6 Theorie öffentlicher Unternehmen in:

Dietmar Wellisch

Finanzwissenschaft I: Rechtfertigung der Staatstätigkeit, page 198 - 227

1. Edition 2000, ISBN print: 978-3-8006-2500-0, ISBN online: 978-3-8006-4875-7, https://doi.org/10.15358/9783800648757_198

Bibliographic information
Kapitel 6 Theorie öffentlicher Unternehmen 6.1 Einleitung Der Staat tritt häufig als Unternehmer auf. So betreibt er in vielen Ländern öffentliche Verkehrsbetriebe wie Bus und Bahn. Versorgungsbetriebe wie Elektrillitäts- und Wasserwerke sowie Schulen, Universitäten. Luftfahrt- und Telekornrnunikationsunternehmen. Die von den öffentlichen Betrieben produzierten Güter und Dienstleistungen können oftmals als wesentliche Bestandteile der Versorgung der Bevölkerung angesehen werden, ohne deren ausreichende Bereitstellung eine spürbare Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage einer Volkswirtschaft zu befürchten ist. So wäre unser heutiger Lebensstandard ohne gut ausgebaute Infrastruktur für den Transport von Personen, vVaren und Informationen undenkbar. Da die als wesentlich angesehenen Güter und Dienstleistungen in den einllelnen Industrieländern naheIlu übereinstimmen, verwundert es nicht. daß die öffentlichen Unternehmen in diesen Staaten häufig in den gleichen vVirtschaftszweigen tätig sind. Wir können daher den Ausführungen von Bös (1989) folgend eine Liste an Gütern und Dienstleistungen aufstellen, deren Produktion durch öffentliche Unternehmen wahrscheinlich ist: 1. Energie, Kommunikation und Transport: Die Elektrillitäts-, Gas- und \Vasserversorgung, Telephon- und Postdienste, Radio- und Fernsehstationen, sowie Luftfahrtunternehmen, Eisenbahn und der öffentliche Nahverkehr sind häufig in staatlicher Hand. 2. Wichtige Industriegiiter: Der Staat betreibt oft Unternehmen in Industriezweigen, die er als besonders wichtig oder gefährdet erachtet. Hierzu zählen z.B. \Verften, Automobilkonzerne, Stahlunternehmen oder Molkereien. 196 Kapitel 6 Theorie öffentlicher Unternehmen 3. Versicherung und Finanzdienstleistungen: Öffentliehe Sparkassen und Landesbanken finden sich in fast allen Staaterl. Neben den Sozialversicherungen, die im Zentrum des Kapitels 7 stehen, ist der Staat ebenso in allen anderen Versicherungs7:weigen als Unternehmer tätig. 4. Ausbildung, Fortbildung und Gesundheit: Die Bereitstellung von Schulen und Universitäten, Krankenhäusern und medi7:irüschen Forschungsanstalten liegt ebenfalls vielfach bei öffentlichen Unternehmen. \iVieviele dieser Güter und Dienstleistungen in den einzelnen Ländern tatsächlich von öffentlichen Unternehmen produziert werden, hängt neben historischen Gegebenheiten insbesondere von dem Vertrauen einer Gesellschaft in die Fähigkeit des privaten Sektors ab, jene 7:Uverlässig und in ausreichendem Maße bereitstellen 7:U können. Daher unterscheidet sich der Anteil der staatlichen Produktion an der Gesamtproduktion in den aufgeführten Sektoren in den einzelnen Ländern erheblich. Sehr grob gesprochen tendieren die Staaten Frankreich, Italien, Österreich und Spanien allgemein zu einem hohen Anteil, während die USA und Großbritannien einen eher geringen Pro7:entsat7: aufweisen. Da7:wischen kann in der Regel der Anteil in der Bundesrepublik Deutschland angesiedelt werden. l Auffallend ist, daß viele der oben genannten Güter private Güter darstellen, bei denen das Ausschlußprinzip funktioniert. Warum sollte der Staat aber das Angebot privater Güter übernehmen, wenn doch derartige Güter durch den Markt bereitgestellt werden können? Aus allokativer Sicht können wir insbesondere 7:wei Gründe herausheben. Der erste betrifft die Existen7: natürlicher Monopole: Aufgrund technologischer Bedingungen weisen manche Industrien bei der Produktion eines Gutes steigende Skalenerträge auf. Technisch gesprochen bedeuten steigende Skalenerträge in der Produktion, daß bei einer proportionalen Erhöhung des Einsatzes aller Faktoren die Produktion des Gutes überproportional steigt. Dies impliziert, daß die Durchschnittskosten mit steigender Ausbringungsmenge sinken, da jede weitere Einheit des Gutes mit weniger Faktoren und bei gegebenen Faktorpreisen folglich zu geringeren Kosten hergestellt werden kann als die vorhergehenden. Dies ist 7:.B. dann der Fall, wenn ein Gut nur unter sehr hohen Fixkosten produziert werden kann, dessen variable Kosten allerdings relativ gering sind. Eine gute Übersicht über die öffentlichen Unternehmen in den Staaten der Europäischen Union bietet das Jahrbuch Die öffentlichen Untemehmen in der EU (1993). Kapitel 6.1 E-inle-it'ung 197 Ein prominentes Beispiel hierfür ist die Produktion des Gutes "Bahnfahren" . Um dieses Gut anbieten zu können. muß zunächst ein Schienennetz aufgebaut und Züge gekauft werden. I3estehen diese Voraussetzungen erst einmal, so ist die Beförderung selbst /lU sehr geringen variablen Kosten möglich, /lumindest wenn die Züge nicht ausgelastet sind. Die Beförderung eines weiteren Fahrgastes in einern wenig beset/lten Zug verursacht nahezu keinen zusätzlichen Einsatz an Produktionsfaktoren und damit Kosten, und somit sinken die Durchschnittskosten pro Fahrgast. \;\Tir sagen, das Gut "I3ahnfahren" kann in diesem Fall mit zunehmenden Skalenerträgen produziert werden. Da,,> gleiche gilt für alle sogenannten leitungsgebundenen Angebote wie die Wasser- und Stromversorgung, Telephon (keine Handys), Kabelfernsehen oder einer Kanalisation, deren Dienste zwar zu geringen variablen Kosten erbracht werden können, die aber eine hohe Investition in ein Netz voraussetzen. Aber nicht nur diese Versorgungsbetriebe weisen die Eigenschaft zunehmender Skalenerträge auf, sondern z.B. auch Müllverbrennungsanlagen, Atomkraftwerke oder Kläranlagen. Diese Beispiele zeigen bereits, daß das Phänomen steigender Skalenerträge durchaus relevant ist und keinen akademischen Sonderfall darstellt. Welches Problem ergibt sich bei Vorliegen steigender Skalenerträge bzw. sinkender Durchschnittskosten? \;\Tie wir aus der mikroökonomischen Kostentheorie wissen, impli/lieren fallende Stückkosten, daß die Gren/lkosten unterhalb den Durchschnittskosten liegen müssen. Wenn das aber so ist, dann ist keine effiziente Grenzkostenpreisbildung auf diesem Markt ohne staatlichen Eingriff möglich, da ein Unternehmen langfristig Verluste erwirtschaften würde. Stattdessen kommt es auf diesem Markt in einer Situation ohne Eingriff des Staates zu einem ruinösen \Vettbewerb /Iwischen den Unternehmen. Jedes Unternehmen versucht die Größenvorteile, die sich aus den steigenden Skalenerträgen ergeben, zu nutzen, um seine Konkurrenten zu unterbieten, bis nur noch ein Unternehmen am Markt verbleibt. Es entwickelt sich ein natürliches Monopol. Aus gesellschaftlicher Sicht ist es auch erwünscht, daß nur ein Unternehmen dieses Gut herstellt, da nur dann die Größenvorteile der Kostendegression optimal genutzt werden können. Kann jedoch dieses natürliche Monopol potentielle Konkurrenten durch hohe Markteintrittskosten, sogenannte sunk costs, wirkungsvoll abschrecken, so maximiert es seinen Gewinn bei dezentralem Verhalten wie jedes andere unregulierte Monopol auch. Sieht es sich einer fallenden Preis-Absatz-Funktion nach dem Gut x, p(x), gegenüber, so wählt es die gewinnmaximale Ausbringungsmenge in dem 198 Kapitel 6 Theorie öffentlicher Unternehmen Punkt, in dem die Grenzkosten der Produktion dem Grenzerlös, !'vIR, entsprechen: MG = MR = p(x) + O~~) x, mit op(x) < o. ox Im Vergleieh zu einem effizienten Angebot, bei dem der Preis den Grenzkosten entspricht , MG = p(x), bietet das Monopol ohne staatlichen Eingriff eine zu geringe Menge an. Aus gesellschaftlicher Sicht ist es daher erwünscht, dem Monopol seine Macht zu nehmen, indern man z.B. die Produktion einern öffentlichen Unternehmen überträgt. Bei der vVahl der I3eispiele muß man aber sehr vorsichtig sein und genau untersuchen, welche Produktions bereiche bei welcher Betrachtung zunehmende SkaJenerträge aufweisen und welche nicht. Die Produktion elektrischen Stroms mittels eines Kraftwerks mag in einer kleinen Stadt im relevanten I3ereich mit steigenden Skalenerträgen verbunden sein. In diesem Fall wäre die Er- "eugung des Stroms für sich genommen ein geeigneter U ntersuchungsgegenstancl. Ist dieses Kraftwerk jedoch nur eines von vielen in einer Großstadt, so sind die produktionstechnischen Kostenvorteile wahrscheinlich bereits durch die hohe Nachfrage ausgeschöpft, und eine Erhöhung der Stromerzeugung kann kurzfristig nur mit steigenden Durchschnittskosten realisiert werden, da die Grenzkosten bereits über den Durchschnittskosten liegerl. Die Verteilung des Stroms allerdings über das notwendige Netz ist in beiden Fällen mit sinkenden Durchschnittskosten möglich. Die Produktion von Strom in einer Großstadt ist somit nicht unser Problenl. sondern das Betreiben des Stromnetzes. In Abschnitt 6.2.1 wollen wir verschiedene Staatseingriffe untersuchen, die bei steigenden Skalenerträgen eine Verbesserung der Allokation bewirken können. Die zweite mögliche Rechtfertigung einer staatlichen I3ereitstellung von Gütern, die auch privat angeboten werden können, bezieht sich auf das Vorliegen positiver externer Effekte (vgl. auch Kapitel 4). I3etrachten wir z.B. die Ausbildung von Schülern und Schüler innen an staatlichen Grundschulen. Wie wir bereits ausführlich in Kapitel 3 diskutiert haben, können wir die Ausbildung selbst als ein unreines öffentliches Gut interpretieren, welches bei Ausschließbarkeit auch privat angeboten werden könnte. Jedoch werden bei der Ausbildung an den öffentlichen Schulen "ugleich den jungen Gesellschaftsmitgliedern bestimmte Grundregeln vermittelt und eingeübt. Das Erlernen und die Anwendung bestimmter Verhaltensregeln, an denen sich alle Gesellschaftsmitglieder orientieren, können wir als einen positiven externen Effekt interpretieren. Enthält der Verhaltenskodex nämlich z.B. auch Regeln über die Höflichkeit, wie Kapitel 6.1 E-inle-it'ung 199 das Offenhalten von Türen für naehfolgenden Personen oder da.s Platzanbieten für ältere Menschen in öffentlichen Verkehrsmitteln, so freuen sich die Mitmenschen, wenn diese Verhaltensregeln auch angewandt werden, ohne daß sie dafür lIahlen müssen. Ein weiteres Beispiel finden wir bei der Ausbildung von Archäologen oder Kunsthistorikern an staatlichen Universitäten. Oftmals stellen diese ihre Forschungsergebnisse allen Gesellschaftsmitgliedern zur Verfügung und erhöhen damit deren Nutzen, ohne daß sie dafür entsprechend bezahlt werden. Die Investition in Humankapital der Archäologen und Kunsthistoriker ruft in diesem Fall zugleich einen positiven externen Effekt hervor. Sowohl beim Erlernen bestimmter Verhaltensregeln als auch im Falle der Vermittlung von \Vissen ohne ausreichende I3ezahlung investiert der Einzelne, wenn er dezentral über seine I3ildungsausgaben entscheidet, ohne vom Staat unterstützt zu werden, aus gesellschaftlicher Sicht zu wenig in seine Ausbildung. Um diesen externen Effekt zu internalisieren, kann der Staat die Bildungseinrichtungen selbst übernehmen und als Unternehmen betreiben. Er greift somit auf der Angebotsseite des Marktes für Investitionen in Humankapital ein. Der Staat könnte aber auch auf der Nachfrageseite aktiv werden und lediglich die private Nachfrage nach I3ildungsleistungen durch Subventionen fördern. Das Angebot an Bildungseinrichtungen würde dann durch private Schulen und Universitäten erfolgen. \;\Tie könnte eine derartige Subventionierung aussehen? Der Staat könnte z.B. die einllelnen SchülerInnen oder Studierenden direkt subventionieren, indem er von jedem Nachfrager einen bestimmten Prozentsatz der Schuloder Studiengebühren übernimmt. Eine derartige Subventionierung verringert den Preis der Bildung für alle Nachfrager. Ist die individuelle Bildungsnachfrage positiv mit dem Einkommen der Eltern korreliert, so besitzen die Söhne und Töchter reicher Eltern eine höhere Nachfrage nach Ausbildung als diejenigen von ärmeren. Durch die Subventionierung profitieren folglich die Kinder reicher Eltern mehr als die von armen. Eine derartige Subventionierung erscheint vielen als ungerecht. Gerechter wäre in dieser Hinsicht die Einführung von Bildungsgutscheinen. Jeder Nachfrager erhält vom Staat einen bestimmten Betrag in Höhe von, sagen wir, 5.000 DM im Jahr ohne Rücksicht auf das Einkommen seiner Eltern. Dieser Gutschein reicht natürlich nicht aus, um ein Jahr Ausbildung zu erhalten. Den Rest trägt der Einzelne selbst. Der Nachfrager wählt nun den Ausbildungsplatz aus, an dem er diejenige Ausbildung erhält, die er am meisten präferiert. Die Ausbildungsanbieter konkurrieren um die Nachfrager durch ein gutes Lehrangebot. \Vir werden uns in diesem Kapitel nicht weiter mit positiven externen Effekten beschäftigen, da wir bereits 200 Kapitel 6 Theorie öffentlicher Unternehmen m Kapitel 4 mögliche Internalisierungsstrategien ausführlich behandelt haberl. Schließlich können auch Gerechtigkeitsüberlegungen für eine Errichtung öffentlicher Unternehmen sprechen. Da nämlich im allgemeinen staatliche Betriebe nicht bestrebt sind, ihren Gewinn zu maximieren, können sie durch ihre Preispolitik versuchen, die Wohlfahrt :cu erhöhen. Dies schließt neben dem Erreichen einer effizienten Allokation ausdrücklich die Berücksichtigung einer als erwünscht angesehenen Einkornrnensverteilung mit ein. Jedoch besteht in der Regel :cwischen diesen beiden Zielen ein Konflikt. W'ill das öffentliche Unternehmen durch seine Preissetzung die Einkommensverteilung verbessern, so muß es oftmals Effi- :ciemeinbußen hinnehmen. Daher stellen wir uns in Abschnitt 6.2.2 die Frage, wie die gesellschaftlich optimale Preispolitik aussehen soll, die einen Ausgleich zwischen den Zielen der Effizienz und der Verteilungsgerechtigkeit gewähr leistet. Bei allen Vorteilen einer staatlichen Produktion privater Güter, dürfen aber nicht deren gewichtige Nachteile vergessen werden. Denn während die privatwirtschaftliche Produktion von Gütern bei vollkommenem Wettbewerb und gewinnmaximierendem Verhalten der Unternehmen kosteneffizient erfolgt, ist bei einem staatlichen Angebot eine ineffiziente Faktorallokation zu erwarten, da öffentliche Unternehmen andere Ziele als die Kostenminimierung verfolgen. So können wir in den Berichten der Rechnungshöfe unzählige Beispiele der öffentlichen Mißwirtschaft finden. Hierzu zählen die Klagen über den hohen Verwaltungsaufwand der Behörden bei der Beschaffung von Material, der oftmals in keinem Verhältnis zum Materialwert steht. Ebenso werden trotz der umständlichen bürokratischen Prüfung die teureren Bezugsquellen gewählt, weil man Z.B. bestimmten Unternehmen helfen möchte oder einfach zu wenig Angebote eingeholt hat. Auch weisen verschiedene Abteilungen im öffentlichen Dienst eine erschreckend geringe Produktivität auf. Des weiteren werden staatliche Projekte getätigt, die nicht selten als Investitionsruinen enden. So bauten sich viele Gemeinden in den 70er Jahren ihre eigenen Hallenbäder und große Sportanlagen, die aber kaum genut:ct wurden. Heute werden diese mit hohen Subventionen erhalten oder mit weiteren Investitionen zu Erlebnisparks umgebaut, deren vVirtschaftlichkeit oftmals wieder nicht geprüft wurde. Die Gründe für eine derartige öffentliche Mißwirtschaft sind vielfältig. Zum einen müssen öffentliche Unternehmen in der Regel keinen Konkurs fürchten, da dem Staat die Möglichkeit einer Subventionierung staatlicher Betriebe offensteht. Dagegen müssen sich private Unternehmen auf dem Kapitel 6.1 E-inle-it'ung 201 Markt behaupten und die Gefahr eines Konkurses gibt jedem also auch dem ineffizienten - Management eine obere Grenze der tragbaren Verlust.e an. \Vird ein privates Unternehmen schlecht. geführt., so führt der Auslesemechanismus des Markt.es /lU einern Ausscheiden der unfähigen Manager. Zum anderen sind öffent.liche Unt.ernehmen meistens nicht oder nicht. in vollem Umfang einem \Vettbewerb ausgesetzt.. Die Folge ist, daß best.immt.e Dienstleist.ungen oder Güter nicht im erwünschten Ausmaß oder der gewünschten Qualität bereitgest.ellt. werden. I3ei Konkurrenz können nämlich die Konsument.en gemäß ihren Präferenzen zwischen verschiedenen Anbiet.ern wählen und /leigen durch ihre Wahlent.scheidung an, welche Güter und Dienste sie in welchem Umfang wünschen. Diese Signale empfängt. ein alleiniger Anbieter nicht.. Erst. der Wettbewerb schafft also die Voraussetzung für einen Vergleich unt.erschiedlicher Angebote und führt dazu, daß diejenigen Unternehmen Erfolg haben, die die von den Konsument.en gewünschten Güter zu minimalen Kost.en anbieten, während diejenigen, die ineffizient wirt.schaften, vom Markt. verschwinden. Gibt es dagegen nur einen Anbieter, so ist. es immer sclnver zu beurteilen, ob dieser ineffizient. wirtschaft.et, da kein Vergleich möglich ist. Ein weiterer Grund für die Ineffizienz in öffentlichen Unternehmen liegt in dem Anreizsyst.em, dem sich die Arbeitnehmer in diesen Unternehmen gegenübergest.ellt. sehen. Hier ist /Iunächst. das Problem der Lohnstruktur /lU nennerl. \Vährend in privat.en Unt.ernehmen die Be/lahlung der Führungskräfte in der Regel nach Leistung erfolgt., ist. das Arbeit.sent.gelt. eines Managers im öffent.lichen Dienst. nur selten von dem Erfolg seines Unt.ernehmens oder seiner Abt.eilung abhängig. Ebenso ist das Gehalt. in den Führungset.agen st.aatlicher I3etriebe oftmals niedriger als in vergleichbaren privat.en Unt.ernehmen. Dies dürft.e nicht nur die Qualit.ät. der Manager, die für die Führung der öffent.lichen Bet.riebe gewonnen werden können, sondern auch ihre Einsat.zbereit.schaft. negativ beeinflussen. Die gleiche negative Wirkung rufen die beschränkt.en Möglichkeiten der Beförderung im öffent.lichen Dienst oder in der Beamt.enhierarchie hervor. Schließlich bewahrt ein im Vergleich zu den Regelungen, die in vielen privat.en Unternehmen gelten, außerordent.licher Kündigungsschutz die Angestellten im öffent.lichen Dienst. wie auch die Beamt.en davor, allzu harte Konsequenzen ihrer eigenen Unfähigkeit. zu t.ragerl. All diese gerade angeführten Probleme öffentlicher Mißwirtschaft. sollten bei einer Beurt.eilung einer staat.lichen gegenüber einer privaten Produktion von Gütern immer beachtet werden, auch wenn wir sie in den folgenden Abschnitten weit.estgehend vernachl~i'lsigen. 202 Kapitel 6 Theorie öffentlicher Unternehmen 6.2 Probleme der Grenzkosten-Preisregel In Abschnitt 6.2.1 wenden wir uns zunächst dem Problem natürlicher Monopole aus allokativer Sicht "u und untersuchen, welche Effi"ien"einbußen bei unreguliertem Verhalten auftreten. Des weiteren werden wir verschiedene Eingriffsmöglichkeiten des Staates beschreiben, die zu einer Verbesserung der Allokation führen können. In Abschnitt 6.2.2 nehmen wir Gerechtigkeitesüberlegungen in unsere Analyse auf und fragen uns, wie die optimale Preispolitik eines öffentlichen Unternehmens aussehen soll, die sowohl eine möglichst effilliente Allokation als auch eine gesellschaftlich erwünschte Verteilung gewährleistet. 6.2.1 Natürliche Monopole I3etrachten wir eine Industrie, wie z.I3. die I3etreiber eines Stromnetzes, in der das Gut x, also die Übertragung der Elektrillität, mit steigenden Skalenerträgen produlliert wirel. Nehmen wir an, daß auf den Faktormärkten vollkommener \Vettbewerb herrsche und die Industrie sich auf diesen als Preisnehmer verhalte. In diesem Fall übersteigen die Durc:hschnittskosten, AC, die GrenzkosterL MC. Auf dem Markt für x sinke die Nachfrage mit steigendem Preis. Hieraus ergibt sich eine fallende Preis-Absatz- Funktion p(x), mit < O. In Abbildung 6.1 ist diese Situation dargestellt. Wie wir wissen, wäre aus allokativer Sicht ein Optimum erreicht, wenn die Kosten der letzten produzierten Einheit des Gutes, NIC, der Zahlungsbereitschaft der Nac:hfrager für diese Einheit entspric:ht. Da die Nac:hfragekurve die marginale Zahlungs bereitschaft angibt, ist die Bedingung für ein effillientes Angebot des Gutes x in Punkt A bei einer Menge Xo und einem Preis Po erfüllt. Würde jedoc:h ein Unternehmen zu diesem Preis anbieten, so würde es einen Verlust erwirtsc:haften, da die gesamten Kosten, die Fläc:he H FxoO, die Einnahmen, die Fläche PoAxoO, übersteigen. Fallen die Durc:hschnittskosten mit steigender Ausbringungsmenge, so besiben große Unternehmen Kostenvorteile. Aus allokativer Sicht ist es daher von Vorteil, wenn nur ein Unternehmen dieses Gut herstellt. Dies ist auch bei gewinn maxi mieren dem Verhalten der Unternehmen der Fall: Es bildet sich ein natürliches Monopol. Dieses bietet allerdings ohne staatlichen Eingriff nicht die Menge Xo an, sondern die Menge XA1. Diese Menge sichert aus Sicht des Monopols ein GewinnrnaxiIlluIll, da bei dieser Ausbringungsmenge die Kosten der letllten Einheit, lvIC, dem Grenzerlös, NIR , entsprechen (Punkt C). Der Monopolpreis ist PM. K ap'itel 6.2 Fmblerne deT GTenzkosten-PreisTegel DM E PM Ps H Po o , ' 'A - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -I - - - - - - NIR XM Xs Xo Abb. 6.1: Natürliches Monopol 203 AG MG p(X) x ~Weleher ~Wohlfahrtsverlust entsteht durch ellle MonopolsteIlung ohne staalichen Eingriff im Vergleich :l:U einer Situation, in der die Menge Xo :l:U einem Preis Po angeboten wird? Hierfür müssen wir die Gewinne, die ein Anbieter bei einer Verringerung der Ausbringungsmenge von Xo auf XM realisieren kann, mit der Änderung der Konsumentenrente vergleichen. Für diesen Vergleich sind natürlich nur die variablen Kosten relevant, da die Produktion des Gutes selbst außer Frage steht. Die Konsumenten verlieren aufgrund einer Preiserhöhung von Po auf PIe1 die R.ente PMDApo. Den Gewinn des Monopolisten ohne Berücksichtigung der Fixkosten erhalten wir durch folgende Flächen. Die Fläche PMDxiVrO gibt die Erlöse des Monopolisten an, wenn er die Menge X iV! anbietet. Von diesen müssen wir die für den Vergleich relevanten Kosten der Produktion der Menge XM ablliehen. Diese sind durch die Fläche unter der Grenllkostenkurve abllulesen, also EGxMO. Bietet dagegen ein Unternehmen die Menge Xo zum Preis Po an, so beträgt sein Verlust ohne Berücksichtigung der Fixkosten EAxoO - PoAxoO. Reduziert das Unternehmen sein Angebot von Xo auf X }\I, so realisiert es einen Nettogewinn in Höhe 204 Kapitel 6 Theorie öffentlicher Unternehmen Vergleichen wir nun den Verlust an Konsumentenrente mit diesem Vorteil des Produzenten, so erhalten wir als \;\Tohlfahrtsverlust die Fläche Ver7:ichtet der Staat auf eine Intervention, so entsteht ein Wohlfahrtsverlust in Höhe von DAC. Der Staat könnte nun regulierend eingreifen, indem er lediglich einen Preis vorgibt, der gerade kostendeckend ist. Die Produktion selbst bleibt in der Hand privater Unternehmen. Dieses Verfahren wird oftmals in Kanada und den USA angewandt. So gibt es in den USA eine Federal Power Commission, die die Aufgabe hat, den nationalen Energiesektor zu beaufsichtigen und regulierend einzugreifen. Bei einer Preisregulierung müßte die Behörde in unserer Abbildung den Preis Ps vorgeben, den der Monopolist nicht überschreiten darf. Gewinnmaximierendes Verhalten des Monopolisten erfordert nun eine Ausbringungsmenge xs. Somit gibt Punkt B das Gleichgewicht bei Preisvorgabe der Regulierungskommission an. Um den \;\Tohlfahrtsverlust der staatlichen Regulierungsmaßnahme zu erhalten, vergleichen wir wieder die Verluste der Konsumenten und des Produzenten bei einem Übergang von Xo zu xs. Die Konsumentenrente sinkt nun in Höhe der Fläche PsBApo. Die Verlustminderung des Monopolisten, dessen Absatzpreis maximal Ps betragen darf, ist PsBGApo. Insgesamt erhalten wir einen \Vohlfahrtsverlust in Höhe der Fläche BAG. Reguliert der Staat das natürliche Monopol in dieser Weise, so entsteht ein \;\Tohlfahrtsverlust, BAG, der aber kleiner ist als ohne Intervention, DAC - BAG = DBGC > O. Ein schwerwiegendes Problem der Preisregulierung haben wir in dieser Betrachtung bisher vernachlässigt. Um die optimale Preisvorgabe 7:U bestimmen, benötigt die Regulierungsbehörde Informationen über die Kostenverläufe der Unternehmen. Doch wie soll sie wissen, wie die tatsächlichen Kostenstruktur der privaten Betriebe beschaffen ist? Um dieses Problem zu lösen, muß die Regulierungskommission ein Anreizsystem schaffen, welches die Unternehmen veranlaßt, ihre "wahren" Kosten zu offenbaren. Jedoch gewährt diese Informationsasymmetrie den privaten Firmen im allgemeinen einen Spielraum über überhöhte Gehälter, gute Arbeitsplat7:bedingungen oder repräsentative Verwaltungssitze einen Teil der möglichen Monopolrente abzuschöpfen. Eine weitere Alternative eines staatlichen Eingriffs besteht darin, da .. ,> Unternehmen "u übernehmen und das Gut x selbst an"ubieten. Diese Strategie wurde und wird oftmals in den europäischen Staaten prakti7:iert, auch wenn ein Umdenken in diesem Bereich 7:U beobachten ist. Aber immer noch sind in vielen Ländern Telephongesellschaften, Atomkraftwerke K ap'itel 6.2 Fmblerne deT GTenzkosten-PreisTegel 205 oder \Vasser und Gasversorgungsbctreibe in staatlieher Hand. Führt der Staat das Unternehmen in eigener Regie, so kann das öffentliche Unternehmen die Grenzkosten-Preisregel befolgen. Es realisiert dann allerdings einen Verlust in Höhe der Fläche HF Apo. \;\Tie bereits in der Einleitung hU diesem Kapitel diskutiert, ergeben sich weitere Probleme, da sich ein öffentliches Unternehmen ohne (potentielle) Konkurrenten nicht gewinnmaximierend verhält und daher den Faktoreinsatz nicht kostenminimierend wählt. Gründe hierfür sind, daß die Entscheidungen in den öffentlichen Unternehmen oftmals nicht aufgrund ökonomischer Überlegungen sondern auf Basis verwaltungsjuristischer Grundsäb:e getroffen werden, oder daß der Einfluß von Gewerkschaften, Parteien oder Verbänden einem kostenminimierenden Verhalten entgegensteht. In Abbildung 6.1 könnten wir dies dadurch wiedergeben, daß die Kostenkurven für ein öffentliches Unternehmen oberhalb der eingezeichneten AC- bzw. NIC-Kurven liegen. Eine ineffiziente Produktion des Gutes x wäre die Folge. Diese Diskussion der Vor- und Nachteile staatlicher Eingriffe halten wir fest als Ergebnis 6.2.1 Die Existenz natürlicher Monopole erfordert einen staatlichen Eingriff; da die unreg1Llierte Aktivität die gröjJten EffizienzeinbujJen verursacht. Eine staatliche Regulierung privater Aktivität ist dann eineT staatlichen Übernahme vOT'z'az'iehen. wenn die Effizienzeinb'ajJe geringer ist. Ein Allokationsoptimum ist im allgemeinen ausgeschlossen. Ein weiteres Problem bei fallenden Durchschnittskosten liegt vor, wenn die Nachfragekurve bei allen möglichen Ausbringungsmengen unterhalb der Durchschnittskosten liegt, wie in Abbildung 6.2 dargestellt. Die Produktion dieses Gutes verursacht nun auf jeden Fall Verluste, wenn der Staat durch eine Preisfestsethung p = AC regulierend eingreifen möchte. Dennoch kann auch in diesem Fall eine Produktion des Gutes in Höhe von Xo aus gesellschaftlicher Sicht wünschenswert sein, wenn der Nutzen aus dem Angebot des Gutes, die Fläche unter der Nachfragekurve OCAxo, die Kosten der Produktion der Menge xo, die Fläche ODBxo, übersteigt, oder wenn äquivalent DCE > EBA gilt. In diesem Fall kennzeichnet weiterhin der Punkt A das Allokationsoptimum, da dort die marginale Zahlungsbereitschaft der Konsumenten den Grenzkosten entspricht. Führt nun der Staat die Produktion des Gutes x in eigener Regie durch und bietet die Menge Xo an, so entsteht ein Verlust in Höhe der Fläche PoDBA. Wie bei der Diskussion natürlicher Monopole stellt sich die Frage, wie das öffentliche Unternehmen diesen Verlust decken kann. Natürlich kann der Staat Steuern erheben. Jedoch führt die Erhebung 206 Kapitel 6 Theorie öffentlicher Unternehmen von Steuern zu Verzerrungen der privaten Entscheidungen, wenn die Individuen einer Steuer ausweichen können. Diese Verzerrungen verursachen dann in anderen I3ereichen \Vohlfahrtsverluste, die mit den hier gezeigten verglichen werden müssen. DM C E B D - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - AC Po o Xo }o/fC p(x) x Abb. 6.2: Staatliche Übernahme des natürlichen Monopols Eine weitere Möglichkeit, wie der Staat in einer derartigen Situation seine Kosten decken kann. besteht darin. daß das öffentliche Unternehmen neben dem effizienz sichernden Preis für das Gut x, Po, eine rnengenunabhängige Grundgebühr verlangt, mit der der Verlust gedeckt werden soll. Ein derartiger gespaltener Tarif liegt z.I3. bei der Telekom vor. Der Besitzer eines Telephonanschlusses zahlt bereits für die Möglichkeit, den hauseigenen Telephonanschluß zu nutzen, eine monatliche Grundgebühr. Diese ist unabhängig von der Ammhl der geführten Telephonate. Zwar kann durch eine derartige Preisbestimmung eine Kostendeckung realisiert werden, jedoch werden einige Nachfrager aus dem Markt gedrängt, wenn allein die Grundgebühr den individuellen Vorteil aus dem Konsum des Gutes x übersteigt. Wieder ist ein Allokationsoptimum im allgemeinen nicht zu realisieren. Ob dieses Problem schwerwiegend ist, hängt entscheidend von der Art des Gutes ab. Ist die Einkommenselastizität der Nachfrage bezüglich dieser Güter relativ gering, wie z.B. bei K ap'itel 6.2 Fmblerne deT GTenzkosten-PreisTegel 207 der \Vasser oder Stromversorgung, so ist die Einführung einer mengenunabhängigen Grundgebühr kaum mit einer Reduktion der Nachfrage verbunden. Neben diesem allokativen Argument wird ein gespaltener Tarif aber auch aus Gerechtigkeitsüberlegungen kritisiert. Muß nämlich jeder Nut/ler, ob arm oder reich, die gleiche Grundgebühr entrichten, so nimmt die Gebührenlast im Verhältnis /lum Einkommen mit steigendem Einkommen ab. Die Grundgebühr ist daher als eine regressive Steuer anzusehen. die die armen Haushalte relativ zu ihrem Einkommen stärker belastet als reiche. und dies kann aus distributiven Gründen unerwünscht sein. Deshalb stellen wir uns im folgenden Abschnitt die Frage, wie die optimale Preispolitik gestaltet werden soll, die einen Ausgleich XB, so ist der Zähler negativ, da aus Sicht des öffentlichen Unternehmens der marginale sO:l:iale Nuben des Einkommens der Gruppe A zugleich kleiner ist, V'(IA) < V'(IB). In diesem Fall ist es für das öffentliche Unternehmen optimal, den Preis Px über die Gren/lkosten /lU hebel!. Denn durch diese Preispolitik kann die Grundgebühr Z gesenkt werden und den Haushalten mit höherem Einkommen und damit höherer Nachfrage ein größerer Anteil der Gesamtkosten aufgebürdet werden. Der \Vohlfahrtsverlust aufgrund des ineffizient hohen Die Kovarianz zweier Zahlenpaare i = 1, ... , n, ist definiert als ~ 2.:;(:";- :r)(y; - y) = ~ 2.:; 2'iYi - :ry, wobei x und y die jeweiligen arithmetischen Mittel angebell. 210 Kapitel 6 Theorie öffentlicher Unternehmen Preises, Px > NIGx, wird durch eine höhere Verteilungsgerechtigkeit wettgemacht. Ist x dagegen ein inferiores Gut und nimmt die Nachfrage nach ihm mit steigendem Einkommen ab, XA < XB, so ist die Kovarianz positiv und der optimale Preis sollte unterhalb der Grenllkosten liegen, Px < ]'vfG". Eine Befolgung der Grenllkosten-Preisregel, P:r = NIG:r, ist für das öffentliche Unternehmen nur dann optimal, wenn die Nachfrage der Haushaltsgruppen unabhängig von deren Einkommen gleich ist, X,1 = XB, da in diesem Fall durc:h die Preispolitik die Einkommensverteilung nicht verbessert werden kann.4 Dies fassen wir "usammen in Ergebnis 6.2.2 Verfolgt das öffentliche Unternehmen mit seiner Preispolitik auch Verteilung8ziele und bietet e8 ein normale8 (i nfe ri 0 re 8) Gut an, 80 i8t e8 optimal, den marginalen Prei8 über (unter) die Grenzk08ten zu 8etzen. An"umerken bleibt, daß die pro"entuale Abweichung des optimalen Preises von den Gren"kosten auch von dem Grad der aggregierten Preiselch'ltizität, C.r.r, abhängt. Je geringer diese Elastizität (absolut) ist, desto größer sollte bei gegebenem Wert des Maßes für die Verteilungsgerechtigkeit die Differenz zwischen Preis und Grenzkosten relativ zu dem optimalen Preis sein. Ist nämlich die Nachfrage relativ unelastisch, so verändert sie sich bei einer Preisänderung kaum, und somit sind die Effi"ien"einbußen bei einer Abweichung von der Grenllkosten-Preisregel auch relativ gering. Bisher haben wir uns auf den Fall beschränkt, bei dem lediglich ein einziges Gut bei sinkenden Durc:hschnittskosten produziert wird . .Jedoch finden wir in der Realität viele Unternehmen, die mehrere Güter zugleich anbieten. So bietet die Deutsche Post AG z.I3. je nach Gewicht, Größe und Eile der Sendung viele verschiedene Zustelldienste an. Das gleiche gilt bei der Telekom mit ihren vielfältigen Dienstleistungen. Welche Preispolitik sollten die politischen Entscheidungsträger in einem öffentlichen Unternehmen nun wählen, wenn sie neben dem Ziel einer möglichst effizienten Allokation auch eine erwünschte Verteilung verfolgen und lIugleich ihr Budget ausgleic:hen müssen? Sollte das Verhältnis zwisc:hen den Preisen und den Gren"kosten für alle Produkte des Unternehmens gleich sein oder sollten lieber einige Güter teurer sein, um die anderen "u subventionieren? Um diese Frage zu beantworten, erweitern wir unser obiges Eine Anwendung der Grenzkosten-Preisregel ist ebenfalls optimal, wenn aus Sicht des öffentlichen Unternehmens bereits eine gesellschaftlich erwünschte Einkommensverteilung herrscht und sich die s(nialen Grenznutzen entsprechen, V/(IA) = v/(In). Auch dann dient die Preispolitik allein der Erreichung einer effizienten Allokation unter Beachtung der Kostendeckung. K ap'itel 6.2 Fmblerne deT GTenzkosten-PreisTegel 211 Modell um ein weiteres Gut y. Die Gesamtmengen, die bei den jeweiligen marginalen Preisen P'l: und Py abgesetzt werden, sind nun X =XA +XH Y = YA + Yn· (6.8) Die Gesamtkosten der Produktion beider Güter stellen wir durch die Funktion C(X, Y) dar und erhalten die kostendeckende Grundgebühr, die für beide Haushaltsgruppen identisch ist und nun das Hecht auf Nutzung beider Güter x und Y einräumt, als 1 Z = 2[C(X, Y) - PxX - pyY]. (6.9) Die Konsumentenrente der Haushaltsgruppe i ist nun von ihrem Einkommen h und den Preisen Px und Py abhängig, K R(px, Py, Ii ). Ziehen wir wieder die Grundgebühr von dieser ab und aggregieren die so gewonnenen Nettorenten beider Gruppen durch Gewichtung mit dem jeweiligen sozialen Grenznutzen des Einkommens, so ergibt sich die Zielfunktion für eine optimale Preispolitik als W = L v'(Ii){KR(Pa,Py, Ii ) - ~[C(X, Y) - PaX - pyY]}. i=A,B (6.10) Leiten wir nach den beiden Preisen Px und Pu ab, so erhalten wir als Bedingungen erster Ordnung für eine optimale Preispolitik 8W 8pr 0= L V'(Ii) {8KR(Px,Py,Ii ) '-1 B 8P,r 1-./ , 1 [ 8X 8Y]} - (MCx - Px)- + (MC - P )- - X , 2 8px Y Y 8px 0= L V'(Ii) {8KR~r'P1I,Ii) i=A.B Py 1 [ 8Y 8X]} - (MCy - Py)~ + (MCx - Px)~ - Y . 2 Upy uPY (6.11 ) (6.12) Wie wir sehen, müssen wir nun eigentlich bei der Bestimmung der optimalen Preise neben dem direkten Effekt einer Preisvariation auf die Menge, ~,7X und ~y , auch die Kreuzpreiseffekte auf die Absatzmenge des (lpx Upy jeweils anderen Gutes, g;, undg~, berücksichtigen. Zur Vereinfachung vernachlässigen wir jedoch diese Kreuzpreiseffekte: ~y = ~x = O. Nutupx upx zen wir wieder die Beziehung fJKR(p"Py,li) = -Xi bzw. fJKR(p"Py,li) = -Yi, OPx 8py 212 Kapitel 6 Theorie öffentlicher Unternehmen i = A, B, und formen analog zu den obigen Ausführungen um, so können wir die Optimal bedingungen schreiben als ( Pa - MG.r) c" = ~ L V'(Ii)Xi - i/X, Px v'x (6.13) ( py - MCY ) c, = ~ LV'(Ii)Yi - vif). Py y.~ Vif) (6.14 ) Diese können wir entsprechend den Ausführungen zu (6.7) interpretieren. Doch in welchem Verhältnis sollen die jeweiligen Preise pro:6entual von ihren Gren:6kosten abweichen? Um diese Frage :6U beantworten, müssen wir beide Bedingungen simultan betrachten. Hierfür definieren wir :6unächst die Parameter -21 L V'(Ii)Xi - V'X -=--==-------'------ = fund v'X - x 1 L '(I) -1-- V . y. - v Y 2 1. I • == f . vif) y set:6en diese ein und formen um, so daß wir beide Bedingungen gleichset- :6en können: ( PT-MC,,) (Py-MCy) fC' Exx ---yy ~ __ P_x~~___ = 1 = ~ __ P_Y~~ __ _ f x f y Nun erhalten wir als explizite Lösung (PJ -lVIC1)/px (py - MCy)/Pv Cyy f x Cxx f y (6.15) Während Bedingung (6.7) auheigte, um wieviel der Preis eines Gutes von seinen Gren~kosten abweichen sollte, beschreibt Bedingung (6.15) nun, in welchem Verhältnis die pro~entuale Abweichung der Preise der Güter x und Y von ihren jeweiligen Grenzkosten aus allokativen und distributiven Gründen stehen soll. Für eine Interpretation dieser Bedingung wollen wir den Verteilungsa.spekt von allokativen Überlegungen trenneIl. Hierfür nehmen wir wnächst an, daß f x = f y '" ° gilt, und vereinfachen (6.15) zu (PE - MG.r)/Pa (Pv - MCy)/py (6.16) In diesem Fall ist es aus Gründen der Verteilungsgerechtigkeit gemäß den Bedingungen (6.13) und (6.14) :6war erwünscht, daß die Preise von den Gren:6kosten abweichen, da f i '" 0, i = x, y. Jedoch kann eine unterschiedliche prmentuale Abweichung der Preise von den jeweiligen Gren~kosten mit derartigen Argumenten nicht begründet werden. Dennoch kann dies aus allokativer Sicht durchaus erwünscht sein. Um dies zu K ap'itel 6.2 Fmblerne deT GTenzkosten-PreisTegel 213 erklären, unterstellen wir zum einen, daß beide Güter normal sind, und somit die Preise beider Güter über ihren Grenzkosten liegen sollten, um eine erwünschte Verteilung zu erreichen. Zum anderen werde das Gut x im Vergleich /lU y relativ unelastisch nachgefragt, lexxl< leyyl. Heben nun die politischen Entscheidungsträger beide Preise um den gleichen Prozentsatz über die Grenzkosterl. so würde der Konsum des relativ unelastisch nachgcfragten Gutes x um weniger zurückgehen als der Konsum von y. Intuitiv sind die Effizienzeinbußen aus einer gleichen prozentualen Abweichung von der Grenzkosten-Preisregel bei Gut x geringer als bei y, da weniger Nachfrager verdrängt werden. Deshalb ist es aus allokativen Gründen erwünscht, den Preis des Gutes x, Px, stärker über die Grenzkosten anzuheben als PY' Gemäß I3edingung (6.16) werden die Effizienzeinbußen genau dann minimiert, wenn das Verhältnis der prozentualen Abweichungen der Preise von ihren Grenzkosten genau dem umgekehrten Verhältnis der Preiselastizitäten der Nachfrage der beiden Güter entspricht. Aufgrund der geforderten umgekehrten Proportionalität zwischen beiden Verhältnissen nennt man diese Optimalbedingung auch allgemein Inverse-Elastizitäten-Regel. Sie spielt insbesondere in der Theorie der optimalen I3esteuerung eine bedeutende Rolle und wird daher eingehend im Band "Finanzwissenschaft II: Theorie der Besteuerung" behandelt. \Vir erhalten abschließend das Ergebnis 6.2.3 Aus allokativer Sicht ist das Verhältnis der prozentualen Abweichungen der Preise von den .jeweiligen Orenzkosten dann optimal, wenn es dem 'umgekehr'ten Verhältnis deT' Preiselastizitäten deT Nachfrage für die betrachteten Gilter entspricht. Aber selbst wenn die Preiselastizitäten der Nachfrage gleich sind, lexx I = leyyl, und somit aus allokativer Sicht beide Preise um den gleichen Prozentsatz von den Grenzkosten abweichen sollten, kann eine unterschiedliche Abweichung aus distributiven Gründen erwünscht sein. Um dies darzustellen, setzen wir le,r,rl = leyyl in (6.15) ein und erhalten (Pa - MGr)/Pr (py - MGy)/Pv ( 6.17) Unterstellen wir weiterhin. daß x und y normale Güter sind, f i < 0, i = x, y. Wie wir bereits wissen, sollte in diesem Fall der Preis die Grenzkosten für beide Güter übersteigen, Pi > NIGi , i = x, y. Darüber hinaus nehmen wir an, daß das Gut x im Vergleich /lU y stärker von der reichen Haushaltsgruppe A nachgefragt wird als von der Gruppe B. Formal bedeutet dies, daß Irr I > Ifvl. Um das Verteilungsziel bestmöglich zu 214 Kapitel 6 Theorie öffentlicher Unternehmen realisieren, ist es nun angebracht, den Preis für das Gut x um elIlen höheren Prozentsatz über die Grenzkosten zu heben als für das Gut y, da durch eine derartige Preispolitik der reichen Haushaltsgruppe, die von dem Gut x relativ mehr nachfragt, ein größerer Anteil an den Gesamtkosten /lugewiesen werden kann, als wenn beide Preise urn den gleichen Prozentsatz steigerl. Aus dem gleichen Grund ist es optimal, den Preis für das Gut x um weniger Pro/lentpunkte unterhalb der Gren/lkosten /lU setzen als für Gut y, wenn x und y inferiore Güter sind, f i > 0, i = x, y, aber weiterhin Ifxl > Ifyl gilt. Allgemein folgt Ergebnis 6.2.4 Aus distributiven Gründen sollte die prozentuale Abweichung des Preises von den Orenzkosten derjenigen GüteT' höheT' sein, die von den reichen Haushalten relativ stark nachgefragt werden. Unschwer erkennen wir, daß sich die Empfehlungen aus allokativer und distributiver Sicht widersprechen können. Denn oftmals handelt es sich bei den unelastisch nachgefragten Gütern /lugleich um lebensnotwendige Güter, die gerade nicht von den reichen Haushalten verhältnismäßig stark nachgefragt werden. Ist das lebensnotwendige Gut normal, so ist es /lwar aus allokativer Sicht angebracht, den Preis dieses Gutes um relativ viele Prmentpunkte über die Gren/lkosten /lU heber!. Aus Gründen der Verteilungsgerechtigkeit empfiehlt sich aber gerade die umgekehrte Vorgehensweise, um den reichen Haushalten einen möglichst großen Anteil an den Gesamtkosten auf,,;ubürden. 'Wie so oft liegt auch hier ein Zielkonflikt zwischen der Erreichung einer effizienten Allokation und einer als gerecht angesehenen Verteilung vor. Deshalb verlangt die Optimalbedingung (6.15) gerade eine Verknüpfung des Effizienzfaktors ~ mit dem Faktor der Verteilungsgerechtigkeit ~ und zeigt somit auf, wie disy tributive Überlegungen bei einer Bestimmung der optimalen Preispolitik berücksichtigt werden können. 6.3 Kapazitätsbeschränkungen Viele öffentliche Einrichtungen besitzen nur eine begrenzte Kapazität. So kann ein vVasserkraftwerk nur eine bestimmte Menge an Elektri- ,,;ität er,,;eugen, je nachdem wieviele Turbinen es besibt. \IVie soll sich dieses Kraftwerk bei einer gegebenen Kapa,,;ität verhalten und wieviele Turbinen sollte es besit/len? Derartige Frage wollen wir im folgenden untersuchen. In Kapitel 3.2 haben wir bereits einige Fragen der optimalen Kapazität eines Clubgutes und einer Straße bei Existenz von Kapitel 6.S KapazitätsbeschTänkungen 215 Ballungskosten diskutiert. In diesem Abschnitt werden WIr derartige Überfüllungsext.ernalit.ät.en vernachlä.ssigen. St.at.t.dessen wenden wir uns zwei anderen Phänomenen zu. Zum einen beobacht.en wir in der Realit.ät., daß eine Kapazit.ät. selt.en st.et.ig variiert. werden kann. Bet.racht.en wir wieder ein \;\Tasserkraft.werk, welches an seiner Kapazit.ät.sgrenze arbeit.et.. Will es lediglich ein wenig mehr Elekt.rizit.ät. erzeugen, so muß es eine weit.ere Turbine einbauen. Mit dieser Turbine wird die Kapazit.ät.sgrenze aber nicht nur ein wenig sondern sprunghaft. ausgedehnt, d.h. die Kapzit.ät. ist. nur diskret. variierbar. \;\Telche Probleme sich hierbei hinsicht.lich der Preis- und Kapa Xo ist es für das Unternehmen optimal, den Preis für x soweit zu senken, bis die Nachfragekurve entweder die gegebene Kapa:6itätsgren:6e erreicht oder die SRl\!IC-Kurve schneidet. Nur so kann bei einer gegebenen Kapa:6ität ein wirtschaftlicher Einsatz der knappen Faktoren erreicht werden, da dieser voraussetzt, daß der Preis für ein Gut zumindest die variablen Kosten decken muß. \Väre der Preis unterhalb der SRl\!IC-Kurve, so würde der Marktpreis für den Dienst geringer sein als der Preis der variablen Faktoren. Der Deckungsbeitrag wäre negativ und dies kann sowohl aus betriebs- als auch aus volkswirtschaftlicher Sicht nicht sinnvoll sein. Die langfristigen, fixen Kosten sind irrelevant in der kurzen Frist, d.h. bei einer gegebenen Kapazität. Dies halten wir fest in Ergebnis 6.3.1 Dic kurzfristigc Prcispolitik crfolgt in Abhängigkcit dcr KapazitiitsgTenze 'and der Nachfrage, wobei deT betr"iebsw'lr·tschaftlich wie auch gesellschaftlich optimale Preis nie kleiner als die kurzfristigen Grcnzkostcn gcsctzt wcrdcn solltc. Für unscr Bcispiel gilt: p ~ 1jJ + 1.[1 und p::,o. In unserer Abbildung kann das Unternehmen die Kapazität X2 wähleIl. In diesem Fall schneidet die Nachfrage vor Erreichen der SRMC-Kurve die Kapazitätsgrenze. Der optimale Preis ist daher die Strecke X2 E. Dei gegebener Kapazität X2 werden zwar die kurzfristigen Grenzkosten gedeckt, nicht aber die gesamten langfristigen Grenzkosten. Langfristig entsteht für das Unternehmen ein Verlust. \;\Tie groß ist der Gesamtnettonutzen für die Gesellschaft bei einern Angebot von X2? Der Gesamtnutzen der Konsumenten ist die Fläche OX2EF. Gleich:6eitig entstehen für die Gesellschaft Kosten in Höhe der Fläche OX2G( 1/) + 1.[1). Insgesamt verbleibt ein Ncttonutzen für die Gesellschaft aus dem Angebot von X2 in Höhe der Differem der Dreiecke (1jJ + 1.[1) AF - AG E. Im Vergleich w der optimalen Kapa:6ität Xo entsteht ein Wohlfahrtsverlust AG E. \;\Telche Kapazitätsgrenze sollte der Staat zu erreichen suchen, wenn er die \Vohlfahrt der Gesellschaft maximieren möchte und nur zwischen den Alternativen Xl und X2 wählen kann? Natürlich die Kapazität, die im 218 Kapitel 6 Theorie öffentlicher Unternehmen Vergleich zum Allokationsoptimum den geringeren \Vohlfahrtsverlust aufweist: wenn ABC{:}AGE. 6.3.2 Optimale Kapazität bei temporär schwankender Nachfrage: Peak-Ioad-pricing In diesem Abschnitt nehmen wir wieder an, daß die Kapazitätsgrenze stetig variierbar sei. Dafür wollen wir nun unterstellen, daß die Nachfrage nach den Diensten x lIeitlich schwanke, wie dies typischerweise bei Elektrizitätsunternehmen oder bei Anbietern von Tclephondiensten der Fall ist. \Vährend des Tages herrsche eine hohe Nachfrage, während nachts die Nut 1}! + W. • Bei optünal gewählter- Kapazität entsprechen d'ie Gesamteinnahmen den Gesamtkosten, wobei die Nutzer in der- peak-PeTiode die gesamten Kapazitätskosten tragen. Kapitel 6.S KapazitätsbeschTänkungen 221 Die letzte Eigenschaft können wir nicht aufrechterhalten, wenn die Kapazität nur in Sprüngen variiert werden kann oder wenn die langfristigen Grenzkosten nicht konstant sind. Ist die Kapazität nicht kontinuierlich variierbar, so erhalten wir die gleichen Probleme wie in Abschnitt 6.3.1. Im allgemeinen kann dann die Bedingung NIE = lvI C nicht erfüllt werden. Sind jedoch entweder die Kapa W(X*), für x < X*, reichen die Gesamteinnahmen der peak- Periode, Gl0X* + W X*, nun nicht mehr aus, um die Kapa

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Das dreibändige Werk zur Finanzwirtschaft stellt alle finanzwissenschaftliche Problemstellungen im Zusammenhang von „Rechtfertigung der Staatstätigkeit“, „Theorie der Besteuerung“ und „Staatsverschuldung“ dar. Dabei wird ein normativer Ansatz zugrunde gelegt, der der Einsicht folgt, dass man zunächst die Aktivitäten des Staates als solche in einer marktwirtschaftlichen Ordnung rechtfertigen und somit den Bereich staatlicher Aufgaben festlegen muss, bevor man Fragen der Wirkungsweise öffentlicher Ausgaben und deren Finanzierung erörtern kann.