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2. Selbstfinanzierung in:

Louis Perridon, Manfred Steiner, Andreas W. Rathgeber

Finanzwirtschaft der Unternehmung, page 517 - 524

16. Edition 2012, ISBN print: 978-3-8006-3991-5, ISBN online: 978-3-8006-4900-6, https://doi.org/10.15358/9783800649006_517

Series: Vahlens Handbücher der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

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III. Innenfinanzierung 503 Der Begriff der Innenfinanzierung wird allerdings in der Literatur unterschiedlich weit ausgelegt und ist stark durch bilanzorientiertes Denken geprägt. Teilweise werden auch reine Bewertungsakte (z. B. Steigen des Marktwertes von Grundstücken über die Anschaffungskosten, die in der Bilanz angesetzt werden müssen, hinaus) zur Innenfinanzierung gerechnet, unabhängig von der Zuführung oder Freisetzung finanzieller Mittel. Finanzwirtschaftlich relevant sind jedoch nur solche Vorgänge, bei denen der Unternehmung liquide Mittel zufließen und in der gleichen Periode kein auszahlungswirksamer Aufwand in gleicher Höhe entsteht. Zusätzliche Investitionen sind nicht aus Bewertungsreserven finanzierbar, sondern aus dem Zugang liquider Mittel. Durch Bewertungsakte, die eine Erhöhung des Periodenaufwands und damit eine Verringerung des Periodengewinns zur Folge haben. Da nach § 150 ff. AktG nur dieser Periodengewinn ausschüttungsfähig ist, wird der ausschüttungsfähige Betrag vermindert, und letztendlich wird die Liquidität der Unternehmens gesichert. Die für die Unternehmung verfügbare Differenz aus Einzahlungen minus Auszahlungen einer Periode wird als finanzwirtschaftlicher Überschuss oder auch als Umsatzüberschuss bezeichnet. Der finanzwirtschaftliche Überschuss gibt den Betrag der finanziellen Mittel wieder, die einer Unternehmung in einer Periode zur Innenfinanzierung zur Verfügung standen. Dieser Umsatzüberschuss kann am Ende einer Periode durch den finanzwirtschaftlichen Cashflow in direkter oder indirekter Form ermittelt werden (siehe hierzu Abschnitt E I 4). Die der Unternehmung im Rahmen der Innenfinanzierung zufließenden Mittel laufen während der Periode sukzessive auf und werden meist wieder sofort reinvestiert. Der am Ende einer Periode berechnete finanzwirtschaftliche Cashflow kann daher nur wiedergeben, welche Mittel der Unternehmung in der abgelaufenen Periode zur Verfügung standen. Für die Beurteilung der Frage, welche Mittel aus der Innenfinanzierung einer Unternehmung zur Verfügung stehen werden, ist ein Prognose-Cashflow erforderlich. Während in der angelsächsischen Literatur die Bestimmung der Innenfinanzierungsmittel global über den Cashflow erfolgt, ist in Deutschland eine Aufgliederung der Finanzen aus dem Umsatzüberschuss in Selbstfinanzierung, Finanzierung aus Umsatzeinzahlungen mittels Abschreibungen und Finanzierung aus Umsatzeinzahlungen mittels Rückstellungen üblich. Diese Trennung ist primär gedanklicher Natur und kann in der betrieblichen Praxis wegen der teilweise fließenden Übergänge nicht immer exakt vollzogen werden. 2. Selbstfinanzierung Wenn Umsatzerlöse in liquider Form verfügbar sind und dabei ein Einzahlungsüberschuss erzielt wird, ist auch die Gewinngröße in liquider Form vorhanden. Nach der Art des Ausweises des zurückbehaltenen Gewinns in der Bilanz kann man unterscheiden in: 1. offene Selbstfinanzierung, wenn der Gewinn buchhalterisch festzustellen ist und nicht ausgeschüttet wird, und 2. stille Selbstfinanzierung, wenn der Gewinn buchhalterisch nicht festzustellen ist und nicht ausgeschüttet wird. Während eine offene Selbstfinanzierung sich auf das bilanzielle Eigenkapital auswirkt und aus der Bilanz ersichtlich ist, führt die stille Selbstfinanzierung zu einer Erhöhung des ökonomischen Eigenkapitals, die sich auf die bilanzielle Höhe des Eigenkapitals nicht auswirkt und damit auch nicht aus der Bilanz ersichtlich ist. D. Alternativen der Kapitalaufbringung504 a) Offene Selbstfinanzierung Offene Selbstfinanzierung erfolgt aus dem in der Bilanz und GuV ausgewiesenen Gewinn bzw. Jahresüberschuss, der in liquider Form verfügbar ist. Der einbehaltene Gewinn unterliegt dabei der Einkommensteuer bzw. Körperschaftsteuer sowie der Gewerbesteuer. Da die offene Selbstfinanzierung aus versteuertem Gewinn durchgeführt wird, steht für die Finanzierung jeweils nur der Betrag nach Steuern zur Verfügung. Die Einbehaltung ausgewiesener Gewinne erfolgt bei Personengesellschaften sowie Einzelunternehmen durch Gutschrift auf dem Kapitalkonto und Verzicht auf Entnahmen. Bei Kapitalgesellschaften mit festem Nominalkapital (GmbH, AG) wird der zurückbehaltene Gewinn den offenen Rücklagen zugeführt. Das HGB (§§266 und 272) sieht für Kapitalgesellschaften folgende offenen Rücklagen vor: 1. Kapitalrücklagen 2. Gewinnrücklagen • gesetzliche Rücklage • satzungsmäßige Rücklagen • andere Gewinnrücklagen In Kapitalrücklagen sind Agio-Beträge aus der Ausgabe von Aktien, Wandel- und Optionsschuldverschreibungen sowie Zuzahlungen, die Gesellschafter in das Eigenkapital leisten, einzustellen. Für die Selbstfinanzierung aus versteuertem Gewinn sind deshalb nur die Gewinnrücklagen von Bedeutung. Die Bildung einer gesetzlichen Rücklage ist für Aktiengesellschaften durch § 150 AktG vorgeschrieben. In die gesetzliche Rücklage ist der 20. Teil des um einen Verlustvortrag aus dem Vorjahr geminderten Jahresüberschusses einzustellen, bis die gesetzliche Rücklage und die Kapitalrücklagen zusammen den 10. oder den in der Satzung bestimmten höheren Teil des Grundkapitals erreicht haben (§ 150 Abs. 2 AktG). Übersteigen die gesetzliche Rücklage und die Kapitalrücklage zusammen nicht den 10. oder den in der Satzung bestimmten höheren Teil des Grundkapitals, so dürfen sie nur zum Ausgleich eines Jahresfehlbetrags (soweit er nicht durch einen Gewinnvortrag aus dem Vorjahr gedeckt ist und nicht durch Auflösung anderer Gewinnrücklagen ausgeglichen werden kann) oder zum Ausgleich eines Verlustvortrags aus dem Vorjahr (soweit er nicht durch einen Jahresüberschuss gedeckt ist und nicht durch Auflösung anderer Gewinnrücklagen ausgeglichen werden kann) verwendet werden. Übersteigt die gesetzliche Rücklage zusammen mit den Kapitalrücklagen 10% des Grundkapitals, so darf der übersteigende Betrag auch zu einer Kapitalerhöhung aus Gesellschaftsmitteln verwendet werden. Die bilanzielle Auflösung der gesetzlichen Rücklage ist somit zweckgebunden. Davon zu trennen ist jedoch die Verwendung in der Vermögenssphäre (Aktiva) der Unternehmung, die nicht zweckgebunden ist. Gesetzliche Rücklagen können zur Finanzierung aller Vermögensteile, auch langfristiger Aktiva, dienen. Die gesetzliche Rücklage stellt somit nicht – wie manchmal fälschlicherweise angenommen wird – eine Liquiditätsreserve dar, auf die bei Liquiditätsschwierigkeiten zurückgegriffen werden könnte. Das Vorhandensein von Liquiditätsreserven wird durch die Vermögensstruktur determiniert, unabhängig von dem Vorhandensein einer gesetzlichen Rücklage. Durch die Auflösung der gesetzlichen Rücklage, wie ganz generell von Rücklagen, entsteht kein Finanzierungseffekt. Soweit eine Kapitalerhöhung aus Gesellschaftsmitteln vorgenommen wird, handelt es sich um einen rein buchmäßigen Vorgang, der die Zusammenstellung des bilanziellen Eigenkapitals verändert und das ökonomische Eigenkapital nicht III. Innenfinanzierung 505 verändert. Wenn die gesetzliche Rücklage zum Verlustausgleich herangezogen werden muss, ergibt sich sogar eine Verringerung des Kapitals, wobei der bilanzielle Vorgang nur die bereits in der abgelaufenen Periode stattgefundene Vermögensverringerung dokumentiert. In die nach §272 Abs. 1 a HGB muss eine offene Absetzung des Nennbetrags bzw. des rechnerischen Anteils des gezeichnetes Kapitals der Anteile erfolgen, die sich im Eigentum der Gesellschaft befinden. Der Differenzbetrag zwischen dem Nennbetrag oder anteiligem gzeichneten Kapital und dem Kaufpreis der eigenen Anteile ist mit den weitern frei verfügbaren Rücklagen zu verrechnen. Dabei sind die Anschaffungsnebenkosten direkt als Aufwand zu erfassen. Vorstand und Aufsichtsrat der AG dürfen, wenn sie den Jahresabschluss feststellen, bis zu 50 % des Jahresüberschusses den anderen Gewinnrücklagen (§58 Abs. 2 AktG) zuführen. Der Betrag, der in die gesetzliche Rücklage einzustellen ist, muss dabei vorab vom Jahresüberschuss abgesetzt werden. Darüber hinaus kann die Satzung den Vorstand und den Aufsichtsrat ermächtigen, mehr als die Hälfte des Jahresüberschusses den Rücklagen zuzuführen (aber nur, solange die anderen Gewinnrücklagen die Hälfte des Grundkapitals nicht übersteigen). Im Rahmen ihres Gewinnverwendungsbeschlusses kann die Hauptversammlung über die von Vorstand und Aufsichtsrat vorgenommenen Einstellungen hinaus noch weitere Beträge den anderen Gewinnrücklagen zuführen. Die Satzung kann für den Fall, dass die Hauptversammlung den Jahresabschluss feststellt, vorsehen, dass bestimmte Beträge aus dem Jahresüberschuss in die anderen Gewinnrücklagen eingestellt werden müssen (satzungsmäßige Rücklagen). Zur Einstellung in die anderen Gewinnrücklagen darf die Satzung jedoch nur maximal die Hälfte des Jahresüberschusses vorsehen (§58 Abs. 1 AktG). Selbst bei Ausschüttung tritt durch den sukzessiv in der Periode auflaufenden Gewinn ein temporärer Selbstfinanzierungseffekt auf, da der Gewinn während des Jahres anfällt und die Ausschüttung meist im ersten oder zweiten Quartal des Folgejahres erfolgt. b) Stille Selbstfinanzierung Die stille Selbstfinanzierung erfolgt durch Einbehaltung nicht ausgewiesenen Gewinns. Der Gewinnausweis wird durch bewusste bilanzpolitische Maßnahmen verringert, wodurch stille Reserven entstehen. Unterstellt man einen identischen Gewinnausweis in Handels- und Steuerbilanz, unterliegen die stillen Reserven erst bei ihrer Auflösung der Ertrag- bzw. Körperschaftsteuer unterliegen. Daher erfolgt die stille Selbstfinanzierung aus noch unversteuertem Gewinn. Die Bildung stiller Reserven in der Bilanz kann erfolgen durch: 1. Unterbewertung von Aktiva: 1.1. Unterlassung von Aktivierungen, 1.2. niedriger Wertansatz von Vermögensteilen, 1.3. Unterlassung oder Unmöglichkeit (Zwangsreserven) der Zuschreibung bei Wertsteigerungen von Vermögensteilen. 2. Überbewertung der Passiva: speziell durch zu hohe Bewertung von Rückstellungen. Die Bildung stiller Bewertungsreserven in der Bilanz wird in der Literatur manchmal fälschlicherweise mit der stillen Selbstfinanzierung gleichgesetzt. Nicht jede in der Bilanz gelegte stille Reserve hat auch einen Selbstfinanzierungseffekt. Wie bereits D. Alternativen der Kapitalaufbringung506 eingangs ausgeführt wurde, liegt Innenfinanzierung und damit auch Selbstfinanzierung nur dann vor, wenn dem Betrieb liquide Mittel zufließen, denen in der gleichen Periode keine Auszahlungen gegenüberstehen. Etwa bei den stillen Reserven nach 1.3., den sog. „Wertsteigerungsreserven“, ist dies nicht der Fall, da es sich um nicht realisierte Gewinne handelt und durch den gesetzlich erzwungenen Bewertungsakt keine realisierten Gewinne und liquiden Mittel im Unternehmen gebunden werden. Zu einer Selbstfinanzierung können daher jeweils nur Bewertungsakte führen, die realisierten Gewinn für einen bestimmten Zeitraum im Unternehmen binden. Aufgrund der verstärkten Anwendung internationaler Rechnungslegungssysteme (z. B. IFRS) verringern sich tendenziell die Möglichkeiten zur Bildung von stillen Reserven. Das geltende Steuerrecht beinhaltet keine Aktivierungswahlrechte, so dass eine Unterlassung von Aktivierungen mit steuerlicher Wirkung nicht zulässig ist. Eine bewusste Unterbewertung von Vermögensteilen kann im Bereich des abnutzbaren Anlagevermögens durch zu hohe Abschreibungsquoten, durch die Sofortabschreibung von geringwertigen Wirtschaftsgütern oder durch den Abzug von Veräußerungsgewinnen bzw. der Übertragung von unversteuerten Rücklagen erfolgen. Im Bereich des Umlaufvermögens können stille Reserven insbesondere durch den Ansatz zu niedriger Herstellungskosten bei Halb- und Fertigfabrikaten und durch die Anwendung des Lifo-Verfahrens (Last in First out) bei der Vorratsbewertung gelegt werden. Die Anschaffungs- oder Herstellungskosten stellen die obere Grenze für die Bewertung von Vermögensteilen in der Bilanz dar. Ein Bilanzansatz über diese Bewertungsgrenze hinaus ist nicht möglich, so dass sich bei Wertsteigerungen automatisch stille Reserven bilden können (so etwa speziell bei Grundstücken). Eine Verringerung des Gewinns und damit eine Bildung stiller Reserven kann auch durch einen zu hohen Ausweis der Verbindlichkeiten der Unternehmung erfolgen. Ein Bewertungsspielraum besteht bei den Rückstellungen und den Rechnungsabgrenzungsposten. In der Handelbilanz sind sowohl Lifo- als auch First-in-first-out-Verfahren zulässig. Die stille Selbstfinanzierung besitzt gegenüber der offenen Selbstfinanzierung den Vorteil einer Steuerstundung. Bei der offenen Selbstfinanzierung unterliegen die ausgewiesenen und einbehaltenen Gewinne der Einkommensteuer bzw. bei Kapitalgesellschaften der Körperschaftsteuer und der Gewerbesteuer. Demgegenüber erhöht die stille Selbstfinanzierung den Periodenaufwand, wodurch der zu versteuernde Gewinn verringert wird. Eine Versteuerung hat erst dann zu erfolgen, wenn die stillen Reserven durch Realisierung in Erscheinung treten. Diese Steuerstundung führt zu einem Liquiditäts- und Zinsgewinn für die Unternehmung. Der Liquiditätseffekt tritt dadurch auf, dass zunächst keine Steuerzahlungen zu leisten sind. Allerdings kann die später bei Realisierung der stillen Reserven erfolgende Nachversteuerung zu einer Liquiditätsbelastung führen. Zu einer effektiv höheren Steuerbelastung kommt es, wenn der steuerpflichtige Unternehmer zwischenzeitlich in eine höhere Progressionsstufe der Einkommensteuer gelangt ist oder eine Erhöhung der Steuertarife stattgefunden hat. Die Steuerstundung wird durch das Finanzamt zinslos gewährt. Gegenüber einer sonst etwa erforderlichen Finanzierung durch Kredite gelangt das Unternehmen somit zu einem Zinsgewinn, wodurch ceteris paribus eine Erhöhung der Rentabilität erreicht wird. Bei Unternehmen mit firmeneigenen Zielen, wie etwa Publikumsaktiengesellschaften, kommt hinzu, dass die stille Selbstfinanzierung der Mitsprache der Unternehmenseigner, speziell der Kleinaktionäre, weit gehend entzogen ist. Vorstand und Aufsichtsrat III. Innenfinanzierung 507 einer AG können bei Bilanzfeststellung stille Reserven bilden, ohne dass die Aktionäre dies verhindern können. Die so einbehaltenen Gewinne sind auch zum Dividendenausgleich in ertragsschwachen Jahren geeignet. Einer zu starken Selbstfinanzierung der Unternehmen stehen die steuerlichen Bilanzierungsvorschriften entgegen. Die Bildung stiller Reserven ist in der Steuerbilanz nur in begrenztem Umfang möglich. Eine Ausweitung oder Einschränkung der stillen Selbstfinanzierung wird vom Gesetzgeber als wirtschaftspolitisches Instrument eingesetzt. Im Anschluss an die deutsche Wiedervereinigung wurden vom Steuergesetzgeber durch die Zulässigkeit der Bildung von stillen Reserven in der Steuerbilanz Anreize zur Durchführung bestimmter Investitionen oder von Investitionen in bestimmten Gebieten (Strukturpolitik) geschaffen. So waren Investitionen in den neuen Bundesländern durch zahlreiche Maßnahmen bei Erfüllung bestimmter Bedingungen steuerbegünstigt. Einer Vereinfachung des Rechnungswesens dient die Bewertungsfreiheit für geringwertige Anlagegüter. Nach § 6 Abs. 2 EStG können geringwertige Wirtschaftsgüter im Jahr der Anschaffung voll abgeschrieben werden. Das Wahlrecht (Sofortabschreibung oder Verteilung über die betriebsgewöhnliche Nutzungsdauer) besteht jedoch nur im Jahr der Anschaffung, eine Nachholung der nicht in Anspruch genommenen Bewertungsfreiheit ist nicht möglich. Eine Sonderstellung nimmt die Finanzierung aus steuerfreien Rücklagen ein, die hinsichtlich ihrer steuerlichen Wirkung mit der stillen Selbstfinanzierung verwandt ist, andererseits aber in fast allen Fällen in der Handelsbilanz offen als Sonderposten mit Rücklageanteil ausgewiesen wird. Daher kann sie weder der offenen noch der stillen Selbstfinanzierung eindeutig zugeordnet werden. Zum einen lässt der Gesetzgeber die Bildung befristeter steuerfreier Rücklagen aus Billigkeitsgründen zu. So geben die Rücklagen nach § 6 b und c EStG und Abschnitt 35 EStR die Möglichkeit, die bei Veräußerung von Grund und Boden oder Grundstücken oder bei dem Ausscheiden bestimmter Wirtschaftsgüter aufgrund höherer Gewalt aufgedeckten stillen Reserven der Ertragsbesteuerung vorzuenthalten und eine Übertragung auf andere, neu anzuschaffende Wirtschaftsgüter vorzunehmen. Andere steuerfreie Rücklagen verfolgen ähnlich wie die Sonderabschreibungen wirtschaftspolitische Ziele. Steuerfreie Rücklagen werden generell aus dem unversteuerten Gewinn gebildet und führen somit zu einer Ertragsteuerminderung in der Periode ihrer Entstehung. Da die Ertragsteuern wie bei der stillen Selbstfinanzierung nur gestundet werden, ist die steuerfreie Rücklage als Mischposten aus Fremdkapital (Steuern) und Eigenkapital anzusehen. Wann es zur Nachversteuerung kommt, hängt von der Weiterverwendung der Rücklage ab. Die Auflösung in einem Betrag oder verteilt über mehrere Perioden kommt in Frage; in allen Fällen ist eine vorzeitige Auflösung möglich. Bei der Übertragung stiller Reserven auf ein anderes Wirtschaftsgut ergibt sich die Versteuerung sukzessive durch die relativ niedrigeren jährlichen Abschreibungen auf das neue Objekt. Dabei ist die Höhe der künftig zu entrichtenden Steuern bei Kapitalgesellschaften vor allem wegen des bislang gespaltenen Körperschaftsteuersatzes, bei Personengesellschaften wegen der Relevanz des individuellen Steuersatzes der Gesellschafter und allgemein z. B. wegen eventueller Verlustkompensationsmöglichkeiten oder Tarifänderungen ungewiss. Für rechnerische und bilanzanalytische Zwecke wird vereinfachungshalber meistens der Steueranteil mit 50 % veranschlagt. Für steuerfreie Rücklagen ist in der bis 2009 gültigen Fassung des § 5 Abs. 1 EStG die Maßgeblichkeit kodifiziert, d. h. für die steuerliche Anerkennung ist etwa die Bildung D. Alternativen der Kapitalaufbringung508 eines gleich hohen Sonderpostens mit Rücklageanteil in der Handelsbilanz Voraussetzung. Bei der letzten Bilanzrechtsmodernisierung ist diese Möglichkeit nach § 247 Abs. 3 HGB entfallen und durch die Bildung von latenten Steuern ersetzt worden. Durch beide Maßnahmen wird der entsprechende Betrag der Ausschüttung vorenthalten und über die Periode seiner Erwirtschaftung hinaus an das Unternehmen gebunden. Ob und inwieweit die Finanzierungswirkung einer steuerfreien Rücklage über den Auflösungszeitpunkt hinaus bestehen bleibt, hängt einerseits vom Zeitpunkt der Nachversteuerung ab, andererseits davon, ob der verbleibende Eigenkapitalanteil ausgeschüttet oder thesauriert wird. c) Beurteilung der Selbstfinanzierung Die Selbstfinanzierung stellt für manche Unternehmen die einzige Finanzierungsform dar, wenn die Möglichkeit der Zuführung finanzieller Mittel von außen nicht besteht, weil die Unternehmung entweder keine Sicherheitsleistungen für Kredite erbringen kann oder der Kapital- bzw. Geldmarkt nicht ausreichend leistungsfähig ist. Liegen derartige Restriktionen vor, so ist die Unternehmung zwangsweise – wenn sie auf Wachstum nicht verzichten will – auf Selbstfinanzierung angewiesen. Jedoch auch für Unternehmen, denen die Außenfinanzierung als Alternative offensteht, stellt die Selbstfinanzierung ein Finanzierungsinstrument mit einer Reihe von betriebswirtschaftlichen Vorteilen dar.72 Bei der Selbstfinanzierung treten keine zusätzlichen Kreditgeber oder Eigentümer auf. Die Selbstfinanzierung trägt mithin zur Unabhängigkeit der Unternehmung von neuen Gesellschaftern und Fremdkapitalgebern bei. Ferner ergeben sich auch keine Verschiebungen in den „Herrschaftsverhältnissen“, die etwa bei der Beteiligungsfinanzierung möglich sind. (Prozentual ungleiche Gewinnentnahmen durch die Gesellschafter können allerdings bei Personengesellschaften zu Anteilsveränderungen führen.) Über die Verwendung der durch Selbstfinanzierung aufgebrachten Mittel kann die Unternehmensleitung frei entscheiden, da keine Zweckbindung vorliegt. Die Selbstfinanzierung verursacht auf den ersten Blick keinen Zinsaufwand, wodurch eine Verbesserung der Ertragslage eintreten kann. Allerdings sollten Opportunitätskosten berücksichtigt werden. Sieht man von der Versteuerung bei der offenen Selbstfinanzierung ab, so treten auch keine Aufwendungen der Kapitalbeschaffung auf. Im Vergleich zur Kreditfinanzierung ist das durch Selbstfinanzierung aufgebrachte Kapital nicht terminiert, und es müssen auch keine Sicherheitsleistungen erbracht werden. Die Selbstfinanzierung stärkt die Eigenkapitalbasis und trägt zu einer Verringerung der Krisenanfälligkeit bei. Eine gesunde Eigenkapitalausstattung fördert ihrerseits wiederum die Kreditwürdigkeit der Unternehmung. Insbesondere die im Rahmen der stillen Selbstfinanzierung gebildeten Reserven ermöglichen bei entsprechender Bewertungspolitik eine kontinuierliche Gewinnausschüttung. Letzteres ist für publizitätspflichtige Gesellschaften zur Erhaltung ihrer Kreditwürdigkeit, ihres Ratings und ihres Emissions-Standings von nicht unerheblicher Bedeutung. Bei der stillen Selbstfinanzierung sowie der Finanzierung aus steuerfreien Rücklagen tritt noch der bereits erwähnte Steuerstundungsvorteil mit seinen positiven Auswirkungen auf Rentabilität und Liquidität hinzu. 72 Vgl. Noth, Eigenkapitalausstattung deutscher Gesellschaften, 1996, S. 53. III. Innenfinanzierung 509 Die Selbstfinanzierung ist jedoch, insbesondere im Bereich ihrer gesamtwirtschaftlichen Auswirkungen, auch kritisch zu sehen. Durch das Zusammenfallen von Sparer und Investor gelangen die Selbstfinanzierungsmittel nicht auf den Kapitalmarkt, und das Kapitalmarktvolumen wird dadurch verringert. Darüber hinaus sind die durch Selbstfinanzierung aufgebrachten Mittel nicht der regulierenden Wirkung des Kapitalmarktzinses unterworfen. Dies kann zur Folge haben, dass die Mittel auch für weniger ertragreiche Investitionen (Rentabilität geringer als Kapitalmarktzins) Verwendung finden, als dies, bedingt durch die Zinsverpflichtung, bei Aufnahme über den Kapitalmarkt geschieht (Over Investment). Die Selbstfinanzierung kann daher gesamtwirtschaftlich gesehen zu einer Verringerung der Funktionsfähigkeit des Kapitalmarktes sowie zu einem weniger produktiven Einsatz volkswirtschaftlichen Vermögens führen. Aus Sicht der neoinstitutionalistischen Finanzierungstheorie kann es für Manager, die nicht Eigentümer sind, vorteilhafter sein, das Instrument der Selbstfinanzierung der Fremd- sowie der Einlagen- und Beteiligungsfinanzierung vorzuziehen. Während insbesondere die Einlagen- und Beteiligungsfinanzierung aber auch teilweise die Fremdfinanzierung ihre Handlungsmöglichkeiten einschränkt, da bei der Aufnahme Informationsasymmetrien abgebaut werden müssen, unterliegt die Selbstfinanzierung nur einer schwachen Kontrolle. Damit stellt die Aufnahme, vor allem von Eigenkapital, ein negatives Signal an die Eigenkapitalgeber dar, so dass dies wiederum als Gegenargument für Einlagen- und Beteiligungsfinanzierung angesehen werden kann. Alles in allem ergibt sich eine Rangordnung der Finanzierungsquellen, deren Idee in der sog. Pecking Order Theory festgehalten wurde. Ferner wird gegen die Selbstfinanzierung angeführt, dass sie wegen des Fehlens von Zinsaufwand und Tilgungszahlungen die Unternehmen zu Investitionen ohne ausreichen Rentabilitätsprüfung verleite. Die Selbstfinanzierung begünstige förmlich Fehlinvestitionen, die bei Fremdkapitalfinanzierung unterblieben wären. Vom betriebswirtschaftlichen Standpunkt ist dem entgegenzuhalten, dass betriebliche Investitionen mit Investitionsrechenverfahren ohne Ansehen der Finanzierungsseite auf ihre Rentabilität hin beurteilt werden, wodurch eine rentable Verwendung aller eingesetzten Mittel gewährleistet ist. Dieses Argument kann jedoch nur begrenzte Gültigkeit beanspruchen, da eine Vielzahl von mittleren und kleinen Betrieben keine Investitionsrechnungen auf der Basis eines Kalkulationszinsfußes durchführen. Allerdings setzt eine langfristige Selbstfinanzierung einen stets revolvierenden Kapitalgewinnungsprozess voraus, d. h., dass die Unternehmung laufend ausreichend Gewinn erzielen muss, was zweifellos auf die Dauer nur durch erfolgreiche Investitionen und nicht durch Fehlinvestitionen möglich ist. Außerdem ist anzumerken, dass bei Ausschüttung der Gewinne und Zuführung zum Kapitalmarkt stets ein gewisser Prozentsatz im Konsumbereich versickert, der nicht wieder direkt produktiv den Investitionen zugeführt werden kann. Als Nachteil der stillen Selbstfinanzierung muss die mit der Bildung stiller Reserven verbundene Bilanzverschleierung gesehen werden. Die Aussagekraft der Bilanz wird für externe Informationsadressaten verringert. D. Alternativen der Kapitalaufbringung510 3. Finanzierung aus Umsatzeinzahlungen mittels  Abschreibungen a) Begriff Die planmäßige Abschreibung hat die Aufgabe, die Wertminderungen abnutzbarer Anlagegüter als periodenbezogenen Aufwand zu erfassen und auf die Jahre der Nutzung zu verteilen. Neben der bilanziellen Abschreibung, die als Aufwand in die Gewinn- und Verlustrechnung eingeht, erfolgt in der Kostenrechnung der Ansatz kalkulatorischer Abschreibungen. Daher stellt die Abschreibung primär einen Aufwands- bzw. Kostenfaktor dar. Falls den Abschreibungen adäquate Umsatzerlöse gegenüberstehen, können Finanzierungseffekte auftreten. Die Abschreibung bewirkt einen Desinvestitionsprozess, der eine Vermögensumschichtung zur Folge hat. Es erfolgt eine Rückführung gebundener Finanzierungsmittel in eine liquide Form (Aktivtausch: Abnahme Anlagevermögen – Zunahme Umlaufvermögen). Frei disponible Mittel stehen der Unternehmung dann zur Verfügung, wenn die Abschreibungsgegenwerte nicht zweckgebunden – etwa zur Ersatzbeschaffung – reinvestiert werden müssen. Die Abschreibungsgegenwerte einer Maschine mit 10 Jahren Nutzungsdauer müssen nicht während der ganzen Laufzeit in liquider Form angespart werden, sondern können zwischenzeitlich anderen Verwendungszwecken zugeführt werden. Es ist nur zu gewährleisten, dass nach Ablauf der Nutzungsdauer eine Ersatzbeschaffung finanziert werden kann. Diese Finanzierung muss nicht notwendigerweise aus den Abschreibungsgegenwerten der verbrauchten Maschine erfolgen, sondern kann auch aus Abschreibungsgegenwerten anderer Anlagen durchgeführt werden. Zur Finanzierung aus Abschreibungen zählt nur der Teil der Abschreibungen, der dem tatsächlichen Wertminderungsverlauf des Wirtschaftsgutes entspricht. Überhöhte Abschreibungen führen zu einer stillen Selbstfinanzierung. Der Betrag, der über die tatsächliche Wertminderung hinausgeht, stellt eine stille Reserve dar, die den Periodengewinn mindert. Das Auftreten stiller Selbstfinanzierung im Zusammenhang mit der Abschreibung hängt nicht unerheblich vom verwendeten Abschreibungsverfahren ab. Man unterscheidet folgende Abschreibungsmethoden: 1. lineare Abschreibung mit jährlich gleichem Abschreibungsbetrag, ermittelt als konstanter Prozentsatz vom Anschaffungswert; 2. degressive Abschreibung73 mit jährlich fallenden Abschreibungsbeträgen: 2.1. geometrisch degressive Methode mit konstantem Prozentsatz vom jeweiligen Restbuchwert; 2.2. arithmetisch degressive Methode mit Abschreibungsquoten, die sich jährlich um den gleichen Betrag verringern (steuerrechtlich nicht zulässig); 3. kombinierte degressiv-lineare Methode nach §7 Abs. 3 EStG mit zunächst jährlich fallenden und später gleichen Abschreibungsbeträgen pro Jahr. Der Finanzierungseffekt wird dadurch maximiert, dass der Übergang in dem Jahr erfolgt, in dem der lineare Abschreibungsbetrag erstmals größer als der degressive Abschreibungsbetrag ist; 73 Für Güter, die vor dem 1. Januar 2011 angeschafft wurden, ist diese Methode auch steuerlich anerkannt.

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Zusammenfassung

"...gehört zu den etablierten Standardwerken für den gesamten Bereich der Investition und Finanzierung." boerse.de-MAGAZIN

Dieses Lehrbuch und Nachschlagewerk ist das Standardwerk für den gesamten Bereich der Investition und Finanzierung nach deutschem Recht. Neben den wichtigen Methoden der klassischen Finanz- und Investitionstheorie werden auch neue Finanzinstrumente und Erkenntnisse im Bereich der Kapitalmärkte erläutert, sodass dem Leser ein fundierter Überblick über den aktuellsten Stand der Forschung ermöglicht wird.

Aus dem Inhalt

- Management der Vermögensstruktur - Investitionsrechnung und Disposition des Umlaufvermögens

- Wertpapiergeschäfte - Analyse von Aktien und Aktienindizes sowie Wertpapierprogrammentscheidungen und Risikomanagement mit Termingeschäften

- Alternativen der Kapitalaufbringung - Finanzierungsformen, Kapitalstruktur und Verschuldungspolitik

- Finanzanalyse - Kennzahlenanalyse und Kapitalflussrechnung

- Finanzplanung - Kapitalbedarf- und Liquiditätsplanung, Plananpassung und Kontrolle

Die Autoren

Dr. Dr. h.c. Louis Perridon und Dr. Manfred Steiner waren bis zu ihrer Emeritierung Professoren für Betriebswirtschaftslehre an der Universität Augsburg. Dr. Andreas Rathgeber ist Professor am Institut Materials Resource Management und am Kernkompetenzzentrum Finanz- und Informationsmanagement an der Universität Augsburg.