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7.1 Interdisziplinärer Ansatz zur Strukturierung des Unbewussten im menschlichen Verhalten nach Häusel in:

Michael Schugk

Interkulturelle Kommunikation, page 302 - 319

Grundlagen und interkulturelle Kompetenz für Marketing und Vertrieb

2. Edition 2014, ISBN print: 978-3-8006-4888-7, ISBN online: 978-3-8006-4889-4, https://doi.org/10.15358/9783800648894_302

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Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 285 7 Kulturelle Neurowissenschaft 7.1 Interdisziplinärer Ansatz zur Strukturierung des Unbewussten im menschlichen Verhalten nach Häusel Eine überaus interessante Möglichkeit der Betrachtung interkultureller Unterschiede basiert auf neuesten Erkenntnissen verschiedener Disziplinen, namentlich der Gehirnforschung, der Evolutionsbiologie, der Psychologie, aber auch der Neurobiologie, die unter dem Begriff der sog. Kulturellen Neurowissenschaft („cultural neuroscience“) zusammenfasst werden. Hierbei zeigt sich letztlich, dass sich kulturelle Unterschiede auch im menschlichen Gehirn in vielfältiger Weise nachweisen lassen1. Der an dieser Stelle vorgestellte und von Häusel entwickelte Ansatz stellt in sehr anschaulicher Weise zunächst allgemein die grundlegende Steuerung menschlichen Verhaltens dar, kann aber auch, wie später noch zu sehen sein wird, auch erweiternd für Betrachtungen im Sinne der Kulturellen Neurowissenschaft herangezogen werden. Der Ansatz von Häusel selbst wird insbesondere durch die fulminanten Fortschritte der letzten Jahre und Jahrzehnte im Bereich der bildgebenden Verfahren möglich. Medizintechnische Verfahren erlauben es seit Mitte der 1990er Jahre, die Aktivitäten des gesamten menschlichen Gehirns, insbesondere die Aktivitäten im sog. limbischen System bei ungeöffnetem Schädel zu lokalisieren2. Insbesondere die funktionelle Magnetresonanztomographie (griechisch tomós = Schnitt; gráphein = schreiben), umgangssprachlich auch als Hirnscanner bezeichnet, spielt in diesem Zusammenhang eine bedeutende Rolle3. Durch die funktionelle Magnetresonanztomographie (fMRT) ist es möglich, die beim Denken oder Fühlen aktivierten Strukturen im Gehirn darzustellen, ohne dass ein Eingriff ins Gehirn erfolgt oder dem Probanden ein Kontrastmittel verabreicht werden muss. Vielmehr wird die Stoffwechsel-Aktivität des Gehirns gemessen. So benötigt das Gehirn Sauerstoff, wenn es aktiv wird. Kurz vor einer Aktivität wird dem Blut Sauerstoff entzogen, danach wird sauerstoffreiches Blut herangeführt. Diese Veränderung zwischen dem sauerstoffarmen und sauerstoffreichen Blut wird gemessen. Die neuronale Aktivität selbst wird hingegen nicht gemessen. Insofern werden die mit neuronalen Aktivitäten verknüpften physiologischen Veränderungen sichtbar gemacht. Angemerkt sei in diesem Zusammenhang, dass das Lesen von Gedanken mithilfe der fMRT selbstverständlich nicht möglich ist. Möglich hingegen ist es durch die Kenntnis der aktiven Gehirnbereiche eine ungefähre Vorstellung davon zu erhalten, für welche Funktionen welche Gehirnareale zuständig sind4. Durch die Möglichkeiten der Messung und Reizung von kleinsten Zellverbänden des menschlichen Gehirns können neue Einsichten gewonnen werden, die letztlich auch für kulturvergleichende Betrachtungen nicht ohne Bedeutung bleiben5. Die neuen technischen Untersuchungsmöglichkeiten von heute beschreibt Watzlawick wie folgt: 7 Kulturelle Neurowissenschaft 7.1 Interdisziplinärer Ansatz zur Strukturierung des Unbewussten Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 286 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 287 286 7 Kulturelle Neurowissenschaft „Der (…) Nobelpreis etwa wurde für ganz subtile Feststellungen von realen Hirnfunktionen, etwa das Herausfinden des Ortes, wo im Hirn der rechte Winkel buchstäblich physiologisch seinen Sitz hat, verliehen. Das lässt uns erwarten, daß in den nächsten Jahrzehnten die Naturwissenschaft das Hirn und die dem Hirn zugrunde liegende genetische Struktur, die das Hirn macht, derart detailliert auseinandernehmen wird, daß wir die Begrenzungen unseres kognitiven Apparates „von außen“ detailliert verstehen werden.“6 Die Berücksichtigung unterschiedlichster Disziplinen für die Interkulturelle Kommunikation entspricht letztlich der „Pflicht zur Interdisziplinarität“, die von verschiedenen Seiten gefordert wird. Ehrhardt geht sogar soweit, dass verwertbare Ergebnisse auf dem Gebiet der interkulturellen Kommunikationsforschung letztlich ausschließlich durch die „Integration verschiedenster Ansätze im Geiste der Interdisziplinarität“ möglich sind und dass dies auch zum Selbstverständnis der interkulturellen Kommunikationsforschung gehört7. Der überaus renommierte Gehirnforscher Roth geht davon aus, dass die Frage nach den Determinanten menschlichen Verhaltens nur interdisziplinär behandelt bzw. beantwortet werden kann8. Neben den bereits genannten Disziplinen bezieht sich dies auch auf die weiteren, hier nicht näher berücksichtigten Disziplinen wie Linguistik, Soziologie, Anthropologie, Kommunikations- und Medienwissenschaft etc.9. Zudem ist es in hohem Maße zu bedenken, dass es Roth als seine Kernaussage ansieht, dass sich die gesellschaftliche Natur des Menschen aus seiner biologischen Natur ergibt und nicht umgekehrt. Deshalb ist für ihn das gesellschaftliche und somit auch kulturelle Wesen des Menschen ohne seine (neuro)biologische „Konzeption“ nicht verständlich: „Nur weil der Mensch über angeborene Mechanismen verfügt, die ihn biologisch, psychisch und kommunikativ an andere Menschen binden, gibt es überhaupt so etwas wie eine menschliche Gesellschaft. Viele Säugetiere sind Einzelgänger und schon rein biologisch nicht auf „Gesellschaft“ ausgelegt. Das ist bei den „Schimpansenartigen“, zu denen wir gehören, eben völlig anders.“10 Bereits seit längerer Zeit gilt es als erwiesen, dass ca. 70 bis 80 % des gesamten menschlichen Verhaltens durch den Bereich des Unbewussten gesteuert werden. Der unbewusste Charakter menschlichen Verhaltens kommt ganz besonders deutlich durch die Ergebnisse voneinander unabhängig durchgeführter neurowissenschaftlicher Studien zum Ausdruck, die zeigen, dass lange bevor der Mensch in seinem Bewusstsein ein Gefühl hat, frei in der Entscheidung und im Willen eine Körperbewegung auszulösen, in tiefer liegenden Gehirnregionen bereits elektrische Bereitschaftspotentiale, also letztlich Gehirnströme messbar sind. Eine Erklärung für die unbewusste Ausrichtung menschlichen Verhaltens wird im Folgenden noch zu geben sein. Daher sei zunächst einmal die Richtigkeit dieser Aussage angenommen. Ausgehend von einem vorrangig unbewusst vonstatten gehenden menschlichen Verhalten kann konstatiert werden, dass der mittels objektiver Bewertungsmechanismen und Instrumente bewusst, also rational agierende moderne Mensch letztlich eine Fiktion ist. Wie in Abbildung 7-1 dargestellt ist ein bewusstes, d. h. vernunftorientiertes Verhalten von sekundärer Bedeutung. Vielmehr ist es der Bereich des Unbewussten und der Emotionen, der das menschliche Verhalten Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 286 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 287 2877.1 Interdisziplinärer Ansatz zur Strukturierung des Unbewussten maßgeblich determiniert und steuert11. Unter Emotionen werden dabei Gefühle verstanden, beispielsweise Gefühle von Glück, Sympathie, Angst, Eifersucht oder Hass. Derartige Gefühle bzw. Emotionen sind innere Erregungen, die bewusst oder auch unbewusst als angenehm oder unangenehm erlebt werden können12. Emotionen sind dabei als die grundlegend bedeutsamen menschlichen Antriebskräfte zu sehen13. In Bezug auf das unbewusst geprägte menschliche Verhalten schildert Häusel, wie das menschliche Gehirn in diesem Sinne „auf der Basis von biologischen Programmen operiert“. Die menschlichem Verhalten zugrunde liegenden Mechanismen selbst bzw. die Einflussnahme der hierbei zum Tragen kommenden biologischen Programme bleiben dem agierenden Menschen verborgen, die Einflussnahme geschieht vielmehr über den Bereich des Unbewussten bzw. der Emotionen, die menschliches Verhalten steuern und lenken14. Im Übrigen wird die Existenz eines biologischen Grundprogramms sowie dessen Bedeutung auch von Hofstede angeführt: „The (…) most basic (level of mental programming, Anm. des Verf.) is the universal level of mental programming that is shared by all, or almost all, humankind. This is the biological „operating system” of the human body, but it includes a range of expressive behaviors, such as laughing and weeping, associative and aggressive behaviors that are also found in higher animals. This level of our programming has been popularized by ethnologists (biologists who specialize in animal behavior) such as Konrad Lorenz, Desmond Morris, and Irenaeus Eibl-Eibesfeldt. (…) „Mental programs can be inherited (transferred in our genes) (…). It is that part of our genetic information that is common (…). Eibl-Eibesfeldt calls this our Vorpro‑ grammierung (preprogramming) and argues that parts of it are still derived from our far ancestors, who survived by hunting and gathering.”15 Der große Anteil des Unbewussten am menschlichen Verhalten führt unmittelbar zur Frage nach der Willensfreiheit des Menschen. In diesem Zusammenhang sind insbesondere die Experimente des US-amerikanischen Neurobiologen Benjamin Sichtbarer Anteil: 20 –30 % bewusstes Verhalten Unsichtbarer Anteil: 70– 80 % unbewusstes Verhalten Bewusstsein und Vernunft Emotionen und Unterbewusstsein / biologisches Erbe Abbildung 7‑1: Anteile von Bewusstem und Unbewusstem am menschlichen Verhalten (Quelle: eigene Darstellung) Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 288 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 289 288 7 Kulturelle Neurowissenschaft Libet anzuführen, die dieser im Jahre 1983 veröffentlicht hat. Bei den Experimenten selbst wurden die Versuchspersonen darauf trainiert, innerhalb eines vorgegebenen Zeitraumes spontan den Entschluss zu fassen, entweder einen Finger der rechten Hand oder die ganze rechte Hand zu beugen. Das zentrale Ergebnis der Experimente von Libet war, dass sich im Gehirn bereits ca. 550–350 Millisekunden vor der Entscheidung der Versuchspersonen, also vor dem eigentlichen Willensentschluss Bereitschaftspotentiale in den Gehirnen der Versuchspersonen gezeigt haben. Nebenbei bemerkt repräsentiert dieser ansonsten eher kurze Zeitraum in der Gehirnforschung eine „kleine Ewigkeit“. Daher war die zentrale Erkenntnis dieser Experimente die, dass der Willensentschluss dem Beginn des Bereitschaftspotentials nachfolgt. In jedem Falle also löst nicht der Willensentschluss das Bereitschaftspotential aus. In Bezug auf das Bereitschaftspotential aber kann angenommen werden, dass es Bedingungen reflektiert, die eine Bewegung kausal hervorrufen. Libet selbst haben diese Erkenntnisse zu der Meinung geführt, dass die Willenshandlungen des Menschen von unbewussten, subcortikalen Instanzen im Gehirn vorbereitet werden und somit nicht vollkommen frei sind16. Diese Grundaussage von Libet wurde in nachfolgenden, sinnvoll modifizierten Experimenten von anderen Wissenschaftlern bestätigt und noch spezifiziert. Der Gehirnforscher Roth fasst die Erkenntnisse all dieser Experimente wie folgt zusammen: „Es kann nunmehr keinen Zweifel daran geben, dass unter den gegebenen Bedingungen der Entschluss, eine bestimmte … Bewegung auszuführen, mehrere hundert Millisekunden nach Beginn des lateralisierten Bereitschaftspotentials auftritt, und dabei eindeutig einem frühen oder späten Beginn dieses Potentials folgt. Hierbei ist die (…) Tatsache besonders zu beachten, dass das lateralisierte Bereitschaftspotential der ausgelösten Bewegung viel spezifischer (und zeitlich kürzer) vorhergeht und dass die mit ihm erfasste Aktivität nach allem, was wir wissen, die Bewegung in ihren Details festlegt. Wir müssen also davon ausgehen, dass sich unter den gegebenen Bedingungen das Gefühl, etwas jetzt zu wollen (… der Willensruck), sich erst kurze Zeit nach Beginn des lateralisierten Bereitschaftspotentials entwickelt, und dass die erste Komponente, das symmetrische Bereitschaftspotential, sich weit vor dem „Willensentschluss“ aufbaut. Der Willensakt tritt auf, nachdem das Gehirn bereits entschieden hat, welche Bewegung es ausführen wird.“17 „Willensfreiheit im starken „alternativistischen“ und „libertarischen“ Sinne dieses Begriffs, nämlich der freien Verursachung meiner Handlungen durch meinen Willen und faktischen Alternativismus, gibt es nicht.“18 Um die Steuerung menschlichen Verhaltens besser verstehen zu können ist es zunächst einmal ratsam sich mit dem ganz grundsätzlichen Aufbau des menschlichen Gehirns sowie seiner Entwicklungsgeschichte auseinanderzusetzen. Stark vereinfacht kann das menschliche Gehirn gemäß Abbildung  7-2 in drei Zonen eingeteilt werden. Ganz unten gelegen ist als entwicklungsgeschichtlich sehr alte Gehirnregion der sogenannte Hirnstamm, auch als Stammhirn bezeichnet. Der Hirnstamm repräsentiert quasi den „Startpunkt“ der Motiv- und Emotionssysteme. Als solcher ist er zuständig für die Schlaf-Wach-Aktivierung. Zudem werden Außen- und Inneninformationen des Körpers zu einem Gesamtbild integriert. Schließlich ist er stark an der Aufrechterhaltung des emotionalen und physiologischen Gleichgewichts beteiligt19. Über dem Hirnstamm liegt das Zwischenhirn. Ganz oben befindet sich schließlich das Endhirn. Der wichtigste Bestandteil des Endhirns ist der sogenannte Neokortex, der umgangssprachlich auch als Groß- Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 288 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 289 2897.1 Interdisziplinärer Ansatz zur Strukturierung des Unbewussten hirn(rinde) bezeichnet wird. Dieser Gehirnbereich ist entwicklungsgeschichtlich der jüngste, aber auch größte Teil des menschlichen Gehirns. Das auch in Abbildung 7-5 gesondert herausgestellte sog. limbische System schließlich, dessen zentral bedeutsame Rolle bei der Steuerung menschlichen Verhaltens im Folgenden noch deutlich werden wird, ist als wichtige Gehirnregion teilweise zum Zwischenhirn und teilweise zum Endhirn hinzuzuordnen20. Lange Zeit standen in der Gehirnforschung die Untersuchung des Großhirns, also des sog. Neokortex, sowie die durch dessen außergewöhnliche Größe möglichen Denkleistungen des Menschen im Mittelpunkt. So beschäftigen sich über 90 % der wissenschaftlichen Untersuchungen mit den primär kognitiv ausgerichteten Leistungen des menschlichen Neokortex, die in punkto Komplexität und Problemlösungsfähigkeit auf der Erde wohl nicht annähernd ihresgleichen finden. Eine dieser außergewöhnlichen Leistungen des Neokortex, also des Großhirns ist in der Sprach- bzw. Informationsverarbeitung zu sehen, die in bestimmten kortikalen Arealen und zwar in mehreren Stufen erfolgt. „Höhere“ und „tiefere“ Areale informieren sich dabei wechselseitig über die Ergebnisse ihrer jeweiligen Analyse. Darüber hinaus besteht diese Analyse aus einer wechselseitigen Signalweitergabe über mehrere Stufen hinweg. Jede einzelne dieser Stufen der Sprachverarbeitung wird dabei von einem bestimmten kortikalen Areal bewerkstelligt. Die in Abbildung 7-3 dargestellten einzelnen Stufen der Sprachverarbeitung seien im Folgenden zur beispielhaften Demonstration der Leistungsfähigkeit des menschlichen Neokortex näher vorgestellt. Auf einer ersten Stufe wird beim Verstehen von Sprache zunächst die vom Innenohr kommende Information von einer Frequenzkarte analysiert. Unabhängig von der Kulturzugehörigkeit nehmen Menschen mehr oder weniger dieselben Frequenzen wahr. Demzufolge sind die Frequenzkarten, die auch als tonotopische Karten bezeichnet werden, bei verschiedenen Menschen sehr ähnlich ausgebildet. Neokortex / Großhirn Zwischenhirn Hirnstamm Kleinhirn Abbildung 7‑2: Grundlegender Aufbau des menschlichen Gehirns (Quelle: in Anlehnung an Häusel (2012 b), S. 72) Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 290 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 291 290 7 Kulturelle Neurowissenschaft Die über den Gehörnerv eintreffenden Erregungsmuster werden sodann auf einer zweiten Stufe umkodiert in sog. Phoneme. Phoneme sind die kleinsten lautlichen Einheiten von Sprache. Die Frequenzspektren werden also umkodiert in Laute. Auf dieser zweiten Stufe der Sprachverarbeitung werden die Phoneme einer Analyse unterzogen. Allerdings sind diese Laute von Sprache zu Sprache verschieden. So haben Angelsachsen Schwierigkeiten bei der Aussprache von deutschen Worten mit „ü“, da sie es in ihrer Sprache nicht gelernt haben, zwischen „u“ und „ü“ zu unterscheiden, Dieser Unterschied ist in der englischen Sprache ganz einfach nicht existiert. Noch bekannter sind die Schwierigkeiten von Japanern, die nicht zwischen „la“ und „ra“ unterscheiden können, da dieser Unterschied in ihrer Sprache nicht vorkommt. Durch die Verwendung von Sprachlauten wird die Entwicklung kortikaler Repräsentationen von Lauten vorangetrieben. Jene Laute, die nicht gehört bzw. nicht unterschieden werden, werden auch nicht kodiert und sind somit auch nicht verfügbar. Das in der zweiten Stufe der Sprachverarbeitung in Phoneme, also Lautfolgen umkodierte ganze gehörte Wort muss nun in einer dritten Stufe im Sinne der Semantik mit Bedeutungen in Verbindung gebracht werden. Die einzelnen Bedeutungen sind im Neokortex nach heutigem Wissensstand getrennt von den lautlichen Aspekten gespeichert. Spitzer beschreibt diese räumliche Trennung wie folgt: „Wenn uns z. B. ein Wort auf der Zunge liegt, so wissen wir definitionsgemäß, was wir sagen wollen (Bedeutung), uns fällt jedoch die die Bedeutung repräsentierende Lautfolge, das Wort, nicht ein. Dabei wissen wir in 60 bis 70 % der Fälle sogar den Frequenzen Phoneme Wortbedeutungen (Semantik) Handlungszusammenhänge (Pragmatik) Abbildung 7‑3: Analyseprozesse beim Verstehen gesprochener Sprache in kortikalen Arealen (Quelle: in Anlehnung an Spitzer (2003), S. 75) Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 290 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 291 2917.1 Interdisziplinärer Ansatz zur Strukturierung des Unbewussten ersten Buchstaben und in 60 bis 80 % der Fälle die Anzahl der Silben. In Zuständen von Ermüdungen kann es auch bei Gesunden zu solchen Wortfindungsstörungen kommen. Diese Fälle zeigen eindrücklich, daß die Repräsentation der Bedeutung von der Repräsentation von Lautfolgen, die diesen Bedeutungen zugeordnet sind, getrennt sein kann. Die Störung lässt sich ganz allgemein als Problem der Umkodierung verstehen.“21 Auf einer vierten Stufe kommt es schließlich zu einer kontextuellen Analyse, da letztlich die Bedeutung eines Wortes vom Kontext determiniert wird. So ist die Bedeutung eines Wortes zu trennen von dem übergeordneten Satzsinn. Beispielsweise hat das Verb „fliegen“ in den Sätzen „Sie fliegen nächste Woche zum Kunden in die USA.“ und „Passen Sie auf, dass Sie nicht aus dem Unternehmen fliegen.“ eine gänzlich andere Bedeutung. Hier stellt sich die grundsätzliche Frage, wie der Mensch diese Sätze verstehen kann, wo er doch Sätze aus Wörtern bildet, diese also bereits verstanden haben muss, wenn es an das Verstehen des ganzen Satzes geht. Die Lautfolgen der beiden Sätze kann der Mensch erst dann richtig interpretieren, wenn ihm der entsprechende Kontext vorliegt. Anhand der dargelegten vier Stufen der Sprachverarbeitung ist deutlich geworden, dass die komplexen Analyseprozesse beim Verstehen gesprochener Sprache durch Interaktion zwischen verschiedenen kortikale Arealen auf den verschiedenen Ebenen der Umkodierung vonstatten gehen. Dabei werden die über den Gehörnerv eintreffenden zeitlichen Erregungsmuster zuerst auf einer Frequenzkarte kodiert und sodann weiter phonologisch, semantisch und kontextuell analysiert. Hierbei ist die Analyse auf jeder Stufe zugleich eine „Synthese des jeweils aufgrund übergeordneter Information wahrscheinlichsten Inputmusters: Der Kontext kann die Bedeutung eines Wortes determinieren, ein Wort den Klang eines Phonems.“22 Schließlich sei nochmals darauf hingewiesen, dass jede einzelne der angeführten Stufen der Sprachverarbeitung von einem bestimmten kortikalen Areal bewältigt wird. Die Struktur dieser Areale ist so angelegt, dass spontan „Landkarten“ der in ihnen verarbeiteten Informationen entstehen. Angesprochen ist hiermit, dass Wörter und ihre Bedeutungen im „mentalen Lexikon nicht etwa alphabetisch oder völlig unorganisiert, sondern netzwerkartig gespeichert“ sind. In diesem Zusammenhang wird auch von semantischen Netzwerken gesprochen. Wenn der Mensch spricht oder Sprache versteht, dann werden in diesen semantischen Netzwerken bestimmte Knoten aktiviert. Beispielsweise kann der gehörte Satz „Der Tisch ist weiß.“ den „Tisch“-Knoten sowie den „weiß“-Knoten innerhalb einiger hundert Millisekunden aktiviere. Psycholinguistische Studien deuten darauf hin, dass sich die Aktivierung eines Knotens „ein Stück weit in dessen Umgebung ausbreitet. Hierdurch werden Nachbarknoten im Netzwerk für eine gewisse Zeit“ aktiviert. Diese sich ausweitende Aktivierung steigert die Wahrscheinlichkeit, dass die jeweiligen aktivierten Knoten von der „Sprachproduktionsmaschinerie“ im Menschen verwendet werden. Nebenbei bemerkt ist es in diesem Zusammenhang interessant zu wissen, dass die Wortwahl eines Kommunikators oftmals mehr über das verrät, was er wirklich meint, als über das, was er sagt23. Diesen Sachverhalt verdeutlicht der Sozialpsychologe Förster am Beispiel eines Stereotyps. Seiner Auffassung nach werden Deutsche häufig mit Nazis und Konzentrationslagern in Verbindung gebracht, weil diese Stereotype bzw. Vorurteile Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 292 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 293 292 7 Kulturelle Neurowissenschaft „in besonderer Weise im Gedächtnis gespeichert sind. (…) In Augenblicken, in denen keine Zeit zum Nachdenken bleibt, in Stressmomenten etwa, ist das Vorurteil sofort präsent. Wer 50 Jahre lang mit dem Begriff deutsch auch Konzentrationslager im Gehirn gespeichert hat, der sagt das dann. (…) das kann keiner bewusst steuern.“24 Die netzwerkartige Speicherung von Wörtern und ihrer Bedeutungen scheint kulturspezifisch zu sein. So zeigt beispielsweise eine Studie von Kroeber-Riel, dass die Assoziationen deutscher und französischer Studenten angesichts bestimmter, vorgelegter Reizwörter sehr unterschiedlich sind. Beispielsweise assoziierten die Deutschen mit dem Wort ruhig („tranquil“) die Wörter Wald, schlafen, Kirche und Nacht, die Franzosen hingegen die Worte Land, Wald, Natur und Haus. Die Reihenfolge zeigt hierbei die jeweilige Wichtigkeit der einzelnen Assoziationen auf. Insgesamt waren vielfältige Unterschiede in den mit den vorgelegten Reizworten verbundenen Bildvorstellungen zu beobachten25. Heutzutage gilt das Modell von der sich „ausbreitenden Aktivierung“ („spreading activation model“) als allgemein akzeptiert. Der hierbei erfolgende Zugriff auf das „mentale semantische Gedächtnis“ durch Aktivierung eines Knotens im Netzwerk geht innerhalb einiger hundert Millisekunden vonstatten, um sodann entweder passiv abzuklingen oder durch einen Hemmprozess aktiv verringert zu werden. Durch die sich ausbreitende Aktivierung eines Wortes im Netzwerk werden letztlich naheliegende Bedeutungen mit aktiviert. Diese Mitaktivierung ist letztlich die Ursache dafür, dass die entsprechenden naheliegenden Wörter in den nachfolgenden spontanen sprachlichen Ausführungen nicht nur häufiger verwendet werden, sondern dass sie auch bei Wortentscheidungsaufgaben rascher erkannt werden: „Wenn man das Wort weiß sieht, schwappt die Erregung ein Stück weit zu schwarz. Aufgrund dieser Voraktivierung erkennt man dann schwarz als Wort besser.“26 Andere zu „schwarz“ naheliegende Wörter, die im Rahmen der sich ausbreitenden Aktivierung angesprochen werden, wären zum Beispiel die Wörter „dunkel“, „Nacht“, „Kohle“, „Pech“ etc. Es wird deutlich, dass der Mensch offensichtlich Ähnliches (z. B. schwarz – dunkel) oder auch Entgegengesetztes (schwarz – weiß) nahe beieinander im Kortex abgespeichert hat, so dass die eine Bedeutung die andere jeweils in gewissem Maße mitaktiviert. Der Mensch lernt Sprache bzw. Wörter also „gleichsam auf dem Rücken bereits gelernter Wörter.“ Aber die Wörter werden nicht nur nach semantischen Gesichtspunkten auf das Netzwerk verteilt, sondern auch nach grammatikalischen Gesichtspunkten. Das Lernen ganzer Sätze erfolgt somit dadurch, dass Wörter des gleichen Typs, also zum Beispiel Substantive, Verben, Adverbien etc. auf je eigene größere Flächen verteilt werden. Gleichzeitig werden die Wörter in jeder dieser Flächen wiederum nach semantischen Gesichtspunkten geordnet. So stehen beispielsweise Adjektive bzw. Adverbien mit entgegengesetzter Bedeutung nahe beieinander. Gerade ihre entgegengesetzte Bedeutung hat zur Folge, dass sie häufig im gleichen Wortkontext Verwendung finden. Das Ergebnis ist eine Bedeutungskarte, die vergleichbar ist mit der in Abbildung 7-4 dargestellten Karte, die aus Assoziationsnormen im Rahmen einer Computersimulation von Ritter und Kohonen gewonnen wurde. Dabei ist jedes Neuron mit jenem Namen bezeichnet, dessen zugehöriger Input das Neuron am stärksten aktiviert. Es ist deutlich erkennbar, dass das Netzwerk die Wörter sowohl Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 292 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 293 2937.1 Interdisziplinärer Ansatz zur Strukturierung des Unbewussten nach semantischer Verwandtschaft als auch nach grammatischer Kategorie geordnet repräsentiert. Hochstufige begriffliche und grammatische Zusammenhänge werden somit auf einer zweidimensionalen Fläche abgebildet. Das menschliche Gehirn, genauer gesagt der Neokortex, geht mit sprachlichem Input um wie auch mit anderen Inputmustern, d. h. es wird versucht, Regelmä- ßigkeiten zu extrahieren. In diesem Zusammenhang ist auf die Besonderheit von Sprache zu verweisen, die darin zu sehen ist, dass diese Regelmäßigkeiten an andere Menschen im Rahmen des sprachlichen Diskurses weitergegeben werden können. Erfahrungen, also die aus der Verarbeitung vieler Inputmuster gewonne- Wasser Fleisch Hund Pferd Bier Brot Katze Bob Jim Mary schnell langsam gut schlecht trinkt läuft haßt liebt telefoniert besuchtkauft verkauft rennt spricht arbeitet ißt oft viel selten wenig Abbildung 7‑4: Semantisches Netzwerk als Ergebnis einer Computersimulation von Ritter und Kohonen (Quelle: Spitzer (2003), S. 95) Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 294 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 295 294 7 Kulturelle Neurowissenschaft nen allgemeinen Strukturen, können sprachlich weitergegeben werden. Zudem ist die Sprache an sich nicht ein für alle Male feststehend, sondern sie passt sich den gesammelten Erfahrungen an bzw. wird vom Menschen den Erfahrungen angepasst. Somit ist auch eine Weiterentwicklung von Sprache möglich, und zwar durch Sprachbegabte und erfinderische Wortkünstler wie Shakespeare, der ca. 10 % aller in seinen Stücken verwendeten Wörter selbst erfunden hat27. Im Übrigen wird die These, dass der Mensch das Sprechen insbesondere in den ersten drei Lebensjahren lernt („Null-bis-drei-Bewegung“) mittlerweile als nicht haltbar eingestuft. Aber auch andere vergleichbare Thesen, die den Lernzeitraum weiter fassen, sind nicht unumstritten: „Auch beim Sprechenlernen verhält es sich mit der sensiblen Phase nicht so einfach, wie oft suggeriert wird. Zwar nimmt die Fähigkeit, sich grammatikalische Regeln einer Sprache anzueignen, bei Heranwachsenden allmählich ab. Doch nicht alle Menschen halten sich an das Dogma. Als etwa der Pole Jósef Korzeniowski 20-jährig nach England kam, sprach er nur ein paar Worte der Landessprache. Unter dem Namen Joseph Conrad wurde er einer ihrer Meister. Gleich ihm verblüffen etwa fünf Prozent der Zweisprachler die Wissenschaft, weil sie es noch als Erwachsene schaffen, sich die Grammatik der fremden Sprache wie Einheimische anzueignen. Und Vokabeln lernen klappt sogar in jedem Alter. Natürlich ist es sinnvoll, früh Englisch oder Französisch zu üben. Oder, wie der amerikanische Kinderpsychiater Harry Chugani sagt: „Welcher Trottel hat entschieden, dass Kinder fremde Sprachen erst in der High School lernen sollen?“ Doch das ist keine neue Erkenntnis der Hirnforschung. Es ergibt sich schlicht aus Beobachtungen und Studien darüber, wer wann was lernt oder eben nicht – angefangen mit Kaspar Hauser. Die Neurobiologen untermauern das Bekannte (…) mit Befunden, was dabei im Gehirn vorgeht. So werden grammatische Informationen einer spät erlernten Sprache in anderen Gehirnregionen verarbeitet als üblich. Vokabeln machen sich dagegen in jedem Alter in denselben Zentren breit.“28 Offensichtlich verhält es sich in Bezug auf die Lernfähigkeit so, dass einige, aber eben nicht alle Lernprozesse in umgrenzten Abschnitten der Jugendzeit leichter fallen, da das Gehirn in dieser Zeit auf den entsprechenden Input wartet. Andere Lernprozesse hingegen werden etwa vom amerikanischen Lernforscher Greenough als „erfahrungsabhängig“ eingestuft. Diese erfahrungsabhängigen Prozesse, beispielsweise im Bereich der Mathematik, finden statt, wann immer die entsprechenden Anregungen geboten werden: „Als bei dem Bauernvolk der Oksampin in den Bergen von Neuguinea das Geld Einzug hielt und die Erwachsenen plötzlich Kopfrechnen mussten, erfanden sie spontan die gleichen Zählstrategien wie anderswo die kleinen Kinder.“29 Generell benötigt das menschliche Gehirn besonders viel Stoffwechselenergie, nämlich ca. zehnmal mehr als ihm vom Relativvolumen her zukäme, denn das Gehirn selbst macht nur ca. 2 % des Körpervolumens aus, verbraucht aber rund 20 % des zur Verfügung stehenden Sauerstoffes. Dabei ist wiederum die Großhirnrinde, also der Neocortex besonders anspruchsvoll, verbraucht sie doch achtmal mehr Sauerstoff und Glucose als anderes Gehirngewebe. Gleichzeitig hat der Cortex keine eigenen nennenswerten Zucker- und Sauerstoffreserven. Somit lebt er im Rahmen seiner Aktivitäten quasi von der Hand in den Mund. Es wird Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 294 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 295 2957.1 Interdisziplinärer Ansatz zur Strukturierung des Unbewussten deutlich, dass der mit ihm verbundene Zustand des Bewusstseins klar definierten physiologischen Bedingungen unterliegt, die durch einen hohen Energie- und Stoffumsatz charakterisiert sind. Ohne ausreichende Versorgung des Gehirns mit Sauerstoff und Glucose kann auch kein Bewusstsein entstehen. Die Frage die sich nun stellt ist natürlich die Frage, warum bzw. wofür all dieser immense Aufwand betrieben wird. Um diese Frage beantworten zu können ist es notwendig sich zu vergegenwärtigen, wann und wozu überhaupt Bewusstsein benötigt wird30. In diesem Zusammenhang weist Roth auf die Erklärung aus dem Bereich der Kognitionspsychologie hin: „Bewusstsein ist nötig, wenn das Gehirn mit Sachverhalten konfrontiert wird, die (1) hinreichend neu sind, so dass das Gehirn hierfür nicht bereits eine Antwort parat hat, (2) hinreichend komplex sind, so dass das Gehirn sie nicht unbewusst bewältigen kann… und (3) hinreichend wichtig sind, so dass sie nicht gleich „weggefiltert“ werden und erst gar nicht ins Bewusstsein dringen. Dabei kann es sich um ein unbekanntes Gesicht, ein merkwürdiges Geräusch, einen noch unverstandenen Satz, eine bedrohliche soziale Situation, ein kniffliges Problem oder ein neues, kompliziertes Bewegungsmuster (z. B. Fahrradfahren-Lernen) handeln.“31 Das langsam arbeitende Bewusstseins- und Aufmerksamkeitssystem wird also nur dann eingeschaltet, wenn ein Geschehnis oder eine Aufgabe als ausreichend neuartig und wichtig eingeschätzt wird. Der Mensch erlebt die in diesem Zuge vollbrachten bewussten Leistungen als mühevolle Arbeit. Dies ist im Übrigen umso mehr der Fall, je ungewohnter das Geschehen oder die Aufgabe ist. Es wird deutlich, dass auch geistige Arbeit eine Form von Arbeit ist, die entsprechend viel Stoffwechselenergie verbraucht. Nebenbei bemerkt werden Leistungen umso müheloser, je mehr sie eingeübt, wiederholt und letztendlich auch automatisiert werden. Mit der dadurch erzielten steigenden Mühelosigkeit sinkt auch der Aufwand an Bewusstsein und Aufmerksamkeit und zwar solange, bis letztendlich – wenn überhaupt – nur ein begleitendes Bewusstsein übrig bleibt. Somit wird deutlich, dass das explizite, deklarative Bewusstseinssystem ein ganz besonderes Werkzeug des Gehirns ist, das nur dann eingesetzt wird, wenn es um die Lösung von neuartigen, kognitiv oder motorisch schwierigen und bedeutungsvollen Problemstellungen geht. Aus einer ganzen Vielzahl struktureller und funktionaler Gründe können dies die subcortikalen Zentren nicht leisten, vermutlich infolge einer unzureichenden synaptischen Plastizität. Der Cortex hingegen vermag dies sehr wohl zu leisten. Allerdings hat der Cortex auch entscheidende Nachteile. Diese Nachteile sind insbesondere in seiner Langsamkeit, in seiner für kreative Systeme häufig gegebenen Fehleranfälligkeit sowie in seinem energetisch-stoffwechselphysiologischen Verbrauch zu sehen. Roth schreibt in diesem Zusammenhang: „Es gilt: Je automatisierter eine Funktion abläuft, desto schneller, verlässlicher, effektiver und billiger für das Gehirn. Daher ist es nicht verwunderlich, dass das Gehirn immer danach trachtet, Dinge aus der assoziativen Großhirnrinde auszulagern. Bewusstsein ist für das Gehirn ein Zustand, der tunlichst zu vermeiden und nur im Notfall einzusetzen ist. Wir Menschen leben jedoch in einer Umwelt, besonders einer sozialen Umgebung, die uns ständig neue, wichtige und komplizierte Probleme stellt, so dass es ratsam ist, das Bewusstsein mehr oder weniger durchgehend „eingeschaltet“ zu lassen, auch wenn dies energetisch kostspielig ist. Der damit erkaufte Vorteil, nämlich eine sofortige Handlungsbereitschaft, wiegt diese Kosten ganz offensichtlich auf.“32 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 296 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 297 296 7 Kulturelle Neurowissenschaft Am Beispiel der Sprachverarbeitung dürfte deutlich geworden sein, dass der Neokortex in der Tat durch eine enorme Leistungsfähigkeit gekennzeichnet ist. Die moderne Gehirnforschung hat gezeigt, dass es der Neokortex ist, der den Menschen grundsätzlich befähigt, Problemstellungen von höchster Komplexität und Kompliziertheit zu erfassen und zu bewerkstelligen. Im Übrigen gilt nur die Großhirnrinde, also der Neocortex als bewusstseinsfähig33. Aktivitäten außerhalb der Großhirnrinde bzw. des Neocortex können nicht von Bewusstsein begleitet sein und seien sie noch so komplex34. Aber, und dieses aber kann gar nicht genug betont werden: Der Neokortex selbst hat kaum Auswirkungen auf die Art und Weise des grundlegenden menschlichen Verhaltens und seiner Steuerung. Dieses Verhalten wird vielmehr von einer anderen Gehirnregion maßgeblich gesteuert, die in jüngerer Vergangenheit eine zunehmende Zahl an Forschern beschäftigt. Es ist dies die entwicklungsgeschichtlich weitaus ältere Gehirnregion des sog. limbischen Systems35. Dieses limbische System wirkt maßgeblich mit an der Entwicklung von nichthomöostatischen Emotionen und Motivationen, also an Vorgängen, die durch externe Reize stimuliert werden36. Die Zentren des limbischen Systems aber sind bei allen Primaten und sogar bei den meisten Säugetieren sowohl in struktureller Hinsicht als auch in funktionaler Hinsicht dieselben. Im Übrigen hat sich auch das Volumenverhältnis zwischen diesen limbischen Zentren und der Großhirnrinde bzw. dem Neocortex, dem Sitz von Verstand und Vernunft des Menschen, in keiner Weise zugunsten der Großhirnrinde verschoben37. Der Grund, warum die Steuerungsfunktion des menschlichen Verhaltens in der Vergangenheit – fälschlicherweise – dem Neokortex zugeschrieben wurde, liegt vermutlich in seiner räumlichen Dominanz. Aufgrund seiner Größe wurde der Neokortex in der Vergangenheit unzutreffender Weise als Zentrum und Grundlage für ein vernunftgesteuertes menschliches Verhalten betrachtet. In der Tat ist der Neokortex, also die Großhirnrinde der Spezies Mensch durch seine überragende Größe charakterisiert, die ihn in einzigartiger Weise von tierischen Gattungen wie beispielsweise den Affen unterscheidet. Diese Größe bringt es mit sich, dass der menschliche Neokortex auch über eine enorme Anzahl an Nervenzellen verfügt, die den Menschen zur Lösung vergleichsweise komplexer Problemstellungen ermächtigt. Zu dieser Problemlösungsfähigkeit sind im Übrigen das Sprechen, also die verbale Kommunikation, aber auch viele weitere Errungenschaften der modernen menschlichen Gesellschaft in den vielfältigsten Bereichen wie Technologie, Kunst, Wissenschaft etc. zu rechnen. Jedoch ist durch diese außerordentlichen Fähigkeiten des Neokortex noch nicht die interessante Frage geklärt, warum der Mensch diese Errungenschaften erzielt, d. h. warum er sein Verhalten auf diese Bereiche mit derart hoher Intensität ausrichtet. Diese Frage nach dem Warum ist letztlich nur durch die zusätzliche Betrachtung des limbischen Systems zu beantworten, eines Teils des menschlichen Gehirns, das vor ca. 300 bis 250 Millionen Jahren entstand und in etwa 500 Mal so alt ist wie der Neokortex: „Die Grundstruktur des Gehirns von Säugetieren hat sich im Laufe der Evolution nur unwesentlich verändert. Das Gehirn des Menschen unterscheidet sich von den Gehirnen anderer Säugetiere lediglich durch eine gewaltige Zunahme des Volumens der Großhirnrinde und der mit ihr in Beziehung stehenden Strukturen. Selbst die Binnenorganisation der Großhirnrinde wurde seit ihrem ersten Auftreten im Wesentlichen beibehalten“38. Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 296 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 297 2977.1 Interdisziplinärer Ansatz zur Strukturierung des Unbewussten Dies widerspricht natürlich dem traditionellen Bild, das der Mensch lange Zeit von sich selbst hatte und das seine einzigartige Stellung in der gesamten Schöpfung zum Ausdruck bringen sollte. Doch macht Roth deutlich, dass rein biologisch gesehen diese Sonderstellung des Menschen schlichtweg nicht existent ist. Insbesondere mit den Schimpansen ist der Mensch auf das Engste verwandt, viel enger sogar als die beiden Schimpansenarten mit den Gorillas sowie anderen Großaffen. Diese Verwandtschaft ist aber nicht nur biologischer Art, sondern bezieht sich auch auf viele Verhaltensweisen. Letztendlich ist das menschliche Gehirn ein typisches Großaffengehirn. Die große Besonderheit des menschlichen Gehirns ist vor allem in dem sog. Broca-Areal in der Funktion als Sprachzentrum zu sehen, ansonsten gibt es im menschlichen Gehirn nichts, was nicht eine große Ähnlichkeit mit den Gehirnen anderer Großaffen aufweist. Zwar ist das Gehirn des Menschen im Vergleich zu seinem Körper vergleichsweise groß, doch folgen die Veränderungen der einzelnen Gehirnteile durchaus den für Säugetiere bzw. Primaten im Allgemeinen geltenden evolutiven Richtungen, was auch für die Großhirnrinde sowie das Stirnhirn gilt. Es wird deutlich, dass sich qualitativ betrachtet nahezu sämtliche Fähigkeiten, die in der Vergangenheit dem Menschen als einzigartige Fähigkeiten zugeschrieben worden sind auch bei zumindest einigen nichtmenschlichen Tieren finden lassen. Dies gilt zumindest für den Vergleich mit den Großaffen. Allerdings soll damit nicht zum Ausdruck gebracht werden, dass es überhaupt keine Unterschiede zwischen Menschen und nichtmenschlichen Tieren gibt. Zumindest bis zum Beweis des Gegenteils kann davon ausgegangen werden, dass die geistigen Fähigkeiten des Menschen erheblich größer sind als die anderer Tiere. Auch verfügt der Mensch über bestimmte Bewusstseinsformen, etwa das Nachdenken über sich selbst sowie über den Sinn des Lebens, die so bei anderen Tieren nicht oder nur in deutlich geringerem Umfange ausgeprägt sind. Aber auch die Herstellung und der Gebrauch von Werkzeugen sind bei nichtmenschlichen Tieren nur deutlich begrenzter üblich. In Bezug auf die Kommunikation ist zu sagen, dass einerseits die Leistungsfähigkeit und Komplexität der nichtmenschlichen tierischen Kommunikation mitunter sehr deutlich unterschätzt wird. Doch sind die tierischen Kommunikationssysteme andererseits der menschlichen syntaktisch-grammatikalischen Sprache sicherlich überaus deutlich unterlegen. Die menschliche Sprache selbst ist entwicklungsgeschichtlich betrachtet eine ziemlich „neue“ Erfindung und möglicherweise ist sie in ihrer ausgereiften Form erst seit ca. 50.000 Jahren existent. Dabei ist die Entwicklung der Sprache offenbar sehr eng verknüpft mit der Weiterentwicklung des präfrontalen Cortex und seiner Fähigkeit zur Verarbeitung mentaler Zustände im Zeitverlauf. Sicherlich ist das Broca-Areal, welches als Grundlage für die Befähigung zur syntaktisch-grammatikalischen Sprache angesehen werden muss, nicht zufällig Bestandteil des präfrontalen Cortex. Vielleicht kann die Entwicklung zur Befähigung im Umgang mit der Sprache aus anatomisch-physiologischer Sichtweise als ein kleiner Schritt angesehen werden. Die Folgen dieses Entwicklungsschrittes aber sind als überaus bedeutsam anzusehen. So ist es insbesondere der Umgang des Menschen mit abstrakten Repräsentationen, Zeichen und Symbolen, der menschliche Kultur überhaupt erst möglich macht39. Das limbische System als eminent wichtige Gehirnstruktur wird teilweise zum Zwischenhirn und teilweise zum Endhirn gezählt. Diese Positionierung des limbischen Systems geht auch anschaulich aus Abbildung 7-5 hervor. Das limbische System ist dabei aufzufassen als Sammelbezeichnung für jene Hirnstrukturen, Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 298 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 299 298 7 Kulturelle Neurowissenschaft die wesentlich an der Verarbeitung von Emotionen bzw. Gefühlen beteiligt sind40. Bis etwa Mitte der 1990er Jahre herrschte im Bereich der Gehirnforschung eine weitgehende Übereinstimmung über die Funktionen der größeren Gehirnbereiche. So wurde davon ausgegangen, dass das Großhirn, der Neokortex, der Sitz von Verstand und Vernunft ist. Dem darunter liegenden limbischen System hingegen wurden die Emotionen zugeordnet und dem tief unten gelegenen Stammhirn schließlich wurden die niederen Instinkte zugewiesen. Dabei wurde davon ausgegangen, dass diese Gehirnbereiche quasi wie Zwiebelschalen aufeinander sitzen und vergleichsweise unabhängig voneinander arbeiten, da sie kaum miteinander verbunden anmuteten. Insbesondere dem Neokortex wurde dabei eine besondere Rolle zuteil und es wurde davon ausgegangen, dass er das eigentliche Machtzentrum im menschlichen Kopf sei, welches seine Entscheidungen bewusst und vernunftbasiert auf rationale Weise trifft. Heute hingegen herrscht die davon abweichende Übereinkunft vor, dass das gesamte menschliche Gehirn weitgehend emotional ausgerichtet ist, die vorderen Gehirnbereiche mehr, das hintere Großhirn sowie das Kleinhirn weniger. Untermauert wird diese Einsicht bei der Betrachtung der Nervenbotenstoffe und Hormone, die die menschlichen Emotionssysteme maßgeblich mit gestalten. So beginnen ihre Bahnen im Stammhirn, laufen sodann durch das Zwischenhirn und das limbische System und ziehen sich sogar durch das gesamte Großhirn hindurch und haben dort somit Einfluss auf die Art und Weise des menschlichen Denkens. Indes ist anzumerken, dass sich ihre stärkste Konzentration allerdings in den unteren Gehirnbereichen des Stammund Zwischenhirns, genauer gesagt des limbischen Systems vorzufinden ist. Im Übrigen ist das limbische System selbst keine funktionale Einheit. Vielmehr dient dieser Begriff heutzutage als eine Art Sammelbezeichnung für all jene Bereiche, die maßgeblich an der Verarbeitung von Emotionen beteiligt sind. Dies ist auch der Grund, warum mittlerweile auch Teile des vorderen Großhirns, insbesondere der sog. orbitofrontale Kortex und der ventromediale Kortex dem limbischen System zugeordnet werden. Somit leistet auch das „vernünftige“ Großhirn einen wichtigen Beitrag bei der Verarbeitung von Emotionen. Insbesondere der vordere Teil des Großhirns spielt dabei eine Rolle als (emotionales) Rechenzentrum, welches die vom limbischen System bewerteten Signale mit verschiedensten emotionalen Erfahrungen und Bildern, die aus dem sog. episodischen oder autobiographischen Gedächtnis abgerufen werden, verrechnet. Daraus entsteht sodann ein Handlungsplan, der vom mittleren Teil des Großhirns sowie den darunter liegenden Basalganglien in konkrete Handlung umgesetzt wird. Infolge der Tatsache, dass das limbische System keine funktionale Einheit ist, sondern ihm vielmehr auch Teile des vorderen Großhirns zugerechnet werden gehört auch die alte Dreiteilung in Hirnstamm, Zwischenhirn und Endhirn der Vergangenheit an41. Im Folgenden seien die in Abbildung 7-5 abgebildeten, bedeutsamsten Akteure des limbischen Systems kurz angeführt und näher beschrieben. Die Amygdala, auch als Mandelkern bezeichnet, ist maßgeblich an der emotionalen Bewertung von Objekten bzw. äußeren Reizen beteiligt. Als eine Art „graue Eminenz“ ist sie Bestandteil der nachfolgend noch näher zu beschreibenden großen Emotionssysteme Balance, Dominanz und Stimulanz sowie der Sexualität. Der orbitofrontale und der ventromediale Kortex repräsentieren die eine von insgesamt zwei größeren Funktionseinheiten des präfrontalen Kortex. Der präfrontale Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 298 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 299 2997.1 Interdisziplinärer Ansatz zur Strukturierung des Unbewussten Kortex selbst repräsentiert die Verbindungsstelle zwischen emotionalem Wollen und konkreter Umsetzung in Handlungsplanung und Handlung. Insofern repräsentiert er eine Art Rechenzentrum, welches dem Menschen dabei behilflich ist seine Wünsche möglichst optimal mit den Möglichkeiten, die seine Umwelt bzw. seine Mitmenschen ihm eröffnen, in Einklang zu bringen. Der präfrontale Kortex ist im Vergleich zu den darunter befindlichen Hirnstrukturen sehr flexibel. Somit kann er schnell neue Erfahrungen aufnehmen und integrieren. Der orbifrontale Kortex und der ventromediale präfrontale Kortex repräsentieren dabei eine Funktionseinheit des präfrontalen Kortex, die sehr stark emotional ausgerichtet ist. Die zweite Funktionseinheit des präfrontalen Kortex hingegen ist funktional-kognitiv ausgerichtet. Insofern wird die emotionale Einheit heutzutage dem limbischen System zugerechnet. Der Hippocampus stellt das Lernzentrum dar, das Objekt-, Orts- und Situationsmerkmale mit emotionaler Bedeutung verknüpft, sie an unterschiedlichen Stellen im Neokortex abspeichert und von dort bei Bedarf auch wieder abruft. Der Hippocampus kann somit als das Zentrum des autobiographischen und episodischen Gedächtnisses gesehen werden. Für Lernen von reinen Fakten und Bewegungen hingegen ist er nicht zuständig. Der Hypothalamus kann quasi als der „Feldwebel“ des limbischen Systems angesehen werden. In dieser Funktion ist er zuständig für die Umsetzung der Bewertung z. B. der Amygdala in körperliche Reaktionen, indem er die Ausschüttung von Nervenbotenstoffen und Hormonen veranlasst. Zudem repräsentiert er das Zentrum der Vitalbedürfnisse wie Schlaf, Hunger, Durst und Sexualität. Der anteriore cinguläre Kortex repräsentiert eines der wichtigsten limbischen und verhaltenssteuernden Zentren. Als solches spielt es im Rahmen von Fehlererkennung und Fehlerkorrektur eine bedeutsame Rolle. Zudem wird angenommen, Abbildung 7‑5: Positionierung des limbischen Systems als Gehirnstruktur in den Bereichen von Zwischenhirn und Endhirn (Quelle: in Anlehnung an Häusel (2012 b), S. 72) Amygdala HippocampusHypothalamus Orbitofrontaler und ventromedialer Kortex (Anteriorer) cingulärer Kortex Nucleus Accumbens = Limbisches System Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 300 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 301 300 7 Kulturelle Neurowissenschaft dass es sich hierbei um ein Hirnzentrum handelt, das mit der komplexen Belohnungs- und Bestrafungswahrnehmung und somit auch mit Risikoeinschätzung zu tun hat42. Der Nucleus Accumbens schließlich ist Teil des limbischen Systems, gleichzeitig aber auch Teil des „Handlungs- und Bewegungsgehirns“, nämlich der sog. Basalganglien. Der Nucleus Accumbens wird auch als eine Art „Haben-wollen-Kern“ im Gehirn interpretiert, da er dann aktiv wird, wenn sich unerwartete und lustvolle Belohnungen aussichtsreich auftun. In diesen Situationen aktiviert der Nucleus Accumbens die „Haben-wollen-Handlungen“ des Menschen, unabhängig davon, ob es sich um einen Sachgegenstand oder einen attraktiven Sexualpartner handelt43. Die Spezialisierung einzelner Teile des Gehirns hat es mit sich gebracht, dass im limbischen System jene Steuerungsmechanismen für das (menschliche als auch das tierische) Verhalten zusammengeführt werden, die sich vorher über einen Zeitraum von Milliarden Jahren herauskristallisiert und als erfolgreiches Programm des Lebens erwiesen haben. Angesprochen sind hiermit die von Häusel als limbische Instruktionen vonseiten des limbischen Systems bezeichneten Steuerungsmechanismen, die noch eingehend zu betrachten sind. Zuvor sei jedoch die Aufgabenteilung zwischen Neokortex und limbischem System klar und deutlich dargelegt: „Würden wir unser Gehirn mit einem Computer vergleichen, dann wäre das Neokortex-Wachstum in dieser Analogie mit einer Speichererweiterung und einer Prozessorbeschleunigung gleichzusetzen. All dies macht den Computer zwar schneller, verändert aber die grundsätzlichen Funktionsabläufe nicht, weil diese durch das Betriebssystem vorgegeben sind. Unser Betriebssystem, das limbische System, ist aber gleich geblieben: Sowohl von der Struktur als auch von der Funktion her ist es (…) fast identisch wie bei unseren tierischen Vorfahren aufgebaut.“44 Das limbische System sowie die damit verbundenen biologischen Programme liegen letztlich dem Unbewussten zugrunde. Die genaue Ausgestaltung dieser Programme hat, wie noch zu zeigen sein wird, unter anderem auch Auswirkungen auf die jeweils spezifischen Verhaltenscharakteristika einer Kultur und damit zumindest mittelbar auch Folgen für die jeweilige, kulturspezifisch geprägte Art und Weise der Kommunikation. Das Grundprinzip dieser unbewussten Steuerung menschlichen Verhaltens ist dabei „keineswegs so geheimnisvoll (…), wie manche glauben. Wie so vieles in der Natur ist es letztlich genial einfach, auch wenn die zugrunde liegenden neuronalen Prozesse und Mechanismen äußerst komplex sind.“45 Für Häusel sind es letztlich drei limbische Instruktionen, auch zu verstehen als biologische Imperative, die das limbische System konstituieren und auf denen das alltägliche Verhalten des Menschen maßgeblich beruht. Diese Instruktionen oder eben Anweisungen werden mit Balance, Dominanz und Stimulanz bezeichnet. Daneben spielen auch die sog. Vital- oder Grundbedürfnisse eine wichtige Rolle. Unter den Vitalbedürfnissen ist das Bedürfnis nach Essen, Trinken, Atmung, Schlaf sowie Sexualität zu verstehen, das einen jeden Menschen grundsätzlich kennzeichnet. Letztlich sind es insbesondere die drei genannten limbischen Instruktionen, die im Steuerungszentrum des limbischen Systems greifen und die das menschliche Verhalten, für den Einzelnen weitgehend unbewusst, steuern. Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 300 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 301 3017.1 Interdisziplinärer Ansatz zur Strukturierung des Unbewussten Das dem unbewussten Anteil menschlichen Verhaltens zugrunde liegende biologische Programm mit seinen drei limbischen Instruktionen Balance, Dominanz und Stimulanz als maßgeblichen Wirkkräften treibt also den Menschen an, steuert sein Verhalten und Denken und repräsentiert auch die tragenden Säulen des menschlichen Charakters und seiner Persönlichkeit. Der grundlegende Verdienst von Häusel ist primär darin zu sehen, dass es ihm überzeugend gelingt, die Erkenntnisse unterschiedlichster Wissenschaftsbereiche in einem eigenständigen Ansatz zusammenzuführen und somit in Modellform eine anschauliche Strukturierung des unbewussten Teils menschlichen Verhaltens darzustellen. So fließen in diesen Ansatz Erkenntnisse der Psychologie (Persönlichkeits-, Motivations-, Kognitions- und Emotionspsychologie), der Psychoanalyse, der Verhaltens-, Gesprächs- und Gestalttherapie, aber auch der Verhaltensforschung sowie der Neurowissenschaften einschließlich der Neurobiologie ein46. Die Dominanz des Unbewussten am menschlichen Verhalten ist zunächst einmal kulturunabhängig, also in allen Kulturen dieser Welt vorherrschend, was sich darin begründet, dass das dem Unbewussten zugrunde liegende biologische Programm letztlich dem wesentlichen Ziel allen Lebens auf der ganzen Welt dient, welches in der Sicherung des Fortbestands der jeweiligen Spezies zu sehen ist. Dieses Ziel der Sicherung des Fortbestands der eigenen Art macht zugleich deutlich, dass, wie noch zu zeigen sein wird, das nachfolgend vorgestellte biologische Programm nicht nur das Verhalten des Menschen maßgeblich bestimmt, sondern auch im Tierreich zu beobachten ist. In diesem Sinne führt Roth die Kernaussage der Soziobiologie an, nämlich dass „die Evolution auf der Selektion von Genen beruht, welche die Träger vererbbarer Merkmale sind. Die Gene sind es, die letztendlich um Überleben, Vermehrung und Verbesserung kämpfen; sie sind in diesem Sinne „egoistisch“. Es hat sich allerdings schon sehr früh in der Evolution als vorteilhaft für die Gene erwiesen, sich mit unterschiedlichsten „Überlebensmaschinen“, d. h. Organismen, zu umgeben, sei es um besseren Zugang zu Nährstoffen zu erhalten, welche die Gene für ihre Replikation benötigen, sei es, um durch Auswandern in neue ökologische Nischen dem ständig härter werdenden Konkurrenzdruck zu entfliehen. Die Rezepte für die Ausbildung von „Überlebensmaschinen“ sind nahezu unendlich vielfältig: Im einen Fall war es gut, ein Einzeller zu bleiben und den Organismus einfach zu halten (z. B. bei der Amöbe oder beim Pantoffeltierchen), im anderen Fall wurden riesige „Überlebensmaschinen“ wie im Fall eines Elefanten oder eines Blauwals gebaut. Letztendlich aber besteht die einzige Aufgabe des Organismus, des Phänotyps, im Schutz der Gene … Alles was sich im und mit dem Organismus vollzieht, ist nur vom Überleben der Gene her zu verstehen; der Organismus ist das Vehikel „seiner“ Gene! Dies gilt für einfache ebenso wie für komplexe Verhaltensweisen einschließlich Kultur und Zivilisation. Dabei ist es völlig irrelevant, ob die Organismen, uns Menschen eingeschlossen, sich dessen bewusst sind oder nicht … Daher lautet die Grundüberzeugung: Alle für eine Art charakteristischen Verhaltensweisen müssen letztendlich den Fortpflanzungserfolg des Individuums und der Genverwandtschaft sichern… Für das bewusste, verständige und vernünftige Ich als Steuermann des eigenen Handelns bleibt … kein oder nur sehr wenig Platz.“47 Es wird deutlich, dass in diesem Sinne das Ich die wahren Gründe für das, was es tut, nicht kennt. Im Übrigen ist ein solches Wissen für die Erreichung eines überlebensrelevanten Verhaltens auch gar nicht erforderlich48. Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 302 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 303 302 7 Kulturelle Neurowissenschaft Diesen ersten Abschnitt zusammenfassend ist deutlich geworden, dass das menschliche Verhalten nicht grundlegend vom Neokortex als Sitz von Rationalität und Vernunft des Menschen gesteuert wird. Vielmehr ist es das limbische System als entwicklungsgeschichtlich weitaus älteres Gehirnareal, welches für die vorrangig unbewusst und emotional vonstatten gehende Steuerung menschlichen Verhaltens verantwortlich zeichnet, dies letztendlich immer mit dem Ziel der möglichst vielfältigen und erfolgreichen Weitergabe der eigenen Gene. Interessant erscheint an dieser Stelle der Einschub, dass der vielleicht erste Mensch, der die großen Ähnlichkeiten zwischen Menschen und nichtmenschlichen Säugetieren in umfassenderem Maße erkannt und dargelegt hat in Arthur Schopenhauer (1788–1860) zu sehen ist. So war es dieser zu den weltgeschichtlich bedeutsamen Denkern der Menschheit zu zählende deutsche Philosoph, der in seinem Hauptwerk „Die Welt als Wille und Vorstellung“ dem Willen von Leben im Sinne des Überlebens und der Weitergabe der eigenen Gene an künftige Generationen an sich eine ganz zentrale Rolle eingeräumt hat, dies in einer Zeit eines noch gänzlich anderen Menschenbildes. Die Zurechtrückung des Willens von Leben an sich ist seiner Auffassung nach nötig „… als alle mir vorhergegangenen Philosophen, vom ersten bis zum letzten, das eigentliche Wesen, oder den Kern des Menschen in das erkennende Bewußtseyn setzen, und demnach das Ich … als zunächst und wesentlich erkennend, ja denkend, und erst in Folge hievon, sekundärer und abgeleiteter Weise, als wollend aufgefaßt und dargestellt haben. Dieser uralte und ausnahmslose Grundirrthum … ist, vor allen Dingen, zu beseitigen und dagegen die naturgemäße Beschaffenheit der Sache zum völlig deutlichen Bewußtseyn zu bringen. Da aber Dieses, nach Jahrtausenden des Philosophierens, hier zum ersten Male geschieht, wird einige Ausführlichkeit dabei an ihrer Stelle seyn. Das auffallende Phänomen, daß in diesem grundwesentlichen Punkte alle Philosophen geirrt, ja, die Wahrheit auf den Kopf gestellt haben, möchte … zum Theil daraus zu erklären seyn, daß sie sämmtlich die Absicht hatten, den Menschen als vom Thiere möglichst weit verschieden darzustellen, dabei jedoch dunkel fühlten, daß die Verschiedenheit Beider im Intellekt liegt, nicht im Willen; woraus ihnen unbewußt die Neigung hervorgieng, den Intellet zum Wesentlichen und zur Hauptsache zu machen, ja, das Wollen als eine bloße Funktion des Intellekts darzustellen.49“ 7.2 Biologisches Grundprogramm des Unbewussten Um das dem menschlichen Verhalten zugrunde liegende biologische Programm besser verstehen zu können, ist es hilfreich, sich zunächst der menschlichen Entwicklungsgeschichte und der Evolutionstheorie zuzuwenden. Bereits in der Mitte des 19. Jahrhunderts deutete Charles Darwin in seinem 1859 erschienenen Werk „Über die Entstehung der Arten“ die tierische Abstammung des Menschen an. Die darin angeführte zentrale Erkenntnis ist, dass der Mensch letztlich auf einer ähnlichen Stufe wie das Tier steht. Seit Erscheinen des Werkes hat sich die Richtigkeit der Evolutionstheorie sowie deren Gültigkeit auch für den Menschen in der evolutions- und molekularbiologischen Forschung bestätigt. Im Zentrum der Evolutionstheorie steht die Kernaussage, dass sich letztlich diejenigen Gene erfolgreich durchsetzen, die zum einen an die meisten Nachkommen weitergegeben werden und zum anderen ihrem jeweiligen „Genträger“ Eigenschaften 7.2 Biologisches Grundprogramm des Unbewussten

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Zusammenfassung

Kompetenz zur Interkulturellen Kommunikation für jeden Markt der Welt

Kommunikation in der Wirtschaft ist von essentieller Bedeutung und unabdingbar für den Erfolg, wobei die fortschreitende Globalisierung und Internationalisierung die Interkulturelle Kommunikation immer bedeutsamer machen. Erst die Kenntnis kultureller Unterschiede und Besonderheiten ermöglicht eine erfolgreiche Kommunikation auch zwischen Vertretern unterschiedlicher Kulturen.

Dieses Buch gibt kulturübergreifend einen umfassenden Überblick über

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