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2. Kapital und Vermögen in:

Louis Perridon, Manfred Steiner, Andreas W. Rathgeber

Finanzwirtschaft der Unternehmung, page 22 - 24

16. Edition 2012, ISBN print: 978-3-8006-3991-5, ISBN online: 978-3-8006-4900-6, https://doi.org/10.15358/9783800649006_22

Series: Vahlens Handbücher der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

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I. Finanzwirtschaftliche Grundbegriffe 5 bewahrungsmittel. Die zweite Funktion des Geldes ermöglicht es, zeitliche Differenzen zwischen eingehenden und ausgehenden Zahlungsströmen zu überbrücken. Auf dieser Funktion beruht unter anderem die Kassenhaltung der Wirtschaftssubjekte. Neben diesen beiden materiellen Funktionen erfüllt das Geld noch eine dritte, abstrakte Funktion, nämlich die einer Recheneinheit. Diese Funktion ermöglicht es, die Wertschätzungen der Güter und Dienstleistungen in einem „Referenzgut“ auszudrücken. Um an dem gesellschaftlichen Tauschprozess erfolgreich teilnehmen zu können, sind diese Funktionen des Geldes effizient zu nutzen. Vor allem müssen die Wirtschaftseinheiten über Geld verfügen. Die Beschaffung von Kaufkraft stellt folglich das primäre Ziel finanzwirtschaftlicher Aktivität einer Wirtschaftseinheit dar. In der älteren Literatur stand die Kaufkraftbeschaffung bisweilen so sehr im Vordergrund, dass sie als die finanzwirtschaftliche Funktion schlechthin betrachtet wurde. Im Laufe der Zeit wurde dieser enge Finanzierungsbegriff weit gehend verlassen und eine Verbindung der Beschaffungs- und Verwendungsfunktion unter dem Begriff der Finanzwirtschaft hergestellt. Danach umfasst die Finanzwirtschaft neben der Akquisition gerade auch die Disposition finanzieller Mittel. 2. Kapital und Vermögen Um produzieren zu können, braucht ein Produktionshaushalt Sachmittel, wie Rohstoffe, Betriebsmittel, Maschinen, Gebäude, Bargeld u. ä., aber auch Personen in dispositiver und ausführender Tätigkeit. Schließlich verfügt er evtl. noch über immaterielle Güter, wie Patente, Rechte usw. Die Gesamtheit aller materiellen und immateriellen Güter, die in Übereinstimmung mit den Zielsetzungen der Unternehmung eine produktive Funktion erfüllen, werden als das Vermögen des Unternehmens i. e. S. definiert. I.d. R. wird der Begriff Vermögen weiter ausgelegt und umfasst schließlich – ungeachtet ihrer jeweiligen Funktion – alle Güter, über die ein Produktionshaushalt verfügt. Angesichts dieses erweiterten Begriffsinhaltes erscheint es dann sinnvoll, zwischen betriebsnotwendigem Vermögen (= Vermögen i. e. S.) und neutralem Vermögen zu differenzieren. Das notwendige Betriebsvermögen unterliegt den spezifischen Risiken, die ein Produktionshaushalt aufgrund der Natur seiner Aktivitäten eingehen muss. Das neutrale Vermögen unterliegt ökonomischen Risiken, die primär nicht unmittelbar aus den normalen Aktivitäten des Produktionshaushaltes entstehen. Es handelt sich um Vermögenselemente, die zwar für den Produktionshaushalt als Ganzes von Vorteil sein können, aber nicht direkt für die erklärten (produktiven) Sachziele eingesetzt werden. Wenn bspw. mehr Vorräte gehalten werden, als für den normalen Aktivitätsgrad notwendig sind, weil davon ein Spekulationsgewinn erhofft wird, gehört diese Vorratshaltung nicht zu den Aktivitäten der normalen Geschäftsausübung des betreffenden Produktionshaushaltes. Zur Bestimmung, ob ein Vermögenselement dem notwendigen oder dem neutralen Vermögen zuzurechnen ist, muss die Frage der betriebswirtschaftlichen Funktion des betreffenden Vermögenselements geklärt werden. Das Vermögen stellt potenzielle Kaufkraft dar; erst wenn es in (undifferenzierte) reale Kaufkraft umgewandelt worden ist, verfügt die Unternehmung über Geld. Anders gesagt, im Vermögen ist Geld gebunden, dort ist es investiert. Diese potenzielle Kaufkraft des Vermögens wird auch das (Real-)Kapital der Unternehmung genannt. Es entspricht der „Summe der Werte aller materiellen und immateriellen Güter, in denen das Kapital A. Grundlagen der Finanzwirtschaft der Unternehmung 6 des Unternehmens investiert ist“.1 Vermögen und Kapital stehen in einem spiegelbildlichen Verhältnis. Sie sind zwei Bezeichnungen für ein und dieselbe Sache, nämlich für die Gesamtheit aller Werte, die ein Produktionshaushalt zur Erreichung seiner Ziele einsetzt. Eine Beziehung zwischen beiden Größen kann nur über eine Bewertung des Vermögens in Geldeinheiten hergestellt werden. Abzugrenzen von den betriebswirtschaftlichen Vermögens- und Kapitalbegriffen sind die bilanziellen Begriffe. Sie sind enger gefasst, da zu ihnen nur die ausweispflichtigen, d. h. aufgrund der handels- und steuerrechtlichen Vorschriften zu bilanzierenden, Vermögenspositionen und Kapitalteile zählen. In der Bilanzpraxis wird das Vermögen in Anlagevermögen und Umlaufvermögen unterteilt. Unter Anlagevermögen versteht man die Gesamtheit der Vermögenselemente, die dazu bestimmt sind, dauernd dem Geschäftsbetrieb zu dienen und dem wirtschaftlichen Eigentum der Unternehmung zuzurechnen sind. Sie stehen i. d. R. für mehrere Produktionszyklen zur Verfügung.2 Die Verringerung des abnutzbaren Anlagevermögens erfolgt über die Abschreibungen, Zugänge erfolgen über Ersatzbeschaffungen. Da diese längerfristig vorhandenen Vermögensgüter die Struktur eines Produktionshaushaltes bestimmen, können sie unter Einbeziehung der langfristigen Teile des Umlaufvermögens auch als Strukturvermögen bezeichnet werden. Im Umlaufvermögen werden Vermögensgegenstände ausgewiesen, die nicht dauernd dem Geschäftsbetrieb dienen sollen (Vorräte, Forderungen, Zahlungsmittel). Die Zusammensetzung der einzelnen Vermögenspositionen verändert sich mit dem Umsatzprozess. Die Teile des Umlaufvermögens, die sich innerhalb eines Produktionszyklus umsetzen, bezeichnet man auch als Umschlagvermögen. In der Bilanz kommt der Spiegelbildcharakter von Vermögen und Kapital dadurch zum Ausdruck, dass sich die Summen der Aktiva und Passiva entsprechen. Die Passivseite gibt Auskunft darüber, welche Teile des Kapitals von den Eigentümern (Eigenkapital) und welche Teile von Gläubigern (Fremdkapital) zur Verfügung gestellt worden sind. Dagegen zeigt die Aktivseite, in welchen Vermögenspositionen das Kapital gebunden ist. Eine direkte Beziehung zwischen speziellen Kapitalpositionen und einzelnen Vermögensteilen liegt jedoch generell nicht vor, obwohl die traditionellen Finanzierungsregeln, wie etwa die „Goldene Bilanzregel“ (sie fordert in ihrer engen Fassung, dass das Anlagevermögen von Eigenkapital und langfristigem Fremdkapital gedeckt wird, vgl. Abschnitt E I 3 c), solche direkten Beziehungsverhältnisse herstellen. Diese Regeln gehen vom Gedanken der partiellen Finanzierung aus. Die partielle Betrachtungsweise stellt auf die Bindungsdauer des Kapitals auf das einzelne Vermögensteil bzw. auf eine Gruppe von Vermögensteilen ab. Man geht also davon aus, dass das vorhandene oder noch zu beschaffende Kapital jeweils in einen ganz bestimmten Vermögensgegenstand investiert wird. Da sich das Vermögen aus einer Vielzahl von einzelnen Objekten zusammensetzt, wird angenommen, dass diese infolge unterschiedlicher Investitions- und Desinvestitionsintervalle auch eine fristenkongruente Finanzierung erfordern. Die Finanzierung hat sich bei partieller Betrachtungsweise also nach der Dauer der Kapitalbindung in den individuellen Vermögensgütern zu richten. 1 Gutenberg, Einführung in die Betriebswirtschaftslehre, 1958/1990, S. 106. 2 Der Produktionszyklus umfasst grundsätzlich drei Phasen: Beschaffung der Produktionsfaktoren, ihre Transformation in Erzeugnisse (Produktion im technischen Sinne) und den Absatz derselben. I. Finanzwirtschaftliche Grundbegriffe 7 Statt den Fokus auf einzelne Vermögensteile oder auf Gruppen von Vermögensteilen zu richten, kann man den Kapitalbedarf auch für die gesamte Vermögensmasse des Produktionshaushalts global ermitteln und die Finanzierung den Schwankungen des Gesamtvermögens bzw. des gesamten investierten Kapitals anpassen. Wird der Gesamtkomplex aller Zahlungsvorgänge betrachtet, spricht man von totaler Finanzierung. Während also bei der partiellen Finanzierungsauffassung für jedes einzelne Investitionsobjekt (Aktivum) die geeignete Finanzierungsform gesondert bestimmt werden muss, dienen im totalen Finanzierungsansatz z.B. Kredite nicht der Finanzierung ganz bestimmter Investitionsobjekte, sondern der Finanzierung des ganzen Produktionshaushalts.3 Folgt die finanzielle Unternehmensführung der totalen Finanzierungstheorie, muss sie ihre Finanzierungsentscheidungen auf einen langfristigen Finanzplan stützen. Aus diesem müssen alle künftigen Finanzbedürfnisse in Höhe und zeitlicher Dauer ersichtlich werden, und die finanzielle Unternehmensführung kann sich dann aufgrund dieser Informationen entscheiden, ob sie kurz- oder langfristiges Fremdkapital oder zusätzliches Eigenkapital zur Finanzierung des Defizits im Finanzplan in Anspruch nehmen kann oder soll. 3. Finanzmanagement Bezüglich des Begriffs Management gibt es viele sehr unterschiedliche Auffassungen. Sofern sich überhaupt eine einheitliche Meinung feststellen lässt, dürfte sie wohl dahin gehen, dass Management führende Tätigkeiten in einem Unternehmen – allgemeiner: in einer Wirtschaftseinheit – bezeichnet. Diese Tätigkeit umfasst die drei Hauptphasen Planung, Steuerung und Kontrolle. In Bezug auf den organisatorischen Aufbau und die Aufgliederung der Managementfunktionen lassen sich wiederum drei Ebenen unterscheiden: das Top Management, etwa der Vorstand einer Aktiengesellschaft, der in bestimmten Fällen seine Managementaufgaben mit dem Aufsichtsrat teilt; das Middle Management, etwa Abteilungsleiter, und das Lower Management, etwa die Meister in den Werkstätten. Diese Auffassung des Managements ist zwar für praktische Zwecke, insbesondere für die Entwicklung von Managementtechniken, sehr nützlich, führt aber an dieser Stelle nicht weiter. Ausgangspunkt für die Betrachtung des Finanzmanagements im Rahmen der Geschäftsführung sei wieder die funktionale Stellung des Produktionshaushaltes in der Volkswirtschaft. Diese beruht auf der Arbeitsteilung des gesellschaftlichen Produktionsprozesses. Durch die Arbeitsteilung sind alle Produktionshaushalte über den Weg des Marktsystems miteinander verbunden, sie sind aufeinander angewiesen. Die Arbeitsteilung – und das gilt auch für die Arbeitsteilung innerhalb eines Unternehmens – ist dann erst sinnvoll und möglich, wenn alle an einem bestimmten Produktionsprozess teilhabenden Produktionshaushalte kontinuierlich arbeiten, so dass ein Güterstrom entsteht, der alle einschlägigen Produktionshaushalte durchläuft. Ein Produktions- 3 Dies schließt natürlich nicht aus, dass Kredite zweckgebunden sein können. Aber in der Logik des totalen Finanzierungsansatzes ist die Investition, die durch den gebundenen Kredit finanziert wird, als ein Teil der totalen Investitionsmasse zu sehen, die einen zusätzlichen Kapitalbedarf auslöst, der durch diese zusätzliche Kreditaufnahme gedeckt wird. Die totale Finanztheorie betrachtet einen Produktionshaushalt als ein organisches Ganzes. Sie behauptet allerdings nicht, dass partielle Betrachtungsweisen nicht zulässig seien, sondern lediglich, dass diese im Rahmen des Ganzen gesehen werden müssten.

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Zusammenfassung

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Dieses Lehrbuch und Nachschlagewerk ist das Standardwerk für den gesamten Bereich der Investition und Finanzierung nach deutschem Recht. Neben den wichtigen Methoden der klassischen Finanz- und Investitionstheorie werden auch neue Finanzinstrumente und Erkenntnisse im Bereich der Kapitalmärkte erläutert, sodass dem Leser ein fundierter Überblick über den aktuellsten Stand der Forschung ermöglicht wird.

Aus dem Inhalt

- Management der Vermögensstruktur - Investitionsrechnung und Disposition des Umlaufvermögens

- Wertpapiergeschäfte - Analyse von Aktien und Aktienindizes sowie Wertpapierprogrammentscheidungen und Risikomanagement mit Termingeschäften

- Alternativen der Kapitalaufbringung - Finanzierungsformen, Kapitalstruktur und Verschuldungspolitik

- Finanzanalyse - Kennzahlenanalyse und Kapitalflussrechnung

- Finanzplanung - Kapitalbedarf- und Liquiditätsplanung, Plananpassung und Kontrolle

Die Autoren

Dr. Dr. h.c. Louis Perridon und Dr. Manfred Steiner waren bis zu ihrer Emeritierung Professoren für Betriebswirtschaftslehre an der Universität Augsburg. Dr. Andreas Rathgeber ist Professor am Institut Materials Resource Management und am Kernkompetenzzentrum Finanz- und Informationsmanagement an der Universität Augsburg.