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3.3 Ebenen des Kulturbegriffs im Wirtschaftskontext nach Browaeys und Price in:

Michael Schugk

Interkulturelle Kommunikation, page 52 - 61

Grundlagen und interkulturelle Kompetenz für Marketing und Vertrieb

2. Edition 2014, ISBN print: 978-3-8006-4888-7, ISBN online: 978-3-8006-4889-4, https://doi.org/10.15358/9783800648894_52

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Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 32 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 33 333.3 Ebenen des Kulturbegriffs im Wirtschaftskontext nach Browaeys und Price eine Herzlichkeit in der Begrüßung zum Ausdruck zu bringen. In den USA, mehr noch in Deutschland hingegen ist der Händedruck intensiver und länger, insbesondere bei der Begrüßung von Bekannten sowie bei offiziellen Anlässen, was in Frankreich wiederum unüblich ist und leicht als aufdringlich empfunden werden kann. Der Kuss, der im Europa des Mittelalters als Begrüßungsform weit verbreitet war, wird in den europäischen Kulturen der Gegenwart indes viel seltener und vor allem auch kulturspezifisch sehr verschieden eingesetzt. So gilt der Handkuss, der von Männern zur Begrüßung oder auch Verabschiedung einer Frau bis zum Zweiten Weltkrieg sowohl in Osteuropa als auch den Nachfolgestaaten des ehemaligen Habsburgischen Reiches eingesetzt wurde, als so gut wie ausgestorben. Der Wangenkuss hingegen spielt heute noch eine bedeutsame Rolle, so beispielsweise als Begrüßungsform unter andersgeschlechtlichen Verwandten, Freunden und engeren Mitarbeitern im Berufsleben in Frankreich, Italien und Spanien. In Deutschland, England, den USA sowie in den skandinavischen Ländern hingegen spielt der Wangenkuss kaum eine Rolle. In Japan wiederum existiert eine stark kodifizierte Verbeugung, bei der je nach Situation ein Winkel von 15 bis 45 Grad zur Begrüßung einzunehmen ist und die Hände anschließend übereinander vor dem Körper gehalten werden43. In Indien legt man die Handflächen aneinander, bei den Eskimos erfolgt ein leichter Schlag auf die Schulter und die Maori Reiben die Nasen aneinander. Die Art des Handgebens bei den Massai und anderen ostafrikanischen Gemeinschaften würde in Deutschland als Gleichgültigkeit interpretiert werden, gibt man Fremden doch ausdruckslos die Hand, wobei sich die Hände lediglich wie zufällig berühren und nicht gedrückt werden. Indes wird der Händedruck umso kräftiger, je besser sich die Kommunikationspartner kennen, was bis zum Aufklatschen der Hände unter Freunden geht44. Die vorausgehende, schier endlos anmutende Aufzählung an Symbolbeispielen für den Bedeutungsinhalt der höflichen Begrüßung macht deutlich, dass bei kulturübergreifender Betrachtung geradezu zahllose unterschiedliche Symbole für ein und denselben Bedeutungsinhalt existieren. Die Symbole unterscheiden sich im interkulturellen Vergleich dabei deutlich oder gar vollkommen. Somit sind die persönlichen Deutungen und Verstehensformen in Bezug auf das jeweilige nicht bekannte, weil kulturfremde Symbol im Rahmen der Interkulturellen Kommunikation sehr unterschiedlich und kommunikativen Missverständnissen wird Tür und Tor geöffnet. Dies bedeutet letztendlich nichts anderes als dass im Rahmen der höflichen Begrüßung Fremdheit erfahren werden kann und im Falle unzureichender interkultureller Kommunikationskompetenz mit größter Wahrscheinlichkeit auch erfahren wird, zumal der Mensch dazu neigt sich die umgebende Umwelt mit den gewohnten Deutungen bzw. Bezügen zu Eigen zu machen und zu interpretieren45. 3.3 Ebenen des Kulturbegriffs im Wirtschaftskontext nach Browaeys und Price Gemäß Browaeys und Price kann sich Kultur auf verschiedenen Ebenen entwickeln und auch auf den Wirtschaftskontext auswirken. Voraussetzung ist aber in jedem Falle, dass eine bestimmte Gruppe von Menschen in einem bestimmten Kontext gemeinsame Erfahrungen gesammelt hat. Die verschiedenen Ebenen stellen sich wie folgt dar. 3.3 Ebenen des Kulturbegriffs im Wirtschaftskontext nach Browaeys und Price Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 34 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 35 34 3 Der Kulturbegriff 3.3.1 Kultur und Nation In Bezug auf interkulturelle Fragestellungen ist grundsätzlich zwischen den beiden Begriffen Kultur und Nation zu unterscheiden. Dies kann am Beispiel der Kurden veranschaulicht werden, die durch eine ganz eigene, unverwechselbare Kultur charakterisiert sind. Dennoch leben die Angehörigen der Kultur der Kurden in den drei verschiedenen Nationen Türkei, Irak und Iran. Es wird also deutlich, dass ein und dieselbe Kultur die politischen, also nationalstaatlichen Grenzen von zwei oder gar mehr Nationen überschneiden kann. Die Unterscheidung von Kultur und Nation ist auch für Wirtschaftsunternehmen von Bedeutung. So müssen bei der Betrachtung von Nationen etwa alle Maßnahmen Berücksichtigung finden, die ein jeder Staat zum Schutze der eigenen Nation bzw. seiner Einwohner unternimmt, etwa die Maßnahmen im Bereich der Wirtschafts- und Sozialpolitik, die Rechtsgrundlagen mit nationalem Gültigkeitsbereich, aber auch die Maßnahmen und Entscheidungen von Wirtschaftsinstitutionen mit nationalem Entscheidungsbereich. In Bezug auf Kulturen ist zu berücksichtigen, dass Organisationen selbst durch kulturelle Elemente beeinflusst werden, die mit der Beziehung zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer sowie dem Verhalten der Arbeitnehmer untereinander in Zusammenhang stehen bzw. selbige maßgeblich prägen. So müssen beispielsweise jegliche Managementanstrengungen zur Steigerung von Effektivität und Effizienz durch Veränderung und Wandel die jeweiligen Kulturelemente berücksichtigen46. Kulturen können aber auch in der marktgerichteten Perspektive bedeutsam sein, etwa im Interkulturellen Marketing, wo beispielsweise die Möglichkeiten einer kulturspezifisch differenzierten Marktbearbeitung erwogen und durchgeführt werden können. Immer wieder gestellt wird die Frage nach den Möglichkeiten der Abgrenzung von Kulturen untereinander. In der interkulturellen Forschung wird Kultur oftmals mittels politischer Grenzen definiert bzw. abgegrenzt. Diese Gleichsetzung von Kultur und Nation, die nicht zuletzt auf ihre einfache Handhabung und die damit verbundene leichte Nachvollziehbarkeit zurückzuführen ist, kann sich jedoch problematisch gestalten47. So müssen gerade zwischen einzelnen Nationen bzw. Staaten, die direkt aneinander grenzen, nicht immer starke kulturelle Unterschiede bestehen, was auch für die Interkulturelle Kommunikation gilt. So haben beispielsweise Untersuchungen der deutsch-französischen Geschäftskommunikation bei Mitarbeitern der Firma BASF, Frankreich, die allesamt über sehr fundierte Kommunikationserfahrungen mit Deutschen in deutscher Sprache verfügen, ergeben, dass die Unterschiede in der Geschäftskommunikation keineswegs groß sind. Allerdings wurde eine ganze Reihe kleiner Unterschiede ermittelt, die immer wieder auch Ursache von Missverständnissen waren. Gerade räumliche Nähe und hohe Kontakthäufigkeit suggerieren leicht kulturelle Gemeinsamkeiten, wodurch bestehende Unterschiede oftmals nicht mehr als kulturelle Unterschiede klassifiziert werden. Kommunikative Probleme werden in diesen Situationen häufig den persönlichen Eigenschaften des Kommunikationspartners zugeschrieben, kleinere kulturelle Unterschiede und Nuancen werden verharmlost oder gar gänzlich übersehen48. Ein Heranziehen sprachlicher Grenzen zur Abgrenzung von Kulturen gestaltet sich oftmals noch problematischer. Beispielsweise zeigen die von Hofstede für die Kulturdimensionen Machtdistanz und Maskulinität ermittelten kulturellen Dis- Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 34 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 35 353.3 Ebenen des Kulturbegriffs im Wirtschaftskontext nach Browaeys und Price tanzen deutlich größere Unterschiede zwischen Deutschland und Österreich als zwischen Deutschland und Großbritannien49. Die Frage nach der Abgrenzung verschiedener Kulturen ist wohl nicht letztendlich und definitiv zu beantworten. In der gegenwärtigen Literatur und in Untersuchungen wird nicht zuletzt aus Gründen der Praktikabilität sehr häufig das Kriterium der Nationalität bzw. der Staatsgrenzen herangezogen, um Kulturen voneinander abzugrenzen50. Dieser Vereinfachung soll hier im Wesentlichen gefolgt werden, auch wenn damit gewisse, noch zu thematisierende Ungenauigkeiten verbunden sind. 3.3.2 Nationale Kultur bzw. Landeskultur Trotz der vorausgehend dargestellten notwendigen Unterscheidung zwischen Kultur und Nation existiert auch der durchaus bedeutsame Begriff der sog. nationalen Kultur. Alternativ kann auch von Landeskultur gesprochen werden. Gemäß Tayeb begründet sich dies durch den permanent existenten roten Faden, der sich zieht „through our lives which makes us distinguishable from others, especially those in other countries: this thread is our national culture“51. Auch wenn sich eine jede nationale Kultur intern betrachtet letztlich immer in einem gewissen Grade auch heterogen gibt, so gibt es doch gute Gründe davon auszugehen, dass in der Tat die Vorstellung von einer nationalen Kultur durch zahlreiche Gemeinsamkeiten in hohem Maße der Wirklichkeit entspricht. Neben der gemeinsamen physischen Umgebung sowie der gemeinsam durchlaufenen Geschichte einer Nation sind es nach Tayeb insbesondere die nachfolgend angeführten Institutionen bzw. Einrichtungen, die in der Tat sehr eindrucksvoll veranschaulichen, warum in vergleichsweise hohem Maße von der Begründung nationaler Kulturen ausgegangen werden kann52: • Familie: Die Familie repräsentiert die zentrale soziale Basiseinheit schlechthin, in der sich die Akkulturation, also die kulturelle Anpassung an die eigene Kultur von Geburt an vollzieht; • Religion: Religiöse Überzeugungen können die Weltansichten der Menschen signifikant beeinflussen und somit auch die Gestaltung der Umwelt maßgeblich prägen; • Bildung: Besonders starke kulturelle Prägung erfährt die Kultur einer Nation durch ihr Bildungssystem, das auf einem eigenen Wertesystem basiert und sowohl die Lehrinhalte als auch die Lehrmethoden maßgeblich und weitgehend einheitlich prägt; • Massenmedien: Ebenfalls eine besondere Rolle spielen im Rahmen der Prägung einer nationalen Kultur die (elektronischen) Massenmedien. Die zunehmende Bedeutung dieser Medien führt dazu, dass auch aus deren Konsum resultierende gemeinsame Erfahrungen mehr und mehr an Bedeutung gewinnen und die Gemeinsamkeiten in Bezug auf Werte, Haltungen und Geschmack fördern, also die Entwicklung einer jeweils ganz eigenen Kultur im Rahmen einer Nation zumindest befördern53. Der Einfluss der Massenmedien auf die Kultur kann etwa am Beispiel des deutschen öffentlich-rechtlichen Kinderprogramms KiKA veranschaulicht werden. Überdeutlich wird dabei, dass direkt oder auch indirekt ganz bestimmte und für Deutschland auch typische Werte vermittelt werden. Insofern wird deutlich, dass (die überwiegend national ausgerichteten) Massenmedien tatsächlich einen Beitrag zur Herausbildung einer national Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 36 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 37 36 3 Der Kulturbegriff begrenzten kulturellen Identität leisten54, indem sie dem Einzelnen die jeweils eigene Kultur näher bringen. Der Einzelne kann dadurch erkennen welches Verhalten in seiner jeweiligen Kultur verbreitet und somit letztendlich auch akzeptiert ist. Somit grenzen die Massenmedien den Verhaltensspielraum des Einzelnen sehr wesentlich ab55. Im Übrigen ist davon auszugehen, dass das, was die Menschen als „Wirklichkeit“ erleben zunehmend in zwei verschiedene „Wirklichkeiten“ zerfällt. Die erste Wirklichkeit, die Erfahrungsumwelt, ist die durch direkte persönliche Erfahrungen erlebte Umwelt. Die zweite Wirklichkeit, die Medienumwelt, ist die durch die Medien vermittelte Umwelt. In Bezug auf das Konsumentenverhalten etwa zeichnet sich die Entwicklung ab, dass die Medienumwelt einen immer stärkeren Einfluss gewinnt. Insbesondere in den hoch entwickelten Informationsgesellschaften konstruieren die Menschen ihre Wirklichkeit in zunehmendem Maße aufgrund der Eindrücke, die sie aus den Medien empfangen: „„Wirklichkeit ist in einer von Massenmedien geprägten Gesellschaft zunehmend das, was wir über Mediengebrauch als Wirklichkeit konstruieren.“ An diese Wirklichkeit glauben wir, danach handeln wir“.“56 Als Beispiel für interkulturelle Unterschiede, die sich in der Tat schlagartig mit Überschreiten der nationalstaatlichen Grenze ergeben können mögen die Berichte des mexikanischen Bibliotheksleiters und Universitätslehrers für Kommunikation Vicente Lopez dienen, der jahrelang in der mexikanischen Stadt Tijuana gelebt und in der Nahe gelegenen US-amerikanischen Stadt San Diego gearbeitet hat und aus dessen Erfahrungen die mögliche Abruptheit des Entstehens interkultureller Unterschiede an der nationalstaatlichen Grenze am Beispiel des unterschiedlichen Lebenstempos57 deutlich hervorgeht: „Lopez ist fünf Jahre lang zwischen Tijuana und San Diego gependelt. Er sagt, er habe jedesmal, wenn er die Grenze überquerte, das Gefühl gehabt, in ihm würde jemand auf einen Knopf drücken. Sobald er in die Vereinigten Staaten kam, fühlte er, wie sein ganzes Wesen sich auf die schnelle Uhrzeit umstellte: Er ging schneller, fuhr schneller, sprach schneller und hielt sich an Termine. Wenn er nach Hause zurückkehrte, entspannte sich sein Körper und ließ sich in die Ereigniszeit sinken, sowie er den mexikanischen Zollbeamten sah. (…) Lopez behauptet, daß dieses Umschalten vielen Pendlern zwischen Tijuana und San Diego zur zweiten Natur geworden ist – auch ihm.“58 3.3.3 Organisationskultur Im Mittelpunkt der Organisationskultur stehen die spezifischen Verhaltensnormen, die innerhalb einer Organisation Akzeptanz gefunden haben. In diesem Sinne versteht Schein unter Organisationskultur „(a) a pattern of basic assumptions, (b) invented, discovered, or developed by a given group, (c) as it learns to cope with its problems of external adaptation and internal integration, (d) that has worked well enough to be considered valid and, therefore (e) is to be taught to new members as the (f) correct way to perceive, think, and feel in relation to chosen problems.“59 Aus dieser Definition geht die grundlegende Bedeutung, die die Kultur für eine Organisation hat sehr deutlich hervor. Kulturelle Elemente einer Organisation neh- Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 36 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 37 373.3 Ebenen des Kulturbegriffs im Wirtschaftskontext nach Browaeys und Price men somit Einfluss auf die Art und Weise der Führung sowie des Managements von Organisationen. In diesem Zusammenhang gilt es natürlich zu bedenken, dass eine jede Organisation grundsätzlich auch vom jeweiligen kulturellen Umfeld, in dem die Organisation angesiedelt ist sehr deutlich geprägt wird. Somit hat die generelle Kultur einer Gesellschaft, in der eine Organisation angesiedelt ist auch Auswirkungen auf die innerhalb der Organisation geltenden Werte und Auffassungen60. Grundsätzlich ist also davon auszugehen, dass die Organisationskulturen in unterschiedlichen Kulturen bei all den sicherlich auch gegebenen intrakulturellen Unterschieden letztendlich aber auch in bedeutsamem Maße eine interkulturell betrachtet unterschiedliche Ausprägung haben, was etwa am Beispiel der sehr gegensätzlichen Einstellung von Arbeitnehmern gegenüber dem eigenen Unternehmen in den sehr stark individualistisch geprägten USA einerseits, dem eher kollektivistisch geprägten Japan andererseits deutlich wird. So hat die Identifikation mit der eigenen Organisation für japanische Arbeitnehmer gemäß dem vorherrschenden Kollektivismus, also der Gruppenorientierung eine große Bedeutung. Der durchaus intensive Bezug zum eigenen Unternehmen sowie zur damit verbundenen Organisationskultur, der nicht zuletzt häufig in lebenslangen Beschäftigungsverhältnissen zum Ausdruck kommt, wird u. a. dadurch deutlich, dass bei der Vorstellung einer Person zunächst der Name des Unternehmens, für das gearbeitet wird genannt wird bevor nachfolgend auch der Name des Arbeitnehmers genannt wird. In den USA herrscht selbstverständlich die umgekehrte Reihenfolge vor. Des Weiteren werden auf japanischen Visitenkarten über dem Namen des Arbeitnehmers der Name des Unternehmens sowie die individuelle Position im Unternehmen angeführt. Im Gegensatz dazu wird in den durch Individualismus charakterisierten USA zwar ebenfalls der Name des Unternehmens ganz oben angeführt. Doch ist dieser gefolgt vom Namen des Arbeitnehmers, der groß und fettgedruckt angeführt wird, bevor in kleinerer Schrift unter dem Namen die Position des entsprechenden Arbeitnehmers angeführt wird. Im Übrigen sind Anstecknadeln zur Dokumentation des Unternehmens, für das gearbeitet wird unter japanischen Managern traditionell weit verbreitet, wenn auch in Bezug auf die jüngere Generation in nachlassendem Maße, wohingegen diese Praxis unter US-amerikanischen Managern nicht üblich ist61. 3.3.4 Unternehmenskultur Im Falle von sog. multinationalen Unternehmen, die durch im Ausland befindliche Tochtergesellschaften sowie Produktion und somit auch Direktinvestitionen im Ausland gekennzeichnet sind, ist durchaus zu erwarten, dass die Unternehmenskultur, auch als Corporate Culture bezeichnet, vom in der Heimatkultur angesiedelten Stammhaus ausgehend geprägt wird und sich somit auch in den im Ausland befindlichen Tochtergesellschaften zumindest in gewissem Maße niederschlägt. Somit kann die sich in solchen Unternehmen international entwickelnde Unternehmenskultur sowohl beeinflusst sein von der bereits vorausgehend beschriebenen Organisationskultur des in der Heimatkultur angesiedelten Stammhauses als auch letztendlich von der grundlegenden Kultur, in der das Stammhaus angesiedelt ist62. Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 38 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 39 38 3 Der Kulturbegriff 3.3.5 Berufskultur Der Begriff der Berufskultur nimmt Bezug auf unterschiedliche Kulturen, die in Abhängigkeit von der Art des Berufes, also letztlich hinsichtlich unterschiedlicher Berufsgruppen zu erwarten sind. So existieren in unterschiedlichen Berufsgruppen unterschiedliche Wertesysteme. Schein unterscheidet beispielsweise zwischen den direkt in der Produktion oder Dienstleistungserstellung involvierten (Maschinen)Arbeitern, den für die technologische Entwicklung verantwortlichen Ingenieuren, die systemorientiert und lösungsorientiert das Zwischenmenschliche eher vernachlässigen sowie den Führungskräften und Managern, die tagtäglich großen Wert auf ihre Position in der Unternehmenshierarchie sowie den damit verbundenen Status legen63. Schulz von Thun beschreibt die unterschiedliche Kommunikation von Menschen in Abhängigkeit von der Zugehörigkeit zu unterschiedlichen Berufsgruppen sehr anschaulich wie folgt: „Nach meinem Eindruck liegt der Hauptunterschied in der Kommunikation gar nicht mehr zwischen Männern und Frauen, sondern zwischen den Angehörigen verschiedener Berufsgruppen… Besonders in der Arbeitswelt stünden sich auf der einen Seite die Angehörigen der kaufmännisch-technischen, auf der anderen Seite die der sozialen Berufe gegenüber: Hier die Ingenieure, Kaufleute, Juristen, Naturwissenschaftler, EDV-Spezialisten (überwiegend männlich dominiert) – dort die Sozialarbeiter, Berater, Lehrer, Psychotherapeuten, Geisteswissenschaftler (weiblich und männlich etwa halb und halb verteilt). Die einen hätten es mit den „Sachen“ zu tun (Maschinen, Computern, Zahlen), die anderen mit den Menschen (Familien, Kindern, Jugendlichen, Alten, Kranken, Behinderten); die einen sehen sich dem „rauen Wind“ des Marktes und der Konkurrenz ausgesetzt, bedroht von Hektik und Entfremdung, die anderen eher geschützt im „Hinterland“ des Sozialstaates und des öffentlichen Dienstes, aber bedroht von Kürzungen des Sozialbudgets und zu wenig Stellen … es trifft meines Erachtens zu, dass wo immer wichtige Fragen der Gesellschaft strittig diskutiert werden, diese beiden Strömungen mit ihrer unterschiedlichen Weltsicht und Lebenseinstellung aufeinander prallen. Und mit ihren verschiedenen Kommunikationsstilen! … Die „Sozialen“ können meist gut zuhören und auf den Gesprächspartner eingehen, auch auf das, was an Gefühlen zwischen den Zeilen mitschwingt. Auch was in ihnen selbst vorgeht, können sie ausdrücken und werden so als Mensch greifbar (und angreifbar). Hingegen tun sie sich auf den Bühnen der beruflichen Begegnungen oft recht schwer, ein klares Rollenbewusstsein zu entwickeln und entsprechend zu kommunizieren; das heißt zu unterscheiden, was sie etwas angeht und was nicht, wo die Gefühle wichtig sind und wo nicht, was mit ihrer Rolle im Einklang ist und was nicht. Meist fällt ihnen die Akzeptanz leichter als die Konfrontation und die Authentizität leichter als die wirkungsbedachte Rhetorik – sie müssen lernen, für ihre Ziele kämpferisch einzutreten, zu überzeugen und sich wirkungsvoll darzustellen, ferner mit Themen wie Geld, Macht, Hierarchie, Konkurrenz ohne Scheu umzugehen. Es wäre übertrieben zu sagen, dass kommunikative Stärken und Schwächen der beiden Gruppen genau entgegengesetzt wären, aber tendenziell trifft es zu: War die authentische Begegnung von Mensch zu Mensch eine Domäne der sozialen Gruppe, so hat die kaufmännisch-technische (distanzierend, kontrollierend, sich beweisend und aggressiv-entwertend) hier am meisten zu lernen: Gewohnt, auf der inhaltlichen Ebene argumentativ und lösungsorientiert zu operieren, schwanken sie auf der Beziehungsebene oft zwischen übermäßiger Distanz, Rechthaberei, Hilflosigkeit und Aggression. Auch das nicht gleich überzeugen- und korrigieren-wollende Zuhören, das einfühlende Sich-Einlassen auf die „Welt“ des Gegenübers liegt ihnen im Allgemeinen fern, und so sind sie immer in Gefahr, in weitschweifigen „Referaten“ aneinander vorbeizureden – mit der Folge, dass dann macht-orientierte Strategien den Umgang miteinander bestimmen, Gewinnen und Verlieren zur vorrangigen Kategorie zwischenmenschlicher Beziehungen wird. Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 38 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 39 393.3 Ebenen des Kulturbegriffs im Wirtschaftskontext nach Browaeys und Price Demgegenüber fällt es ihnen leichter, eindeutige Rollenbeziehungen herzustellen und sich in hierarchischen Kontexten zu bewegen; klare Anweisungen sind von ihnen eher zu erwarten als von der sozialen Gruppe, die manchmal dazu neigt, ihr Ideal von „Miteinander“ überzustrapazieren. Und was die „Hardliner“ an menschlicher Aussprache und sorgsamer Beziehungsklärung zu wenig pflegen, das kultivieren soziale Teams zum Teil im Übermaß, wenn sie wieder und wieder „an ihren Beziehungen arbeiten“ und darüber ihre sachlichen Aufgaben aus dem Auge zu verlieren drohen …“64 Zusammenfassend ist anzumerken, dass die oben angeführten unterschiedlichen Kategorien an Berufskulturen nach Schein oder auch nach Schulz von Thun durchaus sehr große kulturelle Unterschiede in Abhängigkeit von der jeweiligen Berufsgruppe erwarten lassen. Auch die in diesem Kontext angeführten großen Unterschiede in der Art und Weise der Kommunikation sind mehr als evident. Doch erscheint es durchaus fraglich, ob nicht beide eine vergleichsweise einfache, zu wenig differenzierte Darstellung unterschiedlicher Berufsgruppierungen vornehmen. Ohne die Sinnhaftigkeit der Unterscheidung von kaufmännisch-technischen Berufen und sozialen Berufen im Geringsten schmälern zu wollen erscheint es beispielsweise in Bezug auf die Zusammenfassung von Kaufleuten und Ingenieuren im Rahmen der kaufmännisch-technischen Berufe durchaus möglich und sinnvoll, die beiden Berufsgruppen der Ingenieure und der Kaufleute weiter zu differenzieren. 3.3.6 Sonstige Kulturbegriffe Nicht zuletzt aus Gründen der Vollständigkeit sei auf weitere Kulturebenen verwiesen, deren Bedeutung im Einzelfall keineswegs zu unterschätzen ist. So gibt es ethnische Kulturen, die sich auf eine gemeinsame Ethnie beziehen. Dabei ist unter einer Ethnie eine Gemeinschaft zu verstehen, die auf der Grundlage einer gemeinsamen Abstammung und Geschichte ein ganz eigenes Selbstbewusstsein hinsichtlich ihrer Besonderheit aufgebaut hat und sich somit auch in gewissem Sinne von anderen Gemeinschaften abgrenzt. Broszinsky-Schwabe spricht in diesem Zusammenhang von einer Unterscheidung Wir-Sie, auf die sich das entstehende ethnische Selbstbewusstsein begründet und welches durch eine Selbstbezeichnung zum Ausdruck kommt. Beispielsweise bezeichnet sich die ethnische Kultur der „Zigeuner“ selbst als Sinti und Roma. Ethnische Kulturen kennzeichnen sich durch langfristig stabile Gemeinsamkeiten in der Lebensweise, etwa in Sprache, Sitten und Gebräuchen. Im Übrigen haben ethnische Kulturen eine überaus tragische, gar furchtbare Rolle gespielt im Rahmen von Anfeindungen gegenüber anderen, fremden ethnischen Kulturen. Dabei sei nicht nur an die unsäglichen „ethnischen Säuberungen“ in Deutschland zu Zeiten des Nationalsozialismus erinnert, sondern beispielsweise auch an die furchtbaren Verbrechen in Bosnien oder Ruanda. Im Übrigen können ethnische Kulturen bzw. Gemeinschaften durchaus über eine eigene Sprache verfügen, etwa Bretonen über das Bretonisch oder Sorben über das Sorbisch65. Die Roma sprechen Romani und die Kurden beispielsweise Kurdisch66. Ebenfalls bislang nicht angesprochen wurde der Begriff der Subkultur. Der Begriff der Subkultur hat letztendlich die gleichen Funktionen wie der Begriff der Kultur. So wie der Begriff der Kultur dazu dient, übereinstimmende (kultur)spezifische Verhaltensweisen von verschiedenen Gesellschaften zu bestimmen dient Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 40 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 41 40 3 Der Kulturbegriff der Begriff der Subkultur dazu, die Verhaltensweisen von sozialen Gruppierungen innerhalb der Gesellschaft zu analysieren. Während Kultur einen „intergesellschaftlichen Begriff“ darstellt ist Subkultur ein „intragesellschaftlicher Begriff“67. Als besonders bedeutsame Subkulturen können erstens die Bewohner geographischer Gebiete, z. B. die Bayern oder die Norddeutschen, zweitens die sozialen Schichten, etwa die Unterschicht, Mittelschicht und Oberschicht sowie drittens schließlich auch die unterschiedlichen Alterssubkulturen, etwa Jugendliche oder Senioren unterschieden werden68. Anschauliche Beispiele für Subkulturen lassen sich auch in Form verschiedener Jugendkulturen, die sich herausgebildet haben finden. Derartigen Subkulturen, die sich beispielsweise in den Szenen von Rock / Heavy Metal, Gothic Rock, Techno, Rave etc. widerspiegeln ist das Ziel gemeinsam, sich von Normen und Werten der vorherrschenden (nationalen) Kultur abzugrenzen, wobei sie durchaus häufiger durch eine Orientierung über nationalstaatliche Grenzen hinweg gekennzeichnet sind und somit internationalen Strömungen unterliegen können. Es wird deutlich, dass sich der Begriff der Subkultur auf bestimmte Teilgruppen innerhalb einer Kultur bezieht, nicht hingegen auf die gesamte Kultur. Generell können Subkulturen verstanden werden als unterscheidbare Gruppen von Menschen in einer Gesellschaft, die kulturell geprägte Gemeinsamkeiten sowohl in Bezug auf affektive oder kognitive Reaktionsweisen (emotionale Reaktionen, Auffassungen, Werte und Ziele), aber auch in Bezug auf Verhalten (Gebräuche, Abläufe und Rituale, Verhaltensnormen) oder Umweltbedingungen (geographische Lage, Klima) vorzuweisen haben69. Die Klassifikation von Subkulturen kann mittels unterschiedlicher Kriterien bewerkstelligt werden. Am häufigsten wird eine Unterscheidung nach ethnischen Merkmalen herangezogen, aber auch auf Konfessions-, Stammes- und Altersgruppenzugehörigkeit sowie die Zugehörigkeit zu einem bestimmten geographischen Gebiet kann hierbei zurückgegriffen werden70. Das Konzept der Subkulturen bietet sich vor allem an, wenn moderne Großgesellschaften wie beispielsweise die USA oder Indien betrachtet werden und sich die Frage stellt, ob derart komplexe Gebilde überhaupt noch einer einzigen Kultur zuzurechnen sind, oder ob innerhalb dieser Gesellschaften nicht eigentlich mehrere unterscheidbare Kulturen Berücksichtigung finden müssten. Das Konzept der Subkulturen bietet in diesen Fällen Hilfestellung, geht es doch davon aus, dass einzelne Teilgruppen einer großen Gesellschaft eine eigene Kultur, eben eine Subkultur, aufzuweisen haben. Dabei heben sich die einzelnen Subkulturen einerseits voneinander ab, andererseits fügen sie sich aber auch zugleich in die übergreifende Gesamtkultur ein. Das Konzept der Subkultur ist somit ein probates Hilfsmittel, um der Komplexität von großen, in sich differenzierten Gesellschaften unter dem Aspekt der Kultur im anthropologischen Sinne Rechnung zu tragen71. Besonders anschauliche Beispiele für Subkulturen finden sich etwa in den USA. Hier ist die Gesellschaft durch unterschiedliche ethnische Gruppen wie z. B. die Farbigen oder die Hispanics charakterisiert. Deren jeweilige Normen, Werte und Verhaltensweisen grenzen sich in vielerlei Hinsicht von denen anderer Subkulturen der US-amerikanischen Kultur ab. Einige Gruppierungen in den USA beherrschen dabei nicht einmal die ansonsten gebräuchliche englische Sprache72. So sprechen heutzutage ca. 18 % aller Menschen in den USA zuhause eine andere Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 40 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 41 413.3 Ebenen des Kulturbegriffs im Wirtschaftskontext nach Browaeys und Price Sprache als Englisch. Dies entspricht einem Anteil von knapp einem Fünftel der gesamten US-amerikanischen Bevölkerung. Dabei setzt sich die US-amerikanische Gesellschaft aus Amerikanern europäischer Herkunft, aus Amerikanern mit lateinamerikanischer Herkunft, aber auch aus Amerikanern mit afrikanischer Herkunft und Amerikanern asiatischer Herkunft zusammen. Das „browning of America“, von dem in diesem Zusammenhang auch gesprochen wird, sowie die zunehmende kulturelle Vielfalt der Gesellschaft allgemein sind als sich künftig noch verstärkende Entwicklungen anzusehen73. Auch in Deutschland spielen ethnische Subkulturen, z. B. Menschen türkischer oder asiatischer Herkunft, eine zunehmend bedeutende Rolle74. Das am extremsten durch Multikulturalität gekennzeichnete Land der Welt ist allerdings Kanada. So waren in den 1990er Jahren 42 % der Gesamtbevölkerung weder französischer noch englischer, sondern hiervon abweichender ethnischer Herkunft. Insbesondere waren Abstammungen aus Deutschland, Italien, Ukraine, Niederlande, Polen, China, Vietnam, Korea, Karibik, Portugal und Skandinavien zu verzeichnen. Insgesamt sind in Kanada mehr als 70 ethnokulturelle Gruppierungen vertreten, die mehr als 60 Sprachen sprechen75. Als vergleichsweise bedeutsam gestalten sich auch soziale Kulturen, die sich auf die Zugehörigkeit ihrer Vertreter zu jeweiligen Gesellschaftsschichten beziehen. So sind Arbeiterkultur, bäuerliche Kultur, Angestelltenkultur oder Intellektuellenkultur Beispiele für unterschiedliche soziale Kulturen, die dementsprechend auch wiederum durch spezifische kulturelle Ausdrucksformen gekennzeichnet sind. In diesem Zusammenhang kann auf sog. Soziolekte, also sprachliche Besonderheiten einzelner sozialen Gruppierungen verwiesen werden. Regionale Kulturen hingegen herrschen in einem bestimmten, eindeutig begrenzten geographischen Gebiet vor, das meist durch eine charakteristische Landschaft sowie deren charakteristische Bevölkerung entstanden ist. Beispiele hierfür sind die bayerische Kultur oder auch der kulturelle Raum „Spreewald“. Dabei sind auch regionale Kulturen durch eigene sprachliche Besonderheiten gekennzeichnet, etwa durch einen besonderen Dialekt, auch wenn Dialekte infolge einer zunehmenden Mobilität und Mediatisierung immer mehr zu verschwinden drohen. Allerdings beschränken sich regionale Kommunikationsgewohnheiten keineswegs auf den Dialekt. So wird beispielsweise die vergleichsweise direkte und ruppige Art und Weise der Kommunikation in Berlin mit dem Spruch „Schnauze mit Herz“ zum Ausdruck gebracht. Als weitere regionale Besonderheiten kommen aber beispielsweise auch Esskultur, Bräuche und Traditionen, Verhaltensnormen und Lebensweise, häufig auch traditionelle Bekleidungsformen wie Dirndl und Lederhose als Tracht in Betracht. Im Übrigen bestehen auch in Bezug auf regionale Kulturen Stereotype76. Mitunter kann die Identität mit der regionalen Kultur sogar ein vorherrschendes Ausmaß annehmen, was etwa in den USA für die Einwohner von Kalifornien, Texas und auch Alaska als zutreffend angesehen werden kann77. Schließlich sei auf lokale Kulturen verwiesen, wie sie beispielsweise in Form von Stadtkulturen, etwa von London, Rom oder München zum Ausdruck kommen und sich noch weiter ausdifferenzieren lassen in Stadtteilkulturen, etwa denen von Soho, Trastevere oder Schwabing. Angesichts des vorausgehenden, immer spezifischer werdenden Differenzierungsprozesses in Bezug auf die Kulturebenen dürfte bereits an dieser Stelle deutlich Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 42 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 43 42 3 Der Kulturbegriff werden, welche Schwierigkeiten und Herausforderungen es im Rahmen einer Interkulturellen Kommunikation zu meistern gilt, zumal in dieser weitgefassten Betrachtungsweise des Kulturbegriffs quasi ein jeder Mensch (gleichzeitig) verschiedenen Kulturen zugehörig ist, sich also keineswegs mit nur einer Kultur identifiziert, sondern sich vielmehr in unterschiedlichen Identitätskreisen bewegt. In diesem Zusammenhang wird auch von der sog. individuellen Kultur gesprochen, die eng mit dem ganz individuellen Lebenslauf eines Menschen zusammenhängt78. 3.4 Definition des Kulturbegriffs nach Hofstede Eine konkrete Definition des Kulturbegriffs, die in der interkulturellen Forschung überaus große Beachtung und hohe Akzeptanz gefunden hat, stammt von dem niederländischen Soziologen Hofstede. Seine Definition sei vor allem deshalb explizit ausgeführt, als sie einige wesentliche Kulturmerkmale anspricht, die bislang noch nicht behandelt worden sind. Darüber hinaus hat die nachfolgend noch eingehend darzustellende kulturvergleichende Studie von Hofstede79 so viel Beachtung gefunden, dass eine gesonderte Darstellung seiner Kulturdefinition kaum ausbleiben kann. Hofstede definiert Kultur im Sinne des Kulturbegriffs der kognitiven Anthropologie80 als „die kollektive mentale Programmierung des Geistes, die die Mitglieder einer Gruppe oder Kategorie von Menschen von einer anderen unterscheidet“81. In Zusammenhang mit der mentalen Programmierung spricht Hofstede auch von „software of the mind“ (mentaler Software). Dies bedeutet für ihn nicht, dass Menschen wie Computer programmiert sind. Vielmehr geht er davon aus, dass das Verhalten des Menschen nur zu einem Teil durch seine mentalen Programme vorbestimmt ist, der Mensch also grundsätzlich über die Möglichkeit verfügt von diesen mentalen Programmen abzuweichen und somit in einer neuen, kreativen oder unerwarteten Weise zu reagieren. Allerdings soll die Vorstellung von der mentalen Software des Menschen auch zum Ausdruck bringen, dass menschliche Reaktionen infolge der persönlichen Vergangenheit bei Menschen wahrscheinlich und somit in gewissem Grade auch erwartet werden können. Erworben wird die mentale Software, die Hofstede letztlich auch mit dem Kulturbegriff gleichsetzt vom Menschen in seinem jeweiligen sozialen Umfeld82. In diesem Zusammenhang bringt Hofstede seine Auffassung zum Ausdruck, dass soziale Systeme nur existent sein können, weil das menschliche Verhalten nicht zufallsgesteuert, sondern vielmehr bis zum einem gewissen Grade vorhersehbar ist: „We assume that each person carries a certain amount of mental programming that is stable over time and leads to the same person’s showing more or less the same behavior in similar situations.”83 Die teilweise Vorhersehbarkeit menschlichen Verhaltens wird also auf eine, wie Hofstede es ausdrückt, kulturweit in hohem Maße einheitliche mentale Programmierung der einzelnen Kulturvertreter zurückgeführt. In Abgrenzung zu dieser Programmierung erkennt er aber auch eine ebenfalls existente individuelle mentale Programmierung an. 3.4 Definition des Kulturbegriffs nach Hofstede

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Zusammenfassung

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Dieses Buch gibt kulturübergreifend einen umfassenden Überblick über

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- Interkulturelle Besonderheiten in der interpersonalen und massenmedialen

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- Verbale und nonverbale Kommunikation

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