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III. Aktuelle Managementforschung zwischen interpretativer Wende und ökonomischer Fundierung in:

Wolfgang H. Staehle, Peter Conrad, Jörg Sydow

Management, page 79 - 82

Eine verhaltenswissenschaftliche Perspektive

8. Edition 1999, ISBN print: 978-3-8006-2344-0, ISBN online: 978-3-8006-4874-0, https://doi.org/10.15358/9783800648740_79

Series: Vahlens Handbücher der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

Bibliographic information
66 Teil 1: Management als Gegenstand von Forschung und Lehre Zusammenfassend ist festzuhalten, daß mit den Konsistenz-Ansätzen und deren Betonung der Synthese und Gestalt gegenüber Analyse und Kontingenz eine Renaissance systemtheoretischen Denkens in der Managementforschung eingeleitet worden ist. Die Bezüge zu den Arbeiten von Kybernetik II und den sozialwissenschaftlichen Ansätzen über organisatorische Geschlossenheit, Selbstreferenz und Identitätsbewahrung sind unverkennbar und scheinen den Beginn einer für die Generierung von Managementwissen fruchtbaren Kooperation zwischen Kontingenz- und Konsistenzansätzen einzuleiten. III. Aktuelle Managementforschung zwischen interpretativer Wende und ökonomischer Fundierung Nicht nur in der Managementpraxis, sondern auch in der Managementforschung, die diese Praxis in vielerlei Hinsicht widerspiegelt, treten bestimmte Problemstellungen bzw. die Forcierung bestimmter Theorieperspektiven als Moden in Erscheinung (vgl. auch Abschnitt D.V. in Teil 1). Obwohl beispielsweise derzeit in der Managementforschung, insbesondere im Zusammenhang mit der Untersuchung der organisatorischen Entgrenzung von Unternehmungen weder formalwissenschaftliche noch situative Ansätze der Organisationstheorie „In" sind, hat keiner der modernen Ansätze der Managementforschung vollständig seine Bedeutung verloren (vgl. zu situativen Ansätzen z.B. Donaldson 1987, Pennings 1992). Vielmehr kann derzeit von einer fast unüberschaubaren Theorievielfalt die Rede sein - und die meisten Ansätze bieten ihre spezifischen Einsichten und Erkenntnisse in bzw. für das Management in und von Organisationen (vgl. auch Morgan 1997). Diese Einschätzung, daß viele verschiedene Theorien oder sogar unterschiedliche Paradigmen (vgl. dazu z.B. Gioia/Pitre 1990, Hassard 1991, Lee 1991, Kirsch 1992), relevantes Managementwissen zu produzieren helfen, wird zum Teil kritisch hinterfragt (vgl. Türk 1989, S. 21 f., Scherer 1995), manchmal gar als post-moderne Beliebigkeit abgetan, zum Teil aber auch - etwa für die Erforschung noch weitgehend unbekannter (Netzwerk-)Strukturen - als methodologischer Fortschritt begrüßt (vgl. etwa Sydow; 1992, S. 6 ff.). Das Spektrum und auch die konzeptionelle Ergiebigkeit der aktuell in der Managementforschung diskutierten Ansätze wird deutlich, wenn man die positivistischen Ansätze der Organisations- und Industrieökonomik (s. auch Kapitel D I im Teil 2) den meist antipositivistischen Ansätzen gegenüberstellt, die sich mittlerweile aus der Kritik an Kybernetik I und Kontingenztheorie entwickelt und auch in der Managementforschung die sog. interpretative Wende vollzogen haben. Diese Gegenüberstellung ist auch deshalb B. Historische Entwicklung der Managementforschung 67 interessant, weil sich gegenwärtig, so scheint es zumindest, die sozial- und verhaltenswissenschaftlichen Ansätze der Managementforschung gegenüber der ökonomischen Theorie in der Defensive befinden (vgl. zur entsprechenden Diskussion im Bereich der Strategielehre z.B. Hirsch/Friedman/Koza 1990). Organisations- und industrieökonomische wie auch spieltheoretische Ansätze durchdringen gegenwärtig auch jene Problemfelder des Managements, die sich, wie zum Beispiel das Personalmanagement (vgl. Wunderer/Mittmann 1983), in der Vergangenheit durch eine zum Teil erhebliche Abstinenz von ökonomischen Konzepten ausgezeichnet haben. Mittlerweile liegen mikroökonomische Analysen der Organisationsstrukturen und -kultur (vgl. z.B. Picot 1984 bzw. Föhr/Lenz 1992) ebenso vor wie der Strategieformation (z.B. Minderlein 1993) und nicht zuletzt eben auch des Personalmanagements (z.B. Sadowski 1990, Backes-Gellner 1993, 1996, Ridder 1996, Schauenberg 1996). Mikroökonomisch fundierte Theorieansätze zeichnen sich in der Regel dadurch aus, daß sie auf der Grundlage einfacher, in der Regel nur wenige Variablen einbeziehender Erklärungen mehr oder weniger konkrete Gestaltungshinweise für ein effizienteres und effektiveres Management geben. Die Leistungsfähigkeit speziell organisationsökonomischer Ansätze liegt vor allem darin, die Handlungsbedingungen des Managements unter Annahmen des eigennützigen und opportunistischen Handels der Akteure zu analysieren (vgl. auch Milgrom/Roberts 1992). Dabei wird allerdings übersehen, daß diese Annahmen nicht immer und überall zutreffen und die abgeleiteten Gestaltungsempfehlungen deshalb in der Praxis nicht selten unnötige Koordinations- und Kontrollkosten verursachen werden, die durch eine intelligentere (weil auf realistischeren Verhaltensmaßnahmen und Situationsdiagnosen basierende) Organisation und Führung, Planung und Kontrolle usw. zu vermeiden gewesen wären. Auch für das Management interessante Problembereiche wie die organisationale Sozialisation, die Mikropolitik und Macht in Organisationen oder die Strategieimplementation bleiben in ökonomischen Analysen dieser Art weitgehend ausgespart. Während organisations- und industrieökonomische Ansätze modelltheoretisch inspiriert sind und nach wie vor von einem ‚objektiven‘ Wissenschaftsverständnis ausgehen, die soziale Wirklichkeit dabei in aller Regel als Variablenzusammenhänge rekonstruieren und diese mit Hilfe zumeist quantitativer Verfahren gleichsam aus einer Außenperspektive erheben und auswerten und letztlich dem funktionalistischen Paradigma verhaftet bleiben, betrachten interpretative Ansätze die Organisation und ihre Umwelt als Ergebnis einer Konstruktion durch die in ihr handelnden Menschen (vgl. zur Unterscheidung verschiedener Paradigmata insbes. Burrel/Morgan 1979). Interpretativen Ansätzen liegt die Annahme zugrunde, daß soziale Phänomene - und damit auch Organisationen und ihre Umwelten - nicht unabhängig von den sie konstruierenden Menschen existieren, sie im Ge- 68 Teil 1: Management als Gegenstand von Forschung und Lehre genteil soziale Konstruktionen der Wirklichkeit sind und deshalb nur aus einer Binnenperspektive adäquat erfaßt werden können. Beispielsweise ermöglicht oft erst die - von Menschen geschaffene - analytische Unterscheidung bestimmter Organisationstypen das Erkennen dieser Organisationen als Organisationen. Aus der Sicht interpretativer Ansätze erscheint Management als durch soziales Handeln (Interaktionen) produziert und reproduziert. Entscheidend für die Strukturierung von Organisationen und den Aufbau bzw. die Nutzung von Managementsystemen sind dann auch weniger ökonomische Zwänge, sondern Regelmäßigkeiten in den kognitiven und normativen Orientierungen ihrer Mitglieder. Soziale Wirklichkeit ist aus interpretativer Perspektive immer kontingent, d. h. auch anders möglich. Die kognitiven und normativen Orientierungen, die die Regelmäßigkeiten bewirken und auch unter dem Begriff der Organisationskultur thematisiert werden (s. Kapitel D I 7 im Teil 2), können, müssen aber nicht unter Bezugnahme auf Ökonomie begründet sein. Zu ihrer methodischen Erfassung werden in der Regel qualitative, ideographische Verfahren verwendet. Kasper (1990, S. 73) unterscheidet insgesamt vier Spielarten des Konstruktivismus: (1) den Sozialkonstruktivismus, der insbesondere mit den Arbeiten von Berger und Luckman (1967) verbunden ist und die Idee einer objektiv erfahrenen Wirklichkeit nicht aufgibt, (2) den diesbezüglich radikalen Konstruktivismus, der - auch begrifflich - auf von Glasersfeld (1981) zurückgeht, auf Erkenntnisse der kognitiven Psychologie (Piaget) ebenso aufsetzt wie auf die Autopoiesistheorie, und die moderne Systemtheorie entscheidend beeinflußt hat (z.B. Heijl 1982, Luhmann 1984), (3) das empirische Programm des Konstruktivismus, das sich auf die empirische Erschließung der unterstellten Konstruktionsprozesse konzentriert und (4) den kommunikationstheoretischen Konstruktivismus (Watzlawick). Für die Managementlehre ist bislang vor allem der radikale Konstruktivismus von Mitgliedern der St. Gallener Forschungsgruppe (siehe S. 43 f. und 65 f. dieser Arbeit) fruchtbar gemacht worden (vgl. aber auch Müller 1980, Kasper 1990, 1991, Kasper et al. 1998, Osterloh 1993). Die Organisationslehre ist bislang, sieht man von der Diskussion um die Organisationskultur ab, insbesondere von Weick (1977, 1995) und neoinstitutionalistischen Ansätzen (vgl. Powell/DiMaggio 1991 und für aktuelle Überblicke z.B. Walgenbach 1995 a, Türk 1999) in Richtung auf eine interpretative Wende beeinflußt worden. In einer Replik auf eine im Lichte des interpretativen Paradigmas entworfene Neubestimmung des Verhältnis von Organisationstheorie und Organisationspraxis polemisiert denn auch Donaldson (1992) gegen den „Weick stuff" als „wrong stuff". Einen umfassenden Überblick über die - bislang allerdings begrenzte - Umsetzung konstruktivistischer Ideen und Konzepte speziell in der Organisationstheorie gibt Wollnik (1993), der auch darauf hinweist, daß sich der für interpretative Ansätze charakteristische radikale Situations- und Kontextbezug des Handelns grundlegend von jenem unterscheidet, der situative An- B. Historische Entwicklung der Managementforschung 69 sätze der Management- und Organisationsforschung auszeichnet: die von interpretativen Ansätzen in den Vordergrund geschobenen handlungsrelevanten Bedeutungszusammenhänge basieren „auf selektiver Perzeption der Handlungsumgebung, kognitiver Zurechtlegung (Interpretation, Definition) und interpersoneller Verständigung (Aushandlung)" (Wollnik 1993, S. 285 f.). In jüngster Zeit hat vor allem Kieser (1998) auf die „allmähliche Verfertigung der Organisation beim Reden" hingewiesen. Diese konstruktivistische Sichtweise kontrastiert er mit der in Deutschland noch immer vorherrschenden instrumenteilen Perspektive auf Organisation und das Organisieren. Kieser geht davon aus, daß der Kommunikation von Leitbildern, Metaphern, Visionen und Geschichten vor allem in der Phase der Initiierung organisationalem Wandels eine besondere Bedeutung zukommt (vgl. auch Boden 1994). Die Leistungsfähigkeit dieser interpretativen Ansätze liegt vor allem auf drei Gebieten: Erstens bieten sie eine bessere Chance auf eine Annäherung an die Wirklichkeit des Managements. Zweitens verweisen sie explizit auf die Bedeutung von Kommunikation und Interaktion für die Konstitution der Managementpraxis. Probst (1987) und Neuberger (1990), wie auch schon Pfeffer (1981 b), schreiben vor diesem Hintergrund dem symbolischen Management eine besondere Wirksamkeit zu. Drittens öffnet eine konstruktivistische Sicht den Blick für Managementphänomene, die bislang kaum thematisiert werden. Beispiele hierfür sind die Rechtfertigung interorganisationaler Zusammenarbeit in Geschäftsberichten (Fiol 1989), der analytische Zugriff auf die Ästhetisierung von Organisation und Management (Strati 1992, Neuberger 1994) oder die Analyse von Praxis und Praxistheorien von Managern auf der Grundlage von Autobiographien (Hansen 1994). Grenzen findet der Erkenntnisbeitrag interpretativer Ansätze dort, wo die ‚Härte‘ struktureller - insbesondere auch ökonomischer - Handlungsbedingungen des Managements nicht angemessen konzeptualisiert wird. Von dieser Kritik scheinen jedoch jene Ansätze ausgenommen, die nicht nur um eine intensivere Vermittlung von Struktur und Handlung bemüht sind, als dies für die meisten interpretativen Ansätze kennzeichnend ist, sondern die neben interpretativen und normativen Dimensionen auch Ressourcenstrukturen im Blick haben (vgl. etwa Giddens 1984). IV. Eine integrative Perspektive für die Managementforschung Sowohl die interpretative Wende als auch die ökonomische Fundierung der Managementforschung liefern einen wichtigen Beitrag zur Verbreiterung und Vertiefung des Managementwissens, wenn ihre spezifischen Annahmen und damit die Schranken ihrer Generalisierbarkeit explizit gemacht

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Zusammenfassung

Erfolgreiches Management.

„Management bei Staehle“ ist das Motto des in Studium und Beruf gleich nützlichen Managementklassikers. Manager aller Führungsebenen sowie Studenten lernen, wie durch die kompetente Wahrnehmung der Manage-mentfunktionen Strategie, Planung und Kontrolle, Organisation und Personalführung das Mitarbeiterverhalten in Unternehmungen gesteuert werden kann.

Teil 1 beschäftigt sich mit dem „Management als Gegenstand von Forschung und Lehre“,

Teil 2 mit den „Verhaltenswissenschaftlichen Grundlagen des Managements“ und

Teil 3 mit der „Anwendung verhaltenswissenschaftlicher Erkenntnisse im Management“.