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6.1 Das Werteorientierungs-Konzept nach Kluckhohn und Strodtbeck in:

Michael Schugk

Interkulturelle Kommunikation, page 157 - 167

Grundlagen und interkulturelle Kompetenz für Marketing und Vertrieb

2. Edition 2014, ISBN print: 978-3-8006-4888-7, ISBN online: 978-3-8006-4889-4, https://doi.org/10.15358/9783800648894_157

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Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 139 6 Kulturvergleichende Studien Es existieren zahlreiche sog. kulturvergleichende Studien, um unterschiedliche Kulturen zu charakterisieren bzw. zu kategorisieren, nicht zuletzt um die tatsächlich gegebenen kulturellen Distanzen bzw. Unterschiede zu erforschen und zu ermitteln. Im Folgenden wird ein Überblick über die wichtigsten kulturvergleichenden Studien gegeben, die anhand von Kulturdimensionen allesamt versuchen, das typische Verhalten in verschiedenen Kulturen zu charakterisieren und zu vergleichen. Eingangs wird die insbesondere auch historisch bedeutsame Studie der US-Amerikaner Florence Kluckhohn und Fred Strodtbeck vorgestellt. Des Weiteren werden die auch heute noch bedeutsamen Ansätze des US-Amerikaners Edwart T. Hall, dem „Stammvater“ der Interkulturellen Kommunikation1 vorgestellt. Einen besonderen Schwerpunkt erfährt die kulturvergleichende Studie des niederländischen Sozial- und Organisationsforschers Geert Hofstede, die sehr große Bekanntheit und Beachtung erlangt hat. Eine weitere vorzustellende kulturvergleichende Studie stammt von dem niederländischen Wissenschaftler Fons Trompenaars, der sich als Schüler von Hofstede stark auf den Bereich der Interkulturellen Kommunikation ausgerichtet hat. Abgeschlossen werden die Betrachtungen mit der jüngsten unter den bedeutsamen kulturvergleichenden Studien, der sog. GLOBE-Studie, die von dem US-Amerikaner Robert J. House initiiert worden ist und die gegenwärtig als State of the Art unter den kulturvergleichenden Studien angesehen wird. Ganz allgemein betrachtet liegt der Forschungsschwerpunkt der kulturvergleichenden Studien in der Ermittlung kultureller Dimensionen, mittels derer eine Abstrahierung kultureller Unterschiede möglich ist. Die ermittelten Kulturdimensionen dienen dabei einer vereinfachten Klassifizierung von Kulturen. Somit wird eine Analyse kultureller Unterschiede und Distanzen bzw. eine Analyse verschiedener interkultureller (Kommunikations)Situationen möglich. Allen nachfolgend veranschaulichten Studien liegt grundsätzlich eine kulturübergreifende Perspektive zugrunde, d. h. es können im Prinzip sämtliche Kulturen bzw. Länder dieser Erde entsprechend den jeweiligen Kulturdimensionen eingeordnet werden. 6.1 Das Werteorientierungs-Konzept nach Kluckhohn und Strodtbeck Die wohl erste umfassendere und auch heute noch nennenswert bedeutsame kulturvergleichende Studie überhaupt stammt aus dem Jahre 1961 und wurde von den beiden US-amerikanischen Anthropologen Kluckhohn und Strodtbeck erarbeitet. Aus heutigem Blickwinkel ergibt sich die Bedeutung dieser Studie nicht zuletzt aus historischer Hinsicht, war die Studie doch zu einem guten Stück weit Inspiration und auch Initialzündung für nachfolgende kulturvergleichende Studien wie beispielsweise jene von Hall, Hofstede, Trompenaars2 oder House. Die Studie von Kluckhohn und Strodtbeck wurde auf der Basis einer Umfrage bezüglich möglicher Zustände des Menschen entwickelt und ermöglicht einen Kulturvergleich entlang 6 Kulturvergleichende Studien 6.1 Das Werteorientierungs-Konzept nach Kluckhohn und Strodtbeck Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 140 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 141 140 6 Kulturvergleichende Studien von erarbeiteten fünf Kulturdimensionen3. Die Klassifizierung in Form der fünf Kulturdimensionen basiert dabei auf den folgenden drei Annahmen, die Kluckhohn und Strodtbeck zugrunde gelegt haben: • Die Anzahl an Problemen, für die Menschen zu jeder Zeit Lösungen finden müssen ist begrenzt; daraus ergibt sich auch eine begrenzte Anzahl an möglichen Werteorientierungen; • Problemlösung kann auf viele unterschiedliche Weisen betrieben werden; • Bei der Auswahl der als besonders geeignet anzusehenden Problemlösung werden von unterschiedlichen Gesellschaften unterschiedliche Lösungsvarianten bevorzugt; Auf Basis dieser Annahmen gehen Kluckhohn und Strodtbeck von fünf Problemen aus, mit denen Menschen weltweit grundsätzlich konfrontiert werden4. Auf Basis dieser Probleme haben sie die bereits angesprochenen fünf Kulturdimensionen festgelegt und die hierfür jeweils möglichen Ausprägungen bestimmt. Dabei sprechen sie anstelle von Kulturdimensionen auch von grundlegenden Werteorientierungen („value orientations“), die sie wie folgt definieren: „Value orientations are complex but definitely patterned (rank-ordered) principles, resulting from the transactional interplay of three analytically distinguishable elements of the evaluative process – the cognitive, the affective, and the directive elements – which give order and direction to the ever-flowing stream of human acts and thoughts as these relate to the solution of „common human” problems.”5 Kluckhohn und Strodtbeck zufolge variieren die von ihnen erarbeiteten fünf Kulturdimensionen bzw. Werteorientierungen von Kultur zu Kultur mitunter in überaus deutlichem Maße. Letztlich basiert ihre Studie somit auf der grundsätzlichen Annahme, dass sich Kulturen in Summe betrachtet durch unterschiedliche Werteorientierungs-Systeme unterscheiden. Für die Interkulturelle Kommunikation selbst sind diese Kulturdimensionen im Übrigen insbesondere deshalb von Bedeutung, als sie das menschliche Verhalten und somit auch das kommunikative Verhalten leiten, kanalisieren oder auch steuern6. Um die fünf Kulturdimensionen noch besser zu veranschaulichen haben Kluckhohn und Strodtbeck ihre Definitionen für diese Kulturdimensionen im Übrigen zusätzlich mit Beispielen illustriert7. Die nachfolgend näher dargelegten fünf Kulturdimensionen selbst berühren dabei allesamt grundlegende philosophische Fragestellungen, die in unterschiedlichen Kulturen unterschiedlich gesehen bzw. behandelt werden, wobei religiös-traditionelle Einflüsse eine besondere Bedeutung haben. Einen Überblick über die fünf Kulturdimensionen gibt Abbildung 6-1. Dabei sei bereits an dieser Stelle angemerkt, dass Kluckhohn und Strodtbeck davon ausgehen, dass in einer beliebigen Kultur grundsätzlich die unterschiedlichsten Ausprägungskombinationen in Bezug auf diese fünf Kulturdimensionen vorherrschen können und sich entsprechend auch beliebig unterscheiden können von der Ausprägungskombination einer beliebigen anderen Kultur8. Eine jede Kulturdimension wird dabei mit einem für alle Menschen bedeutsamen Problem, das einer Lösung zuzuführen ist gleichgesetzt, was durch die jeweils zusätzlich angeführte Fragestellung verdeutlicht werden soll9. Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 140 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 141 1416.1 Das Werteorientierungs-Konzept nach Kluckhohn und Strodtbeck Im Übrigen haben Kluckhohn und Strodtbeck die von ihnen aufgestellten fünf Kulturdimensionen im Rahmen einer Untersuchung anhand von fünf Gemeinschaften im Sinne von Subkulturen, die allesamt in der sog. Rimrock Area im US-amerikanischen Südwesten liegen, empirisch überprüft. So fanden im Rahmen der Untersuchung neben den beiden amerikanisch-indianisch geprägten Gemeinschaften der Rimrock Navaho und der Zuni auch die amerikanisch-spanischen Atrisco, die Mormonen von Rimrock sowie die aus Texas und Oklahoma migrierten Homestead Berücksichtigung. Alle fünf Gemeinschaften liegen dabei geographisch betrachtet sehr nahe beieinander und so ist keine der fünf Gemeinschaften von einer anderen mehr als 80 Kilometer weit entfernt10. Mit Ausnahme der Kulturdimension über das Wesen der menschlichen Natur wurden dabei sämtliche Werteorientierungen über mehrere Fragen operationalisiert. Letztlich war es dabei das Ziel, durch die Ermittlung der Ausprägung hinsichtlich der einzelnen Kulturdimensionen bei den jeweiligen Rimrock-Gemeinschaften eine Art Kulturprofil zu erstellen und somit die unterschiedlichen Ausprägungen zwischen den einzelnen Rimrock-Gemeinschaften aufzuzeigen11. Da die Untersuchungsergebnisse in Bezug auf die fünf angeführten US-amerikanischen Subkulturen im Allgemeinen von geringem Wert und Interesse sein dürften wird auf deren nähere Darlegung an dieser Stelle verzichtet. Im Folgenden werden die von Kluckhohn und Strodtbeck erarbeiteten fünf Kulturdimensionen daher nachfolgend nur auf allgemeine Art und Weise näher erläutert bzw. beschrieben, denn ihre Inhalte sind auch heute noch von Bedeutung. 6.1.1 Wesen der menschlichen Natur Gemäß der Kulturdimension „Wesen der menschlichen Natur” wird gefragt wie in einer Kultur die Natur des Menschen generell eingeschätzt wird. In Hinblick auf diese Kulturdimension sind dabei Kulturen mit statischer bzw. unveränderbarer Individualistisch (Individuen) Kollateral (kollaterale Gruppen) Hierarchisch (lineare Gruppen) Beziehung des Menschen zu anderen Menschen (Wie ist die Beziehung von Mensch zu Mensch?) Handeln Werden Sein Aktivitätsorientierung des Menschen (Wie ist die Art und Weise menschlicher Aktivität?) Zeitorientierung des Menschen (Worauf liegt der Zeitschwerpunkt bei menschlichen Aktivitäten?) Beziehung des Menschen zur Natur (Wie ist die Beziehung des Menschen zur Natur?) Wesen der menschlichen Natur (Wie ist der Charakter der menschlichen Natur?) Kulturdimension Vergangenheit (traditionell) Unterordnung Schlecht (veränderbar / unveränderbar) Zukunft (innovativ) Gegenwart Dominanz Harmonie Gut (veränderbar / unveränderbar) Mischung aus Gut und Schlecht (veränderbar / unveränderbar) Ausprägungen Abbildung 6‑1: Kulturdimensionen nach Kluckhohn und Strodtbeck (Quelle: in Anlehnung an Kluckhohn; Strodtbeck (1973), S. 12; Kutschker; Schmid (2011), S. 704; Browaeys; Price (2011), S. 24) Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 142 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 143 142 6 Kulturvergleichende Studien Einschätzung zu unterscheiden von Kulturen mit dynamischer, also veränderbarer Einschätzung. In jedem Falle aber wird danach gefragt, ob der Mensch vom Charakter her als prinzipiell gut oder als prinzipiell schlecht anzusehen ist oder ob er durch eine Mischung aus gut und schlecht zu charakterisieren ist. In Kulturen, in denen die statische Sichtweise vorherrscht wird der Charakter des Menschen als über das Leben hinweg grundsätzlich unveränderbar angesehen. Es wird also eine weitgehende Unveränderbarkeit des Menschen angenommen12. In Kulturen mit dynamischer Sichtweise hingegen wird davon ausgegangen, dass sich der Mensch im Laufe seines Lebens in Bezug auf seinen Charakter verändert bzw. zumindest verändern kann. In Bezug auf die statische Komponente der Kulturdimension „Wesen der menschlichen Natur“ können sog. „Vertrauensgesellschaften“, in denen vom Guten des Menschen ausgegangen wird unterschieden werden von sog. „Misstrauensgesellschaften“, in denen von einer Dominanz des Schlechten des Menschen ausgegangen wird. Alternativ besteht indes auch die Möglichkeit, das Wesen des Menschen mit einer Mischung aus guten und schlechten Eigenschaften zu charakterisieren. Eine Mischung aus guten und schlechten Eigenschaften des Menschen wird beispielsweise in den USA vorherrschend vermutet, d. h. es wird davon ausgegangen, dass Menschen weder ausschließlich gut noch ausschließlich schlecht sind. Somit wird also angenommen, dass beide Charakterzüge im Menschen als Prädispositionen in Form einer Mischung angelegt sind. Der Mensch hat somit auch die Möglichkeit Entscheidungen selbst frei zu treffen und sich somit entweder für das „Gute“ oder für das „Schlechte“ zu entscheiden. Im Gegensatz zur statischen Komponente ist in den USA indes die dynamische Komponente der Kulturdimension „Wesen der menschlichen Natur“ besonders stark ausgeprägt. So wird dort davon ausgegangen, dass Menschen sich im Laufe ihres Lebens verändern können. Insofern dominiert die Annahme, dass es der Mensch selbst in der Hand hat, was er aus seinem Leben macht. Eindrucksvolles Zeugnis für diese Annahme legen zahlreiche Selbsthilfebücher, Persönlichkeitsratgeber oder Erfolgsratgeber ab, die gerade auch auf dem Büchermarkt in den USA angeboten werden. Aber auch die stereotype Vorstellung der möglichen Karriereentwicklung vom „Tellerwäscher zum Millionär“ fügt sich stimmig in diese dynamische Kulturausprägung ein13. In anderen Kulturen hingegen wird der Charakter des Menschen als unveränderbar angesehen. 6.1.2 Beziehung des Menschen zur Natur Die Kulturdimension „Beziehung des Menschen zur Natur“ stellt die Frage, wie die Beziehung des Menschen zur Natur gesehen wird. In ihrer mittleren Ausprägung wird die Kulturdimension durch Harmonie, also Einklang zwischen Mensch und Natur beschrieben. Eine Trennung zwischen Menschen und Natur findet hierbei nicht statt. Als Beispiele für die Harmonie-Ausrichtung führen Kluckhohn und Strodtbeck Japan, aber auch China während zahlreicher historischer Perioden an14. Im Falle der Unterordnung hingegen übt die Natur eine dominierende Rolle gegenüber den Menschen aus. Somit sieht sich der Mensch in einer Situation, in der er den natürlichen Kräften ausgeliefert ist und die er auch nicht nachhaltig beeinflussen kann. Schließlich wird im Falle einer Dominanz des Menschen gegenüber der Natur davon ausgegangen, dass der Mensch die Möglichkeit hat sich Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 142 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 143 1436.1 Das Werteorientierungs-Konzept nach Kluckhohn und Strodtbeck gewissermaßen zum Beherrscher der Natur aufzuschwingen, um letztendlich die Kräfte der Natur zu beherrschen und zum Wohle der Menschheit zu nutzen. Die Menschen sprechen sich somit selbst die Fähigkeit zu, dass sie erreichen können was sie möchten, wenn auch mitunter unter erheblichen und langwierigen Anstrengungen. Diese zuletzt genannte Einstellung, bei der von der Dominanz des Menschen gegenüber der Natur ausgegangen wird findet sich beispielsweise in den USA sehr stark ausgeprägt wieder15. So wird hier, wie im Übrigen auch in zahlreichen anderen westlichen Kulturen davon ausgegangen, dass sich der Mensch die Natur geradezu unterwerfen kann. Im Rahmen unterschiedlichster Infrastruktur- und Forschungsprojekte kann somit gemäß den Worten der biblischen Schöpfungsgeschichte „Macht Euch die Erde untertan“ agiert werden. Indes erscheint der Glaube an die Allmacht des Menschen in letzter Zeit sogar in den angesprochenen westlichen Kulturen zunehmend hinterfragt zu werden, nicht zuletzt infolge der zunehmend erkannten Umwelt- und Klimaproblematik. Die Tendenz in Richtung einer harmonischer ausgestalteten Beziehung des Menschen zur Natur wird u. a. im Rahmen der Diskussion um die Gentechnologie zunehmend deutlich. Jedoch wird dies nicht mit einer Unterwerfung des Menschen unter die Natur in Verbindung gebracht, wie dies beispielsweise im muslimisch geprägten „En Shah Allah“ (zu Deutsch etwa: „Wenn Gott will“) geschieht16. Als weiteres Beispiel für die Unterwerfung des Menschen unter die Natur führen Kluckhohn und Strodtbeck die spanisch-amerikanische Kultur im Südwesten der USA an. Die Ausrichtung an einer Harmonie mit der Natur als Zwischenstellung gegenüber den beiden Extrempositionen der Unterordnung gegenüber der Natur einerseits, der Dominanz andererseits kann beispielsweise an der uralten chinesischen Philosophie des Feng-Shui veranschaulicht werden. Gemäß dieser Philosophie haben Anordnung der Möbel und Raumaufteilung so zu erfolgen, dass Mensch und Natur sich in einem harmonischen Verhältnis zueinander befinden17. Eine unterschiedliche Beziehung zur Natur kann im Rahmen interkultureller Begegnungen zu mitunter massiven Konflikten führen. Wenn beispielsweise die Aborigines von Australien den Erhalt ihrer heiligen Stätten fordern, etwa die Sperrung des Ayers Rock für Touristen, oder Indianerstämme Nordamerikas gegen den Raubbau an der Natur im Rahmen des Abbaus von Bodenschätzen protestieren, so erfolgt dies in der Regel im Rahmen einer Kommunikation mit Institutionen und Organisationen, deren Personal von einer westlichen Kultur geprägt ist und das von hoher Einflussmöglichkeit gegenüber der Natur und ihrer richtiggehenden Beherrschung ausgeht18. 6.1.3 Beziehung des Menschen zu anderen Menschen Die Kulturdimension „Beziehung des Menschen zu anderen Menschen“ behandelt die Art und Weise, in der Menschen mit anderen Menschen in Beziehung zueinander stehen19. Unterschieden werden hierbei auf einer übergeordneten Ebene Kulturen, die durch Individualismus geprägt sind von Kulturen, die durch Kollektivismus geprägt sind20. Im Falle des Individualismus stehen die Eigeninteressen eines jeden Individuums im Mittelpunkt. Demzufolge ist ein jedes Individuum unabhängig von unter- Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 144 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 145 144 6 Kulturvergleichende Studien schiedlichen Gruppen einer Gesellschaft und die zwischenmenschlichen Beziehungen sind als eher locker einzustufen. Somit ist jeder zunächst für sich selbst sowie für den eigenen, engen Familienkreis, die Kernfamilie verantwortlich. Im Falle des Kollektivismus ist jedes Individuum quasi von Geburt an Mitglied in als wichtig zu erachtenden Gruppen. Neben den daraus resultierenden Vorteilen der Unterstützung durch die Gruppe hat jedes Mitglied der Gruppe Loyalität entgegenzubringen, was zu eher intensiven zwischenmenschlichen Beziehungen führt. Innerhalb der durch Kollektivismus geprägten Kulturen wird, im Gegensatz zum Individualismus, von Kluckhohn und Strodtbeck nochmals differenziert und zwar zwischen linearer Orientierung und kollateraler Orientierung. Im Falle linearer Orientierung wird von der Existenz einer starken Kontinuität der bestehenden Kollektive im Zeitablauf sowie von einer strikten, auch hierarchisch geprägten Ordnung innerhalb dieser Kollektive ausgegangen21. Beispielsweise werden die sozialen Beziehungen der Kommunikationspartner untereinander durch Alter, Geschlecht, Herkunft, Beruf und Vermögensverhältnisse bestimmt und auch in der Kommunikation berücksichtigt. So verfügt die Sprache Koreanisch über entsprechende Höflichkeitsformen, die die soziale Rangordnung, aber auch die zwischenmenschliche Beziehung und den Grad der Bekanntschaft anzeigen. Durch unterschiedliche Anredepartikel in der Sprache wird das in Korea bestehende Hierarchiebewusstsein zum Ausdruck gebracht. Bei der Analyse des Kommunikationsverhaltens von Koreanern mit Deutschen ist Min-Soon-Seo beispielsweise aufgefallen, dass ein deutscher Junge seinen Vater mit „du“ angeredet und im Umgang mit dem Großvater zu wenig Respekt gezeigt hat22. Hierarchiebewusstsein bei gleichzeitiger Ausrichtung am Kollektivismus kann beispielsweise auch in Japan anhand der Sitzordnung bei Verhandlungen dokumentiert werden. So basiert die Sitzordnung in Japan bei formalen Treffen auf der zugrundeliegenden Hierarchie. Dabei sitzt die ranghöchste Person an der Tischmitte und die rangnächsten Personen sitzen zur Linken und Rechten dieser Person. Rangniedere Personen sitzen dementsprechend am Rand oder gar entfernt von den Ranghöheren23. Besonders anschaulich kommt das japanische Hierarchiebewusstsein bei gleichzeitiger Ausrichtung am Kollektivismus auch am Beispiel einer Emotion zum Ausdruck, die mit dem Wort amae benannt wird. Grob gesprochen lässt sich amae als ein „als positiv bzw. als „süß“ empfundenes Bedürfnis nach passiver Abhängigkeit in hierarchischen Beziehungen umschreiben“24. Ama- als Wurzel des Wortes amae bedeutet dabei in der Tat süß. Amae selbst löst primär nonverbale Verhaltensweisen aus, die dem hierarchisch höher gestellten Kommunikationspartner Bedürfnisse nach Zuwendung, Schutz und auch Umsorgung signalisieren. Innerhalb des familiären Kontexts repräsentiert amae eine wichtige Emotion, die aber auch in außerfamiliären Beziehungen von Bedeutung ist und es den Japanern ermöglicht, eine durch Passivität und Abhängigkeit gekennzeichnete soziale Rolle einzunehmen, ohne dass dies als negativ angesehen wird25. Im Falle der kollateralen Orientierung hingegen haben Gruppen zwar ebenfalls eine hohe Bedeutung, doch können sich diese im Zeitverlauf in ihrer Zusammensetzung verändern und zudem müssen sie auch keine strikt festgelegte Ordnung bzw. Hierarchie aufweisen26. Von daher wird der lineare Kollektivismus häufig auch mit hierarchischem Kollektivismus, letztlich also hierarchisch geprägten Beziehungen in Verbindung gebracht, wohingegen der kollaterale Kollektivismus Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 144 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 145 1456.1 Das Werteorientierungs-Konzept nach Kluckhohn und Strodtbeck letztlich von auf gleicher Ebene vonstatten gehenden Beziehungen ausgeht und somit eher eine Art gleichberechtigter Gemeinschaft zum Ausdruck bringt. Im Gegensatz zum Individualismus haben im Falle des Kollektivismus Werte wie Vertrauenswürdigkeit, Kooperationsbereitschaft, aber auch Anpassungsbereitschaft und Kompatibilität mit der Gruppe eine besondere Bedeutung. Dabei wird in Kulturen mit einem linearen Kollektivismus stärker auf die Einbindung des Einzelnen in die Hierarchie sowie auf verwandtschaftliche Beziehungen geachtet. In Kulturen mit kollateralem Kollektivismus hingegen steht die Wahrung der Harmonie mit der Gruppe im Mittelpunkt des Interesses27. 6.1.4 Zeitorientierung des Menschen Im Rahmen der Kulturdimension „Zeitorientierung des Menschen“ wird die Frage aufgeworfen, welche Zeitperiode von besonderer Bedeutung ist, also ob die Vergangenheit, die Gegenwart oder eher die Zukunft im Mittelpunkt der Betrachtungen steht. In Kulturen mit einer starken Orientierung auf die Vergangenheit wird auf Traditionen großer Wert gelegt. Wandel, Innovation und Pläne werden betrieben in Ausrichtung an der Frage, ob sie mit der Vergangenheit, also beispielsweise der Geschichte einer Kultur oder eines Unternehmens korrespondieren. Als Kulturen mit einer deutlichen Ausrichtung an der Vergangenheit können beispielsweise Indien, der Iran sowie die Länder des Fernen Ostens, also Ostasiens angesehen werden28. Als besonders anschauliches Beispiel für die Ausrichtung an der Gegenwart führt Springer die spanische Kultur an, wo die Menschen zuvorderst für den Augenblick leben und kaum Gedanken an die Zukunft verschwenden. Dies bezieht sich auf Privatpersonen und Institutionen gleichermaßen, so dass die Zeiträume, die die Menschen im Blick haben eher begrenzter Natur sind, so dass Verabredungen nicht nur vergleichsweise spontan, also kurzfristig getroffen werden, sondern beispielsweise auch politischer Wahlkampf vergleichsweise kurz andauert, da man nach zwei Wochen Wahlkampf des Themas bereits überdrüssig ist29. Aber auch die Kulturen Lateinamerikas sind neben der Vergangenheit insbesondere auch an der Gegenwart ausgerichtet30. Als besonders eindrucksvolles Beispiel für eine Orientierung an der Gegenwart führen Kluckhohn und Strodtbeck die hispanoamerikanische Kultur im Südwesten der USA an: „They pay little attention to what has happened in the Past and regard the Future as both vague and unpredictable. Planning for the Future or hoping that the Future will be better than either the Present or the Past simply is not their way of life.”31 Ansonsten wird in den USA im Allgemeinen der Schwerpunkt nicht nur auf die Gegenwart, sondern eigentlich sogar mehr noch auf die näher gelegene Zukunft gelegt, in der sich die Situation und die mit ihr verbundenen Gegebenheiten noch besser darstellen sollen als in der Gegenwart. Insofern ist die Zukunftsorientierung in den USA der Tendenz nach auf einen vergleichsweise kurzen Zeitraum begrenzt. Die Vergangenheit und die in ihr herrschenden Ansichten und Verhaltensweisen hingegen werden rückwirkend in einem vergleichsweise geringen Maße in einem schönen Licht gesehen, letztendlich zuvorderst weil sie Vergangenheit sind. Zufriedenheit mit den Gegebenheiten der Gegenwart aber herrscht eher selten vor, vielmehr wird Wechsel bzw. Wandel („change“) nicht sorgenvoll, sondern vielmehr hoffnungsvoll Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 146 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 147 146 6 Kulturvergleichende Studien als Möglichkeit zur Verbesserung, auch im ökonomischen Sinne angesehen, was mit Regelmäßigkeit im Rahmen der Präsidentschaftswahlkämpfe ostentative Betonung findet32. Somit steht die Zukunftsorientierung in den USA durchaus in gewissem Gegensatz zur Vergangenheitsorientierung, die Kluckhohn und Strodtbeck im Übrigen auch für manch ein modernes europäisches Land ausgemacht haben, etwa für die aristokratisch und traditionalistisch ausgerichteten Teile Englands, weswegen der Respekt der Engländer für Traditionen von US-Amerikanern nicht sonderlich geteilt wird („old-fashioned“)33. Im Übrigen ist innerhalb Europas nicht nur England, sondern beispielsweise auch Frankreich durchaus an der Vergangenheit orientiert, was durch den häufig erfolgenden Bezug auf die eigene Geschichte und die eigenen Traditionen deutlich wird34. Zahlreiche Denkmäler, historische Gebäude und Brunnen, die im historischen Paris und anderen französischen Städten eine dominante Stellung einnehmen zeugen von der Orientierung an der Vergangenheit sowie den in dieser Zeit errungenen Leistungen. Besonderer Bezug wird häufig und beileibe nicht nur am französischen Nationalfeiertag auf die Französische Revolution aus dem Jahre 1789 genommen, die die Welt verändert hat. Die aus dieser Revolution hervorgegangenen Werte liberté, égalité und fraternité (Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit) haben in vielerlei Hinsicht noch immer eine überragende Bedeutung35. Schließlich kann als Beispiel für eine durch Zukunftsorientierung gekennzeichnete Kultur Deutschland angeführt werden. Im Sinne einer Daseinssorge kann hier bereits eine gewisse Vorsorgementalität festgestellt werden. So hat sich Vorsorge an sich bereits richtiggehend zu einem eigenen Wert entwickelt. In diesem Sinne können auch andere, in Deutschland beobachtbare zukunftsgerichtete Einstellungen zu den Themenbereichen von Umweltbewusstsein und Nachhaltigkeit36, aber beispielsweise auch das häufig beobachtbare Verhalten Termine durchaus längerfristig im Voraus und verbindlich zu vereinbaren oder auch den Urlaub frühzeitig im Jahr zu buchen gesehen werden. Schließlich sei darauf hingewiesen, dass eine Ausrichtung einer Kultur an Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft, wenn überhaupt, nur eher selten als absolute Orientierung, sondern zumeist in Relation zu einer anderen Kultur als „eher“ vergangenheits-, gegenwarts- oder zukunftsorientiert eingestuft werden kann37. 6.1.5 Aktivitätsorientierung des Menschen Die Kulturdimension „Aktivitätsorientierung des Menschen“ schließlich stellt die Frage nach der Art und Weise der Aktivitäten des Menschen. In Kulturen, die am Sein („Being“) ausgerichtet sind liegt der Schwerpunkt auf dem Arbeiten für den Moment und insbesondere auch dem Ausleben von Erfahrungen, weniger hingegen auf dem durch die Arbeit erzielten Erfolg. Die vorherrschende Motivation der Menschen basiert in erkennbarem Maße auf den für die Zukunft in Aussicht stehenden Belohnungen, keineswegs jedoch zulasten harmonischer zwischenmenschlicher Beziehungen38. Als besonders anschauliches Beispiel für am Sein ausgerichtete Kulturen führen Kluckhohn und Strodtbeck Mexiko an39. In Mexiko werden die zwischenmenschlichen Beziehungen weitaus bedeutsamer als erzielbare Leistungen angesehen und stundenlange Gespräche mit Freunden oder auch Bekannten sind Ausdruck für das, was im Leben als wirklich bedeutsam angesehen wird40. Aber auch in den Kulturen von Afrika und Lateinamerika ist eine Orientierung am Sein weit verbreitet41. Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 146 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 147 1476.1 Das Werteorientierungs-Konzept nach Kluckhohn und Strodtbeck In durch Handeln („Doing“) gekennzeichneten Kulturen hingegen dominiert die Durchführung von Aktivitäten, die zu einem nachweisbaren Erfolg führen.42 Eine solch handelnde Ausrichtung menschlicher Aktivitäten ist beispielsweise besonders charakteristisch für die USA43. Dabei wird in der stark aktionsgetriebenen Kultur der USA gleichzeitig davon ausgegangen, dass die durch das Handeln erzielten Leistungen auch gemessen werden können, somit also gute Aktivitäten belohnt und schlechte Aktivitäten bestraft werden können, was in Kontrast zu den eher daseinsorientierten Kulturen steht, in denen all jenes als wichtig angesehen wird, was gerade ist und zudem die Annahme vorherrscht, dass die Aktivitäten von Menschen infolge ihrer gegebenen nicht vollkommenen Planbarkeit letztendlich auch nicht objektiv bewertet werden können, sind sie doch von einer Vielzahl äußeren Ereignissen abhängig, die auch den Zufall mit einschließen44. Eine andere Kultur, die durch äußerste Orientierung am Handeln gekennzeichnet ist, repräsentiert sich in Japan. So sieht der US-amerikanische Sozialpsychologe Levine die Arbeitssucht in Japan eher als Ziel denn als Problem und beschreibt die berufliche Eifrigkeit der Japaner seinen eigenen Beobachtungen zufolge wie folgt: „Wie wir gesehen haben, arbeiten die Japaner nicht nur schnell, sondern sie arbeiten auch viel. Sie meiden Urlaub und fürchten den Ruhestand wie die Pest. Zu den höchsten Belohnungen für einen ungewöhnlich tüchtigen Angestellten zählt denn auch, daß eine Ausnahme gemacht wird und er über das in seiner Firma vorgeschriebene Rentenalter hinaus bleiben darf. Blaue Montage sind kein Problem für die Arbeitskräfte in Japan. Sie leiden eher unter Ängsten und psychosomatischen Symptomen, die man unter der Bezeichnung „Sonntagskrankheit“ (Nichiyô byô) und „Urlaubssyndrom“ (Kyûjitsu byô) zusammenfaßt. Ein Arzt schilderte beispielsweise den Fall eines betroffenen Angestellten so: „Pünktlich jeden Freitag bekommt er starke Schmerzen im Nacken. Er verbringt das gesamte Wochenende im Bett und ist zu müde, um sich zu bewegen. Aber wenn der Montag heranrückt, wird er wundersamerweise wieder gesund.“ Das Urlaubssyndrom ist nach Auskunft des Psychiaters Toru Sekiya „eine ausschließlich japanische Krankheit. Diese Männer halten es nicht aus, nicht arbeiten zu dürfen.“45 Den Unterschied zwischen den am Sein und den am Handeln ausgerichteten Kulturen bringen Kutschker und Schmid wie folgt auf den Punkt: „Während Individuen in aktionsgetriebenen Kulturen möglichst viel im Leben erreichen wollen, ist das Ziel von Individuen in daseinsorientierten Kulturen, möglichst viel im Leben zu „erleben“.“46 Die Unterschiede einer Orientierung am Sein oder am Handeln lassen sich für den Bereich der Freizeit sehr eindrucksvoll durch Bilderwelten vor Augen führen, wie Abbildung 6-2 zeigt. So ist das selbstgenügsame einfache Dasitzen in Griechenland durchaus Ausdruck des Ausreichens eines bloßen Seins, wohingegen Freizeitsport im Rahmen des New-York-City-Marathon oder eines in Deutschland stattfindenden Jedermann-Rennens die Massen elektrisiert und dabei Leistungsgedanken infolge des eigenen Handelns zutage fördert. Klar dürfte auch sein, dass eine Orientierung am Sein mit einem ganz eigenen habituellen Rhythmus verbunden ist, der letztendlich in gewisser Art und Weise das Resultat einer mitunter über viele Jahrzehnte des Lebens hinweg entsprechend erfolgten Lebensführung ist und sich vom habituellen Rhythmus im Falle einer Orientierung am Handeln gravierend unterscheidet. Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 148 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 149 148 6 Kulturvergleichende Studien Schließlich ist anzumerken, dass das Werden („Being-in-Becoming“)47 als Zwischenform zwischen Sein („Being“) und Handeln („Doing“) angesehen werden kann. Bei dieser Zwischenform wird versucht Sein und Handeln ganzheitlich miteinander zu verknüpfen48. Insofern bezieht sich das Werden auf Kulturen, in denen das spirituelle Leben (noch) bedeutsamer eingestuft wird als materielle Dinge, wie etwa im Buddhismus und Hinduismus, wo Menschen einen wesentlichen Teil ihrer Lebenszeit für spirituelle Aktivitäten wie Meditation oder Pilgerwanderungen aufwenden, da diese als für ihr künftiges Dasein sehr bedeutsam erachtet werden49. 6.1.6 Kritik an der Studie von Kluckhohn und Strodtbeck Kluckhohn und Strodtbeck haben mit ihrer kulturvergleichenden Studie bereits zu einem frühen Zeitpunkt die Möglichkeit geschaffen, auf Basis der von ihnen erarbeiteten fünf Kulturdimensionen bestimmte Kulturen zu beschreiben und zugleich mit anderen Kulturen zu vergleichen50. Darauf aufbauend können auch bereits erste Schlüsse auf die jeweils vorherrschenden Besonderheiten im Rahmen der Kommunikation gezogen werden, können doch die fünf Kulturdimensionen bereits als eine Art Richtlinien in Bezug auf die Interkulturelle Kommunikation gesehen werden. Von Bedeutung ist die Studie von Kluckhohn und Strodtbeck insbesondere auch infolge ihres Pioniercharakters, diente sie doch als Inspirationsquelle für andere, nachfolgende und sehr bedeutende Wissenschaftler aus dem Bereich der interkulturellen Forschung wie beispielsweise Hofstede, Trompenaars oder House51. Darüber hinaus sind die dabei berücksichtigten Kulturdimensionen auch heute noch bedeutsam, da sie für beliebige Kulturen bzw. Nationen zu deren Charakterisierung und Unterscheidung im Sinne einer kulturübergreifenden Betrachtung herangezogen werden können. Dies wird auch anhand der zahlreichen, in Bezug auf die fünf Kulturdimensionen vorausgehend jeweils genannten Beispiele deutlich. Indes ist die Untersuchung der fünf Rimrock-Gemeinschaften aus heutiger Sicht natürlich kaum mehr von übergreifendem Interesse, sind diese doch als vergleichsweise kleine und unbedeutende Subkulturen einzustufen. Vor allem auch die geringe Anzahl berücksichtigter unterschiedlicher Kulturen sowie deren geographische Nähe sind kritisch zu sehen. Auch wurde nur eine vergleichsweise kleine Stichprobe berücksichtigt52. Abbildung 6‑2: Orientierung an Sein und Handeln im Freizeitbereich am Beispiel von Griechenland, Deutschland und USA (Quelle: Wikimedia (2014 a bis d)) Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 148 Vahlen – Allg. Reihe – Schugk – Interkulturelle Kommunikation in der Wirtschaft (2. Aufl.) – Herst.: Frau Deuringer Status: Imprimatur Datum: 25.08.2014 Seite 149 1496.2 Differenzierung von Kulturen nach Hall 6.2 Differenzierung von Kulturen nach Hall Weitreichende Beachtung haben die kulturvergleichenden Ansätze des US-amerikanischen Anthropologen Edward T. Hall gefunden53. Neben seiner wissenschaftlichen Tätigkeit ist Hall insbesondere als Berater für Regierungen und Unternehmen tätig gewesen54. So wurde Hall in der ersten Hälfte der 1950er Jahre vom Foreign Service Institute (FSI) engagiert, um US-amerikanische Diplomaten auf Auslandseinsätze in der ganzen Welt vorzubereiten und zu diesem Zwecke entsprechende Trainingskonzepte zu entwickeln55. Begonnen hat er dabei mit der Analyse des Verhaltens von Bewohnern pazifischer Inseln, später von Japanern und zwar während des Zweiten Weltkrieges. Im Prinzip ist es Hall, der die Fachdisziplin „Intercultural Communication“ begründet hat. Nach dem Kriege hat er seine Forschungen auf den Bereich der Wirtschaft erweitert, nicht zuletzt um Gründe und Ursachen für eine häufige Ablehnung von US-Amerikanern im Ausland aufzudecken56. Auf Basis einer kulturvergleichend-ethnologischen Herangehensweise hat Hall letztendlich im Wesentlichen vier Kulturdimensionen ausfindig gemacht57, wobei insbesondere die Kontextorientierung und die Zeitorientierung als nachfolgend zunächst angeführte Kulturdimensionen einen überaus hohen Bekanntheitsgrad erlangt haben und auch heute noch bedeutsam sind. Zunächst sei noch darauf hingewiesen, dass das Kulturverständnis von Hall eng mit dem Begriff der Kommunikation verbunden ist. Diesem Verständnis folgend definiert er Kultur als ein System, das dazu da ist, um Informationen zu kreieren, zu senden, zu speichern und zu bearbeiten. Dementsprechend ist Kommunikation der gemeinsame Faden, der alle Kulturen durchzieht58. Kommunikation spielt für Hall als Kulturmerkmal also eine dominierende Rolle. Dabei geht er sogar soweit, dass er Kultur als Kommunikation und Kommunikation als Kultur bezeichnet59 und an anderer Stelle Kultur in ihrer Gesamtheit gar als eine Form der Kommunikation interpretiert60. Ferner gilt es zu berücksichtigen, dass die einzelnen von Hall herangezogenen Kulturdimensionen nicht völlig unabhängig voneinander zu sehen sind, sondern sich vielmehr häufig aufeinander beziehen. Schließlich sei darauf hingewiesen, dass die nachfolgend dargestellten vier Kulturdimensionen nicht das Ergebnis eines einzigen Forschungsprojektes sind, sondern von Hall vielmehr im Rahmen einer langjährigen Forschungs- und Beratungstätigkeit erarbeitet worden sind61. 6.2.1 Kontextorientierung Die Weise, in der Menschen kommunizieren, ist für Hall maßgeblich vom Kontext abhängig. Dabei versteht er unter Kontext sämtliche Informationen, die ein Ereignis umgeben: „Context is the information that surrounds an event“62. Diese Informationen sind „untrennbar mit der Bedeutung dieses Ereignisses verbunden.“63 Zum Kontext zählen, ohne den Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben, die räumlichen und klimatischen Verhältnisse, die räumliche Distanz zwischen Kommunizierenden und die von Kommunizierenden eingesetzten Statussymbole. Aber auch Ereignisse der Vergangenheit, etwa frühere Erfahrungen in ähnlichen Situationen bzw. Ereignisse, die der Kommunikation unmittelbar vorausgegangen sind, werden dem Kontext zugerechnet. Schnell wird deutlich, dass 6.2 Differenzierung von Kulturen nach Hall

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Zusammenfassung

Kompetenz zur Interkulturellen Kommunikation für jeden Markt der Welt

Kommunikation in der Wirtschaft ist von essentieller Bedeutung und unabdingbar für den Erfolg, wobei die fortschreitende Globalisierung und Internationalisierung die Interkulturelle Kommunikation immer bedeutsamer machen. Erst die Kenntnis kultureller Unterschiede und Besonderheiten ermöglicht eine erfolgreiche Kommunikation auch zwischen Vertretern unterschiedlicher Kulturen.

Dieses Buch gibt kulturübergreifend einen umfassenden Überblick über

- Begriffe der Kommunikation und Kultur

- Interkulturelle Besonderheiten in der interpersonalen und massenmedialen

- Kommunikation (Interkulturelle Marketing-Kommunikation)

- Verbale und nonverbale Kommunikation

- Kulturvergleichende Studien (z.B. GLOBE-Studie)

- Neuere Forschungsgebiete wie Interkulturelle Kommunikationspsychologie und Kulturelle Neurowissenschaft

Durch zahlreiche Fallbeispiele und Fallstudien eignet sich dieses Buch für die Aus- und Weiterbildung an Universitäten, Hochschulen und anderen Bildungseinrichtungen sowie für die Praxis.