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8.2 System von Absichten und Bezügen in der Kommunikation in:

Michael Schugk

Interkulturelle Kommunikation, page 368 - 388

Grundlagen und interkulturelle Kompetenz für Marketing und Vertrieb

2. Edition 2014, ISBN print: 978-3-8006-4888-7, ISBN online: 978-3-8006-4889-4, https://doi.org/10.15358/9783800648894_368

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Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 350 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 351 3518.2 System von Absichten und Bezügen in der Kommunikation durchaus zu einer faszinierenden Kommunikation führen kann, etwa im Rahmen des Flirtverhaltens von Menschen. Doch wird im Normalfall infolge der Gefahr von Uneindeutigkeit und nachfolgend sich einstellenden Kommunikationsmissverständnissen darauf nicht zurückgegriffen41. 8.2 System von Absichten und Bezügen in der Kommunikation Ganz grundsätzlich liegt Kommunikationsprozessen ein komplexes System von Absichten und Bezügen zugrunde. Viele Kommunikationsprobleme haben ihre Ursache in unzureichender Beachtung der Komplexität und Dynamik von Kommunikation. Dies begründet sich häufig darin, dass einzelne Mitteilungen oder Informationen bewertet werden ohne zu beachten, dass bei der Kommunikation ein ganzes System von Absichten und Bezügen zum Tragen kommt. Häufig werden Einzelinformationen selektiv wahrgenommen bzw. interpretiert, ohne diese in Relation zu den möglichen anderen, ganz unterschiedlichen Aspekten und somit auch Interpretationen einer Mitteilung zu stellen. 8.2.1 Inhalts und Beziehungsaspekt der Kommunikation nach Watzlawick Als einer der ersten hat Watzlawick das Bestehen eines Systems an Absichten und Bezügen ganz allgemein in der interpersonalen Kommunikation erkannt. Mit seinem zweiten Axiom der Kommunikation „Beziehung bestimmt inhaltliche Bedeutung“ verweist er darauf, dass in der Kommunikation nicht nur der sachliche Inhalt eine Rolle spielt, sondern immer auch mitschwingt, wie die Beziehung zwischen den Kommunikationspartnern von beiden Seiten gesehen wird42. So traf er in Bezug auf die Kommunikationsanalyse eine Unterscheidung in Inhalts- und Beziehungsaspekt: „Jede Kommunikation hat einen Inhalts- und Beziehungsaspekt, derart, daß letzterer den ersteren bestimmt und daher eine Metakommunikation ist.“ Watzlawick weißt darauf hin, dass durch den Beziehungsaspekt auch festgelegt wird, wie die inhaltlich übermittelten Daten aufzufassen sind. Die Schwierigkeit zwischen der Objekt- bzw. Inhaltsebene einerseits, der Beziehungsebene andererseits zu unterscheiden bzw. zu trennen bringt Watzlawick in seinem berühmten Werk „Anleitung zum Unglücklichsein“ mit folgender Situation auf ironische Art und Weise zum Ausdruck: „Nehmen wir an, eine Frau fragt ihren Mann: „Diese Suppe ist nach einem ganz neuen Rezept – schmeckt sie dir?“ Wenn sie ihm schmeckt, kann er ohne weiteres „ja“ sagen, und sie wird sich freuen. Schmeckt sie ihm aber nicht, und ist es ihm au- ßerdem gleichgültig, sie zu enttäuschen, kann er ohne weiteres verneinen. Problematisch ist aber die (statistisch viel häufigere) Situation, daß er die Suppe scheußlich findet, seine Frau aber nicht kränken will. Auf der sogenannten Objektebene (also was den Gegenstand Suppe betrifft) müßte seine Antwort „nein“ lauten. Auf der Beziehungsebene müßte er „ja“ sagen, denn er will sie ja nicht verletzen. Was sagt er also? Seine Antwort kann nicht „ja“ und „nein“ sein, denn das Wort „jain“ gibt 8.2 System von Absichten und Bezügen in der Kommunikation Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 352 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 353 352 8 Interkulturelle Kommunikations psychologie es in der deutschen Sprache nur als Witz. Er wird also versuchen, sich irgendwie aus der Zwickmühle zu winden, indem er zum Beispiel sagt: „Schmeckt interessant“, in der Hoffnung, daß seine Frau ihn richtig versteht. Die Chancen sind minimal.“43 Erweiternd ist nun darauf hinzuweisen, dass die Behandlung von Inhalts- und Beziehungsaspekt durchaus kulturabhängig ist. So wird dem Inhaltsaspekt beispielsweise in Deutschland ein sehr hoher Stellenwert eingeräumt wohingegen die Beziehungsebene zwischen den Kommunikationspartnern als Gestaltungsaufgabe eine eher untergeordnete, zumindest aber nachrangige Bedeutung hat. Schroll- Machl beschreibt diese Orientierung der Deutschen am Sachinhalt wie folgt: „Für die berufliche Zusammenarbeit ist unter Deutschen die Sache, um die es geht, die Rollen und die Fachkompetenz der Beteiligten ausschlaggebend. Die Motivation zum gemeinsamen Tun entspringt der Sachlage oder den Sachzwängen. In geschäftlichen Besprechungen „kommt man zur Sache“ und „bleibt bei der Sache“. Ein „sachliches“ Verhalten ist es, was Deutsche als professionell schätzen: Deutsche zeigen sich zielorientiert und argumentieren mit Fakten. Man ist vorbereitet, oftmals schriftlich und sehr detailliert, um eine Basis für eine sachliche Diskussion zu haben und ein Kooperationsangebot machen zu können. Überhaupt wird Schriftliches hoch geschätzt, denn hier liegen die Dinge schwarz auf weiß vor und werden nicht durch „vages Geschwätz“ vernebelt. Wenn sich die handelnden Personen kennen oder (sehr) sympathisch finden, ist das ein angenehmer Nebeneffekt, doch das ist nicht primär relevant. Und darum bemüht man sich auch nicht besonders. Die Sache ist zunächst einmal der Dreh- und Angelpunkt des Tuns, sie hat Priorität.“44 Sachthemen haben in Deutschland aber nicht nur im Berufsleben, sondern auch in der privaten Alltagskommunikation eine hohe Priorität vor persönlichen Angelegenheiten. Allerdings bringen natürlich auch die Deutschen die Inhaltsebene und die Beziehungsebene zusammen. So wird oftmals über die Sachebene eine Beziehungsebene zum Kommunikationspartner aufgebaut. Demzufolge kann ein auf der Sachebene enttäuschender Kommunikationspartner häufig keine gute Beziehung erwarten und entsprechend auch keine Anerkennung erlangen45. In anderen Kulturen hingegen gilt es als geradezu selbstverständlich, dass zunächst die Entwicklung der Beziehung in den Mittelpunkt der Kommunikation zu stellen ist. Die überragende Wichtigkeit einer guten zwischenmenschlichen Beziehung zeigt sich dann auch darin, dass ihre Etablierung häufig als wichtige, gar unerlässliche Voraussetzung für die nachfolgende Lösung sämtlicher Sachfragen gesehen werden kann46. Im Übrigen ist bei der Unterscheidung von Inhalts- und Beziehungsaspekt davon auszugehen, dass die kognitiv ausgerichtete Inhaltsdimension für gewöhnlich verbal übermittelt wird, die Beziehungsdimension hingegen in hohem Maße nonverbal und sicherlich häufiger auch unbewusst ausgedrückt wird. So ist es insbesondere die Paralinguistik, also die Art und Weise wie etwas kommuniziert wird, die häufig bereits sehr viel über die Beziehung zwischen den Kommunikationspartnern aussagt47. Die bedeutsame Unterscheidung von Inhalts- und Beziehungsaspekt wird beispielhaft besonders deutlich, wenn etwa die bereits angeführte hohe Bedeutung des Inhaltsaspekts in Deutschland der starken Orientierung am Beziehungsaspekt gegenüberstellt wird, wie sie etwa in Spanien vorherrscht. So ist in der spanischen Konversationskultur der Inhalt nur schwer von den jeweils beteiligten Personen zu trennen und eine inhaltlich anders ausgerichtete Meinung wird viel leichter Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 352 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 353 3538.2 System von Absichten und Bezügen in der Kommunikation als persönlicher Angriff auf die eigene Person verstanden. Insofern entspricht die in Deutschland durchaus selbstverständliche Mentalität den eigenen Standpunkt offen darzulegen und sich offen zu positionieren keineswegs der spanischen Mentalität. Für den Beziehungsaspekt durchaus förderlich ist schließlich, dass in Spanien üblicherweise nicht übermäßig lange bei einem Thema verweilt wird, sondern vergleichsweise schnell die Gesprächsthemen gewechselt werden, was Grundsatzdiskussionen von vorneherein erschwert. Schließlich wird in Spanien in Ausrichtung am Beziehungsaspekt die eigene Position gerne in einem Sprichwort zusammengefasst. Diese ebenso prägnante wie populäre Ausrichtung hat den Vorteil, dass sich der Kommunikator auf die Autorität der gesammelten spanischen Volksweisheit beziehen und sich gleichzeitig konsensfähig sowie die Beziehung schonend geben kann48. Insofern ist es keineswegs abwegig festzuhalten, dass es in Spanien wichtiger ist, dass man miteinander kommuniziert und wie man dies tut als worüber man sich unterhält49, denn letztendlich ist die deutsche Auffassung in Bezug auf eine Diskussion, dass auf sachliche Weise unterschiedliche Ideen vorgebracht und mit Argumenten gestützt werden nicht wirklich mit der spanischen Realität vereinbar, schlichtweg deshalb, weil man in Spanien weitaus weniger zwischen Inhalt bzw. sachlich vorgetragenen Argumenten einerseits, den Personen und damit verbundenen persönlichen Beziehungen andererseits differenziert. Insofern ist es leicht vorstellbar, dass „sachlich“ vorgetragene Inhalte in Spanien vergleichsweise schnell als persönliche Beleidigung verstanden werden50. Es wird deutlich, dass der in Deutschland vorherrschende Schwerpunkt auf dem Inhaltsaspekt in Spanien somit zugunsten des Beziehungsaspektes verschoben ist, wenngleich der jeweils nachrangig bedeutsame Aspekt selbstverständlich in keiner Weise der Unbedeutsamkeit anheim fällt, denn schließlich sind beide Aspekte grundsätzlich mit zwischenmenschlicher Kommunikation in Verbindung zu bringen, nur eben mit kulturbedingt unterschiedlicher Gewichtung. Eine schwerpunktmäßig andere Betonung von Inhalts- und Beziehungsaspekt als in Deutschland findet sich beispielsweise auch in China wieder. So wird in China im Rahmen von Geschäftsverhandlungen natürlich ebenfalls nach vorteilhaften Abschlüssen gestrebt, was auch wenig überraschend ist. Allerdings erfolgt dies keineswegs nach rein sachlichen Kriterien, sondern immer auch in Hinblick auf die etablierte persönliche Beziehung mit dem jeweiligen Geschäftspartner. „Ein gestörtes Verhältnis auf dieser (persönlichen, Anm. d. Verf.) Ebene impliziert gleichzeitig Differenzen bei der Geschäftsanbahnung.“51 Von daher ist es in China als ganz besonders bedeutsam anzusehen, dass im Rahmen von Geschäftsbeziehungen gute persönliche Beziehungen mit aller Sorgfalt und allem Einfühlungsvermögen aufgebaut werden im Sinne einer wahrhaftig langfristigen Investition52. 8.2.2 Fallstudie zur Unterscheidung von Inhalts und Beziehungs aspekt nach Watzlawick: „Der unangenehm berührte US amerikanische Arbeitskollege“ Der Deutsche Stefan Müller arbeitet in einem multinational ausgerichteten deutschen Unternehmen. Seit kurzem ist er in der Niederlassung in Dallas, USA, tätig, wo er auch für einige Jahre zu bleiben beabsichtigt. In Bezug auf die ihn erwartende Tätigkeit ist er von Anfang an sehr neugierig. Insbesondere seine sehr gespannte Erwartungshaltung bezüglich des Lebens, welches ihn im neuen Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 354 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 355 354 8 Interkulturelle Kommunikations psychologie Kulturkreis erwartet, ist auch der Auslöser für seine Zustimmung zur Versetzung nach Dallas gewesen. In Dallas entwickelt sich im Allgemeinen ein gutes Verhältnis zwischen Stefan Müller und seinen neuen US-amerikanischen Kollegen. Besonders zum gleichaltrigen Bill Williamson hat er ein sehr gutes Verhältnis. Als Bill morgens Stefan bei sich zuhause abholt, weil beide gemeinsam eine Dienstreise antreten müssen, fragt Bill gleich bei der Begrüßung: „Hi Steve, wie geht es Dir?“ („Hi Steve, how are you doing?“) Stefan, beginnt zu erzählen, dass es ihm heute gar nicht so gut gehe, weil er starke Kopfschmerzen habe, die er nicht zuletzt auf einen Streit zurückführe, den er gestern Abend mit seiner neuen Freundin gehabt hat. An der abweisenden Reaktion von Bill, der sein unangenehm Berührtsein insbesondere auch durch seine Körpersprache zum Ausdruck bringt, merkt Stefan jedoch sehr schnell, dass Bill auf seine persönlichen Probleme gar nicht eingehen möchte. Bill wechselt das Gesprächsthema sehr schnell und spricht die in den bevorstehenden Kundenverhandlungen zu erwartenden Schwierigkeiten an. Wodurch ist die kommunikative Störung begründet? Gehen Sie in Ihrer Antwort auf die Unterscheidung von Inhalts- und Beziehungsaspekt nach Watzlawick ein. 8.2.3 Das Modell der vier Seiten einer Nachricht nach Schulz von Thun Der bislang umfassendste Ansatz, das komplexe System von Absichten und Bezügen in der Kommunikation deutlich zu machen, stammt von Schulz von Thun. Bei der Entwicklung seines Modells der vier Seiten (Aspekte) einer Nachricht stützt sich Schulz von Thun auf die Erkenntnisse, die Watzlawick mit seiner Unterscheidung in Inhalts- und Beziehungsebene gewonnen hat. Die Inhaltsebene von Watzlawick entspricht dabei dem Aspekt des Sachinhalts bei Schulz von Thun. Der Beziehungsaspekt hingegen ist bei Watzlawick weiter definiert und umfasst im Grunde genommen die drei Aspekte Selbstoffenbarung, Beziehung (im engeren Sinne) und Appell von Schulz von Thun53. Über die Erkenntnisse von Watzlawick hinaus berücksichtigte Schulz von Thun bei der Aufstellung seines Modells der vier Seiten einer Nachricht zudem auch ein sprachtheoretisches Modell des Psychologen Bühler, der wiederum in seinem Modell letztlich drei Aspekte bzw. Funktionen der Sprache unterscheidet. Diese drei in Bezug auf Sprache unterscheidbaren Funktionen werden von Bühler als Ausdrucks-Funktion (Symptom), Kundgabe-Funktion (Signal) und Darstellungs-Funktion (Symbol) bezeichnet. Die ersten beiden Funktionen finden sich bei Tieren und allen Menschen wieder, die dritte und letzte Funktion hingegen findet sich nur beim Menschen. Die Ausdrucks-Funktion als niederste Funktion von Bühler bezieht sich auf Ausdrucksbewegungen, die als Symptom für den inneren Zustand des Organismus betrachtet werden. Mimik, Gestik oder – bei Tieren – Schwanzbewegungen können als Symptome aufgefasst werden, die die Möglichkeit bieten seinen inneren Zustand zum Ausdruck zu bringen, selbst dann, wenn kein anderes Tier bzw. Mensch anwesend ist. Durch die Reaktion eines anwesenden anderen Tieres bzw. Menschen wird die Ausdrucksbewegung zur Kundgabe. Die Kundgabe-Funktion, die für Bühler die zweite Funktion ist, kann als Signal dienen, wenn sie gegenseitig stattfindet, also Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 354 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 355 3558.2 System von Absichten und Bezügen in der Kommunikation letztlich tierische oder menschliche Kommunikation stattfindet54. Als Signal kann dabei ein Zeichen verstanden werden, dass die Funktion des unmittelbaren Einwirkens auf das Verhalten anderer Lebewesen inne hat. Somit sind Signale „Zeichen zu etwas“, also Zeichen die zu einer bestimmten Aktivität, etwa Flucht oder Futtersuche, drängen. Signale haben also letztlich die Funktion, eine bestimmte Reaktion auszulösen55. Die dritte und letzte Funktion nach Bühler ist die Darstellungs-Funktion. Mittels dieser allein der menschlichen Sprache vorbehaltenen Funktion können Sachverhalte durch Sätze beschrieben oder, wie Bühler es ausdrückt, dargestellt werden56. Für die Darstellungsfunktion spielt der Symbolbegriff eine zentrale Rolle. Symbole sind Zeichen, die etwas Bestimmtes, also zum Beispiel einen Gegenstand, einen Zustand, ein Ereignis etc. repräsentieren. Anders ausgedrückt erfüllen Symbole eine Vertretungsfunktion, deshalb werden sie auch als Repräsentationszeichen bezeichnet. Sie vertreten den Gegenstand, auf den sie verweisen. Somit treten Symbole anstelle des jeweiligen Gegenstandes, Zustandes von Dingen oder Ereignissen auf und rufen im Bewusstsein des Rezipienten Anschauungen, Vorstellungen oder auch Gedanken hervor, die im Normalfall nur der Gegenstand, Zustand von Dingen oder das Ereignis selbst hervorrufen. Symbole können ausschließlich auf konventioneller Basis auftreten. So hat beispielsweise das Zeichen „k-o-m- p-r-o-m-i-s-s“ eine Symbolfunktion im Sinne der festgelegten Konventionen. Durch die Verwendung dieses Zeichens bzw. dieser Buchstabenkombination können Kommunizierende, die der deutschen Sprache mächtig sind, Gedanken und Vorstellungen beim jeweiligen Gegenüber wecken. Voraussetzung hierfür ist natürlich, dass die Kommunizierenden die entsprechende Konvention und damit die Bedeutung des Zeichens „k-o-m-p-r-o-m-i-s-s“ kennen. Die Darstellungs-Funktion von Bühler ist letztlich dem Menschen vorbehalten, weil nur er einem als Symbol fungierenden Zeichen bestimmte Gedanken, Anschauungen, Vorstellungen etc. in Form von Bedeutungsinhalten zuordnen kann57. Für das Verständnis der Funktionen der Sprache nach Bühler ist es wichtig zu wissen, dass die höhere Funktion immer von der bzw. den rangniedrigeren begleitet wird. Beispielsweise dient der Warnruf, den ein Vogel ausstößt, nicht nur der sozialen Kommunikation. Vielmehr ist er gleichzeitig auch Ausdruck eines inneren Zustands bzw. der inneren Befindlichkeit. Die Sprache wird grundsätzlich umso komplexer, je höher angeordnet die zum Tragen kommenden Sprachfunktionen sind. Die drei Aspekte der Sprache, die Bühler in Ausdrucks-Funktion (Symptom), Kundgabe-Funktion (Signal) und Darstellungs-Funktion (Symbol) unterscheidet, hat Schulz von Thun aufgegriffen. So ist der Aspekt des Ausdrucks, der für die Innerlichkeit des Sprechers steht, mit dem Aspekt der Selbstoffenbarung bei Schulz von Thun vergleichbar. Der Aspekt der Kundgabe zur Steuerung des Verhaltens des Gesprächspartners ist vergleichbar mit dem Appellaspekt bei Schulz von Thun. Der Aspekt der Darstellung schließlich spricht die Gegebenheiten und Gegenstände an und ist damit mit dem Aspekt des Sachinhalts nach Schulz von Thun vergleichbar. Popper weist darauf hin, dass nur wenige Sprachtheoretiker bei der Darstellung der Absichten und Bezüge der Kommunikation so weit gegangen sind wie Bühler58. Diese Behauptung ist zumindest insofern einzugrenzen, als es insbesondere Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 356 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 357 356 8 Interkulturelle Kommunikations psychologie Schulz von Thun gelungen ist, ein überaus überzeugendes Modell zur Darstellung des Systems an Absichten und Bezügen in der Kommunikation aufzustellen. Zudem ist sein Modell durch eine extreme Wirklichkeitsnähe und Praktikabilität gekennzeichnet, was einen unschätzbaren Vorteil darstellt. Im Folgenden wird das Modell zunächst allgemein, also ohne Berücksichtigung des Aspekts der Interkulturalität betrachtet, um darauf aufbauend den Stellenwert seines Ansatzes auch für die Interkulturelle Kommunikation herauszustellen. Indes kann bereits an dieser Stelle vorweggenommen werden, dass eine psychologische Analyse der Kommunikation von Vertretern fremder Kulturen zweifelsohne schwieriger ist als von Vertretern der eigenen Kultur. Dies dürfte aber mittlerweile als triviale Selbstverständlichkeit aufgefasst werden. 8.2.3.1 Die vier Seiten bzw. Aspekte einer Nachricht im Kommunikationsquadrat nach Schulz von Thun In seinem Modell betreibt Schulz von Thun eine Differenzierung des Kommunikationsprozesses nach praktischen Anwendungskriterien59 und unterscheidet in diesem Zusammenhang insgesamt vier Aspekte bzw. Problemgruppen, die grundsätzlich unterschieden werden müssen und die den Kommunikationsvorgang gleichsam von vier verschiedenen Seiten her beleuchten. Dies geht auch aus Abbildung 8-7 hervor, die den zwischenmenschlichen Kommunikationsprozess widerspiegelt. Kommunikation im Verständnis von Schulz von Thun ist ein Vorgang, bei dem Sender und Empfänger mit der Intention der Verständigung Nachrichten austauschen. Das Modell bildet vereinfacht den Grundvorgang der Kommunikation ab. Im Blickpunkt des Kommunikationsmodells steht dabei das, was jemand bei differenzierter Betrachtung tatsächlich sendet bzw. das, was jemand anderes tatsächlich empfängt. Dabei übermittelt ein Sender einem Empfänger eine Nachricht, auf die er eine – in diesem ersten Modell noch nicht berücksichtigte – Rückmeldung (Feedback) erhält60. Damit ein Sender einem ausgewählten Empfänger eine Nachricht zukommen lassen kann, verschlüsselt er sein Anliegen in erkennbare Zeichen bzw. Signale (Enkodierung) und lässt die Nachricht dergestalt dem Empfänger zukommen. Die Entschlüsselung (Dekodierung) der gesendeten Signale obliegt dem Empfänger. Stimmen gesendete und empfangene Nachricht „in etwa“ überein, so hat eine Verständigung stattgefunden. Dies ist jedoch im Alltag keineswegs eine Selbstverständlichkeit. Von daher ist es in Bezug auf die gesendete Nachricht entscheidend, sich der Tatsache bewusst zu sein, dass ein Abbildung 8‑7: Die vier Seiten (Aspekte) einer Nachricht als psychologisches Modell der zwischenmenschlichen Kommunikation nach Schulz von Thun (Quelle: Schulz von Thun (2011 a), S. 33) AppellSelbstoffen-barung Sachinhalt Beziehung NachrichtSender Empfänger Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 356 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 357 3578.2 System von Absichten und Bezügen in der Kommunikation und dieselbe Nachricht stets viele Botschaften gleichzeitig enthalten kann, deren Vielfalt letztlich in den vier bedeutsamen Seiten bzw. Aspekten einer Nachricht zum Ausdruck kommt61. 8.2.3.1.1 Sachaspekt Zunächst einmal enthält eine Nachricht immer eine Sachinformation, d. h. es wird versucht einen bestimmten Sachverhalt darzustellen. Bei der Übermittlung von Sachinhalten steht das Ziel der Sachlichkeit im Vordergrund, das letztlich dadurch erreicht werden kann, indem Störungen der persönlichen Beziehung und persönliche Gefühle auf ein mögliches Minimum reduziert werden. Eine Unsachlichkeit hingegen, die sich daraus ergibt, dass Beziehungsstörungen sowie persönliche Gefühle und Strebungen zu stark in den Vordergrund treten, ist nach Möglichkeit zu vermeiden. Jedoch gelingt die Vermeidung von Unsachlichkeiten in der Praxis bei weitem nicht immer. Angesichts dessen ist es umso wichtiger, dass die nachfolgend noch zu diskutierenden Probleme der Selbstoffenbarung und der Beziehung ernst genommen werden und versucht wird, diese Probleme mittels einer expliziten Metakommunikation zu vermindern62. Aufgrund der eminenten Bedeutung der Metakommunikation sei an dieser Stelle über den Sachaspekt hinausweisend auf sie exkursartig kurz näher eingegangen. Metakommunikation bedeutet, dass die Art der zwischenmenschlichen Kommunikation selbst zum Gegenstand der Kommunikation gemacht wird63. Metakommunikation bedeutet demnach „Kommunikation über Kommunikation“, die letztlich der Kommunikationsklärung dient. Wenn zwei Kommunikationsparteien „metakommunizieren“, dann ist damit die Überprüfung der Kommunikation angesprochen, d. h. es wird darüber gesprochen, wie in einer bestimmten Situation miteinander gesprochen wurde, sei es durch Worte, Gesten, Handlungen etc.64. Insbesondere für die sprachliche Kommunikation ist es charakteristisch, dass sie selbst zum Thema menschlicher Kommunikation gemacht werden kann. Diese Metakommunikation ist natürlich wieder auf die Sprache angewiesen. Demzufolge sind natürliche Sprachen also ihre eigene Meta-Sprache. Bei der Kommunikation über Kommunikation gilt es, gewisse Regeln zu kennen und zu beachten, nach denen die Kommunikation abläuft. Die Spielregeln und Verhaltensweisen der Metakommunikation sind kulturabhängig unterschiedlich. So kommen in der Metakommunikation „Anweisungen und Kriterien über das kommunikative Verhalten und das zulässige Gebaren bei der Überprüfung des Kommunikationserfolgs (zum Einsatz. Anm. des Verf.) Solche Verhaltensregeln sind kulturgebunden (…) Sie sind erlernt und in einer Vielzahl von Aktionen habitualisiert.“65 Die Metakommunikation weist eine starke Betonung von Selbstoffenbarungs- sowie Beziehungsaspekt einer Nachricht auf („Warum habe ich Angst, meinen wirklichen Standpunkt zu sagen? Wie fühle ich mich in dieser Gruppe? Was bewegt mich, Ihnen immer gleich zu widersprechen? Wie stehen wir zueinander?“)66. Mit derartigen Fragen, die allesamt dem Bereich der Metakommunikation zuzurechnen sind, ist eine Aufforderung zur Kommunikationsüberprüfung verbunden. Es kommt zu einer „Diskussion über die Diskussion“. Ziel dieser Kommunikations- überprüfung ist die Klärung bzw. die Verbesserung der Kommunikation67. Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 358 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 359 358 8 Interkulturelle Kommunikations psychologie Der Anthropologe Bateson hat in diesem Zusammenhang postuliert, dass jede Kommunikation simultan zwei Mitteilungen enthält, die er Basismitteilung und Metamitteilung nennt. Die Basismitteilung ist die aus der Sicht des Kommunikators grundsätzliche Mitteilung, deren Übermittlung überhaupt erst Auslöser für die Kommunikation an sich ist. Die Metamitteilung hingegen ist eine zweite Mitteilung, die gemeinsam mit der Basismitteilung gesendet wird und mittels derer der Kommunikator dem Rezipienten zu verstehen geben versucht, wie er eine bestimmte Mitteilung aufnehmen soll. Auch nach Ansicht des Anthropologen Gumperz wird jede erfolgreiche Basismitteilung von einer zweiten Mitteilung, der Metamitteilung, begleitet, die letztlich dem Rezipienten verdeutlicht, wie die Basismitteilung zu interpretieren ist. Eine alleinstehende Basismitteilung hingegen kann nicht interpretiert werden. In Zusammenhang mit der Übertragung von Metamitteilungen spricht Gumperz auch von „contextualization cues“68. Die Möglichkeit des Rückgriffs auf die diskursregulierende Ebene der Metakommunikation stellt eine Möglichkeit zu kommunikativem Handeln dar, deren Gestaltungsmöglichkeiten uneindeutige Kommunikationssituationen als durchaus lösbar erscheinen lassen69. Das „Arbeiten“ an den Bereichen der Selbstoffenbarung und Beziehung kann einen echten Beitrag zu verbesserter menschlicher Nähe sowie echter Verständigung darstellen. Zweifelsohne können etwa Sachprobleme oft besser und schneller geklärt werden, wenn die Beziehung zwischen den Kommunikationsparteien stimmt70. Von daher muss es auch übergeordnetes Hauptziel eines Kommunikationstrainings im Allgemeinen sein, die Befähigung zur Metakommunikation zu erlangen. Erst wenn die Kommunizierenden dazu in der Lage sind, den Kommunikationsprozess mit geschultem Auge wahrzunehmen, können Störungen bemerkt und gegebenenfalls Änderungen eingeleitet werden71. Nach diesem Exkurs zum Thema der Metakommunikation soll nunmehr zum Inhaltsaspekt zurückgekehrt werden. Die Inhaltsseite wie auch die drei verbleibenden Seiten einer Nachricht sind letztlich Aspekte bzw. Bezüge, die in einer jeden Kultur angesprochen werden. Jedoch werden sie in Abhängigkeit von der jeweiligen Kultur unterschiedlich ausgestaltet. So führt beispielsweise Lüsebrink in Bezug auf den Inhaltsaspekt an, dass sich ganz generell große Unterschiede bezüglich der kommunikativen Präsenz von Gesprächsthemen in verschiedenen Kulturen beobachten lassen. Offensichtlich bestehen bei der Wahl der Themen der Kommunikation kulturspezifische Konventionen bezüglich der Frage, worüber an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit die zusammenkommenden bestimmten Personen thematisch sich austauschen können. Beispielsweise kommen Untersuchungen zu dem Ergebnis, dass Gesprächsthemen wie Geschmack, Geld, Persönlichkeit, Körper sowie Ansichten und Meinungen in den USA deutlich häufiger zum Gegenstand von Gesprächen in der privaten Kommunikation gemacht werden als beispielsweise in Japan, wo insbesondere über das Thema Geld weitaus seltener gesprochen wird als in den USA. Die Frage, ob bestimmte Themen im Gespräch angesprochen werden dürfen oder nicht verweist zugleich auch auf kulturbedingte Tabuzonen, die sich sowohl im Rahmen der interpersonalen als auch der mediatisierten Kommunikation zeigen können. Beispielsweise stellen körperbezogene und insbesondere sexuelle Themen in arabischen Kulturen ein Tabuthema öffentlicher Konversation dar72. In asiatischen Ländern wird gemeinhin nicht nach der Frau des Kommunikationspartners gefragt, wohingegen Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 358 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 359 3598.2 System von Absichten und Bezügen in der Kommunikation es in Lateinamerika durchaus den Höflichkeitserwartungen entspricht nach der Familie zu fragen73. Besonders anschaulich lässt sich die verschiedenartige, also kulturspezifische Ausprägung der einzelnen Aspekte des Modells der vier Seiten einer Nachricht anhand der Kulturdifferenzierung gemäß der Kontextorientierung nach Hall darlegen74. So gilt es auf der Inhaltsseite zu berücksichtigen, dass in kontextgebundenen Kulturen Inhalte infolge der indirekten und impliziten, in hohem Maße nicht kodierten und kreisförmigen Ausgestaltung der Kommunikation insbesondere von Vertretern kontextungebundener Kulturen oftmals nur auf Basis einer erworbenen interkulturellen Kommunikationskompetenz und mit Aufmerksamkeit und Feingefühl „aufgespürt“ werden können. Von daher muss das Aufspüren von Inhalten mit besonderer Sensitivität, gar Hellhörigkeit erfolgen. Bereits vermeintlich unbedeutend anmutende Inhalte, etwa Details, Randinformationen oder Andeutungen, können als wichtige „Ankerplätze“ dienen, die die Möglichkeit zum Einhaken und Nachfragen nach weiteren Inhalten bieten. 8.2.3.1.2 Selbstoffenbarungsaspekt Neben dem Inhaltsaspekt beinhaltet jede Nachricht auch Informationen über die Person des Senders. Dieser Aspekt der Selbstoffenbarung des Senders schließt dabei sowohl die intendierte Selbstdarstellung als auch die unfreiwillige, nicht bewusst vorgenommene Selbstenthüllung mit ein. Der Begriff der Selbstoffenbarung bezieht sich also sowohl auf eine intendierte, also gewollte Selbstdarstellung als auch auf eine nicht beabsichtigte, also unfreiwillige Selbstenthüllung75. Der Selbstoffenbarungsaspekt berücksichtigt somit sowohl die mögliche Bestrebung nach möglichst positiver Selbstdarstellung als auch die mögliche Angst des Kommunikators, dass er von sich selbst etwas Unvorteilhaftes preisgibt (Selbstoffenbarungsangst). Je nachdem, welche Ausrichtung vorherrscht, gelangen unterschiedliche Kommunikationstechniken zur Anwendung, die eingeteilt werden können in sog. Imponiertechniken und Fassadentechniken. Mit Imponiertechniken ist das Bemühen angesprochen, sich von seiner besten Seite zu zeigen bzw. sich zu produzieren. Als Fassadentechniken hingegen werden Techniken bezeichnet, die darauf abzielen, negativ empfundene Anteile der eigenen Person zu verbergen bzw. zu tarnen76. In Abhängigkeit von der spezifischen Situation können all diese Techniken einer erfolgreichen Kommunikation entgegenstehen. Dies ist darin begründet, dass es bei Einsatz dieser Techniken nicht zu unbefangener Offenheit sowie auch nicht zu großer Übereinstimmung von innerem Erleben und äußerem Gebaren kommt. Eine Kongruenz zwischen innerem Erleben und äußerem Gebaren wird also nicht erreicht77. Jedoch ist eine unbefangene Offenheit, die für die Kommunikation im privaten Bereich zu fordern ist, im beruflichen Bereich bei realistischer Betrachtung beileibe nicht immer aufrechtzuerhalten. Mitunter kann im Berufsleben, etwa im Vertrieb, eine derartige Offenheit – realistisch betrachtet – zu gravierenden Nachteilen für die jeweilige Person führen und sollte somit mit einer gewissen Vorsicht behandelt werden. In Bezug auf die tatsächliche Bedeutung, die der Aspekt der Selbstoffenbarung in der Wirklichkeit hat kann auf den Begründer des modernen Rationalismus René Descartes (1596–1650) verwiesen werden, dem die Redewendung „Was Peter über Paul sagt, sagt mehr über Peter als über Paul.“ zugeschrieben wird. Der überaus Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 360 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 361 360 8 Interkulturelle Kommunikations psychologie hohe Wahrheitsgehalt dieses Ausspruches kann in der Tat nicht hoch genug eingeschätzt werden, zeigt er doch den immensen Realitätsbezug des Modells der vier Seiten einer Nachricht. Indes ist es ein nicht einfaches Unterfangen diesen Wirklichkeitsbezug in einem Buch zu verdeutlichen. Einer der wenigen Autoren, der den in Schriftform schwer zu verdeutlichenden Wirklichkeitsbezug des Aspekts der Selbstoffenbarung vergleichsweise prägnant herausgestellt hat ist der schweizerische Philosoph und Schriftsteller Peter Bieri, der unter seinem Pseudonym Pascal Mercier in seinem Roman „Nachtzug nach Lissabon“ den enormen Stellenwert des Aspekts der Selbstoffenbarung in der Wirklichkeit wie folgt verständlich zu machen versucht: „Wenn wir über uns selbst, über andere oder auch einfach über Dinge sprechen, so wollen wir uns in unseren Worten – könnte man sagen – offenbaren: Wir wollen zu erkennen geben, was wir denken und fühlen. Wir lassen die anderen einen Blick in unsere Seele tun… In diesem Verständnis der Sache sind wir die souveränen Regisseure, die selbstbestimmten Dramaturgen, was das Öffnen unserer selbst angeht. Aber vielleicht ist das ganz und gar falsch? Eine Selbsttäuschung? Denn wir offenbaren uns mit unseren Worten nicht nur, wir verraten uns auch. Wir geben viel mehr preis als das, was wir offenbaren wollten, und manchmal ist es das genaue Gegenteil. Und die anderen können unsere Worte als Symptome für etwas deuten, von dem wir selbst vielleicht gar nichts wissen. Als Symptome für die Krankheit, wir zu sein. Es kann amüsant sein, wenn wir die anderen so betrachten, es kann uns toleranter machen, uns aber auch Munition an die Hand geben. Und wenn wir im Augenblick, wo wir zu sprechen beginnen, daran denken, dass die anderen es mit uns selbst ebenso machen, so kann uns das Wort im Halse steckenbleiben, und der Schreck kann uns für immer zum Verstummen bringen.“78 Grundsätzlich ist davon auszugehen, dass die in einer Kultur vorherrschenden Werte in gewisser Weise auch die Themen bestimmen und beeinflussen, die einen entsprechenden Kulturvertreter bewegen. Somit ist zu erwarten, dass eine von den jeweiligen kulturellen Werten entsprechend geprägte Selbstoffenbarung zu beobachten ist. Ein anschauliches Beispiel hierfür bieten die Beobachtungen des britischen Soziologen Lawrence, der bei den Deutschen eine überaus starke Thematisierung des Themas Pünktlichkeit entsprechend ihrer Kultur mit fester Zeitplanung bzw. stark ausgeprägter Monochronität79 wie folgt feststellt, quasi im Sinne einer deutschen Selbstoffenbarung in Bezug auf ein wertegeprägt als wichtig erachtetes Thema: „Wenn man als Ausländer durch Deutschland reist, so fällt einem besonders die Bedeutung der Pünktlichkeit auf, ganz gleich, ob sie eingehalten wird oder nicht. Nicht das Wetter, sondern die Pünktlichkeit ist Gesprächsthema Nr. 1 zwischen fremden Reisenden im Zugabteil. In deutschen Fernzügen liegt in jedem Abteil ein Faltblatt aus, das man als Zugbegleiter bezeichnet, und in dem alle Haltestellen mit Ankunftsund Abfahrtszeiten sowie alle Umsteigemöglichkeiten auf der Strecke angegeben sind. Es ist in Deutschland schon fast ein Nationalsport, nach dem Zugbegleiter zu greifen, sobald der Zug in den Bahnhof einfährt, um mit der Digitaluhr festzustellen, ob der Zug den Fahrplan einhält. Wenn ein Zug Verspätung hat, was tatsächlich vorkommt, so wird dies durch Lautsprecheransagen in einem stoisch-tragischen Ton mitgeteilt. Die schlimmste Art der Verspätung ist die unbestimmte Verspätung (man weiß nicht, wie lange es dauern wird!), und die wird im Tonfall einer Trauerrede bekannt gegeben.“80 Wie der Aspekt des Sachinhaltes, so variiert auch der Aspekt der Selbstoffenbarung im interkulturellen Vergleich in Ausrichtung an Breite, Tiefe, Zeitpunkt des Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 360 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 361 3618.2 System von Absichten und Bezügen in der Kommunikation Auftretens in Begegnungen etc. in mitunter starkem Maße81. In diesem Zusammenhang wird auch von einem interkulturell stark variierenden Grad an „selfdisclosure“ gesprochen, was bedeutet, dass in Abhängigkeit von der jeweiligen Kultur eine Person unterschiedlich viel von sich selbst preisgibt82. So wird in kontextgebundenen Kulturen den zwischenmenschlichen Beziehungen und der damit erforderlichen und intendierten Selbstöffnung ganz bewusst ein großer Stellenwert eingeräumt, wenn auch der Tendenz nach erst zu fortgeschrittenem Zeitpunkt der Begegnung. In kontextungebundenen Kulturen hingegen herrscht mehr Reserviertheit im Umgang mit Ausführungen über die eigene Person. Allerdings ist an dieser Stelle herauszustellen, dass mit entsprechender Aufmerksamkeit sich auch hier zahlreiche, nicht intendierte, also unbewusste Aussagen feststellen lassen, die die Person des Senders unfreiwillig tätigt. Schließlich geben auch Kulturdimensionen diverser kulturvergleichender Studien gewisse Anhaltspunkte hinsichtlich der Ausgestaltung des Selbstoffenbarungsaspekts. So lässt eine hohe Ausprägung der Dimension der Machtdistanz nach Hofstede83 erwarten, dass sowohl in der Familie, in der Eltern als Respektperson verstanden werden, als auch in Unternehmen, in denen ein eher autoritätsorientierter Führungsstil gepflegt wird, der Grad der Selbstoffenbarung relativ gering ausfällt. Eine nach Trompenaars von Spezifität geprägte Kultur lässt erwarten, dass vergleichsweise frühzeitig und vorbehaltlos Themengebiete ohne größeres „Nachdenken“ angesprochen werden, wohingegen diese Themengebiete in einer durch Diffusheit gekennzeichneten Kultur84 bereits als (sehr) persönlich und gar intim angesehen werden und, wenn überhaupt, dann nur unter dem vorherrschenden Gefühl des Entstehens einer intimen und sehr persönlichen Beziehung vorgetragen werden. 8.2.3.1.3 Beziehungsaspekt Der dritte Aspekt, dem bei der Übermittlung einer Nachricht Rechnung zu tragen ist, repräsentiert sich im Beziehungsaspekt. Dieser Aspekt weißt darauf hin, dass die Nachricht eines Senders Aussagen beinhaltet, die Auskunft darüber geben, was der Sender vom Empfänger hält. Der Beziehungsaspekt kommt oftmals in der gewählten Formulierung, im Tonfall und anderen nonverbalen Begleitsignalen, etwa Mimik und Gestik zum Ausdruck. Genau genommen ist der Beziehungsaspekt ein spezieller Teil der Selbstoffenbarung, dennoch wird er gesondert behandelt. Dies begründet sich darin, dass die Situation des Empfängers vom psychologischen Standpunkt aus unterschiedlich ist. So ist der Empfänger beim Empfangen einer Selbstoffenbarung „unbeteiligter Diagnostiker“, wohingegen er beim Empfang der Beziehungsaspekte selbst direkt Betroffener ist85. Bei genauerer Betrachtung wird deutlich, dass der Beziehungsaspekt zwei Arten von Botschaften enthält. Zum einen sind dies Botschaften, aus denen hervorgeht, was der Sender vom Empfänger hält bzw. wie er ihn sieht (Du-Botschaften auf der Du-Ebene). Zum anderen enthält der Beziehungsaspekt aber auch Botschaften darüber, wie der Sender die Beziehung zwischen sich und dem Empfänger sieht, wie also Sender und Empfänger zueinander stehen (Wir-Botschaften auf der Wir-Ebene) Während also die Selbstoffenbarungsseite aus Sicht des Senders betrachtet Ich-Botschaften enthält, enthält die Beziehungsseite einerseits Du-Botschaften und andererseits Wir-Botschaften86. Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 362 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 363 362 8 Interkulturelle Kommunikations psychologie Auch in Bezug auf den Beziehungsaspekt ist davon auszugehen, dass er kulturspezifisch unterschiedlich ausgeprägt ist. Im Gegensatz zu den kontextungebundenen Kulturen nach Hall lässt die hohe Bedeutung zwischenmenschlicher Beziehungen in kontextgebundenen Kulturen87 erwarten, dass neben der Du-Ebene insbesondere auch die Wir-Ebene verstärkt angesprochen wird. Selbiges gilt auch für Kulturen, die durch eine hohe Ausrichtung an der Kollektivismus-Dimension nach Hofstede88 bzw. Trompenaars89 gekennzeichnet sind. Die engen Beziehungen und Bindungen innerhalb der In-Grupppen finden auch auf der kommunikativen Ebene ihren Ausdruck. 8.2.3.1.4 Appellaspekt Der vierte und letzte Aspekt einer Nachricht, den Schulz von Thun für die zwischenmenschliche Kommunikation identifiziert, ist der sog. Appellaspekt. Dieser Aspekt bringt den Versuch einer Einflussnahme des Senders auf den Empfänger zum Ausdruck. Generell wird nur selten nicht-intentional kommuniziert, vielmehr haben die meisten Nachrichten die Funktion, in irgendeiner Art und Weise Einfluss auf den Empfänger zu nehmen. Der Empfänger soll mittels einer Nachricht dazu veranlasst werden bestimmte Dinge zu tun oder auch zu unterlassen, bestimmtes zu denken oder zu fühlen oder eben auch nicht. Der Versuch der Einflussnahme kann dabei mehr oder minder offen oder aber auch versteckt unternommen werden. Im Falle einer vergleichsweise versteckt vorgenommenen Einflussnahme wird auch von Manipulation gesprochen90. Den Appellaspekt charakterisiert, wie auch die anderen drei Aspekte, eine in Abhängigkeit von der Kultur unterschiedliche Ausgestaltung. So müssen im Berufsleben bereits angedeutete Erwartungsvorgaben in kontextabhängig kommunizierenden Kulturen nach Hall mit großer Aufmerksamkeit betrachtet werden. Dabei muss gerade auch den nonverbalen Kommunikationsanteilen verstärktes Augenmerk zuteil werden, die oftmals sogar eine für sich allein stehende und somit unverzichtbare Bedeutung erlangen. Die hierbei erforderliche Sensitivität ist im Übrigen auch bei einer hohen Ausprägung der Dimension des Kollektivismus erforderlich, da hier nicht zuletzt zur Vermeidung von Gesichtsverlust die Kritik indirekt, implizit und kreisförmig formuliert wird. 8.2.3.2 Zusammenfassung der vier Seiten einer Nachricht im Kommunikationsquadrat nach Schulz von Thun Bei der Betrachtung des Kommunikationsquadrates nach Schulz von Thun werden zusammenfassend drei bedeutsame Sachverhalte deutlich. Zum Ersten ist zu konstatieren, dass es für die Erreichung von Klarheit und Verständlichkeit in der Kommunikation letztendlich vier verschiedene Aspekte bzw. Dimensionen zu berücksichtigen gilt. Zum Zweiten wird deutlich, dass in einer jeden Nachricht viele Botschaften gleichzeitig enthalten sind und sich diese Botschaften gewissermaßen um das Quadrat herum gruppieren. Schließlich ist zum Dritten festzuhalten, dass die vier Seiten des Quadrates definitionsgemäß alle gleich lang sind. Damit soll modellhaft herausgestellt werden, dass die vier Aspekte einer Nachricht prinzipiell betrachtet als gleichrangig bedeutsam anzusehen sind. Dieser Auffassung steht im Übrigen die etwa in der deutschen Wirklichkeit auffindbare Überbetonung des Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 362 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 363 3638.2 System von Absichten und Bezügen in der Kommunikation Sachaspektes, unter Umständen auch des Appellaspektes sowohl in der Schule als auch im Berufsleben gegenüber. Die Aspekte der Selbstdarstellung und insbesondere auch der Beziehungsgestaltung hingegen werden vernachlässigt und infolge ihrer „Unsachlichkeit“ mitunter richtiggehend verpönt. Indes betont Schulz von Thun explizit die negativen Folgen einer derartigen Einseitigkeit, deren Aufhebung zentrales Anliegen der Kommunikationspsychologie sein muss. Insofern stellt sich in diesem Zusammenhang in der Kommunikation die basale Aufgabe der Vermeidung einer eindimensionalen Sach-Kommunikation zugunsten einer „lebendig-blutvollen vierseitigen Kommunikation“. Einschränkend sei an dieser Stelle angemerkt, dass dies nicht bedeutet, dass nicht in einer bestimmten, einzelnen Situation nicht auch einmal der eine oder andere Aspekt schwerpunktmäßig im Vordergrund stehen kann bzw. stehen soll91. Grundsätzlich kann das Bewusstsein für die Vierseitigkeit einer Nachricht und deren Berücksichtigung erlernt werden. Jederzeit, auch im intrakulturellen Kontext kann es vorkommen, dass die vier Botschaften, die der Sender gemeint hat, und die vier Botschaften, die beim Empfänger ankommen, sich unterschiedlich gestalten. Die Beachtung dieses Sachverhaltes ist gerade auch auf dem Gebiet der Interkulturellen Kommunikation von besonderer Wichtigkeit, da verschiedene Kulturen die vier Seiten einer Nachricht in mitunter höchstem Maße unterschiedlich gestalten92. Gerade im interkulturellen Kontext können somit verschiedenartigste kommunikative Probleme verstärkt auftreten und insbesondere durch detaillierte Analyse einer Lösung zuzuführen sein. Jedoch ist ganz allgemein betrachtet ein mitunter erforderliches Umlernen hinsichtlich der praktizierten Art zu kommunizieren ein häufig unterschätztes Problem. Schulung und Training sind oftmals nicht ausreichend wirkungsvoll, um alte Verhaltens- und Deutungsmuster zu durchbrechen. Da ein „eingeschliffenes“ Verhalten in der Kommunikation oftmals das Ergebnis eines jahrzehntelangen Prozesses ist, wird mit dem erforderlichen Umlernen auch die Frage nach den Möglichkeiten einer Persönlichkeitsentwicklung in bestimmtem Umfange angesprochen. Ein wesentlicher Entwicklungswiderstand dürfte dabei eben im „alteingeübten, persönlichkeitsverankerten Kommunikationsstil“ zu sehen sein93. Darüber hinaus sind jedoch auch kulturspezifische strukturelle Rahmenbedingungen ein wesentlicher Entwicklungswiderstand hinsichtlich eines u. U. notwendigen Umlernens. Angesichts der vier Seiten, die eine Nachricht gewissermaßen „im Paket“ enthält, ist längst deutlich geworden, dass eine Nachricht letztendlich eine ganze Vielfalt an Botschaften enthält. Aus dieser Vielfalt heraus ergibt sich die Notwendigkeit, letztlich alle vier Aspekte des Nachrichten-Quadrates sowohl beim Senden als auch beim Empfangen zu berücksichtigen94. In diesem Zusammenhang fordert Schulz von Thun in der langfristigen Betrachtung eine ausgewogene „Vier-Ohrigkeit“. Gemeint ist damit, dass ein Empfänger nur dann wirklich kommunikationsfähig ist, wenn er alle Seiten einer Nachricht beherrscht. Zugleich ist aber in Bezug auf spezifische Kommunikationssituationen zu berücksichtigen, dass für den Sender meistens nur eine oder zwei Botschaften im Vordergrund stehen und der Empfänger auf der anderen Seite zumeist nur auf eine oder zwei Botschaften reagiert, wobei die Art seiner Reaktion Rückschlüsse darüber erlaubt, in Bezug auf welchen der vier Aspekte einer Nachricht er sich insbesondere angesprochen gefühlt hat. Somit kann aus dem Kommunikationsverlauf geschlossen werden, Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 364 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 365 364 8 Interkulturelle Kommunikations psychologie ob Sender und Empfänger im Wesentlichen auf der gleichen Wellenlänge liegen, also die intendierten Botschaften auch tatsächlich ankommen, oder ob Teile der Botschaften verloren gehen bzw. imaginiert werden95. Für den Bereich der Interkulturellen Kommunikation ist nun herauszustellen, dass diese dadurch erschwert wird, dass Enkodierung und Dekodierung der vier Aspekte einer Nachricht nach Schulz von Thun kulturspezifisch geprägt sind. So weißt Kollermann beispielhaft darauf hin, dass die von einem Sender gestellte Frage „Wie geht es Dir?“ im Deutschen im Hinblick auf den Aspekt der Selbstoffenbarung „Ich bin an Dir interessiert!“ bedeutet. Im Hinblick auf den Aspekt der Beziehung bedeutet diese häufig an Freunde gerichtete Frage hingegen „Du bist mir wichtig!“. Aber auch wenn diese Frage nicht an einen Freund gerichtet wird ist mit ihr – im Gegensatz zu vielen anderen Kulturen – ein offenes Ohr für kleinere Verstimmungen der Mitmenschen verbunden. Somit wird auf die Frage durchaus eine ehrliche Antwort erwartet, was mit dem Aspekt des Appells im Sinne von „Sei offen und ehrlich, und sag, wie es wirklich ist!“ einher geht. Im Gegensatz zu Deutschland zeigt sich beispielsweise in Neuseeland eine entscheidend andere Situation. So hat die von einem neuseeländischen Sender vorgetragene vergleichbare Frage „How are you?“ eine ganz andere Bedeutung. So ist mit dem Aspekt der Selbstoffenbarung lediglich ein „Ich will freundlich zu Dir sein!“ verbunden. Aus diesem Grunde ist der Aspekt der Beziehung auch nicht freundschaftlich, sondern „lediglich“ höflich gemeint im Sinne von „Du bist es wert, dass ich höflich zu Dir bin.“ Dementsprechend beschränkt sich die Erwartung des Neuseeländers bezüglich der zu erhaltenden Antwort auch auf ein „Fine!“ oder ein „Fine, how are you?“ anstelle einer ausführlichen und ehrlichen Antwort. Somit wird mit der neuseeländischen Frage „How are you?“ auch keine Einladung verknüpft, ehrlich zu sein oder gar ein gewisses Unbehagen darzulegen. In Bezug auf den Aspekt des Appells schließlich wird ein „Ich bin nett zu Dir, sei Du auch nett zu mir!“ zum Ausdruck gebracht. Ergänzend sei an dieser Stelle angemerkt, dass Neuseeländer selbstverständlich nicht grundsätzlich nicht daran interessiert sind zu erfahren wie es ihren Mitmenschen tatsächlich geht. So fügt Kollermann an, dass Neuseeländer die Frage „How are you?“ innerhalb eines Gespräches häufig noch ein zweites Mal stellen und dann im Sinne des Aspektes der Beziehungsebene „Ich bin daran interessiert, wie es Dir wirklich geht!“ zum Ausdruck bringen. Somit wäre die Annahme vom grundsätzlich „tiefsinnigen“ Deutschen und grundsätzlich „oberflächlichen“ Neuseeländer nicht zutreffend. Vielmehr verstehen die vier „deutschen Ohren“ einfach etwas ganz anderes als die Neuseeländer mit ihren vier „neuseeländischen Schnäbeln“ gemeint hatten96. 8.2.3.3 Feedback Eine vollwertige Kommunikation findet dann statt, wenn sich für den Sender aus der Rückantwort des Empfängers Anhaltspunkte darüber ergeben, wie seine ursprüngliche Nachricht in Hinblick auf alle vier Seiten einer Nachricht angekommen ist. Letztlich ist insbesondere in der Interkulturellen Kommunikation das Feedback geben mit zahlreichen Gefahren und Problemen verbunden, die es zu überwinden gilt. Schließlich ist darauf hinzuweisen, dass selbstverständlich auch das Feedback wiederum durch die vier Seiten bzw. Aspekte einer Nachricht Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 364 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 365 3658.2 System von Absichten und Bezügen in der Kommunikation geprägt ist. So kann der ursprüngliche Empfänger der Nachricht auf bestimmte Sachverhalte hinweisen. Der ursprüngliche Empfänger kann aber auch einiges von sich selbst kundtun, indem er offenbart, was die Nachricht bei ihm selbst auslöst. Des Weiteren kann er zum Ausdruck bringen, wie er zum Sender steht. Schließlich kann er dem Feedback deutlichen Appellcharakter geben, d. h. es beinhaltet eine Aufforderung des ursprünglichen Senders zu einer Änderung oder einem Beibehalten. Es wird deutlich, dass der Sender grundsätzlich nicht weiß und auch nicht wissen kann wie das, was er von sich gibt ankommt und was er damit aufseiten des Empfängers auslöst97. Deutlich wird aber auch, dass auch der Empfänger, also der Feedback-Geber im Rahmen seiner Rückmeldung auf alle vier Seiten einer Nachricht zurückgreift98. Durch die modellhafte Berücksichtigung des Feedbacks wird der für die kommunikative Interaktion konstitutiven Schlüsselkategorie der Reziprozität Rechnung getragen. So konstruiert jede Kommunikationspartei im kommunikativen Handeln eine Realität nur zusammen mit einer anderen Kommunikationspartei. Dies hat zur Folge, dass aufgrund der Interaktion das Tun der einen Partei abhängig ist vom Tun der anderen Partei und vice versa. Jede von einer Partei ausgehende Handlung hat einen Bezugspunkt in der reziproken Handlung der anderen, die Rückmeldung und Kritik bedeutet. Somit kann das vorläufige Modell der vier Seiten (Aspekte) einer Nachricht gemäß Abbildung 8-8 nunmehr vervollständigt werden, in dem das (ebenfalls quadratische) Feedback Aufnahme findet99. Letztendlich ist es Schulz von Thun mit seinem Modell gelungen einen eigenständigen Ansatz und ein Hilfsmittel zur Analyse, Aufklärung und Lösungszuführung verschiedenartigster Probleme interpersonaler Kommunikation zu generieren. Dies sei zunächst an einem eigentlich hinlänglich bekannten, doch gleichwohl auch sehr anschaulichen Beispiel eines Paares im Auto demonstriert. Auf interkulturelle Unterschiede wird bei diesem in Abbildung 8-9 wiedergegebenen Beispiel zunächst ganz bewusst verzichtet. Abbildung 8‑8: Um Feedback vervollständigtes Modell der vier Seiten (Aspekte) einer Nachricht nach Schulz von Thun (Quelle: Schulz von Thun (1994), S. 27) AppellSelbstoffen-barung Sachinhalt Beziehung Sender EmpfängerNachricht Feedback Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 366 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 367 366 8 Interkulturelle Kommunikations psychologie In dem in Abbildung 8-9 wiedergegebenen Beispiel sagt ein Mann in der Rolle des Senders zu seiner am Steuer sitzenden und die Rolle des Empfängers übernehmenden Frau „Du, da vorne ist grün!“. Gemäß den vier Seiten einer Nachricht kann diese Aussage wie folgt interpretiert werden, ohne hierfür die Gewissheit der absolut richtigen Interpretation in Anspruch nehmen zu können: 1) Sachinhalt: Hinweis auf den Zustand der Ampel sowie das damit verbundene Leuchten des grünen Lichtes; 2) Selbstoffenbarung: Der Sender ist deutschsprachig und stammt (infolge seiner spezifischen Aussprache) auch aus Deutschland; des Weiteren ist er vermutlich farbtüchtig, also nicht farbenblind sowie wach und innerlich aufmerksam dabei; u. U. hat er es auch eilig; 3) Beziehung: Der Mann offenbart seiner Frau, dass er ihr nicht recht zutraut, (ohne seine Hilfe) das Auto optimal bzw. angemessen zu fahren; 4) Appell: Einflussnahme im Sinne einer Aufforderung ein bisschen Gas zu geben, damit man es bei grün noch schaffen könne oder auch langsamer zu tun, um gegebenenfalls noch rechtzeitig bremsen zu können100; In dem Beispiel des im Auto sitzenden Paares wird auch deutlich, dass sich die Entgegnung der Frau „Fährst Du oder fahre ich!?“ offensichtlich nicht auf den Sachinhalt bezieht, denn diesem könnte sie eigentlich nur zustimmen („Ja, hier ist grüne Welle, das ist ganz angenehm“), ohne einen tiefer gehenden Konflikt zu generieren. Auch auf die Selbstoffenbarung (z. B. „Du hast es eilig?“) oder den Appell (z. B. durch bloßes Gas geben oder bremsen) hat sie nicht reagiert. Vielmehr richtet sie ihre Ablehnung gegen die auf der Beziehungsseite empfangene Botschaft im Sinne einer bevormundenden Abwertung101. Es wird deutlich, dass durch die freie Auswahl des Empfängers zwischen allen vier Seiten letztlich Kommunikationsstörungen generiert werden können, etwa dann, wenn der Empfänger wie im vorliegenden Falle auf eine Seite Bezug nimmt, auf die der Sender den Schwerpunkt gar nicht legen wollte bzw. gelegt hat. Selbiges trifft zu, wenn der Empfänger überwiegend nur mit einzelnen ausgewählten Ohren hört und somit für die weiteren, ebenfalls ankommenden Botschaften nicht Abbildung 8‑9: Beispiel einer Nachricht samt Feedback im Alltag eines Paares nach Schulz von Thun (Quelle: in Anlehnung an Schulz von Thun (2011 a), S. 28) Sachinhalt Beziehung Sender Empfänger Nachricht AppellSelbstoffen-barung Du, da vorne ist grün! Fährst Du oder fahre ich!? Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 366 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 367 3678.2 System von Absichten und Bezügen in der Kommunikation empfänglich ist oder sich als hierfür nicht empfänglich gibt. In diesem Zusammenhang wird die Bedeutung einer ausgewogenen „Vierohrigkeit“ eines Empfängers als kommunikationspsychologische Grundausrüstung mehr als deutlich, denn erst diese Vierohrigkeit erlaubt es dem Empfänger von Situation zu Situation zu entscheiden, auf welche der vier Seiten zu reagieren ist. Allerdings stehen der eigentlich erforderlichen Vierohrigkeit in der Realität unabhängig von den Situationserfordernissen oftmals einzelne, besonders stark ausgeprägte „Ohren“ auf Kosten der verbleibenden im Sinne einer einseitigen Spezialisierung auf durchaus negative Weise im Wege102. Diesen Zusammenhang bringt Schulz von Thun wie folgt zum Ausdruck: „Missverständnisse sind das Natürlichste von der Welt, sie ergeben sich fast zwangsläufig schon aus der Quadratur der Nachricht. Sender und Empfänger sollten daher beim Aufdecken und Besprechen von Missverständnissen nicht davon ausgehen, dass sich eine peinliche Panne ereignet hat, für die man den Nachweis der eigenen Schuldlosigkeit erbringen sollte. Wer „recht hat“, ist weder eine entscheidbare noch eine wichtige Frage. Es stimmt eben beides: Der eine hat dieses gesagt, der andere jenes gehört.“103 Im Übrigen kann das Modell der vier Seiten einer Nachricht auch auf rein nonverbale Nachrichtenanteile angewendet werden. Allerdings ist in dieser Situation der Aspekt des Sachinhaltes meist nicht eindeutig ermittelbar und hat somit leer zu bleiben. In einer Situation etwa, in der ein Kommunikator weint könnte möglicherweise Traurigkeit, seelisches Elend („Ich bin traurig.“) oder auch Freude („Ich freue mich über alle Maßen.“) als Selbstoffenbarung zum Ausdruck kommen. Auf der Beziehungsebene etwa könnte möglicherweise eine abwertende Einschätzung des Empfängers signalisiert werden („Da siehst Du, was Du angerichtet hast, Du gemeiner Kerl!“). Als Appell schließlich könnte möglicherweise um Zuwendung („Kümmere Dich um mich!“) oder Entfernung vom Ort des Geschehnisses („Nun hau schon ab! Lass mich alleine!“) gebeten werden104. Neben der Übertragbarkeit des Modells von Schulz von Thun auf den Prozess der Massenkommunikation105 kann es aber gerade auch in Bezug auf interkulturelle Begegnungen wertvolle Dienste leisten. In Abbildung 8-10 werden die dynamischen Kommunikationsquadrate für ein Beispiel zur Interkulturellen Kommunikation, im vorliegenden Fall zwischen einer Chinesin und ihrer deutschen Gastgeberin, wiedergegeben. Es kommt also zu einem „beidseitigen“ Heranziehen des Modells der vier Seiten einer Nachricht nach Schulz von Thun, also einem Einsatz des Modells sowohl für die deutsche Seite als auch für die chinesische Seite. In diesem Beispiel antwortet die Chinesin auf die Frage ihrer deutschen Gastgeberin, ob sie Tee haben wolle freundlich „Nein danke, ich möchte keinen Tee!“ Eine derartige Situation kann sich jederzeit auch im Wirtschaftsleben abspielen, etwa noch während der Phase der Gesprächseröffnung oder auch im Rahmen einer länger dauernden Besprechung oder Verhandlung. Infolge ihrer (erstmaligen) dankenden Ablehnung erhält die chinesische Frau als Gast dem Verständnis der deutschen Gastgeberin folgend somit keinen Tee. Dennoch stellt sich infolge der nachfolgenden offenkundigen Verstimmung oder gar Kränkung der Chinesin in der Kommunikationssituation eine eigentümliche Atmosphäre zwischen den beiden Kommunikationspartnern ein, die von der deutschen Gastgeberin zwar erfühlt wird, aber nicht verstanden bzw. erklärt werden kann. Mit Hilfe des beid- Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 368 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 369 368 8 Interkulturelle Kommunikations psychologie seitigen Heranziehens des Kommunikationsquadrates aber kann für die deutsche Gastgeberin nunmehr eine Erklärung herbeigeführt werden. Im vorliegenden Beispiel ist davon auszugehen, dass der die Tasse Tee ablehnende Gast etwas vollkommen anderes meint, je nachdem, ob er Chinese oder Deutscher ist. Für einen Deutschen bedeutet die Ablehnung schlichtweg eine Ablehnung und deshalb wird die deutsche Gastgeberin das Angebot auf keinen Fall wiederholen, schon aus dem Grunde heraus nicht zu aufdringlich erscheinen zu wollen. Für die Chinesin jedoch ist es ein Gebot der Höflichkeit, den angebotenen Tee zunächst abzulehnen. Somit ist ihre erstmalige Ablehnung auf der Ebene des Sachinhaltes schlichtweg ein Teil des absolut üblichen Höflichkeitsrituals und keinesfalls die auf dieser Ebene von der deutschen Gastgeberin gehörte „tatsächliche“ Unerwünschtheit von Tee. Gleichzeitig erwartet der chinesische Gast, dass das Angebot von der deutschen Gastgeberin wiederholt wird, wenn sie es denn ernst gemeint hat und der chinesische Gast tatsächlich willkommen ist. Im Vergleich zu China würde in Südkorea sogar eine einmalige Wiederholung des Angebotes Tee zu servieren als unzureichend angesehen werden und vielmehr sogar noch ein zweites Mal des Nachfragens erwartet werden. Unter Berücksichtigung des kleinen Beispiels vom Anbieten von Tee kann letztendlich festgehalten werden, dass das ohnehin schon komplizierte Verhältnis von Gesagtem und Gemeintem, also von dem, was der Sender in seine Äußerung hineinlegt, und dem, was aufseiten des Empfängers ankommt in interkulturellen Kommunikationssituationen noch deutlich komplexer und somit auch schwieriger wird106. Abbildung 8‑10: Dynamische Kommunikationsquadrate an einem Beispiel nach Schulz von Thun (Quelle: in Anlehnung an Kumbier; Schulz von Thun (2009), S. 13) Nein danke, ich möchte keinen Tee! Sachaussage: Die Ablehnung ist Teil des Höflichkeitsrituals. Beziehungsbotschaft: Ich freue mich über das Angebot, aber als Gast darf ich Dich nicht mit vielen Arbeiten belasten. A pp el l: W en n D u D ei n A ng eb ot e rn st m ei ns t, da nn hö r a uf z u fr ag en u nd k oc h m ir ei nf ac h ei ne n Te e. Se lb st ku nd ga be : Ic h m öc ht e ke in e U m st än de m ac he n. Ic h bi n ei n hö fli ch er M en sc h. Nein danke, ich möchte keinen Tee! Beziehungsbotschaft: Danke für das Angebot! Sachaussage: Es ist kein Tee erwünscht. Se lb st ku nd ga be : Ic h m öc ht e ke in en T ee . A pp el l: B em üh D ic h ni ch t w ei te r! Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 368 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 369 3698.2 System von Absichten und Bezügen in der Kommunikation 8.2.3.4 Fallstudien zum Modell der vier Seiten einer Nachricht nach Schulz von Thun 8.2.3.4.1 „Die deutsch‑finnische Handelskammer (DFHK)“ An der Leipziger Herbstmesse 1990 beteiligte sich die Deutsch-Finnische Handelskammer (DFHK) aus Helsinki mit einer eigenen Präsentation. Die konkrete Aufgabe der DFHK und ihres Veranstaltungspartners aus der DDR und aus Finnland lag darin, bereits vor dem förmlichen Beitritt der DDR zur Bundesrepublik Deutschland potentielle ostdeutsche Interessenten über den Markt in Finnland sowie seine Geschäftsmöglichkeiten zu informieren. Die folgenden verbalen Ausführungen wurden von einem finnischen Vertreter der DFHK im Rahmen einer Präsentation des Landes Finnland zu einer Folie unter dem Titel „Fünf Millionen Finnen, davon 6 % Schwedischsprachige“ gemacht: „äh sie sehen hier eine – einen kurzen überblick über finnland wie’s aussieht / eine wichtige sache eben ist eben daß in helsinki / im großraum helsinki muß man sagen / 800.000 menschen leben / helsinki ist damit also auch eine wirkliche großstadt / eine metropole / nicht. Die stadt hat etwas weniger als eine halbe million einwohner / aber die umgebenden städte haben nochmals 150.000 / so daß man auf etwa 800.000 menschen kommt also / etwa knapp eine million finnen leben unten im süden in … in äh … in helsinki / die beiden andern großen städte sind tampere und turku / und wenn sie diesen bereich ansehen / da leben etwa zwei drittel aller finnen hier unten im südwesten finnlands /“107. Analysieren Sie die Ausführungen bzw. Aussagen des Finnen über sein Land anhand des Modells der vier Seiten einer Nachricht von Schulz von Thun. Gehen Sie in diesem Zusammenhang neben allen vier Seiten einer Nachricht auch auf etwaige Stereotype ein, die in Bezug auf Finnland bestehen und eine besondere Rolle spielen. 8.2.3.4.2 „Dänische Bauarbeiter auf deutschen Baustellen“ Im Jahre 1996 erschien in einer deutschen Tageszeitung der nachfolgende Artikel: „Dänen fürchten deutsche Baustellen Kopenhagen (dpa). Dänen kommen nicht mit den rohen Umgangsformen auf deutschen Baustellen zurecht. Das Kopenhagener Blatt „Politiken“ berichtete unter der Überschrift „Kulturschock durch deutsche Aggressivität“, daß ungewöhnlich viele der 500 jenseits der Grenze operierenden Baufirmen aus Dänemark Verluste machen, weil ihre Angestellten vom Arbeiter bis zum Ingenieur „geifernden Deutschen mit hochroten Gesichtern als Teil des Alltags“ nicht auf angemessene Weise zu begegnen wüssten. Der in Hamburg als Berater für die dänische Branche arbeitende Sören Lange Nielsen beschrieb den Eindruck für seine Landsleute so: „Die erste Besprechung auf einer deutschen Baustelle ist ein Schock. Es wird gebrüllt, und die Deutschen beschimpfen ihre Gegenüber mit den übelsten Ausdrücken.“ Auch Nielsens praktische Ratschläge zeigen, daß sich der Durchschnittsdäne in Deutschland wie in einer völlig fremden Welt fühlt: „Man muß sich auf das Land vorbereiten, als wenn man nach China oder Saudi-Arabien geht.“ (NRZ vom 12.1.1996)“108. Worin sind Ihrer Meinung nach die grundlegenden interkulturellen Kommunikationsprobleme zwischen Dänen und Deutschen zuvorderst begründet? Gehen Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 370 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 371 370 8 Interkulturelle Kommunikations psychologie Sie in Ihrer Argumentation auf die vier Aspekte einer Nachricht nach Schulz von Thun vor interkulturellem Hintergrund ein. 8.2.3.4.3 „Der neue japanische Kollege in der deutschen Tochtergesellschaft“ Der junge, fachlich angeblich sehr kompetente Japaner Akira Matsui, der laut Aussage seines japanischen Chefs Sasuke Hasegawa zugleich auch über eine hohe Sozialkompetenz verfügt wechselt vom in Tokio angesiedelten Mutterkonzern zu einer in Hamburg befindlichen deutschen Tochtergesellschaft. In Deutschland angekommen sind Georg Stallmeier als Chef seiner neuen Abteilung sowie die allermeisten Kollegen Deutsche. All diese neuen deutschen Kollegen erwarten in Akira Matsui eine leistungsstarke, eigenständig agierende Ergänzung der gesamten Abteilung, zumal infolge eines hohen Arbeitsanfalls allesamt mehr als ausgelastet sind. Nachdem fast ein Jahr vergangen ist müssen die Deutschen nichtsdestotrotz immer noch die Beobachtung machen, dass sich Akira Matsui unvermindert häufig mit Fragen wie den folgenden an den Chef Georg Stallmeier sowie die Abteilungskollegen wendet: „Soll ich das so machen?“, „Sind Sie einverstanden, Herrn X einzubeziehen?“, „Entspricht dies Ihren Vorstellungen?“ Dabei fällt auf, dass sich die Fragen häufig auf einfache, elementare Sachverhalte beziehen, so dass den deutschen Kollegen zunehmend Zweifel insbesondere an der fachlichen Qualifikation, aber auch der persönlichen Eignung von Akira Matsui kommen. Zudem fühlen sich die Deutschen durch ihre zeitliche Inanspruchnahme durch diese eigentlich ohnehin unnötigen Fragen eher belästigt. So kommt es, dass der Chef Georg Stallmeier in einem mit Akira Matsui geführten Mitarbeitergespräch sich wie folgt äußert: „Eigentlich bin ich davon ausgegangen, dass Sie Ihre Arbeit im Wesentlichen selbständig bewältigen können und nicht ständig meine Hilfe sowie die der Kollegen in Anspruch nehmen müssen.“ Einige Monate später ergreift Akira Matsui die erstbeste Gelegenheit, um sich im Rahmen einer Umorganisation des gesamten Konzerns nach Tokio zurückversetzen zu lassen109. Worin sind die kommunikativen Missverständnisse zwischen Akira Matsui einerseits und Georg Stallmeier sowie seinen deutschen Kollegen andererseits begründet? Analysieren Sie hierzu durch Heranziehen dynamischer Kommunikationsquadrate, also durch das „beidseitige“ Heranziehen des Modells der vier Seiten einer Nachricht nach Schulz von Thun sowohl für die japanische Seite als auch die deutsche Seite die dargelegte Situation und stellen Sie für beide Seiten sowohl die verlorenen Botschaften als auch die imaginierten Botschaften heraus. Anmerkung: Beschränken Sie sich dabei auf die wesentlichen, in der konkreten Situation im Vordergrund stehenden Seiten bzw. Aspekte einer Nachricht. 8.2.3.4.4 „Der unzuverlässige peruanische Möbelhändler“ Der deutsche Ingenieur Hermann Gebhardt wechselt für zwei Jahre zur peruanischen Tochtergesellschaft seines Konzerns, um erstmalig Auslandserfahrung sammeln zu können. Bereits in der dritten Woche vergibt er einen kleineren Auftrag an einen in Peru ansässigen Möbelhändler. Bestellt werden einige Büromöbel, insbesondere Tische und Stühle. Der aufseiten des Möbelhändlers zuständige Verkäufer Teodoro Cubillas nimmt den Auftrag entgegen und sagt die Lieferung für den 4. des kommenden Monats, also in einer guten Woche zu. Als die Liefe- Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 370 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 371 3718.3 Das Modell des Inneren Teams nach Schulz von Thun rung am 4. des nächsten Monats, einem Montag, abends noch nicht eingetroffen ist erfährt Hermann Gebhardt auf telefonische Anfrage hin, dass es wohl ein Missverständnis gegeben habe, denn es war der vierte Tag der Woche, also erst der Donnerstag gemeint gewesen. Doch auch an diesem nächsten Donnerstag werden die Büromöbel bis abends nicht angeliefert, was Hermann Gebhardt sehr verärgert. In bereits gereizter Stimmung telefoniert er mehrfach, wird jedoch von einer Kollegin von Teodoro Cubillas vertröstet und darauf hingewiesen, dass dieser momentan nicht zu sprechen sei. Aufgrund seiner ihm eigenen Hartnäckigkeit aber gelingt es Hermann Gebhardt schließlich doch noch mit Teodoro Cubillas zu sprechen. Dieser gesteht etwas kleinlaut ein, dass es noch mindestens weitere zwei Wochen benötigen werde, bis die Möbel geliefert werden können und er die Zusage doch nur gemacht habe, weil Hermann Gebhardt es doch so eilig gehabt habe110. Worin sind die kommunikativen Missverständnisse zwischen dem deutschen Ingenieur und dem beauftragten peruanischen Möbelhändler begründet? Analysieren Sie hierzu durch Heranziehen dynamischer Kommunikationsquadrate, also durch das Heranziehen des Modells der vier Seiten einer Nachricht nach Schulz von Thun sowohl für die deutsche als auch die peruanische Seite die dargelegte Situation. Hinweis: Versuchen Sie dabei die vier Seiten einer Nachricht gemäß den Angaben in der geschilderten Situation so vielfältig wie nur irgend möglich zu analysieren. 8.3 Das Modell des Inneren Teams nach Schulz von Thun 8.3.1 Theoretische Grundlagen zum Modell des Inneren Teams Die zentrale Grundlage des Modells vom Inneren Team von Schulz von Thun repräsentiert sich in der heute anerkannten psychologischen Tatsache, dass jeder Mensch zu allen Zeiten mehrere „Seelen“ in sich trägt. Im Sinne einer Multipersonalität bzw. multiplen Persönlichkeitsstruktur des Menschen können all diese Seelen als Mitglieder eines gesamten Inneren Teams aufgefasst werden. Dabei ist die hiermit angesprochene innere Pluralität ein allgemeinmenschliches Phänomen, also ein generelles menschliches Wesensmerkmal. Insofern ist davon auszugehen, dass die menschliche Seele eine faszinierende innere Gruppendynamik aufweist. Die Tatsache, dass die dort bestehenden Verhältnisse eine erstaunliche Analogie zu den Verhältnissen in realen Gruppen und Teams haben hat Schulz von Thun dazu gebracht, die Metapher vom „Inneren Team“ zu formulieren und zur Grundlage seines Menschenbildes zu machen. Angesichts dieser Ausgangssituation ergibt sich nun für den pluralen Menschen, der mit sich selbst nie ein Herz und eine Seele ist, die zentral bedeutsame Aufgabe mit sich selbst so klarzukommen, dass er nach außen hin deutlich kommunizieren und gleichzeitig nach innen in (möglichst) harmonischem Einklang mit sich selbst stehen kann. Die Bedeutung des Modells vom Inneren Team ergibt sich aus seiner Funktion als Hilfestellung zur Selbstklärung111, die in Bezug auf den als multiple Persönlichkeit zu verstehenden Menschen dienlich sein kann, aber auch aus der Möglichkeit interpersonale Kommunikation im Allgemeinen und vor interkulturellem Hintergrund im Besonderen einer Analyse unterziehen und somit auch verbessern zu können. Viele Menschen sind sich ihrer inneren Pluralität nicht bewusst, beachten sie nicht oder empfinden sie angesichts der Ziele eines möglichst geradlinigen Weges sowie 8.3 Das Modell des Inneren Teams nach Schulz von Thun

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Zusammenfassung

Kompetenz zur Interkulturellen Kommunikation für jeden Markt der Welt

Kommunikation in der Wirtschaft ist von essentieller Bedeutung und unabdingbar für den Erfolg, wobei die fortschreitende Globalisierung und Internationalisierung die Interkulturelle Kommunikation immer bedeutsamer machen. Erst die Kenntnis kultureller Unterschiede und Besonderheiten ermöglicht eine erfolgreiche Kommunikation auch zwischen Vertretern unterschiedlicher Kulturen.

Dieses Buch gibt kulturübergreifend einen umfassenden Überblick über

- Begriffe der Kommunikation und Kultur

- Interkulturelle Besonderheiten in der interpersonalen und massenmedialen

- Kommunikation (Interkulturelle Marketing-Kommunikation)

- Verbale und nonverbale Kommunikation

- Kulturvergleichende Studien (z.B. GLOBE-Studie)

- Neuere Forschungsgebiete wie Interkulturelle Kommunikationspsychologie und Kulturelle Neurowissenschaft

Durch zahlreiche Fallbeispiele und Fallstudien eignet sich dieses Buch für die Aus- und Weiterbildung an Universitäten, Hochschulen und anderen Bildungseinrichtungen sowie für die Praxis.