher Aktiengesellschaften Kapitalflussrechnungen enthalten sind, bauen sie weit gehend auf diesen Gliederungskriterien auf und werden dann vielfach auch als „Finanzierungsrechnungen“ bezeichnet. Sollen mit der Bewegungsbilanz speziell Aussagen zur Liquiditätsentwicklung gewonnen werden, so ist eine Gliederung nach der Fristigkeit der Mittel bezüglich ihrer Herkunft einerseits und ihrer Bindungsdauer andererseits zweckmäßig. Je detaillierter und genauer die entsprechenden Zeiträume angegeben werden, umso präzisere Aussagen über die Liquiditätsentwicklung ergeben sich. Bei einer externen Analyse, die sich 28 Vgl. Walb, Die finanzwirtschaftliche Bilanz, 1952; Flohr, Zeitraumbilanz, 1963. Abb. E 24: Bewegungsbilanz, gegliedert nach Finanzierungs- und Verwendungsarten III. K ap italflu ssrech n u n g 645 Abb. E 25: Beispiel für eine Bewegungsbilanz E. Finanzanalyse646 auf Stichtagsbilanzen stützt, kann die Fristigkeit der Mittel nur sehr grob bestimmt werden, und an die Qualität der Liquiditätsbeurteilung können keine hohen Anforderungen gestellt werden. Intern dagegen ist die nach dem Gesichtspunkt der Fristigkeit gegliederte Bewegungsbilanz ein gutes Instrument sowohl für die Liquiditätsanalyse als auch für die Liquiditätsplanung. Die in Abbildung E 24 verwendete Gliederung stellt auf die Analyse der gesamten finanziellen Vorgänge einer Periode ab und geht auf Flohr zurück.29 Neben der Aufgliederung nach Finanzierungs- und Verwendungsarten berücksichtigt die Bewegungsbilanz auch horizontale Beziehungsverhältnisse, indem bestimmte Aufbringungsbeträge spezifischen Verwendungsformen gegenübergestellt werden. Durch die Einbeziehung des Cashflow in die Bewegungsbilanz wird die Mittelherkunft gegenüber der Veränderungsbilanz um den Bilanzgewinn und die Abschreibungen ergänzt. Damit erfolgt ein Schritt in Richtung auf Erweiterung der Bewegungsbilanz durch Einbeziehung von Kontenumsätzen und Positionen der Erfolgsrechnung. Auf der Mittelverwendungsseite ist, um das Bilanzgleichgewicht wiederherzustellen, die in der Betrachtungsperiode getätigte Ausschüttung des Vorjahresgewinns aufzunehmen. Ferner sind die Investitionen brutto, d. h. unter Einbeziehung der Abschreibungen, auszuweisen (vgl. hierzu die nachfolgenden Abschnitte 4 und 5). Durch die Angabe von Prozentzahlen für die einzelnen Positionen der Mittelverwendung und Mittelherkunft kann die Übersichtlichkeit der Bewegungsbilanz für Analysezwecke gesteigert werden. Ein solches Vorgehen sei in Abbildung E 25 anhand des bereits bekannten Zahlenbeispiels vorgeführt. 4.  Einbeziehung von Kontenumsätzen in Kapitalflussrechnungen ( Brutto- und Teilbrutto-Bewegungsrechnungen) Die Aussagekraft bestandsorientierter Bewegungsrechnungen kann gesteigert werden, wenn die Bestandsveränderungen der Bilanzpositionen durch die sie verursachenden Kontenumsätze ersetzt werden (Bruttorechnung als Umsatzbilanz). Damit erfolgt der Übergang zur echten stromgrößenorientierten Betrachtungsweise. Durch den Ausweis unsaldierter Umsätze werden die Vorgänge deutlich, die zum entsprechenden Bestandssaldo geführt haben. So ist es zum Beispiel bei Verbindlichkeiten informativ, neben der reinen Nettoveränderung auch die Zunahmen und Abnahmen des Verbindlichkeitskontos innerhalb des Jahres zu kennen. In der Bewegungsbilanz werden die Aufstockungen der Verbindlichkeiten unter Mittelherkunft, die Tilgungen als Mittelverwendung ausgewiesen (vgl. Abbildung E 26). Allgemein gilt: Soll-Umsätze auf Bestandskonten stellen Mittelverwendung dar; Haben-Umsätze auf Bestandskonten sind als Mittelherkunft zu interpretieren. Bei externer Analyse stehen die Kontoumsätze nicht zur Verfügung, so dass eine vollständige Einbeziehung von Kontoumsätzen nur bei betriebsinterner Aufstellung von Kapitalflussrechnungen möglich ist. Teilweise sind jedoch auch extern für einige Bilanzpositionen die Umsätze oder wesentliche Bestandteile derselben aus dem Jahresabschluss bzw. Geschäftsbericht ersichtlich. In diesem Fall wird immerhin eine Teilbruttorechnung möglich. Insbesondere bei Jahresabschlüssen von Kapitalgesell- 29 Vgl. Flohr, Zeitraumbilanz, 1963, S. 60.

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Zusammenfassung

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Dieses Lehrbuch und Nachschlagewerk ist das Standardwerk für den gesamten Bereich der Investition und Finanzierung nach deutschem Recht. Neben den wichtigen Methoden der klassischen Finanz- und Investitionstheorie werden auch neue Finanzinstrumente und Erkenntnisse im Bereich der Kapitalmärkte erläutert, sodass dem Leser ein fundierter Überblick über den aktuellsten Stand der Forschung ermöglicht wird.

Aus dem Inhalt

- Management der Vermögensstruktur - Investitionsrechnung und Disposition des Umlaufvermögens

- Wertpapiergeschäfte - Analyse von Aktien und Aktienindizes sowie Wertpapierprogrammentscheidungen und Risikomanagement mit Termingeschäften

- Alternativen der Kapitalaufbringung - Finanzierungsformen, Kapitalstruktur und Verschuldungspolitik

- Finanzanalyse - Kennzahlenanalyse und Kapitalflussrechnung

- Finanzplanung - Kapitalbedarf- und Liquiditätsplanung, Plananpassung und Kontrolle

Die Autoren

Dr. Dr. h.c. Louis Perridon und Dr. Manfred Steiner waren bis zu ihrer Emeritierung Professoren für Betriebswirtschaftslehre an der Universität Augsburg. Dr. Andreas Rathgeber ist Professor am Institut Materials Resource Management und am Kernkompetenzzentrum Finanz- und Informationsmanagement an der Universität Augsburg.