Content

7.2 Biologisches Grundprogramm des Unbewussten in:

Michael Schugk

Interkulturelle Kommunikation, page 319 - 334

Grundlagen und interkulturelle Kompetenz für Marketing und Vertrieb

2. Edition 2014, ISBN print: 978-3-8006-4888-7, ISBN online: 978-3-8006-4889-4, https://doi.org/10.15358/9783800648894_319

Bibliographic information
Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 302 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 303 302 7 Kulturelle Neurowissenschaft Diesen ersten Abschnitt zusammenfassend ist deutlich geworden, dass das menschliche Verhalten nicht grundlegend vom Neokortex als Sitz von Rationalität und Vernunft des Menschen gesteuert wird. Vielmehr ist es das limbische System als entwicklungsgeschichtlich weitaus älteres Gehirnareal, welches für die vorrangig unbewusst und emotional vonstatten gehende Steuerung menschlichen Verhaltens verantwortlich zeichnet, dies letztendlich immer mit dem Ziel der möglichst vielfältigen und erfolgreichen Weitergabe der eigenen Gene. Interessant erscheint an dieser Stelle der Einschub, dass der vielleicht erste Mensch, der die großen Ähnlichkeiten zwischen Menschen und nichtmenschlichen Säugetieren in umfassenderem Maße erkannt und dargelegt hat in Arthur Schopenhauer (1788–1860) zu sehen ist. So war es dieser zu den weltgeschichtlich bedeutsamen Denkern der Menschheit zu zählende deutsche Philosoph, der in seinem Hauptwerk „Die Welt als Wille und Vorstellung“ dem Willen von Leben im Sinne des Überlebens und der Weitergabe der eigenen Gene an künftige Generationen an sich eine ganz zentrale Rolle eingeräumt hat, dies in einer Zeit eines noch gänzlich anderen Menschenbildes. Die Zurechtrückung des Willens von Leben an sich ist seiner Auffassung nach nötig „… als alle mir vorhergegangenen Philosophen, vom ersten bis zum letzten, das eigentliche Wesen, oder den Kern des Menschen in das erkennende Bewußtseyn setzen, und demnach das Ich … als zunächst und wesentlich erkennend, ja denkend, und erst in Folge hievon, sekundärer und abgeleiteter Weise, als wollend aufgefaßt und dargestellt haben. Dieser uralte und ausnahmslose Grundirrthum … ist, vor allen Dingen, zu beseitigen und dagegen die naturgemäße Beschaffenheit der Sache zum völlig deutlichen Bewußtseyn zu bringen. Da aber Dieses, nach Jahrtausenden des Philosophierens, hier zum ersten Male geschieht, wird einige Ausführlichkeit dabei an ihrer Stelle seyn. Das auffallende Phänomen, daß in diesem grundwesentlichen Punkte alle Philosophen geirrt, ja, die Wahrheit auf den Kopf gestellt haben, möchte … zum Theil daraus zu erklären seyn, daß sie sämmtlich die Absicht hatten, den Menschen als vom Thiere möglichst weit verschieden darzustellen, dabei jedoch dunkel fühlten, daß die Verschiedenheit Beider im Intellekt liegt, nicht im Willen; woraus ihnen unbewußt die Neigung hervorgieng, den Intellet zum Wesentlichen und zur Hauptsache zu machen, ja, das Wollen als eine bloße Funktion des Intellekts darzustellen.49“ 7.2 Biologisches Grundprogramm des Unbewussten Um das dem menschlichen Verhalten zugrunde liegende biologische Programm besser verstehen zu können, ist es hilfreich, sich zunächst der menschlichen Entwicklungsgeschichte und der Evolutionstheorie zuzuwenden. Bereits in der Mitte des 19. Jahrhunderts deutete Charles Darwin in seinem 1859 erschienenen Werk „Über die Entstehung der Arten“ die tierische Abstammung des Menschen an. Die darin angeführte zentrale Erkenntnis ist, dass der Mensch letztlich auf einer ähnlichen Stufe wie das Tier steht. Seit Erscheinen des Werkes hat sich die Richtigkeit der Evolutionstheorie sowie deren Gültigkeit auch für den Menschen in der evolutions- und molekularbiologischen Forschung bestätigt. Im Zentrum der Evolutionstheorie steht die Kernaussage, dass sich letztlich diejenigen Gene erfolgreich durchsetzen, die zum einen an die meisten Nachkommen weitergegeben werden und zum anderen ihrem jeweiligen „Genträger“ Eigenschaften 7.2 Biologisches Grundprogramm des Unbewussten Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 302 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 303 3037.2 Biologisches Grundprogramm des Unbewussten verleihen, die ihm eine möglichst optimale Anpassung an die jeweils herrschenden Umweltbedingungen ermöglichen. Gemäß der Evolutionstheorie ist es somit das zentrale Ziel jeglicher Art von Leben, möglichst viele eigene Gene durchzusetzen und in der nächsten Generation erfolgreich zum Tragen zu bringen. Dieses evolutionsbiologische Gesetz gilt heute als sehr realistisch und die Wirklichkeit in hohem Maße widerspiegelnd50. Dabei sei darauf hingewiesen, dass sich die von Darwin geprägte Redewendung „survival of the fittest“ mit dem Wort „fit“ nicht auf den Tüchtigsten oder Stärksten bezieht, sondern vielmehr auf den, der „passt“ wie der Schlüssel in das Schloss51. Zum Verständnis des menschlichen Verhaltens ist es von Vorteil, zunächst einmal den gesamten Zeitraum der Evolution von Leben auf der Erde zu betrachten. Vor ca. 4,5 Milliarden Jahren begann das Leben auf der Erde in Form von Einzelmolekülen der Ursuppe. Im Verlaufe der nächsten eine Milliarde Jahre entwickelten sich die ersten lebenden Zellen in Form der Bakterien, die im Übrigen bereits ein Verhalten vorzeigen, welches in seinen Grundstrukturen an tierisches und damit auch menschliches Verhalten sowie die hiermit verbundenen limbischen Instruktionen erinnert. Im Zuge der Verschmelzung verschiedener Bakterien entstanden sog. Eukaryoten, eine völlig neue Zellgeneration, die den Ursprung allen pflanzlichen, tierischen und somit auch menschlichen Lebens darstellen. Über die Weiterentwicklung dieser Eukaryoten zu eukaryotischen Ein- und Mehrzellern entstanden vor ca. 700 Millionen Jahren die ersten Tiere. Die ersten kleinen Säugetiere wiederum entwickelten sich vor ca. 250 Millionen Jahren. Ihren Siegeszug traten diese kleinen Säugetiere dann vor allem nach einem gewaltigen Meteoriteneinschlag auf der Erde in der Gegend des heutigen Mexiko an, der das Aussterben der Saurier vor ca. 65 Millionen Jahren verursacht hat. Insbesondere das sog. Purgatorius, ein kleines Säugetier konnte unter widrigsten Bedingungen durch ein vorrangiges Leben in Höhlen überleben. Darüber hinaus entwickelten sich danach auch die Vorfahren der heutigen Primaten, zu denen neben den Menschenaffen Orang-Utan, Gorilla und Schimpanse auch der moderne Mensch gerechnet werden muss52. Die gemeinsame Entwicklungslinie von Menschenaffen und Menschen hat sich erst vor ca. 7 Millionen Jahren getrennt. So trennten sich etwa Menschen und Schimpansen als biologisch betrachtet nächste Verwandte vor ca. 8 bis 6 Millionen Jahren. Angesichts der Tatsache, dass es bereits seit 65 Millionen Jahren Primaten gibt handelt es sich bei der Aufspaltung von Schimpansen und den „Vor-Menschen“ eigentlich um ein vergleichsweise junges Ereignis53. Die schimpansenartigen Vorfahren des Menschen haben zweifelsohne im Urwald gelebt. Einige davon haben diesen schützenden Urwald jedoch verlassen und die Grassteppen und Savannen als neuen Lebensraum erobert. Im Falle dieser Vorfahren des Menschen mag die Fähigkeit der Fortbewegung auf zwei Beinen von Vorteil gewesen sein, konnte die Savanne doch von einem Wäldchen zum anderen so schneller durchquert werden und dort lauernde Fressfeinde auch frühzeitiger erkannt werden. Trotz intensiver Ahnenforschung ist die weitere Entwicklung in Richtung des Homo sapiens nur in gröberen Zügen bekannt. Die wohl wichtigste Erkenntnis der letzten Jahre ist in diesem Zusammenhang, dass es vor 7 bis 6 Millionen Jahren keineswegs eine einzige Gruppe von Australopithecinen („Südaffen“) war, die den afrikanischen Urwald verlassen hat, um sich in der nachfolgenden Zeit zum Homo sapiens zu entwickeln. Vielmehr hat es in dieser Zeitspanne durchaus zahlreiche Aufspaltungen in menschenartige Pri- Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 304 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 305 304 7 Kulturelle Neurowissenschaft maten gegeben, von denen teilweise mehrere Vertreter gleichzeitig gelebt haben und wohl auch mitunter in Kontakt zueinander gestanden sind. Doch von diesen vielen Linien hat letztendlich nur eine bis in die Gegenwart überlebt, nämlich die zum modernen Homo sapiens, also zu den modernen Menschen führende Linie. Zurückblickend mag diese ganze Entwicklung zielstrebig aussehen. Doch in Wirklichkeit hat die Evolution offensichtlich mit unterschiedlichen Typen an Vor- und Frühmenschen „herumexperimentiert“. So sind in den zurückliegenden 5 Millionen Jahren vermutlich zwanzig oder gar mehr Hominidenarten entstanden und in Afrika haben über lange Zeit mehrere Menschenarten gleichzeitig gelebt. Erst seit ca. 25.000 Jahren ist der moderne Homo sapiens, also die heutige Menschheit „alleine auf dieser Welt“. Die Entwicklung zur Fähigkeit sich richtig sprachlich verständigen zu können begann beim modernen Homo sapiens erst vor ca. 100.000 Jahren und ist vor ca. 30.000 Jahren, also evolutionsgeschichtlich betrachtet erst vor ganz kurzer Zeit zu einer ersten Ausreifung gekommen. Vor 30.000 Jahren kam es dann zu einer „kulturellen Explosion“, die sich beispielsweise in den außergewöhnlichen und überaus bekannten Höhlenmalereien von Altamira in Spanien sowie Lascaux in Frankreich niederschlug. Es ist nicht ganz klar welche biologischen Faktoren die kulturelle Entwicklung des Menschen ermöglicht haben könnten, doch ist davon auszugehen, dass sich das menschliche Gehirn in seinen Leistungen zumindest innerhalb der letzten 30.000 Jahre nicht wesentlich verändert hat54. Bemerkenswert in Bezug auf die Evolution des Gehirns innerhalb der Gattungen Australopithecus und Homo als Vorfahren des modernen Menschen ist in jedem Falle die rasante Zunahme des Gehirnvolumens, das sich innerhalb von 3,5 Millionen Jahren verdreifacht hat. Diese als sehr schnell einzustufende Zunahme der Gehirnmasse bedeutet, dass im Rahmen des Prozesses der Menschwerdung das Gehirn schneller gewachsen ist als der Körper55. Der vorausgehend dargelegte Abriss der Evolutionsgeschichte des Lebens auf der Erde über mehrere Milliarden Jahre hinweg macht vor allem eines deutlich: Die menschlichen Gene sind nicht erst in den letzten 100.000 Jahren entstanden. Vielmehr wird die menschliche Existenz von den genetischen Erfahrungen über die gesamte Entwicklungszeit von Leben auf der Erde determiniert. Dabei ist bemerkenswert, dass der Zeitraum menschlicher Existenz im Vergleich zum gesamten Evolutionszeitraum des Lebens nur einen extrem kleinen Bruchteil ausmacht. Der Zeitraum der Existenz des Homo sapiens sapiens von 40.000 Jahren beispielsweise ist verschwindend gering im Vergleich zum gesamten Evolutionszeitraum des Lebens von mehreren Milliarden Jahren. Somit ist die menschliche Entwicklung in jedem Falle nahezu ausschließlich in Form von Makro-Molekülen, Zellen und Tieren erfolgt, woran auch die Entwicklung der Sprachfähigkeit des Menschen nichts grundsätzlich ändert. Zudem ist es wichtig zu wissen, dass sich Gene grundsätzlich unendlich langsam verändern. So haben sich zwar vor ca. sieben Millionen Jahren die Vorfahren des Menschen in einer eigenen Entwicklungslinie von der des Schimpansen getrennt. Trotz dieses langen Zeitraums getrennter Entwicklungslinien aber sind über 98,5 % der Gene des modernen Menschen identisch mit denen des Schimpansen56. Die unendlich langsame Veränderung von Genen erklärt, warum in den ersten Zellen vor 3,5 Milliarden Jahren bereits die wesentlichen menschlichen Verhaltensprogramme sowie die mit dem Bereich des Unbewussten verbundenen limbischen Instruktionen erkennbar waren: Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 304 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 305 3057.2 Biologisches Grundprogramm des Unbewussten • Balance-Instruktion: Sicherheit und Schutz durch eine ausgebildete Zellwand und ein dauerhaftes Fließgleichgewicht zwischen dem Inneren der Zelle und der Außenwelt der Zelle; • Dominanz-Instruktion: Durchsetzungsfähigkeit gegenüber Konkurrenten sowie deren Verdrängung; • Stimulanz-Instruktion: aktives Erkunden und Aufsuchen neuer Umgebungen und Nahrungsquellen sowie allgemeine Aufmerksamkeit gegenüber neuen Reizen57; Es sei explizit darauf hingewiesen, dass der Grundgedanke, tierisches Verhalten in Beziehung zum menschlichen Verhalten zu setzen nicht neu ist. So ist es die vergleichende Verhaltensforschung, auch als Verhaltensbiologie oder Ethologie bezeichnet, die die Gesetzmäßigkeiten tierischen Verhaltens untersucht und die dabei gewonnenen Erkenntnisse heranzieht, um Schlüsse auf das menschliche Verhalten abzuleiten. Mit einem Schwerpunkt auf Instinkte und Reflexe konzentriert sich die Verhaltensforschung letztlich auf den so wichtigen Aspekt des unbewussten Verhaltens. In diesem Zusammenhang kann bereits an dieser Stelle die Nähe zwischen Mensch und Tier zum Ausdruck gebracht werden, denn schließlich darf in keinem Falle übersehen werden, dass der Mensch selbst zu den Tieren, genauer gesagt zu den Säugetieren zu zählen ist, eine einfache Tatsache, die noch immer zu häufig ignoriert wird58. Anders formuliert, doch inhaltlich vergleichbar stellt Roth fest: „Dass Menschen Primaten sind, kann man hinsichtlich des Körperbaus und der Gene heutzutage nicht mehr vernünftig bezweifeln. Innerhalb der Gruppe Hominidae / Hominoidea sind Menschen und Schimpansen (Pan troglodytes) bzw. Bonobos (Pan Paniscus) enger miteinander verwandt als die Schimpansen mit den Gorillas. Der nächste Verwandte zu den Vertretern dieser Gruppe ist der Gorilla, und beide Gruppen zusammen bilden die Gruppe der afrikanischen Menschenaffen, deren nächster Verwandter der in Asien vorkommende Orang-Utan ist. Schimpansen sind also biologisch gesehen unsere nächsten Verwandten, wir bilden mit ihnen eine natürliche Abstammungseinheit“59. Die zentrale Bedeutung der einzelnen limbischen Instruktionen für das Verhalten des Menschen wurde bereits mehrfach angesprochen. Diese zentralen Wirkkräfte im Unbewussten sollen im Folgenden nähere Erläuterung finden. Im Zentrum des menschlichen Verhaltensprogramms stehen die im Hypothalamus des Gehirns verwalteten Vital-Bedürfnisse wie Sexualität, Nahrung, Schlaf und Atmung. Durch die limbischen Instruktionen sollen letztlich die menschlichen Vital-Bedürfnisse sowie letztendlich die möglichst vielfältige und erfolgreiche Weitergabe der eigenen Gene bestmöglich sichergestellt werden60. Dabei ist die Balance-Instruktion dafür zuständig, Erreichtes zu erhalten bzw. zu konservieren. Von daher ist sie eine Wirkkraft, die letztlich dem Aspekt der Beharrung im menschlichen Verhalten Rechnung trägt und den beiden verbleibenden, auf Wachstum und Fortschritt ausgerichteten Instruktionen von Dominanz und Stimulanz bewahrend entgegenwirkt. Die Dominanz-Instruktion hingegen repräsentiert jene Wirkkraft, die Expansionsaspekte im menschlichen Verhalten widerspiegelt, also allgemein mit der Eroberung neuer Gebiete verknüpft ist. Dabei können sowohl geographische Gebiete als etwa auch Wissensgebiete angesprochen sein. Die Stimulanz-Instruktion schließlich repräsentiert Innovationsaspekte, die Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 306 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 307 306 7 Kulturelle Neurowissenschaft durch das Bedürfnis nach Neuartigkeit und anregenden Reizen angesprochen werden. Die beiden Instruktionen von Dominanz und Stimulanz sind somit die wesentlichen Wirkkräfte im menschlichen Verhalten, die auf der positiven Seite zu Wachstum und Fortschritt führen, auf der negativen Seite aber ebenso auch letztlich Ursache sind für Kriege bzw. Gewalt und übermäßigen Konsum von Unterhaltungsangeboten wie beispielsweise im Medienbereich. Im Übrigen unterliegen alle drei Instruktionen dem Prinzip, dass sie jeweils einem Streben nach mehr an Balance, mehr an Dominanz bzw. mehr an Stimulanz unterliegen. Die limbischen Instruktionen können als biologische Imperative aufgefasst werden, die das körperliche und geistige Befinden des Menschen, sein Denken und Verhalten ganzheitlich determinieren und beeinflussen. Dies bedeutet letztlich, dass die ehemals von Descartes vermutete Trennung von Geist und Körper sowie den jeweils damit verbundenen Prozessen nicht aufrechterhalten werden kann. Geistige Prozesse sind also nicht als unabhängig von körperlichen Prozessen zu sehen. Vielmehr unterliegen sie den biologischen Gesetzmäßigkeiten, die in den limbischen Instruktionen zum Ausdruck kommen. Abbildung 7-6 strukturiert den unbewussten Teil des menschlichen Verhaltens in Ausrichtung an den drei limbischen Instruktionen nach Häusel modellhaft. Wichtig ist, sich bei diesem Modell zu vergegenwärtigen, dass diese drei Wirkkräfte nicht unabhängig voneinander agieren, sondern vielmehr einer „genialen Steuerungslogik“ entsprechen, die die einzelnen Kräfte sinnvoll verknüpft. So streben die Dominanz- und Stimulanzinstruktion, wie auch bildhaft im übertragenen Sinne dargestellt, nach oben, um das menschliche Verhalten durch die Balance DominanzStimulanz ExpansionInnovation Beharrung Sexualität Nahrung Schlaf Atmung operativ-kommunikative Umsetzung strategischer Verhaltenskorridor Abbildung 7‑6: Vital‑Bedürfnisse und limbische Instruktionen als zentrale Elemente des menschlichen Verhaltensprogramms (Quelle: in Anlehnung an Häusel (2011), S. 31) Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 306 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 307 3077.2 Biologisches Grundprogramm des Unbewussten evolutionstheoretisch vorteilhaften Aspekte der Expansion und Innovation zu prägen. Der Gegenpol zu diesen beiden Wirkkräften repräsentiert sich in der Balance-Instruktion, die letztlich als Veränderungen vermeidender, bewahrender Anteil am gesamten biologischen Grundprogramm verstanden werden kann und die den beiden erstgenannten Wirkkräften gewissermaßen entgegenwirkt. Normal geprägtes Verhalten kennzeichnet sich durch einen gesunden Ausgleich zwischen den beiden entstehenden und in entgegengesetzte Richtung arbeitenden Kraftfeldern. Dies begründet sich darin, dass weder rein auf Expansion und Innovation gerichtetes Verhalten noch rein auf Bewahrung und Konservierung ausgerichtetes Verhalten optimal zur Erreichung der evolutionstheoretischen Zielsetzung geeignet ist61. Die möglichst erfolgreiche Weitergabe möglichst vieler eigener Gene an folgende Generationen kann insbesondere durch ein Verhalten bewerkstelligt werden, welches beiden grundlegenden Verhaltensrichtungen Rechnung trägt. Zwar wurde bereits mehrfach die Bedeutung des limbischen Systems für das menschliche Verhalten herausgestellt. Nicht erklärt wurde hingegen bislang die Art und Weise, wie das damit verbundene biologische Grundprogramm das menschliche Verhalten steuert und dieses Verhalten letztlich unbewusst vonstatten gehen lässt. Diese Erklärung soll im Folgenden geleistet werden. Sämtliche von außen auf den Menschen einströmenden Reize und Informationen werden von der sog. Amygdala, die auch als Mandelkern bezeichnet wird und die Teil des limbischen Systems ist, auf ihre jeweilige Bedeutung für den Menschen hin untersucht und bewertet. Erst durch diesen Bewertungsvorgang des Mandelkerns, dem zentralen Bewertungszentrum im Kopf des Menschen, wird einzelnen Reizen, Sachverhalten und Begebenheiten Sinn und Bedeutung zugewiesen. Dabei sei angemerkt, dass Emotionen bereits seit Darwin als biologische Reaktionen auf externe Reize gelten62. Grundsätzlich werden emotionale, kognitive und physische Reizwirkungen als Kategorien aktivierender Reizwirkungen unterschieden. Emotionale Reize sind stets mit einer starken inneren Erregung verbunden und dem klassischen Instrumentarium der Werbefachleute zuzuordnen. So kann die Aufmerksamkeit des Rezipienten gewonnen werden, indem auf das Kindchenschema, den weiblichen Busen oder anderweitige stimulierende Abbildungen des menschlichen Körpers zurückgegriffen wird. Neben rein visuellen Reizen sind den in diesem Zusammenhang zum Tragen kommenden Schlüsselreizen aber auch akustische, taktile und olfaktorische Reize zuzuordnen. Beispielsweise kann durch Moschusduft, der stark aktivierend wirkt, eine Konsumentenbeeinflussung durchaus erreicht werden. Eine kognitiv bewirkte Aktivierung kann durch gedankliche Konflikte, Widersprüche oder Überraschungen, durch die letztlich die Informationsverarbeitung stimuliert wird, bewirkt werden. Durch sog. Verfremdungstechniken (z. B. Headline mit dem Text „Reißt den Kölner Dom ab!“) kann die Erinnerung an eine Anzeige verstärkt werden, wobei allerdings einschränkend hinzuzufügen ist, dass sich derartige Techniken, insbesondere in der Wiederholung, im Vergleich zu emotionalen Reizwirkungen, leichter abnutzen. Mit hoher Wahrscheinlichkeit kann schließlich auch eine Aktivierung durch physisch bzw. physikalisch wirkende Reize erreicht werden. So sind es beispielsweise Größe und Farbe eines Werbemittels, die als Aufmerksamkeits- bzw. Aktivierungs- Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 308 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 309 308 7 Kulturelle Neurowissenschaft faktor funktionieren. Von diesen Aktivierungsfaktoren hängt letztlich die Wahrscheinlichkeit, mit der ein bestimmtes Werbemittel Beachtung und Aufnahme findet, maßgeblich ab63. In Bezug auf die menschliche Kommunikation nehmen insbesondere Reize aus dem Bereich der nonverbalen Kommunikation eine grundsätzliche Rolle ein. Somit hat beispielsweise die Mimik, soweit sie auf den Ausdruck von Emotionen bezogen ist, eine biologische Basis und kann als universal angesehen werden. Jedoch bestehen unterschiedliche kulturelle Konventionen, nach denen das „biologische Affektprogramm der Gesichtsmuskeln mehr oder weniger maskiert wird.“64 Die Bedeutung äußerer Reize lässt sich im Übrigen in den vielfältigsten Variationen in der Tierwelt beobachten. So hat bereits Wallace, der Co-Entdecker der Evolutionstheorie von Darwin, auf die Bedeutung statischer und dynamischer Merkmale des äußeren Erscheinungsbildes von Tieren hingewiesen. Er sieht diese Merkmale letztlich als Resultat der „faszinierenden Unbeirrbarkeit und Unbelehrbarkeit der visuellen Wahrnehmung“. Das evolutionstheoretische Gesetz verlangt von den Tieren gewissermaßen, dass sie ihr Verhalten und Aussehen nach den Sehgewohnheiten ihres jeweiligen sozialen Umfeldes ausrichten. Diese Notwendigkeit resultiert aus dem Bestreben, Verhaltensreaktionen anderer, die den eigenen Lebensinteressen zuträglich sind, nach Möglichkeit hervorzurufen. Jene Verhaltensreaktionen der anderen hingegen, die den eigenen Interessen abträglich sind, sollen nach Möglichkeit unterbunden werden: „Die Prämie, die die Natur für den in diesem Spiel Erfolgreichen aussetzt, ist hoch: eben weil das beobachtende Tier sich seines Eindrucks nicht erwehren kann, ist der Stimulusgeber in der Lage, durch das bloße Vorzeigen des „richtigen“ Displays eine ihm nützliche Verhaltensreaktion beim Gegenüber reflexhaft auszulösen – oder eine für ihn bedrohliche zu hemmen.“65 Die überaus facettenreiche und wunderbare Formen- und Farbenvielfalt, die das Leben auf der Erde entwickelt hat, kann demnach durchaus als Antwort auf die Suche nach dem pragmatisch relevanten Stimulus verstanden werden. Der jeweils relevante Stimulus fungiert quasi als Zauberwort für das Auslösen bzw. Vermeiden einer erwünschten bzw. unerwünschten Verhaltensweise des Gegenübers. So zeigen ethologische Attrappenversuche, dass einzelne, als Schlüsselreiz fungierende Stimuli ausreichen, um bestimmte Verhaltensweisen zu erzeugen. Dies ist im Übrigen auch möglich, wenn für das menschliche Auge wesentliche Merkmale der Gesamtsituation nicht vorhanden sind. Beispielsweise bringen Gänse selbst würfelförmige Attrappeneier fürsorglich ins eigene Nest, um selbige auszubrüten. Offensichtlich sind andere Reize ausreichend, um ein Brutverhalten auszulösen. Die Auslösung von Verhaltensweisen durch einzelne Schlüsselreize ist umso erstaunlicher, als das Tier durchaus mit einem sensorischen Vermögen ausgestattet ist, welches die Wahrnehmung von Details problemlos gestattet66. Letztlich ist es also der Mandelkern, der sämtliche äußeren Reize bzw. Stimuli daraufhin untersucht, ob sie dem Menschen im Sinne der drei limbischen Instruktionen vorteilhaft oder eher abträglich sind. Die Reizbewertung durch den Mandelkern vollzieht sich durch das Freisetzen chemischer Stoffe, den sog. Neurotransmittern. Ihre Freisetzung empfindet der Mensch bewusst als Gefühle und Emotionen. Jene Reize, die positive Gefühle verursachen, weil sie im Sinne der Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 308 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 309 3097.2 Biologisches Grundprogramm des Unbewussten limbischen Instruktionen ausgerichtet sind, versucht der Mensch zu finden oder aufrecht zu erhalten. Reize hingegen, die negative Gefühle auslösen, weil sie der Erfüllung der Ziele der limbischen Instruktionen entgegenstehen, versucht der Mensch auszuschalten bzw. zu meiden. Beispielsweise alarmiert der Mandelkern im Falle einer Gefahr den Hypothalamus, der wiederum Fluchthormone erzeugt und somit den Körper informiert. Erst im Anschluss an diese Vorgänge erlebt der Mensch bewusst ein Angstgefühl. Im Falle extremer Gefahr reagiert der Mensch sogar schon instinktiv, lange Zeit bevor das Bewusstsein die Gefahr überhaupt erkennt. Befindet sich der Mensch hingegen in einer durch Konkurrenz gekennzeichneten Situation, etwa infolge eines Gegenübers, der bereits auf der körpersprachlichen Ebene Aggression signalisiert, so aktiviert der Mandelkern wiederum den Hypothalamus, der durch Ausschüttung bestimmter Hormone den Körper auf Kampf einstellt. Der Mensch empfindet hierbei Gefühle wie Wut und Aggression. Schließlich erzeugt das Erleben stimulierender Ereignisse bzw. Reize den Neurotransmitter Dopamin, der im menschlichen Bewusstsein Gefühle der Lust erzeugt. Generell versucht der Mensch im Falle negativer Emotionen selbige durch entsprechende Handlungen und Verhaltensweisen zu verhindern oder zumindest zu reduzieren. Dagegen versucht der Mensch positive Gefühle wie Geborgenheits-, Erfolgs- oder Lustgefühl, die der Zielerreichung der limbischen Instruktionen dienlich sind, durch wiederum entsprechende Verhaltensweisen zu fördern und auszubauen. Somit sind es die im Bewusstsein empfundenen Emotionen und Gefühle, die Boten des biologischen Programms sind. Die Verhaltenssteuerung erfolgt allerdings nicht durch die Gefühle und Emotionen, sondern letztlich durch das biologische Programm bzw. die damit verbundenen limbischen Instruktionen. Die Gefühle sind also nur Mittel zum Zweck der Steuerung des Verhaltens auf eine Art und Weise, die die Erreichung der mit den Instruktionen verbundenen Gefühlen auf möglichst optimale Weise ermöglicht. Der Stellenwert des Mandelkerns kommt im Übrigen in eher seltenen Fällen zum Ausdruck, in denen er durch Krankheit oder Unfall zu Schaden gekommen ist. Für den Fall eines vollständig geschädigten Mandelkerns verfällt der Mensch, wie auch das Tier, in einen Zustand der Agonie und Gleichgültigkeit, da die Welt bzw. die von ihr ausgelösten Reize erst durch die Bewertung durch den Mandelkern Sinn erhalten67. Der Neokortex speichert die im Verlaufe des Lebens gesammelten positiven und negativen Erfahrungen. Diese Erfahrungen werden dem limbischen System in Entscheidungsfragen verfügbar gemacht. Die Aufgabenverteilung zwischen Neokortex und limbischem System veranschaulicht Häusel wie folgt: „Im Neokortex kommt es durch Lernen zu einer Veränderung der neuronalen Strukturen. Die motorischen Areale im Kortex eines Meistergeigers, die für die Fingerbewegungen zuständig sind, sind beispielsweise weit größer als die des Durchschnittsbürgers. (…) Unser Neokortex ist also für das Lernen, für unsere Anpassung an sich verändernde Umweltbedingungen zuständig: Ein Papua-Indianer braucht völlig andere Fähigkeiten und Fertigkeiten als ein Eskimo um zu überleben. Das ist Sache des Neokortex. In der Computersprache würde man diese Struktur als RAM-Struktur (Read and Memory) bezeichnen. Sie kann aufgerufen, verändert und neu abgespeichert werden. Das limbische System, seine Programme und seine neuronalen Verbindungen sind viel starrer. Sie operieren umweltunabhängiger. Die Programme im limbischen System arbeiten also auf der ROM-Basis (Read only Memory). Sie können aufgerufen, Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 310 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 311 310 7 Kulturelle Neurowissenschaft aber nicht verändert werden. Alles, was wir tun und machen, wird von diesem Programm gesteuert und bewegt sich innerhalb dieses Programms. Das Programm selbst verändert sich nicht – durch seine hochintelligente Systemlogik ermöglicht es uns aber, uns optimal und situativ an unsere Umwelt anzupassen. In gefährlichen Situationen wird die Balanceinstruktion aktiviert. Wenn sich dagegen die Chance ergibt, ungestraft die Macht oder das Territorium zu vergrößern, tritt die Dominanzinstruktion in Kraft.“68 Aufgrund ihrer besonderen Bedeutung für die Steuerung des menschlichen Verhaltens seien die drei limbischen Instruktionen nachfolgend näher beschrieben. 7.2.1 Balance-Instruktion Die Balance-Instruktion hat die Aufgabe, bereits Erreichtes zu sichern, also im Prinzip den Status quo zu erhalten. Demzufolge kommt dieser Instruktion auch die Funktion der Beharrung zu. Das Beibehalten oder der Aufbau von Gewohnheiten, aber auch die Vermeidung von Gefahr und Unsicherheiten sowie das Streben nach Stabilität und Ordnung, die Erreichung einer schnellen Orientierung sowie die Vermeidung von kognitiven Unsicherheiten fallen in den Bereich des Zielsystems, das mit der Balance-Instruktion verknüpft ist. Darüber hinaus wird im Zustand der Homöostase bzw. im Ruhezustand sehr sparsam agiert in Hinsicht auf den Energieverbrauch. Es wird ein energiesparender Zustand des körperlichen und psychischen Gleichgewichts erreicht69. Entwicklungsgeschichtlich betrachtet ist die Balance-Instruktion die älteste der limbischen Instruktionen. Die Verfolgung der Ziele der Balance-Instruktion kennzeichnet ein jedes Lebewesen, da letztlich Sicherheit, Ordnung und Stabilität sowohl nach innen als auch gegenüber der Umwelt von fundamentaler Bedeutung sind70. Die individuelle Ausprägung der Balance-Instruktion, wie im Übrigen auch die der beiden anderen Instruktionen, verändert sich über das Leben einer bestimmten Person hinweg nicht grundsätzlich. Ein balancegeprägter Mensch wird als solcher mit hoher Wahrscheinlichkeit über sein gesamtes Leben hinweg zu erkennen sein. Jedoch ist diese Einschätzung immer auf einen vergleichbaren Personenkreis bezogen. Dieser Vergleichsmaßstab repräsentiert sich in einem gleichaltrigen Personenkreis, was darin begründet ist, dass sich die Stärke der Ausprägung der einzelnen limbischen Instruktionen mit zunehmendem Lebensalter verändert. So steigt die Ausprägung der Balance-Instruktion mit zunehmendem Lebensalter an. Dies entspricht im Übrigen dem allgemein beobachtbaren Sachverhalt, dass der Mensch mit zunehmendem Alter auch zunehmend sicherheitsorientiert wird71. Der bewahrende, sicherheitsorientierte Aspekt der Balance-Instruktion findet sich auch in der kulturvergleichenden Studie von Hofstede wieder und zwar in Form der Kulturdimension der Unsicherheitsvermeidung. In diesem Zusammenhang erwartet Hofstede die allgemeine Zunahme des Bedürfnisses nach Sicherheit, die er aus den umwälzenden wirtschaftlichen Veränderungen, die das ausgehende 20. Jahrhundert mit sich gebracht hat, ableitet. Seiner Argumentation nach wird sich die subjektiv empfundene und damit auch ernstzunehmende Angst des Menschen angesichts globaler und umwälzender Veränderungsprozesse im Rahmen einer zunehmenden Internationalisierung und Globalisierung noch verstärken, dies Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 310 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 311 3117.2 Biologisches Grundprogramm des Unbewussten sicherlich in besonderem Maße in Industrieländern, in denen eine Umkehr der Alterspyramide zu beobachten ist. 7.2.2 Dominanz-Instruktion Die Dominanz-Instruktion repräsentiert die expansive Komponente im menschlichen Verhalten. Diese in der Gesellschaft gerne kritisch betrachtete oder verdrängte Wirkkraft zielt letztlich auf Aspekte der Durchsetzung des Einzelnen gegenüber den Konkurrenten ab, etwa im Kampf um knappe Ressourcen und attraktive Partner zum Zwecke der Fortpflanzung. Auch die Wichtigkeit des Dominanz- bzw. Machtaspekts wird von Hofstede in Form der Kulturdimension der Machtdistanz angesprochen: „From a biological point of view, the human species (…) shows dominance behavior. Human pecking orders are part of the „universal” level of human mental programming.”72 Die Dominanz-Instruktion ist jene Wirkkraft, die aufgrund der ihr zugrunde liegenden Expansionsbestrebungen sowohl Wachstum als auch Zerstörung mit sich führen kann. Es wird deutlich, dass auch mit der Dominanz-Instruktion sowohl positive als auch negative Aspekte angesprochen werden. So stellt die Dominanz-Instruktion einerseits die entscheidende Motivationsgrundlage bei der Erzielung von Errungenschaften des Fortschritts dar. Angesprochen sind hiermit Höchstleistungen in den unterschiedlichsten Bereichen, neben der Wirtschaft etwa auch in Kunst, Sport, Wissenschaft etc. Diese Höchstleistungen können nur durch immensen Einsatz und Behauptung gegenüber der Konkurrenz erzielt werden. Andererseits, und dies spricht die negative Seite der Wirkkraft an, sind beispielsweise Kriege und ethnische Säuberungen, im Dritten Reich genauso wie im ehemaligen Jugoslawien, letztlich diesem Verdrängungsmechanismus zuzuschreiben, der Machterhaltung und Absicherung des eigenen Territoriums in den Vordergrund rückt73. Die Grundsätzlichkeit der menschlichen Kriegsbereitschaft wird in der Diskussion über neuere Erkenntnisse der Naturwissenschaften und verwandter Disziplinen im Übrigen auch als „eine anthropologische Konstante“ bezeichnet74. Das grundsätzliche Greifen der Wirkkraft der Dominanz kommt beispielsweise auch in Feldstudien, die der französische Soziologe Kaufmann an der französischen Küste betrieben hat, zum Ausdruck. Eine der zentralen Erkenntnisse seiner Studien ist jene, dass selbst das auf den ersten Blick angenehm entspannte und regellose Strandleben keineswegs der Realität entspricht. Vielmehr bestehen streng festgelegte Regeln und Erwartungen an das soziale Verhalten in diesem Umfeld. So bestehen in der Tat Territorien zwischen den einzelnen Personen bzw. Gruppierungen, deren Existenz am offensichtlichsten in aus Sand gebauten Schutzwällen ihren Ausdruck findet. Aber auch die Regeln in Bezug auf den Blickkontakt sind strikt ausgelegt. So ist lediglich ein vergleichsweise kurzer Blickkontakt, den ein Mann einer ihm fremden Frau zukommen lässt, legitimiert75. Machtaspekte spielen aber auch bei der Partnerwahl eine entscheidende Rolle. So richtet sich die Investitionsbereitschaft von Frauen bei der Partnerwahl, unabhängig von der kulturellen Herkunft, nach Statuskriterien des potentiellen Partners. Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 312 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 313 312 7 Kulturelle Neurowissenschaft Die Frau ist also auf der Suche nach den „guten Genen“ sowie dem Ernährer ihrer Kinder, zumal die Frau bei der Partnerselektion aufgrund der enormen körperlichen Investition in die eigenen Nachkommen wesentlich restriktiver vorgehen muss als der Mann. Der Verhaltensbiologe Williams bringt diesen Aspekt wie folgt zum Ausdruck: „Die Balz ist ein Wettbewerb zwischen der Verkaufstechnik eines Männchens und der Fähigkeit des Weibchens, dem Kaufanreiz zu widerstehen.“76 Auch die individuelle Ausprägung der Dominanz-Instruktion ist Schwankungen in Abhängigkeit vom Lebensalter unterworfen. Grundsätzlich nimmt sie bis zum dreißigsten Lebensjahr zu, danach hingegen mit fortschreitendem Lebensalter stetig ab77. Dieser Sachverhalt deckt sich im Übrigen mit den Ausführungen von Hofstede, der die Arbeitsziele einer im Berufsleben stehenden Person in hohem Maße abhängig vom Lebensalter sieht. Demzufolge nimmt eine Orientierung hin zu mehr Sicherheit, Komfort und sozialen Beziehungen im Beruf mit zunehmendem Alter zu, wohingegen eine intrinsische Motivation sowie Streben nach Weiterentwicklung und Überlegenheit gegenüber Konkurrenten eindeutig abnehmen. Hofstede macht dies deutlich, indem er auf einen mit zunehmendem Alter sinkenden Maskulinitäts-Index (MAS) verweist: „When people grow older they tend to become more social and less ego oriented (lower MAS). At the same time, the gap between women and men’s MAS values becomes smaller, and around age 50 it has closed completely. This is the age at which a woman’s role as a potential childbearer has ended; there is no more reason for her values to differ from those of men. This development fits the observation that young men and women foster more technical interests… In terms of values (…) older persons are more suitable as people managers and younger persons as technical managers.”78 7.2.3 Stimulanz-Instruktion Die dritte und letzte Wirkkraft des unbewussten menschlichen Verhaltens ist in der Stimulanz-Instruktion zu sehen. Sie bezieht sich auf die Verhaltensbereiche von Kreativität und Innovation. Wesentliche, mit ihr verbundene Verhaltensweisen sind in dem Auffinden von neuen und unbekannten Reizen zu sehen, die letztlich Abwechslung in das Leben bringen und jegliche Form von Langeweile vermeiden79. Im Übrigen hat bereits der Philosoph Schopenhauer die Langeweile als eine von zwei zentralen Quellen der Verursachung menschlichen Leids identifiziert. Seiner Auffassung nach ist der größte Teil der Menschheit geradezu ständig darum bemüht, Langeweile nach allen Formen der Kunst zu vermeiden. Nicht näher kommentiert sei an dieser Stelle, dass er pikanterweise diesen überwiegenden Teil der Menschheit, der dem Leidensquell der Langeweile unterliegt, mit jenem Teil der Menschheit gleichsetzt, der sich eher nicht durch einen hohen Grad an Intelligenz auszeichnet80. Die Bedeutung von Neugier sowie die Suche nach dem Neuen und das damit verbundene Abweichen von ausgefahrenen Wegen haben ganz praktische Vorteile. Diese Verhaltensmerkmale sind nämlich wesentliche, wenn nicht gar zentrale Voraussetzung für die erfolgreiche Realisierung von Innovationen. Indem neuen Rei- Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 312 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 313 3137.2 Biologisches Grundprogramm des Unbewussten zen nachgegangen wird, können beispielsweise neuartige Nahrungsquellen aktiv entdeckt werden. Das Aufnehmen und vorsichtige Testen sich anbietender neuer Nahrung kann entwicklungsgeschichtlich betrachtet durchaus einen zentralen biologischen Vorteil mit sich bringen. Die Aufnahme neuartiger Nahrung ist mit der Entstehung eines elektrophysiologischen Spannungsgefälles verknüpft, die dabei entstehende leichte Erregung repräsentiert das, was der moderne Mensch heutzutage als Lustgefühl empfindet. Das Lustgefühl kann als Nutzen bezeichnet werden, der infolge eines eingegangenen Risikos erzielt werden kann81. Insbesondere auch kleine Kinder profitieren in besonderem Maße von neuartigen Reizen, die das lustvolle Sammeln von (über)lebenswichtigen Erfahrungen, insbesondere im Rahmen spielerischen Verhaltens, erlauben. Zusammenfassend kann die vorausgehend und in Abbildung 7-6 auch bildhaft vorgenommene Darstellung des im Wesentlichen aus den drei limbischen Instruktionen bestehenden biologischen Programms zur Darlegung der menschlichen Verhaltenssteuerung als eine modellhafte Struktur verstanden werden, die eine Einordnung einer Vielzahl der in der Literatur angeführten Motive und Werte ermöglicht. Die Motive und Werte sind es letztlich, die menschliches Verhalten maßgebend beeinflussen. Der Gehirnforscher Roth fasst die Bedeutung des limbischen Systems in dieser Hinsicht wie folgt zusammen: „Das Gefühl, etwas zu wollen, kommt erst, nachdem das limbische System schon längst entschieden hat, was getan werden soll. Die Quintessenz ist, dass dieses System die letzte Entscheidung darüber hat, ob wir etwas tun oder nicht“82. Dies gilt selbst für Entscheidungen in komplizierten Situationen, die im Rahmen eines rationalen Abwägens getroffen worden sind. So geht das rationale Abwägen nicht weniger determiniert als das affektiv-emotional bestimmte Entscheiden vonstatten, es wird nur anders erlebt. Ob ein Mensch in solch einer schwierigen Situation überhaupt eher seinen Verstand benutzt und somit auf ein rationales Abwägen vertraut oder ob er eher emotional entscheidet begründet sich durch seine Persönlichkeit, seine Erziehung sowie seine bisherigen Erfahrungen. Typischerweise lernt der Mensch – wenn überhaupt – durch Vorbilder, durch Erziehung sowie eigene bittere Erfahrungen bei wichtigen und komplexen Entscheidungen eher rational und nicht affektiv-emotional vorzugehen. Doch egal wie das Ergebnis eines rationalen Abwägens aussieht unterliegt es der Letztentscheidung des limbischen Systems, d. h. die rational getroffene Letztentscheidung muss immer auch emotional akzeptabel sein83. Diesen Sachverhalt verdeutlicht Roth wie folgt: „Unser Verstand kann als ein Stab von Experten angesehen werden, dessen sich das verhaltenssteuernde limbische System bedient. Dieser Stab kann in detaillierter Weise komplexe Dinge prüfen, vergleichen und Voraussagen anstellen, und dazu ist … das limbische System nicht in der Lage. Hierzu haben wir Menschen einen großen Cortex mit seinen wunderbaren Verarbeitungsqualitäten. Der Cortex entscheidet aber ebenso wie der Beraterstab selbst nichts, beide bereiten die Entscheidungen nur vor. Sie sagen uns: Wenn du dies tust, dann wird dies wahrscheinlich diese Folgen haben, tust du jenes, dann wird das passieren usw. … Da das verhaltenssteuernde System bzw. der oberste Chef sich aber eindeutig verhalten muss, muss auch eine eindeutige Entscheidung getroffen werden, und zwar eine, die emotional verträglich ist. Dies meinen wir, wenn wir sagen, wir müssten mit einer bestimmten wichtigen Entscheidung „leben können“… Verstand und Vernunft brauchen Gefühle zu Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 314 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 315 314 7 Kulturelle Neurowissenschaft ihrer Durchsetzung. Emotionale Verträglichkeit bedeutet im Normalfall also nicht Irrationalität, sondern Abwägen und Handeln im Lichte der gesamten bisherigen Erfahrung.“84 Diese gesamte Erfahrung liegt im Übrigen vorwiegend unbewusst vor. Sie setzt sich zusammen aus den Erfahrungen der Vergangenheit und zwar aus jenen, die schon immer unbewusst ausgerichtet waren und jenen, die einmal bewusst waren, aber irgendwann in das Unbewusste abgewandert sind. Dabei bestimmt die gesamte Erfahrung eines Menschen die Art und Weise, wie er sich zu sich selbst, aber auch zu seiner Umwelt verhält. Der Aufbau des gesamten Erfahrungsgedächtnisses selbst ist nebenbei bemerkt ein überaus individueller Prozess. Für den jeweils betroffenen Menschen selbst ist das darauf aufbauend sich ergebende eigene Verhalten höchst rational, da es mit seinen individuellen Erfahrungen, sowohl den unbewussten als auch den bewussten übereinstimmt85. Es ist deutlich geworden, dass der Prozess des sorgfältigen und bewussten Abwägens wie auch alle anderen mentalen Akte im Gehirn im Rahmen der Vorgaben des emotionalen Erfahrungsgedächtnisses stattfindet und sich bei Auswahlentscheidungen auch an den emotionalen Konsequenzen der jeweiligen Handlungsalternativen ausrichtet. Das Resultat jedweden Abwägens und Entscheidens muss emotional akzeptabel sein86. Somit ist die Willensfreiheit als eine Illusion des Menschen anzusehen. Zwar entsteht das Gefühl des freien Willensaktes, aber erst nachdem das limbische System festgelegt hat was der Mensch zu tun hat. Die bewussten Wünsche und Intentionen sowie der Wille stehen also unter Kontrolle des unbewussten, limbischen Erfahrungsgedächtnisses. Von dieser Instanz wird auch festgelegt, ob und in welchem Maße das, was bewusst gewollt wurde, wirklich getan wird: „In dieser Weise ist garantiert, dass alles, was wir tun, im Lichte der gesamten individuellen (auch sozial vermittelten) Erfahrung geschieht, die im limbischen System gespeichert ist.“87 An dieser Stelle sei die wichtige Anmerkung dargelegt, dass ein rationales Abwägen in komplexeren Entscheidungssituationen dabei keineswegs als überflüssig betrachtet werden kann. Im Gegenteil ist der Einsatz von Verstand und Vernunft durchaus sehr notwendig, auch um mittel- und längerfristige Konsequenzen des eigenen Handelns zu erkennen und zu hinterfragen. Doch ist es das limbische System, welches festlegt, wann, in welchem Ausmaße und insbesondere auch mit welchen Argumenten das rationale cortikale System zum Einsatz kommt. Rationalität und Vernunft fungieren dementsprechend für das emotionale handlungssteuernde System in der Funktion des Ratgebers, indem sie mehr oder weniger wünschenswerte Konsequenzen der verschiedenen Alternativen aufzeigen88. Es ist deutlich geworden, dass der Antrieb des menschlichen Verhaltens, etwas zu tun oder auch zu unterlassen, letztlich aus dem limbischen System heraus erfolgt und dabei den Zielsystemen der einzelnen limbischen Instruktionen entspricht. Die exakte und detaillierte Planung der Ausführungen hingegen ist Aufgabe des Neokortex, der mit dem limibischen System eng verkoppelt ist. Das limbische System bewertet durch Abrufen der im Neokortex gespeicherten Erfahrungen die möglichen Konsequenzen eines bestimmten Verhaltens bzw. den jeweils erreichba- Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 314 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 315 3157.2 Biologisches Grundprogramm des Unbewussten ren Grad der Zielvorstellungen. Letztlich ist es also das limbische System, welches grundsätzliche Entscheidungen hinsichtlich des Verhaltens trifft89. In Bezug auf die Ausbildung von Wünschen und Absichten, die Handlungsplanung sowie die Handlungsvorbereitung führt Roth ein unverzichtbares Zusammenwirken von subcortikalen und somit grundsätzlich unbewussten Faktoren auf der einen Seite und cortikalen und somit grundsätzlich bewussten Faktoren auf der anderen Seite an: „Ohne die „Mitwirkung“ der subcortikalen Zentren in den Basalganglien und im limbischen System könnten wir Willenshandlungen nicht ausführen. Hierdurch soll gewährleistet werden, dass alles, was wir bewusst oder unbewusst beabsichtigen und schließlich auch tun, stets im Einklang mit unserer unbewussten kognitiven und emotionalen Erfahrung stattfindet.“90 Die aktuellen Erkenntnisse der Gehirnforschung über die Steuerung menschlichen Verhaltens fasst Roth wie folgt zusammen: „1. Das Unbewusste hat einen größeren Einfluss auf unser Verhalten als das Bewusstsein. Das ist, was Freud zu allererst gesagt hat. 2. Die unbewussten Anteile des Psychischen und der Verhaltensstörung (sic!) (wohl Verhaltenssteuerung, Anm. des Verf.) entstehen ontogenetisch, also in der Entwicklung des Gehirns und des Menschen, sehr viel früher als die bewussten, und wirken deshalb – vgl. Aussage 1 – stärker auf uns ein, das sind die frühkindlichen, zum Teil vorgeburtlichen Erfahrungen. Das 3. ist und das folgt auch daraus: … Wir alle haben nur geringe Einsicht in all das, was uns wirklich antreibt. Die drei Dinge halte ich für grundsätzlich richtig und von allen Forschungsergebnissen der Hirnforschung voll bestätigt …“91.“ Auf Basis der drei zentralen limbischen Instruktionen einschließlich der sog. Vitalbedürfnisse kann das menschliche Verhalten sowie die mit ihm verbundenen Motive, wie in Abbildung 7-7 aufgezeigt, einkategorisiert, beschrieben und analysiert werden. Dabei ist es einerseits durchaus möglich, dass ein bestimmtes Verhalten vorrangig von einer bestimmten Instruktion geprägt ist. Andererseits sind aber auch Verhaltensausprägungen denkbar, die letztlich zwischen zwei Instruktionen anzusiedeln sind, etwa wenn ein bestimmtes Verhalten sowohl Dominanz- als auch Stimulanzaspekte in sich birgt. Der Entdecker Alexander von Humboldt beispielsweise ist in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts unter großen Gefahren und mit geringen technischen Möglichkeiten ausgestattet zu risikoreichen Abenteuerreisen aufgebrochen. Zweifelsohne ist hiermit eine expansive Komponente verbunden (Dominanz-Instruktion). Gleichzeitig ist es aber auch erforderlich, dass ein solch extremer Abenteurer von großer Neugier nach Neuem, zu Entdeckendem getrieben wird (Stimulanz-Instruktion). Bewahrende, gleichgewichtsorientierte Aspekte (Balance-Instruktion) hingegen würden einer Person wie Humboldt eher im Wege stehen92. Im interkulturellen Vergleich herrschen grundsätzlich unterschiedliche Wertevorstellungen vor. Werte selbst sind somit hinsichtlich Wertigkeit und Intensität von Kultur zu Kultur grundsätzlich unterschiedlich ausgeprägt. Dabei spricht die Wertigkeit die Frage an, ob der Wert als positiv oder negativ anzusehen ist. Die Intensität hingegen bezieht sich auf die Stärke oder Wichtigkeit des Wertes in einer Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 316 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 317 316 7 Kulturelle Neurowissenschaft bestimmten Kultur. Beispielsweise ist in Bezug auf die US-amerikanische Kultur der Respekt gegenüber Älteren in Bezug auf seine Wertigkeit als eindeutig negativ sowie in Bezug auf seine Intensität als vergleichsweise schwach zu bewerten, da vor allem Jugend als präferierter Wert vorherrscht. In anderen Ländern wie Korea, Japan oder Mexiko hingegen ist der Respekt gegenüber Älteren hinsichtlich seiner Wertigkeit eindeutig positiv besetzt, die Intensität ist vergleichsweise hoch93. Eine der umfassendsten Studien, welche die Analyse von Werten in unterschiedlichen Kulturen zum Gegenstand hat und hohen Bekanntheitsgrad erlangt hat, stammt von Schwartz. In seiner Studie, in der er 49 Länder berücksichtigt, kommt er zu dem Ergebnis, dass es 10 universell existente Werte gibt, die in einer Kultur als Leitprinzipien oder zentrale Zielvorstellungen dienen können, wie auch Abbildung 7-8 zeigt. Dabei liegt dieser Abbildung die Vorstellung zugrunde, dass Werte, die nahe beieinander liegen sich komplementär verhalten, wohingegen einander gegenüber liegende Werte nicht miteinander vereinbar sind. Somit kommt zum Beispiel in Kulturen, die Tradition und Konformität als zentrale Werte ansehen, vermutlich auch den Werten Sicherheit und Mildherzigkeit eine vergleichsweise hohe Bedeutung zu. Werte wie Stimulierung und Hedonismus hingegen sind mit einer derartigen Kultur nur schwer vereinbar. Bei der Betrachtung von Abbildung 7-8 fällt auf, dass die von Schwartz berücksichtigten Motive bzw. Werte letztlich auf die drei grundlegenden limbischen Instruktionen zurückgeführt werden können. So ist die von Schwartz identifizierte Wertekategorie „Self-Enhancement“ vergleichbar mit der Dominanz-Instruktion, die Wertekategorie „Openness to change“ ist vergleichbar mit der Stimulanz-Instruktion. Schließlich kann eine Parallele zwischen der Wertekategorie „Conservation“ und der Balance-Instruktion gezogen werden. Lediglich die Kategorie der Selbst-Transzendenz ist nicht direkt einer der limbischen Instruktionen zuordenbar. Abenteuer Fürsorge Tradition Qualität Sparsamkeit Verlässlichkeit AskeseMoral Präzision Hartnäckigkeit Leistung Ruhm Logik Prestige Erfolg Karriere Ausgeglichenheit Friede Vertrauen Treue Genügsamkeit Gerechtigkeit Fleiß Ehre Stolz EliteEmanzipation Freiheit Selbstbestimmung Sieg Macht Kampf Impulsivität Rebellion Risikolust Spontanität Einfluß Fröhlichkeit Abwechslung Entdecken Extravaganz Kunst Neugier Fantasie TräumereiGenuss Offenheit Natur Bequemlichkeit Gemütlichkeit Freundschaft Gesundheit Familie Geborgenheit Heimat Spiritualität Abbildung 7‑7: Werte‑ und Motivraum des biologischen Grundprogramms (Quelle: in Anlehnung an Häusel (2007), S. 32) Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 316 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 317 3177.3 Demographische Unterschiede im Bereich des menschlichen Verhaltens 7.3 Demographische Unterschiede im Bereich des unbewussten menschlichen Verhaltens In Bezug auf die Steuerung des unbewussten menschlichen Verhaltens existieren demographische Unterschiede, die im Folgenden kurz näher dargelegt seien. Zwar scheinen diese Unterschiede zunächst nicht mit Aspekten der Kultur in Verbindung zu stehen. Doch lassen sich auf Basis ihrer Kenntnis an mancher Stelle wichtige Parallelen bzw. Schlüsse auch in Bezug auf Kultur ziehen, etwa angesichts einer in zahlreichen Industrienationen zunehmend festzustellenden Umkehrung der Alterspyramide. 7.3.1 Einfluss des Alters Die Struktur des menschlichen Gehirns unterliegt im Verlaufe des Lebens Veränderungen. Das Gehirn selbst kann dabei erst im Alter von ca. 18 bis 20 als ausgereift betrachtet werden. Ab dem Alter von 25 bis 30 Jahren indes beginnt es bereits wieder zu schrumpfen und zwar infolge eines Verlustes an Nervenzellen. Zu gleicher Zeit findet aber auch eine in Abbildung 7-9 dargestellte Veränderung in der Zusammensetzung der im Gehirn zirkulierenden Nervenbotenstoffe statt, die 7.3 Demographische Unterschiede im Bereich des menschlichen Verhaltens Self-direction Universalism Benevolence Conformity Tradition Stimulation Hedonism Achievement Power Security Abbildung 7‑8: Beziehungsgeflecht zwischen kulturellen Werten nach Schwartz (Quelle: Lustig; Koester (1999), S. 83)

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Kompetenz zur Interkulturellen Kommunikation für jeden Markt der Welt

Kommunikation in der Wirtschaft ist von essentieller Bedeutung und unabdingbar für den Erfolg, wobei die fortschreitende Globalisierung und Internationalisierung die Interkulturelle Kommunikation immer bedeutsamer machen. Erst die Kenntnis kultureller Unterschiede und Besonderheiten ermöglicht eine erfolgreiche Kommunikation auch zwischen Vertretern unterschiedlicher Kulturen.

Dieses Buch gibt kulturübergreifend einen umfassenden Überblick über

- Begriffe der Kommunikation und Kultur

- Interkulturelle Besonderheiten in der interpersonalen und massenmedialen

- Kommunikation (Interkulturelle Marketing-Kommunikation)

- Verbale und nonverbale Kommunikation

- Kulturvergleichende Studien (z.B. GLOBE-Studie)

- Neuere Forschungsgebiete wie Interkulturelle Kommunikationspsychologie und Kulturelle Neurowissenschaft

Durch zahlreiche Fallbeispiele und Fallstudien eignet sich dieses Buch für die Aus- und Weiterbildung an Universitäten, Hochschulen und anderen Bildungseinrichtungen sowie für die Praxis.