Content

2. Nationale Kassamärkte in:

Louis Perridon, Manfred Steiner, Andreas W. Rathgeber

Finanzwirtschaft der Unternehmung, page 189 - 192

16. Edition 2012, ISBN print: 978-3-8006-3991-5, ISBN online: 978-3-8006-4900-6, https://doi.org/10.15358/9783800649006_189

Series: Vahlens Handbücher der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

Bibliographic information
C. Wertpapiergeschäfte174 Beschaffenheit und Menge genau bestimmt sind. Deshalb kommt es einem Gläubiger nicht darauf an, welches von mehreren Stücken er erhält. Der Primärmarkt stellt den Markt für Neuemissionen von Wertpapieren dar. Hier stehen sich Wertpapieremittenten als Verkäufer und Investoren als Käufer, meist unter Zwischenschaltung von Kreditinstituten, gegenüber. Auf dem Sekundärmarkt vollzieht sich der Handel bereits emittierter Papiere zwischen den Anlegern. Für die Liquidität (jederzeitige Veräußerbarkeit) der Titel des Sekundärmarktes spielen die Wertpapierbörsen eine herausragende Rolle. Papiere ohne Börsenzulassung haben für den Anleger eine geringere Fungibilität. Deshalb sind solche Papiere meist schon auf dem Primärmarkt schwer beim breiten Anlegerpublikum zu platzieren. Der Sekundärmarkt beeinflusst somit auch den Primärmarkt. Auf den Finanzmärkten können Finanzinstrumente als Kassa- oder Termingeschäfte gehandelt werden. Kennzeichnend für den Kassamarkt ist, dass alle Geschäfte unmittelbar nach Abschluss erfüllt werden müssen (in Deutschland gilt eine Frist von höchstens zwei Börsentagen). Börsentermingeschäfte sind dadurch charakterisiert, dass der Abschluss des Geschäfts und seine Erfüllung zeitlich auseinanderfallen, es sich also um Zeitgeschäfte handelt. Nachfolgend sollen der nationale Kassamarkt, die Euromärkte und der (deutsche) Terminmarkt genauer untersucht werden. 2. Nationale Kassamärkte Im November 2007 trat eine umfassende Neustrukturierung und Segmentierung des deutschen Aktienmarktes in Kraft. Für Aktien bestehen seitdem die Börsenzulassungssegmente General Standard und Prime Standard als EU-regulierter, auch kurz Regulierter Markt, sowie der Entry Standard und First Quotation Board (Open Market) als börsenregulierter Markt. Mit Aufnahme des Handels in sog. „Exchange Traded Funds“ im April 2000 und der genannten Neustrukturierung umfasst die deutsche Wertpapierbörse damit folgende Marktsegmente mit unterschiedlichen Zulassungsanforderungen: 1. Prime Standard, 2. General Standard, 3. Entry Standard, 4. First Quotation Board (Open Market) sowie 5. XTF Exchange Traded Funds (aktiv und passiv gemanagte Fonds). Die ehemaligen privatrechtlichen Segmente Neuer Markt und SMAX wurden zum 5. Juni 2003 geschlossen. Mit dem sog. Neuen Markt wurde im Frühjahr 1997 ein Handelssegment für junge, innovative Wachstumsunternehmen – insbesondere Hochtechnologie-Unternehmen – geschaffen. Vor dem Hintergrund des geringen Bekanntheitsgrades kleiner Unternehmen hat die Deutsche Börse AG im April 1999 mit dem SMAX (Small Caps Exchange) ein neues Segment für Small Caps eingerichtet. Ebenso wie der Neue Markt ist der SMAX zum 5. Juli 2003, nach dem Ausscheiden des letzten gelisteten Unternehmens, geschlossen worden, da sich alle Emittenten für einen Wechsel in die neuen Segmente Prime Standard und General Standard entschieden haben. I. Organisation der Finanzmärkte 175 Das Börsengesetz und die Börsenzulassungsverordnung enthalten grundlegende Regelungen für diese Marktsegmente. Die nähere Ausgestaltung erfolgt durch die jeweiligen Börsenordnungen (Abbildung C 2 zeigt die Umsatzentwicklung der an deutschen Börsen gehandelten Wertpapiere). Für das Segment General Standard müssen die Unternehmen die gesetzlichen Mindestanforderungen des Regulierten Marktes erfüllen. Der Regulierte Markt ist ein organisierter Markt im Sinne von § 2 Abs. 5 des WpHG (Wertpapierhandelsgesetzes). Das bedeutet, dass die Zulassungsvoraussetzungen und die Folgepflichten der Teilnehmer sowie die Organisation des Handels selbst gesetzlich geregelt sind. Für das Segment Prime Standard müssen die Unternehmen über diese gesetzlichen Mindestanforderungen hinaus internationale Transparenzstandards erfüllen. Zu nennen sind hier im Einzelnen: 1. Quartalsberichterstattung in deutscher und englischer Sprache, 2. Veröffentlichung eines Unternehmenskalenders, 3. Durchführung mindestens einer Analystenkonferenz pro Jahr, 4. Ad-hoc Mitteilungen und laufende Berichterstattung auch in englischer Sprache, 5. Zulassungsfolgepflichten des General Standard. Für die Zulassung zum börsenregulierten Markt sind die Zulassungsvoraussetzungen wesentlich geringer. Neben der Neustrukturierung der Börsensegmente hat die Deutsche Börse auch eine Überarbeitung der Indexwelt vorgenommen (vgl. Abbildung C 3). Als grundsätzliche Voraussetzung für die Aufnahme in einen der Indizes (Ausnahme CDAX) wird die Zugehörigkeit zum Prime Standard verlangt. Wie bisher umfasst der DAX die größten 1 Quelle: Deutsche Börse AG, Factbook 2002–2007. 0 1000 2000 3000 4000 5000 6000 7000 8000 2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 U m sa tz in M rd . € Festverzinsliche Wertpapiere Eigenkapitalinstrumente (incl. Optionsscheine) Abb. C 2: Umsätze in festverzinslichen Wertpapieren und Eigenkapitalinstrumenten an deutschen Börsen von 2002–2009 1 C. Wertpapiergeschäfte176 und umsatzstärksten deutschen Unternehmen. Unterhalb des DAX folgt der MDAX (klassische Branchen) mit 50 Unternehmen und der TecDAX (technologieorientierte Branchen) mit 30 Unternehmen. Unterhalb des MDAX sind die 50 folgenden Werte dem SDAX zugeordnet. Der HDAX umfasst die Werte von DAX, MDAX und TecDAX. In den CDAX sind neben den Werten des Prime Standard auch sämtliche Werte des General Standard einbezogen. Mit Ausnahme des DAX können auch ausländische Emittenten in die Indizes aufgenommen werden. Für die Aufnahme einer Aktie in den Regulierten Markt müssen u. a. folgende Zulassungskriterien erfüllt werden. 1. Das Mindestalter des Unternehmens beträgt drei Jahre. 2. Die Mindesteinführung an Aktienkapital beträgt 1,25 Mio. € Kurswert. 3. Die Stückzahl der Aktien beträgt mindestens 10.000. 4. Streubesitzanteil von mindestens 25 % (nach §9 BörsZulV (Börsenzulassungsverordnung) sind Ausnahmen möglich). Daneben existiern noch Sonderregelungen für die Zulassung von Immobilienunternehmen, sogenannten REIT’s (Real Estate Investment Trusts). Diese müssen etwa einen Großteil (mindestens 75%) ihres Vermögens in unbeweglichem Vermögen halten, einen Großteil ihres Gewinns (mindestens 90%) ausschütten und einen Mindestnennbetrag des Grundkapitals von 15 Mio. aufweisen. Sind die Voraussetzungen erfüllt, erhalten die Unternehmen den REIT-Status und können in einem der oben angegebenen Marktsegmente sich notieren lassen. Weiterhin müssen gewisse Folgepflichten beachtet werden. So ist neben weiteren Kriterien die Veröffentlichung des Jahresabschlusses und mindestens eines Zwischenberichts 2 Quelle: Deutsche Börse AG, Leitfaden zu den Aktienindizes der Deutschen Börse. Prime All-Share- Index Midcap Market Index (80) General Standard weitere gelistete Unternehmen HDAX (110) DAX (30) CDAXTecDAX (30)SDAX (50) MDAX (50) Abb. C 3: Auswahlindizes der Deutsche Börse AG 2 I. Organisation der Finanzmärkte 177 obligatorisch. Zusätzlich muss die Ad-hoc-Publizität nach § 15 WpHG erfüllt werden, d. h. wesentliche, kursrelevante Meldungen müssen dem Anlegerpublikum unmittelbar zur Verfügung gestellt werden. Weiterhin ist die Mitteilungspflicht von Veränderungen des Stimmrechtsanteils gemäß § 21 WpHG zu beachten. Demgegenüber bestehen bei der Einführung der zuzulassenden Aktiengesellschaft am Open Market (Freiverkehr) nur wenige formale Einbeziehungsvoraussetzungen und keine Folgepflichten. XTF Exchange Traded Funds ist ein Marktsegment der Deutsche Börse AG für börsengehandelte Fondsanteile und Fondsaktien. Anleger können in diesem Handelssegment sowohl in Indexfonds, als auch (seit November 2000) in aktiv gemanagte Investmentfonds investieren. Zur Aufnahme in XTF ist die Zulassung der Anteile zum Regulierten Markt verlangt. Außerdem ist bei (passiven) Indexfonds für die Teilnahme der Nachweis zu führen, dass mindestens zwei Designated Sponsors die Fondsanteile für eine Dauer von mindestens zwölf Monaten betreuen. Die Wertentwicklung der passiven Indexfonds ist halbjährlich zu veröffentlichen. Bei aktiv verwalteten Fonds ist der Nachweis eines Designated Sponsors ausreichend und der Anlageerfolg bzw. die Fondszusammensetzung ist monatlich zu dokumentieren. Für alle Fonds ist der Deutsche Börse AG täglich vor Handelsbeginn die genaue Fondszusammensetzung mitzuteilen. Außerbörslich können aufgrund eines nicht bestehenden Börsenzwanges grundsätzlich alle Wertpapiere umgesetzt werden, speziell solche, die nicht zum Prime oder General Standard bzw. zum Entry Standard oder Open Market zugelassen sind (Telefonverkehr). 3. Xeno-/Euromärkte a) Überblick Während an nationalen Finanzmärkten zwischen Inländern in ihrer Heimatwährung gehandelt wird, sind internationale Finanzmärkte dadurch gekennzeichnet, dass entweder die Marktteilnehmer aus unterschiedlichen Ländern stammen oder in ausländischen Währungen gehandelt wird.3 I.d.R. wird der Begriff des internationalen Finanzmarktes synonym mit dem Begriff des Euromarktes verwendet, weil die Aufnahme, die Einlage und der intensive Handel in Fremdwährungen frühzeitig vor allem in europäischen Ländern praktiziert wurden. Tatsächlich ist der Euromarkt heute keineswegs auf den europäischen Wirtschaftsraum beschränkt. Insbesondere sind die „Eurowährungen“ keineswegs ausschließlich europäisch und sind überdies streng von der europäischen Einheitswährung „Euro“ zu trennen. Um Missverständnisse und Verwechslungen zu vermeiden, lag es nahe, alternativ den Begriff der Xenomärkte zu verwenden. Dieser konnte sich allerdings bis heute nicht durchsetzen. Auch die Bezeichnung der internationalen Finanzmärkte als Eurodollarmarkt ist auf ihre Entstehung zurückzuführen und eher irreführend. Längst ist der Handel an den internationalen Märkten nicht mehr auf US-Dollar beschränkt. Unter „Eurodollar“ versteht man US-Dollareinlagen, die außerhalb der USA, z.B. unter Europäern (daher Eurodollar) gehandelt werden. Die etwa bei einer amerikanischen Bank eingelegten US-Dollar können laufend, auch zu Kreditzwecken, abgetreten werden. Der Handel am Euromarkt ist heute jedoch nicht mehr auf Dollar beschränkt. Wesentliche Beträge werden in allen europäischen Hartwährungen umgesetzt, und am Handel nehmen auch 3 Vgl. Büschgen, Internationales Finanzmanagement, 1997.

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

"...gehört zu den etablierten Standardwerken für den gesamten Bereich der Investition und Finanzierung." boerse.de-MAGAZIN

Dieses Lehrbuch und Nachschlagewerk ist das Standardwerk für den gesamten Bereich der Investition und Finanzierung nach deutschem Recht. Neben den wichtigen Methoden der klassischen Finanz- und Investitionstheorie werden auch neue Finanzinstrumente und Erkenntnisse im Bereich der Kapitalmärkte erläutert, sodass dem Leser ein fundierter Überblick über den aktuellsten Stand der Forschung ermöglicht wird.

Aus dem Inhalt

- Management der Vermögensstruktur - Investitionsrechnung und Disposition des Umlaufvermögens

- Wertpapiergeschäfte - Analyse von Aktien und Aktienindizes sowie Wertpapierprogrammentscheidungen und Risikomanagement mit Termingeschäften

- Alternativen der Kapitalaufbringung - Finanzierungsformen, Kapitalstruktur und Verschuldungspolitik

- Finanzanalyse - Kennzahlenanalyse und Kapitalflussrechnung

- Finanzplanung - Kapitalbedarf- und Liquiditätsplanung, Plananpassung und Kontrolle

Die Autoren

Dr. Dr. h.c. Louis Perridon und Dr. Manfred Steiner waren bis zu ihrer Emeritierung Professoren für Betriebswirtschaftslehre an der Universität Augsburg. Dr. Andreas Rathgeber ist Professor am Institut Materials Resource Management und am Kernkompetenzzentrum Finanz- und Informationsmanagement an der Universität Augsburg.