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3. Neoinstitutionalistische Finanzierungstheorie in:

Louis Perridon, Manfred Steiner, Andreas W. Rathgeber

Finanzwirtschaft der Unternehmung, page 41 - 44

16. Edition 2012, ISBN print: 978-3-8006-3991-5, ISBN online: 978-3-8006-4900-6, https://doi.org/10.15358/9783800649006_41

Series: Vahlens Handbücher der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

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A. Grundlagen der Finanzwirtschaft der Unternehmung 24 nicht-effizienter Investitions- bzw. Finanzierungsmöglichkeiten und damit die Ableitung vorteilhafter Rendite-Risiko-Kombinationen. In diesem Sinne ist eine Separation der optimalen Investitions-/Finanzierungsentscheidungen von persönlichen Präferenzen gelungen. c) Finanzchemie und Financial Engineering Die modelltheoretische Durchdringung der Finanzierungsentscheidung im Rahmen kapitaltheoretischer Ansätze hat einen hohen Erklärungswert für das Verständnis von Investitions- und Finanzierungsentscheidungen bewiesen. Allerdings waren hierzu notwendigerweise eine Reihe von Aspekten aus der Analyse auszuklammern und z. T. rigide Modellprämissen zu setzen. In der Realität sind Finanzierungsentscheidungen äußerst komplex. Die nötige Risikoeinschätzung und Quantifizierung von individuellen Nutzenvorstellungen zur Auswahl aus dem gegebenen optimalen Angebot – wie zuletzt in der APT behandelt – erweist sich als äußerst schwierig. Vor dem Hintergrund der theoretischen Erkenntnisse zeichnet sich die neueste Forschungsrichtung der Finanzchemie und des Financial Engineering wiederum durch einen stärkeren Praxisbezug aus. Dem grundlegenden Auftrag der Finanzierungsforschung gemäß, Finanztitel zu bewerten und optimale Finanzierungen zu komponieren, werden innerhalb der Finanzchemie zwei Stoßrichtungen unterschieden: 1. die analytische Ebene des Stripping (Unbundling), 2. die synthetische Ebene des Replicating (Bundling). Analog zur analytischen Chemie erfolgt beim Stripping die Aufspaltung komplexer Finanztitel in ihre Bestandteile, wie Ansprüche auf Zins- und Tilgungszahlungen und sonstige Zusatzrechte. Sofern sie gehandelt werden, lässt sich über den Markt ihre Bewertung im Einzelnen feststellen. Aus der Zusammenfassung der Einzelwerte ergibt sich dann der Wert der Finanzkonstruktion. Beim Replicating erfolgt – der synthetischen Chemie vergleichbar – die Neuschaffung optimaler Finanztitel, indem die möglichen Basiselemente, Zahlungsreihen, Optionen etc. für den jeweiligen Finanzierungsfall optimal kombiniert werden. Durch die Flexibilität dieses Ansatzes und die unbegrenzten Kombinationsmöglichkeiten lassen sich, insbesondere für den Einzelfall, problemorientierte maßgeschneiderte Finanzprodukte schaffen (bezüglich Beispielen vgl. Abschnitt C). Sowohl Stripping als auch Replicating ermöglichen damit die Bewertung von Zahlungsströmen, die neu kreiert worden sind. 3. Neoinstitutionalistische Finanzierungstheorie Der wesentliche Fortschritt der modernen Finanzierungstheorie gegenüber der klassischen Lehre ist wohl darin zu sehen, dass wissenschaftlich fundierte Konzepte entwickelt werden, die das Nachdenken über Rendite und Risiko erleichtern und auf eine objektivere Basis stellen. Es kommt zu einer starken theoretischen Durchdringung von Investitions- und Finanzierungsproblemen. Darüber hinaus bietet die moderne Theorie fruchtbare Ansätze für ausgiebige empirische Forschungen. Diese müssen allerdings immer wieder dort an Grenzen stoßen, wo die gesetzten strengen Annah- III. Forschungsansätze in der Finanzwirtschaft 25 men den realen Zuständen und Prozessen entgegenstehen. Gleichzeitig ist zwischen der klassischen Finanzierungslehre und der Finanzierungstheorie der Neoklassik eine Kluft entstanden, die auch durch die starke Praxisorientierung und Marktbezogenheit der Finanzchemie nicht überwindbar ist. Gerade aber aus einer neuen Perspektive ein verbindendes Element zu schaffen, ist das erklärte Ziel der neoinstitutionalistischen Finanzierungstheorie. Sie nimmt ihren Ausgangspunkt in der obengenannten Annahme eines reibungsfreien vollkommenen Kapitalmarktes und vollständiger Information aller Marktteilnehmer. Sicherlich gibt es – mit fortschreitender Entwicklung der Informations- und Kommunikationstechnologien – Teilmärkte, die den idealen Marktverhältnissen sehr nahekommen. Dennoch bleibt unbestritten, dass der Kapitalmarkt insgesamt nach wie vor als unvollkommen zu bezeichnen ist. Hinzu kommt die Existenz von Finanzintermediären sowie von zahlreichen unterschiedlichen Finanzierungs- und Rechtsformen, die die reine Kapitaltheorie nicht erklären kann, die allenfalls in der Finanzchemie beschrieben werden. Dass trotz ihrer Kosten solche Institutionen existieren und immer wieder neu geschaffen werden, kann nur darin begründet sein, dass mit ihnen die Märkte unter den realen Gegebenheiten besser funktionieren als ohne sie. Mit den Kosten der Unterhaltung und Einrichtung von Institutionen wird ein Wohlfahrtsverlust in Kauf genommen. Eine Erklärung hierfür bieten die Informationsasymmetrie zwischen Kapitalgebern und -nehmern und die häufig ungleich verteilten Möglichkeiten der Vertragspartner, Entscheidungen zu treffen und Informationsvorsprünge zu Lasten der Gegenpartei auszunutzen.23 Der Kapitalgeber (Prinzipal) muss mit Verhaltensweisen des Kapitalnehmers/Managements (Agent) rechnen, die seinen Kredit oder seine Beteiligung entwerten. Etwa kann es im Anschluss an die Finanzierungsmaßnahme zu Investitionsentscheidungen der Geschäftsführung kommen, die das Investitionsrisiko der Kapitalgeber unvorhersehbar und vertragswidrig erhöhen. Oder aber der Agent spricht sich Vergünstigungen in Form unangemessener Büroausstattung, Firmenwagen und Gehaltsleistungen zu (Consumption on the Job), über die er von dem Unternehmen unverhältnismäßig mehr profitiert als die risikotragenden Kapitalgeber. Um diese Möglichkeiten des Agenten, den Prinzipal zu schädigen, einzuschränken, werden Schutzmechanismen nötig. Sie bestimmen die finanzielle Beziehung. So wird der Kapitalgeber Aufwendungen zur Überwachung des Agenten (Monitoring Costs) auf sich nehmen, während dieser seinerseits bemüht sein wird, den Principal von seiner Vertrauenswürdigkeit zu überzeugen (Bonding Costs). Den hieraus resultierenden Kosten stehen Vorteile aus (weit gehend) vereinbarungsgemäßer Auftragserfüllung gegenüber. In diesem Sinne wird der Principal um eine optimale Vertragsgestaltung bemüht sein. Auf der Grundlage der Property Rights Theory hat die neoinstitutionalistische Finanzierungsforschung ein umfassendes begriffliches Instrumentarium geschaffen. Mit seiner Hilfe werden Erklärungsansätze von Institutionen und Finanzbeziehungen weiterentwickelt. Sicherlich sind die Erkenntnisse noch kaum für einzelwirtschaftliche Entscheidungen hinreichend operationalisierbar und in praktische Handlungsanweisungen zu übersetzen. Andererseits ist es mit dem neoinstitutionalistischen Ansatz 23 Vgl. Elschen, Agency-Theorie, 1988; Schmidt, Finanzierungstheorie, 1981; Budäus, Gerum, Zimmermann, Theorie der Verfügungsrechte, 1988. A. Grundlagen der Finanzwirtschaft der Unternehmung 26 gelungen, die unstrukturierte Beobachtung der klassischen Lehre genauso wie die unvollständige neoklassische Sicht zu überwinden und einen weiteren wesentlichen Beitrag zum Verständnis, insbesondere der Metaebene von Finanzierungsvorgängen, zu erbringen. Literatur: Grundlagen der Finanzwirtschaft Copeland, T.; Koller, T.; Murrin, J.: Unternehmenswert. Methoden und Strategien für eine wertorientierte Unternehmensführung, 3. Auflage, Frankfurt/New York 2002. Gutenberg, E.: Einführung in die Betriebswirtschaftslehre, Wiesbaden 1958, unveränderter Nachdruck 1990. Gutenberg, E.: Grundlagen der Betriebswirtschaftslehre, Bd. III, Die Finanzen, 8. Auflage, Berlin/Heidelberg 1980, Nachdruck 1987. Hauschildt, J.: Organisation der finanziellen Unternehmensführung. Eine empirische Untersuchung, Stuttgart 1970. Hauschildt, J.; Sachs, G.; Witte, E.: Finanzplanung und Finanzkontrolle, München 1981. Loistl, O.: Zur neueren Entwicklung der Finanzierungstheorie, in: Die Betriebswirtschaft 50 (1990), S. 47–84. Schmidt, R. H.; Terberger, E.: Grundzüge der Investitions- und Finanzierungstheorie, 4. Auflage, Wiesbaden 1997. Schneider, D.: Investition, Finanzierung und Besteuerung, 7. Auflage, Wiesbaden 1992. Spremann, K.: Wirtschaft, Investition und Finanzierung, 6. Auflage, München/Wien 2009. Steiner, M.; Kölsch, K.: Finanzierung. Zielsetzungen, zentrale Ergebnisse und Entwicklungsmöglichkeiten der Finanzierungsforschung, in: Die Betriebswirtschaft 49 (1989), S. 409–432. Süchting, J.: Finanzmanagement. Theorie und Politik der Unternehmensfinanzierung, 6.Auflage, Wiesbaden 1995. BManagement der Vermögensstruktur Kapitelübersicht I. Investitionsrechnung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 29 1. Allgemeines zu Investitionsrechenverfahren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 29 2. Statische Investitionsrechenverfahren (Praktikerverfahren) . . . . . . . . . . . . . 33 Weiterführende Literatur zu Statischen Verfahren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 48 Fragen: Statische Verfahren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 49 3. Dynamische Investitionsrechenverfahren (Isolierte Mehrperiodenmodelle) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 49 Weiterführende Literatur zu Dynamischen Verfahren . . . . . . . . . . . . . . . . . . 93 Fragen: Dynamische Verfahren. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 93 4. Investitionsprogrammentscheidungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 95 Weiterführende Literatur zu Investitionsprogrammentscheidungen . . . . . 107 Fragen: Investitionsprogrammentscheidungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 108 5. Berücksichtigung der Unsicherheit bei Investitions entscheidungen . . . . . . 108 Weiterführende Literatur zu Berücksichtigung der Unsicherheit bei Investitionsentscheidungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 152 Fragen: Berücksichtigung der Unsicherheit bei Investitionsentscheidungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 152 II. Finanzwirtschaftliche Disposition des Umlaufvermögens . . . . . . . . . . . . . . . . 153 1. Das Kassenhaltungsproblem . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 155 2. Die Disposition des Forderungsbestandes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 165 3. Die Lagerhaltung als finanzwirtschaftliches Entscheidungsproblem . . . . . 167 Weiterführende Literatur zur finanzwirtschaftlichen Disposition des Umlaufvermögens . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 168 Fragen: Finanzwirtschaftliche Disposition des Umlaufvermögens . . . . . . . 169

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Zusammenfassung

"...gehört zu den etablierten Standardwerken für den gesamten Bereich der Investition und Finanzierung." boerse.de-MAGAZIN

Dieses Lehrbuch und Nachschlagewerk ist das Standardwerk für den gesamten Bereich der Investition und Finanzierung nach deutschem Recht. Neben den wichtigen Methoden der klassischen Finanz- und Investitionstheorie werden auch neue Finanzinstrumente und Erkenntnisse im Bereich der Kapitalmärkte erläutert, sodass dem Leser ein fundierter Überblick über den aktuellsten Stand der Forschung ermöglicht wird.

Aus dem Inhalt

- Management der Vermögensstruktur - Investitionsrechnung und Disposition des Umlaufvermögens

- Wertpapiergeschäfte - Analyse von Aktien und Aktienindizes sowie Wertpapierprogrammentscheidungen und Risikomanagement mit Termingeschäften

- Alternativen der Kapitalaufbringung - Finanzierungsformen, Kapitalstruktur und Verschuldungspolitik

- Finanzanalyse - Kennzahlenanalyse und Kapitalflussrechnung

- Finanzplanung - Kapitalbedarf- und Liquiditätsplanung, Plananpassung und Kontrolle

Die Autoren

Dr. Dr. h.c. Louis Perridon und Dr. Manfred Steiner waren bis zu ihrer Emeritierung Professoren für Betriebswirtschaftslehre an der Universität Augsburg. Dr. Andreas Rathgeber ist Professor am Institut Materials Resource Management und am Kernkompetenzzentrum Finanz- und Informationsmanagement an der Universität Augsburg.