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6.4 Kulturvergleichende Studie nach Trompenaars in:

Michael Schugk

Interkulturelle Kommunikation, page 228 - 257

Grundlagen und interkulturelle Kompetenz für Marketing und Vertrieb

2. Edition 2014, ISBN print: 978-3-8006-4888-7, ISBN online: 978-3-8006-4889-4, https://doi.org/10.15358/9783800648894_228

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Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 210 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 211 210 6 Kulturvergleichende Studien enthalt in Saudi-Arabien Auslandserfahrung sammelt und sich auf diesem Wege für die in Aussicht gestellten höheren Aufgaben empfiehlt. Bei dem geplanten zweijährigen Auslandsaufenthalt könnte ihn seine Familie begleiten und er hätte bereits während seines Auslandsaufenthaltes, insbesondere aber nach seiner Rückkehr eine deutliche Verbesserung seiner Bezüge zu erwarten. Herr de Botton bedankt sich bei Herrn Hirokito zunächst für das in ihn gesetzte Vertrauen. Zugleich weist er aber darauf hin, dass er die ihm gebotenen Möglichkeiten zunächst mit seiner Frau besprechen wolle, bevor er eine Entscheidung trifft. Eine Woche später teilt Herr de Botton mit, dass er das Angebot nicht annehmen wolle und dass er eine Fortführung seiner bisherigen Tätigkeit in Frankreich trotz der finanziellen Nachteile bevorzuge. Angesichts dieser Entscheidung ist Herr Hirokito höchst verwundert und fühlte sich fast etwas brüskiert, dass sein Mitarbeiter de Botton das ihm gegenüber ausgesprochene Vertrauen nicht erwartungsgemäß würdigt. Was führt zur Verwunderung des Herrn Hirokito? Gehen Sie bei der Beantwortung der Frage insbesondere auf die Kulturdimensionen der kulturvergleichenden Studie von Hofstede ein. 6.4 Kulturvergleichende Studie nach Trompenaars Die neben der von Hofstede über lange Zeit am meisten diskutierte und beachtete kulturvergleichende Studie stammt von dem Niederländer Fons Trompenaars. In seiner Studie beschreibt er Kultur als ein Drei-Schichtenmodell, bei dem die äußerste Schicht aus der Gesamtheit aller expliziten Artefakte besteht. Werte und Normen fungieren als mittlere Schicht. Die impliziten Grundannahmen schließlich bilden die innerste Schicht270. Auf Basis empirischer Untersuchungen hat Trompenaars sieben Kulturdimensionen ermittelt. Die Ergebnisse wurden dabei durch langjährige Forschungstätigkeit und Befragung von rund 46.000 Managern erzielt271. Erhoben wurden die Daten über einen Zeitraum, der in den 1980er Jahren beginnt und einen Teil der 1990er Jahre mit einschließt. Allerdings stammen die von Trompenaars Befragten nicht aus einem einzigen Unternehmen, sondern vielmehr aus vielen unterschiedlichen 6.4 Kulturvergleichende Studie nach Trompenaars 86 43 68 71 54 46 95 92 0 20 40 60 80 100 Machtdistanz Individualismus Maskulinität Vermeidung von Ungewißheit Frankreich Japan Abbildung 6‑22: Die Kulturprofile von Frankreich und Japan nach Hofstede Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 210 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 211 2116.4 Kulturvergleichende Studie nach Trompenaars Unternehmen. So wurden zahlreiche Personen im Rahmen von interkulturellen Trainingsveranstaltungen, die von Trompenaars selbst ausgerichtet wurden, befragt, weitere Personen wurden aus internationalen Unternehmen in 50 verschiedenen Ländern befragt. Dabei wurden den Befragten in Bezug auf geschilderte sog. Dilemmasituationen Statements vorlegt, von denen die Befragten das aus ihrer Sicht jeweils zutreffende Statement auszuwählen hatten. Diese Vorgehensweise soll der Erkenntnis Rechnung tragen, dass sich Kultur gerade in sog. Dilemmasituationen, denen Individuen ausgesetzt sind, bemerkbar macht272. Die von Trompenaars erarbeiteten sieben Kulturdimensionen, anhand derer Kulturen differenziert werden können und welche die Interkulturelle Kommunikation nicht zuletzt im Geschäftsleben mitunter erheblich beeinflussen können273 werden wie folgt bezeichnet: • Universalismus vs. Partikularismus • Neutralität vs. Emotionalität • Individualismus vs. Kollektivismus • Spezifität vs. Diffusheit • Leistung vs. Herkunft • Umgang mit bzw. Stellenwert der äußeren Umwelt und • Umgang mit bzw. Stellenwert der Zeit274. Die ersten fünf Kulturdimensionen bilden dabei eine Kategorie, die mit zwischenmenschlichen Beziehungen zwischen den Kulturmitgliedern befasst ist. Die beiden letzten Kulturdimensionen, die die Art des Umgangs mit der Umwelt bzw. der Zeit beschreiben, bilden hingegen jeweils eine eigene Kategorie für sich. Jedoch haben alle Dimensionen von Trompenaars, die zweifelsohne stark normativ geprägt sind, einen unmittelbaren Bezug zu den bestehenden Artefakten und Verhaltensweisen sowie den geltenden Werten und Grundannahmen einer Kultur275. Der Auffassung von Trompenaars zufolge sind interkulturelle Unterschiede entlang seiner Kulturdimensionen keineswegs willkürliche oder zufällige Gegebenheiten. Vielmehr fasst er Kulturen, die sich von anderen Kulturen mitunter gravierend unterscheiden, als Spiegelbild dieser anders gearteten Kulturen auf: „They (die betrachteten Kulturen, Anm. des Verf.) are instead mirror images of one another’s values, reversals of the order and sequence of looking at learning.“276 Jede der erarbeiteten Kulturdimensionen wurde auf empirischer Basis anhand mehrerer Fragen operationalisiert und erschlossen. Im Gegensatz zu Hofstede ermittelt Trompenaars für die einzelnen Kulturdimensionen jedoch keinen jeweiligen Gesamtindex, so dass die Werte für einzelne Länder lediglich hinsichtlich der einzelnen Fragen, nicht jedoch aggregiert über sämtliche Frage einer Dimension erhältlich sind. Dies ist zu berücksichtigen, wenn nachfolgend durch einzelne Fragestellungen zu geschilderten Dilemmasituationen Anhaltspunkte hinsichtlich der Einstufung einzelner Länder bezüglich der Kulturdimensionen vorgenommen werden. Es handelt sich dementsprechend nur um tendenzielle Aussagen, da die Antworten auf verschiedene Fragen bezüglich ein und derselben Kulturdimension nicht notwendigerweise „gleichlaufend“ sind. Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 212 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 213 212 6 Kulturvergleichende Studien 6.4.1 Universalismus vs. Partikularismus Die Kulturdimension Universalismus vs. Partikularismus spiegelt das Primat des Generellen gegenüber dem Primat des Spezifischen wider277. Sie behandelt auf der Ebene der Verhaltensweisen und Artefakte die Frage, ob die in einer Kultur äußerlich beobachtbaren, als richtig bzw. korrekt einzustufenden Verhaltensweisen in universellen Regeln festgehalten werden können. In diesem Sinne können einerseits universelle Regeln bestehen, die für jedes Kulturmitglied Gültigkeit haben. Andererseits können aber alternativ auch, in Abhängigkeit von spezifischer Situation und / oder jeweiliger, also spezifischer Person, Ausnahmen oder Variationen dieser „richtigen“ Verhaltensweisen bzw. Regeln in partikularistisch geprägten Kulturen zulässig sein. Die Einhaltung allgemeiner Gesetzmäßigkeiten ist bei diesen Ausnahmen oder Variationen von nachrangiger Bedeutung, vielmehr hat die spezifische Situation vor dem Hintergrund spezifischer Bedingungen eine besondere Bedeutung. Hinsichtlich tieferliegender Ebenen des Kultur-Schichtenmodells, etwa der Schicht der „Normen, Attitüden und Grundwerte“, könnte auch gesagt werden, dass es sich bei der Dimension Universalismus vs. Partikularismus letztlich um die Frage dreht, ob in einer Kultur unpersönliche Regeln oder persönliche Beziehungen präferiert werden278. Die USA beispielsweise unterliegt einer universalistischen Prägung, was etwa in Rechtsphänomenen wie den „3 Strikes and Out“-Gesetzen von Kalifornien zum Ausdruck kommt. Diese Gesetze schreiben vor, dass Rückfalltäter nach dem dritten Verbrechen für immer ins Gefängnis müssen. Angeklagte können nicht einmal auf einen verständnisvollen Richter hoffen, da das gesetzlich vorgeschriebene Mindeststrafmaß, unabhängig von Situation und / oder Person, verpflichtend eingehalten werden muss, also nicht unterschritten werden darf: „Das führte zu Fällen wie dem vorbestraften Einbrecher aus Sacramento, der für einen Fahrrad-Diebstahl lebenslänglich bekam, oder den Jungen aus San Francisco, der wegen Besitz von ein paar Joints und ein wenig Speed den Rest seines Lebens hinter Gitter sollte.“279 Ein anschauliches Beispiel für die Nicht-Existenz universeller Regeln im Sinne einer Gleichbehandlung ergibt sich im partikularistisch geprägten Saudi-Arabien. Hier wird das islamische Strafrecht so extrem ausgelegt und angewandt wie in keinem anderen Land der Welt. Auf Drogenhandel steht die Todesstrafe, Alkoholgenuss wird (mitunter) mit Auspeitschen bestraft. Diese Gesetzesregelungen werden aber nicht gleichermaßen auf alle Personen der unterschiedlichsten Gesellschaftsschichten angewandt: „Viele der 5000 Prinzen sind bekannt für ihren ausschweifenden Lebensstil – „Je höher die Schicht, desto rauschender die Feste“, sagt ein erfahrener Diplomat in Riad. Der Import von Alkohol, ein lukratives Geschäft, soll in der Hand der Königsfamilie liegen. Öffentlich enthauptet werden die Prinzen dafür nicht. Die Todesstrafe ist vorbehalten für Arme und Minderheiten wie Gastarbeiter aus Pakistan und Bangladesch.“280 Zur Illustration der Kulturdimension Universalismus vs. Partikularismus wie auch aller nachfolgenden Kulturdimensionen zieht Trompenaars, wie bereits angedeutet, jeweils spezifische Dilemmata heran, mit denen die Ausprägung der jeweiligen Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 212 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 213 2136.4 Kulturvergleichende Studie nach Trompenaars Kulturdimension in einer Kultur durch Befragung von Auskunftspersonen erhoben wird. Zur Ermittlung der Ausprägung der Dimension Universalismus vs. Partikularismus befragt Trompenaars die Personen beispielsweise mit einem Dilemma in Form eines gedachten Falles und zwar wie sie reagieren würden, wenn sie im Straßenverkehr als Beifahrer Zeuge eines durch einen guten Freund („good friend“) verschuldeten Unfalls wären. Der Unfall selbst ereignet sich, weil dieser gute Freund in einer 20-Meilen-Zone mit mindestens 35 Meilen pro Stunde gefahren ist und nur aufgrund dieser deutlichen Geschwindigkeitsüberschreitung einen Fußgänger angefahren hat. Da es keine weiteren Zeugen gibt, muss der Richter den guten Freund freisprechen, wenn der Beifahrer attestiert, dass die vorgeschriebene Geschwindigkeit eingehalten worden ist. Für den Fall des Meineids, also der nicht wahrheitsgemäßen Berichterstattung kann dem Beifahrer somit kein Strafmaß zugesprochen werden. Die den Befragten gestellte Frage lautet nun, ob der Beifahrer das Recht hat, den guten Freund durch Meineid vor einer Strafe zu schützen281. In universalistischen Kulturen hat der Beifahrer die Wahrheit zu berichten, in partikularistischen Kulturen hingegen ist es durchaus legitim, den persönlich nahestehenden guten Freund durch Meineid vor verdienter Strafe zu bewahren. Die länderspezifischen Antworten finden sich in Abbildung 6-23. Angegeben wird dabei jeweils der Prozentsatz der im Sinne des Universalismus die Wahrheit sprechenden Personen. Interessanterweise sind sieben der acht am stärksten universalistisch ausgerichteten Länder deutlich protestantisch geprägte stabile Demokratien. Irland als Ausnahme kann immerhin auf eine gemeinsame Tradition in der Rechtssprechung mit Großbritannien verweisen. Vor dem Hintergrund der deutlichen Ausrichtung am Universalismus der USA werden gesamtkulturell greifende Entwicklungen wie beispielsweise die Prohibition von 1918 bis 1933 durchaus verständlicher. Das strikte Verbot von Alkohol kann als direkte Reaktion auf Kriminalität, Alkoholismus und andere gesetzeswidrige bzw. unerwünschte soziale Entwicklungen aufgefasst werden282. Für die Wirtschaftspraxis bleibt die Dimension Universalismus vs. Partikularismus nicht ohne Konsequenzen. So spielt die Dimension aus einer höheren, strategischen Sichtweise heraus gesehen insbesondere in geozentrisch orientierten Unternehmen eine gewichtige Rolle. Diese weltmarktorientierten Unternehmen sind durch eine weitgehende Zentralisierung von Kompetenzen und Entscheidungsfindung sowie standardisierte Marktbearbeitung gekennzeichnet283. Dieses Streben nach Standardisierung kann jedoch den partikularistischen Ursprüngen und Bestrebungen ausländischer Niederlassungen widersprechen. Demzufolge ist die kommentarlose Übernahme der Unternehmenspolitik der Muttergesellschaft auf die lokale Situation mitunter mit Konflikten und dementsprechenden Reibungsverlusten verbunden284. Des Weiteren spielt in fast allen asiatischen Ländern die Korruption („under table money“) eine bedeutsame Rolle. Auch dieses zweifelsohne nicht auf Asien beschränkte Phänomen ist vor dem Hintergrund der partikularistischen Ausrichtung beispielsweise von Russland und China zu sehen285. Aber auch für die Geschäftskommunikation hat die Ausprägung entlang der Dimension gewichtige Folgen, was darauf zurückzuführen ist, dass persönliche Beziehungen in partikularistisch geprägten Kulturen eine vergleichsweise große Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 214 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 215 214 6 Kulturvergleichende Studien 0 20 40 60 80 100 Norwegen Schweiz Finnland Australien Irland Schweden USA Kanada Pakistan Dänemark Bahrain Ungarn Großbritannien Italien Schottland Türkei Brasilien Ägypten Niederlande Deutschland Spanien Argentinien Rumänien Malaysia Philippinen Indonesien Mexiko Nigeria Frankreich Polen Kuba Portugal Japan Belgien Singapur Tschechoslowakei Griechenland Indien China Nepal Venezuela Bulgarien Russland Korea Yugoslawien Abbildung 6‑23: Prozentsatz der Befragten, die keine Falschaussage machen würden (Quelle: Hampden‑Turner; Trompenaars (2000), S. 16) Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 214 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 215 2156.4 Kulturvergleichende Studie nach Trompenaars Bedeutung haben, die von Vertretern universalistischer Kulturen oftmals unterschätzt wird. Beispielsweise ist in partikularistisch geprägten japanischen Unternehmen zu beachten, dass für Geschäftsbeziehungen eine extrem langfristige Anbahnung erforderlich ist, bevor erste konkrete geschäftliche Vereinbarungen überhaupt diskutiert bzw. getroffen werden können286. 6.4.2 Neutralität vs. Emotionalität Bezüglich der Dimension Neutralität vs. Emotionalität diskutiert Trompenaars – wiederum auf der Kulturebene bzw. -schicht der Artefakte und Verhaltensweisen – welcher Grad an öffentlich vorzeigbarer bzw. tatsächlich ausgedrückter Emotion in einer Kultur toleriert wird. Unter Emotionalität sind dabei nicht nur extreme Gefühlsausbrüche, sondern gerade auch alltägliche Phänomene wie Lächeln, Gestikulieren etc. angesprochen287. Abbildung 6-24 zeigt, wieviel Prozent der Befragten ihren Emotionen am Arbeitsplatz nicht Ausdruck verleihen würden. Die überaus deutlichen Einstellungsunterschiede in Bezug auf die Frage des Gefühle Zeigens sprechen dabei für sich. 0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 Japan Indonesien Großbritannien Norwegen Niederlande Hongkong Singapur USA Frankreich Italien Abbildung 6‑24: Prozentsatz der Befragten, die Emotionen im Beruf keinen Ausdruck verleihen (Quelle: Apfelthaler (2002), S. 70) Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 216 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 217 216 6 Kulturvergleichende Studien In der verbalen Kommunikation zwischen Vertretern neutral ausgerichteter und emotional ausgerichteter Kulturen kann es schnell zu tiefgreifenden Missverständnissen kommen. So kam es beispielsweise während der Auseinandersetzungen zwischen arabischen Staaten und Israel im Vorfeld des Sechs-Tage-Krieges im Jahre 1967 zu sehr emotional gehaltenen Äußerungen in arabischen Massenmedien. Darin wurde Israel mit Sprüchen gedroht wie: „Wir werden eure Häuser niederbrennen, eure Frauen vergewaltigen und euch ins Meer treiben.“ Israel hat diese und ähnliche Aussagen als eine Art Kriegserklärung interpretiert und nicht zuletzt deshalb einen Angriff gestartet, was die Araber überraschend traf. Als Quintessenz dieser Ereignisse ist festzuhalten, dass die Kommunikationsinhalte von Vertretern emotional ausgerichteter Kulturen generell im rechten Verhältnis zu sehen sind. Vertreter besonders neutral ausgerichteter Kulturen hingegen kommunizieren mit geringem emotionalem Ausdruck. Dementsprechend sind vor allem mit großer Neutralität getätigte Äußerungen oder Androhungen zum Beispiel von Japanern mit Vorsicht und Aufmerksamkeit zu verfolgen. Hinter diesen Äu- ßerungen könnten sich letztlich sehr ernstzunehmende Drohungen „verbergen“. In neutral kommunizierenden Kulturen gelten eine zu große Offenheit und auch zu hohe Lautstärke grundsätzlich als unfein und indiskret, was jedoch nicht mit einer Gefühlskälte gleichgesetzt werden darf. So ist die dargestellte hohe Neutralität für Japan durchaus verständlich, wenn man sich vergegenwärtigt, dass es sich dort unbedingt gehört, auch bei sehr schlechten Nachrichten keinerlei Emotion zu zeigen, sondern vielmehr ruhig und gefasst aufzutreten288. Die Kommunikation von Vertretern emotional ausgerichteter Kulturen hingegen ist dadurch gekennzeichnet, dass Gefühle freimütig gezeigt werden, ob durch verbale oder nonverbale Ausdrucksformen289. Vereinfachend kann in Zusammenhang mit dem Gegensatzpaar Neutralität vs. Emotionalität auch zwischen „diszipliniertem Verhalten“ und „impulsivem Verhalten“ differenziert werden290. Letztlich ist mit diesem Gegensatzpaar auch die Frage angesprochen, ob eine Gesellschaft zuvorderst zur Erledigung der gestellten sachlichen Aufgaben verpflichtet ist oder ob eine Aufgabenerfüllung untrennbar mit der menschlich-emotionalen Komponente verbunden ist291. Ein besonders eindrucksvolles Beispiel für die sehr starke Ausrichtung von Italien an der Emotionalität bildet der Sturz der italienischen Regierung unter dem damaligen Ministerpräsidenten Romano Prodi. Dabei haben sich bei der Abstimmungsniederlage von Prodi im italienischen Senat geradezu tumultartige Szenen zugetragen, bei der sich der damalige Senatspräsident Marini dazu aufgerufen gefühlt hat, die Parlamentarier zu Diszipliniertheit zu mahnen. Doch dem Aufruf zur Besonnenheit von Marini „Nein, nein, lassen Sie diese Flasche. Wir sind hier schließlich nicht in der Osteria!“ wurde in keiner Weise Folge geleistet, wie auch Abbildung 6-25 mit Impressionen von mit Sekt und Mortadella die Abwahl feiernden Senatoren der Opposition eindrucksvoll zeigt. Angemerkt sei, dass der abgewählte Prodi angesichts seines runden Gesichtes immer abwertend als „Mortadella“ bezeichnet worden war292. Das geschilderte Kommunikationsverhalten aus dem italienischen Senat macht unmittelbar offensichtlich, dass das deutliche Ausleben von Emotionalität negativ interpretiert werden kann, insbesondere natürlich von Vertretern einer durch Neutralität geprägten Kultur, in der das Zeigen selbst alltäglicher Emotionen eher zu vermeiden ist. Allerdings kann eine derart neutrale Ausrichtung in der Kom- Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 216 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 217 2176.4 Kulturvergleichende Studie nach Trompenaars munikation wiederum Störungen in der Kommunikation mit emotional ausgerichteten Kulturvertretern erzeugen. Dies lässt sich am Beispiel der Ankündigung einer Rückrufaktion von Seiten des japanischen Unternehmens Toyota aufzeigen. Dabei ist anzumerken, dass im Vorfeld des Rückrufes von mehr als sechs Millionen Fahrzeugen der Verdacht aufgekommen war, dass mehrere Menschen im Stra- ßenverkehr infolge von technischen Mängeln ums Leben gekommen waren. Die Ankündigung der Rückrufaktion selbst erfuhr von den direkt Anwesenden als auch von den Rezipienten der Massenmedien eine überaus negative Reaktion, insbesondere weil der Unternehmenssprecher von Toyota in seiner Ankündigung jegliche Emotionalität vermissen ließ, was letztlich mit der Abwesenheit von jeglichem Bedauern und jeglicher Reue interpretiert worden ist. Indes wurde natürlich nicht beachtet, dass ganz generell in Asien Ausdrucksformen der Mimik zurückgehalten und richtiggehend unterdrückt werden. So gilt es nicht nur in Japan, sondern etwa auch in China und Korea als Zeichen von Reife und Weisheit intensivere Gefühle von Ärger, Irritation und Traurigkeit, aber auch von Liebe und Glücklichsein zurückzuhalten, wozu insbesondere eine entsprechende Mimik einen entsprechenden Beitrag leistet293. 6.4.3 Individualismus vs. Kollektivismus Die Kulturdimension Individualismus vs. Kollektivismus bezieht sich auf den Stellenwert, den ein Individuum in einer Kultur hat. In individualistisch geprägten Kulturen steht, ähnlich der gleichlautenden Dimension bei Hofstede, das Wohl des Einzelnen als Wert im Vordergrund. Der Einzelne ist für sich und seinen engen Familienkreis selbst verantwortlich. Dementsprechend definiert er sich in starkem Maße über seine Persönlichkeit, seine Leistungen und seinen Status, den er sich erarbeitet hat. In kollektivistisch geprägten Kulturen hingegen steht das Gemeinwohl an vorderster Stelle. Mit dieser Vorstellung eng verbunden ist die Einbindung in bestimmte Gruppen, etwa in Familie, in Unternehmen etc. Eines der Dilemmata zur Messung der Dimension ergibt sich durch die Frage, ob es besser ist, dass das Individuum soviel Freiheit sowie die Option zur Entfaltung der eigenen Persönlichkeit haben sollte, wie für die Erhöhung der Lebensqualität nötig, oder ob es besser wäre, wenn jedes Individuum fortlaufend auf andere Rücksicht nimmt und eben gerade dadurch die Lebensqualität ansteigt, auch wenn dadurch die individuelle Freiheit und Unabhängigkeit eingeschränkt wird294. Die Antworten auf diese Frage, die im Sinne des Individualismus die Freiheit und Unabhängigkeit des Individuums befürworten sind als Prozentsätze in Abbildung 6-26 angeführt. Abbildung 6‑25: Emotionalität im italienischen Senat nach Abwahl der Regierung Prodi (Quelle: Piller (2008), S. 11; Google (2014)) Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 218 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 219 218 6 Kulturvergleichende Studien 0 20 40 60 80 100 Israel Nigeria Kanada USA Tschechoslowakei Dänemark Schweiz Niederlande Finnland Australien Spanien Großbritannien Russland Schweden Polen Bulgarien Belgien Ungarn Norwegen Deutschland Venezuela Italien Pakistan Irland Griechenland Malaysia Bahrain Indonesien Portugal Singapur China Frankreich Philippinen Brasilien Japan Indien Mexiko Nepal Ägypten Abbildung 6‑26: Prozentsatz der Befragten, die Freiheit und Unabhängigkeit des Individuums bevorzugen (Quelle: Hampden‑Turner; Trompenaars (2000), S. 72) Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 218 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 219 2196.4 Kulturvergleichende Studie nach Trompenaars In der Wirtschaft ist die Dimension Individualismus vs. Kollektivismus nicht zu vernachlässigen. Dies beginnt bei westlichen Führungsmethoden, die an individueller Verantwortung, Belohnung und negativer Sanktionierung ansetzen. In kollektivistisch ausgerichteten Kulturen hingegen ist die Anwendung derartiger Methoden risikobehaftet, da die Verantwortung für Erfolg oder Misserfolg als über die Gruppe verteilt betrachtet wird. Darüber hinaus muss gegenüber kollektivistisch geprägten Managern eine längere Dauer zur Entscheidungsfindung eingeräumt und toleriert werden, da breiter angelegte Diskussions- und Entscheidungsprozesse einer harmonieorientiert verlaufenden Entscheidungsfindung zugrunde liegen295. Die Sekretärin des Japaners Yamamoto, Manager in einer Berliner Fabrik des japanischen Elektronikkonzerns JVC, bringt ihre Erfahrungen wie folgt zum Ausdruck: „Ich würde ihn beinah als nicht spürbar bezeichnen. Alles läuft so leise ab. Er gibt keine Anweisungen im eigentlichen Sinne.“296 Auffallend ist, dass die marktwirtschaftlich ausgerichteten Länder im Wesentlichen individualistisch geprägt sind. Der bereits in der Studie von Hofstede herausgestellte Zusammenhang zwischen Individualismus und wirtschaftlichem Erfolg scheint sich somit auch hier widerzuspiegeln. Eine geringe Ausrichtung am Individualismus lässt sich lediglich für Japan und Frankreich festhalten. Jedoch lässt gerade in Japan schon allein die enorme Bevölkerungsdichte infolge einer geographisch bedingten räumlichen Enge einen gewissen Druck zu einem sozial ausgerichteten Verhalten erwarten297. 6.4.4 Spezifität vs. Diffusheit Die Dimension Spezifität vs. Diffusheit wird mitunter auch als Betroffenheitsoder Engagements-Dimension bezeichnet. Als solche bringt sie das Ausmaß der Betroffenheit eines Individuums durch eine bestimmte Situation oder Handlung zum Ausdruck. Während in spezifisch orientierten Kulturen unterschiedliche Lebensbereiche, beispielsweise Berufliches und Privates, eindeutig und strikt voneinander getrennt werden, lassen sich in diffus geprägten Kulturen verschiedene Lebensbereiche eines Individuums nicht voneinander trennen298. Hinsichtlich verschiedener Lebensbereiche stellt sich letztlich also die Frage, wie scharf getrennt oder diffus verwoben beispielsweise berufliche und private Beziehungen zwischen Menschen sind. In spezifisch geprägten Kulturen sind die Verhältnisse des menschlichen Zusammenlebens sowie die Grenzen gegenseitiger Rechte und Pflichten, vor allem in Unternehmen, durch eine genau umrissene Vertragsbeziehung umschrieben und festgelegt. Berufliches und Privates wird entsprechend strikt auseinander gehalten und voneinander getrennt. In diffus ausgerichteten Kulturen hingegen sind die Beziehungen nur grob festgelegt und werden in situativen Interaktionen immer wieder neu definiert. Berufliche und private Sphäre diffundieren gewissermaßen ineinander299 und berufliche und persönliche Beziehungen werden als Folge dessen oftmals nicht deutlich voneinander getrennt und verschwimmen ineinander. Die Spezifität von beruflichen Beziehungen als möglicher Indikator für die Ausprägung der Dimension Spezifität vs. Diffusheit hat Trompenaars ebenfalls durch Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 220 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 221 220 6 Kulturvergleichende Studien problemzentrierte Fragen erhoben. Eine der Fragen untersucht, ob ein Fehler, der sich im beruflichen Kontext ereignet, mit dem expliziten Verantwortungsbereich einer Einzelperson in Verbindung gebracht wird und dementsprechend diese Person auch spezifisch zur Verantwortung gezogen wird, oder ob der Fehler in diffuser Art und Weise einem ganzen Arbeitsteam zuzurechnen ist und auf die Gruppe verteilt wird. Die Frage ist also, ob Verantwortung spezifisch zugewiesen wird oder ob sie diffus akzeptiert wird. Abbildung 6-27 gibt länderspezifisch die 0 10 20 30 40 50 60 70 Russland Polen Australien Schweiz USA Israel Kanada Yugoslawien Großbritannien Niederlande Belgien Schweden Frankreich Korea China Hongkong Deutschland Indien Italien Japan Abbildung 6‑27: Prozentsatz der Befragten, die einen Fehler spezifisch der fehlerverursachenden Person zuordnen (Quelle: Hampden‑Turner; Trompenaars (2000), S. 127) Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 220 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 221 2216.4 Kulturvergleichende Studie nach Trompenaars Präferenz für eine individuelle, also (personen)spezifische Zuweisung der Verantwortlichkeit im Falle etwaiger Fehler wieder. Auffallend ist dabei, dass die für diffuse Ausrichtung stehende Verantwortlichkeit der Gruppe für einen Fehler in einigen ehemals kommunistischen Ländern wie Russland oder Polen mittlerweile nur noch geringe Akzeptanz findet. Des Weiteren überrascht womöglich, dass Diffusheit in einigen westlichen Ländern durchaus einen beachtlichen Stellenwert hat. Die Ausprägung eines Landes in Ausrichtung an der Dimension Spezifität vs. Diffusheit kann im Übrigen neben der Trennung der Lebensbereiche Berufliches und Privates beispielsweise auch anhand der unterschiedlichen Lebensbereiche von öffentlicher und persönlicher Sphäre vorgenommen werden. In jedem Falle aber bleibt die Betrachtung des Zusammenhangs unterschiedlicher Lebensbereiche auch für die Interkulturelle Kommunikation nicht ohne Auswirkungen. So sind die Vertreter von Kulturen mit spezifischer Prägung zumindest im Anfangsstadium kaum dazu bereit, eine persönliche Beziehung mit einem geschäftlichen Kontakt zu verbinden. In durch Spezifität gekennzeichneten Ländern, etwa in den USA oder in Kanada, konzentriert man sich spezifisch auf die Sache, persönliche Beziehungen stehen nicht im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Es wird vergleichsweise sachlich verhandelt ohne tiefere Bindungen einzugehen. Nach erfolgten Gesprächen trennt man sich, ohne persönlichen Kontakt geknüpft zu haben. Persönliche Kontakte entstehen, wenn überhaupt, eher nach Abschluss des Geschäftlichen und als Folge gegenseitiger Sympathie300. Im Gegensatz zur Spezifität bringt es eine diffuse Prägung mit sich, dass in zwischenmenschlichen Begegnungen Person und Sache als zwei Lebensbereiche vergleichsweise schnell vermischt werden. Diese untrennbare Verbindung von Person und Sache zu einem einzigen Bereich macht eine separate Kritik entweder an der Person oder an der Sache nicht möglich. Vielmehr wird sachliche Kritik in den meisten Fällen gleichzeitig und unweigerlich auch als Kritik an der eigenen Person empfunden301. So besteht in Asien, entsprechend der vorherrschenden Diffusheit, zwar eine ausgeprägte Kritikkultur, jedoch wird diese Kritik auf vergleichsweise indirekte und implizite, also diskrete Art vorsichtig und unpersönlich, mitunter sogar in Form von Gleichnissen vorgetragen. Demzufolge liegt es am Rezipienten, die Kritik selbst zu erkennen und als solche zu verstehen. Disharmonie kann bereits im Ansatz vermieden werden, Gesichtsverlust und die damit verbundene Verletzung der Ehre werden vermieden. Direkte und explizite Kritik wird von daher grundsätzlich vermieden302. Schließlich gehört es nach dem Grundverständnis von diffus orientierten Kulturen zur Aufgabe und Pflicht von Führungskräften im Unternehmen, sich auch nach persönlichen Dingen der Mitarbeiter zu erkundigen und somit eine Art konsultativen Führungsstil wahrzunehmen303. Die Unterschiede von Begegnungen zwischen Vertretern spezifisch (S-Typen) und diffus orientierter Kulturen (D-Typen) können durch Verhaltenskreise symbolisch dargestellt werden. Dies erfolgt in Abbildung 6-28 für die beiden unterschiedlichen Lebensbereiche des Öffentlichen und des Privaten. Sowohl für S-Typ als auch für D-Typ liegen die unterschiedlichsten Gesprächsthemen innerhalb der Verhaltenskreise jeweils an gleicher Stelle. Dies können beispielsweise die vier möglichen Gesprächsthemen Wetter, eigene Hobbys, Aktivitäten von Mitgliedern der eigenen Familie und die eigene Psychotherapie sein. Diese Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 222 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 223 222 6 Kulturvergleichende Studien vier Themen liegen in dieser Reihenfolge zunehmend weiter im Inneren der beiden Verhaltenskreise und, wie bereits angedeutet, sowohl für den S-Typ als auch für den D-Typ jeweils an genau derselben Stelle. Dies hat zur Folge, dass womöglich sogar Themen wie etwa die eigene Psychotherapie für den S-Typ infolge eines sehr weit gefassten öffentlichen Lebensbereiches noch in selbigem liegen, wo andere Themen wie etwa bereits die eigenen Hobbys längst schon im privaten Lebensbereich des D-Typ liegen, von der eigenen Psychotherapie ganz zu schweigen. Es wird deutlich, dass eine Kontaktaufnahmen mit dem S-Typ über die verschiedensten Themen vergleichsweise problemlos möglich ist, ohne jedoch damit – und das ist entscheidend – emotional betrachtet eine tiefere, private Bindung einzugehen. Dies schließt in stark spezifisch geprägten Kulturen sogar Themen wie die Aktivitäten von Mitgliedern der eigenen Familie oder die eigene Psychotherapie nicht aus, also Themen, die in diffus ausgerichteten Kulturen längst im privaten Lebensbereich angesiedelt sind und als eindeutig intim eingestuft werden. Werden vom D-Typ Öffentlich Privat Begegnung zweier S-Typen („Coconut“) („Peach“) Begegnung zweier D-Typen Begegnung von S- und D-Typ Gefahrenzone Privat Öffentlich Abbildung 6‑28: Verhaltenskreise von spezifischen und diffusen Kulturen (Quelle: Rentzsch (1999 a), S. 54) Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 222 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 223 2236.4 Kulturvergleichende Studie nach Trompenaars derartige Themen angesprochen, so ist das Gefühl in Bezug auf die zwischenmenschliche Beziehung ein anderes, nämlich ein tiefer gehendes und emotionaler ausgerichtetes. Der D-Typ erwartet gewissermaßen als notwendige Voraussetzung, dass zunächst eine persönliche Bindung entsteht, bevor man über andere, bereits im privaten Lebensbereich gelegene Themen spricht. Der öffentliche Lebensbereich ist enger gefasst und entsprechend dem weiter gefassten privaten Lebensbereich sind nur vergleichsweise wenige Themen wie etwa das Wetter bei Erstkontakten unverfänglich und ohne tiefer gehende sowie persönliche bzw. vertrauensvolle zwischenmenschliche Beziehungen denkbar. Wenn die Bindung aber zustande kommt, dann können auch Themen des privaten Lebensbereichs angesprochen werden, aber eben immer auch verbunden mit dem Gefühl der Privatheit. Schließlich wird, allgemein gesprochen, in spezifisch orientierten Kulturen in (Vertrags-)Verhandlungen immer zuerst der Kern der Sache zur Sprache gebracht, erst später begibt man sich, wenn überhaupt, an den Aufbau einer persönlichen Beziehung auf breiterer Basis. In diffus ausgerichteten Kulturen hingegen bewegen sich die Verhandlungsparteien relativ langsam von einer eher allgemeinen, breiten und zwischenmenschliche Aspekte berücksichtigenden Diskussion hin zu einem spezifischen Themenkern304. 6.4.4.1 Begegnung zweier S‑Typen Wenn sich zwei S-Typen begegnen, so gestaltet sich die Situation vergleichsweise unproblematisch. Die beiden Personen kommen zusammen und regeln die geschäftlichen Punkte und Fragen. Dies gilt auch für den Fall, dass über das Gesprächsthema Wetter hinaus über die eigenen Hobbys, Aktivitäten von Mitgliedern der eigenen Familie oder gar die eigene Psychotherapie gesprochen wird. Nach Abschluss der beruflichen Gespräche geht jeder wieder seiner Wege, ohne das Gefühl dem anderen gegenüber in irgendeiner Weise eine private bzw. persönliche Verpflichtung eingegangen zu sein. Beispielsweise empfinden durch hohe Spezifität geprägte US-Amerikaner auch nicht viel dabei, eine andere Person nach Hause einzuladen. In Deutschland wird hierfür schon ein gewisser Grad an Bekanntschaft vorausgesetzt. In asiatischen Kulturen, geprägt durch Diffusheit, bedeutet eine solche Einladung indes weitaus mehr. Sie ist durchaus als eine Art Auszeichnung zu verstehen, die eine private Bindung auf Dauer einkalkuliert. Deutsche sind zwar generell spezifisch, jedoch in geringerem Maße als etwa US-Amerikaner. So können sich beispielsweise Gäste von Amerikanern in deren Haus problemlos frei bewegen, da etwa Bereiche im Haus wie die Küche noch im schnell zugänglichen öffentlichen Lebensbereich gelegen sind. Weniger spezifisch ausgerichtete deutsche Gastgeber hingegen wären von diesem Verhalten womöglich bereits persönlich unangenehm berührt305. Die in diesem Zusammenhang zum Ausdruck kommende kulturspezifisch unterschiedliche Zugänglichkeit beschreibt Hampden-Turner wie folgt: „You do not have to be in France or Germany for long to notice the relative reserve, emphasis on privacy, shuttered houses, private gardens, and high walls. If you go to dinner you do not follow your host into her study, where she has gone to fetch a book. You do not enter the kitchen uninvited or explore the house. Because close, diffuse relationships are special and rare, you spend time and effort cultivating them.”306 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 224 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 225 224 6 Kulturvergleichende Studien Die unproblematische Begegnung zweier durch Spezifität gekennzeichneter Kulturvertreter, etwa zweier US-Amerikaner, beschreiben Samovar et al. wie folgt: „In the United States early conversations often center on the weather or some aspect of the physical setting, such as the scenery or furnishings in a room. As the interaction becomes more comfortable, topics relating to sports, food, or travel may be discussed. If both parties continue the conversation, which is a positive sign, they begin gathering information about each other through personal questions related to likes and dislikes and family matters. For American businesspersons personal questions are not actually considered taboo in the business context. Hence, you might hear the most well-intentioned American ask questions such as „What do you do?” „How long have you been with your company?” „Do you have a family?” But those personal topics are considered taboo in many cultures.“307 Ein Beispiel für die Auswirkungen einer Ausrichtung an der Spezifität, wie sie in den USA, aber auch in Australien vorherrscht, lässt sich an einer von vorne herein scherzhaft konzipierten Rede von Laura Bush, Gattin des ehemaligen US-Präsidenten George W. Bush, im Rahmen eines Galadinners der White-House-Presse zeigen, bei der sich die US-Präsidenten in der Regel selbst auf die Schippe nehmen. Bei diesem Dinner war sie ihrem Gatten nach offensichtlich vorausgehender Absprache ins Wort gefallen und hat in Bezug auf ihren Gatten sowie das Zusammenleben mit ihm Details angeführt, die in zahlreichen eher diffus ausgerichteten Kulturen längst im privaten Lebensbereich angesiedelt sind und somit als viel zu intim angesehen werden als dass sie vor einem größeren Publikum auch nur angedeutet werden können: „Neun Uhr abends, Mr. Aufregend hier liegt im Tiefschlaf, und ich muss mir „Desperate Housewives“ im Fernsehen ansehen… Meine Damen und Herren, ich BIN eine verzweifelte Hausfrau. Die Mädels sollten mal mit George verheiratet sein … Ich war Bibliothekarin und verbrachte damals zwölf Stunden am Tag in der Bücherei. Irgendwie traf ich ihn trotzdem … Im Gegensatz zu ihm kann ich zum Beispiel „nuklear“ korrekt sagen … (George W. Bush spricht das Wort wie viele Amerikaner „nukelar“ aus, Anm. des Verf.) Erster Preis: Drei Tage mit den Bushs. Zweiter Preis: Zehn Tage mit den Bushs …“308 6.4.4.2 Begegnung zweier D‑Typen Wenn sich zwei D-Typen begegnen, dann gehen diese mit einem geschäftlichen Kontakt immer auch eine gewisse private bzw. persönliche Verpflichtung ein. So ist es nicht die Ausnahme, dass für eine geschäftliche Abmachung eine private Gefälligkeit erwartet wird. Werden bei der Begegnung zweier D-Typen über das Wetter hinausgehende Gesprächsthemen wie eigene Hobbys und Aktivitäten von Mitgliedern der eigenen Familie, womöglich gar die eigene Psychotherapie angesprochen muss längst ein Gefühl einer tiefer gehenden zwischenmenschlichen Beziehung in Privatheit erfolgt sein. In jedem Falle ist eine aufmerksam zu behandelnde Beziehung entstanden, die auf gegenseitigen Verpflichtungen basiert. Die meisten Asiaten sind ausgesprochene D-Typen. Es bedarf Ausdauer und Geduld, um ihre Freundschaft zu gewinnen. Dabei teilen sie die Menschen nach dem Grad der persönlichen Beziehung zu ihnen ein. So ist es in China für den Abschluss von Geschäften wichtig, wie in Abbildung 6-29 angedeutet, wenigstens Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 224 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 225 2256.4 Kulturvergleichende Studie nach Trompenaars in den äußeren Kreis der Freunde oder Freundesfreunde einzudringen, um erfolgreich zu sein. Für diese Art der persönlichen Beziehungen haben die Chinesen die Bezeichnung „Guanxi“. Wenn es eine Person erst einmal geschafft hat, zum weiteren Freundeskreis zu gehören, dann ist man der jeweiligen Person praktisch ein Leben lang verpflichtet und umgekehrt. Dementsprechend tragen Chinesen bildlich gesprochen auch eine Art „Soll-und-Haben-Konto“ im Kopf. Jede Gefälligkeit, die erhalten oder gegeben wird, wird genauestens registriert. Wenn einem Chinesen eine Gefälligkeit erwiesen wird, dann wird er sich irgendwann revanchieren. Das gleiche wird im umgekehrten Falle erwartet. Ähnliches gilt für andere asiatische sowie arabische, südamerikanische und südeuropäische Kulturkreise. Jedoch ist darauf zu achten, dass eine erhaltene Gefälligkeit nicht zu schnell ausgeglichen wird, da dies mit der Assoziation verbunden werden könnte, dass man sich aus der entstandenen Bindung stehlen möchte. Die dauerhafte Bindung muss also praktisch durch wechselseitige Verpflichtungen und Gefälligkeiten aufrecht erhalten werden. In diesem Sinne kann Guanxi somit also weit über ein Verständnis guter Beziehungen hinausgehend verstanden werden. Vielmehr ist Guanxi ein praktisches und utilitaristisches menschliches Netzwerk, innerhalb dessen aber ein langfristig ausbalancierter Austausch zwischen Geben und Nehmen stattzufinden hat. Als Grundlage des Guanxi selbst kann der Konfuzianismus angesehen werden, der die zentrale Bedeutung harmonischer zwischenmenschlicher Beziehungen herausstellt309. Die Bedeutung solcher Beziehungen wird von der Asien-Expertin Chin-Ning Chu wie folgt beschrieben: „Guanxi und Hou Tai sind Schlüsselkonzepte für das Verständnis des erfolgreichen Handelns in der chinesischen Gesellschaft. Guanxi bedeutet wörtlich „Beziehungen“; Hou Tai: hinter den Kulissen. Gemeinsam bezeichnen sie den persönlichen Einfluß und die mächtigen Beziehungen einer Person. In China hat persönliches Verdienst allein nie genügt, um ein Anliegen zu befördern. Ein hochrangiger chinesischer Funktionär beklagte sich einmal bei mir: „Es spielt in China keine Rolle, wie viele Gesetze man auf seiner Seite hat und wie rechtschaffen man ist; ohne Guanxi ist man nichts. Wer das richtige Guanxi und Hou Tai hat, kann nie im Unrecht sein, auch wenn er ein Gesetzesbrecher ist und unbegründete Ansprüche geltend macht.“310 Auch Diekmann und Fang weisen in Hinblick auf China auf die überragende Bedeutung des Guanxi hin. Demgemäß gibt es China im Prinzip keinen Aspekt des gesellschaftlichen Lebens und insbesondere auch des Geschäftslebens, der nicht durch Guanxi geprägt ist. „Hat man Guanxi, so steht einem alles offen; hat man sie nicht, so bleibt einem nahezu alles verschlossen.“311 In diesem Sinne ermöglicht Guanxi im Übrigen auch die Erreichung von Zielen, die über den offiziellen bürokratischen Weg nicht zu erreichen wären, wenn auch u. U. über gewisse Umwege312. Der Aufbau einer Freundschaft ist jedoch nur langfristig möglich. So wird davon berichtet, dass Chinesen die Meinung vertreten, dass der Aufbau einer vertrauensvollen Beziehung zumindest 10 Jahre dauert. Gewinnbringende Geschäftsbeziehungen sind in jedem Falle nur langfristig auf einer geschaffenen Vertrauensbasis möglich. Eine bereits etablierte einflussreiche und geschätzte Beziehung wird, nachdem sie mühevoll und mit großem Einsatz langfristig aufgebaut worden ist, dementsprechend wie ein persönlicher Vermögenswert gehütet, gepflegt und weiter gefestigt313. Die Langfristigkeit des Beziehungsaufbaus begründet sich im Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 226 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 227 226 6 Kulturvergleichende Studien sog. Konfuzianismus, der letztlich die Wurzeln des Guanxi repräsentiert. Diesem zufolge hat die Bewahrung einer sozialen Harmonie eine hohe Priorität, aber auch die von Konfuzius als äußerst wichtig eingestufte Gesichtswahrung ist in diesem Zusammenhang zu sehen. Wichtig ist es schließlich, den Blick für die Realität nicht zu verlieren und herauszustellen, dass trotz der Bedeutung guter zwischenmenschlicher Beziehungen viele Chinesen bei Verhandlungen mit ausländischen Firmen mittlerweile hart verhandeln314 und selbst um kleine materielle Vorteile bemüht sind. Mitunter werden sogar langjährige gute Beziehungen mittlerweile aufgegeben, getreu dem Motto „Geschäft ist Geschäft“315. Die Bedeutung der Vorbereitung von Geschäftsabschlüssen in diffus ausgerichteten Ländern Asiens beschreibt Lee mit einem Verhältnis von 8 zu 2. Demzufolge werden im Asiengeschäft allein 8 Einheiten eines insgesamt vorgesehenen bzw. beanspruchten Zeitraumes von 10 Zeiteinheiten mit Kontaktsuche, Vorbereitung, Verhandlung, Festlegen von Bedingungen und Treffen von Entscheidungen benötigt. Ist nach diesen 8 Zeiteinheiten ein Geschäftsabschluss erzielt worden, so kann mit dem eigentlichen Geschäft, z. B. mit Produktion und / oder Lieferung begonnen werden. Das eigentliche Geschäft kann innerhalb der noch verbleibenden 2 Zeiteinheiten abgewickelt werden316. 6.4.4.3 Begegnung von S‑Typ und D‑Typ Ein hohes Konfliktpotential ergibt sich in Situationen, in denen ein S-Typ und ein D-Typ zusammenkommen. Was die eine Person (S-Typ) als belangloses Treffen sehen mag, selbst wenn „nur“ über Aktivitäten von Mitgliedern der eigenen Familie oder gar die eigene Psychotherapie gesprochen wird, empfindet die andere Person (D-Typ) als tiefer gehende Entwicklung einer privaten Bindung, insbesondere natürlich mit zunehmend im Inneren der Verhaltenskreise gelegenen Gesprächsthemen. Derart unterschiedliche Auffassungen können leicht zum Gesichtsverlust aufseiten der diffus ausgerichteten Kulturvertreter und somit auch zur Schädigung Familie Verwandte Freunde und Freundesfreunde Abbildung 6‑29: Chinesische Hierarchie der Beziehungen (Quelle: Rentzsch (1999 a), S. 56) Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 226 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 227 2276.4 Kulturvergleichende Studie nach Trompenaars der interkulturellen Beziehung führen. So wird etwa ein australischer Vorgesetzter (S-Typ), der einen chinesischen Mitarbeiter (D-Typ) zu sich nach Hause einlädt, diesen am anderen Tag in der Firma genauso behandeln wie zuvor. Der Chinese wiederum, für den diese private Einladung eine tiefer gehende Bedeutung hat, wird eine nachfolgende, vergleichsweise gefühlsneutrale Behandlung nicht verstehen und als Gesichtsverlust empfinden. Allgemein resümierend lässt sich die Kommunikation in durch Spezifität gekennzeichneten Kulturen durch eine emotionale Kontrolliertheit, nüchterne Ausdrucksweise, Sparsamkeit bzw. Reduziertheit sowie Klarheit bzw. Deutlichkeit in der Sprache charakterisieren. Diffusheit hingegen ist häufig verbunden mit einer Leidenschaftlichkeit und reichlichen Verzierungen in der Kommunikation. Aber auch die Ausnutzung der verschiedenen kommunikativen Ausdrucksformen gelangt gerade in diffus geprägten Ländern zur Anwendung, so dass die nonverbalen Kommunikationsanteile einen hohen Stellenwert haben317. Über die Kommunikation hinaus gestalten sich die zwischenmenschlichen Beziehungen in Ausrichtung an der Kulturdimension Spezifität vs. Diffusheit sehr unterschiedlich. Beispielsweise wird im durch Spezifität gekennzeichneten Deutschland eine sehr strikte Trennung zwischen Berufsleben und Privatleben vorgenommen. Dementsprechend wird während der Arbeitszeit sehr konzentriert, diszipliniert und ernsthaft gearbeitet und im Prinzip keine Zeit für private Dinge „verschwendet“. Nach Feierabend hingegen können die arbeitsamen Deutschen wie ausgewechselt wirken, sich also richtiggehend fröhlich und entspannt geben. In Spanien hingegen ist die strikte Trennung zwischen Berufsleben und Privatleben in dieser Form gemäß der eher vorherrschenden Diffusheit so nicht gegeben. So haben private Gespräche am Arbeitsplatz durchaus ihren Stellenwert. Aber auch das vergleichsweise ausgiebige Mittagessen, in Spanien üblicherweise mit zwei Gängen, unter Umständen einem Glas Wein sowie Nachtisch und anschlie- ßendem obligatorischen Kaffee, hat eine wichtige Gesellschaftsfunktion. Insofern kann für Spanien durchaus von einer Diffusion von Arbeit, zwischenmenschlicher Geselligkeit sowie mitunter auch privaten Erledigungen gesprochen werden318. 6.4.5 Leistung vs. Herkunft Die Kulturdimension Leistung vs. Herkunft geht der Frage nach, ob der Status, der einer Person zugeschrieben wird durch individuelle Leistung der entsprechenden Person erworben wird oder ob dieser Person der Status eher durch Herkunft bzw. Zugehörigkeit zugeschrieben wird. Ein durch Leistung erworbener Status lässt sich an der beruflichen Position, dem Einkommen oder Eigentum wie Haus, Auto oder Kleidung erkennen. All diese Faktoren als Ausdruck für Status werden durch eigene Leistungsfähigkeit und Leistungsbereitschaft erworben: „There is an „even break“ so that winners „make it“ by their own determination and ability. If X wins and Y is beaten, it is important to attribute the success of X to his or her „get up and go” (…)“319. Eine Bewertung des Status nach Herkunft bzw. Zugehörigkeit hingegen verweist darauf, dass hierbei Aspekte wie Geburt, Verwandtschaft, Gruppenzugehörigkeit, Ausbildung, Rassenzugehörigkeit, Religion etc. entscheidende Einflussfaktoren sind. Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 228 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 229 228 6 Kulturvergleichende Studien Die Kulturdimension Leistung vs. Herkunft stellt eine Erklärungsmöglichkeit für eine Vielzahl kulturspezifischer Verhaltensweisen und Produkte dar. In den USA herrscht beispielsweise eine sehr hohe Leistungsorientierung vor. Dies erklärt auch, warum Helden („heroes“) eine derart wichtige Rolle spielen. Dabei bezieht sich dieses Heldendenken auf Künstler und die Oskar-Verleihung genauso wie auf die Hall of Fame, Filmhelden wie die Protagonisten aus „Rambo“ und „Die Hard“, Kriegshelden wie Norman Schwarzkopf, der in einer Siegesparade nach Beendigung des Golfkrieges enthusiastisch gefeiert wurde oder Sportler wie das bei der Olympiade 1980 siegreiche Eishockeyteam der USA320. Eine der Fragen, die Trompenaars zur Untersuchung der Kulturdimension Leistung vs. Herkunft gestellt hat, lautet dahingehend, ob der Respekt, der einer Person gegenüber zum Ausdruck zu bringen ist, von der Herkunft dieser Person unabhängig sein sollte. Wie aus Abbildung 6-30 ersichtlich wird diese Leistungsorientierung in vielen Ländern in hohem Maße vertreten. Einschränkend ist allerdings anzumerken, dass die Mehrheit der berücksichtigten Länder der Gruppe der westlichen Industrienationen zuzurechnen ist. Die Dimension Leistung vs. Herkunft wirkt sich durchaus auf den Bereich der Wirtschaft im Allgemeinen aus. So kann das „Hire and fire“ bei Nicht-Erfüllung von Zielvorgaben durch das Management („management by objectives“) mit der US-amerikanischen Leistungsgesellschaft in Verbindung gebracht werden. Auch in Frankreich herrscht eine sehr starke Ausrichtung am Leistungsgedanken. So gilt beispielsweise das Pariser Lycée Louis-le-Grand, welches bereits Voltaire, Molière, Robespierre, Pompidou und Giscard besucht haben, als eines von wenigen Elitegymnasien. Einlass findet in dieses besonders anspruchsvolle Elite-Lycée nur, wer in einer anderen Schule zur einsamen Spitze gehört. Nach Abschluss des Baccalauréats, des französischen Abiturs ist nach erfolgreicher Bewerbung der Besuch einer der durchaus zahlreicheren Eliteschulen („grandes écoles“) üblich, von denen letztendlich indes nur relativ wenige wirkliches Gewicht haben. So führt der Weg zur Führungselite heutzutage meist über die Ecole Polytechnique oder das Institut des Sciences Politiques zur Ecole Nationale d’Administration, kurz ENA, und von dort in die großen Corps des Staates. Wie in Frankreich durchaus leistungsorientiert üblich, so zählt auch bei der ENA, die nur eine geringe Anzahl Studenten aufnimmt, am Ende die Position auf der Rangliste der Absolventen. Die Besten können davon ausgehen ausgesorgt zu haben, da sie die Führungselite in Politik, Wirtschaft und Verwaltung bilden werden. Der Abschluss an einer der Eliteschulen garantiert also in der Tat eine Karriere. So können sich beispielsweise die Absolventen der ENA bei entsprechender Position auf der Notenrangliste ihre zukünftige Stellung selbst aussuchen, wobei Staatsrat, Rechnungshof und Finanzinspektion als die drei großen Corps besonders bevorzugt werden. Doch letztlich ist für die Karriere ab einem bestimmten Zeitpunkt ein politischer Pate wichtig, der den jungen Elitenachwuchs in die oberen Positionen nachzieht. Private Kontakte beginnen nunmehr von höchster Bedeutung zu sein und die ENA entpuppt sich als Seilschaft par excellence. So wird sich jemand, der einen Posten freigibt unter den ehemaligen Klassenkameraden nach einem möglichen Nachfolger erkundigen, der selbst wiederum aus den Reihen der ENA stammt321. So „hängen die Jahrgänge der ENA lebenslang wie Kletten im Zweckverband zusammen.“322 Die gegenseitige Unterstützung kann durchaus als eiserner Grundsatz unter den Abgängern der Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 228 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 229 2296.4 Kulturvergleichende Studie nach Trompenaars Eliteschulen angesehen werden. Somit spielt also die Herkunft aus dieser oberen Schicht der Bildungselite in Frankreich eine mitunter ganz entscheidende Rolle. Auch in Ausrichtung an der Kulturdimension Leistung vs. Herkunft bieten sich für die Interkulturelle Kommunikation interessante Erklärungsansätze an, etwa auf die Frage, warum sich in den USA selbst einander fremde Personen unterschiedlichster sozialer Schichten, Unternehmenshierarchieebene etc. üblicherweise von Anfang an mit dem Vornamen ansprechen. Durch die Verwendung des Familiennamens würde in einer leistungsorientierten Kultur wie der USA bereits (zu)viel vom herkunftsbezogenen Hintergrund des Gesprächspartners preisgegeben werden, die jeweilige Gesprächssituation also in unerwünschtem Maße beeinflusst werden323. In China als eher herkunftsorientierter Kultur hingegen ist das Duzen, also die Anrede mit dem Vornamen den Mitgliedern der eigenen Familie sowie guten Freunden vorbehalten. Insbesondere im geschäftlichen Umfeld wird das Angebot zum Duzen als typisch westliche Unsitte empfunden, das bereits den ersten Gesichtsverlust des chinesischen Verhandlungspartners riskiert. Im Übrigen steht im Chinesischen üblicherweise der Nachname vor dem Rufnamen, was bereits als gewisser Stellenwert der Familienherkunft interpretiert werden kann. Sogar die Anrede „Frau“ und „Herr“ werden nach dem Familiennamen genannt324. Schließlich sei angemerkt, dass in Asien die häufige Erwähnung des Namens eher auf Ablehnung stößt. Während es etwa in Deutschland als besonders persönlich angesehen und positiv bewertet wird, den Kommunikationspartner häufig mit seinem Namen anzusprechen wird in Asien befürchtet, dadurch böse Geister auf sich aufmerksam machen zu können. Daher wird es beispielsweise in China häufig bevorzugt, den Kommunikationspartner statt mit dem Namen durchaus mit seiner Funktion im Unternehmen anzusprechen, also z. B. als „Herr Produktionsleiter“325. Die Kulturdimension Leistung vs. Herkunft begründet auch, warum Titel jeglicher Art von unterschiedlicher Wichtigkeit sind. In leistungsorientierten Kulturen wird nur selten auf die Verwendung von Titeln wert gelegt, da der Titel hinsichtlich des positiven Beitrags einer Person in einer bestimmten Situation eigentlich nur eine geringe Aussagekraft hat. So zählt vorrangig die jeweils aktuell erbrachte Leistung, die eigentlich von jedem und unabhängig von einem früheren Erwerb oder der Verleihung eines Titels zu erbringen ist. In herkunftsorientierten Kulturen hingegen ist die Situation ganz anders. Besonders auffallend ist die extrem herkunftsorientierte Respektzollung in Österreich. Hier zählen etwa akademische Titel in höchstem Maße. Ein Professor oder Doktor wird regelmäßig mit dem entsprechenden Titel angeredet und selbst ein mit dem Magister- oder Ingenieurs-Titel abgeschlossenes Studium bringt es durchaus mit sich, dass die entsprechende Person als Herr Magister bzw. Herr Ingenieur angesprochen wird. Ein Unterlassen der Nennung des akademischen Titels kann mit einer groben Missachtung der Grundsätze der Höflichkeit angesehen werden. Die Titelorientierung der Österreicher geht sogar soweit, dass selbst Universitätsprofessoren darauf achten, dass ein Brief an einen Herrn Oberamtsrat nicht versehentlich nur an einen Herrn Amtsrat adressiert wird. Besondere Stilblüten treibt die österreichische Herkunftsorientierung auf den Grabsteininschriften auf dem Wiener Zentralfriedhof. Dort ruhen bürgerliche Personen, die z. B. als „Bundesbahnbeamtensgattin“ oder „Hauseigentümersgattin“ tituliert werden, auch wenn davon auszugehen ist, dass derartig extrem anmutende Erscheinungen älteren Datums sind. Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 230 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 231 230 6 Kulturvergleichende Studien Eine Besonderheit bei Verhandlungen mit Vertretern herkunftsorientierter Kulturen ist darin zu sehen, dass diese oftmals zwar von Experten geführt werden, die aber wiederum im Schatten einer Art grauer Eminenz stehen. Diese graue Eminenz im Hintergrund tritt mitunter überhaupt nicht in den Vordergrund, bestimmt und beeinflusst aber dennoch den Verlauf der Verhandlung maßgeblich. Für den Fall, dass derartige Personen von hohem Rang persönlich an der Verhandlung teilnehmen ist es für den Verhandlungspartner sinnvoll, an der Verhandlung ebenfalls eine Person mit ähnlichem Alter, hierarchischer Stellung etc. teilnehmen zu lassen326. 0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 Dänemark Australien USA Großbritannien Frankreich Irland Schweden Schweiz Hongkong Deutschland Finnland China Italien Belgien Brasilien Russland Österreich Abbildung 6‑30: Prozentsatz der Befragten, die den einer Person entgegenzubrin‑ genden Respekt als unabhängig von der Herkunft sehen (Quelle: Apfelthaler (2002), S. 75) Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 230 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 231 2316.4 Kulturvergleichende Studie nach Trompenaars 6.4.6 Umgang mit bzw. Stellenwert der äußeren Umwelt Mit der Kulturdimension Umgang mit bzw. Stellenwert der äußeren Umwelt spricht Trompenaars kulturspezifisch unterschiedliche Einstellungen an hinsichtlich der Wirkkräfte, die das Geschehen im Allgemeinen bzw. individuelle Schicksale im Besonderen bestimmen. Grundsätzlich kann das eigene Schicksal entweder als von jeder einzelnen Person durch Willen, Überzeugung, innerer Einstellung und Seelenhaltung beeinflussbar bzw. steuerbar angesehen werden (Innenorientierung), wobei hiermit die Gewinnung der Kontrolle über die Natur und Umwelt im Allgemeinen verknüpft ist. Oder aber das Schicksal wird in gewissem Sinne fatalistisch als von Außen gegeben angesehen, also als determiniert von Naturgewalten, Gott, bestehenden Beziehungen oder auch gewisser Bestimmung (Außenorientierung), wobei in diesem Falle quasi eine Unterwerfung unter die Natur und Umwelt erfolgt. Diese beiden gegensätzlichen Stellenwerte der äußeren Umwelt drückt Trompenaars auf bildhafte Weise wie folgt aus: „is mercy within us – „in our bowels,“ (…) or does it drop „like gentle dew from heaven?”327 Die Kulturdimension der Umwelt bleibt in Bezug auf Verhalten und Produkte in Kulturen nicht ohne Auswirkungen. So schreibt der französische Philosoph und Schriftsteller Albert Camus in seinem Werk „The Rebel“ den Ausspruch „I rebel, therefore we exist.“ Die hierin zum Ausdruck kommende Innenorientierung, die sein gesamtes Werk prägt, war sicherlich ein Grund dafür, dass Martin Luther King jr. dieses Buch mitnahm, als er in das Gefängnis in Birmingham gesperrt wurde. Sein „Letter from a Birmingham Jail“ ist Zeugnis des Einflusses, den das Werk von Camus auf ihn ausgeübt hat. Ebenfalls Zeugnis der Innenorientierung der USA sind von Frank Sinatra gesungene Songs. So bringt bereits der Song „(I did it) My way“ eine Unabhängigkeit von der Umwelt zum Ausdruck. Im Song „New York, New York“ wird mit der Textpassage „If I can make it there I’ll make it anywhere“ Bezug genommen auf das hohe Durchsetzungsvermögen, welches gerade die US-Metropole in vollkommen üblicher Weise den Menschen abverlangt. Verfügt man aber über dieses Durchsetzungsvermögen, dann kann der Einzelne alles Erwünschte erlangen, wenn auch durch große Anstrengungen. So singt Gene Kelly im Film „Ein Amerikaner in Paris“ den folgenden Text zum Song „Stairway to paradise“: „I’ll build a stairway to paradise with a new step every day I’m going to get there at any price Stand aside, I’m on my way” Schließlich sind auch Comic-Helden wie Superman, Batman, Spiderman etc. im Sinne von kulturgeprägten Produkten Ausdruck einer – wenn auch fiktiven und überzeichneten – Innenorientierung. Eine Außenorientierung hingegen nimmt Bezug auf das von außen Vorgegebene. Diese Außenorientierung findet etwa in asiatischen Kampfsportarten wie Ju-jitsu, Aikido oder Judo ihren Ausdruck. So wird beim Judo die Bewegung des Gegners aufgegriffen in dem Sinne, dass der Kämpfer die Bewegungsrichtung des Gegners aufgreift bzw. nachvollzieht, um den Sieg zu erringen. Das ursprünglich aus Japan stammende und über Ostasien sich verbreitende Karaoke ist eine Unterhaltungs- Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 232 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 233 232 6 Kulturvergleichende Studien form, bei der durch das ansonsten komplett vom Band kommende Musikstück ohne Gesangspart sowie durch die Textvorgaben dem jeweils sich Probierenden eine Unterstützung von außen zukommt328. Neben dem kulturspezifischen Stellenwert der Umwelt kann die Kulturdimension aber auch bezüglich des kulturspezifischen Umgangs mit der Umwelt aus einem weiteren Blickwinkel heraus betrachtet werden. Angesprochen wird dabei die Einstellung des Einzelnen zur äußeren Umwelt sowie der Umgang mit selbiger. So halten Kulturen für ihre Mitglieder unterschiedliche Vorschriften und Regeln bereit, die den Grad der zulässigen Einflussnahme des Einzelnen auf die Umwelt definieren. Dies kann am Beispiel des Walkman aufgezeigt werden, der von der japanischen Firma Sony erfunden wurde. Die ursprüngliche Idee, die hinter dieser Erfindung steht, ist ein Abspielgerät zu erfinden, das es ermöglicht Musik zu hören ohne andere Menschen zu stören. Diese typisch japanische Einstellung steht in Gegensatz zur westlichen Sichtweise des Walkmans, gemäß der ein Walkman als Möglichkeit gesehen wird, Musik zu hören ohne von anderen Menschen, also der Umwelt gestört zu werden329. Die Frage, wie verschiedene Kulturen ihre jeweiligen Chancen einschätzen, selbst das Geschehen bzw. das eigene Schicksal bestimmen zu können bzw. wie sehr sie sich der Umgebung und Natur ausgeliefert sehen, wird länderabhängig sehr unterschiedlich beantwortet. Eine Frage von Trompenaars zur Ermittlung des Einflusses der Umwelt bezieht sich auf den Stellenwert von außen gewährter Auszeiten. Es wird danach gefragt, ob das richtige Ausmaß an Pausen und Urlaub im Sinne einer Innenorientierung letztendlich unwichtig ist, um im Berufsleben erfolgreich zu sein und entsprechend erfolgreich eine Führungsrolle zu übernehmen. Der prozentuale Anteil der somit innenorientierten Personen wird in Prozent in Abbildung 6-31 wiedergegeben. Im Wirtschaftsleben sind die als vorbildhaft betrachteten Biographien von Thomas Edison, Bill Gates oder Steve Jobs leuchtende Beispiele für die Verwirklichung des Amerikanischen Traums und der Realisierbarkeit des „anything goes“ auf dem Weg vom „Tellerwäscher zum Millionär“. Für diesen Weg werden letztlich, neben einer guten Idee, vor allem selbst geplante und selbst gesteuerte harte Arbeit als zentrale Voraussetzungen angesehen. In der realen Wirtschaftswelt findet die Innenorientierung beispielsweise im vom Magazin Fortune durchgeführten Ranking „America’s Ten Toughest Bosses“ ihren Ausdruck. Für Wirtschaftsbosse wie Jack Welch, ehemals Chief Executive Officer (CEO) von General Electric und seinerzeit einer der am meisten bewunderten Führungskräfte der Wirtschaft, werden Bezeichnungen wie „Neutron Jack“ gefunden in Anlehnung an die Neutronenbombe, die Menschenleben vernichten kann, jedoch Eigentum wie beispielsweise Gebäude unbeschadet lässt. Im Gegensatz zur Innenorientierung wird die Vorgehensweise im Sinne einer Außenorientierung am Beispiel des erfolgreichen Imitierens und Verbesserns von bereits Bestehendem durch die Tiger-Staaten deutlich. Länder wie Malaysia und Thailand, aber auch Japan sind erfolgreich, indem sie in diversen Technologiebranchen auf Ideen und Aktivitäten westlicher Industrienationen aufbauen und selbige durch oftmals kleine, aber entscheidende Änderungen zur Vermeidung vorher noch bestehender Kinderkrankheiten verbessern330. In Hinsicht auf die Wirtschaft hat die Grundhaltung gegenüber der äußeren Umgebung aber noch einen weiteren, maßgeblichen Einfluss, der sich auf die Risikofreudigkeit der Menschen bezieht. Der Glaube an sich selbst und an die eigenen Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 232 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 233 2336.4 Kulturvergleichende Studie nach Trompenaars Fähigkeiten, das eigene Schicksal und die damit verbundenen Herausforderungen zu meistern, lässt Mitarbeiter risikofreudiger, möglicherweise auch kreativer in ihrem Verhalten werden. In interkulturellen Begegnungen können hieraus resultierend bereits Reibungen und Störungen entstehen. Was dem einen zu traditionell und zu wenig expansiv erscheint, ist für den anderen möglicherweise bereits abschreckend infolge der Risikobehaftung331. So sind es denn auch die risikofreudigen US-amerikanischen Innovatoren wie Henry Ford, Samuel Morse, Frederick Taylor, die Gebrüder Wright etc., die eine im Inneren ihrer Persönlichkeit gereifte Idee mit Engagement 0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 USA Kanada Australien Großbritannien Israel Korea Italien Frankreich Schweiz Deutschland Japan Niederlande Belgien Polen China Hongkong Schweden Indien Russland Yugoslawien Abbildung 6‑31: Prozentsatz der Befragten, die der Meinung sind, dass zur effektiven Ausübung einer Führungsrolle ausreichende Auszeiten keinen Beitrag leisten (Quelle: Hampden‑Turner; Trompenaars (2000), S. 238) Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 234 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 235 234 6 Kulturvergleichende Studien und Nachdruck verfolgt und letztlich der äußeren Umwelt verfügbar gemacht haben. Außenorientierte Kulturen wie Japan hingegen zeichnen sich durch die Erfindung bzw. Etablierung von Methoden wie Kaizen aus332. So liegt der Ursprung von Kaizen in Japan und hat mittlerweile auch in Europa in der Unternehmensführung Einzug gehalten. Vereinfacht ausgedrückt kann Kaizen als Unternehmensphilosophie der kontinuierlichen, also fortlaufenden Verbesserung eingestuft werden. Die permanente Verbesserung wird dabei durch fortlaufende Berücksichtigung aller Ideen sämtlicher Mitarbeiter auf allen Hierarchieebenen und in allen Bereichen erreicht333. Um die Idee des Kaizen in der Praxis umzusetzen, bedarf es einer umfassenden Information und Motivation der Außenwelt, also der Gesamtheit aller Betriebszugehörigen. 6.4.7 Umgang mit bzw. Stellenwert der Zeit Die Kulturdimension Umgang mit bzw. Stellenwert der Zeit schließlich bezieht sich – analog zur Kulturdimension der Zeitorientierung nach Hall334 – auf die kulturell unterschiedliche Wahrnehmung von Zeit hinsichtlich Tempo, Rhythmus, Pünktlichkeit oder relativer Wichtigkeit von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Trompenaars ist dabei zur grundsätzlichen Unterscheidung von sequentiell-orientierten und synchron-orientierten Kulturen gelangt, quasi der Unterscheidung in monochron und polychron geprägte Kulturen nach Hall entsprechend. So sind die sequentiell-orientierten Kulturen als nicht an Traditionen gebundene Gegenwartskulturen zu begreifen, in denen eine genaue zeitliche Abfolge und Abarbeitung unterscheidbarer Teilaufgaben und effizientes Zeitmanagement wichtig sind. In den synchron-orientierten Kulturen, die als an der Erhaltung von Traditionen interessierte Vergangenheitskulturen zu charakterisieren sind, ist hingegen das gleichzeitige Erledigen mehrerer Teilaufgaben durchaus üblich. Sequentiell orientierte Kulturen weisen der Zeit eine hohe Bedeutung zu („Time is money“, „Time waits for no one“). Damit verbunden ist eine chronologische Ausrichtung an der Zeitdimension. Dem sequentiellen Zeitverständnis entsprechend werden Zeitpläne nicht nur aufgestellt, sondern vielmehr ist ihre Einhaltung auch eines der obersten Ziele. Dieses Ziel soll insbesondere durch konsequent sukzessive Abarbeitung einzelner Teilaufgaben erreicht werden. Zudem sind im Sinne eines sequentiell ausgerichteten Zeitverständnisses Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft linear nacheinander angeordnet. Im Gegensatz dazu wird in Kulturen mit synchron geprägtem Zeitverständnis der Zeit eine merklich geringere Bedeutung beigemessen. So werden zwar auch hier Zeitpläne aufgestellt, doch kann deren Modifikation vergleichsweise spontan und flexibel vorgenommen werden. Zudem können einzelne Aktivitäten kurzfristig zugunsten anderer unterbrochen werden und ein paralleles Abarbeiten einzelner Teilaufgaben ist durchaus denkbar335. Dementsprechend herrschen zwischen den einzelnen Zeitabschnitten eher Interdependenzen und sogar Überlappungen. Ausdruck der chronologischen Orientierung in den USA sind beispielsweise die Ansätze von Henry Ford bzw. Frederick Taylor. Beide haben die industrielle Entwicklung maßgeblich geprägt und die Ansätze von beiden basieren maßgeblich auf einer sequentiellen Betrachtungsweise der Zeit, bei der zunehmend kürzere Zeitintervalle für einzelne Arbeitsprozesse zum Tragen kommen336. Kulturen mit sequentiell oder synchron ausgerichtetem Zeitverständnis können nach Trompenaars aber auch hinsichtlich ihrer Orientierung an Vergangenheit, Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 234 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 235 2356.4 Kulturvergleichende Studie nach Trompenaars Gegenwart und / oder Zukunft unterschieden werden. So sind die sequentiellorientierten Kulturen als nicht an Traditionen gebundene Gegenwartskulturen zu begreifen. Die synchron-orientierten Kulturen hingegen können als an der Erhaltung von Traditionen interessierte Vergangenheitskulturen charakterisiert werden. Das unterschiedliche Zeitverständnis geht aus Abbildung 6-32 hervor. Dabei symbolisieren die drei Kreise Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Die graphische Abbildung 6‑32: Zeitverständnis in unterschiedlichen Ländern (Quelle: Kutschker; Schmid (2011), S. 741) Indonesien Malaysia Südkorea Venezuela Frankreich Großbritannien Belgien Niederlande Deutschland Spanien USA Italien China Russland Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 236 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 237 236 6 Kulturvergleichende Studien Darstellung bringt zum einen die Bedeutung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft durch unterschiedlich große Kreise zum Ausdruck, zum anderen aber auch den Zusammenhang zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, indem Überlappungen bzw. Überschneidungen bestehen oder eben nicht337. 6.4.8 Kritik an der Studie nach Trompenaars Die Studie von Trompenaars, die auf dem Gebiet der interkulturellen Forschung große Beachtung gefunden hat, wurde in der Literatur vergleichsweise scharf kritisiert. Die wesentlichen Punkte dieser Kritik werden im Folgenden zusammengefasst. Wie schon in Bezug auf die Studie von Hofstede, so wird auch in Bezug auf die Studie von Trompenaars die Repräsentativität angezweifelt. Diese Zweifel beziehen sich auf eine denkbare Verzerrung der Ergebnisse infolge der Auswahl der Befragten. So ist keineswegs auszuschließen, dass die Befragten, eben Teilnehmer an interkulturellen Trainings, etwa in einer Phase der Vorbereitung auf einen längeren Auslandsaufenthalt, dem Thema der Interkulturalität gegenüber ein überdurchschnittlich hohes Bewusstsein bzw. entsprechend hohe interkulturelle Kompetenz zu verzeichnen haben. Gleichermaßen ist es aber auch keineswegs auszuschließen, dass die befragten Trainingsteilnehmer sich durch vergleichsweise geringe interkulturelle Kompetenz auszeichnen, da sie sich für ein Training gerade infolge ihres besonderen Nachholbedarfs interessieren. Ein weiterer zentraler Kritikpunkt bezieht sich auf die Genese der einzelnen Kulturdimensionen. Die exakte Vorgehensweise zur Ermittlung der sieben Kulturdimensionen bleibt im Unklaren. Trompenaars lehnt sich bei der Dimensionenfindung an andere Wissenschaftler, namentlich Kluckhohn und Strodtbeck338, sowie, hier nicht näher berücksichtigt, Parsons an. Die Kulturdimensionen von Trompenaars entstammen offensichtlich einer Literaturanalyse und repräsentieren somit konzeptionelle Kategorien. Nicht erläutert wird hingegen, warum gerade die Vorschläge von Parsons herangezogen werden und aus den von Kluckhohn und Strodtbeck entwickelten fünf Kulturdimensionen zwei auswählt werden, um sodann beide Konzepte eklektizistisch zusammenzuführen. In Bezug auf die von Trompenaars ermittelten Kulturdimensionen – wie im Übrigen auch in Bezug auf die Kulturdimensionen von Hofstede – sei grundsätzlich angemerkt, dass derartige Dimensionen Beispiele dafür darstellen, wie Kulturen voneinander abgegrenzt werden können. Bislang konnte kein Konzept erarbeitet werden, welches die kulturelle Komplexität vollständig und endgültig erfasst. Der auf dem Gebiet der kulturvergleichenden Psychologie tätige Triandis sieht für kulturvergleichende Studien beispielsweise ca. 20 Dimensionen als sinnvoll an. Aber selbst im Falle einer Berücksichtigung derartig vieler Dimensionen wird die Problematik des Pressens von Kulturen in bestimmte Schemata durch die Vergleichbarmachung mittels Kulturdimensionen nicht gelöst. Zwar ist das Forschen nach generell akzeptierten Dimensionen sinnvoll, um sie sodann für die Suche nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden heranzuziehen. Jedoch wird dabei vernachlässigt, dass sich bestimmte kulturspezifische Eigenheiten durchaus nur in einzelnen Kulturen finden können und von daher auch nur aus diesen Kulturen sowie aus deren Verständnis heraus erkannt und verstanden werden können339. Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 236 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 237 2376.4 Kulturvergleichende Studie nach Trompenaars Dennoch bieten Kulturdimensionen die Möglichkeit zur Identifikation von sogenannten Kulturstandards. Unter Kulturstandards werden nach Thomas die für die Vertreter einer bestimmten Kultur typischen Arten der Wahrnehmung, des Denkens, des Wertens sowie des Handelns verstanden. Diese bilden letztlich zentrale Merkmale eines Orientierungssystems in einer bestimmten Kultur und können allgemein gehaltene Werte, aber auch sehr konkret gefasste Verhaltensvorschriften repräsentieren340. Aufbauend auf dem Sachverhalt, dass sich Kulturen zweifelsohne durch gewisse Grundstrukturen und Regelapparate auszeichnen341 wird einsichtig, dass Kulturstandards es erlauben, das eigene Wahrnehmen, Denken, Werten und Handeln mit demjenigen in anderen Kulturen zu vergleichen. Der Vorteil kulturvergleichender Studien ist nun der, dass Kulturstandards in strukturierter Weise von den jeweiligen Kulturdimensionen abgeleitet werden können. Generell besteht bei der Ermittlung von Kulturstandards allerdings immer die Gefahr der Bildung von Stereotypen, die nicht immer in hohem Maße richtig sein müssen und somit eine Fortschreibung von Vorurteilen sowie eine gewisse Fixierung für die Zukunft darstellen können. Ein weiterer Kritikpunkt in Bezug auf die Studie von Trompenaars bezieht sich auf die Operationalisierung der Kulturdimensionen. Zum einen muss die Frage der Validität gestellt werden, also gefragt werden, ob mit den gewählten Statements tatsächlich das gemessen wird, was auch gemessen werden soll. Zum anderen ist nicht zweifelsfrei geklärt, ob manche Dimensionen nicht in mehrere Subdimensionen zerfallen. Möglicherweise hat Trompenaars auch deshalb gezögert, wie Hofstede aggregierte Gesamtwerte für jede Dimension anzugeben. Neben fehlender Erläuterung der Genese und Operationalisierung der Kulturdimensionen ist auch die sehr kurz gehaltene Darstellung der Methodik der Studie als negativ zu bewerten. Eine Darstellung bloßer Ergebnisse kann aus wissenschaftlicher Sicht nicht zufrieden stellen. Vielmehr ist eine genaue Schilderung des methodologischen Vorgehens erforderlich, um letztlich zu einem wissenschaftlich fundierten Urteil über die Studie zu gelangen. In diesem Zusammenhang ist insbesondere eine Bewertung der Erklärungsmächtigkeit der Studie letztlich nicht möglich. Es geht nämlich nicht eindeutig hervor, für einen wie großen Teil der gesamten Varianz die sieben Kulturdimensionen verantwortlich sind. Es bleibt sowohl offen, ob ein großer oder kleiner Teil der Gesamtvarianz durch die Dimensionen erklärt wird, als auch, ob es noch weitere Kulturdimensionen bzw. Faktoren gibt, die Kulturunterschiede begründen. Trotz der umfassenden negativen Kritik ist herauszustellen, dass die Studie von Trompenaars in der Literatur häufig herangezogen wird. Die große Beliebtheit der Studie begründet sich sicherlich in der sehr einfach verständlichen Art und Weise, in der aufgezeigt wird, dass menschliches Verhalten kulturgeprägt ist. Die Verständlichkeit der Studie wird ergänzt durch zahlreiche illustrierende Anekdoten und plakative Beispiele, die sich der Leser sicherlich leicht merken kann. Somit bietet die Studie sicherlich die Möglichkeiten einer grundlegenden Orientierung und Sensibilisierung hinsichtlich bestehender kultureller Unterschiede342. Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 238 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 239 238 6 Kulturvergleichende Studien 6.4.9 Fallstudie zur kulturvergleichenden Studie nach Trompenaars: „Die Unzuverlässigkeit des asiatischen Projektleiters“ Der US-Amerikaner Joe Cantrell ist seit einigen Monaten kaufmännischer Leiter einer Vertriebsabteilung in einer asiatischen Vertriebsniederlassung des großen, weltweit tätigen US-Unternehmens Citygroup Corporation. Als solcher ist er verantwortlich für die gesamten kaufmännischen Belange der Vertriebsabteilung, in der zahlreiche Projekte abgewickelt werden. Bei den Projekten handelt es sich um große Produktionsanlagen. Als für das sog. Multiprojektmanagement zuständige Person ist er gleichzeitig allen Projektleitern gegenüber disziplinarisch verantwortlich. Bei den sich zuvorderst aus Einheimischen rekrutierenden Projektleitern gilt Herr Cantrell als eine Person, die ziemlich an der Sache orientiert ist und daran ausgerichtet auch seine Entscheidungen trifft. Dieser Ruf wird noch gefestigt, als er den kaufmännischen Projektleiter Herrn Wong, der aus dem asiatischen Land stammt, kündigt, weil dieser es trotz mehrmaliger Aufforderung in den letzten vier Monaten nicht geschafft hat, die Planung der Mittelbindung für das Großprojekt, für welches er als Projektleiter verantwortlich ist, durchzuführen und bei Herrn Cantrell abzugeben. Dabei hatte Herr Cantrell ihm zur Durchführung dieser Aufgabe ganz bewusst keine zeitliche Frist gesetzt, um keinen unnötigen Druck aufzubauen. Dieses Entgegenkommen begründete er sich selbst gegenüber damit, dass er darauf vertraue, dass Herr Wong die Dringlichkeit des Handlungsbedarfes selbst erkennt. Einzuräumen ist jedoch, dass ihm die Gelegenheit zur Kündigung ohnehin nicht unwillkommen ist, verstand er doch von Anfang an nicht, wie eine Person wie Herr Wong zum kaufmännischen Projektleiter hatte aufsteigen können. So ließen seine Arbeitsleistungen grundsätzlich zu wünschen übrig, Ungenauigkeiten und Fehler waren in seiner Arbeit immer wieder aufgefallen. Zudem hat der asiatische Projektleiter in der Argumentation des Herrn Cantrell ohnehin keine eindeutige Qualifikation für eine derartige kaufmännische Tätigkeit, so dass er behauptet, dass man ihn erst gar nicht in dieser Position hätte anstellen dürfen. Kurz nach Aussprache der Kündigung wird Joe Cantrell von Herrn Ling, dem zweiten, technischen Leiter der Vertriebsabteilung, der aus dem asiatischen Land stammt, auf den Sachverhalt angesprochen. Herr Ling versucht, ihn von seiner bereits getroffenen Entscheidung abzubringen. Herr Ling argumentiert, dass in diesem speziellen Fall eine Ausnahme gemacht werden müsse, zumal der Projektleiter Wong aus einer angesehenen Familie stamme und zudem kürzlich seine Frau verloren habe. Schon von daher könne man ihn nicht einfach auf die Straße setzen. Darüber hinaus könne man Herrn Wong nicht alleine für die fehlende Planung der Mittelbindung verantwortlich machen. Dies um so mehr, als das gesamte Projektteam, dem Herr Wong vorsteht, Informationen zur Verfügung stellen muss, auf Basis derer die Planung überhaupt erst möglich wird. Schließlich informiert er Herrn Cantrell, dass sich Herr Wong bereit erklärt hat, ihm gerne bei der Reparatur seines defekten Wagens zur Seite zu stehen, letztlich um die ohnehin von Anfang an nicht gute Beziehung zwischen beiden zu verbessern. Hierfür müsse er Herrn Wong einfach nur kurz ansprechen und um seine Hilfe bitten. Joe Cantrell ist mit der vorgetragenen Argumentation überhaupt nicht einverstanden und bringt dies in seiner gewohnt deutlichen Art unverblümt und mit lauter Stimme zum Ausdruck. Aus seinem Ärger macht er dabei keinerlei Hehl. Herr Ling indes bleibt trotz alledem höflich und lächelt. In sehr respektvollem Tonfall Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 238 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 239 2396.5 Die GLOBE-Studie nach House legt er Herrn Cantrell dar, dass es nicht unwichtig sei, die Sitten und Gebräuche seiner Heimat zu berücksichtigen. Joe Cantrell bleibt jedoch bei seinem Standpunkt und weist seinen Kollegen Ling in aller Deutlichkeit darauf hin, dass im Rahmen der Globalisierung die marktwirtschaftlichen Mechanismen eben zunehmend die gesamte Welt erobern und es letztendlich schlichtweg erfordern jemanden, der am Arbeitsplatz den jeweiligen Anforderungen nicht gerecht wird freizusetzen. Auf persönliche Einzelschicksale jedenfalls könne er, so erklärt Herr Cantrell, keinerlei Rücksicht nehmen. Welche Ursachen sind verantwortlich für die entstandenen Kommunikationsstörungen und Missverständnisse? Gehen Sie bei der Beantwortung dieser Frage auf alle sieben Kulturdimensionen nach Trompenaars ein. 6.5 Die GLOBE-Studie nach House 6.5.1 Forschungsgegenstand der GLOBE-Studie Die im Bereich der bedeutsamen kulturvergleichenden Studien aktuellsten umfassenden Forschungsaktivitäten wurden von dem US-Amerikaner Robert J. House im Jahre 1993 im Rahmen des Global Leadership and Organizational Behavior Effectiveness Research Program begonnen. In Bezug auf dieses Programm wird auf Basis seines Akronyms zumeist und so auch im Folgenden nur kurz von der GLOBE-Studie gesprochen. Das dieser Studie zugrunde liegende zentrale Ziel bzw. Anliegen beschreiben House und Javidan wie folgt: „GLOBE is a programmatic research effort designed to explore the fascinating and complex effects of culture on leadership, organizational effectiveness, economic competitiveness of societies, and the human condition of members of the societies studied.”343 In diesem Sinne soll insbesondere der Einfluss von Kultur auf das organisationale Führungsverhalten („organizational leadership“) bzw. den Führungsstil von Führungskräften, aber auch auf die Organisationseffektivität, die wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit von Gesellschaften sowie die Lebensbedingungen der jeweiligen Mitglieder dieser Gesellschaften untersucht werden. Angesichts des gesetzten Schwerpunktes der Interkulturellen Kommunikation beschränken sich die nachfolgenden Ausführungen allerdings auf den Einfluss von Kultur auf das Führungsverhalten bzw. den Führungsstil sowie die damit letztendlich einhergehenden besonderen Anforderungen im Rahmen der Interkulturellen Kommunikation. Bereits an dieser Stelle wird die zentrale Bedeutsamkeit des Begriffes des auf Organisationen bezogenen Führungsverhaltens deutlich, die im Rahmen der GLOBE-Studie vorherrscht und in der organisationales Führungsverhalten definiert wird als „… the ability of an individual to influence, motivate, and enable others to contribute toward the effectiveness and success of the organizations of which they are members.”344 In einer zunehmend globalisierten Welt hat die GLOBE-Studie somit das Ziel bei der letztendlich zunehmend notwendigen Bewältigung zahlreicher interkulturel- 6.5 Die GLOBE-Studie nach House

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Kompetenz zur Interkulturellen Kommunikation für jeden Markt der Welt

Kommunikation in der Wirtschaft ist von essentieller Bedeutung und unabdingbar für den Erfolg, wobei die fortschreitende Globalisierung und Internationalisierung die Interkulturelle Kommunikation immer bedeutsamer machen. Erst die Kenntnis kultureller Unterschiede und Besonderheiten ermöglicht eine erfolgreiche Kommunikation auch zwischen Vertretern unterschiedlicher Kulturen.

Dieses Buch gibt kulturübergreifend einen umfassenden Überblick über

- Begriffe der Kommunikation und Kultur

- Interkulturelle Besonderheiten in der interpersonalen und massenmedialen

- Kommunikation (Interkulturelle Marketing-Kommunikation)

- Verbale und nonverbale Kommunikation

- Kulturvergleichende Studien (z.B. GLOBE-Studie)

- Neuere Forschungsgebiete wie Interkulturelle Kommunikationspsychologie und Kulturelle Neurowissenschaft

Durch zahlreiche Fallbeispiele und Fallstudien eignet sich dieses Buch für die Aus- und Weiterbildung an Universitäten, Hochschulen und anderen Bildungseinrichtungen sowie für die Praxis.