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3.1 Fallbeispiele zur Demonstration kultureller Unterschiedlichkeit in:

Michael Schugk

Interkulturelle Kommunikation, page 44 - 47

Grundlagen und interkulturelle Kompetenz für Marketing und Vertrieb

2. Edition 2014, ISBN print: 978-3-8006-4888-7, ISBN online: 978-3-8006-4889-4, https://doi.org/10.15358/9783800648894_44

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Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 25 3 Der Kulturbegriff 3.1 Fallbeispiele zur Demonstration kultureller Unterschiedlichkeit 3.1.1 Fallbeispiel 1: Die freizügige Gastfreundlichkeit „Stellen Sie sich ein kleines Dorf irgendwo in der nördlichen Hemisphäre vor. Ein Mann sitzt gerade vor einem der Häuser, während seine Frau das Abendessen zubereitet. Sie geht nach draußen, um Wasser vom örtlichen Brunnen zu holen. Dort trifft sie einen charmanten jungen Mann und nimmt ihn mit nach Hause, damit er ihren Ehemann trifft. Sie plaudern für eine Weile nett miteinander und der Ehemann lädt den jungen Mann zum Abendessen ein. Nach der Mahlzeit löscht der Ehemann die Lampen aus, geht zu Bett und lässt seine Frau mit ihrem gemeinsamen Gast allein. Später lädt diese den Gast ein, mit ihr zu schlafen. Am nächsten Morgen steht der Ehemann auf, um das Frühstück vorzubereiten, und ruft seine Frau und den Gast zum Essen. Sie frühstücken zusammen, und anschließend dankt der junge Mann dem Ehepaar für seine herzliche Gastfreundschaft und setzt seine Reise fort.“1 Die vorangehende Episode schildert ein in den meisten Kulturen nicht nur unübliches, sondern vielmehr inakzeptables Verhalten. In der Kultur der Ammassalik-Eskimos hingegen bedeutet Gastfreundschaft tatsächlich, dass ein Gastgeber die eigene Ehefrau für die Nacht „anbietet“. Bereits dieses erste, zugegebenermaßen exotisch und ausgefallen anmutende und noch aufzuklärende Fallbeispiel der Ammassalik-Eskimos verdeutlicht das mögliche Ausmaß interkultureller Unterschiede. Offensichtlich herrschen in dem Kulturkreis dieser Eskimos zumindest partiell gänzlich andere Normen, Werte und Verhaltensweisen als etwa in mitteleuropäischen Kulturkreisen. Um zu zeigen, dass dieses Beispiel beileibe kein Einzelfall ist folgen zwei weitere Fälle, die das Bestehen von mitunter gravierenden interkulturellen Unterschieden überzeugend zeigen. 3.1.2 Fallbeispiel 2: Das brutale Ritual Zwischen den Bewohnern zweier entlegener Bergdörfer in Peru, die beide nahe des dort entspringenden Amazonas liegen, finden an einem bestimmten, traditionell festgelegten Tag im Jahr Kämpfe statt. Dabei trifft die Bevölkerung der beiden gegnerischen Dörfer auf Bergwiesen auf eine Art und Weise aufeinander, die fast mit historischen Schlachten vergleichbar ist. Die beiden Kampfparteien bewerfen sich gegenseitig mit Steinen und schlagen mit Stöcken überaus heftig aufeinander ein, wobei auch Gefangene gemacht werden. Die Kämpfe werden derart brutal geführt, dass schwere Verletzungen an der Tagesordnung sind und auch Todesfälle sich regelmäßig ereignen. Das Ritual dieser jährlichen Kämpfe sowie das damit einhergehende Blutvergießen werden als eine Art Opfergabe gegenüber den Göttern und der Natur gesehen. Allgemein ist unter einem Ritual eine Kombination 3 Der Kulturbegriff 3.1 Fallbeispiele zur Demonstration kultureller Unterschiedlichkeit Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 26 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 27 26 3 Der Kulturbegriff mehrerer Verhaltensweisen mit symbolischem Charakter zu verstehen. Diese Verhaltensweisen laufen, wie im Falle der Kämpfe zwischen den beiden peruanischen Bergdörfern, in einer bestimmten Reihenfolge ab. In der Regel erfolgt eine Wiederholung in bestimmten zeitlichen Abständen. Dabei müssen Rituale nicht ausschließlich religiöse Werte zum Gegenstand haben2. 3.1.3 Fallbeispiel 3: Der religiös geprägte Alltag In Saudi-Arabien herrscht als Staatsreligion der sog. Wahhabismus vor3, eine besonders strenge Form des Islam, die im 18. Jahrhundert von dem damaligen Reformer Mohammed Ibn Abd al-Wahhab begründet worden ist. Wesentlicher Grundsatz des Wahhabismus ist, dass seine Anhänger den Vorschriften von Koran und Sunna, den Überlieferungen des Propheten, einhundertprozentig zu folgen haben. Der Anschluss des Stammes der Sauds an die Lehre Abd al-Wahhabs im Jahre 1746 hat bis heute tiefgreifende Auswirkungen auf die Kultur Saudi-Arabiens, so dass der Einfluss des wahhabitischen Islams auf das öffentliche Leben bis heute allgegenwärtig ist. So sind Dinge, die den Menschen erheitern oder unterhalten können, seien es Kino, Theater oder Musik, nicht zugelassen. Einzig die Einkaufsmöglichkeiten, etwa Shopping-Malls in der Hauptstadt Riad, wie in Abbildung 3-1 beispielhaft gezeigt, bieten insbesondere den nur mit geringen Privilegien und Rechten ausgestatteten Frauen eine gewisse Abwechslung4. In diesen Shopping-Malls dürfen sich Frauen frei bewegen, mitunter tun sie dies sogar ohne Schleier: „Ansonsten leben die Geschlechter konsequent aneinander vorbei. Von der frühen Pubertät an müssen Jungen und Mädchen getrennte Wege gehen, der einzige Kontakt zwischen den Geschlechtern findet unter Brüdern und Schwestern, Mutter und Sohn oder Mann und Frau statt.“5 Abbildung 3‑1: Einkaufsbummel einer saudischen Frau in Riad / Saudi‑Arabien (Quelle: Metzger (2002), S. 10) Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 26 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 27 273.1 Fallbeispiele zur Demonstration kultureller Unterschiedlichkeit Die Auswirkungen des Wahhabismus prägen auch Festivitäten wie beispielsweise Hochzeiten. So dauern Hochzeitsfeiern, die zumeist bei eher gedämpftem Geräusch pegel stattfinden, für gewöhnlich nicht besonders lange. Die Männer feiern bei einem Abendessen, bei dem sie in kleinen Gruppen um ein rundes Tablett sitzen. Das Fest endet noch vor Mitternacht. Die Frauen hingegen feiern separat, etwa in einem Nebentrakt, noch einige Stunden weiter, ohne Kontakt zur Männergruppe bekommen zu haben6. Die grundsätzliche Geschlechtertrennung beschränkt sich indes nicht auf den privaten Bereich. So sind Frauen im Beruf kaum anzutreffen, weniger als 6 % haben eine Arbeitsstelle. Eine direkte Zusammenarbeit zwischen Männern und Frauen in Unternehmen ist die absolute Ausnahme, selbst wenn die Abaja, der Schleier, nicht mehr als die Augen und den Stirnansatz entblößt. In einem System der Geschlechtertrennung verlassen die Frauen das Haus zumeist nur zum Einkaufen. Dabei werden die Frauen vom Ehemann oder einem Fahrer aus Bangladesch oder Pakistan chauffiert, da ihnen das Autofahren grundsätzlich verboten ist. Die Geschlechtertrennung macht auch nicht halt vor Cafés, in denen eine Männersektion sowie eine Familien- und Frauensektion für die weitgehende Geschlechtertrennung sorgt, da Männer ausschließlich in Frauenbegleitung in die Familiensektion gelangen. Selbst an den Universitäten, an denen etwa gleich viele männliche und weibliche Studierende eingeschrieben sind, wird die Trennung aufrecht erhalten7. Unterrichten männliche Professoren Studentinnen, so wird „die Vorlesung über den Fernseher in den Hörsaal eingespeist. Besonders raffiniert ist eine Glaswand, durch welche die Studentinnen sehen können, die aber für den Dozenten verspiegelt ist.“8 Abbildung 3‑2: „Badevergnügen“ saudischer Frauen am Roten Meer (Quelle: Thumann (2003), S. 5) Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 28 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 29 28 3 Der Kulturbegriff Einschränkend sei angemerkt, dass in Saudi-Arabien, wenn auch sehr langsam und in kleinen Schritten, sich Ansätze zu Veränderungen andeuten. So protestieren beispielsweise in letzter Zeit vermehrt Frauen gegen das bestehende Autofahrverbot. Die sich andeutenden Veränderungen sind im Allgemeinen nicht zuletzt auf die aktuellen wirtschaftlichen Probleme des Landes, etwa Bevölkerungsexplosion, überkommener Sozialvertrag und Arbeitslosigkeit von 30 % zurückzuführen. Als Folge davon ist die „Finanzierung“ von Frauen für Männer im heiratsfähigen Alter nicht mehr selbstverständlich möglich, denn schließlich verlangt die Tradition, dass der Mann für die Gemahlin bezahlt. Hierbei müssen oftmals mehrere zehntausend Dollar aufgebracht werden. So gelten heutzutage mehr als 50 % der Männer in heiratsfähigem Alter nicht zuletzt aufgrund ihrer Arbeitslosigkeit als ledig. Vor diesem Hintergrund ist zu erwarten, dass die Villa mit separatem Frauenflügel oder die „Anschaffung“ einer zweiten Gattin, selbstverständlich ohne die erste Ehefrau auch nur zu informieren, häufig nicht mehr finanziert werden kann. 3.2 Kategorien zur Definition des Kulturbegriffs Bei der Betrachtung interkultureller Aspekte stellt sich die Frage, wie Kultur (lat. „colere“ = bebauen, bestellen, pflegen) definiert werden kann. Bis in das Mittelalter war der Begriff „Kultur“ nicht bekannt, erst seit dem 17. Jahrhundert wurde er dem Naturbegriff gegenübergestellt9. In der Literatur sind zahlreiche Definitionen des Kulturbegriffs zu finden. So haben Kroeber und Kluckhohn bereits 1952 über 300 Definitionen des Kulturbegriffs zusammengestellt10, Baldwin und Lindsley haben 1994 über 200 Definitionen des Kulturbegriffs aufgelistet11. Gleichwohl hat sich bislang keine der bestehenden Definitionen als allgemein anerkannte Definition durchgesetzt12. Dem sehr unterschiedlich verstandenen Kulturbegriff entsprechend sind die Definitionsversuche auch sehr unterschiedlich13. Auf einer allgemeiner ausgerichteten Betrachtungsebene, die hier zunächst im Mittelpunkt der Betrachtungen stehen soll, ist es jedoch möglich voneinander abzugrenzende Kategorien des Kulturbegriffes zu unterscheiden. Nachfolgend seien die in diesem Zusammenhang vier wichtigsten Kategorien des Kulturbegriffs beschrieben, denen die meisten Definitionen zugeordnet werden können. Dabei sei bereits an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass eine jede dieser verschiedenen Kategorien den Schwerpunkt auf andere Betrachtungsaspekte legt, so dass sie hinsichtlich ihrer Relevanz keineswegs als einander ausschließend anzusehen sind. Vielmehr erlaubt eine jede Kulturkategorie die Betrachtung ganz bestimmter, besonderer Aspekte von Kultur, so dass erst ihre gleichzeitige Betrachtung die Berücksichtigung der vielfältigen Facetten von Kultur im Allgemeinen erlaubt14. 3.2.1 Normativer bzw. behavioristischer Kulturbegriff Der normative Kulturbegriff wird auch als ein enger Kulturbegriff verstanden, gemäß dem unter Kultur alles „Schöne, Wahre und Gute“ verstanden wird15. Die normative, also quasi „vorschreibende“ Verwendung des Kulturbegriffs bedeutet, dass eine Konzentration darauf erfolgt was idealerweise sein sollte16. So wurden vor allem im deutschen Sprachgebrauch seit dem 18. Jahrhundert, insbesondere im deutschen Bildungsbürgertum, nur jene „Produkte“ zur Kultur gerechnet, die als besonders wertvoll anzusehen sind. Dadurch wurde in Deutschland Kultur 3.2 Kategorien zur Definition des Kulturbegriffs

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Zusammenfassung

Kompetenz zur Interkulturellen Kommunikation für jeden Markt der Welt

Kommunikation in der Wirtschaft ist von essentieller Bedeutung und unabdingbar für den Erfolg, wobei die fortschreitende Globalisierung und Internationalisierung die Interkulturelle Kommunikation immer bedeutsamer machen. Erst die Kenntnis kultureller Unterschiede und Besonderheiten ermöglicht eine erfolgreiche Kommunikation auch zwischen Vertretern unterschiedlicher Kulturen.

Dieses Buch gibt kulturübergreifend einen umfassenden Überblick über

- Begriffe der Kommunikation und Kultur

- Interkulturelle Besonderheiten in der interpersonalen und massenmedialen

- Kommunikation (Interkulturelle Marketing-Kommunikation)

- Verbale und nonverbale Kommunikation

- Kulturvergleichende Studien (z.B. GLOBE-Studie)

- Neuere Forschungsgebiete wie Interkulturelle Kommunikationspsychologie und Kulturelle Neurowissenschaft

Durch zahlreiche Fallbeispiele und Fallstudien eignet sich dieses Buch für die Aus- und Weiterbildung an Universitäten, Hochschulen und anderen Bildungseinrichtungen sowie für die Praxis.