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6.2 Differenzierung von Kulturen nach Hall in:

Michael Schugk

Interkulturelle Kommunikation, page 167 - 186

Grundlagen und interkulturelle Kompetenz für Marketing und Vertrieb

2. Edition 2014, ISBN print: 978-3-8006-4888-7, ISBN online: 978-3-8006-4889-4, https://doi.org/10.15358/9783800648894_167

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Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 148 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 149 1496.2 Differenzierung von Kulturen nach Hall 6.2 Differenzierung von Kulturen nach Hall Weitreichende Beachtung haben die kulturvergleichenden Ansätze des US-amerikanischen Anthropologen Edward T. Hall gefunden53. Neben seiner wissenschaftlichen Tätigkeit ist Hall insbesondere als Berater für Regierungen und Unternehmen tätig gewesen54. So wurde Hall in der ersten Hälfte der 1950er Jahre vom Foreign Service Institute (FSI) engagiert, um US-amerikanische Diplomaten auf Auslandseinsätze in der ganzen Welt vorzubereiten und zu diesem Zwecke entsprechende Trainingskonzepte zu entwickeln55. Begonnen hat er dabei mit der Analyse des Verhaltens von Bewohnern pazifischer Inseln, später von Japanern und zwar während des Zweiten Weltkrieges. Im Prinzip ist es Hall, der die Fachdisziplin „Intercultural Communication“ begründet hat. Nach dem Kriege hat er seine Forschungen auf den Bereich der Wirtschaft erweitert, nicht zuletzt um Gründe und Ursachen für eine häufige Ablehnung von US-Amerikanern im Ausland aufzudecken56. Auf Basis einer kulturvergleichend-ethnologischen Herangehensweise hat Hall letztendlich im Wesentlichen vier Kulturdimensionen ausfindig gemacht57, wobei insbesondere die Kontextorientierung und die Zeitorientierung als nachfolgend zunächst angeführte Kulturdimensionen einen überaus hohen Bekanntheitsgrad erlangt haben und auch heute noch bedeutsam sind. Zunächst sei noch darauf hingewiesen, dass das Kulturverständnis von Hall eng mit dem Begriff der Kommunikation verbunden ist. Diesem Verständnis folgend definiert er Kultur als ein System, das dazu da ist, um Informationen zu kreieren, zu senden, zu speichern und zu bearbeiten. Dementsprechend ist Kommunikation der gemeinsame Faden, der alle Kulturen durchzieht58. Kommunikation spielt für Hall als Kulturmerkmal also eine dominierende Rolle. Dabei geht er sogar soweit, dass er Kultur als Kommunikation und Kommunikation als Kultur bezeichnet59 und an anderer Stelle Kultur in ihrer Gesamtheit gar als eine Form der Kommunikation interpretiert60. Ferner gilt es zu berücksichtigen, dass die einzelnen von Hall herangezogenen Kulturdimensionen nicht völlig unabhängig voneinander zu sehen sind, sondern sich vielmehr häufig aufeinander beziehen. Schließlich sei darauf hingewiesen, dass die nachfolgend dargestellten vier Kulturdimensionen nicht das Ergebnis eines einzigen Forschungsprojektes sind, sondern von Hall vielmehr im Rahmen einer langjährigen Forschungs- und Beratungstätigkeit erarbeitet worden sind61. 6.2.1 Kontextorientierung Die Weise, in der Menschen kommunizieren, ist für Hall maßgeblich vom Kontext abhängig. Dabei versteht er unter Kontext sämtliche Informationen, die ein Ereignis umgeben: „Context is the information that surrounds an event“62. Diese Informationen sind „untrennbar mit der Bedeutung dieses Ereignisses verbunden.“63 Zum Kontext zählen, ohne den Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben, die räumlichen und klimatischen Verhältnisse, die räumliche Distanz zwischen Kommunizierenden und die von Kommunizierenden eingesetzten Statussymbole. Aber auch Ereignisse der Vergangenheit, etwa frühere Erfahrungen in ähnlichen Situationen bzw. Ereignisse, die der Kommunikation unmittelbar vorausgegangen sind, werden dem Kontext zugerechnet. Schnell wird deutlich, dass 6.2 Differenzierung von Kulturen nach Hall Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 150 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 151 150 6 Kulturvergleichende Studien sich der Kontext aus einer beinahe unüberschaubaren Vielzahl an Einzelfaktoren zusammensetzt64. Die allgemeine Unterschiedlichkeit des Kontexts in Abhängigkeit von unterschiedlichen Kulturen beschreibt Barnlund: „The streets of Calcutta, the avenues of Brazilia, the Left Bank of Paris, the gardens of Kyoto, the slums of Chicago, and the canyons of lower Manhatten provide dramatically different backgrounds for human interaction.“65 Aber nicht nur die Ausgestaltung der Kontexte ist in Abhängigkeit von der Kultur sehr unterschiedlich. Vielmehr kann auch die Bedeutung ein und desselben Kontextes kulturabhängig variieren: „There are meanings to be read into settings and situations which must be learned if one is to avoid misunderstandings and even unpleasant experiences. A boss who invites his secretary out for a drink after work may or may not have ulterior motives in either country. However, the assumption that this was a romantic overture would be far more common in Mexico City than in New York or Los Angeles.”66 Dem Verständnis von Hall in Bezug auf die Kulturdimension Kontextorientierung folgend ist es nun von zentraler Bedeutung kontextgebundene Kulturen zu unterscheiden von kontextungebundenen Kulturen. In diesen beiden gegensätzlichen Kulturkategorien hat der Kontext grundsätzlich einen unterschiedlichen Stellenwert, was insbesondere für die Art und Weise der Kommunikation weitreichende Folgen hat, wie noch zu sehen sein wird. Letztlich kommt die unterschiedliche Bedeutung des Kontexts in der Kommunikation für die unterschiedlichen Kulturen in einer Kulturenskala von „high-context culture“ bis „low-context culture“ zum Ausdruck. 6.2.1.1 Kontextgebundene Kulturen In kontextgebundenen Kulturen, in denen der Kontext grundsätzlich eine große Bedeutung für die (kontextabhängige) Kommunikation hat, ist die Kommunikation selbst dadurch gekennzeichnet, dass tendenziell eher indirekt ausgerichtete Formulierungen gewählt werden, also etwa die niedrigeren Stufen der Direktheitsskala für Aufforderungen nach House und Kasper bevorzugt werden67. Die Kommunikation ist aber nicht nur durch Indirektheit gekennzeichnet, sondern gleichzeitig auch vergleichsweise implizit ausgerichtet. Implizitheit in der Kommunikation heißt dabei, dass etwas nicht tatsächlich ausgesprochen wird und es dennoch darin steckt oder zumindest hineininterpretiert werden kann. Im Übrigen können auch die eigentlichen Hauptbotschaften durchaus implizit gesendet werden, was auch in der Realität durchaus häufig vorkommt68. Die Implizitheit ist somit dadurch gekennzeichnet, dass vergleichsweise wenig gesagt oder geschrieben wird, da die Information in hohem Maße bereits in der physischen Umwelt bzw. im Kommunikator selbst implizit enthalten ist. Somit wird insbesondere in der verbalen Kommunikation nur ein kleiner Anteil der Nachricht(en) explizit enkodiert und übertragen69: „A high context (HC) communication or message is one in which most of the information is already in the person, while very little is in the coded, explicit, transmitted part of the message. A low context (LC) communication is just the opposite; i. e., Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 150 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 151 1516.2 Differenzierung von Kulturen nach Hall the mass of the information is vested in the explicit code. Twins who have grown up together can and do communicate more economically (HC) than two lawyers in a courtroom during a trial (LC), a mathematician programming a computer, two politicians drafting legislation, two administrators writing a regulation.”70 Die Kommunikation in kontextgebundenen Kulturen ist aber nicht nur indirekt und implizit ausgerichtet, sondern auch in hohem Maße kreisförmig gestaltet71. Das Attribut der Kreisförmigkeit bringt dabei zum Ausdruck, dass die Kommunikation einer Art „Pingpongprinzip“ folgt. Die zu vermittelnden Informationen werden Stück für Stück verbalisiert, wie aus Abbildung 6-3 ersichtlich. Der Sender gibt zunächst lediglich einen Teil seiner Botschaft preis. Der diese ersten Hinweise aufnehmende Empfänger muss selbige deuten und die Richtigkeit seiner Interpretation überprüfen. Hierzu kann er auf indirekt formulierte Fragen und Anspielungen zurückgreifen, welche nun wiederum der Sender der ursprünglichen Botschaft erahnen und entschlüsseln muss. Dieses hin und her zwischen den beiden Kommunizierenden kann sich mehrere Male wiederholen, bis sich beide vollständig verstanden haben. In einer durch derartige Kreisförmigkeit gestalteten Kommunikation werden Botschaften vollständig übertragen, ohne jedoch direkt vollständig ausgesprochen, also enkodiert zu werden. Der Vorteil der Kreisförmigkeit einer indirekten und impliziten Kommunikation, die gerade in Asien Anwendung findet, ist darin zu sehen, dass unangenehme Wahrheiten und Kritik, aber auch Forderungen und Ablehnung letztlich kommuniziert werden können, ohne offen aus- und angesprochen werden zu müssen. Beziehungen, die andernfalls aus dem Gleichgewicht geraten oder gar zerbrechen würden, können gewahrt werden und ein Gesichtsverlust kann vermieden werden72. In diesem Zusammenhang wird auch die große Bedeutung von persönlichen Beziehungen und ausgeprägten Kommunikations-Netzwerken deutlich73. Schließlich ist für die kontextabhängige Kommunikation auch charakteristisch, dass bei der Übermittlung von Nachrichten und Mitteilungen in starkem Maße auch die nonverbale Kommunikation, etwa Mimik, Gestik und Körpersprache, Grenze der Versprachlichung 10 9 8 7 6 5 4 3 2 1 10 9 8 7 6 5 4 3 2 1 Sender Empfänger ausgesprochene Kommunikationsanteile unausgesprochene Kommunikationsanteile Teilbotschaft 1 Teilbotschaft 3 Teilbotschaft 5 Teilbotschaft 2 Teilbotschaft 4 Abbildung 6‑3: Kreisförmigkeit der kontextgebundenen Kommunikation (Quelle: in Anlehnung an Kessel (2000), S. 74) Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 152 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 153 152 6 Kulturvergleichende Studien eine wichtige Rolle spielt. Diese Bedeutung der nonverbalen Kommunikation beschreibt die deutsche Sekretärin des Japaners Yamamoto, Manager in einer Berliner Fabrik des japanischen Elektronikkonzerns JVC, wie folgt: „Japaner treten ja eigentlich nie aggressiv auf, sie sprechen mehr mit dem Körper, zeigen so ihre Ungehaltenheit.“74 Des Weiteren berichtet die Sekretärin, dass ihr Chef Kritik nie direkt äußert. Vielmehr sind ihre Erfahrungen dergestalt, dass Japaner es eher bevorzugen, bestimmte Inhalte wiederholt anzusprechen. Doch auch wenn die Kritik „nur“ indirekt und implizit formuliert wird, so ist sie dennoch ernst zu nehmen: „Spätestens beim dritten Mal sollte man seinen eigenen Vorschlag dann schleunigst überdenken.“75 Im Übrigen wird auch die Auffassung vertreten, dass jegliche die verbale Kommunikation begleitende nonverbale Kommunikation dem Kontext zugerechnet werden kann. So fassen Kroeber-Riel et al. jegliches nonverbale Verhalten als Kontext jeder verbalen Kommunikation auf. Dabei verändert das nonverbale Verhalten, wie jeder Kontext, die Wirkung der rein sprachlichen Kommunikation76. Der vergleichsweise hohe Stellenwert, der der nonverbalen Kommunikation im Rahmen von kontextgebundenen Kulturen zuteil wird kommt auch zum Ausdruck in dem Wort nunchi, das in Korea die Fähigkeit eines Menschen ausdrückt, mit den Augen zu kommunizieren und sich somit mit anderen abzustimmen77. Die Besonderheiten der kontextabhängigen Kommunikation, bei der gewisserma- ßen „zwischen den Zeilen“ gelesen werden muss78, können gerade mit Beispielen veranschaulicht werden. So neigen etwa Asiaten im Allgemeinen dazu, Fragen grundsätzlich mit einem „Ja“ zu beantworten, nur um das direkte „Nein“ nach Möglichkeit zu vermeiden. Darüber hinaus kann ein „Ja“ in Abhängigkeit vom Kontext, verschiedene Bedeutungen haben (etwa: Ja, ich bin Ihrer Meinung; Ja, Sie haben recht; Ja, ich habe verstanden, was Sie sagen; Ja, ich höre zu; Ja, ich überlege mir die Sache; Ja, ich habe es zur Kenntnis genommen; Ja, ich möchte höflich und freundlich zu Ihnen sein; Ja bedeutet „Hm“). Aber auch der Charakter eines „Nein“ kann vielfältiger Natur sein. Die Aussage eines „Nein“ enthält in Asien durchaus einen indirekt ablehnenden Ton. Ein direktes definitives „Nein“ hingegen wird nicht bzw. kaum praktiziert. Entscheidend für die Interkulturelle Kommunikation ist es nun, die erforderliche Sensibilität für den jeweiligen Kontext einer Situation aufzubringen, um mit entsprechender Erfahrung die wahre Bedeutung von „Ja“ bzw. „Nein“ eines asiatischen Partners herauszufinden. Im Übrigen sei angemerkt, dass das Wort „Nein“ in manchen asiatischen Ländern, z. B. in Vietnam und China, gar nicht existent ist, in Japan hingegen wird es zumindest so gut wie nicht verwendet79. Der in kollektivistisch geprägten Kulturen wie China, Japan, Thailand oder Philippinen vorherrschende kontextgebundene Kommunikationsstil, der die offene Konfrontation vermeiden kann und Harmonie und Ruhe in der Kommunikation bevorzugt, kommt sehr deutlich zum Ausdruck in den Worten von Konfuzius: „Verletzende Worte schmerzen wie ein scharfes Schwert.“80 Ein anderes Beispiel für die Bedeutung der Wahrung der zwischenmenschlichen Harmonie durch Vermeidung von zu hoher Direktheit zeigt sich am Beispiel der zahllosen Straßenhändler in Perus Hauptstadt Lima. Für Deutsche ist das spanische „No“ ein naheliegender Ausdruck für Ablehnung und mangelnden Kaufwunsch. Doch wird ein direktes „Nein“ in diesen Situationen als Unhöflichkeit, Plumpheit und gar Kränkung interpretiert. Üblich ist stattdessen vielmehr ein Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 152 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 153 1536.2 Differenzierung von Kulturen nach Hall „Otro día“ oder ein „más tarde“, also ein „an einem anderen Tag“ bzw. „später“, wodurch sich dann die oftmals hartnäckigen Verkäufer abwenden, häufig sogar mit einem fast komplizenhaften, freundlichen Lächeln. Die sodann erfolgende Akzeptanz beruht offensichtlich darauf, dass man keine Konfrontation eingegangen ist, sondern vielmehr die so wichtige zwischenmenschliche Harmonie gewahrt hat81. In seinen Überlegungen nimmt Hall keine exakte Kategorisierung für verschiedene Länder vor. Jedoch finden sich in seinem Werk immer wieder Hinweise darauf, welche einzelnen Länder als kontextgebunden zu klassifizieren sind82. Nach Hall sind beispielsweise arabische Nationen, Japan, China, Korea, Vietnam sowie mediterrane Völker als eher kontextgebundene Kulturen zu betrachten83. Anzumerken ist, dass es sich bei diesen kontextabhängig kommunizierenden Kulturen um eher kollektivistisch orientierte Kulturen handelt, wohingegen individualistisch ausgerichtete Kulturen tendenziell eine kontextunabhängige Kommunikation bevorzugen84. 6.2.1.2 Kontextungebundene Kulturen In den kontextungebundenen Kulturen, in denen eine kontextunabhängige Kommunikation vorherrscht, legen die Kommunizierenden nur geringen Wert auf den Kontext einer Unterhaltung. Vielmehr haben die eigentlichen Kommunikationsinhalte, vergleichbar dem Inhalts- bzw. Sachaspekt einer Nachricht nach Schulz von Thun85, eine vorrangige Bedeutung. Neben der Bevorzugung direkter Formulierungen im Sinne einer hohen Direktheit ist die Kommunikation auch deutlich explizit ausgerichtet, wobei diese Explizitheit gekennzeichnet ist durch eine Ausdrücklichkeit und Ausführlichkeit, die oftmals auch einhergehen mit Begründungen oder Erklärungen: „A low-context communication is one in which the mass of information is vested in the explicit code, which is typical for individualist cultures.“86 Nach Hall ist eine „low-context message“ demzufolge eine Nachricht, deren Inhalte im Wesentlichen enkodiert und auf lineare Weise übertragen werden87. In der kontextunabhängigen Kommunikation wird der überwiegende Nachrichtenanteil somit direkt und explizit zum Ausdruck gebracht88. Ausdrücklich mitgeteilte Inhalte benötigen dementsprechend das Verständnis für eine Kultur nicht bzw. in deutlich geringerem Maße, um „übersetzt“ zu werden. (Ein „nein“ meint „nein“ und ein „ja“ meint „ja“). Die in Abbildung 6-4 dargestellte Linearität der Kommunikation spricht dabei an, dass im Idealfall die Informationen vom Sender zu 100 % verbalisiert werden und somit auch eins zu eins beim Empfänger ankommen89. Dementsprechend sind Rückfragen des Empfängers im Normalfall nicht mehr erforderlich. Den kontextungebunden kommunizierenden Kulturen sind beispielsweise die Länder USA, England, Deutschland, Schweiz und Skandinavien zuzuordnen90. Die Kulturdimension Kontextorientierung zusammenfassend ist darauf hinzuweisen, dass kontextabhängig und kontextunabhängig kommunizierende Kulturen nicht als zwei grundsätzlich einander ausschließende gegensätzliche Ausprägungsformen zu verstehen sind. Dementsprechend können Kulturen auch nicht rein nach diesen zwei Extrempositionen klassifiziert werden. Vielmehr sind in Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 154 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 155 154 6 Kulturvergleichende Studien der Wirklichkeit Abstufungen hinsichtlich der Kontextabhängigkeit im Sinne einer skalierten Klassifizierung gegeben. Hall selbst nimmt keine exakte Kategorisierung für verschiedene Länder vor. Jedoch finden sich in seinem Werk immer wieder Hinweise darauf, welche einzelnen Länder nun tendenziell welcher der beiden Kategorien angehören91. Zudem herrscht selbst bei den Befürwortern und Vertretern dieses Ansatzes keine vollkommene Übereinstimmung bei der Zuordnung einzelner Kulturen zu einer der beiden Kategorien92. Allerdings bietet die in Abbildung 6-5 vorgenommene Einteilung eine gewisse Orientierungsmöglichkeit, wobei natürlich immer klar sein muss, dass selbst innerhalb ein und derselben Grenze der Versprachlichung 10 9 8 7 6 5 4 3 2 1 10 9 8 7 6 5 4 3 2 1 Sender Empfänger ausgesprochene Kommunikationsanteile unausgesprochene Kommunikationsanteile Abbildung 6‑4: Linearität der kontextungebundenen Kommunikation (Quelle: in Anlehnung an Kessel (2000), S. 74) Abbildung 6‑5: Kontextabhängigkeit der Kommunikation in ausgewählten Ländern (Quelle: in Anlehnung an Hollensen (2012), S. 153) hoch niedrig Bedeutung des Kontext Kontextabhängige Informations- übermittlung Kontextunabhängige Informations- übermittlung Schweiz Deutschland Skandinavien USA England Frankreich Italien / Spanien Lateinamerika Arabische Länder Japan Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 154 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 155 1556.2 Differenzierung von Kulturen nach Hall Kultur zahlreiche Unterschiede entlang der Kontextorientierung denkbar sind93, etwa in Abhängigkeit vom Geschlecht oder auch dem formalen Bildungsgrad. 6.2.1.3 Fallstudien zur Kontextorientierung nach Hall 6.2.1.3.1 „Das Flugzeugunglück“ Bei einem Absturz eines Flugzeugs der Gesellschaft Air Florida in den USA kurz nach dem Start in Washington kamen 74 Menschen ums Leben. Bei dem Unfall, der sich bei winterlichen Wetterbedingungen zutrug, stürzte das Flugzeug in einen Fluss. Nach dem Unglück stellte sich heraus, dass der Pilot wenig Erfahrung mit dem Fliegen bei winterlichen und eisigen Wetterbedingungen hatte. Der Copilot hingegen hatte mehr Erfahrung und so hatte er auch versucht, dem Piloten die risikobehaftete Situation, in der man sich seiner Meinung und Einschätzung nach befand, zu verdeutlichen. Die Aufzeichnungen der Black Box, also des Flugschreibers dokumentieren den Verlauf des Gesprächs zwischen Pilot und Copilot bis zum Zeitpunkt des Unglücks: Copilot: „Sieh mal, wie das Eis dort hängt, und dort hinten, siehst Du? Dort, die Eiszapfen überall?“ Pilot: „Mm, ja.“ (Der Copilot drückte auch seine Besorgnis über den langen Zeitraum aus, der seit der Enteisung des Flugzeugs vergangen war.) Copilot: „Das Enteisen ist sowieso ein hoffnungsloser Kampf, es gibt dir ein falsches Gefühl der Sicherheit, das ist alles.“ (Kurz vor dem Start drückte der Copilot seine Sorge noch über ein anderes Problem aus: die abnormalen Anzeigen der Instrumente. Aber wiederum verlieh er seiner Sorge nicht mehr Ausdruck, als der Pilot nicht weiter reagierte.) Copilot: „Da stimmt etwas nicht, nicht wahr?“ (Drei Sekunden Pause.) „Das ist nicht in Ordnung, ja …“ Pilot: „Doch, das ist o.k., es zeigt 80.“ Copilot: „Nee, ich glaube nicht, dass das normal ist.“ (Sieben Sekunden Pause.) „Na, vielleicht ist es doch.“ Kurz darauf ereignete sich der dramatische Absturz des Flugzeugs94. Warum konnte der erfahrene Copilot seiner begründeten Einschätzung der Situation dem weniger erfahrenen Piloten gegenüber nicht mehr Nachdruck verleihen? Wie hätte der Copilot die Gefahr erfolgreich vermeiden können? Gehen Sie bei der Beantwortung der Frage insbesondere auf die Kulturdimension der Kontextorientierung nach Hall sowie die damit verbundene Unterscheidung in kontextgebundene und kontextungebundene Kommunikation ein. 6.2.1.3.2 „Der Konflikt zwischen Vorgesetzter und Untergebenem“ Die schwarze US-Amerikanerin Frau Gumb ist Abteilungsleiterin bei einem US-amerikanisch-chinesischen Joint Venture. Mit ihrem chinesischen Mitarbeiter Herrn Lee führt sie folgendes Gespräch: Ms. Gumb (in the main office): „Lee, where is your project report? You said you’d get it done soon. I need your part of the report so that I can finish my final report by the end of this week. When do you think you can get it done?” (Attribution: Lee Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 156 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 157 156 6 Kulturvergleichende Studien is very irresponsible. I should never have trusted him. I thought I was giving him a break by putting him in charge of this report.) Mr. Lee (hesitantly): „Well, Ms. Gumb  …  I didn’t realize the deadline was so soon … I will try my best to get it done as soon as possible. It’s just that there are lots of details I need to cross-check … I’m really not sure.” (Attribution: Ms. Gumb is sure a tough lady. Anyway, she is the supervisor, why didn’t she tell me the exact deadline early on? Just last week, she told me to take my time on the report. I’m really confused. In China, the supervisor always tells the workers what to do.) Ms. Gumb (frustrated): „Lee, how soon is soon? I really need to know your plan of action right now. You cannot be so vague in answering my questions all the time. I believe I’ve given you plenty of time to work on this report already.” (Attribution: Lee is trying to be sneaky. He does not answer my questions directly at all. I wonder if all Chinese are that sneaky? Or maybe he is not comfortable working for a black female? Anyway, I have to press him to be more efficient and responsible. He is in America; he has to learn the American way.) Mr. Lee (a long pause): „… Well, I’m really not sure, Ms. Gumb. I really don’t want to do a bad job on the report and disappoint you. I’ll try my best to finish it as soon as possible. Maybe I can finish the report next week.” (Attribution: Ms. Gumb is sure a pushy boss. She doesn’t seem to like me and she is causing me to lose face in front of all my peers. Her voice sounds so harsh and blunt. I have heard American people are hard to work with, but she is especially rude and overbearing. I better start looking for a new job tomorrow.)95 Worin liegen die Kommunikationsstörungen zwischen Frau Gumb und Herrn Lee begründet? Gehen Sie bei der Begründung der Frage insbesondere auf die Kulturdimension der Kontextorientierung nach Hall sowie die damit verbundene Unterscheidung in kontextabhängige und kontextunabhängige Kommunikation näher ein. 6.2.2 Zeitorientierung Neben der Kontextorientierung ist für Hall die Kulturdimension der Zeitorientierung ein weiteres, besonders wichtiges Kulturmerkmal, das sich auch auf die Kommunikation auswirkt. Indes hat die Zeitorientierung, wie nachfolgend zu sehen, für Hall eine andere Bedeutung als im Rahmen der Kulturdimension „Zeitorientierung des Menschen“ nach Kluckhohn und Strodtbeck96. Ein grundsätzliches und immerwährendes Problem ergibt sich für den Menschen zunächst einmal ganz allgemein betrachtet durch die Frage, wie er seine Tageszeit strukturieren soll. Diese Zeitstrukturierung kommt im Rhythmus, der grundsätzlich jedem Menschen zu Eigen ist, zum Ausdruck. Dieser habituelle Rhythmus hängt mit der Ausbildung der Persönlichkeit unmittelbar zusammen. Von daher ist er eingebunden in die Voraussetzungen und Rahmenbedingungen, die durch die Herkunft des Menschen gegeben sind97. In Bezug auf das Problem der Zeitstrukturierung unterscheidet Hall im Rahmen der sog. „Chronemics“98 zwei generelle Arten des Umgangs mit Zeit. Die Unterscheidung zwischen den Kulturen mit fester Zeitplanung („monochronic society“) und den Kulturen mit flexibler(er) Zeitplanung („polychronic society“) ist auch im Rahmen von internationalen Geschäftsbeziehungen von Bedeutung. Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 156 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 157 1576.2 Differenzierung von Kulturen nach Hall 6.2.2.1 Kulturen mit fester Zeitplanung Zeitverplanende Kulturen bevorzugen eine feste Zeitplanung, die hier eine eminent wichtige Bedeutung hat99. Die von Benjamin Franklin, einem der Gründerväter der USA getätigte und zumindest populär gemachte Äußerung „Zeit ist Geld“ („Time is money“) bringt die mit der Zeitdimension verbundene Bedeutung dabei überaus pointiert zum Ausdruck100. In derart monochron ausgerichteten Kulturen herrscht die Auffassung, dass Verabredungen zu festgelegten Zeitpunkten auch exakt eingehalten werden müssen101. So sind beispielsweise in den USA oder in Deutschland Terminverschiebungen durch ein höchstes Maß an Pünktlichkeit sowie nach allen nur zur Verfügung stehenden Möglichkeiten zu vermeiden. Neben der hohen Wertschätzung gegenüber der Zeitdimension wird die Zeit auch als linear aufgefasst. Dementsprechend kann sie in einzelne Segmente unterteilt werden. Eine derartige Monochronität des Zeitempfindens102 bedeutet, dass die einzelnen Aufgaben sukzessive abgearbeitet werden, nicht zuletzt um ein Höchstmaß an Effizienz und Effektivität zu erreichen103 („one-thing-at-a-time“)104. Im Übrigen kann dieser Umgang mit Zeit auch als Ausdruck eines konditionierten Verhaltens gesehen werden, das seinen historischen Ursprung in der Zeit der industriellen Revolution in England hat. Fabrikarbeit erfordert, dass sich die Arbeitskräfte zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort einfinden und die anfallenden Tätigkeiten im taktmäßigen Zeitplan ausführen105. Die große Bedeutung, die der Zeitdimension zugeschrieben wird, bleibt nicht ohne Folgen für die Geschäftskommunikation. So ist es zum Zwecke der Wahrung von Effizienz und Effektivität erforderlich, dass eine sehr intensive und umfassende Vorbereitung auf Geschäftsverhandlungen erfolgt106. In diesem Zusammenhang berichtet der Italiener Gatti, Vorstand des Unternehmens Fresenius Medical Care (FMC), von Vorstandssitzungen mit Kollegen aus Amerika: „In Amerika kann man ein Geschäft verlieren, wenn man nicht innerhalb einer halben Stunde zurückruft. In Deutschland wird akzeptiert, dass man in einer Besprechung ist“107. Beispielhaft für monochron geprägte Kulturen können die Niederlande angeführt werden. Hier können geschäftliche Verabredungen beobachtet werden, die dicht gedrängt aufeinander folgen und sich kaum überschneiden. In jeder Hinsicht wird Pünktlichkeit erwartet, was z. B. auch weitergehend auf Zahlungs- und Lieferfristen bezogen wird. Der Arbeitsalltag der Niederländer ist vergleichsweise straff gestaltet, im Hinblick auf den Ablauf eines Arbeitstages bestehen nur geringe Spielräume für die eigene Gestaltung108. Die Nennung der Niederlande als monochron geprägte Kultur ist exemplarisch zu verstehen. So sind zahlreiche andere westliche Kulturen, darunter neben Deutschland auch Österreich und die Schweiz ebenfalls dieser Kategorie zuzurechnen. Besonders augenscheinlich werden die Problematik der Zeitstrukturierung sowie der damit verbundene habituelle Rhythmus des Menschen auf der nonverbalen Ebene in der Körpersprache. So hat auch der Rhythmus des Körpers einen unmittelbaren Zusammenhang zum jeweiligen Kulturkreis. Dieser Rhythmus bildet sich durch Gewohnheiten und Nachahmung, durch Einfluss und Druck von Unternehmen oder Familie bzw. allgemeiner betrachtet durch die Umwelt sowie die Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 158 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 159 158 6 Kulturvergleichende Studien dabei gemachten Erfahrungen über Jahre und Jahrzehnte heraus. Ein Mensch kann grundsätzlich unter anderem an seinem Rhythmus erkannt werden, der letztlich im Arbeits- und Alltagsrhythmus, aber auch in seinem Sprech- und Denkrhythmus etc. seinen Ausdruck findet. Die Körpersprache von Vertretern monochroner Kulturen kann im Extremfall an ständiger Bewegung, stoßartigen Bewegungen eines jeden Körperteils, Sprunghaftigkeit usw. festgemacht werden109. So begeht etwa in Japan ein Angestellter, der sich zu langsam bewegt einen überaus großen, ja fast den unverzeihlichsten Fehler, der an einem japanischen Arbeitsplatz überhaupt denkbar ist, unabhängig davon, ob die aktuelle Aufgabe Schnelligkeit verlangt oder nicht. Beschäftigt zu wirken, ob zu Recht oder nicht, ist von immenser Bedeutung, was dazu führen kann, dass in punkto Körperbewegung eine überaus große Dynamik an den Tag gelegt wird und etwa die wenigen Meter zum Kopierer im Eilschritt zurückgelegt werden110. 6.2.2.2 Kulturen mit flexibler Zeitplanung In polychron ausgerichteten Kulturen hingegen spielt die Zeit eine vergleichsweise geringe bzw. untergeordnete Rolle. Zudem liegt der Schwerpunkt eher auf der jeweils aktuell ausgeführten Aktivität, weniger hingegen auf vorher gemachten Plänen111. Dementsprechend kann auch flexibel auf eine Gefährdung oder gar nicht mögliche Umsetzung bestehender Zeitpläne reagiert werden, etwa durch Terminverschiebung. Die geringe bzw. untergeordnete Rolle der Zeit kommt beispielsweise in Indonesien zum Vorschein, wo dem US-amerikanischen „Time is money“ ein „Jam karet“ (etwa: „Zeit ist aus Gummi“) entgegengestellt wird112. Besonderes Merkmal polychron geprägter Kulturen ist die nicht sukzessive und ungeordnete Durchführung einzelner Arbeitsprozesse. Dementsprechend können mehrere Prozesse gleichzeitig stattfinden113 („different-things-at-a-time“)114 und Verabredungen zu einem festgelegten Zeitpunkt werden nicht unbedingt pünktlich eingehalten. In diesem Zusammenhang wird auch von Kulturen gesprochen, die durch Polychronität des Zeitempfindens geprägt sind115. Wird in polychronen Kulturen von Pünktlichkeit gesprochen, so handelt es sich dabei, im Gegensatz zu den monochron ausgerichteten Pendants, nicht um eine strikte Pünktlichkeit „auf die Minute genau“. Die hier geltenden Pünktlichkeitsregeln lassen problemlos ein zu spät kommen zu. Längere Wartezeiten sind auch im Beruf durchaus zulässig und sogar mit Regelmäßigkeit zu erwarten. Dieses als normal empfundene Verhalten kann von monochron geprägten Personen leicht als Beleidigung oder als geringe Wertschätzung der eigenen Person empfunden werden116. Die unterschiedliche Auffassung von Pünktlichkeit im Rahmen der Zeitdimension kommt in vielen Erfahrungsberichten zum Ausdruck. So berichtet die Chefsekretärin Erdrich des italienischen Vorstandsmitglieds der Firma Fresenius Medical Care (FMC), Gatti, über ihren Chef, dass die größte Umstellung im Bereich des Zeitmanagements notwendig war: „Für seinen Vorgänger konnten wir Termine im ICE-Takt machen.“ Der italienische Vorstand hingegen bevorzugt die berühmten „cinque minuti“, die er einem Gesprächspartner gerne noch einräumt, wobei sich diese, so ihr weiterer Bericht, leicht auf zwei Stunden ausdehnen können. Jedoch war ein Leidensdruck auch für den Italiener gegeben, der mit der deutschen Pünkt- Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 158 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 159 1596.2 Differenzierung von Kulturen nach Hall lichkeit und der sukzessiven Abarbeitung einzelner Aufgaben nicht zurecht kam: „Man ist in einem Uhrwerk und dreht sich wie ein Rad“117. Die Unterschiede zwischen monochron und polychron geprägten Kulturen finden sich auch auf zwischenmenschlicher Ebene wieder. So erfolgt in monochronen Kulturen eine Vertrauensbildung zwischen den Kommunizierenden vor allem dadurch, dass die benötigten bzw. wichtigen Informationen und Fakten offen dargelegt werden. Für den polychron geprägten Kommunikationspartner hingegen ist es von besonderer Wichtigkeit, dass dem Gegenüber vor allem ein Zugang zu den eigenen Emotionen eröffnet wird. Generell bedeuten zwischenmenschliche Beziehungen polychron orientierten Menschen sehr viel und der Umgang mit den Mitmenschen ist ihnen wichtiger als eine strikte Einhaltung von Zeitplänen118. Auf körpersprachlicher Ebene sind polychron geprägte Menschen gekennzeichnet durch fließende, langsame, harmonisch ineinander übergehende Körperbewegungen. Die Alltagsbeobachtung eines Nepalesen bei der Arbeit oder eines Bangladescher beim Boot fahren machen diese Merkmale, die sich vom stressgeplagten Einwohner von New York City oder Berlin frappierend unterscheiden, deutlich. Die fehlende Kenntnis über die Ausrichtung einer Gesellschaft entlang der Kulturdimension der Zeitorientierung kann schnell zu Missverständnissen führen. So kann etwa eine Übertragung eines monochronen Arbeitsstils sowie das Aufzwingen der damit verbundenen Gangart und Vorgehensweise gegenüber polychronen Geschäftspartnern zu einer zu direkten Erwartungshaltung führen, die von diesen als Ungeduld empfunden wird. Negative Überraschungen infolge der ungewohnten Verhandlungsweise können die Folge sein119. Hall und Hall verweisen auf die in diesem Zusammenhang möglichen wirtschaftlichen Verluste: „A French salesman working for a French company that had recently been bought by Americans found himself with a new American manager who expected instant results and higher profits immediately. Because of the emphasis on personal relationships, it frequently takes years to develop customers in polychronic France, and, in family-owned firms, relationships with customers may span generations. The American manager, not understanding this, ordered the salesman to develop new customers within three months. The sales-man knew this was impossible and had to resign, asserting his legal right to take with him all the loyal customers he had developed over the years. Neither side understood what had happened.”120 Hinsichtlich der Kommunikationsstörungen infolge unterschiedlicher Zeitorientierung lassen sich zahlreiche Beispiele finden. Franzosen beispielsweise werden generell als Menschen eingestuft, deren dominierende Einstellung polychron ist. Bei einer Befragung von Managern der Firma BASF, Frankreich, über ihre Erfahrungen in der deutsch-französischen Kommunikation wurde beispielsweise ermittelt, dass trotz der räumlichen Nähe beider Kulturen deutliche Unterschiede in der Verhandlungsführung bestehen. In den Augen der Franzosen ist die deutsche Art der Verhandlungsführung dadurch gekennzeichnet, dass eine exakte Tagesordnung geplant und vorstrukturiert wird, die dann in der Regel nicht nur als Leitfaden, sondern vielmehr als eine exakte Vorgabe aufgefasst wird, deren Einhaltung unter allen Umständen anzustreben ist. Diese strikte Orientierung an der Tagesordnung irritiert viele Franzosen, vor allem beim Erstkontakt mit deutschen Verhandlungspartnern, da sie nicht der flexibleren Themenabhandlung des französischen Konversationsstils entspricht und sogar spontane Assoziationen Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 160 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 161 160 6 Kulturvergleichende Studien hinsichtlich wichtiger anderer Themen verhindert. Dies löst bei den französischen Verhandlungspartnern oftmals sogar Unbehagen aus121. Im Rahmen einer Studie zum deutsch-französischen Management befragte Mitarbeiter deutscher und französischer Mutter- und Tochtergesellschaften gaben beispielsweise an, dass die unterschiedliche zeitliche Organisation von Arbeitsvorgängen ein Grund für Irritationen und Konflikte gewesen sei. Dabei bevorzugen es die Deutschen in der Regel sich auf einen einzelnen Arbeitsvorgang auf einmal zu konzentrieren und selbigen abzuschließen, bevor sie eine neue Aufgabe angehen. Die Franzosen hingegen neigen eher dazu, mehrere Arbeitsvorgänge gleichzeitig abzuwickeln, was wiederum auf Seiten der Deutschen häufig zu Verwirrung sowie Beunruhigung führt und nicht selten als unseriöse Arbeitsweise eingestuft wird122. Aber auch die in den monochron geprägten Kulturen wesentlich strikter gehandhabte Trennung zwischen beruflicher und privater Kommunikation kann zu erheblichen Missverständnissen oder Störungen führen. So äußerten die in der bereits angeführten Untersuchung befragten französischen Manager der Firma BASF, dass die eher monochron geprägten deutschen Geschäftspartner wesentlich stärker zwischen beruflicher und privater Kommunikation unterscheiden. Dabei waren sie insbesondere darüber überrascht, dass sich die Deutschen beispielsweise abends nach Feierabend in eher geselliger Runde sehr informell und vergleichsweise privat mit ihren französischen Kollegen unterhalten können und am nächsten morgen im Büro wieder einen kühlen und rein sachlichen Ton bevorzugen. Dieser Wechsel löste bei den Franzosen Irritationen aus, so dass sie sich mitunter selbst fragten, ob sie die am Abend hergestellte Beziehung überinterpretiert hätten123. Zusammenfassend gibt Abbildung 6-6 einen Überblick über die wichtigsten typischen monochronen bzw. polychronen Verhaltensweisen. Hinsichtlich der vorangehend angeführten Kulturunterscheidungen nach Hall sei angemerkt, dass er selbst immer wieder deutlich macht, dass eine kontextunabhängige Orientierung der Tendenz nach mit einer monochronen Zeitauffassung, eine kontextabhängige Orientierung hingegen mit einer polychron geprägten Zeitauffassung zusammenfällt124. Andere Autoren haben herausgefunden, dass die Nutzung von Zeit für Arbeit oder Freizeit in Abhängigkeit von der Kontextorientierung variiert. So wird für den Lebensbereich Arbeit in den kontextungebundenen Kulturen ein größerer Anteil der insgesamt verfügbaren Zeit eingeräumt, wohingegen in den kontextgebundenen Kulturen ein größerer Anteil auf Aktivitäten in den Lebensbereichen Soziales und Freizeit verwandt wird. Dabei ist allerdings darauf hinzuweisen, dass diese Unterschiede jene Unterschiede sind, die der Wahrnehmung der befragten Personen entsprechen. Insgesamt gesehen hängt die Nutzung von Zeit somit also mit der sogenannten Arbeits- und Freizeitorientierung zusammen, also mit der Frage, in welchen Lebensbereichen die zentralen Lebensinteressen liegen125. In Bezug auf die Frage welche Kulturen als monochron und welche als polychron einzustufen sind führt Hall selbst immer wieder Beispiele an. Eine grundlegendere Einschätzung aller bzw. zumindest vieler Länder lässt sich bei ihm indes nicht ausmachen. Von daher ist es besonders interessant, sich die Untersuchungsergebnisse und damit verbundenen Einschätzungen verschiedenster Länder entlang der kulturellen Prägung des habituellen Rhythmus der Menschen durch die Zeitdimension zu betrachten, die Levine erarbeitet hat. Dieser US-amerikanische Sozi- Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 160 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 161 1616.2 Differenzierung von Kulturen nach Hall alpsychologe hat für 31 verschiedene Länder der Erde versucht den „Lebenstakt“ der jeweiligen Kulturmitglieder zu ermitteln. Im Rahmen seiner Untersuchungen hat Levine dabei in jedem berücksichtigten Land eine oder mehrere größere Städte aufgesucht, um letztendlich drei Indikatoren für das Lebenstempo der Menschen zu messen. Erstens wurde die durchschnittliche Gehgeschwindigkeit zufällig ausgewählter Fußgänger über eine Strecke von 20 Metern gemessen. Die Messungen wurden dabei in jeder Stadt an klaren Sommertagen und normalerweise vormittags während der Hauptgeschäftszeiten in wenigstens zwei verschiedenen wichtigen Ladenstra- ßen der Innenstadt anhand von mindestens 35 Passanten beiderlei Geschlechts vorgenommen. Die ausgewählten Strecken selbst waren eben und ohne Hindernisse, hatten breite Gehsteige und waren zumindest so leer, dass die Fußgänger „Monochrones“ Verhalten „Polychrones“ Verhalten Tun immer eins nach dem anderen Tun viele Dinge gleichzeitig Identifizieren sich mit ihrer Arbeit Identifizieren sich mit Familie, Freunden, Kunden Konzentrieren sich auf ihre Arbeit Lassen sich leicht ablenken Nehmen zeitliche Verpflichtungen ernst (Zeitplan) Messen zeitlichen Verpflichtungen keine große Bedeutung zu Sind schwach kontextorientiert Sind stark kontextorientiert, sind über Hintergründe informiert Gehen in ihrer Arbeit auf Leben für andere Menschen und gehen in zwischenmenschlichen Beziehungen auf Halten sich an Pläne Stoßen Pläne um Sind bemüht, andere nicht zu stören; achten Intimsphäre und nehmen Rücksicht Kümmern sich nur um enge Verwandte, Freunde und gute Geschäftspartner Legen großen Wert auf Pünktlichkeit Kommen fast immer zu spät Haben kurzlebige Beziehungen Bauen Beziehungen auf, die ein Leben lang halten Betrachten zeitliche Verpflichtungen beinahe als etwas Heiliges Betrachten Verpflichtungen gegenüber Verwandten und engen Freunden als heilig Sind besonnen und bedächtig Handeln kurz entschlossen, verlieren leicht die Geduld Haben hohe Achtung vor Privatbesitz, leihen und verleihen selten Gegenstände Leihen und verleihen ständig irgendwelche Gegenstände Abbildung 6‑6: Übersicht über die typischen monochronen und polychronen Verhaltensweisen (Quelle: Hall; Hall (1983), S. 31) Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 162 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 163 162 6 Kulturvergleichende Studien in ihrer bevorzugten Höchstgeschwindigkeit gehen konnten. Zudem wurden nur die Zeiten einzelner Fußgänger ausgewertet, um Effekte der Geselligkeit auszuschließen. Jene Personen, die eine erkennbare körperliche Behinderung aufwiesen wurden ebenso wie jene, die offensichtlich einen Schaufensterbummel machten nicht berücksichtigt. Zweitens wurde die Schnelligkeit am Arbeitsplatz ermittelt. Als Beispiel hierfür wurde die Zeit gemessen, die ein Angestellter am Postschalter benötigt, um eine Standardbriefmarke zu verkaufen. Hierfür wurde dem jeweiligen Angestellten zusammen mit einem Geldschein eine Notiz in der jeweiligen Landessprache vorgelegt, die die Bitte um eine gängige Briefmarke enthielt. Gemessen wurde sodann die Zeit, die von der Vorlage des Zettels bis zum Ende der Transaktion benötigt wurde. Drittens wurde schließlich in jeder Stadt die Genauigkeit von 15 zufällig ausgewählten Uhren an Bankgebäuden in wichtigen Geschäftsvierteln überprüft, um das jeweilige Interesse an der Exaktheit der Uhrzeit bewerten zu können. Dabei wurden die von den 15 Uhren angegebenen Zeiten jeweils mit der Telefonansage verglichen126. Die Ergebnisse, die Levine für die drei vorangehend beschriebenen Indikatoren zur Erfassung des Lebenstempos in den einzelnen Ländern ermittelt hat können Tabelle 6-1 entnommen werden. Dabei repräsentieren die einzelnen Zahlen jeweils den Rang, den ein jedes Land für jeden der drei Indikatoren erzielt hat. Somit bedeuten niedrigere Ränge schlichtweg ein rascheres Gehen, eine schnellere Bedienung auf der Post sowie genauer gehende öffentliche Uhren. Über diese Ergebnisse hinaus werden die drei Indikatoren zur Erfassung des Lebenstempos aber auch zu einem Gesamttempo des jeweiligen Landes zusammengefasst, wie aus Tabelle 6-1 ebenfalls ersichtlich wird127. Auf Basis seiner Untersuchungen kommt Levine zu folgendem Schluss, der zugleich auch die gemäß seiner Einschätzung für das Tempo von Kulturen in der ganzen Welt maßgeblichen fünf Grundfaktoren anführt: „Menschen in Regionen mit einer blühenden Wirtschaft, einem hohen Industrialisierungsgrad, einer größeren Einwohnerzahl, einem kühleren Klima und einer auf den Individualismus ausgerichteten kulturellen Orientierung bewegen sich tendenziell schneller.”128 Beispielsweise bestätigt Hofstede für jene von Levine berücksichtigten 23 Länder, für die auch seine eigene kulturvergleichende Studie einen Individualismus-Index vorzuweisen hat129 eine stark positive Korrelation mit dem Individualismus-Index, gemäß der Menschen aus individualistisch geprägten Kulturen der Tendenz nach schneller laufen130. Bei der Betrachtung des in Tabelle 6-1 wiedergegebenen Lebenstempos fällt auf, dass mit Ausnahme von Japan das höchste Lebenstempo in westeuropäischen Ländern herrscht. Lediglich Frankreich als einziges verbleibendes westeuropäisches Land fällt hier geringfügig ab, indem es von Hongkong übertroffen wird. Den stereotypen Vorstellungen von Pünktlichkeit entsprechend belegt die Schweiz in Summe betrachtet den ersten Rang und Levine versäumt es nicht explizit darauf hinzuweisen, dass die Uhren an den Schweizer Bankgebäuden im Durchschnitt um ganze 19  Sekunden von der Telefonansage abwichen. Zudem weißt Levine Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 162 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 163 1636.2 Differenzierung von Kulturen nach Hall darauf hin, dass die Abstände der Länder zwischen den ersten vier Rängen, also zwischen Schweiz, Irland, Deutschland und Japan nur sehr gering sind131. Im Gegenzug werden die hinteren Ränge schwerpunktmäßig von nichtindustrialisierten Ländern in Afrika, Asien, dem Nahen Osten und Lateinamerika belegt132. Land Gesamttempo Gehgeschwin digkeit Bedienungszeit bei der Post Genauigkeit der Uhren Schweiz 1 3 2 1 Irland 2 1 3 11 Deutschland 3 5 1 8 Japan 4 7 4 6 Italien 5 10 12 2 England 6 4 9 13 Schweden 7 13 5 7 Österreich 8 23 8 3 Niederlande 9 2 14 25 Hongkong 10 14 6 14 Frankreich 11 8 18 10 Polen 12 12 15 8 Costa Rica 13 16 10 15 Taiwan 14 18 7 21 Singapur 15 25 11 4 USA 16 6 23 20 Kanada 17 11 21 22 Südkorea 18 20 20 16 Ungarn 19 19 19 18 Tschechien 20 21 17 23 Griechenland 21 14 13 29 Kenia 22 9 30 24 China 23 24 25 12 Bulgarien 24 27 22 17 Rumänien 25 30 29 5 Jordanien 26 28 27 19 Syrien 27 29 28 27 El Salvador 28 22 16 31 Brasilien 29 31 24 28 Indonesien 30 26 26 30 Mexiko 31 17 31 26 Tabelle 6‑1: Lebenstempo in unterschiedlichen Ländern nach Levine (Quelle: Levine (2011), S. 179) Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 164 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 165 164 6 Kulturvergleichende Studien Angemerkt sei an dieser Stelle, dass Levine neben der Ermittlung interkultureller Unterschiede entlang der Zeitdimension auch innerhalb ein und derselben Kultur bestehende Unterschiede ermittelt hat. So hat er am Beispiel der USA Untersuchungen in 36 kleinen, mittleren und großen US-amerikanischen Städten durchgeführt. Die Kriterien für das Lebenstempo hat er dabei von der bereits dargelegten Untersuchung der 31 Länder abgeleitet. Als Ergebnis kommt zum Vorschein, dass im Nordosten der USA ein schnelles Tempo vorherrscht und zwar mit Boston auf dem ersten Rang, gefolgt von Buffalo und New York. Gemeinsam mit diesen drei Städten mit dem höchsten Tempo liegen insgesamt sieben der neun Städte mit dem höchsten Lebenstempo im Nordosten der USA. Am langsamsten war das Tempo hingegen in den kalifornischen Städten mit Los Angeles auf dem letzten Rang. Waren die gemessenen Unterschiede von einem Rang zum nächsten Rang oftmals nicht sehr groß, so waren die Unterschiede zwischen Anfang und Ende der Rangliste doch sehr beträchtlich133. Auch hier finden stereotype Vorstellungen eine gewisse Bestätigung. Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Untersuchungen von Levine zeigen, dass das Lebenstempo in manchen Kulturen besonders schnell ist und in anderen besonders langsam. Abgesehen davon, dass dieses kulturelle Tempo die Lebensqualität der jeweiligen Kulturmitglieder beeinflussen kann ist davon auszugehen, dass sich das kulturspezifische Verständnis in Bezug auf die Zeitdimension maßgeblich auch auf die Interkulturelle Kommunikation niederschlagen wird, was auch für den Wirtschaftskontext gilt. In diesem Zusammenhang sei nochmals auf den kulturspezifisch geprägten habituellen Rhythmus verwiesen, der das Verhalten der Menschen, auch in punkto Kommunikation, maßgeblich beeinflussen wird. Allerdings weist Levine einschränkend auch darauf hin, dass nicht die Kultur alleine für unterschiedliche Einstellungen hinsichtlich der Zeitdimension verantwortlich ist, sondern mitunter auch große Unterschiede zwischen den Individuen ein und derselben Kultur bestehen können134. Zweifelsohne dürfen auch individuelle Unterschiede innerhalb einer Kultur generell nicht außer Acht gelassen werden. Ansonsten wären alle Menschen ein und derselben Kultur letztlich identisch, zumindest partiell. Dies aber ist eine Auffassung, die sich fern jeglicher Wirklichkeit befindet. 6.2.2.3 Fallstudie zur Zeitorientierung nach Hall: „Kooperations‑ verhandlungen eines Deutschen in Spanien“ Herr Dr. Müller, erfahrene und kompetente Führungskraft des deutschen Unternehmens Kühnemann AG, unternimmt eine Dienstreise nach Spanien, um ein dort ansässiges Unternehmen als Kooperationspartner für eine strategische Allianz zu gewinnen. Wie vereinbart erscheint Herr Dr. Müller am Dienstag pünktlich um 8:30 Uhr morgens im Büro seines spanischen Verhandlungspartners Gonzáles. Mit deutlicher Verspätung erscheint Letzterer jedoch erst kurz nach 9:00 Uhr. Die Begrüßung von Herrn Dr. Müller durch Herrn Gonzáles fällt recht herzlich aus, jedoch macht er keinerlei Anstalten auf seine Verspätung näher einzugehen oder diese gar zu entschuldigen. Nachdem sich die beiden Verhandlungspartner zusammengesetzt haben kommt es im Verlaufe der Besprechung jedoch einige Male zu Unterbrechungen, da Herr Gonzáles sich verschiedenen anderen, zumeist firmeninternen Kollegen zuwendet, die mit diversen Anliegen an ihn herantre- Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 164 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 165 1656.2 Differenzierung von Kulturen nach Hall ten. Zur Klärung der Angelegenheiten, mit denen die Kollegen Herrn González konfrontieren, ist es in einigen Fällen sogar zusätzlich notwendig Telefonate mit Kunden durchzuführen. Bis zur Mittagszeit gehen die Gespräche zwischen den beiden potentiellen Kooperationspartnern, nicht zuletzt angesichts der Unterbrechungen, nur schleppend und wenig zielgerichtet voran. Herr González lädt Herrn Dr. Müller zum Mittagessen ein und Letzterer glaubt nun eine gute Gelegenheit gefunden zu haben, sich über die Möglichkeiten einer Kooperation zu unterhalten. Jedoch wird Herr González im firmeneigenen Restaurant in Tischgespräche mit Kollegen verstrickt, denen er Herrn Dr. Müller als zukünftig möglichen Kooperationspartner freudig vorstellt. Herr Dr. Müller hingegen ist etwas irritiert bezüglich der ihm vorgestellten Personen und kann diese in Bezug auf deren Bedeutung für sein eigenes Kooperationsanliegen nicht richtig einschätzen. Nach einem ausgedehnten Mittagessen lädt Herr González den zunehmend ungehaltener werdenden Herrn Dr. Müller noch in die in der Nähe befindliche firmeneigene Cafeteria ein, wo er sich dem Gespräch einer ganzen Gruppe von Personen anschließt, jedoch immer darauf bedacht, dass sein deutscher Gast integriert wird. In Anbetracht der bereits weit fortgeschrittenen Zeit überdenkt der mittlerweile fast entnervte Herr Dr. Müller die Möglichkeiten der Kooperation und kommt zu dem Ergebnis, dass zum einen der spanische Partner kein echtes Interesse an einer Kooperation haben kann und zum anderen, dass eine Zusammenarbeit mit einem derart inkompetent agierenden Kooperationspartner ohnehin von vorne herein zum Scheitern verurteilt sein muss. Daher verkündet er Herrn González, dass er den bereits gebuchten Rückflug von Madrid nach Deutschland am Abend des gleichen Tages wie geplant nehmen werde. Auf den Vorschlag von Herrn González, die Gespräche am nächsten Tage fortzusetzen, geht Herr Dr. Müller nicht ein. Auch der Hinweis von Herrn González, dass derart umfassende Gespräche über eine Kooperation auf keinen Fall innerhalb eines Tages abgewickelt werden können, stimmen ihn nicht mehr um. Enttäuscht und verärgert tritt er ohne jeden Teilerfolg die Heimreise an. Einige Wochen später hört Herr Dr. Müller von einem anderen spanischen Partner, mit dem die Kühnemann AG kooperiert, dass es Herr González sehr bedauert habe, dass die Partnerschaft zwischen seinem international durchaus renommierten Unternehmen und der Kühnemann AG nicht zustande gekommen ist. Zudem erwähnt der andere spanische Partner, dass Herr González seine Verwunderung über das etwas unwirsche Verhalten von Herrn Dr. Müller zum Ausdruck gebracht hat, der nicht einmal die ihm entgegengebrachte Gastfreundschaft beachtete. Worin ist der erfolglose Ablauf der Kooperationsverhandlungen begründet? Gehen Sie bei der Beantwortung insbesondere auf die Kulturdimension der Zeitorientierung nach Hall sowie auf die damit verbundene Unterscheidung zwischen monochron und polychron orientierten Kulturen näher ein. 6.2.3 Raumorientierung Eine dritte Kulturdimension, gemäß derer sich Kulturen nach Hall unterscheiden lassen repräsentiert sich in der Raumorientierung. Im Rahmen dieser Kulturdimension geht Hall davon aus, dass das Verhältnis des Menschen zum Raum Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 166 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 167 166 6 Kulturvergleichende Studien kulturspezifisch geprägt und somit unterschiedlich ist. In Bezug auf die Raumorientierung unterscheidet er dabei nach der sogenannten Privatsphäre („personal space“) sowie dem sogenannten Territorium („territoriality“). Entscheidend für die Interkulturelle Kommunikation ist dabei, dass das, was als Privatsphäre und als Territorium verstanden wird sich als sehr stark kulturabhängig erweist und somit von Kultur zu Kultur mitunter deutlich voneinander unterscheidet. Diese Kulturunterschiede sind auch für die Interkulturelle Kommunikation von Bedeutung, etwa im Rahmen von Verhandlungen135. Unter Privatsphäre wird dabei jener (imaginäre) Kreis verstanden, der einen jeden Menschen umgibt und der nur von wenigen anderen Person betreten werden darf, dies zumeist nicht ohne Zustimmung und nur für kurze Zeit136. Zweifelsohne variiert diese Privatsphäre in Abhängigkeit von der jeweiligen Situation, stellt sich also in einer überfüllten Straßenbahn anders dar als etwa an einer unbelebten Straßenbahnhaltestelle137. Aber die Privatsphäre hat auch in Abhängigkeit von der jeweiligen Kultur eine unterschiedliche Größe. So ist sie in nordeuropäischen Ländern vergleichsweise weit gefasst, wohingegen sie in den mediterranen Kulturen von Südfrankreich, Griechenland oder auch Spanien vergleichsweise klein ausfällt. In interkulturellen Begegnungen können Deutsche, Skandinavier, aber auch Engländer und US-Amerikaner diese Privatsphäre im mediterranen Raum als zu klein und somit als unangenehm empfinden. Unter dem Territorium hingegen sind all jene Orte und Gegenstände zusammenzufassen, die von einer Person als persönliches Eigentum betrachtet werden, weil sie dieser Person gehören oder auch nur von ihr benutzt werden. Das menschliche Territorialverhalten wird von Hall und Hall dabei mit dem biologischen Erbe von hunderten von Millionen Jahren in Verbindung gebracht, welches der Mensch ganz allgemein in sich trägt und Teil der überwiegend unbewusst ausgerichteten Steuerung menschlichen Verhaltens ist. Als Kulturbeispiele mit besonders deutlich zum Vorschein kommenden Territorialverhalten führen Hall und Hall Deutschland sowie die USA an, wo beispielsweise die oberen Etagen eines Gebäudes für die Angehörigen des Top-Managements vorgesehen sind, wohingegen in Frankreich von selbigen eher eine mittlere Etage bevorzugt wird, um eine zentrale Position im Informationsnetzwerk samt dazugehörigen Kontrollmöglichkeiten einnehmen zu können138. 6.2.4 Informationsgeschwindigkeit In seiner vierten und letzten Kulturdimension Informationsgeschwindigkeit thematisiert Hall die Frage, mit welcher Geschwindigkeit Informationen in Kommunikationssituationen in Abhängigkeit von der jeweiligen Kultur enkodiert und dekodiert werden. Für das Wirtschaftsleben stellt sich somit die Frage, wie lange es benötigt eine Nachricht zu verfassen, an einen Kommunikationspartner zu übermitteln und in Bezug auf diese Nachricht eine Antwort zu erhalten139. In Zusammenhang mit der Informationsgeschwindigkeit ist zunächst darauf zu verweisen, dass diese grundsätzlich von der Art der Information, die übertragen werden soll beeinflusst wird. Um dies zu veranschaulichen seien ein paar Beispiele aus der deutschen Kultur angeführt. Nachrichten des Nachrichtenmagazins „Focus“ werden mit einer höheren Informationsgeschwindigkeit übermittelt als Nachrichten des Nachrichtenmagazins „Spiegel“. Ebenso kann ein Artikel der Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 166 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 167 1676.2 Differenzierung von Kulturen nach Hall Boulevardzeitung „Bild“ schneller vom Sender zu einem Empfänger wandern als ein Artikel aus der Qualitätszeitung „Frankfurter Allgemeine Zeitung“. Indes ist die Informationsgeschwindigkeit nicht allein von der Art der Information abhängig, sondern vielmehr auch kulturabhängig unterschiedlich. Idealtypischerweise kann zwischen Kulturen mit einer Präferenz hoher Informationsgeschwindigkeit und Kulturen mit einer Präferenz niedriger Informationsgeschwindigkeit unterschieden werden, wobei das Bewusstsein für die Möglichkeit, eine Information mit unterschiedlicher Geschwindigkeit senden zu können nur wenig verbreitet ist140. Die Bedeutung einer kulturabhängig unterschiedlichen Informationsgeschwindigkeit beim Kennenlernen einer anderen Person bringt das Ehepaar Hall und Hall in Bezug auf die USA sowie Europa wie folgt zum Ausdruck: „In the United States it is not too difficult to get to know people quickly in a relatively superficial way, which is all that most Americans want. Foreigners have often commented on how „unbelievably friendly” the Americans are. However, when Edward T. Hall studied the subject for the U.S. State Department, he discovered a worldwide complaint about Americans: they seem capable of forming only one kind of friendship – the informal, superficial kind that does not involve an exchange of deep confidences. Conversely, in Europe personal relationships and friendships are highly valued and tend to take a long time to solidify. This is largely a function of the long-lasting, well-established networks of friends and relationships – particularly among the French – that one finds in Europe. Although there are exceptions, as a rule it will take Americans longer than they expect to really get to know Europeans. It is difficult, and at times may even be impossible, for a foreigner to break into these networks. Nevertheless, many businesspeople have found it expedient to take the time and make the effort to develop genuine friends among their business associates.”141 6.2.5 Kritik an den Kulturdimensionen nach Hall Die Pionierarbeit von Hall hat auch heute noch eine große Bedeutung sowie einen überaus hohen Bekanntheitsgrad, was sich insbesondere von den beiden Kulturdimensionen Kontextorientierung und Zeitorientierung sagen lässt. Doch auch, wenn in der Literatur vorrangig diese beiden Kulturdimensionen abgehandelt werden, so sind es letztendlich alle vier Kulturdimensionen, die mit dem Schaffen von Hall in Verbindung zu bringen sind. In diesem Zusammenhang ist herauszustellen, dass es keineswegs der Anspruch von Hall war mit diesen vier Kulturdimensionen sämtliche existierenden kulturellen Unterschiede zu erfassen. Die Kulturdimensionen von Hall können sicherlich als generelle Orientierungen verstanden werden, die im Sinne von Richtlinien bei vorsichtiger Verwendung eine Vorhersagemöglichkeit für die zu erwartende Art und Weise des Ablaufes der Interkulturellen Kommunikation bieten. In diesem Zusammenhang sei daran erinnert, dass bereits eingangs darauf verwiesen wurde, dass die einzelnen Kulturdimensionen keineswegs als gänzlich voneinander unabhängig angesehen werden können. So gehen, wie bereits angeführt, kontextungebundene Kulturen nicht nur einher mit einer festen Zeitplanung im Sinne der Monochronität, sondern auch mit einer vergleichsweise großen Bedeutung der Privatsphäre sowie einer vergleichsweise hohen Informationsgeschwindigkeit. Kritisch zu sehen hingegen ist, dass die Ausführungen und Argumentationen von Hall partiell die Gefahr in sich bergen, hin und wieder etwas diffus anzumuten Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 168 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 169 168 6 Kulturvergleichende Studien und logisch nicht ganz sauber zu erscheinen142. Zudem werden zwar Anhaltspunkte für die Ausrichtung einzelner Kulturen entlang der Kulturdimensionen gegeben. Genaue und empirisch fundierte Einstufungen der Kulturen erfolgen aber nicht. 6.3 Auswirkung kultureller Verschiedenartigkeit auf  betriebliche Organisationen nach Hofstede Verschiedene Wissenschaftler haben Modelle zur Beschreibung von Kategorien bzw. Unterschieden in den Landeskulturen entwickelt, um den Einfluss der Kultur auf interkulturelle Geschäftsbeziehungen bewerten und einordnen zu können. Die kulturvergleichende Studie von Hofstede war zumindest für lange Zeit die bedeutendste und ist vielleicht immer noch die bekannteste ihrer Art. Dabei liefert sein Ansatz auch heute noch eine hilfreiche Struktur zum besseren Verständnis bestehender kultureller Unterschiede in Geschäftsaktivitäten über kulturelle Grenzen hinweg143. Indes ist die dabei erfolgende Herangehensweise nicht wie bei Hall kulturvergleichend-ethnologisch, sondern vielmehr quantitativ-statistisch ausgerichtet144. Im Rahmen seiner Studien führte Hofstede eine ganze Forschungsreihe durch, die im Wesentlichen aus vier Projekten besteht. Seit Ende der 1960er Jahre ermittelte er die interkulturellen Unterschiede von Grundwerten und Verhaltensweisen im Berufsleben durch ausschließliche Befragung von Angestellten der Firma IBM („International Business Machines Corporation“). In einer ersten Studienreihe erfasste er 1968 die von mehr als 116.000 Angestellten des multinationalen Konzerns IBM in 40 Ländern ausgefüllten Fragebögen quantitativ. Darauf folgend wurden 1972 die Untersuchungen auf insgesamt 72 Länder ausgedehnt145 und durch weitere spezielle Befragungen für Europa und den Mittleren Osten ergänzt. Die in den Untersuchungen gestellten Fragen beziehen sich in erster Linie auf die Werte der Angestellten im jeweiligen Land146. Da die Befragten ausschließlich einem Unternehmen zugehörig sind, können die ermittelten Unterschiede eindeutig auf die jeweiligen nationalen Kulturen zurückgeführt werden, Einflüsse einer unterschiedlichen Unternehmenskultur hingegen können ausgeschlossen werden. Hofstede ermittelt für jedes Land Durchschnittswerte und erzeugt somit nationale Profile, anhand welcher die kulturell unterschiedlichen Arbeits- und Verhaltensweisen anhand verschiedener Aspekte erklärt werden sollen147. Ziel der Untersuchungen ist es letztendlich, Kulturdimensionen zu identifizieren, mittels derer Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen einzelnen Ländern ermittelt werden148. Von Interesse ist es schließlich, dass die Studie ursprünglich ausschließlich für konzerninterne Zwecke durchgeführt worden ist, nicht hingegen für eine allgemeine Untersuchung kultureller Unterschiede. So entschloss sich Hofstede erst nach beendeter Datenerhebung, das gesammelte Datenmaterial für eine allgemeine kulturvergleichende Studie heranzuziehen149. Hofstede identifizierte zunächst vier Kulturdimensionen, später noch ergänzend eine fünfte Kulturdimension, anhand derer Kulturen beschrieben, analysiert und letztlich auch unterschieden werden können. Diese Kulturdimensionen erarbeitete er auf empirischem Wege mittels umfangreicher Korrelations- und Faktoranaly- 6.3 Auswirkung kultureller Verschiedenartigkeit nach Hofstede

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Zusammenfassung

Kompetenz zur Interkulturellen Kommunikation für jeden Markt der Welt

Kommunikation in der Wirtschaft ist von essentieller Bedeutung und unabdingbar für den Erfolg, wobei die fortschreitende Globalisierung und Internationalisierung die Interkulturelle Kommunikation immer bedeutsamer machen. Erst die Kenntnis kultureller Unterschiede und Besonderheiten ermöglicht eine erfolgreiche Kommunikation auch zwischen Vertretern unterschiedlicher Kulturen.

Dieses Buch gibt kulturübergreifend einen umfassenden Überblick über

- Begriffe der Kommunikation und Kultur

- Interkulturelle Besonderheiten in der interpersonalen und massenmedialen

- Kommunikation (Interkulturelle Marketing-Kommunikation)

- Verbale und nonverbale Kommunikation

- Kulturvergleichende Studien (z.B. GLOBE-Studie)

- Neuere Forschungsgebiete wie Interkulturelle Kommunikationspsychologie und Kulturelle Neurowissenschaft

Durch zahlreiche Fallbeispiele und Fallstudien eignet sich dieses Buch für die Aus- und Weiterbildung an Universitäten, Hochschulen und anderen Bildungseinrichtungen sowie für die Praxis.