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5.1 Verbale Kommunikation in:

Michael Schugk

Interkulturelle Kommunikation, page 90 - 119

Grundlagen und interkulturelle Kompetenz für Marketing und Vertrieb

2. Edition 2014, ISBN print: 978-3-8006-4888-7, ISBN online: 978-3-8006-4889-4, https://doi.org/10.15358/9783800648894_90

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Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 71 5 Interkulturelle Erscheinungsformen und Instrumente der interpersonalen Kommunikation Die interpersonale Kommunikation ist für den Forschungsbereich der Interkulturellen Kommunikation von überaus großem Interesse. Dabei ist unter interpersonaler Kommunikation oder persönlicher Kommunikation die direkt von Person zu Person vonstatten gehende Kommunikation zu verstehen. Eine andere Ausdrucksweise hierfür ist Mund-zu-Mund-Kommunikation („face-to-face-communication“), die letztendlich die Unmittelbarkeit dieser Kommunikationsform veranschaulicht. In diesem Zusammenhang wird auch verständlich, warum sie, in Abgrenzung zur Massenkommunikation, auch als Primärkommunikation oder direkte Kommunikation bezeichnet wird1. Die interpersonale Kommunikation, die zwischen zwei oder mehreren Personen stattfinden kann, findet sowohl im Rahmen der beruflichen Tätigkeit von Managern, Angestellten und Arbeitern in Unternehmen als auch in den verschiedensten Bereichen des privaten Lebens statt. Das tatsächliche Ausmaß, das die interpersonale Kommunikation in der Gesellschaft einnimmt, wird deutlich, wenn man den in der Literatur überaus häufig wiedergegebenen Überlegungen von Watzlawick folgt. Watzlawick folgert aus der für ihn gegebenen Tatsache, dass alles Verhalten in einer zwischenmenschlichen Situation Mitteilungscharakter hat, dass alles Verhalten in einer zwischenmenschlichen Situation Kommunikation ist. Dementsprechend formuliert Watzlawick sein erstes metakommunikatives Axiom wie folgt: „Man kann nicht nicht kommunizieren“. Seine diesbezüglichen Ausführungen „Verhalten hat kein Gegenteil“ seien wortwörtlich wiedergegeben: „Verhalten hat vor allem eine Eigenschaft, die so grundlegend ist, daß sie oft übersehen wird: Verhalten hat kein Gegenteil, oder um dieselbe Tatsache noch simpler auszudrücken: Man kann sich nicht nicht verhalten. Wenn man also akzeptiert, daß alles Verhalten in einer zwischenpersönlichen Situation Mitteilungscharakter hat, d. h. Kommunikation ist, so folgt daraus, daß man, wie immer man es auch versuchen mag, nicht nicht kommunizieren kann. Handeln oder Nichthandeln, Worte oder Schweigen haben alle Mitteilungscharakter: Sie beeinflussen andere, und diese anderen können ihrerseits nicht nicht auf diese Kommunikation reagieren und kommunizieren damit selbst. Es muß betont werden, daß Nichtbeachtung oder Schweigen seitens des anderen dem eben Gesagten nicht widerspricht. Der Mann im überfüllten Wartesaal, der vor sich auf den Boden starrt oder mit geschlossenen Augen dasitzt, teilt den anderen mit, daß er weder sprechen noch angesprochen werden will, und gewöhnlich reagieren seine Nachbarn richtig darauf, indem sie ihn in Ruhe lassen. Dies ist nicht weniger ein Kommunikationsaustausch als ein angeregtes Gespräch.“2 Interessant an diesen Ausführungen ist, dass Watzlawick davon ausgeht, dass in einer unmittelbaren zwischenmenschlichen Beziehung jedes beobachtbare sprachliche (verbale) und nichtsprachliche (nonverbale) Verhalten auf die gegenüber befindliche Person einwirkt und in Abhängigkeit vom jeweiligen Kontext eine 5 Interkulturelle Erscheinungsformen der interpersonalen Kommunikation Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 72 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 73 72 5 Interkulturelle Erscheinungsformen der interpersonalen Kommunikation spezifische Bedeutung erlangt. Daher setzt Watzlawick die Begriffe (zwischenmenschliches) Verhalten und Kommunikation gleich3. Diese Auffassung deckt sich mit der Auffassung von Luhmann, der jegliches soziale Handeln als Form der Kommunikation auffasst4. In der interpersonalen Kommunikation kann grundsätzlich auf zwei verschiedene Erscheinungsformen geblickt werden. Bei der verbalen Kommunikation wird auf das Instrument der Sprache, bei der nonverbalen Kommunikation hingegen, wie noch zu sehen sein wird, auf eine Vielzahl an Instrumenten zurückgegriffen5. Lange Zeit wurde der nonverbalen Kommunikation vonseiten der kommunikationswissenschaftlichen Forschung nur geringes Augenmerk zuteil. Seit den 1960er Jahren jedoch hat sich der Forschungsschwerpunkt verschoben, so dass die verschiedenen Erscheinungsformen der interpersonalen Kommunikation eine gleichgewichtigere Bedeutung in der Kommunikationsforschung erlangt haben. 5.1 Verbale Kommunikation Das Ausdrucksmittel der verbalen Kommunikation ist die Sprache, die Schätzungen zufolge erst ca. 90.000 bis 40.000 Jahre alt ist6. Heutzutage ist die Aussage, dass die Sprache im Wesentlichen in der Realität der Kultur verwurzelt ist, unbestritten. Bereits vor über 60 Jahren wurde die Untrennbarkeit von Sprache und Kultur herausgestellt, etwa in der Prager Linguistischen Schule oder dem Britischen Kontextualismus7. Mit Gudykunst und Ting-Toomey ist das Verhältnis von Kultur und Kommunikation sogar als ein Prozess wechselseitiger Einflussnahme zu verstehen: „The culture in which individuals are socialized influences the way they communicate, and the way that individuals communicate can change the culture they share over time.“8 Es besteht eine häufig unterschätzte Vielzahl an unterschiedlichen Sprachen. Die Frage, wie viele Sprachen existieren, hängt davon ab, wie „Sprache“ definiert wird. So macht es einen bedeutenden Unterschied, ob nur die großen Hauptsprachen der Welt berücksichtigt werden, oder ob zusätzlich auch alle feineren Unterschiede bis hin zu regionalen oder lokalen Dialekten in Betracht gezogen werden. Die Sprachenvielfalt bringt der „Linguistic Survey of India“ zum Ausdruck, dem zufolge allein in Indien 179 verschiedene Sprachen und 544 Dialekte existieren9. Die Schätzungen über die weltweit existenten Sprachen sind unterschiedlich. So geht beispielsweise Dülfer von ca. 2.790 „lebenden“ Sprachen10, Spitzer hingegen von ca. 8.000 Sprachen weltweit aus. Die in der Literatur vorzufindenden unterschiedlichen Angaben sind auf eine kontroverse Interpretation des Begriffs „Sprache“ zurückzuführen. Fest steht, dass der Umfang bzw. die Häufigkeit, mit der eine bestimmte Sprache auf der Welt vertreten ist, extrem unterschiedlich ist11. Die 12 Weltsprachen, die heute sowohl als Muttersprache als auch als Fremdsprache am meisten benutzt werden, werden durch die in Tabelle 5-1 wiedergegebene Rangliste zum Ausdruck gebracht, wobei hierbei auch die führende Position des Englischen als Weltverkehrssprache, also als Lingua franca sehr deutlich wird. 5.1 Verbale Kommunikation Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 72 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 73 735.1 Verbale Kommunikation Weltsprache Muttersprachler Sprecher insgesamt Englisch 375 Mio. 1.500 Mio. Chinesisch 982 Mio. 1.100 Mio. Hindi 460 Mio. 650 Mio. Spanisch 330 Mio. 420 Mio. Französisch 79 Mio. 370 Mio. Arabisch 206 Mio. 300 Mio. Russisch 165 Mio. 275 Mio. Portugiesisch 216 Mio. 235 Mio. Bengalisch 215 Mio. 233 Mio. Deutsch 105 Mio. 185 Mio. Japanisch 127 Mio. 128 Mio. Koreanisch 78 Mio. 78 Mio. Tabelle 5‑1: Benutzungshäufigkeiten der weltweit bedeutsamsten Weltsprachen (Quelle: Broszinsky‑Schwabe (2011), S. 101) Grundsätzlich kann gesagt werden, dass die ca. einhundert am häufigsten vertretenen Sprachen von über 95 % der Weltbevölkerung gesprochen werden. Andererseits steht am anderen Ende der Skala etwa ein Drittel sämtlicher Sprachen, die von weniger als tausend Menschen gesprochen werden und die somit vom Aussterben bedroht sind. So wird in Äthiopien die Sprache Ongota noch von 19 Menschen gesprochen, die Sprache Elmolo von ganzen sechs Menschen. Die beiden letzten Sprecher der Sprache Gafat sind bereits vor einigen Jahren verstorben, nachdem ein Linguist beide aus dem Dschungel in die Hochländer gebracht hatte und sie sich eine Erkältung zugezogen hatten, deren Verlauf tödlich endete. Die auf der entlegenen pazifischen Inselrepublik Vanuatu angewandte Sprache Aore wird nur noch von einem einzigen Einwohner gesprochen12. Die Anzahl der Dialekte liegt höher als die der Sprachen und wird auf ca. 12.000 geschätzt13. Dabei unterscheidet sich eine Sprache von einem Dialekt dadurch, dass für ein Verstehen ein Übersetzer benötigt wird: „Wer jedoch beispielsweise von Innsbruck nach Amsterdam wandert, der wird einen kontinuierlichen Wandel der Sprache feststellen, die bei Reisebeginn Deutsch und am Ende der Reise Holländisch heißt. Je zwei Einwohner aus je 50 km entfernten Dörfern und Städten werden sich gut unterhalten können, Menschen von den Orten des Reisebeginns und Reiseziels brauchen jedoch einen Übersetzer.“14 5.1.1 Sapir-Whorf-Theorie Den Zusammenhang zwischen Sprache und Weltsicht haben die beiden amerikanischen Linguisten Sapir und Whorf in den 1930er Jahren in ihrer Sapir-Whorf- Theorie abgehandelt15. Dieser durchaus extrem formulierten Theorie zufolge hängt die Sprache einer Menschengruppe sehr eng mit der jeweiligen Weltsicht dieser Gruppe zusammen. Es besteht eine wechselseitige Beziehung zwischen Sprache Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 74 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 75 74 5 Interkulturelle Erscheinungsformen der interpersonalen Kommunikation und Weltsicht. So ist die gemeinsame Sprache Determinante und zugleich Ausdruck der gemeinsamen „Weltsicht“: „Einerseits wird die Weise, wie man die Welt wahrnimmt und erlebt, in hohem Maße durch die Sprache bestimmt, zugleich ist die Sprache aber auch Ausdruck des kulturspezifischen Welterlebens und formt und differenziert sich verschieden aus je nach Weltsicht und nach Bedürfnissen, Erwartungen und Motivationen verschiedener Kulturen.“16 Die Ausgangsthese der Theorie geht davon aus, dass Menschen ihre Welt auf der Basis sprachlicher Kategorien ordnen. Infolge der engen Beziehungen und damit verbundenen Wechselwirkungen zwischen Sprache und Weltsicht kommt in diesem Zusammenhang die Grundregel zum Tragen, dass ein Objektbereich, (z. B. der Objektbereich „Schnee“ oder der Objektbereich „Kamel“) sprachlich nur vergleichsweise grob kategorisiert werden kann. Gleichzeitig kann ein Objektbereich jedoch auch überaus fein ausdifferenziert werden. Das Ausmaß der Ausdifferenzierung wird wesentlich bestimmt durch die Bedeutung, die dem jeweiligen Objektbereich in einer Kultur zukommt. Je bedeutender der Objektbereich, desto feiner ist die sprachliche Differenzierung. Je weniger bedeutend der Objektbereich hingegen ist, desto gröber fällt die sprachliche Differenzierung aus. Ein sehr differenziertes Begriffsnetz ist fast immer Fingerzeig dafür, dass der entsprechende Objektbereich für die Menschen einer Kultur in ihrem alltäglichen Leben, im Denken und Handeln von besonderer Wichtigkeit ist. Diesen Sachverhalt veranschaulicht beispielsweise der Objektbereich „Schnee“. Der „gewöhnliche Flachländer“ unterscheidet im Normalfall lediglich grob zwischen Schnee und Eis, der Skifahrer hingegen hat schon mehrere Begriffe für verschiedene Formen des Schnees, die auf dessen Beschaffenheit hinweisen. Diese Beschaffenheit kann für den Skifahrer von eminenter Bedeutung sein, da mit dieser eine unterschiedlich hohe Lawinengefahr verbunden sein kann. Die Eskimos schließlich, deren Leben vom Schnee in höchstem Maße geprägt ist, haben über hundert Begriffe, mit denen sie unterschiedliche Erfahrungen hinsichtlich Schnee und Eis ausdrücken können. Diese differenzierten Unterscheidungsmöglichkeiten sind für die Eskimos geradezu überlebenswichtig. Die einzelnen Begriffe, die mit unterschiedlichen Erfahrungen verknüpft sind, ermöglichen es, Erfahrungen auch tatsächlich differenziert weiterzugeben17. Hingegen werden beispielsweise deutsche Kulturvertreter im Sinne der Sapir-Whorf-Theorie aufgrund eines mangelnden sprachlichen Unterscheidungsvermögens daran gehindert, entsprechend den Eskimos tatsächlich bestehende Unterschiede in der Art, Beschaffenheit und Konsistenz des Schnees wahrzunehmen und die verschiedenen Schneearten dementsprechend zu unterscheiden18. Somit geht die Sapir-Whorf-Theorie davon aus, dass Sprache die Erfahrung mit der Umwelt strukturiert. Gleichzeitig ist es in umgedrehter Richtung aber auch so, dass auch die Erfahrung mit der Umwelt die Sprache strukturiert. Die „reale Welt“ bzw. das, was als die „Wirklichkeit“ bezeichnet wird, fließt zu wesentlichen Teilen in die Sprachgewohnheiten einer Menschengruppe ein. Zusammenfassend ist festzuhalten, dass der Sapir-Whorf-Theorie zufolge zum einen die „reale Welt“ zu wesentlichen Teilen auf den Sprachgewohnheiten einer Menschengruppe aufgebaut wird. Jede Sprache hat dabei ihre eigene Weise, ein und dieselbe Realität widerzuspiegeln. Sprache strukturiert also die Erfahrung mit Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 74 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 75 755.1 Verbale Kommunikation der Umwelt. Es handelt sich schlicht um eine kulturspezifisch eigene Erlebniswelt. Zudem determiniert die Sprache das Wahrnehmen und Denken des Menschen, was daran liegt, dass ein Individuum nur das denken kann, was ihm seine Sprache erlaubt. Zum anderen strukturiert gemäß der Sapir-Whorf-Theorie aber auch die Erfahrung mit der Umwelt die Sprache. So gab es Anfang der 1970er Jahre im klassischen Arabisch mehr als 6.000 Wörter, die sich auf den Objektbereich Kamel bezogen, z. B. auf dessen Farbe, Körperform, Geschlecht, Alter, Bewegung, Kondition, Ausrüstung usw. Heutzutage findet sich diese Bedeutung des Objektbereichs Kamel nicht mehr in diesem Ausmaße wieder, moderne Verkehrsmittel und Möglichkeiten der Vermögensanlage haben zum Bedeutungsverlust des Kamels in der arabischen Kultur beigetragen19. Die Reihe der Beispiele, die in der Literatur in Zusammenhang mit der Sapir-Whorf-Theorie angeführt werden, lässt sich schier endlos fortsetzen. So gibt es beispielsweise auf den Südseeinseln zahlreiche Begriffe für die Kokosnuss, die sich nicht nur auf das Objekt der Kokosnuss, sondern auch auf einzelne Teile der Kokosnuss beziehen oder ihren Verwendungszweck beschreiben20. Den Hanunos auf den Philippinen stehen insgesamt 92 Begriffe zur Unterscheidung der existierenden verschiedenen Reissorten zur Verfügung21. Mit diesen wenigen Beispielen werden sog. „linguistic blanks“ angesprochen, also Termini einer Sprache, die in einer anderen Sprache keine Entsprechung haben und eine wörtliche Übersetzung somit unmöglich machen. Jede Sprache verfügt über Wörter, die nicht übersetzbar sind oder deren semantische Felder sich zumindest nur partiell mit denen anderer Sprachen überschneiden. So gibt es etwa im Deutschen keinen Terminus für das englische „fair play“22. Auch keine genaue Entsprechung gibt es im Deutschen für das spanische „pícaro“ bzw. „picardía“, wofür eine Übersetzung mit „Schlitzohr“ oder „Spitzbube“ bzw. „Pfiffigkeit“ oder „Gaunertum“ im besten Falle eine Annäherung erlaubt, um einen Menschentyp bzw. eine Lebensphilosophie zum Ausdruck zu bringen, die der Grundhaltung entspricht, dass vom Staat traditionell wenig zu erwarten ist und ein gesellschaftlicher Aufstieg auf der Basis von Bildung und Fleiß in nur sehr begrenztem Ausmaße erfolgversprechend ist. Umgekehrt gibt es für den Menschentyp des „deutschen Spießers“ keine wirklich adäquate Übersetzung im Spanischen, so dass auch hier das kulturübergreifende Fehlen eines Pendants zu konstatieren ist23. Trotz der interessanten Aspekte, die die Sapir-Whorf-Theorie aufzeigt, ist ihre Gültigkeit zumindest deutlich eingeschränkt. Der Grund hierfür soll an einem Beispiel festgemacht werden. Sapir und Whorf führen u. a. die Hopi-Indianer als Beleg für die Gültigkeit ihrer Theorie an, die keine entsprechenden sprachlichen Ausdrucksmittel haben, um dem Begriff von Zeit Rechnung zu tragen. Auch wenn die Hopi-Indianer keine sprachlichen Ausdrucksmittel für den Zeitbegriff haben, so haben sie dennoch eine Vorstellung von Zeit24. So können in einer Sprache, in der Tempuskategorien nicht grammatikalisiert sind, beispielsweise andere Strukturen, zum Beispiel Adverbien, herangezogen werden, um Zeitverhältnisse deutlich zu machen25. Irritierenderweise gibt es sogar Anlass zu der Einschätzung, dass Whorf seine Forschungsaktivitäten ausschließlich auf Gespräche mit einem einzigen in New York lebenden Hopi-Informanten bezogen haben soll. Zudem hat der Linguist Malotki 1983 in seinem Buch „Hopi Time“ die Behauptung von Whorf, dass die Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 76 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 77 76 5 Interkulturelle Erscheinungsformen der interpersonalen Kommunikation Hopi-Sprache weder Wörter, noch grammatikalische Formen, Konstruktionen oder Ausdrücke beinhalte, die sich auf das beziehen, was herkömmlicherweise unter „Zeit“ verstanden wird, widerlegt, indem er eine Vielzahl solcher Aspekte der Hopi-Sprache zusammengetragen hat26. Ein anderes Beispiel, das die Gültigkeitseinschränkung der Sapir-Whorf-Theorie verdeutlicht, repräsentiert sich in den Waos, ein bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts weitgehend ungestört in den Tieflandregenwäldern im Osten von Ecuador lebendes kleines Volk. Die Waos zeichneten sich bis Ende der 1960er Jahre durch eine enorme Gewaltbereitschaft aus. So ermittelten die amerikanischen Ethnologen Boster und Yost, dass 60 % aller Todesfälle gewaltsam verursacht wurden: „Praktisch jeder erwachsene Mann des Zweitausend-Seelen-Völkchens hatte sich am Töten beteiligt. Doch seltsam: Obgleich die Waos die Gewalt offenbar in die Wiege gelegt bekamen, kannte ihre Sprache zentrale Begriffe wie Krieg, Rache oder Vergeltung nicht. In einigen knappen Umschreibungen der Wao-Sprache, die Boster und Yost beherrschen, konnten die Forscher gleichwohl erkennen, daß die todbringenden Umtriebe das Ergebnis einer offenbar grenzenlosen, sich seit vielen Generationen drehenden Spirale der Gewalt und Gegengewalt waren (…).“27 Ein weiteres Beispiel, das die Einschränkung der Sapir-Whorf-Theorie darlegt, repräsentiert sich in den Kamayura-Indianern. Dieses Indianervolk hat keine sprachlichen Ausdrucksmittel für eine Differenzierung zwischen den beiden Farben Blau und Grün. Dennoch sind die Kamayura-Indianer dazu in der Lage, diese beiden Farben sowie die hiermit verbundenen Unterschiede zu erkennen. Zudem muss die Möglichkeit beachtet werden, mit dem reichen Vokabular, über welches etwa Sprachen wie Deutsch oder Englisch verfügen, differenzierte Beschreibungen abzugeben, also etwa differenziert die verschiedensten Schneevarianten bzw. -arten zu beschreiben. Somit kann eine Annäherung an die exakten Termini zur Beschreibung einzelner Schneevarianten zumindest approximativ vonstatten gehen. Von daher ist die deterministische Haltung von Sapir und Whorf nicht ohne Widerspruch hinzunehmen, da die Erfahrung der physischen Welt durch die menschlichen Sinne nicht eindeutig und absolut durch die jeweilige Sprache begrenzt ist28. Der zentrale Kritikpunkt gegenüber der Sapir-Whorf-Theorie ist aber darin zu sehen, dass die Art und Weise, in der Sprachstruktur und Weltsicht miteinander in Verbindung gesetzt werden, letztlich zirkulär ausgerichtet ist. Diesen Kritikpunkt bringt Pinker pointiert zum Ausdruck: „Apaches speak differently, so they must think differently. How do we know that they think differently? Just listen to the way they speak.”29 Als hingegen zutreffend kann angesehen werden, dass die Sprache, die als eine Art kollektives Gedächtnis einer bestimmten Kultur aufgefasst werden kann, das jeweilige Denken der einzelnen Kulturmitglieder maßgeblich prägt und beeinflusst. Umgekehrt prägt aber auch das Denken des Menschen seine Sprache. Letztlich sind es die Erfahrungen und Kenntnisse vieler Menschen, die eine Sprache zu dem machen, was sie ist, nämlich ein Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 76 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 77 775.1 Verbale Kommunikation „einzigartiges System von verbundenen Begriffen und Regeln, die einen Teil der Welt und des Verhältnisses des Menschen zur Welt abbilden. (…) Da keine Sprache, keine Kultur allwissend ist, bringt das Aussterben von Sprachen auch eine kulturelle Verarmung mit sich, eine Verarmung an „Sichten“ der Welt, an gewachsenen Interpretationsmustern der Erfahrung.“30 5.1.2 Stereotype im interkulturellen Kontext Menschen haben Vorstellungen über andere Kulturen, aber auch über die eigene Kultur. Vorstellungen sind dabei zu verstehen als das gesamte Faktenwissen über eine Kultur sowie über deren Images. Das Image einer Kultur stellt die Gesamtheit all jener Attribute dar, die einer Person einfallen, wenn sie zu dieser Kultur befragt wird. Derartige Images können mitunter differenziert und detailliert ausfallen. Zumeist aber beschränken sich die Images auf einige wenige Merkmale oder Eigenschaften einer Kultur. Handelt es sich um derartige, stark vereinfachte und geradezu klischeehafte Vorstellungen, dann wird auch von Stereotypen gesprochen. In der Wirklichkeit werden einzelne Kulturvertreter häufig lediglich aufgrund ihrer Kulturzugehörigkeit eingeordnet und eingeschätzt. Diese im alltäglichen Leben beobachtbare Einkategorisierung und Bewertung einzelner Kulturen bzw. deren Vertreter geht oftmals vergleichsweise leichtfertig vonstatten. Der Grund für diese (zu) stark generalisierende und vereinfachende Einkategorisierung ist darin zu sehen, dass sie auf Basis der herrschenden Stereotype vorgenommen wird31. Unabdingbar hiermit verbunden ist eine stark selektive Betrachtung einzelner Merkmale bzw. Charakteristika einer Kultur32. Die bisher ausschließlich angesprochenen sog. Heterostereotype beziehen sich auf die Einschätzung von fremden Kulturen bzw. Gruppen. Daneben existieren aber auch hiervon abzugrenzende Autostereotype, die sich auf die eigene Kultur bzw. Gruppe beziehen. Neben Hetero- und Autostereotypen existieren häufig auch stereotype Vorstellungen davon, welche Stereotype andere Kulturen bzw. Gruppen in Bezug auf die eigene Kultur bzw. Gruppe haben33. Gibson beschreibt Stereotype als „(…) fixed idea or image that many people have of a particular type of person or thing… The word comes from printing, where it was used to describe the printing plate used to produce the same image over and over again.”34 Dabei greift Gibson auch die Herkunft von dem Begriff Stereotyp auf, der der sog. Stereotypie entlehnt ist. Stereotypie ist ein Drucktechnik-Verfahren zur mechanischen Abformung von Druckplatten durch Abformen in Maternpappe und Ausgie- ßen der gewonnenen Form z. B. mit einer Bleilegierung. Dieser Begriffsentlehnung folgend können Stereotype als stark vereinfachende, mitunter geradezu klischeehafte Vorstellungen über Kulturen verstanden werden, die verallgemeinernd für alle Mitglieder einer Kultur als zutreffend angesehen werden35. Zum Ausdruck gebracht werden können die mit Stereotypen unweigerlich verbundenen Generalisierungen durch unterschiedlichste sprachliche Mittel. Im Einzelnen bestehen hierbei folgende Möglichkeiten: Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 78 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 79 78 5 Interkulturelle Erscheinungsformen der interpersonalen Kommunikation • Gebrauch des Artikels: – Formulierung eines Prototypen mittels bestimmtem Artikel im Singular, z. B. „Der Schotte an sich ist geizig“ – Gebrauch des bestimmten Artikels in der Pluralform, z. B. „Die Finnen sind verschlossen“ • Gebrauch des Indefinitpronomens „man“, z. B. „In Spanien feiert man gerne“ • Einsatz generalisierender Pronomen wie z. B. „jeder“, „kein(er)“ etc. • Gebrauch der adjektivischen Form der Nationalitätenbezeichnung als Attribut, z. B. „die deutsche Gründlichkeit“ • Einsatz generalisierender Adverbien, z. B. „immer“, „normalerweise“, „in der Regel“, „generell“, „typisch“ etc. • Explizite Formulierungen, z. B. „das kann generell gesagt werden“, „das trifft aus meiner Sicht generell zu“ etc.36; Die in Zusammenhang mit Stereotypen entstehenden Images beschränken sich häufig auf einige wenige Merkmale oder Eigenschaften. Psychologisch gesehen sind Stereotype somit als eine Entlastung der eigenen Person zu verstehen, die Komplexität der Realität wird reduziert. Mit Hilfe von Stereotypen wird die Welt also leichter handhabbar37. In diesem Sinne versteht Lippmann bereits in den 1920er Jahren Stereotype als ein rationelles Verfahren des Individuums zur Reduktion der Komplexität seiner realen Umwelt. Die Stereotypisierung ist für ihn letztlich als ein grundlegender Wahrnehmungs- und Kategorisierungsprozess zu verstehen, ohne den eine erfolgreiche Aufarbeitung und Bewältigung der umgebenden Welt kaum möglich ist38. Die Funktion der Komplexitätsreduktion darf dabei nicht grundsätzlich als etwas Negatives angesehen werden: „(…) but grouping individuals into categories is neither good nor bad – it simply reduces a complex reality to manageable dimensions. Negative views of stereotyping simply cloud our ability to understand people’s actual behavior and impair our awareness of our own stereotypes. Everyone stereotypes.”39 Im Übrigen können Stereotype, die auch als vorgegebene Erwartungen an das Verhalten einer anderen Gruppierung aufgefasst werden können40, im Einzelfall auch differenziert und detailliert ausfallen41. In jedem Fall kann die Orientierungsund Identifikationsfunktion, die Stereotype erfüllen, durchaus als eine gewisse Hilfestellung verstanden werden. Allerdings ist in diesem Zusammenhang besonders zu betonen, dass Stereotype, insbesondere wenn sie (im Einzelfall) unzutreffend sind die Interkulturelle Kommunikation durchaus erschweren können42. So beschreibt etwa Bannys die generell mögliche negative bzw. kontraproduktive Wirkung von Stereotypen wie folgt: „Nach ihrer Aktivierung lösen Stereotype bewusste sowie unbewusste verbale und/ oder nonverbale Verhaltensänderungen gegenüber Personen aus, die mit dem Stereotyp in Verbindung gebracht werden. Hierzu gehören eine kalte, unfreundliche Körpersprache, Ablehnung, höhere Konfliktbereitschaft oder auch Ängstlichkeit. Da es in vielen Kulturen gesellschaftlich nicht akzeptiert ist, Stereotype offen zu zeigen, löst deren Aktivierung bei der betroffenen Person oft das Bemühen aus, sich diese nicht anmerken zu lassen. Übertrieben positives Verhalten kann dabei dazu führen, dass es zu Widersprüchen zwischen verbaler und nonverbaler Kommunikation kommt, die der Partner aus der anderen Kultur wahrnimmt.”43 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 78 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 79 795.1 Verbale Kommunikation Es wird deutlich, dass Stereotype im Sinne einer Erwartungs-Erfahrungs-Dialektik bewirken können, dass entsprechend verengte Erwartungshaltungen generiert werden, so dass ein Aufenthalt in einer bestimmten Kultur in Ausrichtung an den für diese Kultur bestehenden Stereotypen nur über den Filter einer ausgeprägt selektiven Wahrnehmung erfahren wird. Insofern besteht also die Gefahr, dass Primärerfahrungen in erheblichem Maße durch eine Suche nach Konkretisationen der durch die Stereotype geprägten Erwartungen beeinflusst werden. Im Zweifelsfall wird also bei einem Aufenthalt in einer bestimmten Kultur auch genau das vorgefunden bzw. an Erfahrungen gemacht, was geleitet von den bestehenden Erwartungen auch gesucht worden ist44. Eine andere, nicht zu verschweigende Gefahr von Stereotypen ergibt sich durch sog. selbsterfüllende Prophezeiungen. Diese führen dazu, dass selbst falsche Stereotype im Zuge einer selektiven Wahrnehmung vom jeweiligen Betrachter tatsächlich entdeckt bzw. vorgefunden werden, obwohl sie möglicherweise haltlos sind45. Die Gefahr selbsterfüllender Prophezeiungen auf dem Gebiete der menschlichen Kommunikation, die für den maßgeblichen Vertreter des positiven Konstruktivismus Watzlawick grundsätzlich besteht, wird von ihm am Beispiel der Oak-School-Experimente verdeutlicht. Bei diesen Experimenten wurde an einer Volksschule mit 18 Lehrerinnen und über 650 Schülern die sich selbst erfüllende Prophezeiung dadurch generiert, dass sich die Schüler vor Beginn des Schuljahres einem Intelligenztest zu unterziehen hatten. Den Lehrerinnen wurde aber mitgeteilt, dass der Test außer dem Intelligenzgrad auch jene 20 % aller Schüler identifizieren würde, die im bevorstehenden Schuljahr rasche und überdurchschnittliche Leistungsfortschritte erwarten lassen. Nach Durchführung der Intelligenztests wurden den Lehrerinnen – noch vor dem ersten Zusammentreffen mit den neuen Schülern – in Listenform die Namen jener Schüler übergeben, von denen aufgrund der Testergebnisse überdurchschnittliche Leistungssteigerungen angeblich „mit Sicherheit“ erwartet werden konnten. Tatsächlich jedoch enthielten die Listen völlig willkürlich ausgewählte Namen. Obwohl der Unterschied zwischen den Kindern der Liste und den verbleibenden Kindern nur im Kopf der Lehrerinnen bestand, ergab eine erneute Durchführung desselben Intelligenztests für alle Schüler, dass „tatsächlich“ eine überdurchschnittliche Zunahme des Intelligenzquotienten und der Leistungen dieser „besonderen“ Schüler zu verzeichnen war. Die Berichte der Lehrerinnen legten zudem dar, dass sich diese Kinder auch ansonsten in punkto Verhalten, intellektueller Neugierde, Freundlichkeit etc. eindeutig vorteilhaft von ihren Mitschülern abgrenzten46. Die Quellen und Entstehungsgründe von Stereotypen bzw. Images sind in der Regel nicht im Einzelnen zu erkennen. Nicht selten bestimmen auch Zufälligkeiten ein Image mit. Dies bedeutet, dass im Grunde ein jedes Ereignis bzw. jeder Gegenstand zur Formung eines Images bzw. Stereotyps von einer anderen Kultur beitragen kann47. Generell kann gesagt werden, dass Stereotype in der Erziehung von den Eltern, aber auch von Personen des persönlichen Umfelds, etwa in der Schule, im Beruf und im Verein gelernt werden. Daneben spielen aber auch persönliche Erfahrungen48 sowie die Massenmedien eine nicht zu unterschätzende Rolle49. Insbesondere die Massenmedien wie Fernsehen und Printmedien sind es, die Stereotype auch von entfernt gelegenen Kulturen vermitteln, obwohl ein persönliches Kennenlernen häufig nicht erfolgt ist50. Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 80 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 81 80 5 Interkulturelle Erscheinungsformen der interpersonalen Kommunikation Auch wenn Stereotype über andere Kulturen im Allgemeinen sehr stabil sind und mitunter nahezu unverändert von Generation zu Generation weitergegeben werden, so können sie dennoch einem Wandel unterliegen. Neben einer vorherrschenden langfristigen und allmählichen Veränderung im Zuge sozialen Wandels gibt es mitunter aber auch dramatische Ereignisse, die die interkulturellen Images beeinflussen. So wurden die Russen in den US-amerikanischen Massenmedien vor dem Zweiten Weltkrieg als gewalttätiges und rabiates Volk von Bolschewiken beschrieben, während sich dieses Bild kurz nach Kriegsende hin wandelte zu loyalen Alliierten, die sich nur wenig von den Amerikanern unterscheiden. Mit Beginn des Kalten Krieges kehrten die Medien zurück zum alten Feindbild, wenn auch diesmal etwas differenzierter als zuvor51. Ähnlich schnell dürften sich Stereotype über die Bevölkerung der ehemaligen DDR im Zuge des Falls der Mauer verändert haben. Wurde die Bevölkerung häufig pauschalisierend mit einem kalten, unmenschlichen kommunistischen System und Machtapparat gleichgesetzt, so herrschen heute oftmals negativ ausgerichtete Stereotype vom „faulen Ossi“, der „einfach anders“ ist, vor. Von besonderer Bedeutung für die Entstehung und Aufrechterhaltung von Stereotypen ist die als Wirkgröße fungierende visuelle Komponente. Visuelle Zitate bzw. Stimuli, gerade auch aus dem Bereich der Massenmedien, spielen bei der Bildung von Stereotypen offensichtlich eine wichtige Rolle. Gerade den Medien der Massenkommunikation fällt eine Funktion zu, die für die Gesellschaft bzw. Kultur von großer Bedeutung ist. Diese Funktion ist in der Vermittlung von Sekundärerfahrung zu sehen. Hierdurch werden dem Menschen Wissen, Einsichten, Kenntnisse und Erfahrungen vermittelt, wobei gleichzeitig eine Beschränkung auf das Hier und Jetzt aufgehoben wird. „Als Gegenstück zur direkt erfahrbaren „Nahwelt“ erschließt er sich eine „Fernwelt“ in Raum und Zeit.“52 Wäre der Mensch lediglich auf sein Primärerleben beschränkt, so würden zahlreiche Erfahrungen und umfassendes Wissen kaum erhältlich sein. So weiß beispielsweise so gut wie jeder, wie ein weißer Hai aussieht und wie er sich im Wasser bewegt. In der Wirklichkeit gesehen haben ihn aber wohl die wenigsten. Auch bei der Vermittlung von Kenntnissen über fremde Kulturen spielen die modernen Massenmedien eine zentrale Rolle. Insbesondere das Fernsehen ist es, welches mit seinem umfassenden Aussagenangebot einen großen Teil der Images und Stereotype über fremde Kulturen maßgeblich prägt. Diese Wichtigkeit des Fernsehens lässt sich nicht zuletzt auf seine stark visuelle Ausrichtung zurückführen53. 5.1.2.1 Dimensionen von Stereotypen Stereotype können grundsätzlich anhand von vier Dimensionen kategorisiert werden. 5.1.2.1.1 Richtung Die Dimension der Richtung bezieht sich darauf, ob Stereotype sich auf positive bzw. vorteilhafte Aspekte („US-Amerikaner sind ehrlich, hart arbeitend etc.“) oder auf negative bzw. nachteilige Aspekte („US-Amerikaner sind oberflächlich, disziplinlos, ein Volk von Cowboys“) beziehen54. Häufig anzutreffen ist die Meinung, dass Stereotype ausschließlich negativ konnotiert sind und somit als grundsätzlich ungerechtfertigtes pauschales (Vor)Urteil das vorrangige Ziel haben, andere Kulturen abzuqualifizieren. Dem entgegengesetzt hat die heutige Kognitionsforschung Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 80 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 81 815.1 Verbale Kommunikation schon seit längerem nachgewiesen, dass die der Stereotypenbildung zugrunde liegende Verallgemeinerung geradezu unverzichtbarer Bestandteil der Informations verarbeitung ist. Dieser Auffassung gemäß wird die „empirische Wahrnehmungs- und Erfahrungsvielfalt durch Relevanzsetzungen auf typische Wirklichkeitsausschnitte reduziert, die ihrerseits als Wissensbestände weitere Interpretations- und Typisierungsprozesse steuern.“55 Wenn Stereotype als generalisiert ausgedrückte Eigenschaften verstanden werden, die bestimmten Klassen von Individuen zugeschrieben werden, dann ergibt sich geradezu notwendigerweise die funktionelle Ambivalenz von Eigenschaftszuschreibungen, die entweder positiv oder negativ bewertet werden können. Ein Beispiel, welches diese unterschiedlichen Bewertungsmöglichkeiten aufzeigt, sind die in Bezug auf Finnen herrschenden Stereotype „Finnen sind gastfreundlich“ sowie „Finnen sind schlechte Verkäufer“56. Ein in Bezug auf die Richtung zu beobachtendes Phänomen ist die Tendenz, dass sich aus der Eigenperspektive eine positive Sichtweise, aus der Fremdperspektive dagegen eine negative Sichtweise ergibt. Stereotype über die eigene Kultur fallen also häufig positiv aus, jene über fremde Kulturen hingegen negativ. Dies ist sicherlich zu bedeutenden Anteilen auf eine gewisse selektive Wahrnehmung zurückzuführen. So werden negative Eigenschaften bzw. Aktivitäten anderer Kulturen eher wahrgenommen als jene der eigenen Kultur. Zudem kann letztlich jede Eigenschaft bzw. Aktivität einer anderen Kultur, und sei sie noch so positiv zu bewertender Natur, prinzipiell auch als negativ interpretiert werden. Beispielsweise kann jede Hilfsbereitschaft als Aufdringlichkeit uminterpretiert werden57. In Zusammenhang mit der Bewertung von Eigenschaften beim Menschen an sich sei auf den überaus hilfreichen Ansatz des Werte- und Entwicklungsquadrats von Schulz von Thun verwiesen, der gerade auch im interkulturellen Kontext wertvolle Dienste zu leisten imstande ist58. Schließlich sei betont, dass auch im Wirtschaftsleben zahlreiche Stereotype zum gemeinsamen Wissensbestand der jeweiligen Geschäftsleute gehören. Gerade negative Stereotype können sich auf die Interkulturelle Kommunikation nachteilig auswirken. Insbesondere in Bezug auf ein im Einzelfall nicht gegebenes Zutreffen auf die Wirklichkeit sind sie nach Möglichkeit abzuarbeiten bzw. richtig zu stellen59. 5.1.2.1.2 Intensität Die Dimension der Intensität bezieht sich auf den Grad der Intensität, der mit dem tatsächlichen Inhalt von einem Stereotyp verbunden ist. Beispielsweise ist das Stereotyp „African Americans are very musical“ durch hohe Intensität gekennzeichnet60. Ein Beispiel für einen sehr hohen Intensitätsgrad aus dem Bereich der Wirtschaft kann in Berichten eines US-amerikanischen Managers festgemacht werden, der das Verhalten von Deutschen im Rahmen der ehemaligen Daimler-Chrysler-Fusion wie folgt beschreibt: „Andere Vorerwartungen oder auch Vorurteile bewährten sich aufs prächtigste. Die Deutschen schleppten dicke Aktenordner, Ausdrucke ganzer Datenbanken und auch Dias in die Besprechungen. Die Amerikaner kamen unbewaffnet und wollten sich ohne Tagesordnung unterhalten. Die Deutschen fertigten Protokolle von jeder Sitzung an, die Amerikaner beschränkten sich auf Memos.“61 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 82 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 83 82 5 Interkulturelle Erscheinungsformen der interpersonalen Kommunikation Dem subjektiven Empfinden des US-Managers zufolge sind die Stereotype von Fleiß, Ordnungs- und Genauigkeitsstreben der Deutschen offensichtlich in höchstem Maße erfüllt. 5.1.2.1.3 Richtigkeit Die Dimension der Richtigkeit bezieht sich auf die bereits angesprochene Frage, ob Stereotype grundsätzlich der Wirklichkeit entsprechen oder nicht. Grundsätzlich ist davon auszugehen, dass eine Vielzahl an Stereotypen einen wahren Kern aufweist oder sogar in hohem Maße zutreffend, also richtig ist. Die Dimension der Richtigkeit verleiht somit dem Sachverhalt Ausdruck, dass Stereotype in Bezug auf die Wirklichkeit in unterschiedlich hohem Grad zutreffend sein können und häufig auch tatsächlich und in beachtlichem Maße der Wirklichkeit entsprechen. Allgemeingültig formuliert kann behauptet werden, dass Stereotype der Wirklichkeit entsprechen können, also einen wahren Kern beinhalten oder gar in hohem Maße als zutreffend einzustufen sind62. Somit erlauben Stereotype die Einordnung von einzelnen Personen aufgrund der Klasse oder Kategorie (z. B. Kultur, Nation etc.), der diese Personen angehören63. Allerdings sind Stereotype gleichzeitig als Vereinfachung oder Verallgemeinerung einer Wirklichkeit aufzufassen, die sich tatsächlich viel differenzierter und komplexer darstellt als es Stereotype glauben machen wollen64. In Zusammenhang mit der Richtigkeit von Stereotypen führt Tiittula an, dass sich in ihnen das Wissen und die soziale Erfahrung einer konkreten Gemeinschaft, eben beispielsweise einer Kultur widerspiegeln. Dieses Wissen wird von Generation zu Generation weitergegeben. Dabei wird es nicht fortlaufend verifiziert, sondern vielmehr zunächst als solches im soziokulturellen Kontext aufgenommen und gespeichert. Stereotype gehören also zum geteilten Wissen einer Kultur und sind daher vom Grundsatz her auch nur schwer veränderbar, was dazu führt, dass im Einzelfall sich die einem Stereotyp zugrunde liegenden sozialen Tatbestände bereits verändert haben können, das Stereotyp hingegen noch lange Zeit darüber hinaus als zutreffend angesehen wird. Somit sind Stereotype also von persönlicher Erfahrung weitgehend unabhängig65. Der Einzelne vertraut vielmehr darauf, dass der von anderen Mitgliedern der eigenen Kultur gebildete Wissensvorrat auch künftig seine grundsätzliche Gültigkeit beibehalten wird. Eigene, in der Vergangenheit erfolgreiche Handlungen können aufgrund dieser Annahmen wiederholt werden66. Die mögliche Richtigkeit von Stereotypen demonstriert beispielsweise Häusel anhand des Stereotyps der Unternehmerkultur USA, womit die in der US-amerikanischen Gesellschaft überdurchschnittlich häufig vertretenen Unternehmertypen mit entsprechend hohem Mut zum individuellen Risiko angesprochen sind. Die Richtigkeit dieses Stereotyps begründet er damit, dass die US-amerikanische Bevölkerung zu einem großen Teil aus Einwanderern bzw. deren Nachfahren besteht. Die ersten Einwanderer, die zur damaligen Zeit unter großen Strapazen und Gefahren das Wagnis der Auswanderung auf sich genommen haben, sind vom psychologischen Standpunkt aus betrachtet besonders ausgerichtet. So müssen sie zum einen durch ausgeprägtes Streben nach Dominanz sowie, damit verbundenen, Macht, Autonomie und Durchsetzung charakterisiert sein. Zum anderen zeichnen sie sich aber auch durch ein ausgeprägtes Streben nach Stimulanz und, hiermit verbunden, neuen, unbekannten Reizen, Abwechslung und Vermeidung Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 82 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 83 835.1 Verbale Kommunikation von Langeweile aus. Der psychologisch motivierte Wunsch nach innerer Balance hingegen, der mit der Vermeidung jeglicher Gefahr, Störung und Unsicherheit sowie dem Wunsch nach innerer und äußerer Stabilität verbunden ist, weißt bei Auswanderern eine genetisch vergleichsweise niedrige Ausprägung auf. Gerade die genetische Veranlagung, die in hohem Maße für ein Streben nach Dominanz und Stimulanz verantwortlich ist, ist für Häusel eine zu Recht vermutete Voraussetzung dafür, sich auch auf ein Wagnis wie dem der selbständigen Unternehmertätigkeit einzulassen: „Aufgrund der Einwanderung von „Unternehmern“ sind im nationalen „Gen-Pool“ die „Unternehmer-Gene“ häufiger vertreten als in den Ländern, die von den „Unternehmern“ verlassen wurden.“67 Die genetische Veranlagung kann also durchaus kulturspezifisch besonders ausgerichtet sein. Dementsprechend ist ein Stereotyp von der „Unternehmernation USA“ zu einem gewissen Grad auch heute noch berechtigt, zumal sich genetische Unterschiede über 100 und mehr Jahre in der Bevölkerung halten können, wie empirische Studien zeigen68. Ein weiteres Beispiel für die Richtigkeit von Stereotypen bezieht sich auf die Vorstellung von der geradezu sprichwörtlichen britischen Höflichkeit. Eine umfassende Studie von Deutschmann, der 3.100 Gesprächssituationen analysiert hat, zeigt, dass Entschuldigungen wie „sorry“ oder „pardon me“ in der Tat eine überaus häufige Verwendung finden69. Auch verwenden Engländer überaus häufig den Konjunktiv („könnten Sie eventuell …“, „wären Sie so freundlich …“), um ihrer sprichwörtlichen Höflichkeit Rechnung zu tragen70. Allerdings muss die Richtigkeit des Stereotyps vom höflichen Briten deutlich eingeschränkt werden, als doch mit den angeführten Formulierungen nur jedes dritte Mal auch tatsächlich „Entschuldigung“ bzw. „Tut mir leid“ gemeint war. In den überwiegenden Fällen wurden die angeführten Entschuldigungen nach Deutschmanns Erkenntnis lediglich als wohlklingende Entschuldigungsfloskeln herangezogen, folgen ihnen doch unmittelbar „Widerreden, eitle Selbstdarstellungen oder persönliche Attacken.“ Interessant ist seine Feststellung, dass Entschuldigungen letztlich eher den Anstrich einer gewissen Höflichkeit vorgeben sollen, obwohl faktisch-inhaltlich betrachtet eher Macht- bzw. Eigeninteressen – mitunter rigoros – durchgesetzt werden. So hat sich in der Studie von Deutschmann herausgestellt, dass sich „Mächtige bei Machtlosen – Eltern bei Kindern, Chefs bei Angestellten, Ärzte bei Patienten – viel häufiger entschuldigen als umgekehrt.“71 Offensichtlich ist ein Stereotyp von der britischen Höflichkeit keineswegs grundsätzlich falsch, aber in seinem Grad an Richtigkeit zumindest eingeschränkt. Schließlich sei in Bezug auf die Richtigkeit von Stereotypen angemerkt, dass derartige Typuszuweisungen gegenüber einer gesamten Kultur natürlich niemals von der Gefahr zu weit greifender Pauschalisierungen getrennt werden können. In Bezug auf die Fraglichkeit, ob ein Mitglied einer bestimmten Gruppierung als ein „typischer …“ eben so und keineswegs anders sein kann schreibt der Wiener Neurologe und Psychiater Frankl: „(…) es ist gar nicht wahr, daß der Mensch als „typischer…“ so und nicht anders sein kann. Ich habe in einem Konzentrationslager den Lagerführer, einen SS-Mann, kennengelernt; und er war keineswegs ein „typischer SS-Mann“ sondern er kaufte Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 84 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 85 84 5 Interkulturelle Erscheinungsformen der interpersonalen Kommunikation von seinem eigenen Geld insgeheim Medikamente für die Lagerhäftlinge. Und ich habe andererseits, im gleichen Lager, den Lagerältesten, der also selber Häftling war, kennengelernt, der seine Mithäftlinge, auch Kranke, verprügelte. Und ich habe schließlich einen hohen Gestapo-Beamten kennengelernt, der abends zu Hause seiner Familie aufs höchste erschüttert von den Deportierungen erzählte, während seine Gattin in Tränen ausbrach. Er bat ein paar Juden, mit denen er zu tun hatte, flehentlich, nur ja recht sehr auf ihn zu schimpfen, denn sobald man sie nicht mehr über ihn schimpfen hörte, würde man mißtrauisch werden und ihm sein Amt entziehen und damit die Möglichkeit, da und dort doch noch das Leid lindern zu helfen. Alle diese Menschen hätten die Möglichkeit gehabt, „typische“ Repräsentanten ihrer „Rasse“ oder ihrer sozialen Funktion zu sein; und doch haben sie es nicht getan und haben sich dafür entschieden, „atypisch“ zu sein.“72 Die Ausführungen von Frankl erinnern eindrucksvoll daran, dass hundertprozentige Verallgemeinerungen letztlich der Wirklichkeit kaum entsprechen können. Für derartige Pauschalisierungen ist die Wirklichkeit, einer gaußschen Normalverteilung gleich, viel zu bunt und vielfältig und in ihren einzelnen extremen Ausgestaltungen, gleich den Extremausprägungen der Normalverteilung, zu unterschiedlich. 5.1.2.1.4 Inhalt Schließlich kann auch die Dimension des Inhalts in Bezug auf Stereotype durchaus variieren. Das Bestehen inhaltlich unterschiedlicher, mitunter gar gegensätzlicher Inhalte kann für den Bereich der Wirtschaft am Beispiel von Deutschland und Dänemark veranschaulicht werden. So sehen dänische Geschäftsleute die deutschen Kulturvertreter insbesondere durch Effektivität, Disziplin und Ordnung gekennzeichnet. Deutsche wiederum sehen dänische Geschäftsleute vor allem als locker, ungezwungen, offen und kommunikationsfreudig im Umgang mit anderen Menschen. Demzufolge sind Dänemark- und Deutschlandbild geradezu komplementäre Bilder. Auf der einen Seite besteht die Auffassung vom idyllischen Dänemark, in dem das Streben nach Effektivität und Effizienz, Technikorientierung und Industrie kaum Platz zu haben scheinen. Dabei empfinden die Deutschen durchaus Sympathie für die Lockerheit der dänischen Kulturvertreter. Das Deutschlandbild der Dänen auf der anderen Seite ist geprägt durch Disziplin, Zielorientierung und Ordnung, der Platz für die angenehmen Seiten des Lebens scheint geradezu zu verschwinden. Gleichzeitig ist mit diesem Deutschlandbild neben der Vorstellung vom „arroganten Deutschen“ durchaus auch eine gewisse Bewunderung verbunden, die sich auf die damit verbundene professionelle Tüchtigkeit bezieht. Die hier für Dänemark und Deutschland vorgestellten Stereotype, die den „Charakter von verdichteten Bildern“ aufweisen, haben sich in Untersuchungen durchaus als „gesellschaftlich konsistent“ erwiesen. So basiert die Grundausrichtung des dänischen Deutschlandbildes auf einer langen Tradition, die sich mehrere Jahrhunderte zurückverfolgen lässt. Die Komplementarität der gegenseitigen Stereotype und ihre lange Tradition zeigen, dass es sich um nur schwer zu verändernde Größen handelt73. Die Inhalte von Stereotypen variieren aber nicht nur gegenseitig. Vielmehr sind unterschiedliche Inhalte von Stereotypen in Bezug auf eine bestimmte Kultur auch abhängig von der sie jeweils betrachtenden Kultur. Beispielsweise sehen Afroamerikaner die weißen US-Amerikaner häufig durch Charakterzüge wie Aggressivität, Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 84 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 85 855.1 Verbale Kommunikation Gefühlskälte oder Unverbindlichkeit gekennzeichnet74. Derlei Charakterzüge spielen in den Stereotypen, die in Deutschland gegenüber weißen US-Amerikanern vorherrschen, eine zu vernachlässigende Rolle. Hier dominieren eher Stereotype wie Oberflächlichkeit, Unternehmertum etc. In Abbildung 5-1 sind für den europäischen Raum einige mitunter ironisch formulierte Hetero- und Autostereotype zusammengefasst. Abschließend sei explizit darauf verwiesen, dass gerade der Inhalt von Stereotypen in sehr hohem Maße bestimmt, wie im Einzelfall die Prozesse der Kommunikation zwischen Vertretern unterschiedlicher Kulturen verlaufen. Dabei ist der Einfluss beachtlich häufig negativ75. Bereits in der Lutherzeit wurde der „italienische Deutsche“ als „tedesco italianizzato è diavolo incarnato“, also als der eingefleischte, der eingeborene Teufel bezeichnet. Im Jahre 2003 hat Italiens damaliger Ministerpräsident Berlusconi dem Deutschen Martin Schulz, seinerzeit Abgeordneter und gegenwärtig Präsident des Europäischen Parlaments, eine Rolle als „Kapo“, also als Aufseher im nächsten italienischen KZ-Film angeboten76. Diese Äußerungen relativierte er im Nachhinein, indem er sie als „ironisch“ einstufte. Ein anderes überaus folgenschweres Beispiel für die negativen Auswirkungen von Stereotypen in der italienisch-deutschen Kommunikation sind die Äußerungen des damaligen italienischen Staatssekretärs für Tourismus, Stefano Stefani, der im Sommer 2003 behauptete „Wir kennen Sie gut, diese Deutschen (…)“77. Des Weiteren bezeichnete er den Deutschen an sich als „einförmigen, supernationalistischen Blonden“78, der als „dickbäuchig“, „anmaßend“ und „eingebildet“ zu beschreiben ist79. Schließlich sind es seiner Ansicht nach die Deutschen, die jedes Jahr „lärmend über unsere Strände herfallen“80. Die Drastik der gewählten Formulierungen spricht sicherlich in ausreichendem Maße für sich. Die Aussagen des italienischen Staatssekretärs Stefani haben seinerzeit die deutsch-italienischen Beziehungen auf höchster politischer Ebene belastet und zur Absage des geplanten Italienurlaubs des damaligen Bundeskanzlers Schröder geführt. Als weitere Konsequenz war der Rücktritt von Stefani zu verzeichnen81. Wird das Rad der Geschichte etwas zurückgedreht, so kann folgende Aussage von Goethe über die Italiener wohl nicht ohne Schmunzeln hingenommen werden, erinnert sie in der Stärke ihrer Negativität doch an die Aussagen von Stefani: „Von der Nation wüsste ich nichts weiter zu sagen, als dass es Naturmenschen sind, die unter Pracht und Würde der Religion und der Künste nicht ein Haar anders sind, als sie in Höhlen und Wäldern auch sein würden.“82 An anderer Stelle bedient selbst der große Goethe die in Bezug auf italienische Lebensweise in Deutschland heutzutage noch gängigen Stereotype: „Übrigens schreien, schäkern und singen sie den ganzen Tag und balgen sich, jauchzen und lachen unaufhörlich. Die milde Luft, die wohlfeile Nahrung läßt sie leicht leben. Alles, was nur kann, ist unter freiem Himmel.“83 Eine Mitte der 1990er Jahre vom Kurierdienst United Parcel Service initiierte Umfrage zeigt eindrucksvoll, dass bestehende nationale Stereotype auch in der Wirtschaft eine gravierende Rolle spielen, ohne dass die oberen Hierarchieebenen hiervon ausgespart bleiben. Die Befragung von 1.500 westeuropäischen Top-Ma- Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 86 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 87 86 5 Interkulturelle Erscheinungsformen der interpersonalen Kommunikation Abbildung 5‑1: Hetero‑ und Autostereotype innerhalb Europas (Quelle: Jessen (2003), S. 33) Der Belgier Der Däne Der Deutsche Der Engländer Wir sind halt Burgunder, leben, essen, trinken gern, nur die Wallonen schänden Kinder Haben Böses im Kongo gemacht, sind aber gute Steuerhinterzieher Spießige Abart der Franzosen, Pantoffel tragende, Pommes fressende Kinderschänder Verbissene Pommes- Fresser, schmierig, unzuverlässig, langweilig Unterkühlt und langweilig wie alle blonden Nationen des Nordens Lustig, humorvoll, gütig, mit aufrichtiger Liebe zu bunten Speisen, Aquavit und Steuerhinterziehung Die Italiener des Nordens; leider erwidern sie die deutsche Liebe ebenso wenig wie die Italiener Unbedeutendes, wackeres und erfreulich euroskeptisches Völkchen, das gut Englisch spricht Wie Schwarzwälder Kirschtorten (von allem zu viel), kommen immer uneingeladen nach Belgien Tun gern etwas Verbotenes (Strandburgen bauen, zu schnell fahren, Weltkriege anfangen) Die ungeliebte Nation. Nach schlimmer Straftat nur auf Bewährung entlassen. „Krauts“: übergewichtige, humorlose Biertrinker, effizient, arrogant, seelisch gefährlich instabil Sind immer willkommen. Die einzige Nation, gegen die wir nichts haben Die bewunderten Verwandten aus Angeln, leider auch die Zerstörer der dänischen Flotte (1807) Schwule Männer, blasse Frauen. Verliebt in skurrile Verbrechen und die eigene Überlegenheit Humorvoller und erfinderischer als der Rest der Welt, fair, mutig, immer gelassen und souverän Die Wallonen wären gerne bei ihnen, die Flamen feiern noch immer den Sieg über sie (12. Juli 1302) Oh là, là ! Unsittliche, leichtfertige Intellektuelle. In Paris kann sich der Däne enthemmen Zwingen zu widerwilliger Bewunderung: elegant, schön, kalt, hochmütig, unberechenbar Erzrivalen: unerträglich, selbstbewusst, in einem schönen Land lebend, das ohne sie schöner wäre Besserwisserisch, geizig, haben keine Ahnung von Essen und Kleidung Tüchtige Kaufleute und Seefahrer wie wir, etwas brutal, ohne Selbstironie und Olsen-Bande Hässlich, mürrisch und tüchtig, ein Zerrbild all dessen, was wir an uns selbst nicht mögen Komische Sprache, flaches Land, freizügige Sitten, aber probritisch! Unpünktlich, betrügerisch und furchtbar schlecht organisiert Wir gelten selber als welche (die des Nordens), sind aber nicht so kalt und berechnend Das Volk unserer Sehnsucht, laut, fröhlich, enthemmt, warmherzig und unsolide Das kürzeste Buch der Welt? Über italienische Kriegshelden! Trickreich und selbstbesessen Zuckersüß und tückisch wie Mozartkugeln, in denen eine Rasierklinge steckt Nahezu unbekannt, aber wahrscheinlich fast so gemütlich wie wir Charmant, höflich und verlogen, von trügerischer Gemütlichkeit, fett, feige und autoritätshörig Verkappte Altnazis, die sich hinter den Deutschen und ihren Bergen verstecken Diebisch und larmoyant Diebe und Soldaten, denen nicht zu trauen ist, wollen wahrscheinlich Bornholm stehlen Leben vom Diebstahl deutscher Autos und vom weinerlichen Stolz auf ihre Leidensgeschichte Alte und neue Verbündete, wenig selbstbewusst, um nicht zu sagen: kriecherisch über Belgier über Dänen über Deutsche über Engländer über Franzosen über Holländer über Italiener über Österreicher über Polen Der Franzose Beleuchten ihre Autobahnen, alles andere bleibt im Dunkeln: perverse Frittenfresser, die Kinder schänden Adrette blonde Menschen in einem zugigen Land, das viele Fischkonserven produziert Grüblerische Biertrinker, die mit ihrem ökologischen Bewusstsein nerven Scheinheilige, blasse Gentlemen, die mit abgespreizten Fingern ums Teetischchen sitzen Lustvoller Erotiker, Weinliebhaber, Kulturpatrioten, aufsässige Individualisten Leben in einem platten Land und sprechen eine Sprache, die sich barbarisch anhört Goldkettchen tragende, schmierige Verführer, neigen durch den Pasta- Verzehr zu Übergewicht Bei ihnen leben die letzten Nazis und die größten Tortenproduzenten der Welt Freundliche Schwarzarbeiter mit viel Heimweh, die gerne einen über den Durst trinken Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 86 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 87 875.1 Verbale Kommunikation Der Holländer Der Italiener Der Österreicher Der Pole Der Spanier Die Ostfriesen von Holland. Ihre Frauen schlafen mit den Schuhen an den Füßen Viel Camping und viele Konserven Kinderschänder, können nicht bergauf fahren, ansonsten völlig uninteressant Ein halber Franzose, träger Franzose, verschlafener Franzose Wer ist denn das? Etwa die mit dem Wohnwagen und den Konserven? Nette Leute, schöne Frauen, teures Bier Ein unbekanntes Volk Haben viel Öl und einen niedlichen Akzent, sonst nix im Kopf außer Fisch und Fußball Bäuerlich, langweilig wie das Wetter dort Nett, wie alle diese Nordländer, vor allem die Frauen Arrogant, dick und autoritätshörig. Gewinnen im Fußball nur, weil sie „Schwein“ haben Fleißig, geschäftstüchtig, viel zu gut organisiert, um sympathisch zu sein, brutale Touristen Piefkes: bürokratisch, plump, unelegant, laut, mit weißen Socken in Sandalen Laut und oft überheblich. Ohne Fantasie. Alles geht nach Vorschriften und Vorgaben Quadratschädel, helle Haut, gutes Bier; weiße Socken in Sandalen Keine Schönheiten. Säufer. Im Sommer weiße Haut mit einem feuerroten Sonnenbrand Der Heuchler Europas und schlechte Köche, haben aber der Welt die Karos geschenkt Klassengesellschaft ohne Klasse, Saufköpfe, Hooligans mit ewigem Sonnenbrand Machtbewusst, konservativ, insular, nicht europäisch Chauvinistisch, ungehobelt, aggressiv, besoffen Reden nur über Sex, was auch verständlich ist, weil Französisch nun einmal die Sprache der Liebe ist Zu beneiden: Haben geschickt die Führung der lateinischen Nationen übernommen und behalten Kröten- und Schneckenfresser, arrogant, produzieren sentimentale Psychofilmchen Merkwürdiger Appetit („Froschfresser“). Einfallsreich, fantasievoll, nationalbewusst Arrogant, gottlos, selbstverliebt, schmutzig, aber parfümiert, erbärmliche Stierkämpfer Haben immer Angst, den Elfmeter zu verschießen, sonst tolerant, liberal, aufgeklärt, selbstironisch Das sind die dicken Blonden, die sich was trauen: mit Drogen, Sex et cetera Parken im Autobahntunnel mit ihrem Wohnwagen und picknicken dort Unkompliziert mit ausgedehnter Moralstruktur. Kontaktfreudig, tüchtig, beliebt Wie die Deutschen, nur dicker. Ihre Fußballer verdanken sie den Kolonien Laut schreiende Machos, die sich die schönen Meisjes schnappen. Wilde Autofahrer und Mafiosi Politisch unfähig, aber geschickt, beliebt und in der Lage, immer „bella figura“ zu machen Gute Eisverkäufer, aber politische Verräter, schmalzlockige Schwerenöter, „Obizahrer“ (Faulpelze) Laut, chaotisch, freundlich. Leichtsinnig mit Hang zur Doppelmoral Aufreißer, Macho mit gutem Geschmack; im Fußball eiskalt, aber leider erfolgreich Solange sie bei der Liebe jodeln, müssen wir ihr braunes Unterbewusstsein nicht fürchten Haben Italien besetzt, aber interessante Süßspeisen zurückgelassen und den Walzer erfunden Unzuverlässig, hinterfotzig, zwischen Größenwahn und Minderwertigkeitsgefühl Schlechte Abart der Deutschen. Unverarbeitete Vergangenheit. Verdrängte Komplexe Wie die Deutschen, nur höflicher Absahner in der EU, Opportunisten Die ewigen Schwarzarbeiter, bäurisch, naiv, aber immerhin auch Katholiken Zwielichtige Schnauzbärte, stehlen Autos in den Ferien, aber putzen gut Gastfreundlich, streitlustig. Zwei Polen – drei Meinungen. Viel Improvisation, wenig Disziplin Wanderarbeiter, wenn nicht gar Einwanderer über Belgier über Dänen über Deutsche über Engländer über Franzosen über Holländer über Italiener über Österreicher über Polen Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 88 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 89 88 5 Interkulturelle Erscheinungsformen der interpersonalen Kommunikation nagern kommt zu dem Ergebnis, dass die Italiener am schlechtesten abschneiden, wobei geradezu klassisch einzustufende Stereotype zum Vorschein kommen. So stuft in etwa jeder dritte Befragte die Italiener als die am wenigsten vertrauenswürdigen Kollegen ein. Auch hinsichtlich der Aspekte Arbeitsmoral bzw. Qualität der fachlichen Ausbildung schneiden die Italiener sehr schlecht ab und finden sich, gemeinsam mit Spaniern, Belgiern und Schweden, auf den hinteren Plätzen des Ranking wieder. Das Bestehen des Stereotyps vom lebensfrohen, jedoch unzuverlässigen und unsoliden Südeuropäer wird in der angeführten Studie eindrucksvoll bestätigt84. 5.1.2.2 Funktionen von Stereotypen Häufig werden im Rahmen einer Stereotypenkritik die Nachteile von Stereotypen angeführt, die sich insbesondere an einer Übergeneralisierung und Erstarrung ausrichten. Dabei wird aber übersehen, dass Stereotype wichtige Funktionen bzw. Leistungen in sich tragen. Diese Funktionen bzw. Leistungen können wie folgt zusammengefasst werden: • Verallgemeinerungsfunktion: Stereotype entstehen nicht immer, aber in der Regel aus einer Art Überverallgemeinerung tatsächlicher Merkmale heraus. Schon von daher ist ihnen ein relativer Wahrheitsgehalt zuzusprechen; • Orientierungsfunktion: Durch Stereotype wird ein zunächst diffuses Material geordnet und Komplexität reduziert; • Identifikationsfunktion: Stereotype bieten die Möglichkeit zur Identifikation an, über die neue Realbezüge entstehen können. Somit ist also von einer realitätsstiftenden Wirkung von Stereotypen auszugehen; • Abgrenzungsfunktion: Durch Stereotype wird das Solidaritätsgefühl einer Gruppe gefördert. Darüber hinaus erfolgt eine Abgrenzung von negativ besetzten Außengruppen; • Selbstdarstellungsfunktion: Stereotype dienen aber auch zur Bildung von positiven Images sowie Identifikationsmustern; • Rechtfertigungsfunktion: Schließlich ermöglichen Stereotype auch eine nachträgliche Rechtfertigung von eigenen Verhaltensweisen85. 5.1.3 Kulturspezifische Denkformen Sprache kann im Grunde genommen als ein verinnerlichtes Denken betrachtet werden. Menschen führen innere Monologe, die umso komplexer und anspruchsvoller ausfallen, je gebildeter und belesener das jeweilige Individuum ist. Es gilt als normal, mit sich selber zu sprechen oder zu argumentieren und ein Großteil dieser Prozesse läuft zweifelsohne in Worten ab, ob sie nun laut ausgesprochen werden oder nicht. Hiervon ausgehend kann angenommen werden, dass alles, was eine Person sagt letztlich als eine Projektion ihrer inneren Gedankenwelt angesehen werden kann: „Was ausgesprochen wird (…) wird auf jeden Fall von der Realitätsauffassung des ausländischen Sprechers beeinflusst sein“86. Störungen und Missverständnisse resultieren in der Interkulturellen Kommunikation oftmals aus der Tatsache heraus, dass die einzelnen Kommunikationsparteien nicht in dieselbe Richtung denken. In diesen Fällen ist es mitunter schwierig, eine Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 88 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 89 895.1 Verbale Kommunikation gemeinsame Ebene der Verständigung zu finden bzw. gemeinsam bestimmte Probleme zu lösen. Insofern ist es für eine erfolgreiche Kommunikation im interkulturellen Kontext besonders wichtig, dass sich die Denkweisen bzw. Denkschemata der einzelnen Kommunikationspartner annähernd decken bzw. zumindest ausreichend in Einklang miteinander gebracht werden können. Im Sinne einer „gemeinsamen Rationalität“ stellt sich somit die Frage, ob die Kommunizierenden hinsichtlich des Denkstils sowie der Prozesse der Erkenntnisgewinnung und Wahrnehmung ausreichend deckungsgleich, also einander ausreichend ähnlich sind87. Sowohl die Sprache als auch das Denken sind untrennbar mit der Kultur verbunden88. So gibt es bei der Frage nach dem „Wie“ des Denkens, also bei der Form des Denkens grundsätzliche kulturspezifische Eigenheiten. Die Art und Weise, wie die Menschen denken, variiert also von Kultur zu Kultur. Es gilt heutzutage als wissenschaftlich erwiesen, dass ein beträchtlicher Teil der Schwierigkeiten in der Kommunikation zwischen Menschen auf Unterschiede in den Denkformen zurückzuführen ist89. Die Existenz kultur- bzw. länderspezifisch unterschiedlicher Denkformen, die letztlich in hohem Maße auf kognitiven Prozessen basieren, ist dabei trotz ihrer immensen Bedeutsamkeit oftmals nicht sonderlich bekannt, sondern wird von den Expatriates erst während des ersten Auslandseinsatzes erfahren: „That there are fairly large-scale differences in cognitive processes is often a matter of surprise to Westerners viewing Oriental people and vice versa“90. Die wichtigsten Denkformen im Bereich der Interkulturellen Kommunikation, die nachfolgend dargelegt werden, lassen sich stark vereinfacht auf Gegensatzpaare reduzieren. Die dabei entstehende Dichotomie ist selbstverständlich nicht so zu verstehen, dass es sich um einander ausschließende gegensätzliche Alternativen handelt. Vielmehr sind diese Gegensatzpaare als gleitende Skalen mit sämtlichen denkbaren Zwischenformen zu sehen91. 5.1.3.1 Deduktives vs. induktives Denken Zwei der wichtigsten Denkformen lassen sich auf das Gegensatzpaar deduktives vs. induktives Denken zurückführen. Sowohl Deduktion als auch Induktion gehören grundsätzlich zur abendländischen Denktradition und werden insbesondere in Abgrenzung zu einem quasi aus dem Bauch heraus erfolgenden intuitiven Denken als Kriterium für analytische Intelligenz geschätzt. Unter Deduktion wird in der Logik ein Verfahren verstanden, das es erlaubt, aus allgemeinen, vorausgesetzten und elementaren Sätzen speziellere und kompliziertere Sätze korrekt abzuleiten. In diesem Sinne ist die Deduktion der Weg von der Theorie bzw. dem Allgemeinen hin zum Einzelfall. Beispielsweise können durch die Kenntnis der Kulturdimensionen nach Hofstede Voraussagen über den Interaktions- und Kommunikationsrahmen der entsprechenden (einzelnen) Kulturvertreter gemacht werden92. Ein deduktiv Denkender konstruiert somit zunächst übergreifende Konzepte oder Theorien, um sie dann anhand empirischer Befunde zu verifizieren. Dementsprechend beginnen Menschen mit deduktiver Denkweise mit generellen oder universellen Ideen und versuchen, die Tatsachen in diesem Rah- Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 90 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 91 90 5 Interkulturelle Erscheinungsformen der interpersonalen Kommunikation men einzuordnen93. Grundsätzlich kann gerade die abendländische Denktradition in Verbindung gebracht werden mit einem systematischen, planmäßigen und eben deduktiven Vorgehen, wobei die Begriffe von Logik, Analyse und Ordnung von zentraler Bedeutung sind. Die Denkstruktur ist rational, systematisch und linear ausgeprägt und Ursache-Wirkungs-Ketten sind von großer Bedeutsamkeit. Neben einer Betonung der Objektivität, Widerspruchsfreiheit und Schlüssigkeit spielt die Analyse sowie die Zergliederung von Gedanken eine übergeordnete Rolle94. Im Sinne des induktiven Denkens bzw. induktiven Schließens hingegen werden aus vorgegebenen (einzelnen) Fakten Schlussfolgerungen abgeleitet95. Induktives Denken geht also vom Einzelnen, Besonderen, Konkreten aus und schreitet von dort zu allgemein(er)en, abstrakten, theoretischen Konzepten fort. Diesem Verständnis folgend beginnen Menschen mit induktiver Denkweise normalerweise mit dem Besonderen, also mit spezifischen konkreten Tatsachen. Indem sie beobachten, wie diese auf der praktischen Ebene wirken, konstruieren sie daraus sodann ein allgemeines Muster96. Insofern tritt das induktive Denken immer dann als zentrale Komponente des Denkens in den Vordergrund, wenn Hypothesen aufzustellen und zu überprüfen sind, aber auch wenn Bedingungszusammenhänge aufzuspüren, Voraussagen zu machen oder für das Auftreten bestimmter Ereignisse Wahrscheinlichkeiten festzulegen sind97. Deduktives Denken lässt sich in ausgeprägter Weise beispielsweise in Lateinamerika, noch verstärkter in Russland vorfinden. So verlangen Russen in Verhandlungen beständig zunächst die Festlegung der allgemeinen Prinzipien und erst danach die Behandlung spezifischer Fälle, technischer und administrativer Einzelheiten und praktischer Fragen. Für sie gilt es somit, zunächst Übereinstimmung in den Prinzipien zu finden und erst dann von diesem Punkt aus zu den Einzelheiten fortzuschreiten. Interkulturelle Unterschiede im Rahmen der Dichotomie von deduktivem und induktivem Denken kommen auch in Argumentations- und Textaufbauschemata zum Ausdruck. So haben Auswertungen von Protokollen von UN-Vollversammlungen gezeigt, dass Amerikaner eher zu einer induktiven Argumentationsweise neigen, die ausgehend vom Besonderen zum Allgemeinen übergeht. Russen hingegen argumentieren eher deduktiv, d. h. vom Allgemeinen, Grundsätzlichen zum konkreten Einzelfall98. In Verhandlungen beginnen russische Verhandlungspartner zumeist mit extremen Verhandlungspositionen, um sich im Laufe der Gespräche zu den speziellen Punkten und Aspekten der Verhandlung vorzuarbeiten99. Grundsätzlich kommt der Unterschied zwischen deduktivem und induktivem Denken in den unterschiedlichsten Bereichen der Interkulturellen Wirtschaftskommunikation fundamental zum Ausdruck, sei es in Büchern, Mediawerbung oder auch Verhandlungsführung. US-amerikanische Fernsehprogramme wie CNN und NBC basieren ganz generell auf einer weitreichend zerstückelten Programmstruktur im induktiven Sinne, die für eher deduktiv ausgerichtete deutsche Seher ungewohnt ist und in dieser Form etwa von den öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten auch nicht betrieben wird. 5.1.3.2 Abstraktes vs. konkretes Denken Ein eher abstraktes Denken herrscht im Westen vor, andere Kulturen hingegen sind durch ein eher konkretes Denken geprägt. Dabei ist abstraktes Denken Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 90 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 91 915.1 Verbale Kommunikation durch Abstraktheit, gefühlsmäßige Neutralität und Gegenständlichkeit geprägt. Ein konkretes Denken hingegen ist insbesondere durch Bildhaftigkeit, Emotionalität und Personen- bzw. Situationsbezug geprägt. Im Gegensatz zum in Europa generell vorherrschenden abstrakten Denken verarbeiten beispielsweise viele konkret denkende Afrikaner ihre Umwelt vorrangig bildhaft, emotional und in Bezug auf ganz konkrete Personen bzw. Situationen. Untersuchungen zeigen, dass afrikanische Testpersonen von zwei Erzählungen aus jener mehr Details im Gedächtnis behalten und sinnvoll in Bezug zu anderen Details setzen können, die anschaulich und subjektiv Stellung nehmend erzählt als aus derjenigen  Erzählung, die den gleichen Sachverhalt abstrakt und neutral darstellt100. Der folgende Dialog zeigt die Konfrontation eines konkret denkenden Afrikaners („Subject“) mit einem formal-logischen Problem. Der Afrikaner wird dazu aufgefordert, im Rahmen der Problemlösung eine Antwort zu geben. Die Abgrenzung des konkreten Denkens vom beispielsweise im deutschsprachigen Raum vorherrschenden abstrakten Denken wird offensichtlich: „Experimenter: Spider and black deer always eat together. Spider is eating. Is black deer eating? Subject: Were they in the bush? Experimenter: Yes. Subject: Were they eating together? Experimenter: Spider and black deer always eat together. Spider is eating. Is black deer eating? Subject: But I was not there. How can I answer such a question? Experimenter: Can’t you answer it? Even if you were not there, you can answer it. (Repeats the question). Subject: Oh, Oh, black deer is eating. Experimenter: What is your reason for saying that black deer was eating? Subject: The reason is that black deer always walks about all day eating green leaves in the bush. Then he rests for a while and gets up again to eat.”101 Ganz offensichtlich löst der Afrikaner aus dem Fallbeispiel das spielerische Problem auf Basis seiner konkreten Erfahrungen, die er gesammelt hat. Offensichtlich ist er nicht dazu in der Lage, es abstrakt-logisch zu verstehen und zu lösen. Ein sehr anschauliches Beispiel für konkretes Denken findet sich bei Milton Friedman, einem der bedeutendsten Ökonomen des 20. Jahrhunderts. Friedman war überzeugt von der Bedeutung des Prinzips der Selbstverantwortung sowie der damit verbundenen Zurückweisung eines zu stark eingreifenden und reglementierenden Staates in allen Lebensbereichen. Diese Auffassung, die nebenbei bemerkt durchaus typisch für die individualistisch und leistungsorientiert ausgerichtete US-amerikanische Kultur ist, hat er in Form eines konkreten Denkens, das nicht zuletzt für den Erfolg und Bekanntheitsgrad von Friedman ursächlich verantwortlich war, wie folgt mit entsprechender Bildhaftigkeit, Emotionalität und Situationsbezug zum Ausdruck gebracht: Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 92 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 93 92 5 Interkulturelle Erscheinungsformen der interpersonalen Kommunikation „Wenn man der Regierung die Verantwortung für die Sahara übertragen würde, gäbe es dort in fünf Jahren einen Mangel an Sand.102“ Angemerkt sei in Bezug auf den Gegensatz von abstraktem und konkretem Denken, dass der Mensch aufgrund seiner evolutionsgeschichtlichen Entwicklung grundsätzlich, also unabhängig von seiner Kultur, dominierend visuell ausgerichtet ist. Von daher verfehlt eine bildhafte Ausrichtung der Kommunikation auch in eher abstrakt denkenden Kulturen wie z. B. Deutschland oder der Schweiz oftmals nicht ihre Wirkung, wenn es darum geht, eine breite Öffentlichkeit anzusprechen, etwa bei der Verkündung von Visionen und Strategien oder etwa auch im Bereich der Politik. So zeigte der Einsatz eines bildhaften Vergleichs durchaus Wirkung, als die schweizerische Regierung nach der Insolvenz von Swissair versuchte, möglichst viele schweizerische Unternehmen davon zu überzeugen, sich an der Finanzierung einer neuen Airline zu beteiligen. Das hierzu erdachte Bild, welches von den Regierungsmitgliedern bei Auftritten in den Medien „gemalt“ wurde und maßgeblich zum Erfolg des Unterfangens beitrug, war das folgende: „Viele Flüsse speisen ein Binnenmeer. Der größte von ihnen droht zu versiegen. Fehlt sein Wasser, fällt der Spiegel des Binnenmeeres, es gibt weniger Regen – auch die anderen Flüsse versiegen. So ist es auch mit Swissair. Wer die neue Airline unterstützt, hilft sich selbst.“103 Schließlich sei in Bezug auf das Gegensatzpaar abstraktes vs. konkretes Denken auf den Zusammenhang mit dem Prozess der Wahrnehmung verwiesen. Der Prozess der Wahrnehmung kann grundsätzlich als Prozess der Informationsaufnahme und Informationsverarbeitung verstanden werden, bei dem etwa Gegenstände oder Vorgänge in einer bestimmten Art und Weise gesehen, gehört und gerochen werden. Die dabei gesammelten Erfahrungen werden interpretiert und in einen für die wahrnehmende Person sinnvollen Zusammenhang gebracht. Im Grunde genommen unterliegt die Wahrnehmung der Selektivität. Somit werden bestimmte Eigenschaften, etwa von Objekten, Personen oder auch Situationen bemerkt, andere hingegen nicht. Der Prozess der Wahrnehmung unterliegt also der Subjektivität. Ob bestimmte Eigenschaften bemerkt werden oder nicht hängt maßgeblich von der Bedeutung ab, die ihnen jeweils zugewiesen wird. Die Bedeutsamkeit der Eigenschaften ist es also, die als der maßgebende Faktor beim Prozess der Wahrnehmung steuernd zum Tragen kommt und diese Bedeutsamkeit ist letztlich kulturabhängig. Wahrnehmung an sich ist somit in starkem Maße auch von kulturellen und sozialen Faktoren beeinflusst. Vertreter unterschiedlicher Kulturen nehmen die Welt also auf jeweils eigene Weise wahr. Beispielsweise sind Bewohner des afrikanischen Busches außerordentlich geschickt beim Entdecken von Tieren im Dickicht. Europäer hingegen sind oftmals nicht in der Lage, diese Tiere überhaupt zu erkennen. Des Weiteren unterliegen Afrikaner, wie in einer Reihe von Untersuchungen nachgewiesen wird, optischen Täuschungen in geringerem Maße als Europäer. Zudem können die Afrikaner eine Überlegenheit im Formsehen vorweisen104. Diese Charakteristika können als Hinweis auf ein in Afrika eher konkret ausgerichtetes Denken angesehen werden, welches sich nicht zuletzt durch seine bildhafte Ausrichtung auszeichnet. Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 92 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 93 935.1 Verbale Kommunikation 5.1.3.3 Alphabetisches vs. analphabetisches Denken Die Art und Weise, also das Wie des Denkens ist auch davon abhängig, ob die jeweiligen Personen lesen und schreiben können. So haben etwa psychologische und anthropologische Studien gezeigt, dass Lesen und Schreiben weit mehr sind als erlernte Fähigkeiten. Die Erkenntnisse dieser Studien legen nahe, dass das Erlernen dieser Fähigkeiten langfristig eine größere Bedeutung hat. So bringt es eine eigene Weltsicht, veränderte Erlebnis- und Verhaltensweisen und letztendlich auch bestimmte eigene Persönlichkeitsmerkmale mit sich. Davon ist auch die Art des Denkens betroffen. Dies bedeutet letztlich, dass Alphabeten und Analphabeten verschieden denken. So erleben und verarbeiten sie die Welt und Erlebtes auf eine jeweils eigene Weise. Analphabetische Gesellschaften sind „geschlossen“ in dem Sinne, dass sie an spezifische Situationen, Bedingungen und Gegebenheiten geradezu gebunden sind. In Schriftkulturen hingegen ist ein abstraktes, entpersönlichtes und vom Augenblick unabhängiges Denken möglich. Die Tätigkeit des Schreibens macht eine Kultur von den einzelnen Personen unabhängig. Das Schreiben ermöglicht den kritischen, überprüfbaren Dialog, der dann wiederum sich ausweitet zugunsten eines kritischen, skeptischen, rationalen und logischen Denkens. Somit bedeutet die Beherrschung von Lesen und Schreiben also eine neue, eigene Art der Beziehung zur Welt. Das damit verbundene Erleben ist abstrakter und weniger gebunden an jeweilige konkrete Gegebenheiten von Personen, Situationen, Raum und Zeit als bei Analphabeten105. Zur Fähigkeit von Lesen und Schreiben sowie deren Auswirkungen auf die Art und Weise des Denkens kann eine interessante Parallele gezogen werden. Grundsätzlich sind durch die Tätigkeit des Lernens, die mit Lesen und Schreiben eng verbundenen ist, bis ins hohe Alter Veränderungen des menschlichen Gehirns möglich. Belegt ist diese Veränderbarkeit des Gehirns beispielsweise in Studien der Gehirnforschung bei professionellen Musikern, die sich über viele Jahre hinweg intensiv mit ihrem Instrument auseinandergesetzt haben. Gegenüber nicht näher mit Musik beschäftigten Menschen zeigen sich bei den professionellen Musikern deutliche Veränderungen in vielen Gehirnarealen. Durch das Musizieren, das bei den Profimusikern teilweise bereits automatisch erfolgt, erschließen sich ihnen Gehirnregionen für andere kreative Prozesse106. Vergleichbare Veränderungen im Gehirn können auch durch Lesen und Schreiben ausgelöst werden. Im Jahre 2003 gab es weltweit gesehen 862 Millionen Analphabeten und dies keineswegs ausschließlich in afrikanischen oder asiatischen Ländern, sondern durchaus auch in Europa. Zudem existiert das Problem der sog. funktionellen Analphabeten, also jener Menschen, die zwar rudimentär lesen und schreiben können, jedoch nicht ausreichend sozial kompetent sind, um die Kommunikation und den Schriftverkehr mit Behörden, etwa in Form von Fragebögen, Anträgen oder Bescheiden zu bewältigen107. Angesichts dieser Tatsache wird deutlich, dass auch die Unterscheidung in alphabetisches und analphabetisches Denken bedeutsam ist und somit – bedauerlicherweise – noch heute ihre Berechtigung hat. Die Folgen des Nicht-Vorhandenseins der Fähigkeiten von Lesen und Schreiben für die Kommunikationsstrukturen zeigen sich in besonderem Maße in Somalia. In Somalia war die Bevölkerung über Jahrhunderte auf die gesprochene Sprache angewiesen. Erst seit wenigen Jahrzehnten wird dort Schrift verwendet. Dementsprechend hat die Tradition des gesprochenen Wortes selbst heute noch eine besondere Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 94 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 95 94 5 Interkulturelle Erscheinungsformen der interpersonalen Kommunikation Bedeutung. Spielten sich in Somalia in früheren Zeiten geradezu „Wortschlachten“ zwischen berühmten Dichtern ab, die sich über Jahre hinstrecken konnten, so lassen sich selbige auch heute noch, wenn auch im „Kleinen“ beobachten: „(…) so ist es nicht unüblich, dass auch Ausländern wie aus der Pistole abgefeuerte Fragen gestellt werden, die durchaus scharf und ironisch sein können. Wehrt man als ausländischer Berater diese rhetorischen Fechthiebe erfolgreich ab und hat die Lacher auf seiner Seite, ist man wieder ein Stückchen mehr akzeptiert. In somalischen Organisationen lässt sich beobachten, dass, quasi „en passant“, Rede auf Gegenrede prallt und dies meist mit schallendem Gelächter der Umstehenden quittiert wird.“108 Für die vorausgehend dargestellten unterschiedlichen Denkstile kann zusammenfassend festgehalten werden, dass sie zweifelsohne einen direkten und grundsätzlichen Einfluss auf das Kommunikationsverhalten haben. Der Denkstil manifestiert sich in unterschiedlichen Argumentationsweisen, in einer spezifischen Logik des Denkens sowie in der Art und Weise, Schlussfolgerungen zu ziehen und Generalisierungen vorzunehmen109. In Bezug auf die einzelnen möglichen Denkformen bleibt abschließend anzumerken, dass sie eng miteinander zusammenhängen und sich streckenweise sogar decken. Maletzke ordnet dabei, wie er richtigerweise betont, mit aller Vorsicht und Einschränkung die eine Seite, also deduktives, abstraktes und alphabetisches Denken dem westlichen Kulturkreis, die andere Seite vage den „Anderen“ zu110. 5.1.4 Systematisch-kommunikative Präferenzen Die Art und Weise, wie Sprache gehandhabt bzw. angewendet wird, variiert von Kultur zu Kultur. Diese Unterschiedlichkeiten und systematisch betriebenen Präferenzen sind bereits seit längerer Zeit Gegenstand wissenschaftlicher Forschung. Beispielsweise hat House die interkulturellen Unterschiede bei der Anwendung der Sprachen Deutsch und Englisch untersucht. Für sie sind jeweils bestimmte kulturund sprachbedingte Unterschiede bzw. Muster von deutschen bzw. englischen Muttersprachlern im Diskursverhalten zu beobachten. Diese systematisch-unterschiedlichen kommunikativen Präferenzen lassen sich nach House in folgenden Dimensionen zum Ausdruck bringen: Deutsche Sprachgemeinschaft: Anglo-amerikanische Sprachgemeinschaft: Direktheit Indirektheit Explizitheit Implizitheit Ad-hoc-Formulierungen Sprachliche Routinen Orientierung auf das Ich Orientierung auf das Gegenüber Die von House für Mitglieder der deutschen und der anglo-amerikanischen Sprachund Kulturgemeinschaften dargestellten Charakteristika können als durchaus ähnlich zu den Ergebnissen anderer, in Bezug auf die deutsche und englische Sprache kontrastiven Untersuchungen aufgefasst werden. Explizit sei in diesem Zusammenhang aber darauf verwiesen, dass es sich bei diesen Dimensionen um Kontinua und somit um Tendenzen und eben nicht um einander ausschließende kategorische Unterschiede handelt111. Aber auch die nachfolgenden, noch umfassend darzustellenden kulturvergleichenden Studien lassen Parallelen mit den sprachbezogenen Erkenntnissen von House deutlich werden. Beispielsweise kön- Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 94 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 95 955.1 Verbale Kommunikation nen die Dimensionen „Direktheit vs. Indirektheit“ und „Explizitheit vs. Implizitheit“ in direkten Zusammenhang mit der Unterscheidung von kontextunabhängig kommunizierenden und kontextabhängig kommunizierenden Kulturen nach Hall gestellt werden112. Die Unterschiede entlang der von House postulierten Dimensionen sind als maßgebliche Ursache von Störungen in der Kommunikation zwischen deutschen und englischen Muttersprachlern zu betrachten113. 5.1.4.1 Direktheit vs. Indirektheit Die Direktheit in der Anwendung der deutschen Sprache durch Deutsche haben auch Niehaus-Lohberg und Herrlitz herausgestellt. Den Erkenntnissen ihrer Untersuchungen zufolge lässt sich bei Deutschen eine Tendenz zu direkten Formulierungen beobachten, wohingegen beispielsweise Niederländer illokutive Handlungen bevorzugt indirekt formulieren. Dies hat in interkulturellen Begegnungen zur Folge, dass bei Vermeidung eines Ausweichens auf eine allgemein gültige Verkehrssprache wie dem Englischen („Lingua franca“), also der Verwendung entweder der deutschen oder der niederländischen Sprache, etwa Niederländer gegenüber Deutschen nicht nur die Grammatik und das Vokabular des Deutschen beherrschen müssen. Vielmehr müssen die Niederländer darüber hinaus auch den Mustern des illokutiven sprachlichen Handelns der Deutschen folgen, gemäß denen viel direkter formuliert wird, als die Niederländer dies in ihrer Muttersprache jemals vornehmen würden. Im Umkehrschluss müssen sich natürlich Deutsche in der niederländischen Sprache wesentlich indirekter ausdrücken, als sie dies im Rahmen ihrer deutschen Muttersprache vornehmen würden. Folgen die Kommunizierenden den Mustern der fremden Kultur nicht, so besteht die unmittelbare Gefahr kommunikativer Störungen und Missverständnisse, die Rob Meines, langjähriger Bonner Korrespondent der größten niederländischen Abendzeitung, seinen Alltagserfahrungen in Deutschland entnimmt und wie folgt schildert: „In diesem Land wird viel und ausgelassen gelacht, aber nur selten deswegen, weil jemand sich selbst, seine Arbeit, die Minderheit (Bayer, Wohnwagenbesitzer, Pfeifenraucher), zu der er gehört verspottet. (…) Eine solche Ambivalenz ist in Deutschland völlig unbekannt. Sie würde auch nicht verstanden werden. Ein Mittagessen mit deutschen Journalisten in Düsseldorf, organisiert von der (Utrechter) niederländischen Messegesellschaft, drohte ein Fiasko zu werden, weil die Präsentation der niederländischen Direktion in einem so relativierenden, selbstkritischen Ton gehalten war, daß die Messereporter darauf gereizt reagierten. Erst als der deutsche Repräsentant eingriff und in lautstarker, unbescheidener Weise die phantastischen Vorteile aufzählte, von denen deutsche Industrielle profitieren, wenn sie in Utrecht ausstellen, war die Veranstaltung gerettet. Von diesem Moment an fühlten die Journalisten sich ernstgenommen.“114 Die Unterschiede zwischen Deutschen und Niederländern entlang der Dimension „Direktheit vs. Indirektheit“ gehen aus den umfassenden Studien von Niehaus-Lohberg und Herrlitz eindrucksvoll hervor. Dabei sind diese Unterschiede als allgemein gültige Interaktionsmuster zu interpretieren, die sich nicht auf einige Textsorten oder Situationstypen beschränken und von daher von prinzipieller Bedeutung sind. Die Unterschiede hinsichtlich „Direktheit vs. Indirektheit“ haben Niehaus-Lohberg und Herrlitz durch eine Datenauswertung dargelegt, bei der sie auf die Übersetzungsaktivitäten der Übersetzungsabteilung bei Siemens Nederland Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 96 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 97 96 5 Interkulturelle Erscheinungsformen der interpersonalen Kommunikation zurückgegriffen haben. Der Grad an Direktheit, der für die Sprechhandlung des Aufforderns beispielhaft ermittelt wurde, konnte durch Zurückgreifen auf die von House und Kasper entwickelte Direktheitsskala identifiziert werden. Eine interessante Übersicht über die einzelnen Direktheitsstufen dieser Skala findet sich in Anhang I wieder. Das Ergebnis der Zuordnung sämtlicher im Datenmaterial vorkommenden Aufforderungen geht aus Abbildung 5-2 hervor115. Die unterschiedlichen Anwendungshäufigkeiten der einzelnen Direktheitsstufen verdeutlichen unmittelbar, dass Niederländer, im Gegensatz zu den Deutschen, Aufforderungen überwiegend in einer Form formulieren, die einen vergleichsweise niedrigen Direktheitsgrad zu eigen hat. Die von den Niederländern am häufigsten verwendete Direktheitsstufe 3 („Vorbereitungsfrage“) bezieht sich auf Sprechakte, in denen fragend eine Bedingung vorbereitet wird, die Voraussetzung für die Ausführung der im Sprechakt angedeuteten Aktivität ist (z. B. „Können Sie den Vertragsabschluß erwirken?“). In der von Deutschen am häufigsten verwendeten Direktheitsstufe 6 („Ableitbarer Sprechakt“) hingegen, die von Niederländern kaum angewandt wird, ist der inhaltliche Aspekt des Sprechaktes direkt ableitbar von der Semantik, also der Wortbedeutung des Sprechaktes (z. B. „Sie sollten den Vertragsabschluß erwirken.“). Direktheitsstufe 3 und 6 repräsentieren jeweils unterschiedliche Phasen im Aushandlungsprozess. Die Einführung eines Anliegens vollzieht sich in den Niederlanden und in Deutschland überwiegend auf der Stufe 3. Mit dieser Strategie eruiert ein Sender, ob der Empfänger grundsätzlich Bereitschaft zeigt, etwas zu tun. Hat der Empfänger zugestimmt, etwas zu tun, dann beginnt die zweite Phase der Aushandlung. In dieser zweiten Phase muss gewissermaßen die Ausführung des Anliegens konkreter gefasst werden. In dieser Abbildung 5‑2: Anwendungshäufigkeiten unterschiedlicher Direktheitsstufen von Deutschen und Niederländern (Quelle: in Anlehnung an Niehaus‑Lohberg; Herrlitz (1999), S. 152) Direktheit in der Kommunikation von Deutschen und Niederländern 0 5 10 15 20 25 30 35 40 1 2 3 4 5 6 7 8 Direktheitsstufen A nw en du ng (i n Pr oz en t) Deutsche Niederländer Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 96 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 97 975.1 Verbale Kommunikation zweiten Phase scheinen sich nun die sozialen Strategien von niederländischen und deutschen Muttersprachlern eindeutig zu unterscheiden. Niederländer haben die Tendenz, die nähere Bestimmung hinsichtlich der Ausführung der Aktivitäten dem Partner zu überlassen bzw. etwaige notwendige Einzelaktionen lediglich anzudeuten (Direktheitsstufe 2 „Energischer Hinweis“). Deutsche hingegen präferieren nach erfolgter grundsätzlicher Einigung präzise Handlungsanweisungen und greifen auf Direktheitsstufe 6 zurück. Am Beispiel von Aufforderungen zeigt sich, dass niederländische Muttersprachler im Rahmen des Vollzugs gesichtsbedrohender Sprechhandlungen indirekter ausgerichtete Interaktionsmuster präferieren. Zudem verwenden sie auch in höherem Maße sog. Modalitätsmarkierungen als die Deutschen. So wird der sog. Hesitator, also gezielt eingesetzte verwendete Hesitationsphänomene wie z. B. Stottern, um ein Vielfaches häufiger verwendet als von Deutschen. Aber auch sog. Understater, also Adverbien, die den in der Proposition bezeichneten Sachverhalt herunterspielen wie z. B. „ein kleines bisschen“, „etwas“, „einen Moment“ etc. werden viel häufiger von Niederländern verwendet116. Niehaus-Lohberg und Herrlitz, die ihren Erkenntnissen heuristischen Wert zukommen lassen, ziehen den Schluss, dass sich in der Interkulturellen Kommunikation zwischen Deutschen und Niederländern wesentliche Unterschiede im Bereich der sprachlichen Konstitution von sozialen Beziehungen ergeben, die für die niederländisch-deutsche Kommunikation mit Problemen verbunden sein können. Für den Sprecher von Fremdsprachen bedeutet dies insbesondere, dass er ohne wesentliche Einschränkungen die Muster und Normen des Sprachgebrauchs beherrschen muss, so wie sie für die Kommunikation in der benutzten Sprache als Muttersprache gelten. Insbesondere auf der Beziehungsebene der Kommunikation ist eine weitreichende Anpassung des Fremdsprachensprechers an die Muster und Normen der Muttersprache des Kommunikationspartners erforderlich. Für die Deutschen bedeutet dies, dass sie im Falle des Zurückgreifens auf die niederländische Sprache den von Niederländern präferierten indirekteren, relativierenderen Umschreibungen sowie den häufiger eingesetzten Modalitätsmarkierungen Rechnung tragen müssen. Umgekehrt müssen dann natürlich Niederländer bei Verwendung der deutschen Sprache auch den direkter und eindeutiger gefassten Formulierungen von Deutschen folgen117. Besonders anschaulich beschreibt der US-amerikanische Sozialpsychologe Levine seine Erfahrung mit Direktheit in der Kommunikation bei Untersuchungen zur Erfassung des Lebenstempos118 in Japan und den USA, wobei anzumerken ist, dass die USA im Vergleich zu Japan durch eine deutlich höhere Direktheit gekennzeichnet ist. Im Rahmen seiner Untersuchungen zur Erfassung der Schnelligkeit am Arbeitsplatz wurde von Levine die Zeit gemessen, die ein Angestellter am Postschalter benötigt, um eine Standardbriefmarke zu verkaufen. Hierzu wurde dem Angestellten eine Notiz in der jeweiligen Landessprache mit der entsprechenden Bitte vorgelegt. In Japan wurde immer wieder etwas mehr Zeit benötigt, da dort die Briefmarke manchmal eingewickelt und als kleines Päckchen überreicht worden ist oder gelegentlich, ohne dass darum gebeten oder dazu aufgefordert worden war, extra eine Quittung ausgestellt worden ist. Im Hauptpostamt von New York hingegen hielt eine Angestellte die Notiz, die Levine persönlich vorgelegt hatte hoch über ihren Kopf und begann dann, sehr langsam und sehr laut Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 98 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 99 98 5 Interkulturelle Erscheinungsformen der interpersonalen Kommunikation für alle Umstehenden hörbar und in unverkennbarer Direktheit mitzuteilen bzw. eigentlich auszurufen: „„SIE… WOLLEN… MIR… DOCH… NICHT… SAGEN… DASS… SIE… EINE… EINZIGE… LAUSIGE… BRIEFMARKE… WOLLEN… UND … DAFÜR… MIT… EINEM… (hier wurde sie noch langsamer und lauter, und ihr Rhythmus klang allmählich wie der Partitur des Bolero entnommen)… FÜNF-… DOLLAR-… SCHEIN… BEZAHLEN?“ Nach einer kurzen Pause und nachdem sie sowohl mich als auch meinen Schein ein paarmal ungläubig angeschaut hatte, steigerte sie die Lautstärke noch um ein paar Dezibel und rief aus: „GOTT, WIE ICH DIESE STADT HASSE!““ Das war (…) mein peinlichstes Erlebnis als Versuchsleiter…“119 5.1.4.2 Explizitheit vs. Implizitheit Die Notwendigkeit der Berücksichtigung von systematisch-kommunikativen Präferenzen bezieht sich aber auch auf die anderen, von House angeführten Dimensionen. So greifen die Deutschen beispielsweise gerne auf die Explizitheit sowie die damit verbundene Inhaltsorientierung mit Ausdrücklichkeit und Ausführlichkeit zurück, häufig auch verbunden mit entsprechenden Erklärungen oder Begründungen. Die deutsche Explizitheit veranschaulicht House plakativ, aber eindrucksvoll durch englische Titel von Kinofilmen und deren Übersetzung ins Deutsche: „The Errand Boy“ „Der Bürotrottel“ „Where are the Children?“ „Grenzenloses Leid einer Mutter“ „Mommie Dearest“ „Meine liebe Rabenmutter“ „Trapped and Deceived“ „Wenn Eltern ihre Tochter verraten“120 Die Explizitheit der deutschen Kommunikation, die häufig mit einem Drang nach Begründungen einher geht, findet vielfach Ihren Ausdruck, etwa in Fachbüchern oder Vorträgen. Als gutes Beispiel für die deutsche Explizitheit kann auch der deutsche „Schilderwald“ angeführt werden. Schilder mit der Aufschrift: Zur Vermeidung von Gesundheitsschäden und unzumutbaren Belästigungen ist in den Hallen, Fluren, Treppenhäusern und Veranstaltungsräumen dieses Gebäudes mit Ausnahme der Cafeteria und der Eingangshalle das Rauchen untersagt! finden in den USA durch das einfache Äquivalent „No Smoking!“ ihren Ausdruck121. Im Thermalquellenbad der schwäbischen Stadt Aalen kommt die Explizitheit des deutschen Schilderwaldes in beachtlichem, fast belustigendem Ausmaße zum Ausdruck: Es ist nicht erlaubt in die Becken zu springen. Es wird gebeten, beim Ertönen des Gongs die Massagedüsen in den Becken zu wechseln. Die Ruheliegen dürfen nicht als Ablage benutzt werden. Die Badegäste werden um äußerste Ruhe gebeten. Keine Haftung bei Unfällen soweit das Personal nicht vorsätzlich handelt. Den Anweisungen des Personals ist zu folgen. Bitte tragen Sie rutschfeste Badeschuhe; sie sind an der Kasse erhältlich. Ausführliche Benutzungshinweise finden Sie am Badeeingang. Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 98 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 99 995.1 Verbale Kommunikation Liebe Badebesucher / -innen, liebe Liebespaare!!! Die Limes-Thermen sind ein öffentliches Bad. Unsere Mitarbeiter / -innen sind angewiesen, die Badeordnung umzusetzen und bei Nichtbeachtung von unserem Hausrecht Gebrauch zu machen. Bei sittlich nicht einwandfreiem Verhalten müssen wir Sie des Bades verweisen. – Bäderleitung – Bitte die weißen Fliesen nur mit Badeschuhen (oder barfuß) betreten. WICHTIG: Vor dem Baden (den ganzen Körper ohne Badekleidung) gründlich reinigen. Es ist unbedingt den Anweisungen des Personals Folge zu leisten. 5.1.4.3 Ad‑hoc‑Formulierung vs. sprachliche Routine Des Weiteren ist beispielsweise die englische Sprache durch die häufige Verwendung sog. sprachlicher Routinen gekennzeichnet. So dient die englische Formel „Excuse me“ als Pendant für unterschiedlichste deutsche Varianten wie „Bitte entschuldigen Sie“, „Verzeihen Sie bitte die Störung“, „Darf ich bitte kurz stören“, „Ich möchte Sie nicht stören“, „Verzeihung“ etc. Andere sprachliche Routinen in der englischen Sprache sind beispielsweise die auf vielfältige Weise einsetzbaren Anreden „Sir“ oder „Madam“122. Diese Routinen können stellvertretend verwendet werden für ad hoc differenziert formulierbare Inhalte wie etwa „Meine Verehrung“, „Würden Sie mich bitte entschuldigen“, „Auf Wiedersehen“, „Ich darf mich empfehlen“ etc. 5.1.4.4 Orientierung auf das Ich vs. Orientierung auf das Gegenüber Die Gründe für die angeführten Unterschiede in der Sprachhandhabung sind vielfältiger Natur und es ist zur Erklärung der jeweils präferierten Kommunikationsmuster ein Blick auf die hierfür relevanten, tiefer liegenden, beispielsweise historischen Ursachen zu werfen. So wurde Deutschland in besonderem Maße von Kriegen heimgesucht. Der damit einhergehende Verlust des Gefühls von nationaler Zugehörigkeit und Gemeinschaft führte zu einer „Orientierung auf das Ich“ anstelle einer „Orientierung auf das Gegenüber“. Aber auch das in Deutschland vorherrschende öffentliche Ausbildungssystem, in dem traditionell die Vermittlung von Wissen und Inhalten im Vordergrund steht, kann in diesem Zusammenhang angeführt werden. Die Förderung konventioneller sozialer Kompetenz und die Beherrschung eines „Image-Managements“ hingegen findet in der deutschen Nachkriegskultur in weitaus geringerem Maße Berücksichtigung als im angelsächsischen Sprachraum123. Zusammenfassend wird deutlich, dass in Abhängigkeit von der jeweiligen Kultur jeweils ganz spezifische systematisch-kommunikative Präferenzen vorherrschen. Diese Präferenzen bringen jeweils unterschiedliche Vorgehensweisen hinsichtlich der einzelnen Dimensionen zum Ausdruck, also zum Beispiel die grundsätzlich von Deutschen in der eigenen Muttersprache präferierte Direktheit und Explizitheit. Die Gesamtheit der kulturspezifischen Präferenzen verdichtet sich letztlich zu „kulturtypischen kommunikativen Stilen“. Die Kenntnis des jeweiligen Kommunikationsstils fremder Kulturen ist von besonderer Bedeutung, weil letztlich Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 100 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 101 100 5 Interkulturelle Erscheinungsformen der interpersonalen Kommunikation die einzelnen Stilmerkmale über den Einzelfall hinaus verallgemeinert werden können. Das Wissen über die direkteren und expliziteren Sprachaktrealisierungen von Deutschen etwa ermöglicht es, sich auf diese Merkmale einzustellen und Fehlinterpretationen in hohem Maße zu vermeiden124. 5.2 Nonverbale Kommunikation Neben der Untersuchung des „akustischen Kanals“ liegt ein weiterer wesentlicher Schwerpunkt in der Erforschung des „visuellen Kanals“ sowie der damit verbundenen optisch-visuellen Phänomene, obwohl ja gerade die Sprache, also die verbale Kommunikation als das kommunikative Medium schlechthin angesehen wird125. Zu Recht konstatieren zahlreiche Autoren beispielsweise die immense Bedeutung der Körpersprache, die Bestandteil der nonverbalen Kommunikation ist, und stellen die ungenügende Beachtung heraus, die der nonverbalen Kommunikation im Allgemeinen zuteil wird126. Die Auffassung darüber, was alles unter dem Begriff der nonverbalen Kommunikation zu subsumieren ist, wird in der Literatur nicht immer völlig einheitlich vorgenommen127. Nach Helfrich und Wallbott umfasst die nonverbale Kommunikation „die Gesamtheit der im Interaktionskontext auftretenden nichtsprachlichen Phänomene, unabhängig davon, ob ein geteilter Kode und Intentionalität des Senders gegeben sind.“128 Für Kroeber-Riel et al. umfasst die nonverbale Kommunikation alle Formen der persönlichen Kommunikation und der Massenkommunikation, die sich nicht auf eine symbolische, vor allem sprachliche Informationsübertragung stützen. Die nonverbale Kommunikation beinhaltet also all jene menschlichen Ausdrucksformen, die weder in Schriftform noch mittels des gesprochenen Wortes übertragen werden129. Gemäß dieser Auffassung werden im Folgenden unter nonverbaler Kommunikation alle Formen der Kommunikation, die andere Mittel als die Sprache benutzen verstanden130. Abbildung  5-3 gibt einen Überblick über die Klassifikation nonverbaler Ausdrucksformen. Hierbei wird die Vielfalt der Kommunikationselemente deutlich, die im Einzelnen dem Bereich der nonverbalen Kommunikation zuzuordnen sind. Dabei wird auf einen eher weiten Definitionsrahmen der nonverbalen Kommunikation zurückgegriffen, zumal die vokalen bzw. parasprachlichen Kommunikationselemente, also die sog. Paralinguistik der nonverbalen Kommunikation zugeordnet werden. Unmittelbar mit der Vielfalt der nonverbalen Kommunikationselemente verbunden ist die Komplexität der nonverbalen Kommunikation im interkulturellen Kontext: „Non-verbal barriers to intercultural communication may pose greater problems than language barriers. Various non-verbal cues carry different meanings in different cultures. In addition, non-verbal cues may carry strong meaning in some cultures and little or no meaning in other cultures.”131 Über die vielfältigen nonverbalen Verhaltenskanäle kann eine Vielzahl unterschiedlicher Signale gleichzeitig übermittelt werden132. Bei der nonverbalen Kommunikation kommt es somit in der Regel zu einem Zusammenspiel mehrerer oder gar vieler Ausdruckselemente. So bestimmen beispielsweise Augenkontakt, Mi- 5.2 Nonverbale Kommunikation

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Zusammenfassung

Kompetenz zur Interkulturellen Kommunikation für jeden Markt der Welt

Kommunikation in der Wirtschaft ist von essentieller Bedeutung und unabdingbar für den Erfolg, wobei die fortschreitende Globalisierung und Internationalisierung die Interkulturelle Kommunikation immer bedeutsamer machen. Erst die Kenntnis kultureller Unterschiede und Besonderheiten ermöglicht eine erfolgreiche Kommunikation auch zwischen Vertretern unterschiedlicher Kulturen.

Dieses Buch gibt kulturübergreifend einen umfassenden Überblick über

- Begriffe der Kommunikation und Kultur

- Interkulturelle Besonderheiten in der interpersonalen und massenmedialen

- Kommunikation (Interkulturelle Marketing-Kommunikation)

- Verbale und nonverbale Kommunikation

- Kulturvergleichende Studien (z.B. GLOBE-Studie)

- Neuere Forschungsgebiete wie Interkulturelle Kommunikationspsychologie und Kulturelle Neurowissenschaft

Durch zahlreiche Fallbeispiele und Fallstudien eignet sich dieses Buch für die Aus- und Weiterbildung an Universitäten, Hochschulen und anderen Bildungseinrichtungen sowie für die Praxis.