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8.1 Das Werte- und Entwicklungsquadrat nach Schulz von Thun in:

Michael Schugk

Interkulturelle Kommunikation, page 352 - 368

Grundlagen und interkulturelle Kompetenz für Marketing und Vertrieb

2. Edition 2014, ISBN print: 978-3-8006-4888-7, ISBN online: 978-3-8006-4889-4, https://doi.org/10.15358/9783800648894_352

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Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 335 8 Interkulturelle Kommunikations psychologie Andere Menschen tatsächlich zu verstehen ist eine Schwierigkeit, die gerade auch in einer zunehmend technologisierten Welt samt ihren Kommunikationstechnologien nur allzu gerne übersehen wird. Auf besonders deutliche, gar drastische Art und Weise bringt dies der studierte Germanist sowie Biologe und Professor für Verhaltensphysiologie Gerhard Roth1 zum Ausdruck: „Missverstehen ist das Normale, Verstehen die Ausnahme.“2 Um diese in ihrer Deutlichkeit kaum zu überbietende Aussage besser nachvollziehen zu können sei zunächst die von Roth für diese Aussage herangezogene Begründung angeführt, gemäß der die gesellschaftlich vermittelte Sprache zunächst einmal den (durchaus trügerischen) Eindruck entstehen lässt, dass von der Existenz einer überindividuellen Argumentationsebene ausgegangen werden kann. Eine derartige universelle Logik der Kommunikation ist für Roth vielleicht existent, aber, wenn überhaupt, dann nur in jenen Situationen, in denen es ausschließlich um abstraktes Wissen geht, nicht hingegen aber in Situationen, in denen individuelle Lebenserfahrung und individuelles Handeln, letzthin also Gefühle und Emotionen im Mittelpunkt stehen. Im Übrigen hat gerade das vorangehend dargelegte Fachgebiet der Kulturellen Neurowissenschaft deutlich gemacht, dass Gefühle und Emotionen letztendlich untrennbar von menschlichem Verhalten sind, also quasi immer (wieder) eine ganz maßgebliche Rolle spielen3. Die Tatsache, dass eine alle Missverständnisse von vorne herein ausschließende universelle Logik der Kommunikation nicht existiert wird nur deshalb nicht ständig deutlich, weil die Menschen ihren Anspruch an erfolgreiche Kommunikation, also an Verstehen variabel halten. So ist Verstehen im Rahmen von alltäglichen Routinebegegnungen, etwa am Fahrkartenschalter, vergleichsweise einfach herzustellen. Im Gegensatz zu solch einfachen Operationen ist es schon bedeutend schwieriger Verstehen im Berufsleben mit den Kollegen und Mitarbeitern herzustellen, weil hier schon unterschiedliche Lebenserfahrungen und Zielvorstellungen vorliegen und eine Rolle spielen. Am schwierigsten aber erscheint die Herstellung von Verstehen zwischen Lebenspartnern, auch wenn die Erwartungen an Verstehen gerade in diesem Lebensbereich in der Regel am höchsten und eigentlich, so sollte man meinen, am einfachsten zu erfüllen sind. Die nun wahrlich zu bedauernde Tatsache, dass sich Lebenspartner häufig nicht verstehen, ja geradezu einander fremd sein können ergibt sich für Roth als natürliche Konsequenz aus der Tatsache heraus, dass Menschen bereits in sehr frühen Lebensjahren in ihren persönlichen Grundstrukturen festgelegt werden, woran auch jahrzehntelanges Miteinandersprechen und Umgang miteinander in aller Regel wenig ändern. Insofern ist ein „vollkommenes Verstehen“, so wünschenswert es auch anmutet, zwischen Menschen als autonomen, also weitgehend von innen geleiteten Geschöpfen nicht möglich. Insofern sollte davon ausgegangen werden, dass das, was ein Mensch sagt, aller Wahrscheinlichkeit nach in einem anderen Menschen eine andere Bedeutung als die von ihm intendierte erzeugt. Das eine 8 Interkulturelle Kommunikations psychologie 8 Interkulturelle Kommunikations psychologie Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 336 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 337 336 8 Interkulturelle Kommunikations psychologie ist somit, was ein Mensch meint, wenn er etwas sagt, etwas (ganz) anderes aber ist es, was das Gehirn des anderen Menschen an Bedeutungen erzeugt. Der ursprüngliche Sender hat vom Empfänger keine umfassende und genaue Kenntnis und er kann hierauf auch keinen direkten Einfluss nehmen. Erschwerend kommt noch hinzu, dass auch der Empfänger in aller Regel keine genaue Kenntnis von dem in seinen eigenen Gedächtnissen vorhandenen Bedeutungskontexten besitzt, da diese unbewusst abgelegt sind. Natürlich hat ein Sender die Möglichkeit durch weiteres Reden und Handeln zu versuchen herauszubekommen, wie der Bedeutungskontext des Empfängers aussehen könnte, um sich sodann darauf einzustellen. Doch in der Regel sind die Möglichkeiten der Einsichtsvermittlung realistischerweise als eindeutig begrenzt einzuschätzen: „Falls man nicht schon zuvor „auf der gleichen Wellenlänge“ liegt, d. h. bereits weithin überlappende konsensuelle Bereiche hat, dann ist der eindringliche Appell an die Einsicht ebenso verfehlt wie die lautstarke Aufforderung: „Nimm endlich Vernunft an!“, denn hier könnte zurückgefragt werden: „Welche Vernunft? Deine oder meine?““4 Für Roth sind letztlich allem voran insbesondere die in den ersten fünf Lebensjahren erworbenen persönlichen Grundstrukturen sowie deren Unterschiedlichkeit von Mensch zu Mensch ursächlich dafür verantwortlich, dass die Vermittlung von Einsichten häufig scheitert oder zumindest nicht ausreichend gelingt, weil es sich um weithin private Einsichten handelt, auch wenn ein jeder Mensch sie im Normalfall für vollkommen einsichtig, nachvollziehbar und mitunter geradezu allgemeingültig hält. Wenn ein Mensch seine Argumente vorbringt, so reißt er sie aus dem in ihm bestehenden Kontext heraus, in dem sie Sinn machen, und sie dringen sodann aber bei seinem Kommunikationspartner in einen mit großer Wahrscheinlichkeit ganz anderen Kontext ein, in dem sie nunmehr keinen oder aber einen (ganz) anderen Sinn ergeben. Umgangssprachlich wird dies mit den unterschiedlichsten Formulierungen zum Ausdruck gebracht: „Irgend etwas fällt beim anderen nicht auf fruchtbaren Boden“, „es fruchtet alles nichts“, „es wird beim anderen nichts zum Klingen gebracht“, „man redet gegen die Wand“ etc.: „In der Tat muss man sich diesen Vorgang als eine Art Resonanz vorstellen, wie eine Glasscheibe, die bei einem bestimmten Ton zu klirren beginnt, bei anderen Tönen nicht. Dass aber bestimmte Teile unseres bewussten und unbewussten Seelenlebens vorübergehend in Resonanz geraten, ist eher ein Glücksfall. Missverstehen ist das Normale, Verstehen die Ausnahme.“5 Diese in ihrer Deutlichkeit wahrlich kaum zu überbietende Aussage über die Kommunikationsfähigkeit bzw. eigentlich die Begrenztheit der Kommunikationsfähigkeit des Menschen, die Roth zumindest für die über einfache, routinemä- ßig vonstatten gehende Sozialoperationen hinausgehende zwischenmenschliche Kommunikation im Berufsleben, mehr noch im Privatleben annimmt mutet in einer menschlichen Gesellschaft, die mehr denn je von modernen elektronischen Massenmedien und Kommunikationstechnologien dominiert wird, möglicherweise zunächst einmal äußerst befremdlich, vielleicht auch skurril und verschroben oder gar vollkommen unzutreffend an, wird doch heutzutage häufig von einer Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 336 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 337 3378 Interkulturelle Kommunikations psychologie immer einfacher werdenden Kommunikation ausgegangen. Doch letztendlich darf nicht außer Acht gelassen werden, dass gerade die modernen elektronischen Massenmedien letztendlich „nur“ als Medium im Sinne einer Übertragungsinstanz fungieren. Die eigentliche Aufgabe der zwischenmenschlichen Kommunikation samt Enkodierung und Dekodierung bleibt von der ohne jeden Zweifel immer einfacheren Übertragung von Nachrichten oder Botschaften mittels der angesprochenen elektronischen Massenmedien jedoch zunächst einmal unberührt und eine nach wie vor durchaus äußerst komplexe, problembeladene und auch höchst störungsanfällige Angelegenheit. Dies bringt auch Friedemann Schulz von Thun zum Ausdruck, der zumindest in Deutschland als wohl renommiertester Kommunikationspsychologe diesen Sachverhalt bereits Anfang der 1980er Jahre in einer Deutlichkeit zum Ausdruck gebracht hat, die der Deutlichkeit der Aussagen von Roth in nichts nachsteht: „Was das heutige Leben auf dem Erdball so gefährlich macht, ist das gigantische Auseinanderklaffen zwischen technologischem Vermögen und zwischenmenschlichem Unvermögen. Es ist dringend geboten (wenn nicht schon zu spät), in der Fähigkeit zur Verständigung aufzuholen.”6 Die vorangehenden Ausführungen erfreuen sich gerade in der breiten Öffentlichkeit heutzutage vielleicht weniger denn je einer Popularität oder gar Zustimmung. Umso wichtiger scheint es, sie in aller gebotenen Explizitheit anzusprechen. Die vorangegangenen Ausführungen dürften aber auch deutlich machen, dass es sich bei der zwischenmenschlichen Kommunikation im Allgemeinen und so auch im interkulturellen Kontext im Besonderen keineswegs um eine einfache, gar triviale Angelegenheit handelt, selbst wenn sie im Alltag vielleicht als eine solche empfunden wird. Vielmehr ist es so, dass die Menschheit im Zuge ihrer Entwicklung sicherlich als jene Spezies zu sehen ist, die in puncto Ausdrucksvermögen und Differenziertheit über die (mit Abstand) am weitesten entwickelten Kommunikationsfähigkeiten verfügt, auch wenn die (verbleibende) animalische Kommunikation an dieser Stelle nicht zu unterschätzen ist. Doch trotz seiner außerordentlichen Kommunikationsfähigkeiten ist der Mensch in seinem Verhalten immer auch sehr stark unbewusst ausgerichtet und wird ohne tiefer gehend erhaltene Einsicht häufig, um nicht zu sagen in der Regel die Probleme und die ihnen zugrundeliegenden Ursachen nicht bzw. nur beschwerlich einer Lösung zuführen können. In diesem Zusammenhang kann kaum darauf verzichtet werden auf die in diesem Buch nicht näher behandelte Transaktionsanalyse nach Eric Berne zu verweisen, die sowohl für das Berufs- als auch das Privatleben quasi als die Theorie der zwischenmenschlichen Interaktion überhaupt angesehen werden kann7. Gerade die Beachtung der wenigen und überaus einleuchtenden Prinzipien der Transaktionsanalyse ermöglicht eine besonders effektive, effiziente und gleichzeitig auch humane Art und Weise des Kommunizierens. Ob die Beachtung der Prinzipien der Transaktionsanalyse, wie wohl in den wenigsten Fällen, unbewusst oder bewusst durch erlernte Vertrautheit mit diesen Prinzipien erfolgt, erscheint letztlich sekundär bedeutsam. Von primärer, geradezu überragender Bedeutsamkeit hingegen dürfte sein, dass die Prinzipien der Transaktionsanalyse eingehalten werden, da ansonsten bis zur zwischenmenschlichen Katastrophe alles möglich erscheint, ob im Privatleben, etwa in der Ehe, oder im Berufsleben, etwa im Verhältnis zwischen Vorgesetztem und Mitarbeiter. Die Berücksichtigung der Prinzipien der Transak- Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 338 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 339 338 8 Interkulturelle Kommunikations psychologie tionsanalyse kann also als geradezu unaussprechlich wichtig und bedeutsam für die zwischenmenschliche Kommunikation und das Zusammenleben in sozialen Verbänden unterschiedlichster Art angesehenen werden. Umso bedauerlicher ist es, dass die Transaktionsanalyse bislang nicht näher bzw. tiefgehender vor dem Hintergrund der Interkulturellen Kommunikation betrachtet worden ist und somit ein noch weitgehend offenes Feld für interkulturelle Forschungsbetätigungen zu sein scheint. Es dürfte hinreichend deutlich geworden sein, dass die zwischenmenschliche Kommunikation keine triviale Angelegenheit ist, auch wenn das diesbezügliche Empfinden der Menschen womöglich häufig ein anderes ist. Gerade aber die anzunehmende Nicht-Trivialität der zwischenmenschlichen Kommunikation verlangt, ja schreit geradezu nach einer Hilfestellung, um sie dennoch möglichst gut bewältigen zu können. Somit benötigen Menschen im Berufsleben wie im Übrigen auch im Privatleben ausgewiesene Sozial- und Selbstkompetenzen wie beispielsweise die Fähigkeit zur Kommunikations- und Konfliktfähigkeit, aber auch die Fähigkeit zur Selbstregulierung und Empathie, um letztlich auch in der Interkulturellen Kommunikation Irritationen und Konflikte reflexiv und selbstreflexiv bearbeiten zu können8. Ein Bereich, der wie wohl kein anderer dazu in der Lage ist, Hilfestellungen zur effektiven und effizienten Bewältigung der zwischenmenschlichen Kommunikation zu geben, zumal unter dem Blickwinkel einer gesteigerten Humanität, ist der Bereich der Kommunikationspsychologie. Darüber hinaus kann der Bereich der Kommunikationspsychologie auch für die Interkulturelle Kommunikation maßgebliche Hilfestellung geben. Dies darzulegen soll Aufgabe des vorliegenden Kapitels zur Interkulturellen Kommunikationspsychologie sein. Zu diesem Zweck werden im Folgenden zunächst ausgewählte, als besonders bedeutsam anzusehende Modelle der Kommunikationspsychologie vorgestellt. Nach Vorstellung jedes einzelnen Modells werden diese Modelle sodann gewissermaßen „erweiternd“ unter dem Blickwinkel der Interkulturalität näher beleuchtet. Die Betrachtung Interkultureller Kommunikation aus dem kommunikationspsychologischen Blickwinkel ist von übermäßig großer Bedeutung, da sie die reflexive und selbstreflexive Beherrschung von Kommunikationsstörungen ermöglicht, die nicht „nur“ zwischenmenschlich, sondern darüber hinaus gehend auch interkulturell begründet sind. In diesem Sinne werden im vorliegenden Kapitel insbesondere die kommunikationspsychologischen Modelle des so überaus und vollkommen zu Recht renommierten Hamburger Kommunikationspsychologen Friedemann Schulz von Thun vor interkulturellem Hintergrund abgehandelt9. Die Bedeutung der (Interkulturellen) Kommunikationspsychologie selbst ergibt sich daraus, dass mittels der dabei aufgestellten Modelle eine immense Hilfestellung zum Verstehen zwischenmenschlicher Vorgänge bereitgestellt wird, die insbesondere dann, wenn es zu früher oder später zu erwartenden Kommunikationsstörungen kommt von großem Wert sein kann. Dabei sei explizit betont, dass dies insbesondere auch für interkulturelle Begegnungen gilt, die ohnehin durch eine nochmals erweiterte Komplexität gekennzeichnet sind10. In diesem Zusammenhang beschreibt Kollermann kommunikationspsychologische Methoden als ein vergleichsweise leicht zu erlernendes Handwerkszeug, welches in fremden Kulturen zur Analyse diffiziler interkultureller Situationen herangezogen werden Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 338 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 339 3398.1 Das Werte- und Entwicklungsquadrat nach Schulz von Thun kann, um Vorurteile abzubauen, ein tieferes Verständnis für die fremden Kulturen zu entwickeln und nicht zuletzt sich selbst weiter zu entwickeln, indem das eigenen Repertoire um sinnvolle und nützlich erscheinende Verhaltensweisen, Eigenschaften und Werte erweitert wird11. Gerade das Verstehen der Ursachen der entsprechenden interkulturellen Kommunikationsstörungen kann als wichtige Voraussetzung für gezielte Abhilfe, etwa im Rahmen entsprechender und expliziter Metakommunikation, angesehen werden. Zweifelsohne ist eine derartige Metakommunikation nicht immer möglich, etwa dann, wenn die damit einhergehende offensive Direktheit vom Vertreter einer fremden Kultur als „zu deutsch“, also als befremdend, verunsichernd oder gar unhöflich interpretiert wird. Doch auch in diesem Falle ist das Verstehen der Ursachen interkultureller Kommunikationsstörungen von überaus großer Bedeutung, etwa im Rahmen einer sodann erforderlichen impliziten Meta-Sensibilität, im Rahmen derer mit Feingefühl die Störungen bemerkt und analysiert werden können, um sodann ohne zu direktes und explizites Ansprechen der Störungen mit Behutsamkeit einen Weg aus der Kommunikationsmisere zu finden12. 8.1 Das Werte und Entwicklungsquadrat nach Schulz von Thun Die dem Werte- und Entwicklungsquadrat von Schulz von Thun ganz allgemein zugrunde liegende Prämisse ist die, dass jeder (positive) Wert, also jede Tugend, jedes Leitprinzip, jedes Persönlichkeitsmerkmal eines Menschen nur dann zu einer konstruktiven Wirkung gelangen kann, wenn er sich in ausgehaltener Spannung bzw. Balance zu einem positiven Gegenwert, also quasi einer „Schwestertugend“, befindet. Ohne diese ausgehaltene Spannung oder eben Balance verkommt ein jeder Wert zu seiner „Entartungsform“, also zu seiner entwertenden Übertreibung13. Das Werte- und Entwicklungsquadrat selbst ist in seinem Grundsatz so aufgebaut, dass die beiden oberen Extremwerte der oberen Horizontale diese beiden gegensätzlich zueinander ausgerichteten sog. positiven Werte repräsentieren. Im Idealfall besteht zwischen diesen beiden positiven Werten eine Balance, also eine positive Spannungs- und Ergänzungsbeziehung, durch die die beiden Werte erst zur Entfaltung gelangen ohne dass der Mensch zu einseitig ausgerichtet wird. Auf der unteren Horizontale des Werte- und Entwicklungsquadrates hingegen stehen sich die sog. Unwerte als Extremwerte gegenüber, die als Ergebnis von entwertenden Übertreibungen der beiden oberen positiven Werte im Sinne eines „Zuviel des Guten“ zu verstehen sind. Die beiden Diagonalen repräsentieren konträr zueinander ausgerichtete Gegensätze zwischen einem positiven Wert und einem Unwert. Dabei repräsentieren die Pfeile nach unten die Richtung möglicher wechselseitiger Vorwürfe. Diese möglichen gegenseitigen Vorwürfe, die in der Wirklichkeit im Rahmen jeglicher interpersonaler Kommunikation durchaus häufig beobachtet werden können, sind nicht zuletzt das Ergebnis von Verzerrungen in der Wahrnehmung und Interpretation der Kommunikationspartner und sie entstehen insbesondere dann, wenn sich ein Kommunikationspartner in seiner persönlichen Identität angegriffen fühlt, weil er für sich bedeutsame Werte in Frage gestellt sieht. Im Gegenzug repräsentieren die Pfeile nach oben die notwendige Entwicklungsrichtung für einen Menschen, um einem negativen Unwert letztlich 8.1 Das Werte- und Entwicklungsquadrat nach Schulz von Thun Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 340 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 341 340 8 Interkulturelle Kommunikations psychologie zu entkommen14. Im Übrigen sei angemerkt, dass der Mensch grundsätzlich dazu neigt quasi überkompensatorisch von dem einen Unwert in den entgegen gesetzten anderen Unwert zu entfliehen, wenn er nicht die Kraft hat sich in die eigentlich einzufordernde Spannung der beiden oberen positiven Werte hinaufzuarbeiten15. Abbildung  8-1 gibt ein Beispiel für das Werte- und Entwicklungsquadrat aus dem Bereich bürgerlicher Tugenden, ohne zunächst interkulturelle Aspekte in irgendeiner Form zu berücksichtigen. In diesem Beispiel verkommt die Sparsamkeit ohne ihren positiven Gegenwert der Großzügigkeit zum Geiz. Im Gegenzug verkommt aber auch die Großzügigkeit ohne Sparsamkeit zur Verschwendung. Es wird deutlich, dass bei jedem Werte- und Entwicklungsquadrat vier Begriffe in Form eines „Wertequadrates“ angeordnet werden. Dabei kommen die beiden positiven Gegenwerte immer oben, die entsprechenden Unwerte hingegen immer unten zu stehen. Insofern werden die vier werthaften Begriffe zu einer „Vierheit“ von Werten bzw. Unwerten angeordnet. Im Übrigen ist somit in jedem Wert quasi eine Quaternität von Werten eingeschlossen und das Wertequadrat „verklammert“ diese vier Begriffe „lediglich“ miteinander, wie eben am Beispiel des Wertes der Sparsamkeit aufgezeigt. Jeder Wert bzw. Begriff wird somit doppelt gegensätzlich präzisiert16. Deutlich wird in Abbildung  8-1 auch, dass das Wertequadrat in seiner Eigenschaft als Entwicklungsquadrat es ermöglicht, jene Entwicklungsrichtungen eines Menschen oder auch einer ganzen Gruppe von Menschen zu bestimmen, die notwendig sind, um den besonderen Anforderungen und Herausforderungen in einer jeweils gegebenen Lebenssituation, etwa im Berufsleben, gerecht werden zu können. Welche der beiden angedeuteten Entwicklungsrichtungen in einer bestimmten Situation tatsächlich einzuschlagen ist, kann im Rahmen einer (Selbst) Diagnose ermittelt werden und in Abhängigkeit von den jeweiligen Personen und Situationen somit auch sehr unterschiedlich sein17. Der Nutzen des Werte- und Entwicklungsquadrates ist ein durchaus mehrfacher. Erstens ermöglicht es die individuelle Bestimmung der eigenen Entwicklungs- Abbildung 8‑1: Allgemeine Struktur des Werte‑ und Entwicklungsquadrates nach Schulz von Thun am Beispiel des werthaften Begriffs der Sparsamkeit (Quelle: in Anlehnung an Schulz von Thun (2011 b), S. 44) Sparsamkeit Großzügigkeit Geiz Verschwendung positive Werte Unwerte (1) (2) (3) (4) Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 340 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 341 3418.1 Das Werte- und Entwicklungsquadrat nach Schulz von Thun richtung von einem identifizierten Unwert zum diametral gegenüberliegenden positiven Wert. Dabei ist darauf hinzuweisen, dass diese Bestimmung der eigenen Entwicklungsrichtung sowohl ganz allgemein als auch speziell in Bezug auf ein bestimmtes, gegebenes Anforderungsfeld, also letztlich eine bestimmte Situation vorgenommen werden kann. Zweitens erlaubt es, die Unwerte auf konstruktive Weise als Mängel und Schwächen im Sinne eines „zuviel des Guten“ zu interpretieren mit der Konsequenz, dass eine Erweiterung angestrebt wird anstelle einer „Ausmerzung“18. Es wird somit offensichtlich, dass das Werte- und Entwicklungsquadrat verdeutlichen kann, dass sich in einem beklagten Fehler nicht etwas „Schlechtes“ manifestieren muss das es auszumerzen gilt. Vielmehr kann darin immer auch ein positiver Kern entdeckt werden, dessen Vorhandensein zu schätzen ist und in Bezug auf den „lediglich“ dessen Überdosierung im Sinne des „zuviel des Guten“ problematisch erscheint. Mit dem Werte- und Entwicklungsquadrat kann somit die Auffassung verbunden werden, dass jeder Mensch mit einer bestimmten erkennbaren Eigenschaft immer auch über einen in sich „schlummernden“ Gegenpol verfügt, den er zur Entfaltung bringen kann. Dies soll nicht bedeuten, dass der Idealcharakter eines Menschen im Sinne einer ausgewogenen Mittelmäßigkeit zu verstehen ist. Das angestrebte Ideal ist somit nicht eine statische Balance zwischen den beiden positiven Werten, sondern vielmehr eine dynamische Balance. In diesem Sinne kann das Pendel je nach Situation und ihrer jeweils einmaligen Sinngebung durchaus auch extrem zwischen den beiden positiven Werten hin und her schlagen. So kann die in Abbildung 8-1 angeführte Sparsamkeit in der Nachkriegszeit selbst den eigenen Kindern gegenüber unverzichtbar sein, wohingegen die Großzügigkeit in Zeiten des Wohlstands gegenüber den eigenen Kindern angemessen erscheint. Von entscheidender Bedeutung ist, dass beide Haltungen als innere Möglichkeit zur Verfügung stehen, zumindest wäre dies ideal im Sinne menschlicher Freiheit und Bewusstheit. Allerdings neigt der Mensch in der Realität normalerweise dazu, mehr der einen Möglichkeit zuzuneigen und sich mit der jeweils anderen dementsprechend eher etwas schwerer zu tun19. Drittens ermöglicht das Werte- und Entwicklungsquadrat schließlich eine Verwendung in Bezug auf Gruppendiskussionen, in denen es immer wieder vorkommt, dass in inhaltlichen Auseinandersetzungen die beiden „Schwestertugenden“, also die beiden positiven Werte polarisierend vertreten werden. Bei derartigen Auseinandersetzungen besteht die Neigung, dass man sich selbst als Wertverkörperung, den Konfliktgegner hingegen als Verkörperung der „Fehlhaltung“ sieht. Dadurch aber entsteht ein kommunikationspsychologisches Durcheinander von Sach- und Beziehungsebene, denn die Vorwürfe zielen natürlich „unter die Gürtellinie“. Eine an sich notwendige und zumindest potenziell produktive Auseinandersetzung droht in persönlichen Vorwürfen zu enden und eine Spaltung zu erwirken. Indes wäre es selbstverständlich viel produktiver zu erkennen, dass jede der beiden Parteien letztlich eigentlich für ein wertvolles Prinzip eintritt, also ein Stück Wahrheit für sich beanspruchen kann. Schulz von Thun formuliert diesen Sachverhalt wie folgt20: „Erst die ausgehaltene Spannung zwischen beiden Polen könnte dem Stein des Weisen ähneln – und gottlob gibt es Anwälte und Verkörperungen beider Prinzipien in dem Team! – Durch diese Intervention fühlen sich beide Parteien verstanden und rehabilitiert und müssen sich gegenseitig nicht mehr verteufeln. Wichtig scheint mir Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 342 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 343 342 8 Interkulturelle Kommunikations psychologie aber, diese „harmonisierende“ Intervention nicht zu früh einzubringen, denn sonst kann einer allzu raschen, aber nicht lange tragfähigen Versöhnlichkeit Vorschub geleistet werden, ohne dass die in der Gruppe vorhandenen Gegensätze wirklich zum Ausdruck und zum Austrag gekommen wären. Also: Integration nach der Konfrontation, nicht zu ihrer Verhinderung!“21 Das Selbstkonzept von Menschen definiert sich nicht ausschließlich über eine persönliche Identität, sondern gleichzeitig auch durch eine soziale bzw. kulturelle Identität. Indem sich Menschen bestimmten Gruppierungen, beispielsweise also Kulturen bzw. Subkulturen zuordnen erlangen sie eine soziale Identität und Orientierung. In diesem Sinne kann Kultur somit als ein identitätsstiftendes Orientierungssystem aufgefasst werden, das zumeist unbewusst die Zugehörigkeit festlegt, das Verhalten der Kulturmitglieder reguliert und deren Wahrnehmung und Deutung der Umwelt strukturiert. Somit sind Menschen nicht nur darum bemüht ihre persönliche Identität zu wahren, sondern auch als Mitglieder einer Gruppe bzw. Kultur eine soziale bzw. kulturelle Identität zu entwickeln22. Eine grundlegend bedeutsame Möglichkeit das Werte- und Entwicklungsquadrat von Schulz von Thun vor interkulturellem Hintergrund einzusetzen und zum Kulturquadrat weiterzuentwickeln repräsentiert sich darin für die beiden positiven Werte zunächst auf die Kulturdimensionen von kulturvergleichenden Studien zurückzugreifen. Wie bereits dargelegt geht Schulz von Thun davon aus, dass jeder positive Wert einen (positiven) Gegenwert, also eine „Schwestertugend“ benötigt, mit der er letztendlich ausbalanciert werden muss. Ohne einen solchen Gegenwert aber besteht die Gefahr, dass jeder positive Wert zu einem Unwert verkommt und zwar dann, wenn er übertrieben ausgelebt bzw. verabsolutiert wird. Erst mit einer grundsätzlich anzustrebenden dialektischen Balance zwischen den beiden positiven Werten kann letztendlich Gutes entstehen23 und für diese beiden positiven Werte können dann eben auch die Kulturdimensionen von kulturvergleichenden Studien herangezogen werden, denn letztlich repräsentieren die Kulturdimensionen der Studien etwa von Hofstede, Trompenaars oder House24 nichts anderes als Werte im Sinne von Zuständen des Wünschenswerten. In Abbildung 8-2 wurde die dialektische Balance der beiden positiven Werte mit Individualismus als einem und Kollektivismus als dem korrespondierenden positiven Wert vorgenommen. Es wird deutlich, dass sich unterschiedliche Kulturen innerhalb des positiven Spannungs- und Ergänzungsverhältnisses unterschiedlich positionieren. Somit kann festgehalten werden, dass sich Kulturen durch eine kulturspezifisch jeweils ganz eigene Balance auf der Antipoden-Achse von positiven Wertepaaren voneinander unterscheiden25. Die beiden unteren Eckpunkte hingegen zeigen die Entwertung der beiden Prinzipien in Extremformen und zugleich die typische Richtung eines wechselseitigen Unverständnisses26. Die beiden nach unten weisenden Pfeile der Vorwurfs- und interkulturellen Befremdungsrichtung zeigen dies an. Am Beispiel der Kulturdimension Individualismus vs. Kollektivismus gewinnt Schulz von Thun aus der Perspektive des Werte- und Entwicklungsquadrates die folgenden wichtigen Erkenntnisse: • Die beiden in der Kulturdimension Individualismus vs. Kollektivismus implizierten Werte sind positiv und schließen einander nicht gegenseitig aus, sondern stehen geradezu im Gegenteil als Schwestertugenden in einem Verhältnis fruchtbarer Ergänzung; Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 342 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 343 3438.1 Das Werte- und Entwicklungsquadrat nach Schulz von Thun • Das Werte- und Entwicklungsquadrat geht grundsätzlich davon aus, dass jeder positive Wert ohne seinen Gegenpol zu Einseitigkeit und Entgleisung führen kann. Beispielsweise kann eine Überbetonung des Individualismus dazu führen, dass die Belange der Gemeinschaft vernachlässig werden und sich ein Egozentrismus bar jeglicher sozialer Verantwortung einstellt. Umgekehrt kann ein in Reinform gelebter Kollektivismus die Würde des Einzelnen unterlaufen und zu totalitärer Selbstlosigkeit führen. • Im Rahmen interkultureller Betrachtungen besteht die Gefahr, dass die Werte der eigenen Kultur dem „Wertehimmel der oberen Etage des Wertequadrates“, also den beiden positiven Werten zugewiesen werden, jene Werte einer fremden Kultur aber dem „Keller der Entartung“27, also den beiden Unwerten. Die Vorwurfsrichtungen des Wertequadrates zeigen die in der Interkulturellen Kommunikation sich möglicherweise ergebenden Vorwürfe auf. Im interkulturellen Zusammenhang können diese Vorwurfsrichtungen auch als interkulturelle Befremdungsrichtungen interpretiert werden; • Schließlich können in Zusammenhang mit fremden Kulturen Werte aufgefunden werden, die für die Entwicklung der Heimatkultur ein gutes, verheißungsvolles Ergänzungsprinzip sein können. Beispielsweise können stark individualistisch geprägte Kulturen in verstärktem Maße die Vorteile einer Gemeinschaftsorientierung entdecken. Im Gegenzug besteht für stark kollektivistisch geprägte Kulturen die Möglichkeit die Bedeutung und die Würde des einzelnen Menschen verstärkt ins Bewusstsein zu rufen28; In Bezug auf das Werte- und Entwicklungsquadrat nach Schulz von Thun bleibt somit festzuhalten, dass nicht nur jeder einzelne Mensch dadurch gekennzeichnet ist, dass er bestimmte Werte als besonders wichtig erachtet, sondern dass die Werte eines einzelnen Menschen immer auch von seiner jeweiligen Kultur geprägt sind, ein an dieser Stelle längst selbstverständlicher Sachverhalt. Deutlich wird in diesem Individualismus Kollektivismus Egozentrismus Totalitäre Selbstlosigkeit positive Werte Unwerte Vorwurfs- und interkulturelle Befremdungsrichtung Interkulturelles Lernen und Entwicklungsrichtung Abbildung 8‑2: Kulturelle Dimensionen des Werte‑ und Entwicklungsquadrates nach Schulz von Thun am Beispiel der Kulturdimension Individualismus vs. Kollektivismus (Quelle: in Anlehnung an Kumbier; Schulz von Thun (2009), S. 15) Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 344 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 345 344 8 Interkulturelle Kommunikations psychologie Zusammenhang aber auch, dass das Werte- und Entwicklungsquadrat eine gute Möglichkeit bietet, einen gleichermaßen Erkenntnis stiftenden wie versöhnlichenden und bereichernden Weg im Umgang mit fremden Kulturen zu beschreiten29. In diesem Sinne kann etwa der für Deutschland zu konstatierende Megatrend der zunehmenden Individualisierung samt steigendem Anteil der Ein- bis Zweipersonenhaushalte durchaus hinterfragt werden. Die zu erwartende Entwicklung kann zumindest als bedenklich eingestuft werden, zumal vor dem Hintergrund der Aussagen des Psychologen Adler, der bereits darauf hingewiesen hat, dass das menschliche Dasein nicht nur und auch nicht vorrangig seinen Zweck in sich selbst trägt, indem es lediglich die Maximierung des eigenen Wohlbefindens betreibt, sondern sich im Sinne eines Kollektivismus gerade auch in der Dienstbarkeit und dem Einsatz für Mitmenschen verwirklichen kann. Insbesondere Adler hat darauf verwiesen, dass der Lebenssinn des seelisch gesunden Menschen immer auch in Verbindung mit der Entwicklung eines Gemeinschaftsgefühls sowie der damit verbundenen Überwindung der ich-orientierten Bestrebungen zu sehen ist. Diese vor einem Jahrhundert beispielsweise in christlich geprägten Kulturen noch völlig selbstverständliche Haltung indes scheint durch eine Tendenz hin zur individualisierten Selbstverwirklichung mittlerweile mehr als bedroht zu sein30. Umso bedeutsamer erscheint am Beispiel Deutschland die Möglichkeit der Nutzung des Werte- und Entwicklungsquadrates im Sinne eines Entwicklungsquadrates sowie die damit mögliche verstärkte Orientierung am Kollektivismus bzw. Gemeinschaftsgefühl zu sein. In diesem Zusammenhang sei auf das „Vorbild“ Spanien verwiesen, wo in der aktuellen und mitunter sehr dramatisch verlaufenden Wirtschaftskrise die erkennbar kollektivistische Ausrichtung sowie die daraus hervorgehende solidarische und empathische Haltung einen entscheidenden Anteil daran haben, dass das tagtägliche Leben insbesondere auch im Familienverbund (überhaupt) bewältigt werden kann. Insofern ist der diesbezüglich eindrucksvollen Einschätzung des spanischen Soziologen López an dieser Stelle im Prinzip nichts hinzuzufügen: „Eine der guten Seiten, die die aktuelle Krise hat, ist, dass sie Schluss gemacht hat mit der individualistischen Lebensplanung, mit der darwinistischen Mentalität der letzten 20 Jahre, die uns dazu geführt hatte, die Beziehung zu anderen nur unter Aspekten wie Feindseligkeit und Wettbewerb zu gestalten; heute, mit all den Schwierigkeiten, wird wieder deutlich, dass du ohne eine tiefere Verbindung zu den Mitmenschen nicht überleben kannst, dass es in den Momenten der Schwäche die Beziehungen zu den anderen sind, die dich aufrecht erhalten.“31 Eine differenzierte Weiterentwicklung zum Konzept des Kulturquadrates hat das Werte- und Entwicklungsquadrat nach Schulz von Thun durch Rez et al. erfahren. Dabei entspricht die formale Grundstruktur des Kulturquadrates dem des Werteund Entwicklungsquadrates. Dabei unterscheiden Rez et al. in Bezug auf dieses Kulturquadrat mit dem Selbstkonzept und dem Handlungskonzept im Grundsatz zwei Kulturquadrate, die zur Erfassung der komplexen Struktur interkultureller Interaktion wertvolle Dienste leisten können. Das kulturgeprägte Selbstkonzept berücksichtigt korrespondierende Interaktionsprinzipien, die als idealtypische Leitbilder für das Selbstkonzept, für Wahrnehmung, Denken, Werten und Handeln der jeweiligen Kulturvertreter zu verstehen sind. Diese Interaktionsprinzipien beschreiben die Zielpunkte der jeweils Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 344 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 345 3458.1 Das Werte- und Entwicklungsquadrat nach Schulz von Thun vorherrschenden kulturellen Tendenzen und Orientierungen. Am Beispiel der Kulturdimension Individualismus vs. Kollektivismus können ein individualistisch geprägtes Selbstkonzept bzw. „Individual-Ich“ und ein kollektivistisch geprägtes Selbstkonzept bzw. „Gemeinschafts-Ich“ voneinander unterschieden werden. Im Sinne des kollektivistisch geprägten Selbstkonzeptes versteht sich der Einzelne weniger als Individuum als vielmehr als mit den Angehörigen seiner Binnengruppe verflochtenes Individuum. Das hiermit angesprochene japanische Wort uchi, das wörtlich mit „innen“ gleichgesetzt werden kann, kann sich je nach Zusammenhang auf eine Ehegemeinschaft, eine ganze Familie, eine Organisation oder auch die ganze Nation beziehen. Dabei definiert sich das eigene Selbst in Bezug auf das jeweils situationsspezifisch zum Tragen kommende uchi, identifiziert sich mit ihm, unterhält in diesem Rahmen intensive Beziehungen und orientiert sich an den Bedürfnissen und Wünschen der anderen Mitglieder und ist somit durch eine gewisse Anpassungsfähigkeit gekennzeichnet. In gewissem Sinne kann auch von einem „Gemeinschafts-Ich“ gesprochen werden. In individualistisch geprägten Kulturen hingegen versucht der Einzelne autonom und unabhängig die Ziele selbst zu bestimmen und zu verfolgen. Die Betonung der eigenen Individualität ist dabei selbstverständlich und somit kann auch davon gesprochen werden, dass ein „Individual-Ich“ vorgefunden werden kann. Individual-Ich und Gemeinschafts-Ich sind somit als Beispiele für korrespondierende Interaktionsprinzipien zu verstehen32. In Abbildung 8-3 treten die Interaktionsprinzipien Individual-Ich und Gemeinschafts-Ich als positive Werterepräsentanten in Erscheinung. Das Kulturquadrat zeigt in der oberen Horizontale auf, welchem Interaktionsprinzip der deutsche bzw. der japanische Kulturvertreter zuneigt. Auf der unteren Horizontale hingegen wird die Entwertung beider Prinzipien in jeweiliger Extremform aufgezeigt. Durch nach unten weisende Pfeile wird zudem die typische Richtung des wechselseitigen Unverständnisses aufgezeigt, das sich in Vorwürfen äußern kann. In den Vorwürfen entgegen gesetzter Pfeilrichtung finden sich die Pfeile, die den Weg zu einer Lösung des Kommunikationskonfliktes im Sinne des interkulturellen Lernens andeuten und zwar im Sinne einer Sensibilisierung für die Interaktionsprinzipien sowie einer möglichen Orientierung an jenen Interaktionsprinzipien, die der jeweils anderen Kultur nahe stehen und gleichzeitig der eigenen Kultur keineswegs vollkommen fremd sind. Beispielsweise beinhaltet auch das deutsche Selbstkonzept manche Ausdrucksformen eines Gemeinschafts-Ichs, etwa beim Aussprechen von Einladungen gegenüber einem Ehepaar anstatt nur einen der beiden Ehepartner einzuladen. Umgekehrt kennt auch das japanische Selbstkonzept durchaus manche Facetten eines Individual-Ichs, etwa im Rahmen enger Freundschaften. Es ist deutlich geworden, dass die beiden Interaktionsprinzipien für reale Kulturen ein Ergänzungs- und Spannungsverhältnis bilden. Sie stehen an den Endpunkten der sozialen Leitbilder von Individual-Orientierung und Gemeinschafts-Orientierung, die beide zusammen genommen für eine jede Kultur erforderlich sind und in jeder Kultur eine jeweils ganz eigene gesellschaftliche Balance begründen33. Das Kulturquadrat als Selbstkonzept spiegelt das „Binnenverständnis“ eines Menschen wider, doch repräsentiert es nur die eine Seite der „Persönlichkeits-Medaille“ eines Menschen und ist untrennbar mit dem Handlungskonzept als zweiter Seite verknüpft. Das Handlungskonzept bezieht sich nach Rez et al. darauf, dass Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 346 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 347 346 8 Interkulturelle Kommunikations psychologie Menschen nach außen hin in unterschiedlichen Situationen kulturgeprägt handeln. Dabei ist die Einschätzung, ob das Handeln korrekt oder nicht korrekt ist zumindest unter anderem wiederum von der jeweiligen Kultur abhängig, also von ihr geprägt34. Abbildung 8-4 zeigt für Deutsche und Japaner das zum Handlungskonzept weiterentwickelte Kulturquadrat. Bei Betrachtung der beiden Interaktionsprinzipien in der oberen Horizontale wird dabei deutlich, dass in Japan das Handlungskonzept sehr stark situationsorientiert ausgerichtet ist und hohen Wert darauf gelegt wird die Erwartungen der anderen zu berücksichtigen und daraus abzuleiten wie man sich in einer bestimmten Situation richtig, also angemessen verhält. Die in Japan vorherrschende Situationsorientierung ist damit verbunden eigene Vorlieben, Bedürfnisse oder Gefühle in den Hintergrund zu rücken und eigene Äußerungen und eigenes Verhalten so zu gestalten, dass die Harmonie im Verhältnis zum Kommunikationspartner gewahrt bleibt. Der Orientierungsrahmen gibt somit vor die Erwartungen der anderen zu eruieren und zu berücksichtigen und den eigenen Willen entsprechend in den Hintergrund zu rücken. Allgemein impliziert die Situationsorientierung in Japan, dass Konflikte zu vermeiden sind und beispielsweise nicht auf der eigenen Meinung beharrt wird, sondern vielmehr danach zu streben ist Angelegenheiten mit anderen in Harmonie zu erörtern, etwa indem unangenehme Gefühle nicht expressiv, sondern indirekt ausgedrückt werden, sei es durch Strategien wie Themenwechsel, Schweigen, unklare Ausdrucksweise oder Mehrdeutigkeit. Negative Gefühle wie Wut oder Verzweiflung werden dabei auf keinen Fall gezeigt, sondern vielmehr hinter einem Lächeln verborgen. Zwar zeigen insbesondere jüngere und im Ausland lebende Japaner eine Tendenz zu mehr Authentizität und Individualität, aber trotz eines gewissen Wertewandels spielt die „Maske des Lächelns“ eine große Rolle, dies nicht nur zum Selbstschutz, sondern vor allem auch um negative Gefühle für sich zu behalten und somit anderen nicht die Last des Mitleids aufzubürden, sondern vielmehr eine soziale Balance Abbildung 8‑3: Kulturquadrat zum Selbstkonzept von Deutschen und Japanern am Beispiel der Kulturdimension Individualismus vs. Kollektivismus nach Rez et al. (Quelle: in Anlehnung an Rez; Kraemer; Kobayashi‑Weinsziehr (2009), S. 39) Individual-Ich Interkulturelles Lernen Gemeinschafts-Ich (uchi), z.B. Ehe, Familie, Organisation, Nation Verleugnung / Verletzung der Gemeinschaft, Egozentrik Selbstverleugnung, keine Individualität, Gruppenzugehörigkeit Deutsche Japaner Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 346 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 347 3478.1 Das Werte- und Entwicklungsquadrat nach Schulz von Thun zu wahren. Dies gilt selbst für Extremsituationen, wie beispielsweise das schwere Erdbeben mit der anschließenden, durch einen Tsunami ausgelösten Flutkatastrophe im Jahre 2011 gezeigt hat. Obwohl zahllose Japaner nicht nur ihr gesamtes Hab und Gut, sondern sogar Familienangehörige verloren haben standen sie in den Massenmedien lächelnd Rede und Antwort. Nur vergleichsweise wenige wurden in dieser überaus extremen Situation tatsächlich von den eigenen negativen Gefühlen übermannt und waren somit naturbedingt nicht mehr dazu in der Lage ihre Tränen zurückzuhalten. Ein anderes, vergleichbar extrem anmutendes Beispiel für die Maske des Lächelns führen Rez et al. an: „Wenn eine japanische Zugehfrau ihre amerikanische Chefin lächelnd fragt, ob sie zum Begräbnis ihres Mannes gehen könne, zurückkommt und wiederum lächelnd die Urne ihres eingeäscherten Mannes zeigt, dann mag dieses Lächeln uns Westlichen leicht paradox erscheinen. Für Japaner bedeutet es: Ich möchte nicht, dass Sie mich bemitleiden. Ich behalte meinen Schmerz oder meine Scham für mich.“35 Im Gegensatz zur in Japan vorherrschenden Situationsorientierung besteht in Deutschland die in Abbildung 8-4 ebenfalls angeführte Ausrichtung an der Ausdrucksorientierung, d. h. es geht weniger darum den Erwartungen der anderen zu entsprechen als vielmehr den eigenen Willen, die eigene Befindlichkeit und Meinung zum Vorschein kommen zu lassen. Dementsprechend wird in Japan im ersten Fall auch von tatemae (wörtlich: „Fassade“; diplomatische, offizielle Äußerung), also von der Kunstfertigkeit der allzeit untadeligen Kommunikation und im zweiten Fall von honne (wörtlich: „wahrhaftiger Ton“; persönliche, ehrliche Äußerung), also der wahrhaftigen inneren Realität gesprochen. Die untere Horizontale des zum Handlungskonzept weiterentwickelten Kulturquadrates zeigt aber auch die ins Negative gesteigerten Extremformen der beiden Interaktionsprinzipien der oberen Horizontale, auf die typische Vorwürfe im Rahmen interkultureller Begegnungen hin ausgerichtet sind. So ist es leicht möglich, Abbildung 8‑4: Kulturquadrat zum Handlungskonzept von Deutschen und Japanern am Beispiel der Kulturdimension Individualismus vs. Kollektivismus nach Rez et al. (Quelle: in Anlehnung an Rez; Kraemer; Kobayashi‑Weinsziehr (2009), S. 42) Ausdrucksorientierung (honne) Was ich will, fühle … Interkulturelles Lernen Situationsorientierung (tatemae) Was andere erwarten Rücksichtslosigkeit, rüdes Verhalten, Ignorierung anderer Maske, Lüge, Überangepasstheit Deutsche Japaner Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 348 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 349 348 8 Interkulturelle Kommunikations psychologie dass den Deutschen die japanische Situationsorientierung schnell als eine Art Überangepasstheit erscheint, bei der die Japaner eine Maske tragen oder gar lügen. Einschränkend sei angefügt, dass natürlich beispielsweise auch in Deutschland bestimmte Situationen oder Rollen eine starke Situationsorientierung erfordern, gerade und immer wieder auch im beruflichen Kontext. Im Gegenzug kann den Japanern die deutsche Ausdrucksorientierung schnell zu weit geht und das deutsche Verhalten als rücksichtslos und rüde einschätzt werden36. Angemerkt sei schließlich, dass Japaner im Umgang mit eigenen Unvollkommenheiten und Missgeschicken eigentlich sogar offener, also authentischer sein können als Deutsche. So weisen die Deutschen eher die Tendenz auf persönliche Schwächen und peinliche Gefühle zu verbergen, um letztlich keine unnötige Angriffsfläche zu bieten. Vielmehr versuchen sie eher sich als möglichst starke und fehlerlose Persönlichkeit darzustellen. Japaner hingegen akzeptieren sie als selbstverständlichen Teil der eigenen Person und somit ist das Zeigen von eigenen Schwächen bzw. das Wiedergeben von selbst verursachten Missgeschicken bzw. Peinlichkeiten sogar zweckdienlich, kann doch die eigene Person als offen, authentisch und natürlich empfunden werden und somit eine zwischenmenschliche Wärme erzeugt werden. Dies gilt zumindest innerhalb des uchi sowie bei informellen Anlässen, wo der Tendenz nach eine honne-Orientierung vorherrscht. Japaner sind somit in Bezug auf eigene Unvollkommenheiten und Missgeschicke auch im westlichen Sinne sogar authentischer als beispielsweise Deutsche37. Neben dem Selbstkonzept und dem Handlungskonzept, die als zwei Weiterentwicklungen im Sinne eines Kulturquadrates vorausgehend bereits dargestellt wurden, kann gemäß Rez et al. das Handlungskonzept in Form zweier weiterer Kulturquadrate jedoch noch weiter ausdifferenziert werden. Diese beiden weiter ausdifferenzierten Kulturquadrate werden als Kulturquadrat zur Sach- versus Beziehungsorientierung und Kulturquadrat zur expliziten versus impliziten Kommunikation bezeichnet. Diese beiden angesprochenen Kulturquadrate, die als Ausdifferenzierungen des Handlungskonzeptes zu verstehen sind seien im Folgenden näher dargestellt, da sie als Weiterführungen der Analyse und dem besseren Verständnis der hochkomplexen Struktur Interkultureller Kommunikation dienlich sein können. Das Kulturquadrat zur Sach- versus Beziehungsorientierung als erste Weiterführung des Handlungskonzeptes greift die Tatsache auf, dass im Falle zahlreicher westlicher Kulturen ein Verhaltensmuster im Sinne einer Sachorientierung vorherrscht. Diese Sachorientierung kommt beispielsweise zwischen Vorgesetztem und Mitarbeiter dadurch zum Ausdruck, dass der Mitarbeiter in Sprache und Ton so erwidern kann wie es der Vorgesetzte getan hat und somit den Eindruck einer tendenziellen Gleichrangigkeit erweckt, was jedoch von japanischen Kulturvertretern mit dem Vorwurf der Respektlosigkeit verknüpft wird. Es wird bereits deutlich, dass in Japan im Gegenzug reziproke Verhaltensmuster im Sinne einer Situationsorientierung vorherrschen. Diese Situationsorientierung kann vielfältig ausdifferenziert und gestaltet werden und zwar in Abhängigkeit von den beteiligten Personen sowie deren unterschiedlichem sozialen Status. Unterschiedliche hierarchisch zu verstehende Rollen- und Beziehungskonstellationen wie beispielsweise zwischen Vorgesetztem und Mitarbeiter, Kunde und Verkäufer, Älterem und Jüngerem, Eltern und Kindern sowie Dienstälterem und Neuling finden beispiels- Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 348 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 349 3498.1 Das Werte- und Entwicklungsquadrat nach Schulz von Thun weise in Japan ihren Niederschlag in einer besonderen Höflichkeitssprache (keigo) und einem Verhaltensgestus, der insbesondere den Vertretern westlicher Kulturen vergleichsweise schnell als unterwürfig erscheint38. Es wird deutlich, dass das Kulturquadrat zur Sach- versus Beziehungsorientierung die Tatsache aufgreift, dass in manchen Kulturen wie eben Japan in vielen Situationen eine ausgeprägte Beziehungsorientierung zur Geltung gelangt. Dem gegenüber sind insbesondere westliche Kulturen durch eine weit stärkere Sachorientierung gekennzeichnet, was im Geschäftsleben etwa dadurch zum Ausdruck kommt, dass man sich auf die Sache, also das eigentliche Geschäft konzentriert und nicht unnötig Zeit aufwendet für dort unnötige und bedeutungsarme Beziehungsrituale. Abbildung 8-5 zeigt das Kulturquadrat zur Sach- versus Beziehungsorientierung erneut am Beispiel von Deutschland und Japan. Darin kommt die Tatsache zum Ausdruck, dass bei beruflichen und zahlreichen privaten Kontakten die Sach- und Beziehungsorientierung in beiden Kulturen unterschiedlich gewichtet sind. In Deutschland und zahlreichen anderen westlichen Kulturen herrscht die Betrachtungsweise vor, dass ein gemeinsames Sachinteresse zumeist bereits ausreichend ist, um eine Beziehung zu begründen und fortbestehen zu lassen. Wenn zu einem späteren Zeitpunkt die Interessenübereinstimmung auf der Sachebene wegfällt wird die Beziehung insgesamt häufig obsolet. In Japan und zahlreichen anderen östlichen Kulturen hingegen herrscht die Betrachtungsweise vor, dass der ausgeprägte Aufbau und das Bestehen einer positiven formellen Beziehung geradezu als Voraussetzung für die gemeinsame Verfolgung gemeinsamer Sachinteressen anzusehen sind. Besteht grundsätzlich keine derartige Beziehungsübereinstimmung, so kommt es auch zu keinem dauerhaften Austausch auf der Ebene der Sachinhalte. Erfährt aber eine bestehende Beziehung eine stärkere Störung oder zerbricht sie gar, so wird ihr die verbindende Basis entzogen und der Rückzug auch aus der Interessenpartnerschaft unvermeidlich. Abbildung 8‑5: Kulturquadrat zur Sach‑ versus Beziehungsorientierung am Beispiel von Deutschen und Japanern nach Rez et al. (Quelle: in Anlehnung an Rez; Kraemer; Kobayashi‑Weinsziehr (2009), S. 47) Sachorientierung Interkulturelles Lernen Beziehungsorientierung Unhöflichkeit, Respektlosigkeit, der andere ist Mittel zum Zweck Unsachlichkeit, Zeitverschwendung mit „leeren Ritualen“ Deutsche Japaner Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 350 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 351 350 8 Interkulturelle Kommunikations psychologie Angemerkt sei an dieser Stelle allerdings auch, dass in einer bestimmten Kultur auch der jeweils gegenteilige Pol gekannt wird, wenn auch natürlich in vergleichsweise geringem Maße. Auch an dieser Stelle zeigt sich somit, dass sich Kulturen im Ergänzungs- und Spannungsverhältnis zwischen den beiden Interaktionsprinzipien zwar ganz unterschiedlich positionieren, aber in Hinsicht auf alle grundlegenden Werte eigentlich sogar nicht prinzipiell, sondern „lediglich“ graduell verschieden sind. Natürlich können die konkreten Ausprägungsformen dieser Unterschiede nichtsdestotrotz oft sehr ungewohnt, fremdartig und geradezu merkwürdig anmuten39. Das Kulturquadrat zur expliziten versus impliziten Kommunikation als zweite Ausdifferenzierung des Handlungskonzeptes nach Rez et al. nimmt Bezug auf die bereits dargelegte Unterscheidung von Kommunikation in kontextungebundenen und kontextgebundenen Kulturen nach Hall40. Vertreter zahlreicher westlicher Kulturen legen unter Berücksichtigung von Direktheit, Explizitheit und Linearität in kontextungebunden kommunizierenden Kulturen relativ klar dar, was sie meinen oder möchten. Diese Eindeutigkeit kann jedoch mitunter nur um den Preis des Gesichtsverlustes des Kommunikationspartners erreicht werden. Dieser Gesichtsverlust aber wird gerade von den kontextgebunden kommunizierenden Kulturvertretern mit Unhöflichkeit, Unkultiviertheit oder gar Rücksichtslosigkeit gleichgesetzt. Die Indirektheit, Implizitheit und Kreisförmigkeit der Kommunikation in kontextgebunden kommunizierenden Kulturen wie Japan ist insbesondere für Vertreter westlicher Kulturen häufig mit zu großer Undurchschaubarkeit und Unverständlichkeit verbunden, kommunizieren doch die Kulturvertreter kontextgebundener Kulturen nicht ausreichend eindeutig und durchschaubar. Doch natürlich wird durch eine derartige Kommunikation auf der anderen Seite die Wahrung des Gesichtes des Kommunikationspartners mit höchster Wahrscheinlichkeit erreicht. Im Übrigen können Nachrichten selbstverständlich auch in kontextungebundenen Kulturen implizit ausgesprochen werden, was generell Abbildung 8‑6: Kulturquadrat zur expliziten versus impliziten Kommunikation am Beispiel von Deutschen und Japanern nach Rez et al. (Quelle: in Anlehnung an Rez; Kraemer; Kobayashi‑Weinsziehr (2009), S. 49) Explizite Kommunikation (low context) Interkulturelles Lernen Direktheit, Unkultiviertheit, Plumpheit Undurchschaubarkeit, Unverständlichkeit, kein „Klartext“ Deutsche Japaner Implizite Kommunikation (high context) Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 350 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 351 3518.2 System von Absichten und Bezügen in der Kommunikation durchaus zu einer faszinierenden Kommunikation führen kann, etwa im Rahmen des Flirtverhaltens von Menschen. Doch wird im Normalfall infolge der Gefahr von Uneindeutigkeit und nachfolgend sich einstellenden Kommunikationsmissverständnissen darauf nicht zurückgegriffen41. 8.2 System von Absichten und Bezügen in der Kommunikation Ganz grundsätzlich liegt Kommunikationsprozessen ein komplexes System von Absichten und Bezügen zugrunde. Viele Kommunikationsprobleme haben ihre Ursache in unzureichender Beachtung der Komplexität und Dynamik von Kommunikation. Dies begründet sich häufig darin, dass einzelne Mitteilungen oder Informationen bewertet werden ohne zu beachten, dass bei der Kommunikation ein ganzes System von Absichten und Bezügen zum Tragen kommt. Häufig werden Einzelinformationen selektiv wahrgenommen bzw. interpretiert, ohne diese in Relation zu den möglichen anderen, ganz unterschiedlichen Aspekten und somit auch Interpretationen einer Mitteilung zu stellen. 8.2.1 Inhalts und Beziehungsaspekt der Kommunikation nach Watzlawick Als einer der ersten hat Watzlawick das Bestehen eines Systems an Absichten und Bezügen ganz allgemein in der interpersonalen Kommunikation erkannt. Mit seinem zweiten Axiom der Kommunikation „Beziehung bestimmt inhaltliche Bedeutung“ verweist er darauf, dass in der Kommunikation nicht nur der sachliche Inhalt eine Rolle spielt, sondern immer auch mitschwingt, wie die Beziehung zwischen den Kommunikationspartnern von beiden Seiten gesehen wird42. So traf er in Bezug auf die Kommunikationsanalyse eine Unterscheidung in Inhalts- und Beziehungsaspekt: „Jede Kommunikation hat einen Inhalts- und Beziehungsaspekt, derart, daß letzterer den ersteren bestimmt und daher eine Metakommunikation ist.“ Watzlawick weißt darauf hin, dass durch den Beziehungsaspekt auch festgelegt wird, wie die inhaltlich übermittelten Daten aufzufassen sind. Die Schwierigkeit zwischen der Objekt- bzw. Inhaltsebene einerseits, der Beziehungsebene andererseits zu unterscheiden bzw. zu trennen bringt Watzlawick in seinem berühmten Werk „Anleitung zum Unglücklichsein“ mit folgender Situation auf ironische Art und Weise zum Ausdruck: „Nehmen wir an, eine Frau fragt ihren Mann: „Diese Suppe ist nach einem ganz neuen Rezept – schmeckt sie dir?“ Wenn sie ihm schmeckt, kann er ohne weiteres „ja“ sagen, und sie wird sich freuen. Schmeckt sie ihm aber nicht, und ist es ihm au- ßerdem gleichgültig, sie zu enttäuschen, kann er ohne weiteres verneinen. Problematisch ist aber die (statistisch viel häufigere) Situation, daß er die Suppe scheußlich findet, seine Frau aber nicht kränken will. Auf der sogenannten Objektebene (also was den Gegenstand Suppe betrifft) müßte seine Antwort „nein“ lauten. Auf der Beziehungsebene müßte er „ja“ sagen, denn er will sie ja nicht verletzen. Was sagt er also? Seine Antwort kann nicht „ja“ und „nein“ sein, denn das Wort „jain“ gibt 8.2 System von Absichten und Bezügen in der Kommunikation

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Zusammenfassung

Kompetenz zur Interkulturellen Kommunikation für jeden Markt der Welt

Kommunikation in der Wirtschaft ist von essentieller Bedeutung und unabdingbar für den Erfolg, wobei die fortschreitende Globalisierung und Internationalisierung die Interkulturelle Kommunikation immer bedeutsamer machen. Erst die Kenntnis kultureller Unterschiede und Besonderheiten ermöglicht eine erfolgreiche Kommunikation auch zwischen Vertretern unterschiedlicher Kulturen.

Dieses Buch gibt kulturübergreifend einen umfassenden Überblick über

- Begriffe der Kommunikation und Kultur

- Interkulturelle Besonderheiten in der interpersonalen und massenmedialen

- Kommunikation (Interkulturelle Marketing-Kommunikation)

- Verbale und nonverbale Kommunikation

- Kulturvergleichende Studien (z.B. GLOBE-Studie)

- Neuere Forschungsgebiete wie Interkulturelle Kommunikationspsychologie und Kulturelle Neurowissenschaft

Durch zahlreiche Fallbeispiele und Fallstudien eignet sich dieses Buch für die Aus- und Weiterbildung an Universitäten, Hochschulen und anderen Bildungseinrichtungen sowie für die Praxis.