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III. Wissenschaftstheoretische Beurteilung von Aussagen über Management in:

Wolfgang H. Staehle, Peter Conrad, Jörg Sydow

Management, page 89 - 93

Eine verhaltenswissenschaftliche Perspektive

8. Edition 1999, ISBN print: 978-3-8006-2344-0, ISBN online: 978-3-8006-4874-0, https://doi.org/10.15358/9783800648740_89

Series: Vahlens Handbücher der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

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76 Teil 1: Management als Gegenstand von Forschung und Lehre nungsobjekt der Betriebswirtschaftslehre hinausgreift. Die Betriebswirtschaftslehre ist in dieser Sichtweise dann lediglich eine spezielle Managementlehre für Betriebe und Märkte als wirtschaftliche Phänomene (Bleicher 1985, S. 86). Pack11 (1984) hat diese universalistische Fassung der Managementlehre als Führungslehre im weitesten Sinne bezeichnet, die „jeden Zusammenschluß von zwei oder mehr Personen erfaßt, welche unter Einsatz der für sie verfügbaren personellen sachlichen Ressourcen gemeinsame Ziele erreichen wollen" (Sp. 4079). Die Lehre von der Unternehmungsführung ist dann eine spezielle Führungslehre. Perspektivisch sieht Bleicher, der sich ausführlich mit dem Verhältnis beider Disziplinen zueinander befaßt hat, zwei mögliche Entwicklungslinien (Bleicher 1985, S. 88): „Die Emanzipation einer inter- und multidisziplinären Managementlehre von einer ökonomisch verhaftet bleibenden Betriebswirtschaftslehre und die Bewahrung der Einheit des Faches als eine Managementlehre von wirtschaftlichen Institutionen". Die vorliegende Arbeit liefert einen Beitrag zum Management von wirtschaftlichen Institutionen (primär Unternehmungen) auf der Basis interdisziplinären Managementwissens (primär aus den Verhaltenswissenschaften). III. Wissenschaftstheoretische Beurteilung von Aussagen über Management In den USA12 sind sich die Fachvertreter bis heute nicht einig, ob management eine science darstellt oder nicht, und eng damit verbunden, ob managen ein Beruf ist oder nicht.13 Drucker14 (1956), einer der einflußreichsten Management-Autoren, ist der Meinung, daß Management niemals eine ‚exakte Wissenschaft‘ werden könne, sondern vornehmlich eine Kunst sei und auf Intuition beruhe, der die Manager bei der Erfüllung ihrer Aufgaben folgen. Gulick (1965) bescheinigt dagegen dem bislang kumulierten Managementwissen den Status einer Wissenschaft. Um solche Urteile über den Wissenschaftscharakter von Aussagensystemen richtig würdigen zu können, muß man sich zunächst fragen, was die amerikanischen Fachvertreter unter einer Wissenschaft verstehen. Es mag 11 Pack, Ludwig (geb. 1929) Prof. BWL, Uni Konstanz. 12 Vgl. zu diesem Problem im deutschsprachigen Raum Beyer 1970, 1972 und Thommen 1986. 13 Zur Professionalisierung des Managements vgl. Kast/Rosenzweig 1985, S. 173 f. 14 Drucken Peter F. (geb. 1909 in Wien) studierte Jura und Journalismus in Deutschland, emigrierte 1937 nach New York, 1950-1971 New York Uni, seit 1971 Prof. Social Science, Claremont Grad. School, California; Unternehmensberater. C. Wissenschaftliche Aussagen über Management 77 u. a. auf die pragmatisch-empirische, anwendungsorientierte Grundposition der meisten Management-Autoren zurückzuführen sein, daß sich wissenschaftstheoretische Aussagen so gut wie überhaupt nicht in der Managementliteratur finden. „Über die Frage, wie (diese) technologischen Einsichten gewonnen werden können, ob sie auf explikativen - praktisch schon bewährten oder noch ungeprüften - Einsichten, auf unvollständigen Erklärungen bzw. Erklärungsskizzen oder theoretisch bisher nicht fundiertem, praktisch jedoch schon lange bewährtem Erfahrungswissen beruhen, macht die Managementlehre sich allerdings nicht allzuviele Gedanken" (Beyer 1972, S. 336). Eine der wenigen für das Wissenschaftsverständnis der Managementvertreter aufschlußreichen Arbeiten stellt der Artikel von Wortman (1961) dar. Er zählt Management zu den Realwissenschaften (factual science) mit den Aufgaben der Beschreibung, Erklärung und Prognose. An wissenschaftliche Aussagensysteme müssen bestimmte Anforderungen gestellt werden, von denen er die folgenden fünf für besonders wichtig hält: 1. Intersubjektive Überprüfbarkeit (zur Abgrenzung wissenschaftlicher Aussagen über Management von Trivialaussagen, populärwissenschaftlichen Managementratschlägen und sonstiger Scharlatanerie) 2. Reliabilität (mit dem Grad der Bestätigung können Theorien und Hypothesen von ungeprüften ‚Prinzipien‘ und Vermutungen abgegrenzt werden) 3. Eindeutigkeit und Präzision 4. Strukturiertheit (z.B. Klassifikationen und Modelle zur Beschreibung realer Phänomene) 5. Reichweite. Wissenschaftliche Aussagensysteme genügen diesen Anforderungen in unterschiedlichem Ausmaß. Wortman (1961) unterscheidet in Anlehnung an die Anforderungen der analytischen Philosophie (Szientismus) vier Entwicklungsstufen einer wissenschaftlichen Disziplin: 1. Beschreibung (aufgrund der Beobachtung singulärer Ereignisse) 2. Empirische Gesetze (Formulierung funktionaler Beziehungen zwischen beobachtbaren und meßbaren Größen; Verallgemeinerung von Beobachtungen) 3. Theorien 1. Art (Systematische Sammlung von Hypothesen über einen Teilbereich des Managements, aus denen empirisch überprüfbare Aussagen deduziert werden) 4. Theorien 2. Art (Entwicklung allgemeiner Theorien über den gesamten Managementbereich). Wortman (1961) stellt für die damalige Zeit (1960) fest, daß die allerwenigsten Beiträge zum Erkenntnisbereich ‚Management‘, zu dem er auch angewandte Teile der Soziologie, Psychologie, Anthropologie und Volkswirtschaftslehre zählt, den obigen Anforderungen an wissenschaftliche Aussagen gerecht werden, und siedelt die Managementlehre - ihrem defizitären Entwicklungsstand entsprechend - zwischen den Stufen 1. (Beschreibung) und 2. (empirische Gesetze) an. 78 Teil 1: Management als Gegenstand von Forschung und Lehre Nach Gribbins/Hunt (1978) dient Wissenschaft der Entwicklung von empirisch überprüfbaren Gesetzen und Theorien zur Erklärung und Prognose realer Phänomene. Wenn eine Disziplin (wie die Managementlehre) als Wissenschaft bezeichnet werden soll, muß sie nach deren Auffassung vor allem drei Anforderungen genügen: 1. eindeutig abgrenzbares Erkenntnisobjekt (im Falle der Managementlehre: Koordination in und zwischen Organisationen auf bestimmte Ziele hin) 2. Bemühen um die Entwicklung allgemeiner Gesetze (vielversprechende Ansätze sehen die Autoren hier in den Bereichen: Führung, Motivation, Organisationsstrukturierung) 3. Methodische Erkenntnisgewinnung (vor allem empirische Überprüfung). Die Literatur über Managementwissen deckt heute das gesamte Spektrum denkbarer Aussagensysteme ab, ohne daß eine geschlossene Theorie in Sicht wäre. Einerseits finden wir weitgehend ungeprüfte Managementratschläge, die auf dem Markt der Managementmodelle mit anderen Handlungsempfehlungen konkurrieren, andererseits werden allgemeine Theorien über den gesamten Managementbereich mit universellem Gültigkeitsanspruch angeboten. Zur ersten Gruppe von Aussagen zählen die in der Praxis noch immer populären Management-Techniken (management by. . . ) und Führungsmodelle (z.B. Harzburger Modell). In der deutschsprachigen Literatur wird unter einem Führungsmodell ein normatives Konzept der Führung eines Gesamtsystems, etwa einer Unternehmung, verstanden. Nach Wild15 (1974, S. 164) stellen Führungsmodelle „Soll-Konzepte in Gestalt konditionaler normativer Denkmodelle dar, die etwas darüber aussagen, wie Führung in Unternehmungen vollzogen werden sollte." Dabei unterscheidet er vier Aussagenkategorien von Führungsmodellen (S. 166): (1) Aussagen über Ziele und Prämissen der Modellanwendung, (2) Aussagen, die die Gestaltungs- oder Handlungsempfehlungen des Modells beinhalten, (3) Aussagen über die Anwendungswirkungen des Modells und seine Zweckeignung, (4) wissenschaftliche Begründung für den Zusammenhang von (2) und (3) bei Geltung von (1). Eine Analyse der gängigen, überwiegend von Ausbildungsinstitutionen propagierten Modelle, (vgl. den Überblick bei Scharfenkamp 1983 und Schindel/Wenger 1978) belegt, daß sie sich überwiegend auf Aussagen vom Typ (2) beschränken. Aussagen über Ziele und zugrundeliegende Normen (z.B. Menschenbild) sowie über den Geltungs- und Anwendungsbereich fehlen in der Regel gänzlich, von einer wissenschaftlichen Begründung ganz zu schweigen. Dies ist auch kein Wunder, denn eine situative Relativierung 15 Wild, Jürgen (1938-1976) Prof. BWL, Uni Freiburg. C. Wissenschaftliche Aussagen über Management 79 des Anspruchsniveaus der Modelle würde deren undifferenzierte Vermarktung erheblich beeinträchtigen bzw. aufwendige Situationsanalysen erforderlich machen. Aber auch in den USA beherrschen kurzlebige Managementempfehlungen (sog. business fads) die populärwissenschaftliche Managementliteratur. Die Zeitschrift Business Week hat (Byrne 1986) in einem Leitartikel am amerikanischen Management kritisiert, daß es sich zu sehr von diesen Modeerscheinungen leiten lasse; u.a. werden folgende Modewellen identifiziert: 50er Jahre: 60er Jahre: 70er Jahre: 80er Jahre: • Computerisierung • Theorie Y • Operations Research • Diversifikation • Management by Objectives • T-Gruppen (sensitivity trainings) • Zentralisation/Dezentralisation • Matrixorganisation • Mischkonzerne • Verhaltensgitter (managerial grid) • Zero-Base Budgeting • Erfahrungskurve • Portfolio Management • Theorie Z • Intrapreneurship • Demassing (Abspecken) • Restructuring (Desinvestition) • Organisationskultur • Management by Walking Around • One-Minute Managing Gerade der letzte Ansatz, präsentiert in dem Beststeiler ‚The One-Minute Manager‘ (Blanchard/Johnson 1983)16, ist symptomatisch für die kritisierte Form von Managementliteratur als Rezeptur für erfolgreiches Führen. Für die jüngere Vergangenheit läßt sich diese Liste leicht ergänzen: 90er Jahre: • Lean Production/Lean Management • Total Quality Management • Business Process Reengineering/Prozeßorganisation • Organisationales Lernen/Wissensmanagement • Strategische Allianzen und Netzwerke • Virtualisierung/Virtuelle Unternehmungen • Vertrauensmanagement • Entrepreneurship/Kultur des Unternehmertums. In krassem Gegensatz zu diesen praxisnahen Handlungsempfehlungen steht eine zweite Gruppe von Aussagensystemen, die z.T. den Anspruch 16 Inzwischen ist als Antwort auf den One-Minute Manager aus Mitarbeitersicht ‚The 59-Second Employee‘ geschrieben worden (Andre/Ward 1984), mit dem Untertitel: How to Stay One Second Ahead of Your One-Minute Manager. 80 Teil 1: Management als Gegenstand von Forschung und Lehre raum-zeitlich unbeschränkter Gültigkeit und universeller Anwendbarkeit, was den Objektbereich anbetrifft, erheben. Hier wird behauptet, daß sich Managementinhalte bei jeglichem koordinierten organisatorischen Bemühen feststellen ließen. Als Beispiele für solche Organisationen werden neben privaten und öffentlichen Unternehmungen Kirchen, Schulen, Gefängnisse, Theater, politische Vereinigungen etc. angeführt. Diese weite Begriffsfassung von Management findet sich schon bei Fayol (1916), nach dessen Überzeugung die Probleme der ‚Administration‘ nicht nur in industriellen Organisationen von Bedeutung sind, sondern in allen sozialen Organisationen; dies bringt er schon im Titel seines Buches (Administration industrielle et generale) durch das Wort generale zum Ausdruck. Einen besonderen Aufschwung hat die universalistische Richtung in der Managementlehre durch das Vordringen des systemtheoretischen Denkens erhalten (vgl. Abschnitt B. II. 2.). „Im Unterschied zu den meisten Autoren der Managementlehre, welche ihre Aussagen auf privatwirtschaftliche Unternehmungen beziehen, fassen wir den Objektbereich, der eine Managementlehre interessieren muß, viel weiter auf; er umfaßt alle zweckgerichteten Institutionen der menschlichen Gesellschaft" (Ulrich 1984, S. 1). Malik (1986) sucht das Fundament der Managementlehre in den Systemwissenschaften (speziell in der Kybernetik selbst-organisierender Systeme) und entwickelt auf dieser Grundlage eine Management-Kybernetik evolutionärer Systeme. Hierbei dient ihm das von Beer (1981) konzipierte Modell des lebensfähigen Systems als Vorbild (zur Kritik vgl. Druwe 1988). Zwangsläufig steigt bei diesen Aussagensystemen der Abstraktionsgrad und damit die Schwierigkeit einer Kommunikation mit der Managementpraxis. Dennoch sind Arbeiten auf diesem Abstraktionsniveau unerläßlich, um eine ganzheitliche, dynamische Theorie der Gestaltung, Lenkung und Entwicklung sozialer Systeme zu entwerfen. IV. Ansätze der Managementforschung Bei der Erforschung und Darstellung von Managementwissen lassen sich zwei grundsätzlich verschiedene Vorgehensweisen identifizieren (vgl. z.B. Hellriegel/Slocum 1986, S. 12). Zum einen ein analytisch-funktionsorientierter (managerial functions approach) und zum anderen ein empirischhandlungsorientierter Ansatz (managerial roles approach). Der erste, historisch ältere Ansatz geht auf die funktionale Gliederung der Unternehmung (speziell: Operations administratives) durch Fayol (1916) zurück, während der zweite, handlungsorientierte Ansatz seinen Ursprung in einer empirischen Studie von Carlson (1951) hat.

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Zusammenfassung

Erfolgreiches Management.

„Management bei Staehle“ ist das Motto des in Studium und Beruf gleich nützlichen Managementklassikers. Manager aller Führungsebenen sowie Studenten lernen, wie durch die kompetente Wahrnehmung der Manage-mentfunktionen Strategie, Planung und Kontrolle, Organisation und Personalführung das Mitarbeiterverhalten in Unternehmungen gesteuert werden kann.

Teil 1 beschäftigt sich mit dem „Management als Gegenstand von Forschung und Lehre“,

Teil 2 mit den „Verhaltenswissenschaftlichen Grundlagen des Managements“ und

Teil 3 mit der „Anwendung verhaltenswissenschaftlicher Erkenntnisse im Management“.